Leben und Schicksale des Katers Rosaurus oder die kleine Prinzessin und ihre Katze

Part 4

Chapter 43,626 wordsPublic domain

Glücklicher Weise sind diese Thiere nicht sehr zahlreich und blos auf das heißeste Klima Ostindiens beschränkt.

Wenn der Tiger irgend ein großes Thier, z. B. ein Pferd oder einen Büffel getödtet hat, so zerreißt er es nicht an der Stelle der That, sondern er schleppt es in die Tiefe des Waldes mit einer Leichtigkeit, daß die Schnelligkeit seines Laufes gar nicht durch die Schwere des Gegenstandes gehemmt zu sein scheint. Der Tiger ist vielleicht das einzige Thier, das man nicht zähmen kann; er ist immer bös, sowohl wenn man ihn gut, als wenn man ihn schlecht behandelt. Nicht Gewohnheit, nicht Zeit vermag ihn zu bändigen; er zerreißt die Hand, welche ihm Nahrung reicht, wie die, welche ihn schlägt und alles Lebendige erscheint ihm nur als erschaffen, um seine Beute zu werden. Die Tigerin wirft wie die Löwin 4-5 Junge, und ihre Wuth steigert sich bis zu einem entsetzlichen Grade, wenn man dieselben raubt.

_Der Panther_

gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Er sieht wild aus, hat ein stets unruhiges Auge; seine Bewegungen sind heftig und seine Stimme gleicht der eines wüthenden Hundes. Die Zunge ist rauh und sehr roth; die Zähne sind stark und spitzig, die Krallen hart und scharf. Das Fell ist schön, mit schwarzen ringelartigen Flecken besäet. Der Panther gleicht an Gestalt und Größe einer Dogge von guter Raçe, nur mit kürzern Beinen.

In Persien und andern Theilen von Asien pflegt man den Panther zur Jagd zu benutzen, ohne ihn jedoch zähmen zu können, denn er verliert nie seinen wilden Charakter und wenn man sich seiner bedienen will, bedarf es großer Mühe, um ihn abzurichten und noch größere Vorsicht, um ihn auszuführen und zu benutzen.

_Die Unze_

ist zahlreicher und weiter verbreitet als der Panther. Sie lebt gewöhnlich in Arabien und im südlichen Asien; man bedient sich ihrer dort zur Jagd, weil in den heißen Ländern Asiens die Hunde selten sind. Die Unze hat indeß den Geruch nicht so fein wie der Hund und kann das Wild nicht nach seiner Fährte verfolgen; auch würde es nicht im schnellen Laufe verfolgen können, sondern jagt nur nach dem Gesicht und kann sich nur aus dem Hinterhalt auf ihre Beute stürzen und sie niederwerfen.

_Der Leopard_

hat dieselben Gewohnheiten und denselben Charakter, wie der Panther, aber man kann ihn nicht so leicht zähmen; er bewohnt den Senegal und Guinea, wo man ihn sehr häufig findet. Panther, Unze und Leopard bewohnen nur die hintersten Landesstrecken von Asien und Afrika; sie halten sich am liebsten im dichten Walde und am Ufer der Flüsse auf oder auch in der Nähe entlegener menschlicher Wohnungen, wo sie den Hausthieren auf dem Wege nach der Quelle gern auflauern. Sie fallen selten Menschen an. Leicht erklettern sie Bäume, von deren Zweigen sie auf ihre Beute herabstürzen. Obgleich sie meistens sehr mager sind, so gilt ihr Fleisch doch als Leckerbissen für den Reisenden.

