Leben und Tod Königs Richard des zweyten
Chapter 6
König Richard. Meine Augen sind voll Thränen; ich kan nicht sehen, und doch blendet ihr Salz-Wasser sie nicht so sehr daß ich nicht einen Pak Verräther hier beysammen sehe. Doch was sag ich? ich bin selbst ein Verräther wie die übrigen; denn ich habe die Einwilligung meiner Seele zur Entsezung eines Königs gegeben; ich habe die Majestät entweiht, und einen Monarchen zu einem Sclaven gemacht; ich bin ein Verräther!
Northumberland. Milord--
König Richard. Kein Lord von dir, du hohnsprechender Mann, niemands Lord; ich habe keinen Namen, keinen Titel mehr; nein, sogar der Name der mir über dem Taufstein gegeben wurde, ist usurpirt. O! des unglüklichen Tags! daß ich so manche Winter überlebt haben, und meinen eignen Namen nicht mehr wissen soll! O! daß ich ein zum Scherz aus Schnee zusammengeballter König wäre, und hier, vor Bolingbroks Sonne stehend, in Wassertropfen wegschmelzen möchte!--Guter König,-- Grosser König--wenn anders mein Wort noch gangbare Münze in England ist, so laßt es diesen Augenblik einen Spiegel hieher befehlen, damit ich sehe, wie mein Gesicht aussieht, seitdem es seine Majestät verlohren hat.
Bolingbroke. Gehe jemand, und hole einen Spiegel.
Northumberland. Überleset indessen dieses Papier, bis der Spiegel kommt.
König Richard. Teufel, du peinigst mich, eh ich noch in der Hölle bin.
Bolingbroke. Sezt ihm nicht weiter zu, Milord von Northumberland.
Northumberland. Die Gemeinen werden so nicht zufrieden seyn.
König Richard. Sie sollen es werden; ich will genug lesen, wenn ich das Buch sehe, worinn, in der That, alle meine Sünden geschrieben sind, und das bin ich selbst.
(Man bringt einen Spiegel.)
Gieb mir den Spiegel, hierinn will ich lesen--Noch keine tiefere Runzeln! Hat der Kummer so manche Streiche auf dieses mein Gesicht geführt, und keine tiefere Wunden gemacht? O! schmeichelndes Glas! Du betrügst mich wie die Freunde meines glüklichen Zustands--War dieses das Gesicht, das täglich zehntausend Menschen unter seinem Haus-Dach hielt? War diß das Gesicht, das gleich der Sonne, diejenigen die es ansahen, blinzen machte? und nun von Bolingbrok überglänzt wird? Eine zerbrechliche Majestät leuchtet in diesem Gesicht,
(er schmeißt den Spiegel auf den Boden,)
und so zerbrechlich wie die Majestät, ist auch das Gesicht; denn hier ligt es, in hundert Scherben zerbrochen. Gieb Acht, stillschweigender König, auf die Moral dieses Kinderspiels; wie schnell mein Kummer mein Gesicht zerstört hat.
Bolingbroke. Der Schatten euers Kummers hat den Schatten euers Gesichts zerstört.
König Richard. Sagt das noch einmal. Der Schatten meines Kummers! Ha, laßt einmal sehen--es ist in der That so, mein Schmerz ligt ganz in meinem Innern, und alle diese äusserlichen Zeichen von Jammer sind blosse Schatten des unsichtbaren Grams, der in geheim in der gepeinigten Seele schwellt. Ich danke dir, König, daß du mir nicht nur Ursache zum Wehklagen giebst, sondern mich auch noch lehrst, wie ich die Ursache bejammern soll. Ich will nur noch um eine einzige Gefälligkeit gebeten haben, und dann gehen und euch nicht mehr beunruhigen. Werd' ich sie erhalten?
Bolingbroke. Nennet sie, geliebter Vetter.
König Richard. Geliebter Vetter! Ah! ich bin grösser als ein König; denn wie ich ein König war, waren meine Schmeichler meine Unterthanen; nun da ich ein Unterthan bin, hab ich einen König zum Schmeichler. Da ich ein so grosser Mann bin, so hab ich nicht nöthig zu bitten.
Bolingbroke. So fordert.
König Richard. Und soll ich's haben?
