Leben und Tod Königs Richard des zweyten

Chapter 7

Chapter 71,659 wordsPublic domain

Herzogin. Komm, mein alter Sohn; ich bitte den Himmel, daß er dich neu mache.

(Sie gehen ab.)

Neunte Scene. (Exton und ein Bedienter treten auf.)

Exton. Hörtest du die Worte nicht, die dem König entfuhren: "Hab ich denn keinen Freund, der mich von diesen unaufhörlichen Besorgnissen befreyen mag?" Sagte er nicht so?

Bedienter. Das waren würklich seine Worte.

Exton. "Hab' ich keinen Freund?"--sagte er; er sagte es zweymal, und zweymal mit einer gewissen Heftigkeit. That er's nicht?

Bedienter. Er that es.

Exton. Und indem er's sagte, sah' er mir starr ins Gesicht, als wollt' er sagen--Ich wünsche, du wär'st der Mann, der mein Herz dieser Besorgnisse erledigen möchte--er meynte den König zu Pomfret. Komm, wir wollen gehen--Ich bin des Königs Freund, und will ihm von seinem Feinde helfen.

(Sie gehen ab.)

Zehnte Scene. (Verwandelt sich in das Gefängniß zu Pomfret-Castle.) (König Richard tritt auf.)

König Richard. Ich studiere schon lange, wie ich dieses Gefängniß, worinn ich lebe, mit der Welt vergleichen wolle; und weil die Welt volkreich ist, und hier kein anders Geschöpf als ich selbst, so kan ich nicht damit zurecht kommen. Und doch will ich's versuchen--Mein Gehirn soll das Weib meiner Seele werden, und meine Seele, der Vater; und diese zwey sollen ein Geschlecht von Gedanken mit einander zeugen, und diese Gedanken sollen diese kleine Welt bevölkern, humorisirt, wie die Einwohner der grossen Welt, denn kein Gedank' ist zufrieden. Sogar die besten (die Gedanken von göttlichen Dingen) sind mit Zweifeln untermischt, und sezen das Wort selbst dem Wort entgegen; zum Exempel: Kommt, ihr Kleinen; und dann wieder: Es ist so schwer zu kommen, als einem Cameel durch ein Nadelöhr zu gehen.--Gedanken, die nach Unabhänglichkeit streben, brüten unmögliche Wunder aus,-- wie diese schwachen Nägel mir eine Öffnung durch die steinernen Rippen dieser Kerker-Mauren krazen könnten, und weil sie es nicht können, so zerplazen sie an ihrem eignen schwellenden Stolz. Gedanken, die nach Vergnügen streben, schmeicheln sich selbst, "sie seyen nicht die ersten Sclaven des Glüks, und werden nicht die lezten seyn," (wie schelmisches Bettelvolk, wenn sie im Stok sizen, sich damit trösten, daß schon viele da gesessen sind, und noch viele sizen werden.) Und in diesem Gedanken finden sie eine Art von Erleichterung, indem sie ihr eignes Elend auf dem Rüken derer tragen, die ehmals das nemliche ausgestanden haben. So spiel ich, in einem Gefängniß, mancherley Personen, wovon keine mit sich selbst zufrieden ist. Zuweilen bin ich ein Fürst; dann macht Verrätherey, daß ich mich zu einem Bettler wünsche, und das bin ich. Alsdann überredet mich die Dürftigkeit, es sey mir besser gewesen, da ich ein Fürst war, und dann werd' ich wieder gefürstet; und unvermerkt besinn' ich mich, daß mich Bolingbroke entfürstet hat, und da bin ich wieder nichts--Was ich aber seyn mag, so ist doch dieses gewiß, weder ich noch irgend ein andrer, wer er seyn mag, wird eher nicht zur Ruhe kommen, bis er nicht mehr ist--Hör' ich nicht Musik?

(Eine Musik.)

Ha, ha! Haltet den Tact; wie widrig die anmuthigste Musik ist, wenn das Zeitmaaß gebrochen, und die Proportion nicht gehalten wird! So ist es auch mit der Musik des menschlichen Lebens--Wie kommt es, daß ich ein so feines Ohr habe, von dem kleinsten Mißklang einer verstimmten Sayte, oder eines verspäteten Tons beleidigt zu werden; und daß ich kein Ohr hatte, die schlechte Zusammenstimmung in meinem Staat, das gebrochne Zeitmaaß in meiner Regierung zu bemerken? Ich verderbte die Zeit; nun verderbt die Zeit mich. Die Zeit hat nun ihre Stunden-Uhr aus mir gemacht; meine Gedanken sind die Minuten, und meine jammernden Seufzer die Töne, die an mein Herz anschlagen, und so die Stunden anzeigen--Diese Musik macht mich närrisch--laßt sie schweigen; wenn sie gleich schon öfters närrischen Leuten wieder zu ihrem Verstand geholfen hat, so scheint es doch an mir, daß sie kluge Leute närrisch mache. Und doch gesegnet sey der, so sie mir giebt; es ist immer ein Zeichen seiner Liebe, und Liebe zu Richard ist ein seltnes Kleinod in einer Welt, wo der Haß allezeit den Fall begleitet.

Eilfte Scene. (Ein Stallknecht kommt herein.)

Stalknecht. Heil, königlicher Herr!

König Richard. Grossen Dank, edler Pair. Der Wohlfeilste von uns beyden ist um zehn Groschen zu theuer. Wer bist du? Wie kommst du hieher? Wohin niemand kommt, als ein schwermüthiger Sclave, der mir zu essen bringt; um mein Unglük zu verlängern.

Stalknecht. Ich war ein armer Stallknecht in deinem Marstall, König, wie du noch ein König warst; und da ich unlängst nach York reisen mußte, so hab' ich um die Erlaubniß angesucht, meinen ehmaligen Herrn sehen zu dürfen. O wie weh that mir's im Herzen, wie ich in den Strassen von London, an dem Krönungs-Tag zusehen mußte, wie Bolingbroke auf dem weiß- und roth getüpfelten Barber, euerm Leibpferd, ritt; auf diesem Pferd das ihr so oft geritten, und das ich mit so grosser Sorgfalt abgerichtet hatte.

König Richard. Ritt er auf meinem Barber? Sag mir, mein guter Freund, wie gieng er unter ihm?

Stalknecht. So stolz, als ob er den Boden aus Verachtung nicht berühren wolle.

König Richard. So stolz, weil er Bolingbrok auf seinem Rüken hatte? Die Schindmähre hat Brodt aus meiner königlichen Hand gefressen; diese Hand hat ihn so oft durch streicheln stolz gemacht. Und er stolperte nicht? Er fiel nicht, und brach diesem übermüthigen Mann den Hals, der seinen Rüken usurpirte? Um Vergebung, du gutes Pferd! du verdienst mein Schelten nicht; du warst dazu geschaffen, dem Menschen unterthan zu seyn, und zum Tragen gebohren. Ich war zu keinem Pferd gemacht, und doch trag' ich die Last eines Esels, und lasse mich von dem trottenden Bolingbroke mit Sporrn zerfleischen und zuschanden reiten.

Zwölfte Scene. (Ein Hüter mit einer Schüssel, zu den Vorigen.)

Hüter. Kerl, mach' Plaz, du darfst nicht länger bleiben.

(Zum Stallknecht.)

König Richard. Wenn du mich liebst, so ist es Zeit, daß du gehst.

Hüter. Milord, beliebt es euch zu essen?

König Richard. Kost' es vorher, wie du gewohnt bist.

Hüter. Milord, ich darf nicht; Sir Pierce von Exton, der kürzlich auf des Königs Befehl hieher gekommen ist, hat mir's verboten.

König Richard. Der Teufel hole Heinrichen von Lancaster und dich! Die Geduld geht mir aus.

(Er schlägt den Hüter.)

Hüter. Hülfe, Hülfe, Hülfe!--(Exton und Bediente zu den Vorigen.)

König Richard. Wie? was soll das bedeuten? Kommt ihr mich zu ermorden?-- Unglükseliger, stirb durch dein eignes Schwerdt!

(Er reißt einem sein Schwerdt aus der Hand und stoßt ihn nieder.)

Geh du und füll' einen andern Plaz in der Hölle aus,

(er tödtet noch einen; Exton schlägt ihn mit einem Streich zu Boden, )

diese Hand soll in unauslöschlichem Feuer brennen die mit des Königs Blut des Königs eignes Land befleket hat!--Erheb' erhebe dich, meine Seele, einen himmlischen Thron einzunehmen, indem mein sterblicher Theil zur Erde sinkt.

