Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück: Eine Erzählung

Chapter 4

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Vorsichtig, die Augen auf den Fluß gerichtet, ging er rückwärts, dann, als er sicher war, daß er von dort aus nicht mehr gehört oder wahrgenommen werden konnte, fing er an zu laufen und hielt erst ein, als er bei einer breitköpfigen Ulme angekommen war, die eine leichte Bodenerhebung krönte und unter der er sich niederlegte. Tränen liefen ihm über die Wangen, ohne daß er es bemerkte, so erschüttert war seine Brust von Rührung und inniger Liebe; noch schwankte der nackte Leib vor seinen Augen, und zugleich war es ihm, als müsse er, vor ihre Füße geworfen, sie um Vergebung anflehen, daß er, wenn auch ohne seine Schuld, ihre Verborgenheit belauscht hatte. Obgleich er kein Neuling in Liebesangelegenheiten war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und fühlte sich beglückt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darüber hinaus dieser einzigen Frau anzugehören. Der Mond stieg allgemach, überfließend von gelbem Lichte, hinter dem Gehölz empor, und Lando lag noch immer in das schaudernde Gras gedrückt, sah den stillen Flug des vollen Gestirnes und fühlte sich eins mit der Erde, die rein entzückt die Beseligung der Nacht empfing. Gegen Mitternacht ging er nach Hause, schlief fest bis in den hohen Tag und kleidete sich langsam an, im schwelgerischen Vorgenuß der ersehnten Begegnung ebenso bestrebt, sie hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizuführen.

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Der Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den Unfall, der dem Alräunchen zugestoßen war, erzählt, worauf sie, zufrieden, daß der Spaß so weit geglückt war, es für unmöglich erklärte, unter den Augen eines Spähers und vielleicht Mitwissers zum zweitenmal eine solche Zauberei anzuzetteln. Wonnebald, dem nichts erwünschter war, als von einer unscheinbaren Wurzel, deren Eingeweide die nutzbringende Natur so artig eingerichtet hatte, allnächtlich ein Häufchen Gold auf das Kopfkissen gespuckt zu bekommen, neigte zu dem Wunsche, Lando, den er für das einzige Hindernis der Goldabsonderung ansah, auf die eine oder andre Weise zu entfernen, und sagte zu Lux, wenn sie aus ihren Büchern eines Mittels kundig wäre, um unliebsame Störenfriede, sei es mit Beeinträchtigung von Gesundheit oder Leben, sei es ohne Schädigung derselben, aus dem Wege zu räumen, so wolle er die Folgen auf sich nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit nicht zurückhalten. Sie erschrak im Herzen über diese Zumutung, ließ aber nichts davon merken, sondern antwortete, indem sie nachdenklich den Kopf wiegte, eine solche Sache müsse langsam reif werden, sie wolle alles wohl bedenken, er möge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat einzuholen. Nachdem er sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz am Fenster ein; ihr Blick schwebte zwischen dem weißen Wasser, das nicht müde wurde sich selber zu verschlingen und in furchtbaren Todesstürzen sich von sich selber befreien zu wollen schien, und dem bleichen Himmel, der heute matt herabhing und die Luft zusammenzudrücken schien. An dem gegenüberliegenden breiten Berge zog sich deutlich erkennbar ein schmaler, blasser Pfad hinauf, über dem das farblose Gewölk so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschüttet wäre, und ein beklemmendes Gefühl, eingeengt und gefangen zu sein, bemächtigte sich ihres Herzens. Wie sie so dasaß, kam Lando unter ihrem Fenster vorbei, blieb stehen, als er ihrer ansichtig wurde, grüßte und suchte errötend nach einer Anrede, ohne ein Wort finden zu können, das ihm passend schien. Sie wartete ein wenig und erzählte ihm dann flüsternd, halb scherzhaft, halb ängstlich, daß der Bischof ihm nach dem Leben trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. »Das könntest du doch nicht,« sagte er leise und sah sie ernsthaft und zärtlich an, indem er dicht an die Mauer herantrat, die Arme in die Fensterbank und den Kopf auf die gefalteten Hände legte. Sie antwortete treuherzig: »Nein, das könnte ich nicht,« und beugte sich, von seinem flehenden Blick angezogen, zu ihm nieder, worauf er sie mit beiden Armen umschlang und ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, küßte. Sie blieben eine Weile so, ließen sich los, lachten und umarmten sich von neuem; daß er ihr Geschlecht erraten hatte, erschien ihr selbstverständlich und keiner Frage wert. Erst als Lando, durch Schritte, die näher kamen, erschreckt, sich mit kurzem Gruß entfernte, besann sie sich, seufzte mehrmals und brach endlich in Tränen aus, die lange nicht trocknen wollten, dann aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung wichen.

