Leben und Schicksale des Katers Rosaurus oder die kleine Prinzessin und ihre Katze
Part 2
Damit waren die Kinder einverstanden und die Taufe begann. Die Pathen stellten sich im Kreise auf, wie damals, als die Wickelpuppe getauft werden sollte. Dem Joly wurde indeß die Demüthigung erspart, seinem Feind das Mützchen zu halten und er durfte im Lehnstuhl schlummern.
Lisi begann:
„Rosaurus, du sollst nicht wie die andern Katzen, arme kleine Vögel verspeisen; du sollst sie nicht aus ihren Käfigen herauskratzen mit grausamer Blutgier, worüber die Kinder, denen sie gehören, dann so bitterlich weinen; du sollst nicht die jungen Vögelchen aus den Nestern holen, daß die Alten pipen und klagen über ihre unglücklichen Kinder. Rosaurus, du sollst auch nicht die weißen Mäuschen verfolgen, welche bei Nacht lustwandeln und durch die rothen Augen und hellen Fellchen sich im Dunkeln verrathen; Rosaurus, du sollst auch die andern Mäuse ungestört knuppern lassen an Wurst und Speck, an Zucker und Bisquit. Deine Pathen versprechen, dich recht gut zu erziehen und dir immer so viel Bisquit und Braten zu geben, daß du gar nicht an lebendige Leckerbissen denken kannst. Du sollst durch die Liebe und Fürsorge deiner Pathen aus einem wilden Raubthiere, aus einem blutdürstigen Hausthiere, in eine edle, sanftmüthige Schooßkatze umgewandelt werden.“ -- --
So weit war Lisi in ihrer Rede gekommen, als sie plötzlich unerwarteter Weise unterbrochen ward.
Jede Gevatterin hatte nämlich während der Rede den kleinen Katzen-Täufling einige Secunden auf dem Arm gehalten, wie das bei Lisis Schwesterchen auch geschehen war, und das Kind hatte ganz still auf dem Rücken gelegen und nur zuweilen mit den halbzugekniffenen Aeugelein geblinzelt. Als nun die lange Jenny an die Reihe kam, fing diese an es heftig zu wiegen, so daß der kleine Rosaurus unruhig ward.
„Ich möchte wohl,“ dachte Jenny, „daß der Balg etwas schrie, er führt sich gar zu langweilig auf.“
Während sie nun in scheinbarer Freundlichkeit das Gesicht über ihn beugte, fuhr sie mit der Hand unter das lange Schleppkleid und kniff Kätzchen recht tüchtig in den Schwanz. Kaum war das aber geschehen, als der kleine Täufling ein durchdringendes Geschrei ausstieß und in der höchsten Wuth nach Jennys Gesicht sprang; es biß sie in die Nase und schlug beide Vorderkrallen in ihre Wangen, so daß sie vor Schreck das Kissen fallen ließ.
Das war Kätzchen eben recht, es schlüpfte heraus aus den seidenen Fesseln und ergriff die Flucht; dabei überpurzelte es sich einige Mal, weil das lange Taufkleid den schnellen Lauf hinderte.
Ueber den Lärm erwachte Joly; er bemerkte schnell, welchen Vortheil Kätzchens Staat seinem Feind in die Hände spiele. Bellend verfolgte er das arme Thier; aber dieses sprang mit dem Taufkleid auf einen Stuhl und gab dem wüthenden Joly, trotz den schönen gestickten Aermeln, zwei derbe Ohrfeigen auf jede Seite, so daß ihm das Blut aus dem Munde strömte, und Joly heulend und schreiend sich verkroch. Rosaurus aber floh weiter und blieb mit der Schleppe an einem Thürriegel hängen, so daß dieselbe abriß; die Mütze hatte er lange schon verloren, dann schlüpfte er aus dem Taufjäckchen heraus, indem er mit Krallen und Zähnen alle Hindernisse zerriß und, heilfroh, seine Banden gebrochen zu haben, entfloh er, niemand wußte wohin. Niemand wagte auch das wilde Thier zu verfolgen, denn die Kinder fürchteten dessen Verzweiflung; sie lachten indeß nach überstandenem Schreck nicht wenig; nur Jenny weinte, denn sie blutete und es war zu vermuthen, daß sie noch lange die Narben der Katzenkrallen und Zähne tragen würde.
