Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten
Part 4
Entrüsteten Ausrufzeichen aber begegne ich mit einer Darstellung dessen, was ich unter einem „unästhetischen Menschen“ verstehe. Die Entrüsteten denken natürlich zuerst an das Nasenbohren und Kopfhautkratzen, als welches sie sich doch schon seit dem Gymnasium abgewöhnt hätten; sie denken, wenn sie auf weitere Fortschritte in der Schule des Benehmens stolz sind, an das Ausspucken und Mit-dem-Messeressen. Aber das sind die allergröbsten „Handgreiflichkeiten“. Sich über derlei aufhalten, hieße Spucknäpfe in Bureaulokalitäten tragen. Ich meine ganz andre Dinge. Ich habe es, als ich in jüngern Jahren nicht umhin konnte, manchmal „Picknicks“ der sogenannten gebildeten Stände aufzusuchen, z. B. stets im höchsten Grade unästhetisch gefunden, wenn ein junges Mädchen bei der Quadrille mir von Maeterlinck zu sprechen anhub. Es ist mir tausendmal lieber, wenn ein junges Mädchen zu ihrem Tänzer sagt: „Finden Sie nicht, daß es heute sehr heiß ist?“ Auf mein Wort, mir ist das tausendmal lieber. Aber das Mädchen, das mit mir, in dem sie den Dichter sah (ich hasse alle Leute, die „in mir den Dichter sehen“), bei der Quadrille von Maeterlinck zu sprechen anhub und sich wunder was darauf einzubilden imstande war, hat dem nächsten Herrn doch gesagt: „Finden Sie nicht, daß es heute sehr heiß ist?“ Diese Tochter der gebildeten Stände +richtet nämlich ihr Benehmen ein+. Ein Mensch von Benehmen aber richtet niemals sein Benehmen ein. Er +hat+ ein Benehmen, und das geht von ihm aus wie der Heugeruch vom Stallburschen.
Der unästhetische Mensch ist entweder befangen oder ungeniert. Beides ist gleich peinlich. Der Befangene ist immer um einen halben Takt voraus oder zurück; er stört jede Situation und bittet beständig um Entschuldigung, flüstert hinter der hohlen Hand und behandelt Bediente mit Ehrerbietung, wofür ihn diese natürlich gebührendermaßen verachten. Der Ungenierte ist von aufreizender Kordialität. Er drückt alten Damen die Hand, nimmt mit vorgespreizter Handfläche „das Wort aus dem Mund“, tritt aufgeräumt zu Spieltischen alter Herrn, denen er in den Nacken hustet, wendet sich mit unpassender Vertraulichkeit an den servierenden Bedienten. Niemals wird ihm in seiner Gottähnlichkeit bange, er hat keinerlei Menschenfurcht: ihm kann nichts geschehen, man müßte ihn denn niederschießen.
Eine der schrecklichsten Sorten unästhetischer Menschen sind die noch in der Entwicklung begriffenen „Elegants“. Sie haben Bewegungen des Rückgrats, die verstimmend auf die Magennerven wirken. Ihre abgezirkelte „Nonchalance“ könnte unter Umständen humoristisch wirken, wenn sie nicht mit Ernst quittiert werden müßte! Die Art, wie sie Bein über Bein schlagen, während sie den Zucker in der Tasse schwarzen Kaffees umrühren, ist geeignet, den umgänglichsten Menschen zu ihrem Todfeind zu machen. Sie spielen immer den Überlegenen, und eine ihrer reizendsten Kombinationen ist die arrogante Verlegenheit, mit der sie angebliche Indiskretionen vorbringen, um die sie niemand ersucht hat.
Das Ekelhafteste auf der Welt aber ist der „Schöngeist“ in seinen verschiedenen Spielarten, als da wären: die leicht chokierte ältliche Dame aus geachteter Beamtenfamilie, der im Cönakel „gefeierte“ Schriftsteller, der den Weltmann spielt und auf Schritt und Tritt Nüancen fallen läßt wie Knallerbsen, endlich der „Unberechenbare“, der durch eigenartige Auffassungen der solidesten Lebensverhältnisse zu verblüffen bestrebt ist, z. B. plötzlich das Recht auf Blutschande verteidigt und mit schamlosen Geständnissen nicht geizt.