An den nächstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder mehrmals, und es schien ihnen bald so, als wären sie seit Wochen, ja seit Monaten und Jahren durch gegenseitige Liebe verbunden, nur daß Lando nicht verriet, daß er sie an jenem Abend im Fluß hatte baden sehen und es als Geheimnis bewahrte, mit dessen Offenbarung ihr Glück die letzte, überschwengliche Weihe erhalten würde. Oft, wenn er bei ihr war, vergaß er es, oder es kam ihm plötzlich unwichtig vor, oder, wenn er in ihre unschuldig wissenden Augen blickte, schien es ihm töricht oder anmaßend oder zwecklos, davon zu sprechen; endlich, an einem heißen, wolkenlosen Sommertage, entfuhr ihm zufällig ein andeutendes Wort, das er gleich darauf zurücknahm, und da sie arglos in ihn drang, das Rätsel zu lösen, beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes an den Fluß zu kommen, wo er ihr einzig gestehen könne, was er nicht laut unter der Sonne zu sagen wage. Lux errötete und stutzte, aber nein hätte sie nicht sagen können.

Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, setzte sie sich ins Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen wären; aber Brun, der eine außergewöhnliche Erregung an seiner Mutter bemerkt hatte, kämpfte mit Anstrengung gegen die Müdigkeit, und erst als es eine Stunde vor Mitternacht war, überwältigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hörte es an seinen ruhigeren Atemzügen und schwang sich mit ganzem Leibe in die Fensterbank, um ins Freie zu springen, zögerte aber wieder und kehrte noch einmal ins Zimmer zurück, um sich zu vergewissern, daß die Kinder fest und ruhig schliefen. Sie war so erregt und aufgewühlt, daß das unzählige Male gesehene Bild der schlafenden Kinder sie wie etwas Fremdes rührte; Brun sah traurig aus, Lisutt hingegen lag da, als wären scharenweise Engel um sie versammelt und hielten einen himmlischen Baldachin über ihr, dessen Licht von ihren Wangen widerschiene. Ihre Lippen waren so weit geöffnet wie eine wilde Rose vor Tag, ein winziger Blutring in einfachster und süßester Linie um das überirdische Geheimnis gebogen, das in kaum hörbar aus- und einwehendem Atem sein Dasein verriet. Lux stand mit überfließenden Augen an dem Bett und konnte nicht gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches Schicksal, das sich mit ihrem Herzen verkettet hatte, schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte sie erwartete, und sie schwang sich noch einmal in das Fenster und ließ sich sacht an der niedrigen, leise bröckelnden Mauer herab.

Draußen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthüllte ruhevoll ihren Leib in der einsamen Dämmerung. Lux atmete tief auf und reckte die Arme in die Luft; ihre Brust weitete sich, und sie mußte gewaltsam den Schrei des Entzückens auf den Lippen festhalten, während sie mit fliegenden Füßen die weichen Pfade zu den Gebüschen am Fluß hinuntereilte.