Mlle. Gogo kam herbei und wusch ihr die Wunden mit frischem Wasser; dabei zankte sie aber die Kinder aus wegen des Spiels und meinte, die Taufe sei eine heilige Handlung; sie sei eingesetzt, um die Menschen unter die Christen aufzunehmen und man müsse nicht Scherz treiben mit Kirche und Religion. Lisi bat sehr um Verzeihung, daß sie das Spiel vorgeschlagen und versicherte, daß sie es nicht überlegt habe.
Hierauf hatten die Kinder noch viel über den Vorfall zu plaudern, als die Dienerschaft gemeldet ward, um sie abzuholen; man nahm Abschied und Prinzeßchen konnte den Moment der Trennung gar nicht erwarten, um das liebe kleine Kätzchen ans Herz zu drücken, welches sich in seiner Angst sehr gut verborgen hatte. Es wollte gewiß den Augenblick abwarten, wo alles still war, um sein Abendbrot zu verlangen. -- Aber es kam nicht. Prinzeßchen rief mit der süßesten Stimme; sie kroch unter Betten und Komoden; sie leuchtete ins Kamin: Rosaurus war nicht zu sehen. Prinzeßchen konnte sich lange nicht entschließen, ins Bett zu gehen; sie meinte, Kätzchen könnte nicht schlafen, wenn es nicht wie gewöhnlich in die Puppenwiege gebracht würde. Mlle. Gogo bestand aber darauf, daß die Prinzessin sich niederlege; diese weinte aber bitterlich, ehe sie einschlief und glaubte immer im Traum, den kleinen Rosaurus miauen zu hören.
Kapitel 4.
Das Katzenconzert.
Meine Freuden sind die Spiele Mit Geschwistern lieb und hold. In des Abends heit’rer Kühle Seid ihr theurer mir als Gold.
Meine Freude ist die Liebe, Die das Herz den Eltern weiht, Des Gehorsams fromme Triebe Und die reine Dankbarkeit.
Rosaurus war in seiner Angst über die lange Jenny, die ihn gekniffen, über Joly, der ihn verfolgt, über das Geschrei der Kinder, welches ihn erschreckt hatte, in raschem Laufe geflohen und durch alle fürstlichen Zimmer geeilt, um so viel als möglich Raum zwischen sich und seinen Feinden zu lassen; im letzten Zimmer hatte es im Kamin eine kleine Oeffnung entdeckt und war hineingeschlüpft, heilfroh sich in Sicherheit zu sehen, denn dorthin konnte selbst Joly nicht dringen; er setzte sich zufrieden auf seine Hinterbeine, schlug den Schwanz um seinen Körper und begann zu schnurren, was die Katzen immer zu thun pflegen, wenn sie über das Leben nachdenken. -- Es war dunkel im Kamin, nur von hoch oben drang zur Oeffnung des Schlotes das Licht ein und erweckte in Rosaurus jenes Streben nach oben, jenes Bedürfniß der Seele, sich immer höher und höher zu schwingen, welches dem Katzengeschlecht angeboren ist. Er versuchte, in die schwarzberußten Wände des Kamins die scharfen Krallen zu fügen und siehe da! das kluge Thier, welches bisher nur auf ebener Erde und auf weichem Teppiche gewandelt hatte, es konnte klettern. Ja, Rosaurus kletterte und kletterte, bis er oben angelangt war, an das Ende der dunkeln Höhle, die nach einem neuen Leben führte. Rosaurus saß auf dem Dach; über sich hatte er den Himmel, zu seinen Füßen die Welt, d. h. den Schloßhof und einen Theil der Stadt. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ließen die blechernen Dachrinnen in wunderbarer Pracht erglänzen; hie und da flatterte noch ein verspäteter Vogel. Der Hofrabe saß auf dem Balkon und krächzte sein Abendlied, während der Hofhahn sein letztes Kickeriki, welches wahrscheinlich eine „gute Nacht“ für seine Hühner bedeuten sollte, von sich gab; Rosaurus saß staunend und entzückt auf dem Dache und wußte gar nicht, was er über alle die Schönheiten dieser Welt, die sich ihm erschlossen, denken sollte.