Bolingbroke. Ihr sollt.
König Richard. So erlaubt mir wegzugehen.
Bolingbroke. Wohin?
König Richard. Wohin ihr wollt, wenn es nur aus euerm Gesicht ist.
Bolingbroke. Einige von euch sollen ihn nach dem Tower begleiten--Auf nächsten Mitwoch sezen wir unsre Krönung fest: Milords, haltet euch dazu gefaßt.
(Alle gehen ab, bis auf den Abbt von Westmünster, den Bischoff und Aumerle.)
Vierte Scene.
Abbt. Welch ein jammervolles Schauspiel, das wir hier gesehen haben!
Bischoff. Der Jammer wird erst kommen; die noch ungebohrne Nachwelt wird diesen Tag so scharf wie einen Dorn in ihrem Fleische fühlen.
Aumerle. Ihr heiligen Priester, ist denn kein Mittel, das Reich vor diesem verderblichen Unwesen zu retten?
Abbt. Eh ich euch hierüber mein Innerstes entdeke, sollt ihr das Sacrament darauf empfangen, daß ihr nicht nur mein Vorhaben verschwiegen halten, sondern auch alles vollziehen wollet, was ich euch nur immer auftragen werde. Ich sehe eure Stirne voll Mißvergnügen, euer Herz voll Gram, und eure Augen voll Thränen. Kommt mit mir heim zum Nacht-Essen, und da wollen wir den Grund zu einem Entwurf legen, der uns einen glüklichen Tag sehen lassen soll.
(Sie gehen ab.)
Fünfter Aufzug.
Erste Scene. (Eine Strasse in London.) (Die Königin mit ihren Damen tritt auf.)
Königin. Diesen Weg wird der König kommen: Diß ist der Weg zu jenem fatalen Thurm, den Julius Cäsar aufführte, und worein der stolze Bolingbroke meinen Herrn zur Gefangenschaft verurtheilt hat. Hier wollen wir ausruhen; wenn diese aufrührische Erde anders noch eine Ruhe für ihres rechtmäßigen Königs Gemalin hat.-- (König Richard tritt mit seiner Wache auf.) Aber stille! aber seht, doch seht lieber nicht, wie verwelkt meine schöne Rose ist-- Nein, seht auf, schaut und zerfließt aus Mitleiden in Thau, um ihn mit den Thränen einer getreuen Liebe wieder frisch zu waschen. O du, der Trümmer, wo das alte Troja stand, du Ruin der Majestät, du Grabmal von König Richard, und nicht König Richard selbst! Du schöner Gasthof, soll Gram und Jammer in dir herbergen, indeß daß Triumph der Gast in einer Bierschenke worden ist?
König Richard. Vereinige dich nicht mit meinem Kummer, schönes Weib, mein Ende zu sehr zu beschleunigen. Lerne, gute Seele! unsern vorigen Zustand als einen glüklichen Traum ansehen, von dem wir nun erwacht sind, und uns in der That in keinen bessern Umständen finden, als worinn wir sind. Meine Liebe, ich bin ein geschworner Bruder der unerbittlichen Nothwendigkeit, und wir beyde werden im Bündniß stehen bis zum Tode. Eile du nach Frankreich, und verbirg dich in irgend eine andächtige Freystätte. Es ist uns nichts übrig, als durch ein heiliges Leben die Crone in einer bessern Welt wieder zu gewinnen, die wir durch unheilige Stunden verlohren haben.
Königin. Wie? Ist mein Richard an Gestalt und Gemüth verwandelt? Hat Bolingbroke auch deinen Geist abgesezt? Ist er bis in dein Herz eingedrungen? Ein sterbender Löwe sträubt sich, und verwundet, aus Wuth überwältigt zu seyn, wenigstens die Erde, wo er fiel; und du, willt wie ein unmündiger Knabe deine Züchtigung mit Sanftmuth empfangen, die Ruthe küssen, und deinem Feind mit schaamwürdiger Demuth die Füsse lecken, du, der ein Löwe, ein König der Thiere war?