Wilhelm wendete bald sein Interesse von dem Bericht des Menageriebesitzers ab und den Affen zu, welche auch gar zu lustig anzuschauen waren. Sie befanden sich in einem großen Bauer, worin sie unaufhörlich umhersprangen. Ueberall gab es allerliebste Affengruppen. Hier flöhte eine alte Aeffin ihr Kind mit mütterlicher Liebe; dort wickelten sie einige Bonbons aus Papierhüllen und grinzten freudig über den Fund. Manche balgten sich, andere schaukelten sich in großen Ringen, die mit Seilen aufgehängt waren, oder sie wiegten sich in Zweigen, die man im innern Raum des Bauers angebracht hatte. Wilhelm meinte immer, diese Thiere müßten Menschen sein, weil sie so menschliche Bewegungen zeigten.

Was ihn aber mehr als alles andere an diesen Affenbauer fesselte, das waren die zahllosen Kinder, welche umherstanden und im Anschauen vertieft nicht Acht hatten auf ihre Habseligkeiten. So war es dem kleinen Taschendieb schon gelungen, einige Taschentücher und einen wohlgefüllten Arbeitsbeutel zu rauben und in seine Rocktasche zu verbergen.

[Buntbild: Rosaurus in dem Löwenkäfig.]

Kapitel 9.

Die böse That und deren Folgen.

Und ist das Fädchen noch so fein gesponnen, Am Ende kommt es doch ans Licht der Sonnen.

Plötzlich vernahm man Geräusch an der Thür und es hieß: -- „die kleine Prinzessin käme, um die Thiere zu sehen.“ Alles blickte nach ihr hin und freuete sich über ihr freundliches Grüßen und über ihren hübschen Anzug. -- Wie sie vor den Käfig des großen Löwen trat, stieß sie einen lauten Schrei der Ueberraschung und des Entsetzens aus, denn sie erkannte auf den ersten Blick ihren Rosaurus. Sie wollte auch gleich mit der Hand durch die Eisenstäbe fahren, um den kleinen Liebling zu streicheln und zu trösten, aber Mlle. Gogo riß sie erschrocken zurück. -- Der Menageriebesitzer wurde sogleich gefragt, wie er zu dem Kätzchen gekommen sei? und er erzählte, daß er es einem unbekannten Knaben abgekauft habe, welcher noch in diesem Augenblick hier gewesen, -- er wolle sogleich nach ihm suchen.

Wilhelm war aber nicht zu finden und das ging auch ganz natürlich zu; denn als er das Gespräch über das Kätzchen hörte, wurde ihm bang ums Herz und er kroch unter einen Tisch, worauf Papageien standen, und dessen unterer Raum mit einem Leinwandvorhang versehen war; da war er sicher geborgen. Durch ein Loch konnte er Alles sehen, was in der Menagerie vorging, und hören konnte er auch Alles. So mußte er denn Zeuge sein, wie der Menageriebesitzer das Kätzchen aus dem Löwenkäfig holte und einen Thaler erhielt, während er doch nur einen Groschen dafür bezahlt hatte. Wilhelm ärgerte sich recht, daß er nicht selbst ein so gutes Geschäft gemacht habe.

Es wurde ihm indeß sehr unheimlich unter dem Tisch zu Muthe; denn es befand sich unter demselben eine große Aeffin im Wochenbette, welche den unberufenen Eindringling mit den langen Armen in den Nacken kratzte, und unter dem Käfig der Aeffin stand der eines brütenden Pelikans, welcher, ebenfalls entrüstet über die Störung, Wilhelm so arg biß, daß die Hosen zerrissen und das Blut strömte. Er, der schon so wenig Sitzefleisch in der Schule hatte, fürchtete auf diese Weise ganz untüchtig zum Sitzen zu werden und als die Nachsuchung zu Ende war, benutzte er den Moment, wo ein dicker Herr sich vor den Tisch gestellt hatte, um hervor zu kriechen und sich hinter diesem verborgen zu halten.