Da sah er aus einem Bodenfenster drei Gestalten hervorkriechen, bei deren Anblick sein Herz heftig zu schlagen begann. Er hatte diese Gestalten noch nie gesehen, er wußte nicht, wie sie hießen, es waren keine Menschen, denn sie gingen nicht auf zwei Füßen, es waren keine Hunde, obgleich sie auf allen Vieren einherschritten; o nein! es waren Wesen höherer Art; es mußten Katzen sein. Er vermochte sein Auge nicht von ihnen hinwegzuwenden, ihre anmuthigen Bewegungen hatten einen unwiderruflichen Reiz für ihn -- die kleinen Kätzchen sprangen an der Alten empor; diese legte sie sanft mit der großen Sammetpfote auf den Rücken und tändelte mit ihnen in freundlicher Herablassung; dann leckte sie die Kleinen. Dieses ist nämlich die Art und Weise, wie die Katzen der Reinlichkeit pflegen, und für Rosaurus war dieses Beispiel eine ernste Mahnung. Ach, wie sah er aus! Auf der einen Katerpfote hatte er noch den Spitzenärmel des Taufkleides; der übrige Körper war geschwärzt vom Ruß des Kamins. Rosaurus streifte den Aermel ab und begann nun auch sich zu lecken, indem er jedoch die Katzenfamilie immer im Auge hatte und dann und wann durch ein zartes Miau ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchte. Plötzlich erblickte die große Katze ihn; sie stutzte einen Augenblick und hielt ein mit dem Tändeln; sie setzte sich auf die Hinterbeine und sah ihn unverwandt an; dann näherte sie sich ihm mit dem Zeichen der größten Gemüthsbewegung! -- Plötzlich fühlte Rosaurus sich von zwei zärtlichen Armen umschlossen und es ahnete ihm, daß seine Mutter ihn an’s Herz drückte. Ja es war Mies Mies, die Hofkatze, welche den verlorenen Liebling so unverhofft wieder fand, nachdem sie ihn vierzehn Tage lang beweint hatte. Heute zum ersten Mal führte sie ihre beiden zurückgebliebenen Kinder in die Welt ein, jetzt hatten sie nichts mehr vom unnatürlichen Vater noch vom bösen Hofraben zu fürchten, diesen Gefahren waren sie entwachsen; auch konnte die grausame Schloßmagd sie hier nicht erreichen. O, das war eine große Freude des Wiedersehens! wie glücklich fühlte sich Rosaurus! wie hübsch spielte es sich mit den Geschwistern! welche zierliche Sprünge wurden im Mondenschein von den drei jungen Kätzchen aufgeführt! Die Mutter hatte ihre große Freude daran und schaute mit würdiger Miene dem muntern Treiben zu. Plötzlich drängten die Kleinen sich ängstlich um die Mutter, denn aus einem Bodenfenster leuchteten ein Paar unheimliche Augen, die sie mit Furcht erfüllten. Sie hatten aber keine Ursache zum Fürchten, denn es war niemand Anderes als Murr, der schwarze Hofkater, welcher nur noch zum Familienglück gefehlt hatte. Es gab eine rührende Erkennungsscene; dann setzte sich der Kater neben Mies Mies, und während die beiden Alten plauderten, spielten die Kleinen von Neuem und freueten sich des Lebens. Als sie das Bedürfniß nach Nahrung fühlten, führte Mies Mies sie alle nach der Bodenkammer, wo sie auf dem alten Strohsack eine leckere Mahlzeit anrichtete; dieselbe bestand aus Häringsgräten und Taubenknöchelchen. Rosaurus fand indeß keinen Geschmack daran; er rümpfte die Nase und dachte an die guten Bissen des prinzeßlichen Tisches.
„Ich habe,“ sagte Murr leise zu Mies Mies, „ein Sperlingsnest entdeckt; die Jungen müssen jetzt ziemlich flügge sein; wie wäre es, meine Liebe, wenn wir sie jetzt zusammen verspeisten, während die Jugend sich so herrlich belustigt.“
„Mein Lieber,“ sagte Mies Mies, „wie könnte ich schwelgen in solchem Genuß, während meine lieben Kleinen denselben entbehren müssen; ich habe schon längst ein solches Nest gesucht, um ihnen den ersten Unterricht zu ertheilen, in jenem schönen anmuthigen Vogel- und Mäusespiel, worin unser Geschlecht so große Geschicklichkeit entwickelt; denn wir stürzen uns nicht gierig auf unsere Beute, wie andere Thiere, wir zeigen uns nicht gefräßig und sinnlich: o nein, wir wissen den Genuß zu verlängern und bekunden dadurch einen höhern Ursprung. Unsere Kinder hatten noch nie Gelegenheit, dieses Talent zu entwickeln.“
Murr schien nicht große Lust zu haben, die gute Mahlzeit mit so Vielen zu theilen, indeß schämte er sich, seinen Eigennutz einzugestehen und so bewegte sich denn die ganze Familie nach einem andern Theil des Dorfes, wo in dem Winkel einer Dachrinne ein Sperlingspaar auf seinem Nestchen schlief. Murr ergriff die Sperlingsmutter mit scharfer sicherer Kralle, während das Männchen schreiend entschlüpfte. Ach, das Angstgeschrei des Weibchens erreichte sein Ohr. Murr hatte dasselbe der Mies Mies gebracht, welche die kleinen Katzen lehrte, wie sie den Vogel bald am Flügel, bald am Schwanz packen mußten, wie sie ihm bald eine Feder dort, bald eine hier entreißen sollten und wie sie das frische Blut zu lecken hatten; endlich fraß Murr das arme Thier, um ihnen zu zeigen, wie man mit Anstand einen Vogel verzehren müsse. Als nun Murr sich dem Neste wieder näherte, flatterten die jungen Vögel erschreckt auf; der Sperlings-Vater saß trostlos auf dem Schornstein, er schwang sich hoch in die Luft, von wo er Zeuge war des Todes seiner Kleinen; die ganze Katzenfamilie stürzte sich über dieselben her und entwickelte ihr Talent zum Vogelspiel; besonders Rosaurus zeigte sich sehr geschickt darin; er hatte sich nicht umsonst an Maraboutfedern, Knäulen und Puppen geübt; sein Vögelchen lebte am längsten -- endlich fraß er es auf, wofür er eine derbe Ohrfeige vom Murr erhielt, welcher dieses auch hatte verzehren wollen, wie es mit den andern geschehen war. Diese Ohrfeige nahm Rosaurus sehr übel; er war nicht an eine so unwürdige Behandlung gewöhnt; auch verglich er im Stillen die guten Bissen in Prinzeßchens Zimmer, die Bisquits und gebratenen Fleische mit diesem Vögelchen au naturel. Mies Mies merkte seine Verstimmung, und um ihn auf andere Gedanken zu bringen, schlug sie einen Gesang vor. Mies Mies hatte eine wunderschöne Alt-Stimme, Murr einen guten Baß; Beide stimmten ein herrliches Duett an und die Discantstimmen der drei Kätzchen bildeten den Chor. Es war eine erhabene Musik! So etwas hatte Rosaurus nie am Hofe gehört. Thränen der Rührung traten ihm in’s Auge, als er im herrlichen Mondschein, so nah dem Himmel, seine Familie auf den Hinterbeinen sitzend, mit halbzugekniffenen Augen, weitgeöffneten Schnauzen und auf die Seite gebeugten Häuptern, so herrlich singen hörte.
[Buntbild: Das Katzen-Concert.]
Aber dieser Gesang sollte fürchterlich enden. Aus dem Schornstein tauchte ein schwarzes entsetzliches Wesen -- es war ein Schlotfeger! Er schwang ein furchtbares Instrument und schrie gewaltig über den Katzenspectakel. Dann schleuderte er das Instrument mitten unter die Armen, welche in ihrer künstlerischen Begeisterung auf solche Störung keineswegs gefaßt waren; sie flohen nach allen Seiten zu unter lautem Jammergeschrei; das weiße und das schwarze Kätzchen waren schwer verwundet. Rosaurus entkam aber glücklich und fand auch das bekannte Kamin, wo er geschickt hinabsprang. Leise schlich er in die fürstlichen Zimmer und legte sich allein in die Puppenwiege, als der Morgen schon graute. Rosaurus dachte: Ja, hier lebt es sich doch besser als auf dem Dach, hier ruht es sich besser als auf dem alten Strohsack und die Hofspeisen schmecken besser als die Hofgräten. Rosaurus nahm sich vor, noch fernerhin hier zu bleiben und nur dann und wann Spatziergänge auf das Dach zu halten, um sich den Genuß der herrlichen Concerte zu gewähren. -- Groß war des Prinzeßchens Freude, als sie am andern Morgen Rosaurus das Frühstück reichen konnte; aber wie sah Rosaurus aus! Sein ganzes Fell war schwarz geworden vom Ruß des Kamins und er hatte auch die schöne Puppenwiege und des Prinzeßchens weißes Nachtkleid schwarz gemacht. Er saß neben der kleinen Prinzessin, als sie folgendes Gedicht in den Lehrstunden aufsagen mußte:
Die Katzen und der Hausherr.
Murner, eine Cyperkatze Gab unlängst den Gildeschmauß, Und ersahe sich zum Platze Eines Bürgers Wohnung aus.
Mensch und Thiere schliefen feste, Selbst der Hausprophete schwieg, Als ein Schwarm geschwänzter Gäste Von den nächsten Dächern stieg.
Murner kommt, sie zu begrüßen, Führt sie d’rauf in einen Saal, Und setzt jeden auf ein Kissen Von der feinsten Katzenzahl.
Sechzig feiste Mäusezimmel Machten die Versammlung satt; Ob geschickt, das weiß der Himmel, Jeder giebt’s so gut er hat.
Von der Mahlzeit ging’s zum Tanze, Wo der Wirth sich hören ließ, Und auf einem Rattenschwanze Manch verliebtes Stückchen blies.
Hinz, des Erstern Schwiegervater, Sang darein erbärmlich schön, Und zween abgelebte Kater Quälten sich, ihm beizusteh’n.
Jetzo tanzen alle Katzen, Poltern, lärmen, daß es kracht, Zischen, heulen, sprudeln, kratzen, Bis der Herr im Haus erwacht.
Dieser springt mit einem Stecken In den finstern Saal hinein, Schlägt um sich, sie zu erschrecken, Schmeißet einen Spiegel ein.
Stolpert über einige Späne, Stürzt im Fallen auf die Uhr, Und zerbricht zwei Reihen Zähne. Blinder Eifer schadet nur!
Was mochte wohl Rosaurus denken, als die Prinzessin dieses Gedicht aufsagte? Gewiß erweckte es in ihm Erinnerungen an die vergangene Nacht.
Kapitel 5.
Katzenerziehung.
Artig, flink und rein Müssen Kätzchen sein.
Rosaurus wurde nun zu einem recht liebenswürdigen Kätzchen erzogen; ja er zeigte täglich mehr seine großen Anlagen zu den bei einem wirklichen Hofkater so nöthigen Hofmanieren. Er eignete sich immer mehr den Ton der feinen Welt an, und wenn auch die kleine Prinzessin sich nicht sehr bemühte, zu seiner Erziehung beizutragen, indem sie ihn eigentlich nur verzog, so erwarb sich doch Mlle. Gogo große Verdienste um seine Bildung.