Es gibt Menschen, die regelmäßig ins Kaffeehaus gehen. Sie können ja nichts dafür, daß es ihnen angenehm ist. Solche Menschen meide ich „von vornherein“. Es ist unmöglich, daß ein Mensch, der täglich durch einige Stunden im Kaffeehause sitzt, ein wünschenswerter Verkehr wäre. Das setzt eine Unempfindlichkeit gegen eine ganze Reihe höherer Taktfragen voraus, die für mich zu den Unerläßlichkeiten gehören.
Es gibt Menschen, die auf sogenannten städtischen Promenaden auf und ab ziehen. Solche Menschen meide ich „von vornherein“. Das sind Leute, die gegen Staub, Gestank und Lärm, die größten Plagen der heutigen Menschheit, unempfindlich sind.
Es gibt Leute, die jede Première sehen müssen. Solche Menschen meide ich von vornherein. Kritiker, die durch den Besuch der Theater ihren Beruf ausüben, sind auf das tiefste zu bedauern, jene „Amateurs“ aber sind verächtlich, da sie Sinne wie Taue und einen Geschmack wie Feuerländer haben müssen.
_ÜBER VERNÜNFTIGE, SNOBS UND BEFLISSENE_
Es gibt „vernünftige“ Menschen, die sich an Wagners „Texten“ stoßen. Sie behaupten, die Musik zu schätzen, den Text aber zu verabscheuen. Sie „weisen das nach“. Es gibt Schwärmer, die behaupten, daß die Bühne den Zweck habe, Illusionen zu erzeugen. Diesen Kerzlweiberstandpunkt hat der Prunk der sogenannten szenischen Darbietungen verschuldet.
Ich kenne „Vertreter geistiger Interessen“, die Shakespeare mit Wildenbruch, Hölderlin mit Hamerling, Maupassant mit Tovote, Terborch mit Grützner, Ibsen mit Sudermann verwechseln. Da ist nichts zu machen. Solchen Leuten geht man am besten behutsam aus dem Wege, und wenn man ihnen nicht ausweichen kann, stellt man sich grinsend schwerhörig. Es sind dieselben Menschen, die von „unsympathischen Charakteren“ bei Dostojewski sprechen oder E. T. A. Hoffmann einen Gespenstergeschichtenerzähler nennen. Das ist eine Gruppe von „Kunstfreunden“. Sie zählt nach Millionen. Wenn sie zufällig „akademische Bildung genossen“ haben, ist es nicht ausgeschlossen, daß sie eine Deutsche Literaturgeschichte „verfassen“.
Eine zweite Gruppe hat immer die Meinung des Nächststehenden. Es gibt Menschen, die ihre Meinung mit dem Abonnement ihrer Zeitungen ändern, ja, mit dem Wechsel der Feuilletonredakteure. Das sind die Leute des „neuen Stils“, die, wenn sie bei Mitteln sind, alle 10-12 Jahre ihre Hauseinrichtung von Grund aus ändern, und wenn der letzte Band Ebers an die heranwachsende Nichte verschenkt ist, mit dem ersten Band -- Ruskin beginnen. Sie führen Goya und -- Sascha Schneider im Munde, tragen heute hochgeschlossene und morgen tief ausgeschnittene Westen, je nach dem, was der Schneider ihnen als die letzte Mode empfiehlt, und geben ungebeten die neuesten Verhaltungsmaßregeln. Sie sind immer bereit, mit fliegenden Fahnen überzugehen. Wenn sie „Dichter“ sind, schreiben sie heute à la Maeterlinck und morgen à la D’Annunzio. Sie wissen nie, wer sie im Grunde sind. Sie könnten sich über Nacht gestohlen werden. Ihre Vertreter in der Generation der heute fünfundzwanzigjährigen sind durch die Bank „moderne Lyriker“.