Sie trafen sich nun mehrere Nächte so, wohingegen sie sich am Tage nicht zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anlaß zu Verdacht und Geschwätz zu geben; denn Lando war zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzuführen, wollte aber mit der Veröffentlichung des Verhältnisses warten, bis seine Mutter, die krank und nach Aussage der Ärzte in Lebensgefahr war, entweder genesen oder dann durch den Tod aller Kränkung entrückt wäre. Trotz der beabsichtigten Vorsicht indessen begegneten sich die Liebenden auch nicht selten bei Tage, so daß es dem Bischof nicht entgehen konnte, der nicht aufhörte, Lux zu beobachten und nachzustellen. Sie gab unverlegen die Erklärung, daß sie vertraut mit Lando werden müsse, um ihm etwas Zweckmäßiges beibringen zu können, womit Wonnebald sich zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der allerärgsten Sorgen voll hatte.

Nachdem nämlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge des Gegenzaubers von Landos Neugierde abgestorben war, nahm der Bischof seine früheren Lebensgewohnheiten wieder auf, insbesondere die Zusammenkünfte mit Hermenegilde, die bereits ein eifersüchtiges Mißtrauen wegen seiner Zurückgezogenheit und Geheimtuerei gefaßt hatte. Das lenzliche Prangen der Natur schien auch die Liebe saftiger und würziger zu machen, so daß Wonnebald sich schon über die unterbrochene Goldmacherei getröstet fühlte; aber der widerliche Nachgeschmack, der sich sooft aus den Wollüsten des Lebens entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde plötzlich Muttergefühle an sich wahrnahm und das Paar sich mit dem Gedanken an Kindersegen vertraut machen mußte. Nach Überwindung des ersten Schreckens empfand Hermenegilde hierüber mehr Freude als Kummer, die täglich zunahm, Wonnebald hingegen schlug das Glück, Vater zu werden, gering an und hätte den unwillkommenen Sprößling gern schon im Mutterleibe umgebracht, in der Meinung, daß es je später desto schwieriger und gefährlicher sein würde. Anfänglich trug er sich mit dem Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen wirksamen Zauber anzugehen, mußte aber bald bemerken, daß Hermenegilde über seine lieblose Gesinnung in große Erbitterung und Aufregung geriet, die er nur durch völlige Unterwürfigkeit und heuchlerische Zärtlichkeitsvorspiegelungen beschwichtigen konnte. Hermenegilde zweifelte nicht, daß die unterjochten Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten, sich ducken und schweigen würden, ja im Grunde konnte sie sich nichts andres vorstellen, als daß das Hervorbrechen ihrer Nachkommenschaft von der erstaunten Welt mit Pauken und Posaunen werde gefeiert werden, und sie ließ es nicht an beißenden Bemerkungen über die Menschenfurcht des Bischofs fehlen.

Vorzüglich verließ sie sich in dieser Angelegenheit auf eine alte Magd, die ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten und von Anfang an Mitwisserin des hochwürdigen Liebesverhältnisses gewesen war, das sie freilich mißbilligte. Die Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose Stiftsfräulein ins Wesenlose befördert hätte, das ihrer Herrin unbequem gewesen wäre, betrübte und entrüstete sich darüber, daß die gewaltige Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem Manne aufopferte, und erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwäche vorzurücken. Vor allen Dingen grollte sie dem Bischof, der durch sein Dasein alles verschuldet hatte, und ließ sich auch durch die reichen Geschenke, die er ihr zusteckte, damit sie ihm ein weniger grämliches Gesicht mache, keineswegs besänftigen, vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser furchtsamen Bestechungen um so gründlicher.

Dem Bischofe brach kalter Schweiß aus, wenn er daran dachte, was für ein Ende das nehmen sollte, und in einem solchen Zustande von Beängstigung kam ihm eines Tages der Einfall, es mit Gebet und Gelübde zu versuchen, da doch möglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer wunderbaren Hilfeleistung imstande und geneigt wären. Von der Aussicht schon ein wenig erheitert, kleidete er sich veilchenblau an und begab sich geradeswegs in die Burgkirche hinein, wo im Gegensatze zu der Mittagshitze, die draußen siedete, liebliche Kühle und Dunkel herrschten. Ein kitzelndes Wallen und Knistern um sich verbreitend, schritt er durch die Säulen und verschwand in der letzten Seitenkapelle, die der sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria gewidmet war. Es befand sich dort nämlich in einem verschlossenen Glasschreine eine schön geputzte Puppe, die die Gottesmutter ohne Kind darstellte und vorzüglich als Krankenheilerin verehrt wurde, da sie vor Jahrhunderten einmal der Pest, die Klus fast sämtlicher Einwohner beraubt hatte, endlich von den übriggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen, Einhalt geboten haben sollte. Diese Figur trug eine Krone, deren Gestell aus Messing war, die aber mit verschiedenen Edelsteinen von außerordentlicher Größe und Kostbarkeit besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den erwähnten Namen angehängt hatte, und welcher Reichtum die Ursache sein mochte, daß sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen Gläubigen an sie wandten. Als der Blick des knienden Bischofs auf die milde funkelnden Steine fiel, kam ihm der Gedanke, daß dieser brachliegende Schatz ihn für alle Zeit aus seinen Verlegenheiten retten könnte, und wuchs mit solcher Schnelligkeit und Gewalt zum unwiderstehlichen Wunsche, daß er ihm einer Eingebung gleichzukommen schien. Tief in Gebetsstellung zusammengekrümmt, überlegte er sich, daß außer ein paar alten blöden Leuten zu dieser Zeit niemand in der Kirche wäre, daß, abgesehen davon, niemand sehen könne, was abseits in der düsteren Kapelle vorginge, und also, da er auch die Schlüssel bei sich hatte, nichts ihm im Wege stände, um sich augenblicklich des Kleinodes zu bemächtigen. Nachdem er vorsichtig in die Kirche hineingelauscht und sich überzeugt hatte, daß sie leer und totenstill war, öffnete er leise die gläserne Tür und löste der Puppe die Krone vom Kopfe, was freilich nicht ohne heftiges Rütteln und Zerren vonstatten ging. Auch war das Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos war, einigermaßen nackt und kümmerlich; aber da das der Heiligkeit und Wunderkraft kaum Abbruch tun würde, hielt es der Bischof für unnütz, sich das Gewissen darüber zu beschweren. Er schob die Krone in den Busen, rauschte stramm durch die Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in Ruhe an der Erwerbung zu ergötzen.

Es waren zwölf Edelsteine in die Krone gefaßt, hauptsächlich Smaragde und Rubine, von denen er die größten zu verkaufen oder zu versetzen, die kleineren der Hermenegilde zu schenken beschloß. Selbst das Geschäft auszuführen, schien ihm bedenklich, doch zweifelte er nicht, daß Lux sich würde bereitfinden lassen, in die nächste Stadt zu reisen und die ausgewählten Steine einem Juwelenhändler zum Kaufe anzubieten; sie stammten, gab er ihr an, von einer Urahne, die sie in einem Ringe getragen habe, und die Sache müsse geheim bleiben, weil es dem Rufe eines Kirchenhauptes schaden könne, wenn man erführe, daß er sich eines so heiligen Erbstücks habe entäußern wollen oder müssen. Lux war zu sehr in den Traum ihrer Liebe eingeschlossen, um darüber nachzudenken, ob es sich so oder anders verhielte, führte den Auftrag aus und händigte dem freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus erlöst hatte.

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Der alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit abgenommen und ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken und fing behaglich an zu sterben; in den letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen großen Streich vollführt hatte, befand er sich so wohl und kräftig, daß er mit Lux und den Kindern einen großen Spaziergang unternahm, der sie weiter als sonst in die umliegenden Täler hineinführte. Auf einer Anhöhe machten sie halt, und nachdem sie einen Imbiß zu sich genommen hatten, erklärte der Alte die Namen der Gipfel, die man sehen konnte und die er in früheren Jahren manches Mal bestiegen hatte. Gerade ihnen gegenüber befanden sich auf einem verödeten Hügel die Ruinen einer Burg, an einigen Stellen so niedrig und verbröckelt, daß das Gras darüber hinauswuchs, während an andern das Gemäuer noch die einstigen Formen erkennen ließ. Christoph Bernkule erzählte alte Überlieferungen, die sich daran knüpften, und fügte hinzu, daß er als Kind hätte sagen hören, es töne zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine süße Musik aus den verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet werden können; denn sooft einer sie gehört und neugierig zwischen den Trümmern nachgespürt habe, sei sie verstummt und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa eine zirpende Grille oder ein weinendes Käuzchen.

Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so daß nicht zu erkennen war, ob sie die Erzählung des Großvaters verstanden hatte, plötzlich aber richtete sie die Augen groß und heiter auf ihn, sagte: »Ich höre die Musik!« und blickte dann wieder fest auf das Gemäuer, hinter dem, durch unregelmäßige Lücken sichtbar, das Feuer der untergehenden Sonne brannte. Während der alte Bernkule lächelte, sah Brun ernst und fast traurig auf die Kleine, der das wunderbare Tönen aufgegangen war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit einer kleinen, unbewußten Bewegung hin und her zu wiegen begann, gerade als ob sie zu einer die Seele durchdringenden Musik den Takt angeben wollte. Lux lag ein wenig abseits im Moose und horchte halb auf das Gespräch der andern, halb in sich hinein, wo der Nachhall der Schwüre ihres Geliebten weiterlebte, die er, sowie sie einen Zweifel an seiner Beständigkeit oder an ihrer gemeinsamen Zukunft merken ließ, nicht müde wurde zu wiederholen: daß die Kraft der Liebe sein Herz und seinen Willen gehärtet habe, so daß weder Zwang noch Bitten ihn würden biegen können, daß ihre Armut ihn beglücke, weil er, ein Bettler vor der Fülle ihres Wesens, dadurch doch auch einmal, wenn auch nur in vergänglichen und nebensächlichen Dingen, reich sein und ihr schenken könne, daß er lieber Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hölle mit ihr teilen wolle, als entblößt von ihrer Nähe und Liebe die schauerliche Langeweile des Lebens ertragen. Auf einer unfaßbaren Melodie durchfluteten sie solche Worte, Minuten wie Stunden erfüllend und verzehrend, so daß sie die Flucht der Zeit nicht bemerkte. Auch der Alte saß selbstvergessen da, aus den verglimmenden Äuglein auf das Kind blinzelnd und zuweilen bewußtlos in sich hineinlachend. Das kantige Trümmerwerk starrte schwärzer aus dem weißleuchtenden, grünlich überhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich kühle Feuchtigkeit über dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte. Sie und Brun mußten wechselweise Lisutt auf den Armen tragen, die unvermerkt eingeschlafen war, der alte Bernkule hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt nach Hause und murmelte zuweilen für sich unverständliche Dinge, wobei er ein wenig die unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen fieberte er, schien aber mehr schwach als krank zu sein, doch starb er, ohne noch einmal volles Bewußtsein wiedererlangt zu haben, zwei Tage darauf; die Anstrengung des Spaziergangs und die Feuchtigkeit des Abends mochten die Auflösung des Greises beschleunigt haben.

Der Tod des alten, mehr als neunzigjährigen Mannes, den jedermann in Klus, groß und klein, reich und arm, kannte, erregte allgemeine Teilnahme, und viele kamen, ihn zu sehen, der mit dem langen weißen Haar und dem wallenden Bart, in dem sich noch schwarze Haare kräuselten, erbaulich wie ein Patriarch dalag und die Umstehenden zu schönen Betrachtungen über Leben und Sterben veranlaßte. Die Kinder, die sich bei seinen Lebzeiten vor ihm gefürchtet hatten, liefen neugierig herbei und brachten Blumen ohne Zahl, so daß beim Begräbnis der kleine schwarze Sarg unter Kränzen fast verschwand. Himmel und Erde lachten in sommerlicher Wonne, als das Trauergeleit den eingesegneten Leichnam auf den Gottesacker führte, der, zwischen zwei Hügel eingebettet, ein halbes Stündchen außerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen ging mit flinken, fröhlichen Schritten Lisutt, weiß angetan und weiß bekränzt, strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie überzeugt war, den Großvater in das Paradies zu führen, wo Engel und Heilige auf den Wiesen tanzten und hurtige Affen auf immergrünen Bäumen kletterten.