Eines Tages hatte Rosaurus sich gerade auf den Sammtsessel gelegt, den die Prinzessin bei der Lection einnehmen sollte und schien sehr süß zu schlafen, denn er schnarchte laut. Als nun die Prinzessin ihn vom Stuhl herunter schieben wollte, so leise und zart als möglich, indem sie ihm noch gute Worte gab, da ließ das böse Thier ihm seine Krallen fühlen und vier blutige Streifen liefen auf dem weißen Arm herab. Da ergriff Mlle. Gogo aber eine kleine Ruthe und schlug Rosaurus damit recht derb auf den Rücken; er schrie und floh unter das Kanapee. Aber er war ein kluges Thier und man hat es nie wieder erlebt, daß er sein Sammetpfötchen verleugnet hätte, wenn die Prinzessin sich mit ihm abgab. -- Ja er legte sich nie wieder auf ihren Sammetsessel, sondern auf ein Fußbänkchen ihr zu Füßen; dort rührte Rosaurus sich nicht, während sie Unterricht hatte; ja zuweilen hörte er so aufmerksam zu, daß man hätte meinen sollen, er verstände alles, was die Lehrer lehrten. Nur bei dem Klavier-Unterricht wurde es ihm unheimlich zu Muthe und man sah oft, daß er sich mit seinen kleinen Pfoten die Ohren zuhielt, wenn die Prinzessin spielte. Vielleicht waren es einige falsche Töne, die dem für Katzenkonzerte so gebildeten Ohre weh thaten. Oder liebte Rosaurus überhaupt nicht alles, was zu laut war? Ja! wenn die Prinzeß die Janitscharen-Musik anstimmte, da begann Rosaurus oft zu miauen und mußte zum Zimmer hinausgebracht werden. Eine andere üble Angewohnheit mußte der junge Kater ablegen. Er liebte nämlich vor Allem zu klettern, und da es im fürstlichen Zimmer weder Bäume, noch Mauern, noch Dächer gab, um seinem angeborenen Trieb zu genügen, sprang er gern auf die Tische. Da stieß er im kühnen Sprung manches hübsche Nipp herab; ihm war es ganz einerlei, ob eine schöne vergoldete Tasse, ein kostbares Kristallglas oder ein sonstiges Kunstwerk zu Grunde ging; da mußte Mlle. Gogos Ruthe ihm erst den richtigen Kunstsinn beibringen. Einstmals war er auf des Prinzeßchens Schreibtisch gesprungen, hatte erst mit ihren Federn gespielt, dann ein kostbares in Leder gebundenes Album zernagt und zuletzt noch das Tintefaß umgeworfen. Das war eine schöne Bescherung! Der arme Rosaurus mußte gewaltig dafür büßen.
Rosaurus hatte eine große Abneigung gegen die Ruthe; wir glauben, daß es nicht blos um des physischen Schmerzes willen war, sondern auch wegen seiner Ehre; dann mochte er auch nicht leiden, daß sein Fell in Unordnung gerieth; er hatte den Grundsatz, daß wenn man in guter Gesellschaft lebe, man auch anständig gekleidet sein müsse. Die Katzen pflegen nun Toilette zu machen, indem sie sich lecken. Das rosa Züngelchen dient ihnen als Kleiderbürste, der eigene Speichel als Schönheitswasser. -- Rosaurus hatte nun ein Plätzchen gefunden, wo es keinen Schaden anrichten konnte; das war nämlich die Fensterbrüstung. Dort saß er viel und leckte sich. Sein Fell glänzte wie Schillertaffet; den Schwanz schlang er auf anmuthige Weise um den Körper, so blickte er hinaus in die Welt, und alle Vorübergehenden, die ihn sitzen sahen, blieben stehen und sagten: -- „ach seht doch das hübsche Kätzchen der Prinzessin!“
Als nun einstmals die Freundinnen wieder eingeladen wurden, waren sie höchst erfreut, ihren kleinen Taufpathen wieder zu sehen und alle streichelten ihn freundlich, nur Jenny nicht, welche noch immer Spuren seiner Zähne und Krallen im Gesicht trug. Wenn sie ihn ansah, dachte sie immer: „Das abscheuliche Thier, wenn ich ihm nur etwas anhaben könnte!“ Rosaurus mochte ihre üble Absicht ahnden, denn er entfernte sich und ließ sich den ganzen Abend nicht mehr sehen.
Als die Kinder nun abgeholt wurden, war Jenny die erste, welche sich entfernte, und als sie im Vorzimmer ihren Mantel umnehmen wollte, siehe, da hatte sich Rosaurus auf demselben gebettet und schlief so fest und süß, daß er nicht einmal von einer Störung träumte.
„Du häßliches Thier,“ sagte Jenny leise, „da hab’ ich dich endlich; du sollst mir nun für deinen Frevel büßen“ und geschwind, ehe es Jemand sah, und ehe Rosaurus sich auf ein hülferufendes Miau besinnen konnte, steckte sie ihn in den Arbeitsbeutel und trug ihn mit sich fort.
„Das ist recht gut, dachte sie im Gehen bei sich selbst, daß das Thier auf gute Manier fortkommt; denn seitdem es beim Prinzeßchen ist, kann gar nichts Ordentliches mehr gespielt werden, alles bewegt sich um das dumme Thier! Wie ich es hasse!“
Jennys Weg führte über eine Brücke; „ich werde Rosaurus ins Wasser werfen,“ sagte sie zu sich selbst, „da ist es mit ihm auf immer vorbei!“
Als das Prinzeßchen vor Schlafengehen ihren Rosaurus vergebens suchte, da dachte sie: O er wird gewiß wieder zur Esse hinauf sein auf das Dach zu seinen Geschwistern; denn sie hatte durch die Hofmagd von der Katzengesellschaft gehört, die der Schlotfeger an jenem Abend gestört hatte, so wie auch von den zwei schwer verwundeten Kätzchen, und sie ließ dem Schlotfeger befehlen, ihren Rosaurus nicht wieder zu erschrecken; dann legte sie sich nieder und tröstete sich mit der Hoffnung, am andern Morgen Rosaurus wieder zu sehen. Diese Hoffnung sollte aber nicht in Erfüllung gehen.
Kapitel 6.
Die Kinder der Armuth.
Trockne deine heißen Zähren Von dem bleichen Angesicht; Bald wird Gott dir Trost gewähren, Er vergißt dich ewig nicht.
In einer engen Straße lebte in einem kleinen Häuschen eine arme Familie. Sie bewohnte ein niedriges rauchgeschwärztes Hinterstübchen. Vater, Mutter und Kinder waren in Lumpen gehüllt. Der Vater lag auf einem Strohsack, welcher des Nachts als Familienbett diente; er hatte den ganzen Tag darauf gelegen in jenem halbwachen Zustand, den der Genuß geistiger Getränke, vereint mit Trägheit des Körpers und Verstimmung der Seele hervorzubringen pflegt. Ob er nicht arbeiten konnte oder wollte? wer weiß das. Die Mutter arbeitete auch nicht, sondern saß auf einer hölzernen Bank und hatte ein dreijähriges Töchterchen auf dem Schooß, welches eben so schmutzig und ungekämmt war, als sie selbst. Ein anderes kleines Mädchen von 8 Jahren kauerte im Winkel und weinte; sie hatte Weh am Fuß, weil sie in einen Glasscherben getreten hatte; denn das arme Kind mußte immer barfuß laufen, weil die Eltern ihr keine Schuhe kaufen konnten.
Dieses kleine Mädchen hieß Dorothea und wurde gewöhnlich Dorte genannt.
„Mich hungert’s so sehr“, klagte Dorte, „wäre nicht mein bößer Fuß, so hätte ich Euch schon längst etwas heim gebracht. Wilhelm braucht immer mehr Zeit, um etwas zusammen zu betteln.“
„Wie kommt das nur?“ fragte die Mutter.
„Ja, er kann sich nie ein Herz nehmen, die Leute anzubetteln, da schiebt er mich immer vor; er maust viel lieber.“
„Halts Maul, Mädchen!“ schrie der Vater, „wenns Jemand hört, so --“
„Ich wollte ja eben, daß Vater und Mutter es hören möchten,“ sagte Dorte; „mir gehorcht Wilhelm nicht, und ich fürchte immer, daß er noch sich selbst und uns Alle ins Unglück bringt.“
„Wir armen Leute,“ erwiderte der Vater, „müssen eben so gut leben, als die Reichen, und wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir’s.“
_Dorte._ Ich habe neulich in der Schule ein Verschen gelernt, welches ich immer befolgen will: „Du sollst nicht lügen und nicht stehlen, und was du findest, nicht verhehlen.“
_Mutter._ Dabei wirst Du aber nicht sehr reich werden!