Da aber das Böse in seinem Herzen nie schlummern konnte, so entging es seiner Aufmerksamkeit nicht, daß der dicke Herr eine sehr wohlgefüllte Börse, woraus er so eben ein Extra-Trinkgeld für die Schlange gezahlt hatte, in die linke Rocktasche steckte. Die Schlange fraß nämlich so eben eine Taube in gewohnter grausamer Weise, indem sie mit der freundlichsten Miene von der Welt dieselbe beleckte und durch ihren Speichel schlüpfrig und geschmeidig machte; dann zog sie das arme Thier unbarmherzig in ihren Rachen, und man fühlte, wie es im tiefen Schlund noch zappelte.

Wilhelm meinte, der dicke Herr sähe gewiß so aufmerksam zu, daß er es nicht merken würde, wenn seine zarte Hand ihm in die Tasche griff, und die Börse heraus holte und im Hui war diese Hand auch drinnen. Aber in demselben Augenblick fühlte Wilhelm, daß sie von einer anderen, kräftigeren Hand gefaßt wurde, welche unter dem Rocke schon mußte geruht haben; zu gleicher Zeit ward sein Ellbogen ergriffen und mit Riesenkraft auf einen Ruck sein Unterarm wie ein dürres Stück Holz zerknickt. Wilhelm schrie vor Schreck und vor Schmerz und als der dicke Herr sich ihm zuwendete, da erkannte er in ihm denselben, der ihm neulich die zwei Ohrfeigen und den Groschen gegeben hatte. Es war der Herr Polizei-Präsident. „Aha, sagte dieser, wir kennen uns schon; jetzt hoffe ich, stiehlst du so bald nicht wieder.“

Das ganze Publikum war aufmerksam auf den schreienden Knaben geworden und auch die Prinzessin wollte ihn bedauern und ihm etwas schenken. Aber der Menageriebesitzer erzählte ihr, daß es derselbe Knabe sei, der ihren Rosaurus für den Löwen verkauft habe; auch fanden sich beim Ausleeren seiner Taschen eine Menge gestohlener Gegenstände. „Nein, dieser verdient kein Mitleid!“ meinten die Leute.

Aber er litt doch große Schmerzen; blaß und zitternd stand er da und alle Blicke waren auf ihn gerichtet; ein Wundarzt, welcher zufällig in der Nähe war, untersuchte den Arm und erklärte, derselbe müsse sogleich eingerichtet werden.

„Das soll in meinem Haus geschehen,“ sagte der Polizei-Präsident; „ich will ihn bei mir verpflegen lassen und auch alle Kosten tragen. Seine Eltern taugen gewiß nicht viel, sonst würde der Junge nicht so durchtrieben sein.“

So wurde denn Wilhelm fortgebracht, während die kleine Prinzeß mit ihrem Rosaurus sich nach Haus begab und sich vornahm, ihm das Leben noch viel angenehmer als früher zu machen. -- Sie konnte sich gar nicht denken, wie er in des bösen Knaben Hände gekommen sei und als Mlle. Gogo endlich nähere Erkundigungen einzog, und man nach der Beschreibung Wilhelms und nach dem Arbeitsbeutel, den er noch besaß, die lange Jenny als die Ursache von Rosaurus Verschwinden erkannte, da wurde der Letzteren erklärt, daß sie nie wieder bei der kleinen Prinzessin eingeladen werden solle, was allerdings eine große Strafe und auch eine große Schande war. Der Vater schickte sie hierauf in ein Institut und man hoffte, sie werde von da artiger zurückkehren.

Es war recht gut, daß Wilhelm in gute Pflege kam, denn zu Hause fehlte es ja an Allem. Sein Vater hatte beim Holzlesen einen jungen Baum abgehauen und war dabei ertappt worden, da mußte er zur Strafe für die Waldbuße arbeiten und da die Mutter nichts verdienen konnte, so war kein Geld zu Hause.