König Richard. Ein König von Thieren, in der That; und wenn es nichts als Thiere gewesen wären, so wär' ich noch ein glüklicher König von Menschen. Meine gute ehmalige Königin, mache dich reisefertig nach Frankreich. Denk, ich sey todt, und daß du eben hier, als bey meinem Todbette, den lezten Abschied von mir nimmst. In verdrieslichen Winternächten size mit guten alten Leuten zum Feuer, und laß dir Geschichten von Jammer und Unglük erzählen, die längst begegnet sind; und ehe du ihnen gute Nacht giebst, erzähl' ihnen hinwieder meinen kläglichen Fall, und schike die hörenden weinend zu Bette--
Zweyte Scene. (Northumberland und Gefolge zu den Vorigen.)
Northumberland. Milord, Bolingbrok hat seine Gedanken geändert, ihr sollt nach Pomfret, nicht nach dem Tower--Madam, es sind schon Anstalten euertwegen gemacht; ihr müßt in möglichstes Eile nach Frankreich.
König Richard. Northumberland, du Leiter, auf welcher Bolingbroke an meinen Thron hinaufgestiegen ist; die Zeit wird nicht lange aussenbleiben, da dein schwährendes Verbrechen von faulem Eyter aufbrechen wird. Du wirst denken, wenn er gleich das Reich theilt, und dir die Hälfte giebt, es sey zu wenig, weil du ihm alles gegeben habest; und er wird denken, du, der den Weg kennt unrechtmäßige Könige zu sezen, werdest, auf die kleinste Veranlassung, auch wissen, ihn wieder, so lang er ist, von seinem angemaßten Thron herab zu stürzen. Die Liebe lasterhafter Freunde verwandelt sich in Mißtrauen, und diß Mißtrauen in Haß; und der Haß wird einen oder beyde dem verdienten Untergang überliefern.
Northumberland. Mein Verbrechen sey über meinem Haupt, und soviel hievon! Nehmt Abschied von einander, ihr müßt scheiden.
König Richard. Doppelt geschieden? Gottlose Leute, ihr entheiligt eine zweyfache Ehe; zwischen mir und meiner Crone, und zwischen mir und meinem vermählten Weib. Laß mich den Eid hinwegküssen, der dich und mich vereinigt; und doch, nicht so, denn mit einem Kuß ward er gemacht. Scheid' uns, Northumberland; ich, nach Norden, wo schauernde Kälte das kranke Clima verzehrt; meine Königin nach Frankreich, von wannen sie im Pomp herübergesandt wurde, geschmükt wie der holde May, nun zurük geschikt, verdüstert und traurig wie der kürzeste Tag.
Königin. Und müssen wir denn getrennt seyn? Müssen wir denn scheiden?
König Richard. Ja, Hand von Hand, meine Liebe, und Herz von Herz.
Königin. Verbannet uns beyde, und schikt den König mit mir.
Northumberland. Das wäre gütig, aber sehr unpolitisch.
Königin. So laßt mich mit ihm gehen.
König Richard. Weine du in Frankreich für mich, und ich will hier für dich weinen; es ist besser entfernt, als näher geschieden zu seyn. Geh, zähle deinen Weg mit Seufzern ab, ich mit Ächzen den meinigen.
Königin. So wird der längste Weg die meisten Seufzer haben.
König Richard. Ich will bey jedem Schritt zweymal ächzen, weil mein Weg der kürzere ist. Komm, komm, ein Kuß soll uns den Mund schliessen, und dann fahr' wohl; so geb' ich dir mein Herz, und so nehm' ich deines.
(Sie küssen sich.)
Königin. Nein, gieb mir das meinige zurük; es wäre kein schöner Abschied, wenn ich dein Herz mit mir nehmen wollte, um es zu tödten.
(Sie küssen sich wieder.)
So, nun hab' ich das Meinige wieder, damit ich mich bestreben kan, es mit einem Seufzer zu tödten.
König Richard. Wir vermehren nur unsern Schmerz mit diesen zärtlichen Verzögerungen; noch einmal, leb' wohl; das übrige laß unsre Thränen sagen.--
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene. (Des Herzogs von York Palast.) (York und seine Herzogin treten auf.)
Herzogin. Milord, ihr wolltet fortfahren, mir den Einzug unsrer beyden Vettern in London zu erzählen, als ihr durch Thränen genöthigt wurdet, eure Geschichte zu unterbrechen.
York. Wo blieb ich stehen?
Herzogin. Bey dem kläglichen Absaz, Milord, da ruchlose unmenschliche Hände aus einem Fenster Staub und Auskehricht auf König Richard herunter schütteten.
York. Der Herzog, der grosse Bolingbroke, von einem heissen feurigen Hengst getragen, der, als ob er seinen emporstrebenden Reuter kenne, mit langsamem aber stolzem Schritt dahergieng, sezte also, wie ich sagte, seinen Zug fort, indem alle Zungen ihm entgegenriefen: Gott erhalte dich, Bolingbroke! Unzähliche weitoffne Augen schossen ihre verlangende Blike nach ihm, und das Zujauchzen war so groß, daß ihr gedacht hättet, die Mauren selbst mit den Bildern womit sie übermahlt sind, hätten auf einmal zu ruffen angefangen: Gott erhalte dich, willkommen, Bolingbroke! Indeß daß er, sich immer von einer Seite zur andern drehend, mit entblößtem Haupt, und alle Augenblike bis unter seines stolzen Rosses Kopf sich bükend, ihnen antwortete: Ich danke euch, meine Mitbürger; und so zog er langsam die Strasse durch.
Herzogin. O Jammer! Armer Richard! Wie gieng es ihm indessen?
York. Wie in einem Schauspiel die Augen der Leute, wenn ein beliebter Schauspieler die Scene verläßt, sich unachtsam von demjenigen wegwenden, der zunächst auftritt, in der Einbildung, daß sie nichts als ein langweiliges Gewäsche von ihm zu erwarten haben; eben so, oder noch verächtlicher, runzelte sich jede Stirne, da Richard kam; niemand rief. Gott erhalte ihn! Keine erfreute Zunge hieß ihn in seiner Hauptstadt willkommen; sondern Staub wurde auf sein geheiligtes Haupt geschüttet, den er mit einem so sanftmüthigen Schmerz und mit einem Gesicht, worinn Thränen und Lächeln, auf eine so herzrührende Art kämpften, von sich abschüttelte, daß, hätte nicht Gott, aus irgend einer furchtbaren Ursache, die Herzen der Menschen verhärtet, sie nothwendig hätten schmelzen, und Barbarey selbst ihn hätte beweinen müssen. (Aber der Himmel hat seine Hand in diesen Begebenheiten, und in seinen hohen Willen müssen wir den unsrigen ergeben. Wir sind nun Bolingbroks Unterthanen, und ihm hab' ich nun auf ewig meine Treue angelobt.)
Vierte Scene. (Aumerle zu den Vorigen.)
Herzogin. Hier kommt mein Sohn, Aumerle.
York. Der Aumerle war, und es nicht mehr ist, weil er Richards Freund war. Ihr müßt ihn nunmehr Rutland nennen, Madam; ich bin Bürge im Parlament für seine Treue gegen den neuen König worden.
Herzogin. Willkommen, Sohn; wo sind nun die Veilchen, die den grünen Schooß des jungen Frühlings bestreuen?
Aumerle. Madam, ich weiß es nicht, und bekümmre mich wenig darum. Gott weiß, daß es mir gleichgültig ist, ob ich bin, oder ob ich nicht bin.
York. Gut, betragt euch wohl in diesem Frühling einer neuen Zeit, sonst möchtet ihr abgeschnitten werden, eh ihr geblüht habt. Was giebts neues von Oxford? Dauren diese Lustbarkeiten und Ritterspiele noch immer fort?
Aumerle. So viel ich weiß, noch immer.
York. Geht ihr auch dahin?
Aumerle. Wenn Gott es nicht verhindert, so ist es mein Vorsaz.
York. Was für ein Siegel ist das, so aus deinem Busen heraushängt--Wie, du erblassest? Laß mich die Schrift sehen.
Aumerle. Es ist nichts, Milord.
York. So ist auch nichts daran gelegen, daß ichs sehe. Ich will befriedigt seyn, laß mich die Schrift sehen.
Aumerle. Ich bitte Euer Gnaden um Vergebung; es ist eine Kleinigkeit, die ich aus gewissen Ursachen nicht gerne sehen lassen möchte.
York. Die ich aus gewissen Ursachen sehen will, Herr. Ich fürchte, ich fürchte--
Herzogin. Was könnt ihr fürchten, Milord? Es wird nichts als irgend eine Handschrift seyn, die er wegen seiner Equipage zum Einzug ausgestellt haben wird.
York. Ich glaube du bist nicht klug, Weib--Jung, laß mich die Schrift sehen.
Aumerle. Ich bitte euch, haltet mir's zu Gnaden; ich kan es nicht sehen lassen.
York. Ich will es aber sehen, sag ich--
(Er reißt ihms weg und ließt es.)
Verrath! Schändlicher Hochverrath! Nichtswürdiger! Verräther! Sclave!
Herzogin. Was ist es dann, Milord?
York. He! wer ist da drinn? Sattlet mein Pferd. Himmel, was für eine Verrätherey ist das!
Herzogin. Wie, was ist es, Milord?
York. Meine Stiefel her, sag ich; sattlet mein Pferd. Nun bey meiner Ehre, bey meinem Leben, ich will dein Ankläger seyn, Bösewicht.
Herzogin. Was ist es dann?
York. Still, närrisches Weibsbild.
Herzogin. Ich will nicht still seyn; was ist es, Sohn?
Aumerle. Meine gute Mutter, gebt euch zufrieden, es ist nichts mehr, als wovor mein armes Leben gut stehen muß.
Herzogin. Dein Leben!
Fünfte Scene (Ein Bedienter kommt mit Stiefeln herein.)
York. Gieb mir die Stiefel her; ich will zum Könige.
Herzogin. Schlag ihn zu Boden, Aumerle--(Armer Junge, du bist betäubt.) Weg, Schurke, und komm mir nicht mehr vor die Augen.
(Zum Bedienten.)
York. Meine Stiefel!
Herzogin. Wie, York, was willt du thun? Du willt den Tod deines eignen Kinds befördern? Haben wir noch mehr Söhne? Oder können wir noch mehr bekommen? Willt du meinen einzigen Sohn in meinem Alter von mir reissen, und mich des glükseligen Namens einer Mutter berauben? Ist er nicht dein eigen?
York. Du zärtliche Thörin! Wolltest du diese schwarze Zusammenverschwörung verheeren? Ihrer Zwölfe haben das Sacrament empfangen, und sich die Hände darauf gegeben, den König zu Oxford zu ermorden.
Herzogin. Das soll er nicht; wir wollen ihn hier behalten.
York. Weg, närrisches Weib. Wär' er zwanzigmal mein Sohn, so wollt' ich ihn angeben.
Herzogin. Hättest du seinetwegen ächzen müssen wie ich, du würdest mitleidiger seyn. Aber nun merke ich deine Gedanken; du argwöhnest, daß ich deinem Bette ungetreu gewesen sey, und daß er ein Bastard sey, nicht dein Sohn; liebster York, liebster Gemal, denke nicht so; er ist dir so gleich als man seyn kan; er ist weder mir noch irgend jemand aus meiner Verwandtschaft ähnlich, und doch lieb ich ihn.
York. Aus dem Weg, widerspenstiges Weibsbild.
(Er geht ab.)
Herzogin. Geh ihm nach, Aumerle; besteig' sein Pferd, sporn' es so gut, daß du vor ihm zum König kommst, und bitt' um Gnade, eh er dich anklagen kan. Ich will nicht lange dahinten bleiben; wenn ich schon alt bin, so will ich doch noch wol so schnell reiten als York; und nimmer will ich vom Boden aufstehen, bis Bolingbroke dich begnadigt hat. Hinweg.
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene. (Verwandelt sich in den Hof zu Windsor.) (Bolingbroke, Percy, und andre Lords treten auf.)
Bolingbroke. Kan mir niemand Nachricht von meinem ungerathnen Sohne geben? Es sind volle drey Monate, seitdem ich ihn das leztemal sah. Wenn ja eine Plage über uns hängt, so ist es er; ich wollte zu Gott, Milords, daß er gefunden würde. Fragt zu London in den Weinschenken nach ihm, denn dort sagt man, hält er sich täglich in Gesellschaft zügelloser lüderlicher Leute auf, sogar mit solchen, die in holen Wegen lauren und die Reisenden berauben, indeß daß der junge ausgelassene Bube eine Ehre darinn sucht, eine so schändliche Rotte zu beschüzen.