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Es war eine selbstverständliche Sache, daß Lux, als vermeintlicher Enkel des alten Bernkule, sein Geschäft fortführen werde; aber bevor sie noch förmlich in das Amt war eingesetzt worden, ging auf allen Seiten ein Murren los, die Stelle würde liederlich verwaltet und keine Maulwürfe mehr abgefangen, sie gebärdeten sich wie die Herren im Lande, unterwühlten nicht nur die Gemüsepflanzungen, sondern stießen sogar in den Ställen auf, zu großem Schaden und übler Vorbedeutung. Nun war freilich die Jagd von jeher und besonders während der letzten Lebensjahre des alten Bernkule überaus nachlässig betrieben worden, allein weil die Leute mit ihm nicht anbinden wollten und mochten, hatten sie geschwiegen und insgeheim selber weggefangen, was ihnen in die Quere kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein Geschrei, daß sie zusehen müßten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und Melonen zerstörte, da ja zugunsten des verschworenen Schermäusers eigenmächtiges Ergreifen und Töten der Maulwürfe verboten wäre.

Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes besser anzunehmen, wußte sich die unberatene Lux nichts Besseres, als mehr und mehr selbstverfertigte Schwänzchen vorzuweisen, wovon sie noch einen ziemlichen Vorrat hatte, wodurch aber, wie sich von selbst versteht, der Maulwurfplage keineswegs gesteuert wurde. Bald begann die Maulwurfbehörde sich über die gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu wundern und zu beunruhigen, die, so mußte es ihnen scheinen, bei Dutzenden weggefangen, sogleich bei Hunderten wieder da waren, als ob sie sich aus dem Blute der Hingewürgten phönixartig und vervielfacht neu erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit vorherrschte, suchte man nach vernünftigen Erklärungen für die Erscheinung und besann sich auf verschiedene Fälle, wo Heuschrecken, Frösche, Mäuse und ähnliche Tiere durch unerhörte Vermehrung zu einer Landplage geworden waren, und auf das Betragen und die Mittel, die die Weisheit der Regierenden jeweilig solchen Heimsuchungen entgegengesetzt hatte.

So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze Tobias in selbstsüchtiger Absicht allerlei verdächtige Nachrede umgehen ließ; man wurde sich einig, daß die Sache mit rechten Dingen nicht zugehen könne, und flüsterte sich zu, daß Lux durch zauberhafte Mittel die Vermehrung oder den Zufluß von Maulwürfen herbeigeführt habe, teils aus allgemeiner Bosheit, damit Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe, teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu füllen. Anfänglich blieb das ein unterdrücktes Grollen und Drohen, wovon eben der, die es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es geschah, daß in der Burgkirche das Fehlen der Marienkrone bemerkt wurde, die Kunde davon zu jenem Goldschmied drang, dem Lux die beiden größten Edelsteine verkauft hatte, in diesem der Argwohn aufstieg, dieselben könnten mit dem großen Kirchenraube in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine Anzeige erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen wurde, daß sie in das vermißte Heiligtum gehörten. Augenblicklich fiel der Verdacht der Leute auf Lux, deren Abreise und zweitägiges Fernbleiben von Klus gerade während der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgeführt worden war, sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in übelster Weise ausgedeutet wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun einmal ein Dorn im Auge und Zielscheibe aller bösen Gedanken geworden war.

Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so geringe Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb zur Nachsicht geneigt, weil Lux sich der Gunst des Bischofs erfreute, und so wurde ihr nur mitgeteilt, daß sie bis auf weiteres ihre Wohnung nicht verlassen und einer Vorladung vor Gericht sich gewärtig halten solle. Da ihr nicht gesagt worden war, um was es sich handle, dachte sie, es müsse die Maulwurffängerei angehen, und nahm die Sache nicht schwer.