(Er stirbt.)

Exton. So voll von Tapferkeit als königlichem Blut! Und dieses hab' ich nun vergossen! O wie wollt ich, daß diese That gut wäre! Aber der Teufel, der mir sagte, ich thue recht, sagt izt, daß sie in die Tag- Bücher der Hölle eingeschrieben ist. Ich will nun diesen todten König zu dem lebenden tragen; ihr, schleppt die übrigen fort, und sorgt, daß sie hier begraben werden.

(Sie gehen ab.)

Dreyzehnte Scene. (Verwandelt sich in den Hof zu Windsor.) (Trompeten; Bolingbroke, York, Lords und Gefolge treten auf.)

Bolingbroke. Mein geliebter Oheim York, die neueste Nachricht die wir haben, ist, das die Rebellen unsre Stadt Cicester in Glocesterschire in Brand gestekt haben; aber wir hören nicht, ob sie geschlagen oder gefangen worden-- (Northumberland zu den Vorigen.) Willkommen, Milord, was bringt ihr neues?

Northumberland. Zuerst wünsch' ich deiner geheiligten Person und Regierung vollkommne Glükseligkeit; die nächste Zeitung ist, daß ich die Köpfe von Salisbury, Spencer, Blunt und Kent nach London geschikt habe. Die Umstände ihrer Gefangennehmung sind aus diesem Papier ausführlich zu ersehen.

Bolingbroke. Wir danken dir, werther Percy, für deine Mühe, und werden deine Verdienste nach Würden zu belohnen wissen. (Fizwater zu den Vorigen.)

Fizwater. Gnädigster Herr, ich habe die Köpfe von Broccas und Sir Bennet Seely von Oxford nach London geschikt, von zween jener zusammen- verschwornen Verräther, die eure Majestät zu Oxford zu unterdrüken suchten.

Bolingbroke. Deine Bemühungen und Verdienste sollen nicht vergessen werden, Fizwater; ich weiß und schäze ihren Werth. (Percy und der Bischoff von Carlisle zu den Vorigen.)

Percy. Das Haupt der Zusammen-Verschwornen, der Abbt von Westmünster, hat, von Schwermuth und Gewissens-Bissen erdrükt, seinen Leib dem Grab abgetreten; aber hier ist Carlisle, der euerm königlichen Urtheil über sein Verbrechen sich unterwirft.

Bolingbroke. Carlile, diß ist dein Urtheil; wähle dir irgend eine stille geheiligte Freystädte aus, und geniesse darinn deines Lebens; und so wie du in Ruhe leben wirst, sollst du ruhig sterben: Ob du gleich immer mein Feind warest, so ehr' ich doch deine Tugend. (Exton tritt mit einem Sarg auf.)

Exton. Grosser König, in diesem Sarg überliefre ich dir deine begrabne Besorgnisse. Hierin ligt athemlos der gröste von deinen Feinden, Richard von Bourdeaux, von mir hieher gebracht.

Bolingbroke. Exton, ich danke dir nicht; deine fatale Hand hat Schmach und Fluch über mein Haupt, und über dieses ganze ruhmvolle Land gebracht.

Exton. Aus euerm eignen Munde, Gnädigster Herr, that ich diese That.

Bolingbroke. Man kan Gift nöthig haben, aber man liebt es nicht, und ich dich eben so wenig; ob ich ihn gleich todt wünschte, so haß ich doch den Mörder, und liebe nun den Ermordeten. Nimm du die Schuld eines bösen Gewissens für deine Mühe, aber weder meinen Beyfall noch meine Gnade. Geh, wandre wie Cain durch den Schatten der Nacht, und zeige nie dem Tag dein verabscheutes Antliz. Milords, ich schwöre euch, meine Seele ist bekümmert, daß Blut mich besprengen soll, damit ich wachsen möge. Kommt, leget die Farbe der kummervollen Traurigkeit an. Ich will einen Zug in das gelobte Land thun, um dieses Blut von meiner schuldigen Hand abzuwaschen. Folget mir in stillschweigender Trauer, und weinet mit mir über dieser unzeitigen Baare.

(Sie gehen alle ab.)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Leben und Tod Königs Richard des zweyten, von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland).