Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern

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E. T. A. Hoffmann

LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR

Hamburgische Hausbibliothek

Herausgegeben im Auftrage der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde, der Patriotischen Gesellschaft und der Lehrervereinigung für die Pflege der künstlerischen Bildung

Hamburg 1912

Alfred Janssen

LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR

nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern

Herausgegeben von E. T. A. Hoffmann

1. bis 5. Tausend

Hamburg 1912 Alfred Janssen

Druckerei-Gesellschaft Hartung & Co. m. b. H., Hamburg

Vorwort.

E. Th. Amadeus Hoffmann wurde am 21. Januar 1776 in Königsberg geboren. Er wurde Jurist und kam als preußischer Beamter 1804 nach Warschau. Durch die französische Besetzung verlor er 1807 sein Amt. Er fand schließlich ein Unterkommen als Kapellmeister an dem Theater in Hamburg. Als das Unternehmen einging, wurde er Mitarbeiter an der Allgemeinen Musikzeitung in Leipzig. 1816 wurde er wieder als Kammergerichtsrat in Berlin angestellt, wo er am 24. Juli 1822 starb.

Diese Daten enthalten alles, was den Lebensgang und die Eigenart des Mannes kennzeichnet. Er war preußischer Beamter; der Untergang seines Staates warf ihn in das unsichere Dasein eines fahrenden Musikers und eines lohnschreibenden Journalisten. So wurde die Schriftstellerei sein zweiter Beruf, den er fortführte, als er wieder ins Amt kam.

Er besaß in hohem Maße den scharfen Verstand und die unbedingte Sachlichkeit, welche sein Amt verlangte. Aber in seinen Erzählungen, auch wohl im Leben außer dem Dienste liebte seine Phantasie es, die ordnungsliebende Vernunft am hellen Tage durch tolle Launen zu erschrecken. Spiel ist ursprünglich sein Verhältnis zur Kunst. Drei Künste, Malerei, Musik, Poesie hat er zunächst als Dilettant ausgeübt. Er zeichnete Karikaturen, er dichtete und komponierte Singspiele und kleine Opern. Von der Musik kam er zur Musikschriftstellerei; aus den Rezensionen wurden Erzählungen. So entstand die Figur des Kapellmeisters Kreisler. Malerei und Musik blieben Lieblingsgegenstände seiner Erzählungen und Kreisler taucht wieder in dem Werke auf, welches zwar nicht das letzte ist, aber als reifer Abschluß seiner Dichtung angesehen werden darf.

In dieser Geschichte laufen zwei Erzählungen nebeneinander her. Die Geschichte des Katers Murr zeigt die Entwicklung des Naturburschen, des Autodidakten; seine Seele und sein Geist sind ein unbeschriebenes Blatt, in welches Gott und Welt gern hineinschreiben und das sich daher bald füllt.

Die parallel laufende Geschichte des Kapellmeisters Johannes Kreisler zeigt dagegen lauter Kulturmenschen. Kreisler ist der edle, hochbegabte stets mit den Widerwärtigkeiten des Lebens und der Trivialität der Menschen ringende Künstler. In Julia ist ihm ein weibliches Ideal gegenübergestellt. Meister Abraham, der väterliche Freund Kreislers, ist der angesehene, wohlgesinnte, tüchtige Mann, der seinen Weg durchs Leben gemacht hat. Er ist der männliche, die Rätin Benzon der weibliche Mentor des mediatisierten Fürsten Irenäus, an dessen Miniaturhofe die Geschichte spielt. Die Familie des Fürsten Irenäus zeigt deutlich die Schwächen einer durch viele Generationen gepflegten Überkultur. Er selbst zeigt Züge des Serenissimus, ja, man könnte sagen, er ist der Prototyp desselben; der Dichter hat sich jedoch sorgfältig vor Karikatur gehütet. Die Prinzessin Hedwiga, die Freundin Julias, ist die zwar in ihrem Charakter an sich aufrechte, aber mit hysterischer Nervenschwäche belastete Tochter eines alten Geschlechts. Ihr Bruder Prinz Ignaz ist ein Trottel.