Percy. Gnädigster Herr, es sind etwann zween Tage, daß ich den Prinzen sah, und ihm von den Ritterspielen zu Oxford erzählte.
Bolingbroke. Und was antwortete der Busch-Klöpfer?
Percy. Er sagte, er wolle in ein Bordel, und der gemeinsten Meze einen Handschuh abziehen, ihn ihr zu Ehren auf den Hut steken, und damit den herzhaftesten Ritter aus dem Sattel heben.
Bolingbroke. So lüderlich als wild; und doch seh' ich durch beydes einige Funken von Hoffnung schimmern, welche mit zunehmenden Jahren glüklich ausschlagen mögen. Aber wer kommt hier? (Aumerle zu den Vorigen.)
Aumerle. Wo ist der König?
Bolingbroke. Was hat unser Vetter, daß er so starr und wild aussieht?
Aumerle. Gott erhalte Euer Majestät. Ich bitte euch, etliche Augenblike mit Euer Majestät allein sprechen zu dürfen.
Bolingbroke. Entfernet euch, und laßt uns hier allein; was ist dann nun die Sache, Vetter?
Aumerle (kniend.) Auf ewig mögen meine Knie in die Erde wachsen, und meine Zunge an meinen Gaumen, oder Euer Majestät ertheile mir Gnade, eh ich rede!
Bolingbroke. Was ist dein Fehler, vorgesezt, oder würklich begangen? Wenn nur das erste, so groß er seyn mag, so vergeb' ich ihn dir, um deine künftige Liebe zu gewinnen.
Aumerle. So erlaubet mir, Gnädigster Herr, daß ich den Schlüssel umdrehen darf, damit niemand herein komme, bis meine Erzählung zu ende ist.
Bolingbroke. Das magst du.
York (hinter der Scene.) Gnädigster Herr, nehmt euch in Acht, seht euch vor, ihr habt einen Verräther bey euch.
Bolingbroke (zu Aumerle.) Nichtswürdiger, ich will bald mit dir fertig seyn--
Aumerle. Halt deine rächende Hand zurük, du hast keine Ursache zu fürchten.
York. Mach die Thür auf, sichrer, unbesonnener König; öffne die Thür, oder ich werde sie einstossen.
Siebende Scene. (York zu den Vorigen.)
Bolingbroke. Was giebt es, mein Oheim? Sprich, komm erst zu Athem; sag uns, wie nah ist die Gefahr, damit wir uns waffnen können, ihr entgegen zu gehen?
York. Überlies diese Schrift, so wirst du die Verrätherey kennen, von der ich, athemloß wie ich bin, noch nicht reden kan.
Aumerle. Erinnre dich, indem du liesest, deines gegebnen Versprechens. Es reuet mich, lies meinen Namen nicht, mein Herz ist kein Bundsgenosse meiner Hand.
York. Nichtswürdiger, dein Herz war ein Verräther, eh deine Hand es war-- ich riß es aus des Verräthers Busen, König. Furcht, nicht Liebe zeugt seine Reue; habe kein Mitleiden mit ihm, oder dein Mitleiden möchte eine Schlange werden, und dein Herz durchstechen.
Bolingbroke. O grauliche, verwegne und mächtige Verschwörung! O rechtschaffner Vater eines verrätherischen Sohns, du reine, unbeflekte Silberquelle, aus welcher dieser Strom durch sumpfige Örter geflossen, und so sich selbst verunreinigt hat. Der Überfluß deiner Verdienste soll diesen tödtlichen Fleken von deinem verbrecherischen Sohn abwaschen.
York. So würde meine Tugend die Kupplerin seines Lasters seyn; und wie verschwendrische Söhne ihrer kargen Väter Gold, so würde er durch seine schändliche Thaten meine Ehre verprassen.* Meine Ehre lebt nur, wenn seine Schande stirbt; du tödtest mich, du tödtest den rechtschaffnen Mann, wenn du den Verräther leben lässest.
{ed.-* Von hier bis zur 9ten Scene lauter Reime im Original.}
Die Herzogin (hinter der Scene.) O! Gnädigster Herr, um Gottes willen, laßt mich ein.
Bolingbroke. Was für ein hellstimmiger Supplicant macht dieses ängstliche Geschrey?
Herzogin. Ein Weib, und deine Tante, grosser König, ich bin's. O lasset mich vor, habet Mitleiden mit mir, laßt die Thür öffnen. Eine Bettlerin bettelt, die zuvor noch nie gebettelt hat.
Bolingbroke. Unsre Scene hat ihre ernsthafte Gestalt verlohren, und hat sich in den Bettler und den König verwandelt; mein gefährlicher Vetter, laßt eure Mutter herein, sie kommt ohne Zweifel für euch zu bitten.
York. Wenn du vergiebst, wer es auch sey, der dich um Gnade bittet, so wird deine Gnade die Aufmuntrung zu neuen Verbrechen seyn. Schneide dieses eyternde Gelenk ab, so bleibt das übrige gesund; wo nicht, so wird der ganze Leib angestekt werden.
Achte Scene. (Die Herzogin von York zu den Vorigen.)
Herzogin. O König, glaube nicht diesem hartherzigen Mann; wer kan jemand andern lieben, der sich selbst nicht liebt?
York. Du aberwiziges Weibsbild, was machst du hier?--
Herzogin. Geduld, lieber York; höret mich, Gnädigster Herr.
(Sie kniet.)
Bolingbroke. Steht auf, meine Tante.
Herzogin. Noch nicht, ich bitte euch; ewig will ich hier auf meinen Knien ligen, bis du durch die Begnadigung meines armen Sohns mir das Leben giebst.
Aumerle. Kniend füg' ich zu meiner Mutter Bitte die meinige.
York. Und kniend heißt mich meine Treue wider beyde bitten; nimmer wirst du gedeyhen, wenn du Gnade widerfahren lässest.
Herzogin. Bittet er im Ernst? O betrachtet sein Gesicht; seine Augen lassen keine Thränen fallen, sein Bitten ist nur Verstellung, seine Worte kommen nur aus seinem Mund, unsre aus dem Herzen; er bittet nur, um nicht erhört zu werden, wir bitten mit Herz und Seele; seine müden Knie, ich weiß es, hoffen freudig aufzustehen; die unsrige sollen knien, bis sie in den Boden wachsen. O so laßt dann unser aufrichtiges Flehen seine heuchlerische Bitte überschreyen!
Bolingbroke. Meine liebe Tante, steht auf.
Herzogin. Nein, sagt nicht, daß ich aufstehen soll, ihr habt dann zuvor seine Begnadigung ausgesprochen. O wär ich deine Amme, und sollte dich reden lehren, Gnade sollte das erste Wort seyn, das deine Zunge aussprechen lernte. Noch nie verlangte ich mit Ungeduld ein Wort zu hören als izt, o König, sprich Gnade, so erhältst du zwey Leben mit einem Wort.
Bolingbroke. Steht auf, meine gute Tante.
Herzogin. Ich bitte nicht, um Erlaubniß, zu stehen; Vergebung ist alles, warum ich bitte.
Bolingbroke. Ich vergebe ihm, wie der Himmel mir vergeben soll!
Herzogin. O! du bist ein Gott auf Erden! Wo ist ein Wort, das aus einem königlichen Munde schöner tönt? O! Sag es noch einmal, mein ängstlich-zweifelndes Herz gewiß zu machen.
Bolingbroke. Von ganzem Herzen vergeb' ich ihm. Aber was unsern getreuen Schwager, den Abbt, betrift--und alle übrige von dieser zusammen- verschwornen Rotte, die soll unerbittliches Verderben an den Fersen ereilen!--Mein geliebter Oheim, sorget dafür, daß eine hinlängliche Anzahl von Truppen nach Oxford, oder wo diese Verräther immer seyn mögen, abgeordnet werde. Ich will sie haben, sobald ich weiß wo sie sind, und ich schwöre sie sollen in dieser Welt nicht leben! Lebet wohl, Oheim; und ihr, Vetter, Adieu; eure Mutter hat euch gute Dienste gethan; es ist nun an euch, einen guten Gebrauch davon zu machen.