Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten
Part 3
Manchmal fragt mich einer, warum ich ein Monokel trüge. Ich antworte mit der größten Offenheit, weil es mir gefiele. Das kann der andre nicht begreifen. Er lächelt mitleidig oder boshaft oder ungläubig, und endlich spielt er seinen höchsten Trumpf aus, wenn er nämlich sehr gut mit mir ist: es sei doch „eine ganz gewöhnliche Fexerei“.
Ich gebe ihm das natürlich zu. Nun ist er erstaunt. „Du siehst das also ein?“ „Natürlich. +Einzusehen+ ist doch keine Kunst. Ich sehe ein und tue doch, was mir gefällt. Ich trage zum Beispiel ziemlich hohe Stöckel und sehr enge Beinkleider. Es gefällt mir. Vielleicht gefällt es mir morgen nicht mehr. Dann werde ich sie nicht mehr tragen.“
„Aber du machst dich lächerlich.“ „Wer macht sich nicht lächerlich? Der eine, indem er Gedichte schreibt, -- vor einem Zuckerraffineur; der andre, indem er seinen ergrauenden Schnurrbart färbt, Töchterschülerinnen gegenüber. Sich lächerlich zu machen, ist unvermeidlich. Denn jedermann findet Kritiker. Jedermann. Und wer +vor andern+ kritisiert, wird gern einen Witz anbringen. Man kann Witze machen über die Tatsache, daß Goethe die „Iphigenie“ geschrieben hat. Daran ist nichts zu verwundern. Ärgerlich und zwar für den, der sie anzuhören gezwungen ist, sind nur +schlechte+ Witze. Gute Witze läßt man sich gelegentlich immer gefallen, -- besonders wenn sie auf Abwesende gemünzt sind. Also wenn du einen guten Witz über mein Monokel machen willst, so mach’ ihn ungescheut. Aber nur einmal! Oder wenn du ihn unbedingt ein zweites und ein drittes Mal anbringen mußt -- eine Geschmacklosigkeit, die ein Zeichen von Armut ist, da du mit dir selbst wucherst -- dann mach’ ihn, bitte, das zweite und dritte Mal vor andern. Es wäre dir hoffentlich selbst unangenehm, wenn ich ihn zweimal von dir anhören müßte.“
Es gibt meines Erachtens nichts Beschämenderes, als wenn einer einen Witz -- das Unmittelbarste, Blitzähnlichste, was sich denken läßt -- zweimal vor demselben Publikum anbringt. Ich erinnere mich eines Professors, der seine „Witze“ in seinem Kollegienheft notiert hatte und sie Jahr für Jahr „vortrug“. Man konnte sich Tag und Stunde ausrechnen, wann sie fallen würden. Es gab „Liebhaber“, die solche Stunden immer wieder aufsuchten. Ich habe das von den Liebhabern womöglich noch geschmackloser gefunden als von dem Professor. Bei ihm war immerhin ein klein wenig Verachtung dabei.
Einer der bei Provinzabonnenten und hauptstädtischen Provinzialen so beliebten Sonntagsplauderer irgend eines Tageblattes schwelgte neulich einmal in der Mitteilung, daß ein kürzlich verstorbener Krösus, der doch ein so fürstlicher Wohltäter gewesen sei, mit dem Kellner um ein unrichtiges Plus von 20 Kreuzern habe feilschen können und nicht nachgegeben hätte, des verächtlichen Lächelns des Kellners unerachtet. Der anmutige Chroniqueur fühlt sich in diesem Punkt dem Nabob verwandt. Auch er feilscht um 20 Kreuzer mit dem Kellner und gibt nicht nach. Und das verächtliche Lächeln stellt sich unfehlbar ein... Es ist ein „feiner“ Unterschied da, den der liebenswürdige Plauderer nicht merkt. Der Nabob konnte sich das erlauben. Er blieb der Nabob. Es ist so, als ob es ihm beliebt hätte, mit durchlöcherten Schuhen spazieren zu gehen. Wenn einer um 20 Kreuzer feilscht, weil ihr Verlust ihn schädigt, ist das sehr natürlich, aber keineswegs eine interessante Perversität... Jener Krösus, der um 20 Kreuzer gefeilscht haben soll, ist mir übrigens nicht einmal interessant. Er konnte sich das erlauben. Ist das interessant, was man sich erlauben kann? Ein andrer kann sich so etwas nicht erlauben. Das ist aber nicht jener charmante Glossator, dem es tatsächlich ein Bedürfnis ist, zu feilschen, weil er das Bedürfnis hat nach dem -- Objekt des Feilschens, beziehungsweise seinen Mangel peinlich empfindet. Ich meine den Unnatürlichen, der seine Unnatur fühlt, sie bekämpft und -- ihr unterliegt.