Im Hause des Präsidenten fehlte es indeß an Nichts. Wilhelm lag im reinlichen Bett in einer hübschen Kammer. Eine freundliche Magd bediente ihn und pflegte ihn. In den ersten Tagen bekam er blos Wassersuppen und kühlende Getränke zu genießen, später sorgte man für kräftigere Nahrung; ein freundlicher Arzt besuchte ihn täglich und der Präsident brachte ihm Bilder und Bücher und setzte sich stundenlang an sein Bett, um ihm Geschichten zu erzählen, er wußte deren sehr schöne: von klugen Kindern, die anstatt ihre Geistesgaben auf das Lernen oder etwas Nützliches zu richten, sie benutzten, um andere Menschen zu überlisten und zu betrügen; er erzählte auch von Verbrechen, die lange geheim gehalten wurden, endlich aber doch ans Tageslicht kamen und den Uebelthäter zur Strafe brachten.

_Der Finger Gottes._

In einem kleinen Städtchen lebte einst eine glückliche Familie; die Eltern waren brav und die Kinder gut erzogen. Nur ein Sohn, Namens Ludwig, gab durch seinen heftigen Charakter oft Ursache zur Unzufriedenheit; dabei hatte er ein rachsüchtiges Gemüth und in den Stunden seines Zorns hatte er manchem Freund schon weh gethan und oft die Geschwister schwer gekränkt. Trotz aller Vorstellungen hatte er diesen Fehler nicht abgelegt; er war nun 16 Jahr, confirmirt, und noch immer brach von Zeit zu Zeit, bei unbedeutender Gelegenheit, seine blinde Wuth aus und äußerte sich in irgend einer Unthat, deren Folgen indeß nie so bedeutend waren, daß sie eine andere Strafe als die Rügen des Vaters veranlaßt hätte.

Eines Tages war Ludwig mit dem Sohn eines Gutsbesitzers beim Tanzen in Streit gerathen; in Wuth entbrannt, wollte er mit der Faust auf seinen Gegner losgehen, dieser aber, stärker wie er, ergriff ihn beim Kragen und warf ihn zur Thür hinaus.

Rache brütend ging Ludwig nach Hause; er mußte vor einem Bauerngut vorbei, welches dem Vater seines Gegners gehörte und einst dessen Erbtheil werden sollte. Er konnte seinem Beleidiger wohl keinen größern Schabernack anthun, als wenn er dasselbe niederbrannte. Noch immer war er in der Aufregung des Zorns und rasch griff er nach dem Feuerzeug und warf einige glimmende Schwammstückchen ins Fenster. Da diese aber nicht gleich zündeten, nahm er ein Wachslichtchen, welches auf der Schwester Weihnachtsbaum gestanden hatte, und warf es brennend in das Stroh. -- Dann ging er weiter. Er hatte kaum die böse That gethan, als sein Zorn sich legte und er sie zu bereuen anfing; er hoffte, es werde nicht Feuer fangen. Als er aber eine Stunde zu Bette war, vernahm er den Feuerlärm. Er eilte nach der Brandstätte, er half mit löschen und retten; er war unermüdlich und scheuete keine Gefahr. Er holte sogar ein Kind aus den Flammen, wobei er selbst sehr beschädigt ward; aber nichts konnte das ungestüme Pochen seines Herzens beschwichtigen. Das Gut war niedergebrannt; die Besitzer dankten denen, die beim Retten behülflich gewesen waren und Ludwig vor allen Andern; der Dank that diesem aber sehr weh. Er hätte gern sein Hab’ und Gut hingegeben, um ihn zu entschädigen. -- Man quälte sich mit Vermuthungen, wer das Feuer angelegt habe; weder der Gutsbesitzer noch dessen Sohn hatten Jemand beleidigt; sie kannten keinen Feind; man hatte nichts gefunden von dem Mordbrenner, als ein Wachsstöckchen, welches verlöscht war und seinen Zweck nicht erfüllt hatte. Es giebt so viele Wachsstöckchen in der Welt. Dieses konnte unmöglich auf den Schuldigen führen.

