Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück: Eine Erzählung

Chapter 3

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Inzwischen hatte der Bischof erfahren, daß es in der neuen Residenz zwar einen Überfluß an herrschaftlichen Genüssen für ihn gab, daß ihn dieselben aber ein teures Geld kosteten, so daß sich die alten Verlegenheiten in Bälde erneuern mußten.

Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem Bischof der Justizrat Dr. Gregorius Schimmelmann und der Medizinalrat und Vorsteher des allgemeinen Krankenhauses Dr. Joseph Maria von Boll ein, die beide auch, das Alter betreffend, ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht wenig voneinander ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend und leichtblütig, Boll dagegen einseitig, beschränkt und schwerfällig war, doch hatten sie sich aneinander gewöhnt und hielten zusammen, ohne sich sonderlich zu achten. Dr. Gregorius war ein gewiegter Jurist, wußte die verwickeltsten Fragen zu klären und irrte sowohl in menschlicher wie in rechtlicher Hinsicht selten; aber da sein Ruf in diesen Dingen längst feststand und sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn befriedigt war, nahm er sich seines Berufes kaum noch an und ließ die Sachen gehen, wie sie wollten. Überhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht nach gleich viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen, hielt er es für belanglos, ob ihr Los sich so oder so fügte. Weit wichtiger als die menschlichen Schicksale erschienen ihm gewisse Fragen der Altertumskunde, Münzwissenschaft und die würdige Ausstattung der Wohnräume, wie denn sein Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes war und von den Reisenden staunend besichtigt wurde. Wonnebald wußte von der Kunst nichts, da er aber sah, wie ernst es Schimmelmann damit nahm und wie sehr er von den Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm darin nicht nachstehen zu dürfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte Gemälde, Schnitzereien und Altertümer, und da er weder einen guten noch einen schlechten Geschmack und noch viel weniger ein sicheres Urteil hatte, wählte er von den Gegenständen, die ihm vorlagen, was am meisten kostete, wodurch sich diese Liebhaberei über alle Maßen kostspielig gestaltete.

Boll stand dem Bischof insofern näher, als ihn Verstand oder Kunstsinn oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten, vielmehr war er, wenn auch nicht so einfältig und ungebildet wie jener, ungewöhnlich beschränkt; allein er wußte in allen kirchlichen Dingen gut Bescheid, so daß Wonnebald in seiner Gegenwart stets Erörterungen fürchtete, die ihn bloßstellen und entwurzeln könnten. Boll stammte von einer Familie ab, die von alters der Kirche angehangen hatte, und Joseph Maria hatte es nie anders gewußt, als daß er seine Laufbahn im Schatten und zum Schutze der Kirche zu nehmen habe. Seine medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten waren mittelmäßig, aber desto wackerer stand er seinen Mann, wenn es das Wohl der kirchlichen Partei galt, zu deren tätigsten und angesehensten Führern er gehörte. In dem Krankenhause, das er leitete, wurden zwar neben den Katholiken auch Heiden aller Art aufgenommen, damit die Partei sich religiöser Duldsamkeit rühmen könnte, aber dafür wurde die Heilkunde an den Ketzern mit solcher Erbitterung ausgeübt, daß sie einem höllischen Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder als Abgeschiedene hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die große Sterblichkeit der Protestanten, Juden und Heiden in seinem Krankenhause vorgehalten, so leugnete er dieselbe nicht, sondern rühmte sich, wie Gott dem Rechtgläubigen die Arznei besser anschlagen lasse. Übrigens war Boll, wenn auch nicht gerade warmherzig, doch auch nicht bösartig und tat nur blindlings, was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher zu lauter Nutzen und Vorteil gereicht hatte. Dr. Schimmelmann lachte bei sich über sein bigottes Treiben und hätte nichts mit ihm anzufangen gewußt, wenn Boll nicht eine ausnehmende Meisterschaft im Flötenspiel besessen hätte, die der musikliebende Justizrat trefflich zu verwerten wußte. So musikalisch gebildet und von feinem Geschmack wie dieser war Joseph Maria freilich nicht, aber Gefühl für Musik hatte er überflüssig und flötete so lieblich und traurig, daß Schimmelmann, wenn sie miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu großer Zärtlichkeit warnen mußte.