In der Episode der Chiara, der Geliebten des Meisters Abraham und in der Geschichte des Mönches Cyprianus und der Angela kommt der Hang des Dichters zum Übersinnlichen, Romantischen zu seinem Rechte. Es ist ein eigentümlicher Zug Hoffmanns, daß trotz aller scheinbar ernsten Versuche, die wunderbaren Ereignisse auf natürliche Weise zu erklären, ihnen doch immer ein Zug ins Übersinnliche anhaften bleibt.

Dr. Ernst Hipp.

Vorwort des Herausgebers.

Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger als gegenwärtigem, da es, wird nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat, als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.

Daher bittet der Herausgeber den günstigen Leser, wirklich zu lesen, nämlich dies Vorwort.

Besagter Herausgeber hat einen Freund, mit dem er ein Herz und eine Seele ist, den er eben so gut kennt, als sich selbst. Dieser Freund sprach eines Tages zu ihm ungefähr also. »Da Du, mein Guter, schon manches Buch hast drucken lassen, und Dich auf Verleger verstehst, wird es Dir ein leichtes sein, irgend einen von diesen wackern Herren aufzufinden, der auf Deine Empfehlung etwas druckt, was ein junger Autor von dem glänzendsten Talent, von den vortrefflichsten Gaben vorher aufschrieb. Nimm Dich des Mannes an, er verdient es.«

Der Herausgeber versprach, sein Bestes zu tun für den schriftstellerischen Kollegen. Etwas verwunderlich wollt' es ihm nun wohl bedünken, als sein Freund ihm gestand, daß das Manuskript von einem Kater, Murr geheißen, herrühre, und dessen Lebensansichten enthalte; das Wort war jedoch gegeben, und da der Eingang der Historie ihm ziemlich gut stilisiert schien, so lief er sofort, mit dem Manuskript in der Tasche, zu dem Herrn Dümmler unter den Linden und proponierte ihm den Verlag des Katerbuchs.

Herr Dümmler meinte, bis jetzt habe er zwar nicht unter seinen Autoren einen Kater gehabt, wisse auch nicht, daß irgend einer seiner werten Kollegen mit einem Mann des Schlages bis jetzt sich eingelassen, indessen wolle er den Versuch wohl machen.

Der Druck begann, und dem Herausgeber kamen die ersten Aushängebogen zu Gesicht. Wie erschrak er aber, als er gewahrte, daß Murrs Geschichte hin und wieder abbricht, und dann fremde Einschiebsel vorkommen, die einem andern Buch, die Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler enthaltend, angehören.

Nach sorgfältiger Nachforschung und Erkundigung erfuhr der Herausgeber endlich folgendes. Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb, zerriß er ohne Umstände ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn vorfand, und verbrauchte die Blätter harmlos, teils zur Unterlage, teils zum löschen. Diese Blätter blieben im Manuskript und -- wurden, als zu demselben gehörig, aus Versehen mit abgedruckt!

De- und wehmütig muß nun der Herausgeber gestehen, daß das verworrene Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen Leichtsinn veranlaßt, da er das Manuskript des Katers hätte genau durchgehen sollen, ehe er es zum Druck beförderte, indessen ist noch einiger Trost für ihn vorhanden.

Für's erste wird der geneigte Leser sich leicht aus der Sache finden können, wenn er die eingeklammerten Bemerkungen: Mak. Bl. (Makulatur-Blatt) und M. f. f. (Murr fährt fort) gütigst beachten will. Dann ist aber das zerrissene Buch höchst wahrscheinlich gar nicht in den Buchhandel gekommen, da niemand auch nur das Mindeste davon weiß. Den Freunden des Kapellmeisters wenigstens wird es daher angenehm sein, daß sie durch den literarischen Vandalismus des Katers zu einigen Nachrichten über die sehr seltsamen Lebensumstände jenes in seiner Art nicht unmerkwürdigen Mannes kommen.

Der Herausgeber hofft auf gütige Verzeihung.

Wahr ist es endlich, daß Autoren ihre kühnsten Gedanken, die außerordentlichsten Wendungen, oft ihren gütigen Setzern verdanken, die dem Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler. So sprach z. B. der Herausgeber im zweiten Teile seiner Nachtstücke pag. 326 von geräumigen =Bosketts=, die in einem Garten befindlich. Das war dem Setzer nicht genial genug, er setzte daher das Wörtlein =Bosketts= um in das Wörtlein =Kasketts=. So läßt in der Erzählung, das Fräulein von Scudery der Setzer pfiffigerweise besagtes Fräulein statt in einer schwarzen =Robe=, in einer schwarzen =Farbe= von schwerem Seidenzeug erscheinen u. s. w.

Jedem jedoch das Seine! Weder der Kater Murr, noch der unbekannte Biograph des Kapellmeisters Kreisler soll sich mit fremden Federn schmücken, und der Herausgeber bittet daher den günstigen Leser dringend, bevor er das Werklein liest, nachfolgende Änderungen zu veranstalten, damit er von beiden Autoren nicht besser oder schlechter denke, als sie es verdienen.

Übrigens werden nur die Haupterrata bemerkt, geringere dagegen der Diskretion des gütigen Lesers überlassen. (Die in der früheren Ausgabe hier folgenden Druckfehler sind in dieser verbessert.)

Schließlich darf der Herausgeber versichern, daß er den Kater Murr persönlich kennen gelernt und in ihm einen Mann von angenehmen milden Sitten gefunden hat.

Berlin, im November 1819. E. T. A. Hoffmann.

Vorrede des Autors.

Schüchtern -- mit bebender Brust, übergebe ich der Welt einige Blätter des Lebens, des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht, die in süßen Stunden der Muße, der dichterischen Begeisterung, meinem innersten Wesen entströmten.

Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? Doch Ihr seid es, Ihr fühlenden Seelen, Ihr rein kindlichen Gemüter, Ihr mir verwandten treuen Herzen ja Ihr seid es, für die ich schrieb, und eine einzige schöne Träne in Eurem Auge wird mich trösten, wird die Wunde heilen, die der kalte Tadel unempfindlicher Rezensenten mir schlug!

Murr, Berlin, im Mai (18--). (_Étudiant en belles lettres_).

Vorwort, unterdrücktes des Autors.

Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schätze, ehre, bewundere, und ein wenig anbete.

Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt, und scharfe Krallen.

Murr, Berlin, im Mai (18--). (_homme de lettres très renommé_).

N.S. Das ist zu arg! -- Auch das Vorwort des Autors, welches unterdrückt werden sollte, ist abgedruckt! -- Es bleibt nichts übrig, als den günstigen Leser zu bitten, daß er dem schriftstellerischen Kater den etwas stolzen Ton dieses Vorworts nicht zu hoch anrechnen, und bedenken möge, daß, wenn manche wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden sollte, es nicht viel anders herauskommen würde.

D. H.

Erster Teil.

Erster Abschnitt.

Gefühle des Daseins, die Monate der Jugend.

Es ist doch etwas Schönes, Herrliches, Erhabenes um das Leben! -- »O du süße Gewohnheit des Daseins!« ruft jener niederländische Held in der Tragödie aus. So auch ich, aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen Augenblick, als er sich davon trennen soll -- nein! -- in dem Moment, da mich eben die volle Lust des Gedankens durchdringt, daß ich in jene süße Gewohnheit nun ganz und gar hineingekommen und durchaus nicht Willens bin, jemals wieder hinauszukommen. -- Ich meine nämlich, die geistige Kraft, die unbekannte Macht, oder wie man sonst das über uns waltende Prinzip nennen mag, welches mir besagte Gewohnheit ohne meine Zustimmung gewissermaßen aufgedrungen hat, kann unmöglich schlechtere Gesinnungen haben, als der freundliche Mann bei dem ich in Kondition gegangen, und der mir das Gericht Fische, das er mir vorgesetzt, niemals vor der Nase wegzieht, wenn es mir eben recht wohlschmeckt.

O Natur, heilige hehre Natur! wie durchströmt all' deine Wonne, all' dein Entzücken meine bewegte Brust, wie umweht mich dein geheimnisvoll säuselnder Atem! -- Die Nacht ist etwas frisch und ich wollte -- doch jeder der dies lieset oder nicht lieset, begreift nicht meine hohe Begeisterung, denn er kennt nicht den hohen Standpunkt, zu dem ich mich hinaufgeschwungen! -- Hinaufgeklettert wäre richtiger, aber kein Dichter spricht von seinen Füßen, hätte er auch deren viere so wie ich, sondern nur von seinen Schwingen, sind sie ihm auch nicht angewachsen, sondern nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers. Über mir wölbt sich der weite Sternenhimmel, der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen herab, und in feurigem Silberglanz stehen Dächer und Türme um mich her! Mehr und mehr verbraust das lärmende Gewühl unter mir in den Straßen, stiller und stiller wird die Nacht -- die Wolken ziehen -- eine einsame Taube flattert in bangen Liebesklagen girrend um den Kirchturm! -- Wie! -- wenn die liebe Kleine sich mir nähern wollte? -- Ich fühle wunderbar es sich in mir regen, ein gewisser schwärmerischer Appetit reißt mich hin mit unwiderstehlicher Gewalt! -- O käme sie die süße Huldin, an mein liebeskrankes Herz wollt ich sie drücken, sie nimmer von mir lassen -- ha dort flattert sie hinein in den Taubenschlag, die Falsche, und läßt mich hoffnungslos sitzen auf dem Dache! -- Wie selten ist doch in dieser dürftigen, verstockten, liebeleeren Zeit wahre Sympathie der Seelen! --

Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes, daß das Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft über uns alle, die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln, anmaßen darf? Aber ich weiß es, sie bilden sich was Großes ein auf etwas, was in ihrem Kopfe sitzen soll und das sie die Vernunft nennen. Ich weiß mir keine rechte Vorstellung zu machen, was sie darunter verstehen, aber so viel ist gewiß, daß wenn, wie ich es aus gewissen Reden meines Herrn und Gönners schließen darf, Vernunft nichts anderes heißt, als die Fähigkeit, mit Bewußtsein zu handeln und keine dummen Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. -- Ich glaube überhaupt, daß man sich das Bewußtsein nur angewöhnt; durch das Leben und zum Leben kommt man doch, man weiß selbst nicht wie. Wenigstens ist es mir so gegangen, und wie ich vernehme, weiß auch kein einziger Mensch auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt aus eigner Erfahrung, sondern nur durch Tradition, die noch dazu öfters sehr unsicher ist. Städte streiten sich um die Geburt eines berühmten Mannes, und so wird es, da ich selbst nichts Entscheidendes darüber weiß, immerdar ungewiß bleiben, ob ich in dem Keller, auf dem Boden, oder in dem Holzstall das Licht der Welt erblickte, oder vielmehr nicht erblickte, sondern nur in der Welt erblickt wurde von der teueren Mama. Denn wie es unserm Geschlecht eigen, waren meine Augen verschleiert. Ganz dunkel erinnere ich mich gewisser knurrender, prustender Töne, die um mich her erklangen, und die ich beinahe wider meinen Willen hervorbringe, wenn mich der Zorn überwältigt. Deutlicher und beinahe mit vollem Bewußtsein finde ich mich in einem sehr engen Behältnis mit weichen Wänden eingeschlossen, kaum fähig, Atem zu schöpfen und in Not und Angst ein klägliches Jammergeschrei erhebend. Ich fühle, daß etwas in das Behältnis hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte, und dies gab mir Gelegenheit, die erste wunderbare Kraft, womit mich die Natur begabt, zu fühlen und zu üben. Aus meinen reich überpelzten Vorderpfoten schnellte ich spitze gelenkige Krallen hervor und grub sie ein in das Ding, das mich gepackt und das, wie ich später gelernt, nichts anderes sein konnte als eine menschliche Hand. Diese Hand zog mich aber heraus aus dem Behältnis und warf mich hin, und gleich darauf fühlte ich zwei heftige Schläge auf den beiden Seiten des Gesichts, über die jetzt ein, wie ich wohl sagen mag, stattlicher Bart herüberragt. Die Hand teilte mir, wie ich jetzt beurteilen kann, von jenem Muskelspiel der Pfoten verletzt, ein paar Ohrfeigen zu; ich machte die erste Erfahrung von moralischer Ursache und Wirkung, und eben ein moralischer Instinkt trieb mich an, die Krallen ebenso schnell wieder einzuziehen, als ich sie hervorgeschleudert. Später hat man dieses Einziehen der Krallen mit Recht als einen Akt der höchsten Bonhommie und Liebenswürdigkeit anerkannt und mit dem Namen »Samtpfötchen« bezeichnet.

Wie gesagt, die Hand warf mich wieder zur Erde. Bald darauf erfaßte sie mich aber aufs neue beim Kopf und drückte ihn nieder, so daß ich mit dem Mäulchen in eine Flüssigkeit geriet, die ich, selbst weiß ich nicht, wie ich darauf verfiel, es mußte daher physischer Instinkt sein, aufzulecken begann, welches mir eine seltsame innere Behaglichkeit erregte. Es war, wie ich jetzt weiß, süße Milch, die ich genoß; mich hatte gehungert, und ich wurde satt, indem ich trank. So trat, nachdem die moralische begonnen, die physische Ausbildung ein.

Aufs neue, aber sanfter als vorher, faßten mich zwei Hände und legten mich auf ein warmes weiches Lager. Immer besser und besser wurde mir zu Mute, und ich begann mein inneres Wohlbehagen zu äußern, indem ich jene seltsamen, meinem Geschlecht allein eigenen Töne von mir gab, die die Menschen durch den nicht unebenen Ausdruck, spinnen, bezeichnen. So ging ich mit Riesenschritten vorwärts in der Bildung für die Welt. Welch ein Vorzug, welch ein köstliches Geschenk des Himmels, inneres physisches Wohlbehagen ausdrücken zu können durch Ton und Gebärde! -- Erst knurrte ich, dann kam mir jenes unnachahmliche Talent, den Schweif in den zierlichsten Kreisen zu schlängeln, dann die wunderbare Gabe, durch das einzige Wörtlein »Miau« Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst und Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften in ihren mannigfaltigsten Abstufungen auszudrücken. Was ist die Sprache der Menschen gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich verständlich zu machen! -- Doch weiter in der denkwürdigen, lehrreichen Geschichte meiner ereignisreichen Jugend!

Ich erwachte aus tiefem Schlaf, ein blendender Glanz umfloß mich, vor dem ich erschrak: fort waren die Schleier von meinen Augen, ich sah! --

Ehe ich mich an das Licht, vorzüglich aber an das buntscheckige Allerlei, das sich meinen Augen darbot, gewöhnen konnte, mußte ich mehrmals hintereinander entsetzlich niesen, bald ging es indessen mit dem Sehen ganz vortrefflich, als habe ich es schon mehrere Zeit hintereinander getrieben.

O das Sehen! es ist eine wunderbare, herrliche Gewohnheit, eine Gewohnheit, ohne die es sehr schwer werden würde, überhaupt in der Welt zu bestehen! -- Glücklich diejenigen Hochbegabten, denen es so leicht wird als mir, sich das Sehen anzueignen.

Leugnen kann ich nicht, daß ich doch in einige Angst geriet und dasselbe Jammergeschrei erhob, wie damals in dem engen Behältnis. Sogleich erschien ein kleiner hagerer alter Mann, der mir unvergeßlich bleiben wird, da ich meiner ausgebreiteten Bekanntschaft unerachtet keine Gestalt, die ihm gleich oder auch nur ähnlich zu nennen, jemals wieder erblickt habe. Es trifft sich häufig bei meinem Geschlecht, daß dieser, jener Mann einen weiß und schwarz gefleckten Pelz trägt, selten findet man aber wohl einen Menschen, der schneeweißes Haupthaar haben sollte und dazu rabenschwarze Augenbraunen, dies war aber der Fall bei meinem Erzieher. Der Mann trug im Hause einen kurzen hochgelben Schlafrock, vor dem ich mich entsetzte und daher, so gut es bei meiner damaligen Unbehülflichkeit gehen wollte, von dem weißen Kissen herab zur Seite kroch. Der Mann bückte sich herab zu mir mit einer Gebärde, die mir freundlich schien und mir Zutrauen einflößte. Er faßte mich, ich hütete mich wohl vor dem Muskelspiel der Krallen, die Ideen kratzen und Schläge verbanden sich von selbst, und in der Tat, der Mann meinte es gut mit mir, denn er setzte mich nieder vor einer Schüssel süßer Milch, die ich begierig auflutschte, worüber er sich nicht wenig zu freuen schien. Er sprach vieles mit mir, welches ich aber nicht verstand, da mir damals als einem jungen unerfahrnen Kiek in die Welt von Käterchen das Verstehen der menschlichen Sprache noch nicht eigen. Überhaupt weiß ich von meinem Gönner nur wenig zu sagen. So viel ist aber gewiß, daß er in vielen Dingen geschickt -- in Wissenschaften und Künsten hocherfahren sein mußte, denn alle, die zu ihm kamen (ich bemerkte Leute darunter, die gerade da, wo mir die Natur einen gelblichen Fleck im Pelze beschert hat, d. h. auf der Brust, einen Stern oder ein Kreuz trugen), behandelten ihn ausnehmend artig, ja zuweilen mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht, wie ich späterhin den Pudel Skaramuz, und nannten ihn nicht anders als mein hochverehrtester, mein teuerer, mein geschätztester Meister Abraham! -- Nur zwei Personen nannten ihn schlechtweg »mein Lieber!« Ein großer dürrer Mann in papageigrünen Hosen und weißseidenen Strümpfen, und eine kleine sehr dicke Frau mit schwarzem Haar und einer Menge Ringe an allen Fingern. Jener Herr soll aber ein Fürst, die Frau hingegen eine jüdische Dame gewesen sein.

Dieser vornehmen Besucher unerachtet wohnte Meister Abraham doch in einem kleinen hochgelegenen Stübchen, so daß ich meine ersten Promenaden sehr bequem durchs Fenster aufs Dach und auf den Hausboden machen konnte. --

Ja, es ist nicht anders, auf einem Boden muß ich geboren sein! -- Was Keller, was Holzstall -- ich entscheide mich für den Boden! -- Klima, Vaterland, Sitten, Gebräuche, wie unauslöschlich ist ihr Eindruck, ja, wie sind sie es nur, die des Weltbürgers äußere und innere Gestaltung bewirken! -- Woher kommt in mein Inneres dieser Höhesinn, dieser unwiderstehliche Trieb zum Erhabenen? Woher diese wunderbar seltene Fertigkeit im Klettern, diese beneidenswerte Kunst der gewagtesten genialsten Sprünge? -- Ha! es erfüllt eine süße Wehmut meine Brust! -- Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Boden regt sich mächtig! -- Dir weihe ich diese Zähren, o schönes Vaterland! dir dies wehmütig jauchzende Miau! -- Dich ehren diese Sprünge, diese Sätze, es ist Tugend darin und patriotischer Mut! -- Du, o Boden! spendest mir in freigebiger Fülle manch Mäuslein, und nebenher kann man manche Wurst, manche Speckseite aus dem Schornstein erwischen, ja wohl manchen Sperling haschen, und sogar hin und wieder ein Täublein erlauern. »Gewaltig ist die Liebe zu dir, o Vaterland!« --

Doch ich muß, rücksichts meiner --