Leben Und Schicksale Des Katers Rosaurus Oder Die Kleine Prinze

Chapter 3

Chapter 33,791 wordsPublic domain

_Dorte._ Und doch brachte ich neulich einen ganzen Thaler mit nach Hause. O der glänzte! Prinzeßchen hatte ihn mir geschenkt, als es im Winter so kalt war und ich so bitterlich weinte, weil mich so hungerte.

_Mutter._ Ich weiß wohl, daß du nie so gut weinen kannst, als wenn du Hunger hast.

_Dorte._ Darum schickt Ihr mich so oft mit leerem Magen zum Betteln aus.

_Vater._ Ja die Dorte zwingt es immer mit ihren Thränen, der Wilhelm aber mit dem Verstande. Das ist ein kluger Kopf! der wird es noch weit bringen.

_Dorte._ Bis zum Galgen! so meinte neulich ein dicker Herr.

_Mutter._ Wer war der Schändliche, der sich unterstand, das von meinem Wilhelm zu sagen?

_Dorte._ Ich kenne ihn nicht, es war am Sonntag.

_Vater._ Wo der Wetterjunge 12 Groschen nach Hause brachte.

_Dorte._ Ja! die er sich mit Lügen verdient hatte.

_Mutter._ Wie so denn?

_Dorte._ Er hatte sich an einer Straßenecke aufgestellt, wo viele Leute vorüber gehen mußten; dort that er, als ob er weine und etwas suche. Kam nun ein Mitleidiger vorüber und frug: was ihm fehle? so klagte er, daß er einen Groschen verloren habe, wofür er für die kranke Mutter Arznei habe kaufen sollen; nun werde er Schläge erhalten, wenn er nach Hause käme. Und mancher Vorübergehende schenkte ihm einen Groschen. So wie der Geber sich aber entfernt hatte, begann die Geschichte von Neuem.

_Vater._ Der Blitzjunge!

_Dorte._ Ja, und wie gut er weinen konnte! selbst wenn ich Hunger habe und mit leerem Magen betteln muß, kann ich es nicht so gut.

_Mutter._ Du wirst aber immer ein dummes Mädchen bleiben.

_Dorte._ Ich möchte aber auch nicht so ankommen, wie Wilhelm an jenem Tage.

_Vater._ Nun, wie kam er denn an?

_Dorte._ Ein dicker Herr, der ihm schon ein Mal einen Groschen geschenkt hatte, kam zufällig denselben Weg wieder zurück. Wilhelm erkannte ihn aber nicht wieder und begann abermals, um den verlorenen Groschen zu weinen und zu schluchzen. Da gab der Herr ihm eine Ohrfeige rechts und eine links und sagte: -- „Vielleicht rettet dich das von dem Galgen.“

[Buntbild: Rosaurus wird gestohlen.]

Man hörte hier die Hausthür gehen und herein trat Wilhelm mit einem sehr vergnügten Gesicht. Er hielt etwas unter der Rocktasche verborgen und als er sich versichert hatte, daß niemand Fremdes im Zimmer sei, zog er einen schweren Arbeitsbeutel von grünem Sammet hervor.

Der Vater erhob sich bei diesem Anblick von seinem Lager, die Mutter rückte dem Tisch näher, Dorte und die kleine Hanne blickten mit neugierigen Augen nach dem erbeuteten Gegenstande in der Hoffnung, etwas Erfreuliches daraus hervorlangen zu sehen. Vater und Mutter erwarteten Geld, die Kinder Lebensmittel. Wilhelm erzählte, er habe den Beutel einem kleinen Mädchen vom Arm geschnitten bei der großen Brücke. „Die wird sich wundern!“ sagte er; „sie hat gar nichts gemerkt; auch war es schon etwas dunkel.“

Er öffnete den Beutel und heraus kam -- _Rosaurus_; er schien sich nicht ganz behaglich zu fühlen, ja sogar auf einen feindseligen Angriff gefaßt zu sein; denn er machte einen gewaltigen Katzenbuckel und begann zu knurren und zu pusten. Die Kinder lachten. „Nun,“ meinte der Vater, „da hättest du auch etwas Besseres erwischen können.“ Glücklicherweise fand sich nebst einem Taschentuch auch ein Fünfgroschenstück im Beutel; auch kramte Wilhelm einige Semmeln und Aepfel aus, die er in der Dämmerung von Bäckern und Höckern gestohlen hatte. -- Man theilte solche unter sich und verzehrte sie.

Rosaurus fühlte sich keineswegs heimisch in dieser Umgebung, er war ja an den fürstlichen Palast gewöhnt; auch verschmähte er die Brodkrumen, welche Dorte ihm bot, und machte ein ganz philosophisches und nachdenkliches Gesicht. Vielleicht dachte er an seiner Pathen Versprechungen von Bisquit und Leckerbissen, denn er brach in ein klägliches Miau aus.

„Was sollen wir nur mit der Katze anfangen, Wilhelm?“ sagte die Mutter, „du wirst uns doch nicht zumuthen, unsere Kaffee-Milch mit ihr zu theilen. Wirf sie zum Fenster hinaus oder setze sie vor die Thür.“

„Das arme Thier,“ meinte Dorte; „es ist gewiß gewohnt, recht gut verpflegt zu werden und wird sich auf der Straße unbehaglich fühlen; wir wollen es bis morgen früh behalten, dann trag ich es in ein vornehmes Haus, wo man es gewiß aufnimmt.“

„Nein, nein!“ sagte Wilhelm, „die Katze ist mein und bleibt hier. Ich weiß schon, was ich mit ihr anfange. Morgen geht das Vogelschießen los, da bringe ich sie in die Menagerie und verkaufe sie als einen Braten für den großen Löwen. Wenn ich auch nichts dafür bekomme als den freien Eintritt. Ich sehe so etwas gar zu gern, besonders die Affen -- von ihnen kann man recht geschickt stibitzen lernen. Auch giebt es dort gefüllte Taschen, erreichbare Taschentücher, unbeachtete Arbeitsbeutel -- kurz eine gute Ernte für arme und geschickte Leute.“

In dieser Gesellschaft brachte Rosaurus die Nacht zu, und schlummerte in Dortens Schooß so sanft, wie in seiner Puppenwiege.

Am andern Morgen ward es sehr bald lebendig, denn es war der Tag der Holzlese und Vater und Mutter gingen in den Wald. Beide waren dafür bekannt, daß sie lieber frische Aeste abbrachen, als sich mit dem alten Holz begnügten; dadurch fiel ihre Erndte auch immer reichlicher aus, als die anderer armen Leute.

Wilhelm und Dorte sollten in die Schule gehen; letztere wusch und kämmte vorher das Schwesterchen; dann gab sie Rosaurus ihre Milch und trank ihren Kaffee schwarz. Wilhelm dehnte sich aber noch lange auf seinem Strohsacke.

„Willst du nicht aufstehen?“ sagte Dorte, „es ist bald Zeit zur Schule.“ Langsam erhob er sich, frühstückte und machte Anstalt, die Schwester zu begleiten. Als sie die Thür hinter sich geschlossen hatten, sagte Dorte: „Es freut mich, daß Hannchen heute nicht so ganz allein bleibt, wie gewöhnlich.“

„Wer ist denn bei ihr?“ frug der Bruder.

„Nun das Kätzchen.“

„Potztausend! das hatte ich ganz vergessen,“ sagte er, indem er noch ein Mal die Thür aufriß, rief er in die Stube. „Hanne, wenn du mir das Kätzchen anrührst, so kriegst du Prügel!“ --

Hannchen war aber ein sehr unfolgsames Kind; sie war nicht zum Gehorsam erzogen worden, und man brauchte ihr nur etwas zu verbieten, so bekam sie Lust, es zu thun. Als sie sich also allein mit Kätzchen sah, ging sie auf dasselbe zu, um es zu streicheln. Rosaurus ließ sich das wohl gefallen und schnurrte; dann nahm sie das Kätzchen auf den Arm und trug es im Zimmer umher. -- Dann meinte die Kleine, sie wolle etwas zum Fenster hinaus sehen; deshalb stieg sie auf einen Stuhl, machte das Fenster auf und lud Kätzchen ein, sich aufs Gesims zu setzen und die Vorübergehenden zu betrachten.

Rosaurus schien Gefallen daran zu finden und nahm seine philosophische Stellung auf den Hinterbeinen an und überlegte sich, was er thun wolle? Das Fenster war sehr niedrig, ein kleiner Sprung und Rosaurus war auf der Straße. Vielleicht konnte er sich dann leicht in der Stadt zurecht finden, und ins Schloß oder wenigstens zu einer Freundin des Prinzeßchens gelangen.

Rosaurus fand diesen Schritt sehr gerathen, er machte Anstalt, die innere Fensterbrüstung mit der äußeren zu vertauschen; -- Hannchen wollte es nicht leiden und erfaßte den Flüchtling beim Schwanz -- aber Rosaurus schlug seine Krallen in des Kindes Händchen und husch! -- unten war er, worauf er in gestrecktem Laufe die Straße verließ.

Kapitel 7.

Weitere Erlebnisse des jungen Katers Rosaurus.

Wer jetzt das Thierlein liebt, Wird einst auch Menschen lieben, Wer jetzt das Thierlein quält, Wird Menschen einst betrüben.

Als Rosaurus an das Ende der Straße gelangt war, hielt er im raschen Laufe an, um wieder zu Athem zu kommen; er setzte sich auf einen Prallstein, um die unbekannte Straße und seine eigene Lage besser zu überschauen. Ach! er war in eine ganz fremde Welt gerathen, in welcher er sich nicht zurecht finden konnte. Fremde Menschen gingen an ihm vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen; ach! wie fühlte Rosaurus sich unglücklich und verlassen. -- Plötzlich aber schien sein Schicksal sich aufzuklären; zwei kleine wohlgekleidete Mädchen kamen daher, begleitet von ihrer Bonne. Sie hatten große Arbeitstaschen und schienen in die Schule gehen zu wollen. Rosaurus erkannte Lisi und Amelie, seine beiden Freundinnen, und hoffte, die Stunde seiner Erlösung habe geschlagen. Er sprang hinunter vom Prallsteine und eilte auf die Kinder zu, sich mit einem ausdrucksvollen Katzenbuckel an Lisi anschmiegend und ihr zwischen die Füße laufend. Die Kinder blieben stehen.

„Ach! das niedliche Kätzchen,“ sagte Amelie, „das sieht doch gerade aus, wie der Rosaurus der Prinzessin.“

_Lisi._ Wie käme dieser aber hierher? der schlummert wahrscheinlich noch in seiner Wiege, oder frühstückt Milch und Bisquit, während dieses arme Thierchen hier ziemlich hungrig zu sein scheint.

_Amelie._ Könnten wir es doch mitnehmen, das Kätzchen sieht uns an, als wolle es unseren Schutz anflehen, es hat gewiß seinen Herrn und seine Heimath verloren.

„O!“ sagte die Bonne, „es gehört wahrscheinlich in eins der benachbarten Häuser, man wird es bald suchen und wir würden einen Diebstahl begehen, wenn wir es mit uns nehmen wollten.“ Lisi meinte auch, daß sie doch unmöglich ein Kätzchen mit in die Schule bringen könnten, und schlug vor, dem armen Thiere etwas zu fressen zu geben und nach beendeter Schule wieder an dieser Stelle vorüber zu gehen, um es mitzunehmen, wenn es noch immer so verlassen, einsam und unglücklich sein sollte.

Die Kinder brockten zufolge dieses Beschlusses, den auch die Bonne billigte, etwas Bisquit und Semmel auf einen reinlichen Stein der Straßenecke, wünschten dem Kätzchen guten Appetit und gingen von dannen.

Da Rosaurus wirklich großen Hunger hatte und ihm kein Mittel zu Gebote stand, sich seinen Freundinnen zu erkennen zu geben, indem sie die Katzenbuckel-Sprache doch nicht so ganz deutlich zu verstehen schienen, stürzte er sich gefräßig über das Bisquit her, indem er sorgfältig die Semmelbrocken liegen ließ. -- Er sollte indeß, noch ehe er die Mahlzeit vollendet hatte, gestört werden; denn er vernahm aus der Ferne ein furchtbares Donnern und Krachen, und meinte einen Augenblick, die ganze Welt gehe unter; sein Gemüth beruhigte sich nicht, als er die Veranlassung dieses Geräusches erblickte. Es kam nämlich ein Ungeheuer die Straße entlang gesaust; war es ein Thier? war es etwas Anderes? Es hatte vier glänzende Augen, acht Beine, und noch außerdem vier Räder, welche den ungeheuren Lärm verursachten. -- Später erfuhr Rosaurus wohl, daß es eine Kutsche mit zwei Rädern sei, aber damals war er ja gar zu unerfahren in der Welt. Als das Ungethüm sich auf ihn zu bewegte, ergriff er die Flucht; er wähnte sich verfolgt, weil die Kutsche denselben Weg einschlug, wie er, und so lief und lief er denn, bis er in eine Seitenstraße gerieth, wo der gefährliche Feind vorüber fuhr. So hatte Rosaurus in der wilden Flucht sich weit entfernt von der Stelle, wo Lisi und Amelie ihn wieder zu finden gedachten. Rosaurus sollte aber bald noch andere Gefahren kennen lernen. --

Ein vierbeiniges Geschöpf ließ sich nämlich am äußersten Ende der Straße erblicken. Rosaurus dachte sich gleich, daß dasselbe ein Hund sei, obgleich es keineswegs dem Joly glich, es war gewiß viermal größer als Joly, hatte ganz schwarzes gelocktes Haar, lange herunterhängende Ohren und kleine schwarze Augen, welche unter dichten Haarbüscheln hervorglänzten.

Als der Pudel Kartusch den Rosaurus erblickte, stutzte er einen Augenblick und legte durch ein kurzes abgebrochenes Gebell seine katzenfeindlichen Gesinnungen an den Tag. Rosaurus war unschlüssig über seinen Vertheidigungsplan. Konnte er hoffen, mit seinen zarten Krallen dem großen Hund Ehrfurcht einzuflößen, wie dem kleinen Joly? Gewiß nicht! Ihm erschien also die Flucht das gerathenste zu sein. Ach, er wußte nicht, wie schnell Kartusch laufen konnte! -- Kartusch hatte großen Respekt vor den Krallen der Katzen, aber gar keinen vor ihren Schwanz, und als er letzteren sich zugewendet sah, verfolgte er mit freudigem Bellen das arme geängstete Thier. Rosaurus hörte sein Schnaufen und Knurren, sein drohendes Gebell immer näher rücken, immer mehr schwand der Raum zwischen ihm und seinem Verfolger; er fühlte schon den heißen Athem des Pudels und glaubte auch schon dessen Zähne zu fühlen -- da ersah er einen Baum -- noch ein Mal strengte er seine schwindenden Kräfte an und sprang hinauf -- bloß ein kleines Stück seines Schwänzchens blieb in Kartusch’s Zähnen zurück; das that zwar weh, es blutete, aber sein kostbares Leben war doch gerettet. Rosaurus blickte hohnlächelnd und pustend herab auf den wüthend bellenden Kartusch, der sich gar nicht darüber zufrieden geben konnte, daß seine Beute ihm entrissen war. -- Endlich wurde Kartusch durch einen Pfiff seines Herrn abgerufen.

„O, hätte der doch eher gepfiffen,“ seufzte Rosaurus, indem er seinen blutenden Schwanz leckte.

O welch ein Unglück! dieser Schwanz, sein Stolz, seine Freude; dieses Glied seines Körpers, welches dem Kater eine Aehnlichkeit mit den Kometen des Himmels giebt, es war verstümmelt; Rosaurus war auf ewig geschändet! Er überließ sich ganz seinem Schmerz und brach in laute Klagen aus.

Diese Klagen vernahm eine muntere Knabenschaar, welche so eben aus der Schule kam. Das ist der Augenblick, wo die Kinder am übermüthigsten zu sein pflegen. Sie nahmen Steine und warfen nach dem armen schreienden Thier. Rosaurus flüchtete immer höher in die dichtesten Zweige des Baumes; er zog sich hinter die verschlungendsten Aeste zurück und suchte sich zu schützen gegen das Wurf-Material, welches von allen Seiten in seiner Nähe einschlug, entweder vorbeiflog oder an den schützenden Zweigen abprallte. Ein kühner Knabe entschloß sich, an dem Baum hinauf zu klettern; alle jubelten über diesen Entschluß; der Steinregen war zu Ende und die Jugend blickte neugierig und mit reger Theilnahme dem Kletternden nach; Rosaurus hatte sonach eine neue Gefahr zu fürchten. Der kletternde Knabe mußte sich an die innern Baumäste halten, wo Rosaurus von den Steinen hingetrieben war, so daß letzterer sich genöthigt sah, seine Zufluchtsstätte zu verlassen und die äußersten Spitzen der höchsten Aeste aufzusuchen. Rosaurus war sehr leicht, ihn trug das dünnste Zweigelchen; die Vögel flohen erschreckt aus den Wipfeln des Baums, indem sie ein ängstliches Piep Piep ausstießen, und Rosaurus verspürte in diesem Augenblick einiges Gelüste nach dem Vogelspiel, er mußte aber diese strafbaren Gedanken unterdrücken wegen der eigenen Gefahr, welche auch wirklich mit jeder Minute stieg; denn als der Knabe auf dem Baum nicht Rosaurus selbst packen konnte, ergriff er den Ast, auf dessen äußersten Spitzen das arme geängstete Thier saß und schüttelte denselben so stark, daß er sich nicht länger darauf halten konnte. Rosaurus stürzte aus der schwindelnden Höhe herab, unter lautem Freudenruf der Schuljugend.

Jedes andere unbeflügelte Thier würde unstreitig den Hals gebrochen haben; aber die Katzen haben die große Geschicklichkeit, immer auf den Beinen zur Erde zu gelangen; das war auch jetzt der Fall mit Rosaurus. -- Seine Füße waren freilich geprellt und hätten der Ruhe und Pflege auf weichem Bettchen bedurft; aber unter dieser blutdürstigen Umgebung konnte er nicht weilen -- er mußte wieder zu schneller Flucht greifen und unter neuem Steinregen davon laufen. -- Als er endlich sich sicher glaubte, fühlte er sich von einer kleinen aber kräftigen Hand gepackt und eine wohlbekannte Stimme rief. „Du bist mein,“ und steckte Rosaurus unter seinen Rock.

Es war niemand anders als Wilhelm, welcher aus der Schule kam und, in der Hoffnung, dem Löwen zwei Braten, d. h. zwei Kätzchen, bringen zu können, die ganze Verfolgung des armen Thiers geleitet hatte.

Es gab indeß großen Spektakel zu Haus, als Wilhelm Rosaurus Flucht entdeckte und in dem armen abgehetzten, verstümmelten Kätzchen sein Eigenthum erkannte. Hannchen wurde von ihm geschimpft, geschlagen und gekneipt, bis Dorte ihr zu Hülfe kam.

Am Nachmittag sah Wilhelm indeß ganz anders aus, als am Morgen, denn er hatte sich sorgsam gewaschen und gekämmt, eine wohlgeflickte Sonntagsjacke angethan, die verschossenen Hosen stramm gezogen, die Strümpfe in die Höh gebunden und die Schuhe geschwärzt. „Jetzt,“ sagte er, „bin ich ein schmucker Mensch und ich glaube, der Löwe würde mich verspeißen, wenn er könnte; ich bin ganz geeignet, um ihm Appetit einzuflößen.“ Rosaurus wurde nun in die Rocktasche gesteckt und so gings zum Vogelschießen.

Man zog gerade den großen hölzernen Vogel unter Musik und Kanonenschüssen empor. Es war ein Adler mit zwei Köpfen. Kronen, Scepter und Reichsapfel waren vergoldet. Es wurde Rosaurus recht unheimlich im Gedränge, denn Wilhelm war immer da, wo es am dichtesten war und zwar aus guten Gründen.

Viele Buden mit Sehenswürdigkeiten waren aufgeschlagen. Da gab es Wachsfiguren, Panoramen, Seiltänzer, Taschenspieler und Marionetten zu sehen; am meisten gab es aber Eßbuden, welche die herrlichsten Bissen aufgestellt hatten. Da zischten und dampften Bratwürste, dort gab es Kuchen, Torten, Früchte; Rosaurus verspürte großen Appetit und auch noch andere empfanden solchen.

Viele Leute kauften und ließen es sich wohl schmecken; aber viele standen dabei und konnten sich nichts kaufen und man sah es ihnen doch an den Augen an, daß sie es so gern gethan hätten; das waren die Armen. Darunter gehörte auch Wilhelm. -- Er tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß er noch vor Schlafengehen sich auf irgend eine Weise ein Stück Kuchen verschaffen werde und mit diesem Trost lief er zur Menagerie.

Diese war leicht aufzufinden, denn vor derselben schrien Papageien und tanzten Affen in wunderlichen Sprüngen. Wilhelm bot dem Besitzer der Menagerie sein Kätzchen zum Verkauf. „Das ist ein rechtes Futter,“ sagte der Mann in verächtlichem Ton, „das füllt ja kaum einen hohlen Zahn des Löwen aus; doch um des Spaßes willen nehm ich dir den Kater ab. Da hast du einen Groschen, und wenn du sehen willst, wie dein Kätzchen gefressen wird, so kannst du in einer Stunde wieder kommen, da wird gefüttert -- du sollst eingelassen werden, ohne zu zahlen.“

Wilhelm lief nun mit seinem Groschen zur Kuchenbude. Er dachte zwar daran, daß der Vater ihm befohlen habe, alles Geld nach Hause zu bringen; „da müßte ich doch ein rechter Narr sein!“ sagte er zu sich selbst, kaufte ein Stück Kuchen, welches er sehr gemüthlich verzehrte, während einige seiner armen Schulkameraden ihm nicht ohne Neid zusahen.

Kapitel 8.

Die großen Katzen.

Tiger! Tiger! Flammenpracht! In des Waldes dunkler Nacht, Wo die kühne Meisterhand, Die sich dieses unterstand, Daß die Gluth sie angefaßt, Die du in den Augen hast.

Ward aus Himmel oder Höll’ Ausgeschöpft die Feuerquell? Alles wie aus einem Guß! Welche Hand! und welcher Fuß! Wo die Esse, die so stolz, Dieses Hirn aus Erz dir schmolz!

Aller Wesen letzter Tag Tiger ist dein, Was du anfaßt, das ist roth, Was du angefaßt, ist todt. Tiger, Tiger, fürchterlich! Der das Lamm schuf -- schuf er dich?

Als Wilhelm nach der Menagerie zurückkam, vernahm er schon lautes Brüllen. Im Vorplatz wurden große Stücke Fleisch zerschnitten; diese wurden sodann vertheilt, und Wilhelm weidete sich an der Freßbegierde der Thiere, an ihren scharfen Zähnen und an den wilden Tönen, welche sie dabei ausstießen. Man warf das Kätzchen in des Löwen Käfig; es zitterte, und Wilhelm dachte schon, das große Thier werde seiner Angst bald ein Ende machen und es unter seiner Riesentatze ersticken. Aber nein! der Löwe schien es gar nicht zu bemerken, es konnte ganz sicher bei ihm leben; wenn er es nicht aus Zufall zertrat, mit Willen that er es gewiß nicht. Kätzchen verlor auch wirklich bald alle Angst; es leckte von dem blutigen Fleisch, welches der Löwe zur Mahlzeit erhielt -- das arme Thier mußte ja auch sehr hungrig sein; der Löwe ließ es sogar geschehen, daß es ein kleines Stückchen fraß, und als es gesättigt war, zeigte es sogar Lust, mit dem Schweif des Königs zu spielen, wie es mit Mlle. Gogo’s Mützenschleife gespielt hatte.

Als nun die Thiere gefüttert waren, räusperte sich der Menageriebesitzer, und indem er mit einem Stock nach den verschiedenen Käfigen deutete, gab er mit lauter Stimme folgenden Bericht. „Sie sehen hier, meine Herrschaften, den großen Löwen aus Bengalen. Er ist einer der größten, die man je in Europa gesehen hat, indem er 9 Fuß lang und 5 Fuß hoch ist. Seine prächtige Gestalt, sein fester Blick, sein stolzer Gang und sein furchtbares Gebrüll zeugen von seiner Kraft. Seine ungeheure Muskelstärke verräth sich durch die großen Sprünge die er macht, um auf seine Beute zu stürzen und durch das Schlagen seines Schweifes, womit er einen Ochsen zu Boden werfen kann. Sein gewöhnlicher Gang ist langsam und würdevoll; er pflegt blos zu laufen, wenn er verfolgt wird. Hinter Gebüsch und Rohr verbirgt er sich und lauert auf das vorübergehende Wild, welches an einer nahen Quelle zu trinken pflegt; mit einem ungeheueren Sprunge stürzt er über dasselbe her, indem er seine Krallen tief in dessen Seiten schlägt und mit seinen Zähnen dessen Hinterschädel zerbricht. Wenn er im Sprung seine Beute verfehlt hat, so läßt er sie laufen und versucht nicht, sie zu verfolgen, sondern legt sich abermals auf die Lauer. Hat er sich satt gefressen, so legt er sich nieder und schläft zwei bis drei Tage, bis der Hunger ihn wieder aufweckt. Wenn der Löwe unter eine Heerde geräth, so tödtet er Alles, was ihm vorkommt, selbst wenn er gesättigt ist. Sein Muth ist nicht so groß, als man glauben möchte; er greift nur kleinere und schwächere Thiere an, und wenn er sich in den Bereich der menschlichen Wohnungen geschlichen hat, so kann man ihn mit einigem Lärm oder auch mit einer brennenden Fackel verjagen. Indem er die Haut seines Gesichts und vorzüglich die Stirnhaut mit großer Leichtigkeit bewegt, kann er den Ausdruck seiner Physiognomie sehr oft wechseln und ihr den einer furchtbaren Wuth geben, welcher durch die Beweglichkeit seiner Mähne, die er emporsträuben und nach allen Richtungen hin wenden kann, sehr erhöht wird. Die Löwin ist kleiner, ruhiger und feiger, als der Löwe, doch wenn sie Junge hat, ist sie furchtbarer als er, indem sie sich dann auf Menschen und Thiere ohne Unterschied stürzt, sie tödtet und ihren Kleinen zuträgt, denen sie bei Zeiten lehrt, das Blut zu saugen und das Fleisch zu zerreißen. Der Löwe säuft wie ein Hund. Sein Gebrüll ist so stark, daß man es des Nachts in der Wüste für Donner halten könnte; er stößt es täglich 5 bis 6 Mal aus, besonders häufig, wenn Regen zu erwarten steht. Wenn der Löwe Menschen und Thiere zusammen findet, so fällt er lieber die letztern an, es sei denn, daß ein Mensch ihn schlägt, bei welcher Gelegenheit er den Beleidiger gewiß schnell herausfindet. Der Elephant, das Rhinozeros, der Tiger und das Nilpferd sind die einzigen Thiere, welche ihm Widerstand leisten können und welche er auch gern vermeidet, wenn er kann. Das Fleisch des Löwen hat einen unangenehmen starken Nachgeschmack; doch essen die Neger es gern. Der Löwe gehört dem Katzengeschlecht an, man vergleiche ihn nur mit dem kleinen Kätzchen, welches ihm Gesellschaft leistet. Beide haben 30 scharfe Zähne, beide Pfoten mit langen starken Krallen, die sie nach Belieben einziehen und herausstoßen können; beide haben denselben Bau des Kopfes und tragen denselben Raubthiercharakter.

_Der Tiger_

gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Während der Löwe als erstes unter den fleischfressenden Thieren gilt, ist der Tiger das zweite. Ihm fehlt die Würde des Löwen; er ist immer blutdürstig und fällt gern die Menschen an. Ihm fehlt auch des Löwen edler Anstand; sein Körper ist zu lang, seine Beine zu niedrig; das Haupt hat keine Mähne, die Augen sind unstät und die Zunge blutroth; er ist von einer unersättlichen Blutgier, von einer empörenden Grausamkeit beseelt; sein einziger Instinkt scheint eine stete Wuth zu sein, welche ihn oft so weit verblendet, daß er seine eigenen Jungen frißt und deren Mutter zerreißt, wenn sie dieselben vertheidigen will.