Außer der Musik verband diese beiden Männer noch die Wertschätzung guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch wiederum mit dem Bischof vereinigte. Was für die wählerischen Gelage, in denen sie miteinander wetteiferten, verausgabt wurde, schlug Wonnebald gering an, unerschwinglich dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh von ihm erhob, bald zur Hebung des Krankenhauses, bald für Propaganda und Mission, bald für die Partei schlechthin.

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In der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds Besitz seine Freundin Hermenegilde und sein Sekretär und Schützling Lando, der Neffe des Erzbischofs, den dieser unter dem Vorwande, er müsse wegen einer unpassenden Leidenschaft von Hause entfernt werden und die väterliche Obhut eines Geistlichen genießen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte, um ihn zu beaufsichtigen. Hierzu war nämlich Lando trotz seiner Jugend, denn er war etwa 26 Jahre alt, durch überlegenen Verstand und eine merkwürdige Kühle und Sicherheit des Urteils wohlgeeignet, auch konnte er sich geschickt verstellen, ja fand Vergnügen daran, eine beliebige Rolle zu spielen, so daß nicht zu befürchten war, der Bischof könnte der List auf die Spur kommen. Daneben hoffte der Erzbischof einen persönlichen Zweck zu erreichen: Lando mittels der Langeweile, der er in Klus ausgesetzt sein würde, einer vorteilhaften Heirat geneigt zu machen, durch die der träge und träumerische, wenig ehrgeizige Jüngling, der nicht sonderlich bemittelt war, in eine dem Familienstolz entsprechende Stellung befördert werden sollte.

Lando, der wußte, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt sich einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem Bischof gegenüber als ein der Liederlichkeit ergebener junger Mann aus, den seine Familie durch Religion bessern wollte, und stellte sich hocherfreut und bewundernd darüber, daß er in dem Bischof einen freien Geist gefunden habe, mit dem sich leben lasse. Wonnebald war zwar leicht anzuführen, aber doch pfiffig genug, um etwas Fremdes und Schädliches zu wittern, so daß er Lando, ohne zu wissen warum, nicht völlig traute; da er es aber in jedem Falle für das beste hielt, ihn durch üppiges Freudenleben zu betäuben, und er an die Möglichkeit nicht glaubte, daß das Fischlein dem Angelbissen der Frau Welt sich sollte entziehen können, tat er, soviel er konnte, um Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern hatte er ganz unrecht nicht, als Lando sich die Früchte, die seine Rolle abwarf, vortrefflich schmecken ließ, nur freilich setzten sie ihm nicht so zu, daß er dadurch unfähig geworden wäre, den Bischof mit klaren und vergnügten Augen zu beobachten. Ihn recht in Weibersachen zu verwickeln, wollte Wonnebald überhaupt nicht glücken, obwohl Hermenegilde als reife und stürmische Liebesgöttin ihn an mancher lauschigen Grotte und bekränzten Laube des Stiftsgartens vorübertrieb; weder die adligen Damen noch ihre Zofen schienen ihn fesseln zu können und waren auch ihrerseits durch das barsche Regiment der Vorsteherin zu eingeschüchtert, um ihren Gefühlen freie Entfaltung zu vergönnen.

Hermenegilde hatte nämlich die Eigenheit, die Stiftsdamen, wenn sie bei guter Laune war, zu unbedachten Schritten zu verlocken, was sie hernach benutzte, um sie aufs gröblichste zu verleumden und sie durch Androhung öffentlicher Anklage in Schrecken zu setzen, teils weil es ihr angenehm war, wenn sie vor ihr zitterten, teils damit sie nicht den Mut fänden, das Ärgernis, zu dem sie selber Anlaß gab, bekanntzumachen. An Wonnebald, der geistlicher Oberhirt und Beichtvater des Stiftes war, gelangten zwar nicht selten Klagen über das gesetz- und gewissenlose Regiment der Vorsteherin, doch blieben sie wirkungslos in seiner Brust verschlossen, von niemand geteilt als von Hermenegilde selbst, die sich bei nächster Gelegenheit an ihren Feindinnen rächte. Zuweilen ließ sich Hermenegilde durch ihre gewaltsame Natur allzuweit fortreißen: so ereignete es sich einmal, daß eine Stiftsdame, die in der Umgegend einen Besuch gemacht hatte, bei ihrer Rückkehr den Einlaß nicht erhielt, weil die Stunde, wo abends das Tor abgeschlossen wurde, vorüber war, angeblich damit der Unfug nächtlichen Schwärmens bestraft würde, und das Fräulein, eine ältere, ergraute Dame, bei Nacht umkehren und ein Obdach in der Stadt suchen mußte, nicht ohne infolge der Aufregung und Schande empfindlichen Schaden an der Gesundheit zu nehmen. Da sich die Tugend des Fräuleins nachweisen ließ, hätte die Sache ein übles Ende nehmen können, wenn nicht die Anverwandten desselben durch die Menge des Geldes zum Schweigen gebracht worden wären, die aus Wonnebalds Beutel floß. Abgesehen von solchen und ähnlichen Ausgaben, zu denen sie ihn mittelbar veranlaßte, sammelte Hermenegilde auch für sich selbst, sowohl weil sie viel verbrauchte, wie um ihr Alter zu sichern, und schließlich aus angeborener Habgier. Da nun der Bischof einer Frau, die ihm nahestand, nicht gern etwas abschlug, insbesondere aber der Hermenegilde eine leere Tasche zu zeigen nicht den Mut gehabt hätte, mußte er sich fleißig nach guten Einnahmen umtun und kam zu der Überzeugung, daß er wieder einmal etwas Gründliches unternehmen oder erfinden müsse, um die gemeine Sorge ein für allemal loszuwerden.

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Es war ein warmer Vorfrühlingstag, als der Bischof auf einem bequemen Spaziergang am Rande des schwellenden Flusses der Lux begegnete, die, Lisutt an der Hand, schlank und wohlgemut daherkam, im Begriff, einer alten gichtleidenden Frau Trost und Heilmittel zu bringen. Beim Anblick ihrer traulichen Miene ging dem Bischof das Herz auf, und er bat sie, sich ihm anzuschließen, was sie mit dem stolzen Kopfnicken und allwissenden Lächeln, das ihr eigen war, tat. Ungeachtet er sich vorgenommen hatte, ihrer Sprödigkeit wegen strenger und zurückhaltender gegen sie zu sein als vormals, verfiel er bald in ein seliges Schwatzen, erzählte von der Verlegenheit seiner leidigen Geldverhältnisse und fragte, ob sie nicht, wenn sie nach Maulwürfen grübe, Spuren von Schätzen fände, wie sie hier und da in der Erde vergraben sein sollten. Koste es auch seiner Seelen Seligkeit, er sei bereit, sie um solchen Preis zu opfern, Gott werde weiter helfen.

Wenn dem so sei, sagte Lux, könne sie ihm wohl dienen. Freilich habe sie keine Schätze entdeckt, aber als Mädchen im Kloster habe sie viel in einem alten dicken Buche von den Wundern der Natur gelesen, worin die geheimen Kräfte der Pflanzen und Wurzeln beschrieben gewesen seien, und wovon sie sich manches gemerkt habe; wenn er die ewige Seligkeit aufs Spiel setzen wolle, könne er sich durch ein Alräunchen so viel Geld er immer wolle verschaffen. Der Bischof sagte, um sich selber Mut zu machen, mit Lachen: »Es wird den Kopf nicht kosten, ich denke es wohl mit dem Teufel aufzunehmen, erzähle nur, was es mit dem Alraunen für eine Bewandtnis hat;« worauf Lux sagte, zunächst müsse derselbe unter schwierigen und höchst gefährlichen Förmlichkeiten gewonnen werden, was sie aber, um ihm zu helfen, auf sich nehmen wolle, sodann müsse der Eigentümer das Männlein sorgfältig und ehrfürchtig behandeln, es nett ankleiden, nachts das Bett mit ihm teilen und schließlich es durch Kniebeugung und allerhand Anrufungen verehren und eigentlich anbeten.

Das wäre freilich, meinte Wonnebald, mehr, als einer Wurzel zukäme, indessen wenn sie wirklich wunderwirkend und gewissermaßen goldzeugerisch wäre, könne man füglich ein Auge zudrücken und ein wenig vor ihr scharwenzeln, einstweilen solle die Lux so gut sein und ihm das Ding herbeischaffen. Sie sah ihn von der Seite an und lachte ein weiches, kosendes Lachen, das er warm in den Eingeweiden spürte, so daß er die Arme nach ihr ausstreckte und sie an sich ziehen zu können vermeinte, die ihm aber entschlüpfte und, Lisutt fest an der Hand fassend, geschwind den grünen Hang, an dem sie entlang gingen, hinunterlief. Wonnebald blickte ihr ein wenig geärgert nach, doch überwog die Zärtlichkeit, die ihr milder Blick ihm eingeflößt hatte, und er bedachte, während ihm das Wasser im Munde zusammenlief, wie honigmild und mondklar ihr Wesen um ihn weben würde, wenn sie ihm erst einmal zugetan wäre. Dazu, sagte er sich, wäre ihre Klugheit so ungemein, daß sie alle seine Angelegenheiten betreiben und es selbst mit dem Erzbischof würde aufnehmen können, selber aber dessen unbewußt bleiben und vielleicht nach Frauenart und Frauenpflicht ihm das Verdienst von allem zuschreiben, was sie geleistet hätte.

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Lux begab sich bald daran, eine Zaunrübe ausfindig zu machen, deren Wurzeln so verdreht und wunderlich gebildet sind, daß sie allenfalls menschenähnliche Figürchen vorstellen können, und nachdem sie eines Morgens mehrere, die ihr passend schienen, gefunden hatte, warf sie sich ermüdet ins Gras und ließ Lisutt um und über sich herumklettern. Enzian und Gänseblümchen blühten, und schon drängte sich prangender Löwenzahn in Menge hervor, wovon Lux, so viel sie von ihrem Platze aus erlangen konnte, pflückte, um einen Kranz daraus zu flechten, den sie Lisutt auf das braune Köpfchen setzte. Er war wild und locker gewunden und strahlte feurig in ungleichen Büscheln um das lachende Kindergesicht, dessen zarte Rosenfarbe die Frühlingssonne bereits gebräunt hatte. Während Lisutt ihrerseits Gras und Kräuter ausraufte und in ihrer Mutter Haar zu stecken versuchte, dann das butterweiche Gesicht in deren Hals grub und frohlockend sagte: »Du riechst gut!« kam Lando, der ein Freund der Natur war, zufällig des Weges, sah das Kindergesicht, das lachte und leuchtete, und die Gestalt, die das Gras verdeckte, die sich aber bei seinem annähernden Schritt aufrichtete, so daß er ihre anmutigen Züge und die männliche Kleidung, die sie trug, erkennen konnte. Gleichzeitig fielen ihm die krummen Wurzeln auf, die neben ihr auf einem ausgebreiteten roten Tuche lagen, und er benutzte dies, um sie anzusprechen mit der Frage, was das sei und was sie damit zu machen vorhabe. Lux, die den jungen Mann zuweilen in der Nähe des Schlosses gesehen hatte und wußte, wer er war, sagte lächelnd: »Das ist eine Kost für Ihren Herrn, den Bischof,« worauf er neugierig weiterfragte und sich zu ihr ins Gras setzte. Es sei ein Geheimnis, entgegnete Lux, und sie wisse nicht, ob er so in Gunst und Vertraulichkeit des Bischofs stehe, daß er es teilen dürfe, hatte aber im Grunde schon beschlossen, ihm alles zu erzählen, weil sein Aussehen und seine Art sie gewiß machten, daß er von Herzen darüber lachen, vielleicht sogar ihr helfen würde, die Schelmerei vollkommen zu machen. Seinerseits hatte Lando sogleich erraten, daß es weniger galt, dem Bischof einen Dienst zu leisten, als ihm einen Possen zu spielen, und nachdem sie sich so, ohne sich zu bereden, durch das bloße Gefühl ihres Wesens, das sich ihnen gegenseitig mitteilte, miteinander ins Einvernehmen gesetzt hatten, erzählte Lux, was für Hoffnungen der Bischof in sie gesetzt habe und wie sie ihm das Alräunchen nach bestem Vermögen zubereiten wolle, und schlug ihm vor, den Schabernack dadurch zu verlängern, daß er die Geldsumme, die der Bischof nach ihrer Anweisung jeweilen unter die Wurzel legen würde, verdoppele und ihn so im Glauben an die Trefflichkeit des Zauberdinges erhalte. Lando, von diesem Einfall entzückt, verabredete mit Lux alle Einzelheiten, wie sie es halten wollten, und scherzte zwischendurch in kindlicher Weise mit Lisutt, die ihn ohne Zögern als guten Spielkameraden behandelte. Sein hübsches Gesicht, das eine rotbraune, samtweiche Haut zierte, strahlte dabei von Freundlichkeit, wodurch aber der Ausdruck gelangweilter Melancholie nicht ganz ausgelöscht wurde, der ihm natürlich war und dessen Ursache zum Teil eine vorgeschobene und ein wenig hängende Unterlippe sein mochte. Dieser an sich unschöne Zug reizte das Auge, ihn immer von neuem zu betrachten, und nachdem er sich verabschiedet hatte, erwog Lux noch eine gute Weile lang, ob sein Gesicht ihr besser lachend oder in hochmütiger Traurigkeit gefallen habe.

