Part 37
Gleich mich zur bessern Sitte erholend faßte ich aber Minona's Pfote, drückte sie leise an meine Lippen und sprach von begeisterten Augenblicken, denen der Dichter oft erliege. Minona hörte mich an mit solchen entschiedenen Zeichen der innigsten Teilnahme, mit solcher Andacht, daß ich mich selbst immer höher steigerte zur ungemeinen Poesie und zuletzt mich selbst nicht recht verstand. -- Minona mochte mich ebensowenig verstehen, aber sie geriet ins höchste Entzücken und versicherte, wie oft es schon ihr inniger Wunsch gewesen, den genialen Murr kennen zu lernen, und daß einer der glücklichsten herrlichsten Momente ihres Lebens der gegenwärtige sei. -- Was soll ich sagen! Bald fand sich's, daß Minona meine Werke, meine sublimsten Gedichte gelesen -- nein! nicht nur gelesen sondern in der höchsten Bedeutung aufgefaßt hatte! Mehreres davon wußte sie auswendig und sagte es her mit einer Begeisterung, mit einer Anmut, die mich in einen ganzen Himmel voll Poesie versetzte, vorzüglich, da es =meine= Verse waren die die Holdeste ihres Geschlechts mir anzuhören gab.
Mein bestes, holdestes Fräulein, rief ich, ganz hingerissen, Sie haben dies Gemüt verstanden! Sie haben meine Verse auswendig gelernt; o all ihr Himmel! gibt es eine höhere Seligkeit für den aufwärts strebenden Dichter?
Murr, lispelte Minona, genialer Kater, können Sie glauben, daß ein fühlendes Herz, ein poetisch gemütliches Gemüt Ihnen entfremdet bleiben kann? -- Minona seufzte nach diesen Worten aus tiefer Brust und dieser Seufzer gab mir den Rest. -- Was anders? -- Ich verliebte mich in das schönste Windspielfräulein dermaßen, daß ich ganz toll und verblendet nicht bemerkte, wie sie mitten in der Begeisterung plötzlich abbrach, um mit einem kleinen Zierbengel von Mops gänzlich fades Zeug zu schwatzen, wie sie mir den ganzen Abend auswich, wie sie mich auf eine Art behandelte, die mich hätte deutlich erkennen lassen sollen, wie sie mit jenem Lobe, mit jenem Enthusiasmus niemand anders gemeint, als sich selbst. -- Genug ich war und blieb ein verblendeter Tor, lief der schönen Minona nach wie und wo ich nur konnte, besang sie in den schönsten Versen, machte sie zur Heldin mancher anmutig verrückten Geschichte, drängte mich in Gesellschaften ein, wo ich nicht hingehörte, und erntete dafür so manchen bittern Verdruß, so manche Verhöhnung, so manches kränkende Ungemach.
Oft in kühlen Stunden trat mir selbst die Albernheit meines Beginnens vor Augen; dann kam mir aber wieder närrischerweise der Tasso und mancher neuere Dichter von ritterlicher Gesinnung ein, dem es an einer hohen Herrin liegt, der seine Lieder gelten und die er aus der Ferne anbetet, wie der Manchaner seine Dulcinea, und da wollt ich denn wieder nicht schlechter und unpoetischer sein als dieser und schwur dem Gaukelbilde meiner Liebesträume, dem anmutigen weißen Windspielfräulein unverbrüchliche Treue und Ritterdienst bis in den Tod. Einmal von diesem seltsamen Wahnsinn erfaßt, fiel ich aus einer Torheit in die andere, und selbst mein Freund Ponto fand für nötig, sich, nachdem er mich ernstlich vor den heillosen Mystifikationen gewarnt, in die man mich überall zu verstricken suchte, von mir zurückzuziehen. Wer weiß was noch aus mir geworden wäre, wenn nicht ein guter Stern über mir gewaltet! -- Dieser gute Stern ließ es nämlich geschehen, daß ich einst am späten Abend zur schönen Badine hinschlich, nur um die geliebte Minona zu sehen. Ich fand indessen alle Türen verschlossen und alles Warten, alles Hoffen, bei irgend einer Gelegenheit hineinzuschlüpfen, blieb ganz vergebens. Das Herz voll Liebe und Sehnsucht, wollte ich der Holden wenigstens meine Nähe kundtun und begann unter dem Fenster eine der zärtlichsten spanischen Weisen, die jemals empfunden und gedichtet worden sind. Es muß gar lamentabel anzuhören gewesen sein!
Ich hörte Badine bellen, auch Minonas süße Stimme knurrte etwas dazwischen. Ehe ich aber mir's versah, wurde das Fenster rasch geöffnet, und ein ganzer Eimer eiskaltes Wasser über mich ausgeleert. Man kann denken mit welcher Schnelle ich abfuhr in meine Heimat. Die volle Glut im Innern und Eiswasser auf dem Pelz harmoniert aber so schlecht miteinander, daß unmöglich jemals Gutes, und wenigstens ein Fieber daraus entstehen kann. So ging es mir. Im Hause meines Meisters angekommen schüttelte mich der Fieberfrost tüchtig. Der Meister mochte aus der Blässe meines Antlitzes, aus dem erloschenen Feuer meiner Augen, aus der brennenden Glut der Stirne, an meinem unregelmäßigen Puls, meine Krankheit ahnen. Er gab mir warme Milch, die ich, da mir die Zunge am Gaumen klebte vor Durst, eifrig verzehrte, dann wickelte ich mich ein in die Decke meines Lagers und gab ganz der Krankheit nach, die mich erfaßt. Erst verfiel ich in allerlei Fieberphantasien von vornehmer Kultur, Windspielen usw., nachher wurde mein Schlaf ruhiger und endlich so tief, daß ich ohne Übertreibung glauben muß, ich habe drei Tage und drei Nächte hintereinander fort geschlafen.
Als ich endlich erwachte, fühlte ich mich frei und leicht, ich war von meinem Fieber und -- wie wundervoll! auch von meiner törichten Liebe ganz genesen! Ganz klar wurde mir die Narrheit, zu der mich der Pudel Ponto verleitet, ich sah ein, wie albern es war, mich als einen gebornen Kater unter Hunde zu mischen, die mich verhöhnten, weil sie nicht meinen Geist zu erkennen vermochten, und die sich bei der Bedeutungslosigkeit ihres Wesens an die Form halten mußten, mir also nichts darbieten konnten, als eine Schale ohne Kern. -- Die Liebe zur Kunst und Wissenschaft erwachte in mir mit neuer Stärke, und meines Meisters Häuslichkeit zog mich mehr an als jemals. Die reiferen Monate des Mannes kamen, und weder Katzbursch noch kultivierter Elegant, fühlte ich lebhaft, daß man beides nicht sein dürfe, um sich gerade so zu gestalten, wie es die tieferen und bessern Ansprüche des Lebens erfordern.
Mein Meister mußte verreisen, und fand es für gut, mich auf die Zeit seinem Freunde, Kapellmeister Johannes Kreisler in die Kost zu geben. Da mit dieser Veränderung meines Aufenthalts eine neue Periode meines Lebens anfängt, so schließe ich die jetzige, aus der du, o Katerjüngling! so manche gute Lehre für deine Zukunft entnommen haben wirst. --
=(Mak. Bl.)= -- -- als schlügen entfernte dumpfe Töne an sein Ohr, und er höre die Mönche durch die Gänge schreiten. Als Kreisler sich völlig aus dem Schlaf emporraffte, gewahrte er denn aus seinem Fenster, daß die Kirche erleuchtet, und vernahm den murmelnden Gesang des Chors. Die Mitternachtshora war vorüber, es mußte daher irgend etwas Ungewöhnliches sich ereignet haben, und Kreisler durfte mit Recht vermuten, daß vielleicht ein schneller unvermuteter Tod einen der alten Mönche dahingerafft, den man jetzt der Klostersitte gemäß in die Kirche getragen. Rasch warf der Kapellmeister sich in die Kleider und begab sich nach der Kirche. --
Auf dem Gange begegnete er dem Pater Hilarius, der laut gähnend und ganz schlaftrunken hin und her wankte, keines festen Schrittes mächtig und die angezündete Kerze, statt aufrecht, abwärts zu Boden hielt, daß das Wachs prasselnd herabtropfte und jeden Augenblick drohte das Licht zu verlöschen. »Hochehrwürdiger Herr Abt,« stammelte Hilarius, als Kreisler ihn anrief, »das ist gegen alle bisherige Ordnung. Exequien in der Nacht! -- zu dieser Stunde -- Und bloß weil der Bruder Cyprianus darauf besteht! -- _Domine -- libera nos de hoc monacho!_« --
Es gelang endlich dem Kapellmeister den halbträumenden Hilarius zu überzeugen, daß er nicht der Abt sondern Kreisler sei, und nun erfuhr er von ihm mit Mühe, daß man in der Nacht, von woher wisse er nicht, den Leichnam eines Fremden nach dem Kloster gebracht, den Bruder Cyprianus allein zu kennen scheine, und der kein gemeiner Mann gewesen sein müßte, da sich der Abt auf Cyprianus dringendes Gesuch dazu verstanden, die Exequien auf der Stelle zu halten, damit morgen nach der ersten Hora die Exportation erfolgen könne.
Kreisler folgte dem Pater in die Kirche, die nur sparsam beleuchtet einen seltsamen schauerlichen Anblick gewährte.
Man hatte nur die Kerzen des großen metallenen Kronleuchters, der vor dem Hochaltar von der hohen Decke herabhing, angezündet, so daß der flackernde Schein kaum das Schiff der Kirche vollkommen erhellte, in die Seitengänge aber nur geheimnisvolle Streiflichter warf, in denen die Statuen der Heiligen zum gespenstischen Leben erwacht, sich zu bewegen und daher zu schreiten schienen. Unter dem Kronleuchter in der hellsten Beleuchtung stand der offne Sarg, in dem der Leichnam lag, und die Mönche, die ihn umringten, schienen bleich und regungslos selbst Tote, in der Geisterstunde den Gräbern entstiegen. Mit dumpfer heiserer Stimme sangen sie die eintönigen Strophen des Requiems und wenn sie dazwischen schwiegen, vernahm man nur von außen her das ahnungsvolle Rauschen des Nachtwindes und die hohen Fenster der Kirche knisterten seltsam, als klopften die Geister der Verstorbenen an das Haus, in dem sie die fromme Totenklage vernahmen. Kreisler nahte sich bis an die Reihe der Mönche und erkannte in dem Toten den Adjutanten des Prinzen Hektor. --
Da regten sich die finstern Geister, die so oft Macht hatten über ihn, und griffen schonungslos mit scharfen Krallen in seine wunde Brust. --
Neckender Spuk, sprach er zu sich selbst, treibst du mich her, damit jener erstarrte Jüngling bluten soll, weil man sagt, daß der Leichnam blute, wenn der Mörder sich nahe? -- Hoho! weiß ich denn nicht, daß er all' sein Blut wegbluten mußte, in den schlimmen Tagen, als er seine Sünden abbüßte auf dem Siechbette? -- Er hat keinen bösen Tropfen mehr übrig, mit dem er seinen Mörder vergiften könnte, käme er ihm auch in die Nähe, den Johannes Kreisler aber am wenigsten, denn der hat mit der Natter nichts zu schaffen, die er zu Boden trat, als sie schon die spitze Zunge ausgestreckt zur Todeswunde! -- Schlage die Augen auf, Toter, damit ich dir fest ins Antlitz blicke, damit du gewährst, daß die Sünde keinen Teil hat an mir! -- aber du vermagst es nicht! -- Wer hieß dich das Leben einsetzen gegen das Leben? Warum spieltest du trügerisches Spiel mit dem Morde und du warst nicht gefaßt, es zu verlieren? -- Aber deine Züge sind sanft und gut, du stiller blasser Jüngling, der Todesschmerz hat jede Spur verruchter Sünde weggelöscht von deinem schönen Antlitz, und ich könnte sagen, der Himmel hätte dir sein Gnadentor geöffnet, weil die Liebe in deiner Brust gewesen, wenn sich das jetzt ziemte. -- Doch wie! -- wenn ich mich in dir geirrt? -- Wenn nicht du, kein böser Dämon, nein wenn mein guter Stern deinen Arm gegen mich erhoben, um mich dem entsetzlichen Verhängnis zu entreißen, das im schwarzen Hintergrunde auf mich lauert? -- Nun magst du die Augen aufschlagen, blasser Jüngling, nun magst du mit einem Blick der Versöhnung alles, alles entdecken, und sollt ich untergehen in Wehmut um dich oder aus entsetzlicher furchtbarer Angst, daß der schwarze Schatten der hinter mir schleicht, mich nun gleich erfassen wird. Ja! schaue mich an, -- doch! nein nein, du könntest mich anblicken wie Leonhart Etlinger, ich könnte glauben, du seist er selbst und da müßtest du mit mir hinab in die Tiefe, aus der ich oft seine hohle Geisterstimme vernehme. -- Doch wie, du lächelst? -- deine Wangen, deine Lippen färben sich? Trifft dich nicht die Waffe des Todes? -- Nein, nicht noch einmal will ich mit dir ringen, aber --
Kreisler, der während dieses Selbstgesprächs unbewußt auf einem Knie gelegen, beide Ellbogen auf das andere gestützt, und die Hände unter das Kinn gestemmt hatte, fuhr hastig auf, und würde gewiß Seltsames, Wildes begonnen haben; doch in demselben Augenblick schwiegen die Mönche und die Knaben auf dem Chor intonierten mit sanfter Begleitung der Orgel das _Salve Regina._ Der Sarg wurde verschlossen und die Mönche schritten feierlich von dannen. -- Da ließen die finstern Geister ab von dem armen Johannes, und ganz aufgelöst in Wehmut und Schmerz folgte er mit gebeugtem Haupt den Mönchen. Eben wollte er hinausschreiten zur Türe, als sich in einem finstern Winkel eine Gestalt erhob und hastig auf ihn losschritt.
Die Mönche standen still, und der volle Schein ihrer Lichter fiel auf einen großen stämmigen Burschen, der etwa achtzehn bis zwanzig Jahre alt sein mochte. Sein Antlitz nichts weniger als häßlich zu nennen, trug den Ausdruck des wildesten Trotzes; die schwarzen Haare hingen ihm struppig um den Kopf, das zerrissene Wams von buntgestreifter Leinwand bedeckte kaum seine Blöße, und eben solche Schifferhosen gingen nur bis an die bloßen Waden, so daß der herkulische Bau seines Körpers völlig sichtbar.
Du Verdammter, wer hieß dich meinen Bruder ermorden? So schrie der Bursche wild auf, daß es in der Kirche widerhallte, sprang wie ein Tiger auf Kreisler los und packte ihn mit einem mörderischen Handgriff bei der Kehle.
Doch ehe Kreisler, ganz entsetzt über den unerwarteten Angriff, an Gegenwehr denken konnte, stand schon Pater Cyprianus bei ihm und sprach mit starker, gebietender Stimme: Giuseppo, verruchter sündhafter Mensch! was machst Du hier? Wo hast du die Altmutter gelassen? -- Packe Dich augenblicklich fort! -- Hochehrwürdiger Herr Abt, laßt die Klosterknechte herbeirufen, sie sollen den mörderischen Buben zum Kloster hinauswerfen.
Der Bursche hatte, sowie Cyprianus vor im stand, sogleich von Kreisler abgelassen. Nun nun, rief er mürrisch, macht nur nicht gleich ein solch tolles Wesen davon, wenn man sein Recht behaupten will, Herr Heiliger! -- Ich gehe ja schon von selbst, Ihr dürft keine Klosterknechte auf mich loshetzen. -- Damit sprang der Bursche schnell davon durch eine Pforte, die man zu verschließen vergessen und durch die er wahrscheinlich sich in die Kirche geschlichen hatte. Die Klosterknechte kamen, man fand aber keinen Anlaß den Verwegenen in tiefer Nacht weiter zu verfolgen.
Es lag in Kreislers Natur, daß gerade die Spannung des Außerordentlichen, des Geheimnisvollen wohltätig auf sein Gemüt wirkte sobald er den Sturm des Augenblicks, der ihn zu vernichten drohte, siegreich bekämpft.
So geschah es, daß dem Abt die Ruhe wunderbar und befremdlich vorkommen mußte, mit der Kreisler andern Tages vor ihm stand und von dem erschütternden Eindruck sprach, den unter solchen seltsamen Umständen der Anblick des Leichnams dessen auf ihn gemacht, der ihn ermorden wollen, und den er in gerechter Notwehr erschlagen.
Weder die Kirche noch das weltliche Gesetz kann Euch, lieber Johannes, sprach der Abt, irgendeine strafbare Schuld an dem Tode jenes sündhaften Menschen beimessen. Doch werdet Ihr aber lange nicht die Vorwürfe einer innern Stimme verwinden können, die Euch sagt, es sei besser gewesen selbst zu fallen, als den Gegner zu töten, und dies beweiset, daß der ewigen Macht das Opfer des eignen Lebens wohlgefälliger ist, als seine Erhaltung, kann dies nur durch eine rasche blutige Tat geschehen. -- Doch laßt uns zur Zeit davon abbrechen, da ich anderes näher Liegendes mit Euch zu reden. --
Welcher sterbliche Mensch ermißt, wie der kommende Augenblick die Gestaltung der Dinge ändern kann. -- Nicht lange ist es her, als ich fest überzeugt war, daß dem Heil Eurer Seele nichts zuträglicher sein könne, als der Welt zu entsagen und in unsern Orden zu treten. -- Ich bin jetzt anderer Meinung und würde Euch raten, so lieb und wert Ihr mir auch geworden, die Abtei recht bald zu verlassen. -- Werdet nicht irre an mir, lieber Johannes! Fragt mich nicht, warum ich meiner Gesinnung entgegen dem Willen eines andern, der alles umzustoßen droht, was ich mit Mühe geschaffen, mich unterwerfe. -- Tief müßtet Ihr in die Geheimnisse der Kirche eingeweiht sein, um mich zu verstehen, wollt' ich auch mit Euch über die Motive meiner Handlungsweise reden. -- Doch freier kann ich wohl mit Euch sprechen als mit jedem andern. Vernehmt also, daß in kurzer Zeit der Aufenthalt in der Abtei Euch nicht mehr die wohltätige Ruhe gewähren, wie bisher, ja daß Euer innerstes Streben einen tödlichen Stoß erhalten und das Kloster Euch ein öder trostloser Kerker dünken wird. Die ganze Klosterordnung ändert sich, die mit frommer Sitte vereinbarte Freiheit hört auf und der finstere Geist fanatischer Möncherei herrscht bald mit unerbittlicher Strenge in diesen Mauern. -- O mein Johannes, Eure herrlichen Gesänge werden nicht mehr unsern Geist erheben zur höchsten Andacht, der Chor wird abgeschafft und bald hört man nichts als die eintönigen Responsorien von den ältesten Brüdern mühsam gelallt mit heiserer unreiner Stimme. --
Und alles dieses geschieht auf Anlaß des fremden Mönchs Cyprianus? fragte Kreisler.
Es ist dem so, lieber Johannes, erwiderte der Abt beinahe wehmütig, indem er die Augen niederschlug, und daß es nicht anders sein kann, daran bin ich nicht schuld. -- Doch alles, setzte der Abt nach kurzem Stillschweigen mit erhöhter feierlicher Stimme hinzu, wodurch der feste Bau, der Glanz der Kirche befördert werden kann, muß geschehen und kein Opfer ist zu groß! --
Wer ist denn der hohe mächtige Heilige, sprach Kreisler unmutig, der über Euch gebietet, der im Stande war, durch das bloße Wort mir jenen mörderischen Burschen vom Leibe zu schaffen? --
Ihr seid, lieber Johannes, erwiderte der Abt, in ein Geheimnis verflochten ohne es zur Zeit ganz zu kennen. Doch bald erfahrt Ihr mehr, vielleicht mehr als ich selbst davon weiß, und zwar durch den Meister Abraham. -- Cyprianus, den wir noch jetzt unsern Bruder nennen, ist einer der Erkornen. Er wurde gewürdigt, mit den ewigen Mächten des Himmels in unmittelbare Berührung zu treten, und wir müssen schon jetzt in ihm den Heiligen verehren. -- Was jenen verwogenen Burschen betrifft, der sich während der Exequien in die Kirche geschlichen hatte und Euch mörderisch anpackte, so ist er ein verlaufener halb wahnsinniger Zigeunerbube, den unser Vogt schon einigemal hat derb auspeitschen lassen, weil er den Leuten im Dorfe die fetten Hühner aus den Ställen gestohlen. Um den zu vertreiben, bedurfte es eben nicht eines besondern Mirakels. -- Indem der Abt die letzten Worte sprach, zuckte ein leises ironisches Lächeln in den Mundwinkeln, und verschwand ebenso schnell.
Kreislern erfüllte der tiefste bitterste Unmut; er sah ein, daß der Abt bei allen Vorzügen seines Geistes, seines Verstandes, lügnerische Gaukelei trieb, und daß alle Gründe, die er damals anführte, um ihn zum Eintritt ins Kloster zu bewegen, ebenso nur einer versteckten Absicht zum Vorwand dienen sollten, als diejenigen, die er nun für das Gegenteil aufstellte. -- Kreisler beschloß, die Abtei zu verlassen, und sich aller bedrohlichen Geheimnisse, die ihn bei längerem Bleiben noch verstricken konnten in ein Gewebe, dem nicht mehr zu entrinnen, völlig zu entschlagen. Als er aber nun gedachte, wie er ja gleich zurückkehren könne nach Sieghartshof zum Meister Abraham, wie er =sie= ja wiedersehen, wieder hören könne, sie, seinen einzigen Gedanken, da fühlte er in der Brust jene süße Beklemmung, in der sich die glühendste Liebessehnsucht kundtut. --
Ganz vertieft wandelte Kreisler den Hauptgang des Parks hinab, als ihn der Pater Hilarius ereilte, und sogleich begann: Ihr wart beim Abt, Kreisler, er sagt Euch alles! -- Nun hatte ich recht? -- Wir sind alle verloren! -- Dieser geistliche Komödiant -- es ist heraus, das Wort, wir sind unter uns! -- Als er -- Ihr wißt, wen ich meine -- in der Kutte nach Rom kam, ließ ihn die päpstliche Heiligkeit sogleich zur Audienz. Er fiel nieder auf die Knie und küßte den Pantoffel. Ohne einen Wink, aufzustehen, ließ ihn aber die päpstliche Heiligkeit eine ganze Stunde lang liegen. »Das sei deine erste kirchliche Strafe«, fuhr die Heiligkeit ihn an, als er sich endlich erheben durfte, und hielt nun eine lange Predigt über die sündlichen Irrtümer, in die Cyprianus verfallen. -- Nachher erhielt er langen Unterricht in gewissen geheimen Gemächern und zog dann aus! -- Es hat lange keinen Heiligen gegeben! -- Das Mirakel -- nun Ihr habt das Bild gesehen, Kreisler -- das Mirakel, sage ich, hat erst in Rom seine wahre Gestalt erhalten. -- Ich bin nichts als ein ehrlicher Benediktiner Mönch, ein tüchtiger _praefectus chori,_ wie Ihr mir einräumen werdet, und trinke der allein selig machenden Kirche zu Ehren gern ein Gläschen Nierensteiner oder Bocksbeutel, aber! -- Mein Trost ist, daß er nicht lange hier bleiben wird. -- Herumziehen muß er. _Monachus in claustro non valet ova duo: sed quando est extra bene valet triginta._ -- Er wird denn auch wohl Wunder tun. -- Seht, Kreisler, seht, da kommt er den Gang herauf. -- Er hat uns erblickt und weiß wie er sich gebärden muß. --
Kreisler erblickte den Mönch Cyprianus, der langsam feierlichen Schrittes, den stieren Blick zum Himmel gerichtet, die Hände gefaltet wie in einer frommen Extase begriffen, den Laubgang herauf kam.
Hilarius entfernte sich schnell, Kreisler blieb aber verloren in den Anblick des Mönchs, der in seinem Antlitz, in seinem Wesen etwas Seltsames, Fremdartiges trug, das ihn unter allen übrigen Menschen auszuzeichnen schien. Ein großes ungewöhnliches Verhängnis läßt lesbare Spuren zurück, und so mocht' es auch sein, daß ein wunderbares Geschick des Mönchs äußere Erscheinung gestaltet hatte, wie sie sich nun eben zeigte.
Der Mönch wollte vorüberschreiten, ohne in seiner Verzückung Kreislern zu bemerken, der fühlte sich aber aufgelegt, dem strengen Abgesandten des Oberhaupts der Kirche, dem feindlichen Verfolger der herrlichsten Kunst in den Weg zu treten.
Er tat es mit den Worten: Erlaubt, ehrwürdiger Herr, daß ich Euch meinen Dank abstatte. Ihr befreitet mich durch Euer kräftiges Wort zur rechten Zeit aus den Händen des groben Lümmels von Zigeunerbuben; er hätte mich erwürgt, wie ein gestohlnes Huhn! --
Der Mönch schien aus einem Traume zu erwachen, er fuhr mit der Hand über die Stirne und blickte Kreislern lange starr an, als müsse er sich auf ihn besinnen. Dann verzog sich aber sein Antlitz zum furchtbaren durchbohrenden Ernst, und Flammen des Zorns in den Augen, rief er mit starker Stimme: Verwegener frevelhafter Mensch, Ihr hättet verdient, daß ich Euch hinfahren ließ in Euern Sünden! Seid Ihr nicht der, der den heiligen Kultus der Kirche, die vornehmste Stütze der Religion profaniert durch weltlichen Klingklang? Seid Ihr es nicht, der hier durch eitle Kunststücke die frömmsten Gemüter betörte, daß sie sich abwandten von dem Heiligen und weltlicher Lust frönten in üppigen Liedern? Kreisler fühlte sich durch diese wahnsinnigen Vorwürfe ebenso verletzt, als erhoben durch den albernen Hochmut des fanatischen Mönchs, der mit solchen leichten Waffen zu bekämpfen.
Ist es sündhaft, sprach Kreisler sehr ruhig und dem Mönch fest ins Auge blickend, die ewige Macht zu preisen in der Sprache, die sie uns selbst gab, damit das Himmelsgeschenk die Begeisterung der brünstigsten Andacht, ja die Erkenntnis des Jenseits in unserer Brust erwecke, ist es sündhaft sich auf den Seraphsfittichen des Gesanges hinwegzuschwingen über alles Irdische, und in frommer Sehnsucht und Liebe hinaufzustreben nach dem Höchsten, so habt Ihr recht, ehrwürdiger Herr, so bin ich ein arger Sünder. Erlaubt aber, daß ich der entgegengesetzten Meinung bin, und fest glaube, daß dem Kultus der Kirche die wahrhafte Glorie der heiligsten Begeisterung fehlen würde, wenn der Gesang schweigen sollte.
So flehet zur heiligen Jungfrau, erwiderte der Mönch streng und kalt, daß sie die Decke von Euern Augen nehmen und Euch den verdammlichen Irrtum erkennen lassen möge.