Von einem andern Zeitungsschreiber habe ich neulich lesen müssen: Niemals habe die deutsche Prosa auf einer ähnlichen Höhe gestanden wie heute. Es hat deutsche Schriftsteller gegeben vom Range der Schlegel, Grimm, Hoffmann, Kleist, Novalis, Hölderlin, Platen, Stifter, Goltz, Keller! Und der Unglückselige findet, die deutsche Prosa sei heute auf einer Höhe angelangt „wie noch nie“! Heute schreiben sie und „tun so“, „als ob“. Und dieser armselige Festredner glaubt es ihnen. Dabei ist die Grammatik abhanden gekommen. Unter hundert heute landläufigen Schriftstellern kann kaum einer Deutsch. Sie machen Fehler wie die Buben in der ersten Gymnasialklasse und +merken+ es +nicht+. Sie merken es nicht einmal bei andern: ein Zeichen, daß ihre „stilistischen Ohren“ verstopft sind. Und Dumme und Kluge lassen sich heute so leicht blenden! Es braucht einer nur seine Worte einige Jahre hindurch anders zu stellen, als es die Syntax gebieterisch fordert: er imponiert; zumal wenn ihn die andern „Verbrecher aus verlorner Ehre“ vielfach darum preisen. Seine Unarten werden von unzähligen Schmieranten nachgeahmt; so wird man heute Klassiker.
Ich sage: es ist einfach unglaublich, wie schlecht bei uns geschrieben wird. Kein Volk auf der ganzen Erde mißhandelt seine Sprache so wie das deutsche. Es sollte ein Grimm heute versuchen, sein Wörterbuch mit Beispielen aus der „schreibenden Gegenwart“ zu belegen, er könnte fast nur fehlerhafte Wendungen verzeichnen. Gesetzt, ein Grimm von heute hätte ein Gefühl für die Fehler seiner schreibenden Zeitgenossen.
Denn das macht es aus, nicht nur in der Schriftsprache, im Leben überhaupt sind wir um allen Stil gekommen und +merken es nicht+. Wie wäre es sonst möglich, daß sich die Menschen nicht zusammenrotteten und die große Mehrzahl ihrer Architekten, ihrer Baumeister, ihrer Schriftsteller, vor allem ihrer Schriftsteller erschlügen? Man müßte heute, um zum Tauglichen wenigstens wieder -- „instradiert“ zu werden, alle Städte niederreißen, bis auf den Grund, und so ziemlich alle „gebildeten“ Einwohner dieser Städte töten. Nur so wäre es möglich, mit einer ausgewählten Zucht von jungen Menschen -- die man im Wachstum wieder dezimierte --, durch gute Lehrer und treffliche Beispiele unterstützt, etwas Kulturähnliches zu erzielen.
Der Literat hat schweigend zugehört. Jetzt sagt er: „Aber +Sie+, nicht wahr, Herr von Balthesser, Sie blieben uns doch erhalten? Das heißt, -- den andern natürlich, denn ich würde ja wohl auch ausgerottet. Da ich jedoch noch am Leben bin, darf ich mir die Frage erlauben, ob ich Sie, Herr von Balthesser, ‚unterm Strich‘ behandeln kann.“
_HERR VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM BESCHEIDENEN JUNGEN SCHRIFTSTELLER ÜBER BÜCHER_
Man sollte, sagte Herr Andreas von Balthesser, seine Bücher in höchstens 100 Exemplaren drucken lassen, die man verschenkte. Das Papier müßte fest und holzfrei, vorzüglich Bütten sein, die Textsäule ungefähr ein Sechstel der großen Seite einnehmen. Kein Buch wäre zu binden: das bliebe dem Eigentümer und seinem persönlichen Geschmack überlassen. Wenn man, wie dies heute leider noch immer der Fall ist, seine Bücher durch einen Verlag veröffentlichen und sie an den Türen der Redaktionen um ein gütiges Geleitwort bitten läßt, verdient der Autor eigentlich gar nicht, daß ein zärtlicher Schätzer seines Werkes die Gabe ihm mit Dank quittiere. Wozu geht ein Dichter, der etwas auf sich hält, auf den Markt? Um des Ruhmes willen? Den verleiht die Mitwelt nicht. Und er kann dem stillsten Buche zuteil werden, das vergessen in dem Winkel einer kleinen Bibliothek steht. Um des Geldes willen? Wie selten hat ein wirklich vortreffliches Buch seinem Schöpfer Geld eingetragen! Aus Eitelkeit, das heißt des zweifelhaften Vergnügens wegen, sein Werk unter zahllosen unberufenen nach einem berufenen Beurteiler auf der deplorabeln Suche zu sehen?
Sie vergessen, Herr von Balthesser, erlaubte sich der junge bescheidene Schriftsteller zu bemerken, daß man ein Buch wohl ins Ungewisse flattern läßt, gleichwie ein dem Käfig entronnener Vogel, der aus fremden Zonen stammt, ins Ungewisse flattert, daß aber liebevolle Aufnahme ihm zuteil werden kann, von der sein Schöpfer niemals erfährt. Ist das nicht schön? Und bietet der +eine+ Leser, dem Ihr Werk ein süßes Ereignis der Seele geworden ist, Ihrer Einbildung nicht Ersatz für hundert andre, die ihm nicht gewachsen sind?
~Balthesser~: Das ist eine zärtliche Idylle in Wachs, gewickelt in Watte, die mit Rosenwasser befeuchtet ist und verschämt duftet.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ist das ein Einwand, Herr von Balthesser?
~Balthesser~: Nein, nur eine spöttische Bewegung der Mundwinkel.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Die ich also nur als ehrfürchtiger Beobachter Ihres interessanten Mienenspiels zu werten habe.
~Balthesser~: Wie Sie wollen. Ich jedenfalls werde meine Bücher nicht mehr herausgeben, wenn ich überhaupt noch den Heroismus aufbringen sollte, Bücher zu schreiben.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sie werden gewiß noch Bücher schreiben, Herr von Balthesser, und Sie werden sie auch herausgeben.
~Balthesser~: Woher wissen Sie das?
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich erlaube mir das daraus zu schließen, daß Sie so gegen das Herausgeben von Büchern perorieren.
~Balthesser~: Sie sind ein malitiöser Partner. Aber ich liebe das. Nichts ist langweiliger als Zustimmung... O doch: eines ist noch langweiliger: eben dieses, Bücher zu schreiben.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sie müssen es wissen.
~Balthesser~: Sie verblüffen mich angenehm.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~ verneigt sich.
~Balthesser~: Ich habe sonst bei „zeitgenössischen Autoren“ wenig Geist verspürt.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Um so bequemer für Sie, Herr von Balthesser.
~Balthesser~: Wieso?
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Weil Sie sich sicherlich die Mühe genommen hätten, ihn zu negieren.
~Balthesser~: Sie meinen doch nicht etwa, daß ich etwas ähnliches wie Kritik geübt hätte?
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich müßte mich sehr täuschen, wenn Sie nicht oftmals bereits „Kritik geübt“ hätten.
~Balthesser~: Man spricht niemals von gestern.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich werde mich bemühen, diese Lebensregel zu befolgen.
~Balthesser~: Man soll sich niemals bemühen.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sondern andre. Sehr richtig.
~Balthesser~: Gewiß. Wer andre bemüht, ist der Herr seiner Wünsche.
~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Aber der Sklave seiner Launen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr von Balthesser.
_ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DIE BETRACHTUNG VON GEMÄLDEN_
Vor Gemälde vermeide ich mit Bekannten zu treten. Es wird dann immer höchst überflüssigerweise „geredet“. Und sobald man vor Gemälden über sie redet, entziehen sie sich einem. Es ist, als ob es sie verdrösse. Sie verhüllen sich gleichsam von innen heraus. Man kann über Gemälde nur in ihrer Abwesenheit sprechen. (Das Gegenteil hat bei Menschen statt. Ich finde, daß man über Menschen nur mit ihnen selbst sprechen kann. Natürlich auch brieflich, denn der richtige Briefschreiber spricht zu einem Anwesenden. Es gibt wohl auch Briefschreiber, die zu Abwesenden sprechen, solche aber werden immer schlechte Briefe schreiben, uninteressante, unpersönliche.)
Gemälde soll man nur in Stimmung betrachten. Es ist nicht wahr, daß sich die Stimmung einstelle. Man muß Sehnsucht nach Gemälden empfinden, sogar Sehnsucht nach bestimmten Gemälden. Spürt man unbestimmte Sehnsucht nach Gemälden, dann mag man es versuchen, sich gleichsam magnetisch mit dem in Rapport zu setzen, das sein Antlitz im Nebel dieser unbestimmten Sehnsucht verschleiert hält. Will es sich nicht entschleiern, dann unterlasse man es, an dem Schleier zu zupfen. Es schneidet sonst plötzlich eine Grimasse, die lange nachwirkt. Aber jede unbestimmte Sehnsucht birgt einen bestimmten Gegenstand. Unbestimmte Sehnsucht ist nur ein vorläufiger, ein Verlegenheitsausdruck.
Etwas anders ist gemeint, wenn ich hinzufüge, daß man sich in der Betrachtung von Gemälden reinigen kann. Das soll nicht heißen, daß man ohne Stimmung sei. Im Gegenteil: man hat gerade dann, wenn man dieses Reinigungsbedürfnis empfindet, eine sehr starke Stimmung zu künstlerischen Eindrücken. Eben ihre Stärke bedingt die Unlust, die einem das „andre“ bereitet. Man wäre aber zum Beispiel nicht in der Stimmung zu künstlerischer Betrachtung, wenn man sich in sinnlicher Erregung befände. Wer von der Dame seiner Sinne endlich die verheißende Andeutung erhalten hat, der darf nicht vor Gemälde treten. Er wird geneigt sein, eine Nudität von Allegri über Reitergruppen von Mollyn zu stellen, beziehungsweise, was noch schlimmer ist, vor Rubens an die zu gewärtigenden Alkovenbewegungen seiner Dame denken.
Ich habe es ferner immer äußerst uninteressant gefunden, mit Malern vor Bildern zusammenzutreffen. Fachsimpelei ist der Tod der künstlerischen Empfindung, die unmittelbar in der +Seele+ wirksam ist und so von seelischer Wirkung zeugt. Die Seele eines Künstlers spricht durch ein Bild zu meiner Seele. Ihr muß ich mit meiner Seele zu begegnen trachten. Da hält technische Kennerschaft nur auf. Man mag ihre Betätigung geruhig den nur allzu häufigen Stunden der künstlerischen Ernüchterung überlassen.
Damit will ich durchaus nicht gesagt haben, daß die Erfassung des Technischen, die restlose Bewältigung des Technischen durch die Anschauung, nicht nötig wäre, als Basis gleichsam jener Seelenzwiesprache. Man lernt die Seele eines Bildes erst allmählich und auf vielen technischen Umwegen kennen, wenn sie auch beim ersten Zusammentreffen ihre Anwesenheit der verwandten noch so deutlich verrät. Ich meine nur, daß das Reden über technische Dinge am besten hinterm Rücken eines Bildes geschehen sollte. „Hinterm Rücken eines Bildes“, das kann sich sehr gut vertragen mit dem vollsten Betrachten. Aber es ist ein andres Betrachten als das, bei dem alle Vernunft schweigt, abstirbt sozusagen, erlischt wie ein Licht in einer Lampe, das noch eben eine leuchtende und wärmende Flamme war und alle entfernten Ecken eines Raumes erhellte und -- mit eins fort, aus der Welt ist, niemals da war.
Bilder sind der schwierigste Umgang. Sie sind voll Launen und äußerst empfindlich. Manchmal kommen sie einem entgegen mit einer Offenheit, einer Freundlichkeit, daß man nicht weiß, wie man sich zu fassen hat. Manchmal gehen sie von einem so schnell und weit fort, daß man ihnen nicht zu folgen imstande ist. Auch haben sie sehr wechselnde Stimmen. Bald sind sie überlaut, bald so leise, daß man sie kaum versteht und immer „wie“ fragen möchte.
Nebenbei gesagt: Bilder sind ein gefährlicher Umgang. Sie können einen geradezu verzaubern. Es gibt Bilder, die man niemals mehr aus seinem Leben bringt. Sie können das Schicksal eines Lebens werden... Man besucht eine Stadt zum erstenmal, man begibt sich unter andern Fremden in eine ihrer öffentlichen Sammlungen. Man tritt in einen Saal. Milde Oktobersonne liegt darin oder ein warmer Frühlingschein, eine Dame in grünem Reiseschleier steht über ein rot gebundenes Buch geneigt. Ein Aufseher wandelt auf knarrenden Sohlen an dir vorbei... Du siehst auf. Ein Bild. Noch kaum ein Name, hat es plötzlich Gewalt über dich bekommen, deine Weltauffassung, ohne daß du es noch ahnst, im Kerne geändert. Vielleicht hat es der Zukunft deines von einer fremden Frau noch ungeborenen Kindes die Bahn gewiesen.
_WAS ANDREAS VON BALTHESSER GELEGENTLICH ÜBER DAS GESPRÄCH ZU BEMERKEN HATTE_
Wenn mich die Leute nur mit ihren „Ansichten“ in Ruhe ließen! Ich bin aus Höflichkeit genötigt, ihnen zu antworten, und, will ich mich nicht überflüssigerweise mit Lügen anstrengen, muß ich ihnen mindestens etwas Ähnliches wie „eigene Ansichten“ sagen, die leider immer anders lauten, als ihre Fragestellung will.
Das Gespräch erzogener Menschen meidet jegliche Auseinandersetzungen. Es bewegt sich leicht, spielend, gewissermaßen mit fröhlicher Ironie, die jedermann zugänglich ist, tändelnd auf Wandelwegen im duftigen Schatten beschnittener Hecken. Es mag manchmal langweilen, aber es will keinen „sachlichen“ Ernst. Es bietet keine groben Handhaben, wie sie die stämmigen Dauerredner überall angebracht sehen wollen, sich mit der Wucht ihrer Überzeugungen dranzuhängen. Es ist nicht ohne das feine Parfüm des Mißtrauens. Es hat vor allem keinerlei jeder Behaglichkeit so gefährliche Individualität.
Wir sind zusammengekommen, uns in leichtsinniger Stimmung mit heitern, an sich völlig belanglosen Worten zu vergnügen. Es steht bei den einzelnen, sich zu beteiligen oder mit verbindlichem Lächeln zeitweilig außer den Kreis der „Aktiven“ zu treten.
Gute Gesellschaft ist ohne Meinung. Der Causeur referiert nicht -- ein Referat ist der plumpe Grabstein der Konversation --, noch weniger urteilt er. Urteile in der Causerie sind ein Zeichen schlechter Erziehung.
_GLOSSEN ZUR PSYCHOLOGIE DER KLEIDUNG_
Gut gekleidet sein, heißt vor allem +nicht auffallend+ gekleidet sein. Alles Vollkommene ist unbefangen, selbstverständlich.
Das zweite Gesetz lautet: +Solidität+. Auch dieses wird seine Anwendung überall im Leben bestätigen, wo etwas Vollendetes vorliegt.
Es ist zum Beispiel durchaus nicht selbstverständlich, die Manschetten und Kragen an das Hemd anzuknöpfen. „Selbstverständlich“ ist das Hemd aus +einem+ Stück. Sparsamkeit aber, womit man allenfalls die Teilung zu rechtfertigen sucht, ist ein Begriff aus einem andern Reich, der in das „künstlerische“ Gebiet der Kleidung hineingetragen wird, wie man in die Dichtung das moralisierende Element, die Tendenz, hineingetragen hat als ein wesensfremdes. Tendenzen wie „angeknöpfelte“ Manschetten und Kragen sind sicherlich „zielbewußte“, aber darum nicht eben schönere Dinge. Stil lehnt jedes Kompromiß ab. Das Kompromiß bringt den Stil um. Es ist stillos, an das Hemd einen Teil durch mechanische Mittel anzufügen, der mit ihm ein Ganzes vorzustellen hat und -- darin liegt das Unreelle, also Gemeine der Sache -- dieses Resultat vorzutäuschen beabsichtigt. Die vollkommenste Täuschung bleibt eben als Täuschung ein armseliger Kniff der Unzulänglichkeit, die das Zulängliche kennt, schätzt und -- den Schein der Zulänglichkeit erschleicht.
Noch eines: Wer Manschetten und Kragen aus „Schonung“ an das Leibstück anknüpft, trachtet im Grunde nur über die Tatsache hinwegzutäuschen, daß er ein bereits gebrauchtes Hemd nicht zu wechseln pflegt. Er verschweigt sein verschmutztes Hemd, indem er die sichtbaren Ausläufer -- Kragen und Manschetten -- durch reine Stücke ersetzt. Man darf das gebrauchte Hemd nicht ein zweites Mal anziehen. Das mag kostspielig sein, aber -- sich gut zu kleiden, ist eben nicht wohlfeil. Daran ist nichts zu ändern.
Über die „Fasson“ des Anzugs entscheidet natürlich die Mode. Aber nur bis zu einem gewissen Grade. Einem Menschen, der sich mit Verständnis und Geschmack zu kleiden weiß, hat die Mode nichts zu befehlen. Nie wird er sich ihr blind unterwerfen, aber auch nie gegen sie demonstrieren. Eines ist ebenso geschmacklos wie das andre.
Kreationen freilich mag man geruhig einem tonangebenden König überlassen.
So wie ein wohlerzogener Geschmack nicht „Leder“-Tapeten oder ein Gips-Gebälk in der Wohnung duldet, ebenso wird er das angefertigte „Flüchtige“, die steif gefaltete und „fertig“ genähte Krawatte und den unwandelbar mit „Bug“ versehenen Strohhut verabscheuen. Sicherlich auch wird der Mensch von Geschmack seine Schuhe selbst schließen, also entweder zuknöpfen oder zuschnüren, nicht in ein durch Gummiteile gefügig gemachtes Stiefelgehäuse schlüpfen, auch nicht wie ein Negerhäuptling über einem Wolleibchen ein „Vorhemd“ -- schon der Name riecht nach Kannibalentum -- baumeln lassen. Derlei Dinge sind auch nur noch in deutschen Landen „diskutabel“, wo man allen Ernstes erwägt, ob man an der Hotel-Abendtafel in Kniehosen und Wollhemd teilnehmen dürfe oder nicht, und wo das Messer ebenso unfehlbar zur -- Torte gehört wie das Tellerchen aus gepreßtem Glas mit neckisch untergelegtem gesticktem Tüchlein samt dem Miniaturlöffelchen zum „Eis“...
Das sind die Axiome. Alles übrige ist „Nuance.“ Doch wer wird von den „letzten Dingen“ -- den wechselseitigen zarten Beziehungen der einzelnen Kleidungsstücke untereinander -- zu Honoratioren und sonstigen Unsäglichen sprechen, die den Abend-Gesellschaftsanzug, den Frack, als des brav aufwartenden Bürgers Vormittagsfestgewand ansehen, die das Straßen- und Besuchskleid, den Gehrock, aus dem Verließ des Garderobeschrankes hervorholen, wenn sie mit der seidestarrenden Ehehälfte zur -- Sommersonntagsfahrt ins Grüne sich rüsten, die etwa gar den zeremoniellen Zylinder mit dem bequemen gelben Schuh in Geberlaune zum farbigen Akkord zwingen und dem Gehrock durch die -- Frackweste und die schwarze Smokingschleife größere Feierlichkeit zu verleihen meinen!
_HERR VON BALTHESSER GIBT SEINE ANSCHAUUNGEN VOM VERKEHR ZUM BESTEN_
Menschen und Bücher, die immer von der Aristokratie des Geistes reden, sind mir tief verdächtig. Ganz abgesehen davon, daß ich nach meinem persönlichen Geschmack die Aristokratie der Geburt weitaus der des Geistes vorziehe, im Umgange, heißt das. An den Verkehr stelle ich hohe Anforderungen, die der gebürtige Aristokrat mühelos erfüllt, der „geistige Aristokrat“ leider zumeist ganz unerfüllt läßt. Ich verlange zum Verkehr nicht Menschen, die immer das letzte Werk des neuesten Norwegers schon gelesen haben, sondern Menschen, die sich mit Unbefangenheit gut zu benehmen imstande sind. Wer da glaubt, das seien bescheidene Ansprüche, der täuscht sich gewaltig. Es ist viel „leichter“, einen geistreichen Essay zu schreiben, als ein tadelloses Benehmen zu entwickeln. Denn einen geistreichen Essay zu schreiben, das erfordert außer Technik des Handwerks und einiger Bildung noch den sogenannten Geist, beziehungsweise -- sein Spiegelbild. Tadelloses Benehmen aber ist lautloser Lebensrhythmus.
Tadelloses Benehmen ist kein Additionsergebnis. Es läßt sich durchaus nicht in einem Anstandsbüchlein auseinandersetzen, wie es pomadisierte Ladenjünglinge der Konfektionsbranche in den Pausen ihres schwierigen „Verkehrs“ mit den Damen der Hauptstadt voll Beflissenheit studieren. Tadelloses Benehmen ist überhaupt nicht erlernbar, sondern eine „Rasse“eigentümlichkeit, etwa wie die Hautausdünstung der Schwarzen. Das „Aristokratische“ ist keineswegs immer tadellos. Aber sicherlich haben von 100 Aristokraten 90 ein sicheres Benehmen. Unter 100 Nichtaristokraten hingegen sind 98 in ihrem Benehmen ganz und gar unmöglich. Und ich ziehe es entschieden vor, mit weniger geistreichen Leuten, die sich „benehmen“ können, zu verkehren, als mit Leuten ohne Benehmen, sie mögen im übrigen das Gebildetste auf der Welt sein.
Diese schreiben ja heutzutage zumeist Bücher. Und es ist doch weitaus bequemer und amüsanter, in ihren Büchern zu blättern, die man jederzeit weglegen kann, als sich die Last eines Verkehrs aufzuhalsen, der aus vollen Schüsseln der Intelligenz mit -- ästhetischer Roheit spendet. Es ist aber leider zehn gegen eins zu wetten, daß der scharfsinnige Autor eines lesenswerten Buches im „Leben“ ein unästhetischer Mensch sei. Deshalb vermeide ich auch lieber persönliche Bekanntschaften aus dem „Reiche des Geistes“, die mir höchstens den guten Eindruck eines Buches verderben könnten.