Während Lando seinen Weg fortsetzte, fiel ihm ein, daß der junge Landmann kecker als erlaubt mit einem feinen Herrn, wie er war, umgegangen sei, und auch gegen den Bischof, so unwürdig derselbe sein möge, sich allzuviel herausnähme, und es ärgerte ihn ein wenig, daß er sich durch seine Lust an Schelmenstreichen und sein Vergnügen an munteren Kindern hatte verführen lassen, so vertraulich mit ihm zu verkehren, als ob er seinesgleichen wäre. Er wurde mit sich einig, daß er den Bischof von der Treulosigkeit seines Günstlings in Kenntnis setzen und vor der Torheit, die zu begehen er im Begriffe stand, bewahren wollte; als er aber um die Abendzeit Wonnebald gewahr wurde, wie er sich in augenscheinlicher Erregung in sein Schlafzimmer zurückzog, überkam ihn der Kitzel, zu wissen, was der alberne Mann vornehmen würde, und er sagte sich, es sei nicht seine Sache, einem übermütigen Schlaukopf zu schaden, um einem aufgeblasenen Narren zu dienen. Also richtete er es so ein, daß der Bischof nach kurzer Zeit durch eine Nachricht von dringender Wichtigkeit abgerufen wurde, und schlich sich unterdessen in sein Gemach, wo er denn auch in einer Ecke, auf eine Konsole gesetzt, den Wurzelgötzen entdeckte, mit einem Mäntelchen aus Brokat bekleidet, das der Bischof ihm soeben verfertigt haben mochte, und in welchem er das Aussehen eines zwerghaften Kobolds hatte. Unter die Konsole hatte der Bischof einen Betschemel gerückt, um dem kleinen Zauberer die Anbetung zu widmen, die Lux angeordnet hatte, welche Vorrichtungen alle Lando in der Meinung bestärkten, daß es schade wäre, eine solche Narrheit zu stören. Als Wonnebald früher als gewöhnlich schlafen gegangen war, folgte ihm Lando bis an die Tür, in der Hoffnung, ihn belauschen zu können, nahm aber durch das Schlüsselloch nichts wahr und hörte auch anfangs nichts als ein undeutliches Raunen und Murmeln; erst als das Licht bereits gelöscht war, wurde die Stimme des Bischofs lauter, so daß Lando folgende Worte unterscheiden konnte:

Alräunchen, Wurzelgöttle, Mach mir fleißig Gold ins Bettle!

ein Spruch, den Lux ihm nicht ohne Mühe beigebracht hatte. Wonnebald hatte sich auf allen Seiten eingeschlossen, nur eine Tapetentür offen gelassen, die in sein Badezimmer führte, in das Lando durch ein Fenster gelangen konnte. Kaum hörte er den Bischof schnarchen, als er auf leisen Füßen in das Schlafgemach eintrat, und da er beim gelben Schein eines Nachtlämpchens die nunmehr nackte Wurzel auf dem bischöflichen Kissen und drei Goldstücke daneben liegen sah, fügte er flink drei andre hinzu und entfernte sich lautlos und geschwinde. Lux hatte nämlich die Vorsicht gebraucht, dem Bischof einzuschärfen, daß er die Summe, die der Alraun verdoppeln solle, besonders im Anfang nicht zu hoch anlege, ebensowohl um ihn nicht durch Unbescheidenheit zu verletzen, wie um das dürre und zarte Wesen nicht mit einem Male zu heftig, lieber häufiger und gelinder arbeiten zu lassen. Mehrere Male gelang es Lando, der Wurzel das Häufchen Gold, das von ihr zu erwarten war, unbemerkt unterzuschieben, und er belustigte sich tagsüber, den Bischof mit Fragen zu bedrängen, warum er auf einmal ein eingezogenes Leben führe, anstatt wie sonst die Nächte durchzuschlemmen und zu prassen.

Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf durch seine Neugierde; denn um zu sehen, was für eine Andacht der Bischof allabendlich vor dem Alraun ausübte, öffnete er die Tür seines Schlafzimmers, als Wonnebald eben eifrig knicksend vor der Zaunrübe umhersprang, wurde trotz aller Vorsicht von diesem gehört und mußte wohl oder übel vollends eintreten und sein unberufenes Eindringen durch einen rasch ersonnenen Vorwand erklären. Diesem war der Bischof allerdings geneigt Glauben zu schenken, aber da Lux ihm gesagt hatte, daß das Alräunchen augenblicks seiner Fruchtbarkeit verlustig gehen würde, wenn ein dritter es sähe oder etwa gar ihn bei seinen andächtigen Verrichtungen überraschte, war er überzeugt, daß es mit dem unschätzbaren Brutgeschäft nunmehr zu Ende wäre, und fand sich durch das Ergebnis des nächsten Morgens darin bestärkt; er hatte sich nämlich aus Angst vor neuen Störungen so gründlich eingeschlossen und verschanzt, daß Lando nicht eintreten konnte, um den üblichen Zauber vorzunehmen.

Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es sich so fügte, daß er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen war, in Kenntnis zu setzen. Noch war die Hitze des Tages nicht verdämmert, und er suchte unwillkürlich schattige Wege auf, so daß er an den unteren Lauf des Flusses geriet, wo er mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem Bette hinströmte. Hellgrüne Weiden und buschige Erlen bekränzten seine beiden Ufer und ließen einen schmalen Pfad frei, der hier, ein gutes Stück unterhalb der Ortschaft, wenig begangen wurde; auch fragte sich Lando, nachdem er eine Weile, ohne einer Seele zu begegnen, vorwärts gegangen war, wie er dazu käme, Lux in dieser abgelegenen Gegend zu suchen, und war im Begriff umzukehren, als er ein Plätschern und verstohlenes Lachen hörte, das ihn bewog, noch ein wenig weiterzugehen. Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nächsten Bäume zurück, da er bemerkte, daß das Geräusch von Badenden herrührte, erkannte aber fast gleichzeitig in der Frau, die halben Leibes aus dem Wasser tauchte, Lux und blieb unbeweglich an seinem Platze stehen. Lisutt saß auf einem Stein und schlug mit den zierlich kräftigen Beinen auf das Wasser, wodurch ein magerer brauner Junge, Brun, den Lando nicht kannte, über und über bespritzt wurde, der nun seinerseits die Kleine mit Wasser übergoß; sie streckte abwehrend die runden Arme aus, kniff die lustigen Augen zusammen und schüttelte sich, daß die braunen Haare wild um ihre nassen Schultern tanzten in der Ausgelassenheit des elementarischen Spieles. Lando betrachtete die Kinder nur flüchtig, so sehr fesselte ihn das Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das grüne Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten, während Nacken, Arme und Brust, der schlanke Leib und der elastische Rücken, wenn sie sich beugte oder aufrichtete, die Biegsamkeit und farbige Wärme lebendigen Fleisches zeigten. Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen, obwohl er wußte, daß sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die lebhafteste Sehnsucht hatte, ihren milden und mutwilligen Blick zu fühlen. Daß sie sich als Frau offenbart hatte, erregte ihm kein besonderes Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als hätte er es von jeher gewußt oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung eines Schmetterlings erwartet.