_ANTIBARBARUS_
_(EINE UNGEDRUCKTE „ERWIDERUNG“, DIE SICH IN HERRN VON BALTHESSERS PAPIEREN VORGEFUNDEN HAT. ANLASS DAZU MAG IRGEND EIN ZEITUNGSARTIKEL GEGEBEN HABEN, DER DAS RECHT DES DEUTSCHEN TOURISTEN, IN TOURISTENKLEIDUNG AN DER HOTELTAFEL ZU ERSCHEINEN, ETWAS HERAUSFORDERND ZU VERTEIDIGEN UNTERNOMMEN HABEN DÜRFTE)_
Auf die Gefahr hin, wieder einmal intra et extra montes mit Kopfschütteln, bedenklichem sowohl als wohlwollend-mißbilligendem, zu den Unverbesserlichen gezählt zu werden, die sich, während sie doch „Wichtigeres“ zu tun hätten, die Finger an heißen Platten und platten Hitzigkeiten zu versengen allzu lüstern scheinen, muß ich auf die Schafwollverwogenheiten des aus seiner Pseudonymität weiter nicht zu lüftenden „Montanus“ erwidern, wies der Geist mir eingibt. Ich habe das trutzige Stückchen vom frisch-froh-freien Lodengermanen auf der Heimreise von St. Moritz gelesen, zufällig gerade diesen abgegriffenen Fehdefäustling von einem Zeitungsjungen zur Fahrt-Verkürzung und Rückkehrtrübsalströstung erwerben müssen. Nunmehr, da ich in Gletschergedanken und Firnenträumen seufzend wieder städtisches Pflaster trete -- die nach bescheidenen Begriffen „boshafte“ Anspielung sei etwaigen Duplikanten gratis dahingegeben -- und nachgerade etliche Zeit verstrichen ist, als innerhalb welcher Herrn „Montanus“ zu entgegnen andern Bewohnern dieses Teils der leider zeitunglesenden Welt freigestanden hätte, drängt’s mich, in einer unbeschäftigten halben Stunde mit der Abermeinung aufzuwarten. Noch steht mir der Geruch in der Nase -- idealiter heißt das --, der die Lektüre begleitete. Keineswegs, wie man füglich, doch aber voreilig annehmen könnte, war’s der mit brav aufsaugender, konservierender Wolle unzertrennlich verbundene männiglich bekannte, sondern Veltliner Geruch, beizendes Weinparfüm nämlich und dieser zähe Odeur, ein in zwei Wechselhemden heimtückisch aus zerbrochener Flasche eingeflossener, Hemden, die ich in der Handtasche aus Bahnfahrtreinlichkeitsgründen für 26 Stunden (außer dem frischen auf dem lesenden Leibe) bereit hielt: ein also freventlich umkleidsamer Antibarbarus bin ich, hört es, Silvani! Zunächst nun die „oben beregte“ Frage der „Wichtigkeit“. Ich kann nicht einsehen -- ein typisches Merkmal des Unverbesserlichen --, daß es minder „wichtig“ sein sollte, über Fragen der „äußern“, der ästhetischen Kultur zu diskutieren denn über reimtechnische etwa oder Fragen der Bühnenpraxis oder solche der hochnotpeinlichen Politik von Fragmentfraktiönchen. Und Menschen, die es partout nicht begreifen wollen, beziehungsweise als unwürdig verschreien, wenn ein Dichter, nach ihrer Meinung also ein Mensch mit einem unverrückbaren „Poetenstandpunkt“, sich „ernstlich“ um andre Dinge bekümmert als um sogenannte „dichterische“, vermag ich nur als betrübliche Scheuklappenstelzbeine zu bedauern. Für mich, Andreas von Balthesser, dekadenten Autor der „Androgyne“, ist ein „Dichter“ ein Mensch mit dichterischer Begabung, im übrigen aber ein Mitmensch, Weltbürger und Zeitkind mit mehr oder weniger großem Welthirn und mehr oder weniger hellen Zeitaugen. Sein „Vorzug“ vor „Nichtdichtern“ liegt, wenn überhaupt vorhanden, im größern Reichtum an Persönlichkeit, nützliche Mitglieder der Gesellschaft sattsam aufregender Eigentümlichkeit, in der Fülle seiner unausschöpfbaren Wesenhaftigkeit, in der kompliziertern Kontur. Ein beliebiger Bedichter beliebiger Dichtbarkeiten scheint mir um dieser seiner unfreiwilligen Merkwürdigkeit willen noch lange nichts Wunderbares. Dagegen sind mir, seitdem ich das zweifelhafte Vergnügen habe, bewußter Nebenmensch Nächster zu sein, Kultur, Stil, vollendete Form, blutvolle Rasse, alles Ganze, Echte, Runde als herrliche, leider nur allzu spärlich ausgestreute Besitztümer erschienen.