Ludwig ward täglich ernster und mehr in sich gekehrt. Seine Wangen erbleichten, er schlief nicht des Nachts; sein Gewissen quälte ihn; auch fürchtete er, man möge doch einmal entdecken, daß er ein Mordbrenner sei und ihn dafür bestrafen. Eines Tages wurde er wirklich abgeholt und verhört. -- Einer der Untersuchungsrichter war mit Ludwigs Vater zusammen in der Residenz gewesen und sie hatten zusammen die bunten Wachslichter für den Weihnachtsbaum gekauft; so wußte er, wo solche Lichter waren; kaum war diese Spur gefunden, so gedachte man des Streites, welchen Ludwig am Vorabend des Brandes gehabt. Dann bemerkte man sein unruhiges Wesen, seine bleichen Wangen. Er ward verhört, gestand und wurde auf viele Jahre ins Zuchthaus verurtheilt. So kommt selbst das Geheimnißvollste an den Tag.

Christian, der Sohn eines Tagelöhners, ging einst an einem Garten vorüber, wo Aprikosen an einem Baume hingen. Die Früchte waren ganz reif und hatten die schönsten rothen Backen. „Das will ich mir merken,“ dachte der naschlustige Knabe, „heute Nacht, wenn es dunkel ist, da komme ich und hole sie mir.“ -- Als er fort war, kam Peter, der Sohn des Hirten; sein Vater hatte ihn betteln geschickt und er kam heim mit einem Sack voll Brodrinden. Aber er war sehr müde, und da er noch weit von Hause war, legte er sich vor die Gartenthür, welche eine Art von Obdach bot, und schlief ein. -- Er wachte auf durch ein Geräusch und sah Jemand in den Garten steigen. Christian hatte sich zwar vorsichtig umgeschaut, aber den in dem Schatten der Thür ruhenden Hirtenknaben nicht entdeckt. Der kleine Peter erkannte dagegen beim Mondenschein den Einsteigenden, wollte ihn aber nicht stören, weil er fürchtete, derselbe könne ihn schlagen. Er legte sich also auf die andere Seite und schlief weiter. Am andern Morgen ward er unsanft von dem Gärtner geweckt, welcher ihn für den Dieb hielt und ihn durchaus vor die Polizei schleppen wollte; aber Peter betheuerte seine Unschuld, er zeigte den Inhalt seines Bettelsacks vor und nannte, da alles nichts half, den wirklichen Dieb. Wirklich fand der Gärtner, welcher gleich in Christians Wohnung ging, die gestohlenen Früchte, während Christian noch fest schlief; er hatte ja einen Theil der Nacht durchwacht und war fest überzeugt, daß Niemand ihn gesehen habe. -- Gott sieht es aber immer und weiß es auch immer also zu lenken, daß die menschliche Gerechtigkeit es erfahre und daß schon auf Erden die Strafe den Verbrecher erreicht.

Im Anfang hörte Wilhelm nur mürrisch zu; er hatte ja Schmerzen und diese Schmerzen hatte der Mann, welcher da vor ihm saß, verursacht. Nach und nach aber erweichten die liebevollen Worte sein Gemüth; es war ihm oft zu Muthe, als werde es plötzlich vor seiner Seele Tag; als falle ein Schleier vor seinen Augen herab und er erkannte eine Wahrheit; diese Wahrheit hieß aber: Ehrlich währt am längsten.

Eines Tages, als Wilhelm eine schmerzlose Nacht gehabt hatte und zum ersten Mal das Bett verlassen konnte, freilich mit festgeschientem Arm, frug der Präsident ihn mit seiner freundlichen sanften Stimme: „sage mir doch recht aufrichtig, was du denn eigentlich mit deiner Hand in meiner Tasche wolltest?“

_Wilhelm._ Ich wollte Ihren Geldbeutel herausholen.

_Präsident._ Wußtest du denn nicht, daß das gestohlen sei?

_Wilhelm._ O ja! das wußte ich sehr wohl.

_Präsident._ Wußtest du denn nicht, daß das Stehlen unrecht sei?

_Wilhelm._ Das wußte ich nicht so ganz genau; ich wußte nur, daß man gestraft wird, wenn man sich dabei ertappen ließ und ich habe mich niemals ertappen lassen (hier lächelte Wilhelm triumphirend).

_Präsident._ Machte dir denn das Stehlen Freude?

_Wilhelm._ Ja! sehr große, besonders wenn ich es recht geschickt anfing und wenn es mir mit großer Mühe gelang. Auch war ich froh, wenn ich etwas nach Hause brachte; und zu Hause konnte man alles brauchen.

_Präsident._ Wußten denn deine Eltern, daß das, was du nach Hause brachtest, gestohlenes Gut sei?

Wilhelm schwieg verlegen; er scheute sich, seine Eltern zu verrathen; „die Eltern, sagte er, schickten mich mit der Schwester aus, um zu betteln -- es ging aber gar zu langsam, wir brachten nur wenig zusammen, kaum genug, ein Brod zu kaufen und ich wollte doch auch manchmal ein Stückchen Kuchen essen. Man sieht so schöne Sachen bei den Conditoren am Fenster stehen, das giebt Lust zu naschen und ich fand es ungerecht, daß die Reichen allein solche gute Sachen genießen sollten.“

_Präsident._ Als Gott Reiche und Arme schuf, muß er wohl sehr weise Absichten gehabt haben. Der Arme kann übrigens reich, der Reiche arm werden, der Arme wird aber nur reich durch Arbeit, nicht durch Diebstahl; denn auf der Sünde ruht kein Segen. Ich will dir Mittel an die Hand geben, die dich reich machen können, wenn du brav und arbeitsam werden willst.

_Wilhelm._ Ja, das will ich!

_Präsident._ Nun, so gieb mir die Hand darauf, daß du nie wieder fremdes Eigenthum an dich nehmen wirst.

Wilhelm versprach es.

_Präsident._ Auch versprich mir nie zu lügen.

Wilhelm versprach es auch.

_Präsident._ So will ich dich in eine Schule bringen, wo du erzogen und unterrichtet wirst; dann laß ich dir ein Handwerk lernen, welches dich ernähren kann, und du kannst dir eins wählen.

_Wilhelm._ Ich möchte gern Bäcker oder Conditor werden.

_Präsident._ Haha! wohl wegen der guten Kuchen.

_Wilhelm._ Ich meine, es muß eine Freude sein, das bereiten zu können, was so vielen Leuten gut schmeckt.

_Präsident._ Brav, mein Junge; es ist recht, wenn man nicht blos an sich selbst, sondern auch an Andere denkt. Bist du mir noch böse, daß ich dir den Arm in meiner Tasche zerbrach. Ich kann in meiner eignen Tasche doch machen, was ich will, und was sich unberufen hinein verirrt, muß sich alles gefallen lassen.

_Wilhelm._ Ich bin jetzt recht froh, daß Sie mir den Arm zerbrachen und ich will Ihnen immer recht dankbar dafür sein, wenn Sie mir etwas Tüchtiges lernen lassen.

Als der Präsident eines Tages der kleinen Prinzessin begegnete, fragte diese:

„Was macht der kleine böse Junge?“

„Er ist kein böser Junge mehr,“ antwortete der Präsident, „und es würde gar keine bösen Jungen in der Welt geben, wenn die Eltern nicht böse wären.“ Er erzählte hierauf, wie Wilhelm erzogen worden und daß er noch andere Geschwister habe. Die Prinzessin frug nun, ob diese auch so böse wären? Man ließ sich nach ihnen erkundigen und hörte bald nur Gutes von Dorothea; die Prinzessin ließ sie kleiden und in eine Strick- und Nähschule schicken. Die kleine Hanne wurde aber in einer Klein-Kinderbewahrschule untergebracht, wo sie beten, singen, stricken und hübsche Verschen lernte; man hielt sie auch dazu an, sich die Nase zu putzen und die Hände zu waschen, was sie zu Hause nicht nöthig hatte; auch mußte sie hübsch sittsam sein. Der Präsident sagte: auf solche Weise rette man die Kinder von dem Verderben, und führe ihre Seelen dem Himmel zu.