Dies also wäre die Einleitung. Und nun in medias res, wie minder beherzte Schreiber sich anzufeuern pflegen. „Montanus“ schmäht mit der -- Ausschließlichkeit des unverkennbaren Spreeatheners alle Bergfahrer, die in ihrem Koffer die ihnen unumgänglich dünkenden Abendtoiletteutensilien mitführen. Ihm gilt nur der als ein der großen Natur, die auch er alljährlich per Rundreisebillett mit seiner Gegenwart beehrt, würdiger Reisender, der sie, die nackende Natur nämlich, mit Vermeidung alles ekeln „städtischen“ Rüstzeugs aufsucht. Das Ideal -- wozu die Betonung? -- des Alpenwanderers ist sonach der weidlich bekannte Loden- und Schafwolldeutsche, der um keinen Preis „angesichts“ von Gletschern und Spitzen in weißer gesteifter Wäsche und gebügelten Beinkleidern sich zu Tische setzen mag. Dies ist nun freilich wieder einmal Geschmacksache. Keineswegs jedoch ist das stolz verkündete Programm der verschwitzten Freizügigkeit ein Dokument von Deutschlands größerer Reise- und Tourentüchtigkeit. Ich, Andreas von Balthesser, der Dandy, stelle des unentwegten Lodenapostels entrüstunglodernder Beteuerung die zwischen zwei Zigarettendampfstößen dem Gehege meiner blankgeputzten Zähne entlassene, nicht minder von sich selbst überzeugte Behauptung entgegen, daß die trefflichsten, ausdauerndsten und erfolgreichsten Hochtouristen sich unter dem von Montanus und Stilgenossen verschrienen Lackschuhpöbel finden, der es aus Kultur der Gepflogenheit für geschmackvoller hält, an der Abendtafel eines komfortabeln Hotels nicht in verstaubten Kniestrümpfen und durchnäßter Joppe Platz zu nehmen. Montanus aus -- Athen stellt die Sache fast so dar, als wäre das Mitführen eines Frack- oder Smoking-Anzuges körperlichen Leistungen nicht nur mechanisch-physisch, sondern geradezu moralisch hinderlich, als wäre es ein Zeichen verächtlicher Städterei, in die Berge den Teil der Garderobe mitzubringen, den man -- auf Bergen nicht anzulegen pflegt.
So hingeklebt äfft die Karikatur ihren leider sehr befriedigten Bildner. Es handelt sich gar nicht darum, ob jemand mit Lackschuhen Gletscher betritt oder im Tennisanzug Felsen erklimmt. Wer solche Unverträglichkeiten zusammenstellt, um sie dann hohnlachend niederzukartätschen, kämpft lärmend gegen Windmühlen vor einem Publikum von Blindgebornen. Es handelt sich auch nicht darum, ob jemand aus Gründen des Geldbeutels lieber einfache Herbergen aufsucht als Engadin-Palasthotelbauten. Das sind Fragen nicht der Kultur und Sitte, sondern der finanziellen Verhältnisse oder der persönlichen Vorlieben. Wenn man aber, wie es der Berg- und Talgermane tut, sich breit aufpflanzt und den Nationen des der Tageszeitung lauschenden Erdballs mit Donnerstimme den Wilden als den bessern Menschen verkündet, dann darf der durchaus Andersgläubige immerhin der Frage auf den geschwollenen Leib rücken und, seinerseits alle Modifikationen ablehnend, sich absolut versteifen.
Und dieses meint der rettungslos Versteifte -- den Dank begehrt er nicht --: Notlage entschuldigt, rechtfertigt aber kaum. Wenn ein Tourist, der -- sei’s nun „aus Prinzip“ oder aus Bedürfnislosigkeit -- ohne Gepäck reist, bergmäßig angetan in einen lichterhellen Table-d’hôte-Saal gerät, wird man den Versprengten nicht abweisen dürfen. Sicherlich hat auch er das „Recht“, in verschwitzter Wäsche und bestaubten Kleidern gleich den gereinigten Genossen sein Mahl zu genießen, das er ebenso wie sie bezahlt. Unfug aber wäre es, Terrorismus vor allem gegenüber wehrlosen Nachbarn, wollte die Phalanx der wilden Männer durch die brutale Mehrzahl die löbliche Sitte sprengen, der sich gerne fügt, wer auch +Gehorchen+ zu den Kulturerrungenschaften des „Gebildeten“ zählt. Die abendliche Speisetracht unter Menschen von Geschmack ist nicht der Lodenrock, sondern eben der abendliche Gesellschaftsanzug. Dies zu bestreiten, ist kein Heldentum, sondern Eigensinn. Wer, wenn er von drei Uhr morgens bis zum späten Nachmittag gewandert und geklettert ist, nicht das Bedürfnis fühlt, Wäsche und Kleidung zu wechseln, ist um den Mangel dieses Bedürfnisses wahrlich nicht zu beneiden. Wer aber, wenn er’s empfindet und ihm nachgibt, geflissentlich andre Kleidungsstücke anlegt, als im weltbürgerlichen Europa die erprobte diskrete Gepflogenheit verlangt, mag sich Revolutionär dünken, darf sich aber nicht wundern, wenn ihn der andre Teil der Welt -- der diesseits aller Hinterwäldler und Hinterweltler -- stillschweigend oder halblaut als einen -- sagen wir artig-neutral Outsider nimmt und also traitiert. Es ist keine Kunst, sich gegen Regeln irgend eines Milieus aufzulehnen. Aber es ist mehr als „Kunst“, es ist +Gnade+, sich unbefangen, +selbstverständlich+ in einem erlauchten Milieu zu bewegen. Und wenn der deutsche, zumal norddeutsche Reisende leider noch immer dafür bekannt ist, daß er gegen die Gesetze des gesellschaftlichen Taktes und der konventionellen äußern Kultur (Ästhetik) unangenehm zu verstoßen pflegt, so scheint mir, Andreas von Balthesser, Autor der „Androgyne“, dies nicht eben ein Moment, das trotzig-selbstbewußt zu betonen, das vielmehr in bescheidener Erziehungsarbeit mit allem Aufwand an deutschem Fleiß und deutscher Energie allmählich endlich -- schon aus „Humanität“ -- zu +beseitigen+ wäre.
_HERR VON BALTHESSER PHANTASIERT ÜBER DAS THEMA „DIE DAME“_
Eine Dame ist eine virtuelle Vollkommenheit, die Mängel nicht ausschließt. Man kann eine Dame sein und muß keine Rasse haben. Man kann eine Dame und rührend oder unverzeihlich dumm sein. Man kann eine Dame sein und sich sogar -- schlecht kleiden. Jedenfalls kann man eine Dame sein ohne die Spur von Eleganz, ohne die Spur von Geist. Man kann tugendhaft wie ein englischer Gouvernantenroman und nichtsdestoweniger eine Dame sein. Man kann Bücher schreiben und doch eine Dame bleiben, man kann Kinder haben, sogar viele Kinder, und eine Dame sein. Es gehört nicht Geld dazu, und Millionen müssen die Gnade nicht erdrücken. Man darf kokett, sogar sehr kokett sein und kann doch eine unantastbare Dame bleiben.
An eine Dame kann niemand heran. Eine Dame wird sich nichts „vergeben“. Eine Dame wird über ihr Benehmen nie im Zweifel sein. Sie wird aber nichts affektieren, was ihre Wesenheit zu umschreiben dienen könnte. Eine Dame darf Launen und Passionen verraten. Sie mag versteckt, sogar borniert, bigott, adelstolz, hochmütig, frei und großzügig, leutselig, liebenswürdig, zuvorkommend, mürrisch, schlagfertig, jähzornig, sentimental, melancholisch, unterhaltungssüchtig, ehrgeizig, kindisch sein. Sie kann eine Königin der Mode, sogar eine Zierpuppe, eine Pretieuse, eine Zimperliche (prüde) sein. Sie hat aber keinen Hang zum Snobismus oder -- läßt ihn sich niemals anmerken. Sie mag hassen, verachten und spotten, sie wird aber nicht maulen, raunzen, greinen, tratschen und klatschen.
Sie gestattet Schmeicheleien, aber sie glaubt nicht daran. Sie ist nicht laut, aber auch nicht schüchtern. Sie ist nicht grell, aber auch nicht farblos. Sie muß nicht platt und banal, sie kann glatt, schwierig, sie darf sogar ein unauflösliches Rätsel sein. Sie muß nicht das Wort führen, wird es sich aber nicht nehmen lassen. Sie wird nicht „lauschen“, aber beileibe keine Rede halten. Sie wird sich nicht in Szene setzen, sich jedoch niemals übersehen lassen, nie dominieren wollen und doch leise den Ton stimmen. In ihrer Nähe wird man nicht immer Ehrfurcht empfinden, gewiß aber nicht Unverschämtheit betätigen. Man muß sie nicht vergöttern, wird sie aber niemals überhören. Sie wird nicht diktieren, und man wird sich ihr doch fügen. Sie braucht nicht verführerisch, nicht anmutig zu sein, aber sie kann nicht geringgeschätzt werden. Eine Dame respektiert man. Eine Dame kann erwärmen und -- abkühlen. Denn eine Dame hat +Takt und immer wieder Takt+. Dame kann man nicht +werden+.
Eine junge Dame aus bürgerlichster Familie heiratet einen Vollblutaristokraten und „wird“ Aristokratin --: sie ist es längst +gewesen+. Aber hätte sie einen Schnittwarenhändler geheiratet, wäre es nicht aus ihr „herausgekommen“.
Die „Dame“ ist nicht an eine Kaste gebunden. Aber nicht in allen Schichten ist ihr Nährboden; unterhalb einer gewissen Sphäre ist der Begriff nicht anwendbar, bleibt die Erscheinung unerkannt. Es ist theoretisch denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß eine Ehefrau, die ihrem Gatten, dem Papierhändler, hinter der Budel hilft oder ihm die Bücher führt, alle Eigenschaften einer Dame besitze, dennoch bleiben sie sozusagen unfruchtbar.
Eine Dame kann sehr gut einen Omnibus benützen, wenn sie nicht in der Lage ist, einen Fiaker zu bezahlen, sie kann in der Küche selbst das Essen zubereiten, das sie ihren Gästen selbst vorzusetzen den anmutigen Stolz besitzt, sie kann eine Gewinn erzielende Tätigkeit entwickeln, Stunden geben, Handarbeiten anfertigen, aber -- Kunden bedienen kann sie nicht. Es gibt Damen, die Ammen sind, große Damen sogar (der Säugling ist freilich ein Prinz des Herrscherhauses), es gibt Damen, die den Dienst von Kammerfrauen versehen und sich eine Ehre daraus machen (der Geschmack daran ist Erziehungssache), aber keine Dame wird an einem Schauturnen sich beteiligen oder öffentlich einer sozialethischen Doktrin huldigen, während es hinwiederum vorkommen soll, daß sich unter Schauspielerinnen Damen finden (der Geschmack daran ist -- Talentsache).
Die Dame muß durchaus nicht amüsant, braucht aber auch nicht langweilig zu sein. Sie wird den Anspruch nicht verlieren, wenn sie von Vergangenheiten umflüstert und wechselnden Gegenwarten geneigt ist. Dieser Punkt ist freilich einigermaßen heikel. Aber nicht die Brille eines Obmanns des Vereins zur Hebung der Sittlichkeit wird man aufsetzen dürfen, um hier klar zu sehen, sondern es gilt, Ohren zu spitzen, die das Gras über Begebenheiten wachsen zu hören begabt sind. Es gibt eine tönerne Schale des Begriffs „Dame“, die tausend Risse, und nicht nur feine Haarrisse, sondern recht derbe Sprünge aufweisen kann, ohne zu zerscherben. Man wird innerhalb eines Gesellschaftskreises aus tausend Gründen der Eitelkeit, Rücksicht, Klugheit die Augen mit Gewalt verschließen Tatsachen gegenüber, die der Mund nicht nur nicht in Abrede zu stellen versucht, sondern sogar ganz behaglich wiederholt. Und es gibt „Damen“, die, zum gesellschaftlichen Tod verurteilt, ein hohes Alter der äußern Reputation erreichen. Es gibt „Damen“, über die man sich nicht genug entrüsten kann und denen man doch nicht ernsthaft auf den leichten Fuß zu treten wagt oder imstande ist. Die moralische Heuchelei verträgt sich mit fader Prüderie ebensogut wie mit der (angesagten) Inkognito-Debauche. Auch ist der Ehebruch zum Beispiel, wenn er selbst in Permanenz erklärt ist, nach der strengen Auffassung maßgebender Kreise noch lange nicht so verdammenswert als die eklatante Mißheirat, und der Gatte, der eine „unmögliche“ Frau in die Gesellschaft bringen wollte, die -- Maitressen duldet, würde bald in Zweifel ausschließender Deutlichkeit an die Naivetät seines ungehörigen Vorgehens sich erinnert finden.
Die Dame des Hauses ist die Seele des von ihr geladenen Kreises. Sie weiß Harmonie hervorzuzaubern aus ungefügen Elementen, weiß sie zu erhalten. Nichts ist bezeichnender für ein Haus als seine Geselligkeit. Nicht so sehr die Personen, die man heranzieht oder die sich einfinden, als ihre Stimmung. Das ist, so wenig man auch dem Hausherrn seine Rolle verkürzen mag, den ihm gebührenden Einfluß mindern will, Sache der Dame. Daß der Stil ihres Hauswesens sie ausdrückt, ist selbstverständlich. Die Dame des Hauses lebt in ihrer Tischordnung, ihrem Gerät, der Verteilung der Lichteffekte. Aber die Dame belebt nicht nur stumme Mittel, sie dirigiert lebendige. Niemals wird eine Dame ein Stocken des allgemeinen Gesprächs oder eine Stauung in der Zirkulation der Mitglieder ihres Kreises dulden. Niemals werden Längen eintreten, niemals wird ein unpassendes Presto-staccato die Leistungsfähigkeit ihres Orchesters vor der Zeit schwächen dürfen. Sie wird sie vielmehr zu beleben trachten, wird eine Art von Rausch in Permanenz erhalten, der beschwingt, aber ja nicht lastende Ernüchterung zurückläßt. Gesellschaften, denen man mit Gewissensbissen nachhängt, sind schlecht geleitet gewesen. Es ist Sache der Dame, die ihr zur Verfügung gestellten Talente nicht abzubrauchen. Sie muß zu gruppieren, nicht nur Situationen, sondern auch Skalen der Beziehungen zu schaffen wissen. Und darum muß sie zuerst unbedingt ihrer selbst sicher sein. Worin besteht die Sicherheit des Benehmens, das die Dame auszeichnet? Es sind nur Züge anzudeuten, die man nicht etwa summieren darf. Summen sind immer brutal. Sicherheit ist nicht mit Ungeniertheit zu verwechseln. Man kann geniert sein durch einen Lümmel, der sich im Eisenbahncoupé Rock und Schuhe auszieht, durch einen Roßknecht, der im Freien badet, durch einen Trunkenen (es muß nicht gerade ein Trunkener sein), der an der Hauswand sein Wasser abschlägt, durch eine Chansonette, die sich in gewagten Entblößungen gefällt. Es ist außer Frage, daß solche „Gêne“ hier nicht gemeint ist. Das Befangensein, das durch gesellschaftliche Situationen hervorgerufen wird, denen man sich nicht gewachsen fühlt, aus Mangel an gesellschaftlicher Bildung, ist der Makel, der die Kleinbürgerin von der Dame unterscheidet.
(Das große Kapitel der schlechten Manieren überschlagen wir.) Aber nicht nur die Befangenheit, auch, ja noch mehr fast die -- Unbefangenheit ist hier von Übel.
Die Leute, die es „reizend“ finden, wenn ein Negerfürst die Mundschale austrinkt, halten solche „Unbefangenheit“ mit Recht bei übertünchten Europäern für anstößig.