Kapitel 10.

Das große Abenteuer.

Verliere den Muth nicht in Gefahr, Gott wacht und schützt dich immerdar.

Täglich besuchte die Prinzessin den Löwen und brachte eine Stunde in der Menagerie zu. Sie war dem Thier sehr dankbar, daß er ihr Kätzchen nicht gefressen hatte, und wollte ihm ihre Erkenntlichkeit beweisen, indem sie ihm alle Tage einige Pfund Fleisch brachte. Dieses Fleisch war hübsch in Stücken geschnitten und auf Papier in einem zierlichen Körbchen geborgen, welches der Bediente ihr nachtrug. Die Fleischstücken reichte sie selbst dem Löwen durch das Gitter und sie machte es dabei nicht wie der Menageriebesitzer bei der Fütterung, welcher ihm das Fleisch, nachdem er es gereicht hatte, mit dem eisernen Haken so oft wieder entzog, um ihn recht böse zu machen und den Zuschauern ein Beispiel seiner bestialischen Wuth zu geben. Nein, sie reichte es dem Löwen recht schnell und ohne sich zu fürchten. Der Löwe kannte auch bald seine kleine Wohlthäterin, besonders wenn sie Rosaurus mitbrachte, der ihr gewöhnlich auf der Schulter saß. Wenn sie mit ihrem Gefolge eintrat, legte er sich ganz sanftmüthig vor das Gitter nieder und empfing dankbar sein Geschenk; dabei pflegte er mit Rosaurus um die Wette zu schnurren.

Im Sommer bewohnte die Prinzessin ein Lustschlößchen in einer kleinen Entfernung von der Stadt; dort durfte sie recht lustig herumspringen und recht wenig Stunden haben. Damit sie ihre Gespielinnen nicht entbehre, wurde Lisi mitgenommen. Joly und Rosaurus durften natürlich nicht fehlen. Das Schlößchen war von einem hübschen Garten umgeben und an den Garten stieß ein kleiner Wald. Die Kinder durften sich darin nach Belieben ergehen und erfreueten sich des Landlebens, indem sie Blumen suchten, Kränze banden oder Seifenblasen machten. Letztere unterhielten besonders Rosaurus recht gut, welcher immer danach haschte und sehr verwundert war, wenn sie unter seinen Sammetpfötchen zerplatzten. Joly war ebenfalls sehr verlegen, wenn die Kinder ihm ihre Seifenblasen auf die Nase zerplatzen ließen; er bellte dieselben oft an, zog das Schwänzchen ein und riß vor ihnen aus. Uebrigens vertrug er sich viel besser als im Anfang mit Rosaurus. Obgleich sich wohl dann und wann bei Freßgelegenheiten ein Streit zwischen Beiden erhob wegen des Mein und Dein, so konnten sie doch recht oft niedlich zusammenspielen. -- Rosaurus mochte wohl einsehen, daß Joly im Vergleich mit dem Pudel Kartusch ein sehr wohl erzogener und höflicher Hund sei.

Eines Tages saß die Prinzessin mit Lisi und Mlle. Gogo am Rand des Wäldchens auf weichem Rasen und flochten Kränze; Joly und Rosaurus spielten neben ihnen und sie sprachen, wie das häufig geschah, vom großen Löwen, den sie erst gestern besucht hatten. Die Prinzessin lobte ihn abermals, daß er dem Rosaurus nichts zu Leid gethan, worauf Lisi sagte: