Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten

Part 2

Chapter 23,543 wordsPublic domain

Selbstverständlich spreche ich nicht nur von der Kleidung. Es ist überhaupt nicht oft genug zu betonen, daß die Kleidung -- in einem höhern Sinn freilich, als die meinen, die davon nichts verstehen, -- wenig in diesen Unterscheidungen besagt. Die meisten Leute, die sich über den Gecken entrüsten, der zu unpassender Gelegenheit z. B. einen grauen Zylinder und weiße Handschuhe trägt, ahnen nicht, daß der unscheinbare Herr daneben ein Dandy ist und mit ihnen den Gecken verachtet, sie selbst aber noch viel mehr, weil sie auch ihn als einen Gecken ansprechen würden, wenn er zufällig -- in Renntoilette unter sie geriete.

Wer einem jungen Mädchen die Hand küßt, darf als ein Mensch von schlechten Manieren gelten. Aber nicht jeder, der das unterläßt, ist ein Mensch von guten Manieren. Der Dandy hat die besten Manieren. Der Gentleman muß nicht unbedingt gute Manieren haben. Der Grandseigneur -- ein Begriff der alten Zeit, der heute noch sehr gut anwendbar bleibt, leider aber nur noch selten würdige Repräsentanten findet -- hat immer gute Manieren, und zwar einigermaßen pompöse. Der Grandseigneur kühlt die Luft ab. Es ist nur an ihm gelegen, sie wieder zu erwärmen. Und dies vermag der Grandseigneur wie kein andrer. Der Grandseigneur muß kein Gentleman, er mag ein Dandy sein, nie wird er ein Geck sein +können+.

Der Dandy läßt niemals das Impromptu außer acht. Das +Impromptu+ ist das Flüchtigste, Feinste, gewissermaßen der Hauch einer Äußerung. Unter „Äußerung“ will ich nicht notwendigerweise eine Äußerung durch Worte verstanden wissen. Man kann sich durch Blicke und Handlungen, durch Unterlassungen „äußern“. Das Impromptu hat Ehrfurcht vor dem Moment. Es weiß ihm so zu begegnen, daß er liebenswürdig sich fügt. Ein Tausendstel einer Sekunde später -- und der Moment hätte sich bereits zurückhalten lassen müssen, was unbedingt respektlos und sehr unliebenswürdig ist, wenn es auch sehr „herzlich“ sein mag. +Der Dandy verfehlt nie den richtigen Moment.+ Er betont ihn nie, betont überhaupt nichts (am allerwenigsten seine Gegenwart), er läßt den Moment sogar verschleiert vorbeigehen, aber er verkennt ihn nie.

Der Enthusiast verkennt häufig den Moment. Stößt er auf ihn, dann ist er unbedingt Sieger. Daß der Besiegte knirscht, ist dem Enthusiasten gleichgültig. +Der Dandy ist niemals Enthusiast.+ Und seine Siege demütigen den Besiegten nie. Freilich sehen sie auch niemals nach einer -- Niederlage aus, was dem Enthusiasten manchmal passieren kann. Denn der Enthusiast ist zumeist „gleich darauf“ niedergeschlagen. Diesen jähen Szenen- und Mienenwechsel kennt der Dandy nicht, das heißt +an sich+ nicht. +An den andern kennt er alles+ und richtet sich darnach ein.

Wenn er keine andern Beziehungen hat, unterhält der Dandy um so freundlichere zu seinem Kammerdiener.

„Dandy“ ist ein Begriff der ästhetischen, „Gentleman“ einer der ethischen Wertung.

_ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE GRÄFIN F._

Gnädigste Gräfin!

Sie verlangen in Ihrer beneidenswerten ländlichen Einsamkeit von mir einen Bericht über Abenteuer. Hier ist einer, und zwar von der mir sympathischesten, der ironischen Sorte.

Gestern abend -- ich hatte um vier Uhr bei Trautensteins diniert, um sechs meinen Tee getrunken und wollte mich eben zum Besuch der Oper umkleiden -- trat mein Bedienter ein, und da ich mich unwillig (ich liebe keine Überraschungen, und Benedikt respektiert meinen strengen Befehl, mich ungerufen so selten als möglich mit seiner Anwesenheit zu belästigen) ihm entgegen wendete, meldete er in der steifen Haltung, die ich ihm mit einem unsäglichen Aufwande von Geduld beigebracht habe, Herr von Haller wünsche mich sogleich zu sprechen. Nun wußte ich zunächst, ich würde eine unbequeme, weil beobachtete Toilette machen, die notwendigerweise in meinem Sinn unvollkommen geraten müßte, des weitern mindestens die Ouvertüre zu Carmen versäumen und bei bereits verdunkeltem Hause, was ich um der Orientierung in der Umgebung willen durchaus verabscheue, in meine Loge treten, endlich, Ernst Haller, der überlaute, in seinen Mitteilungen auf eine peinliche Art unbeholfene Mensch, werde mich beunruhigen, vielleicht um die ganze, mühsam aus einem nicht allzu bequemen Tage gerettete Stimmung bringen. Ich war äußerst ungehalten und herrschte den geradezu delikat rasierten und mich dadurch nur um so unerwünschter an mein gestörtes Vorhaben gemahnenden Bedienten, indem ich die Hand von der Klinke des Ankleidezimmers sinken ließ, in einem mir selbst widerwärtigen überhasteten Tonfall an: „Und du hast gesagt, ich wäre zu Hause?“

„Euer Gnaden haben mir nicht befohlen, Euer Gnaden zu verleugnen!“

„Esel, immer sollst Du mich verleugnen!“

Sofort auch ärgerte ich mich schon dieser nicht überlegten, nur durch den tyrannischen Widerspruchsgeist des Befehlenden hervorgereizten, kommenden Tages mit aller mir zu Gebote stehenden Macht niederdrückender Überzeugungssicherheit füglich zu widerrufenden Worte.

Aber Ernst von Haller stand bereits in der Tür. (Er hat eine Art, Türen aufzureißen, die nach der Reitpeitsche verlangt.) Ich sammelte mich mühsam. „Guten Abend,“ sagte ich und wandte mich voll ihm zu. Mir fiel die Unordnung in seinem Anzug auf. Er, der sicherlich zu den an den Fingern einer Hand geläufig herzuzählenden Menschen gehört, die sich hier zu kleiden wissen, erschien da mit einer an Künstler und Examinanden gemahnenden zerrütteten Haartracht, geöffnetem Wintermantel, geöffnetem Gehrock; der Zylinder war -- ich sah es an den Spiegellichtern seiner Flächen -- aufgerauht. Benedikt verharrte, sichtlich erbleicht, da Haller ohne Aufforderung eingetreten war, in abwartender Stellung. Ich wollte ihn nicht allsogleich sich entfernen lassen, um wenigstens die Einleitung der mir unliebsam zu gewärtigenden Unterredung -- denn eine Unterredung (wie ich das Wort hasse!) sollte da natürlich sich abspinnen -- von ihrer jedenfalls überwältigenden Maßlosigkeit auf das Niveau gesellschaftlichen Nebenbei-Tones herabzustimmen. Doch Ernst Haller ließ mich dieses Mittel gar nicht erst in Betracht ziehen. Er begann unvermittelt und mit einem fast theatralischen Heranschreiten: „Ich bitte dich in einer dringenden Angelegenheit....“

„Du kannst gehen“, hatte ich noch Zeit, meinem Diener winkend zuzurufen, sonst hätte der Kerl aus dem Repertoir von Tagesblättern und Lieferungsromanen eine willkommene Gratisgabe erhalten.

Als er sich rasch und lautlos -- er darf nie frisch besohlte Schuhe tragen (wie er das anstellt, ist seine Sache) -- hinwegbegeben hatte, nötigte ich Haller, dem ich meine für den Abend noch nicht behandelte Hand reichte (wenn ich einmal meine Finger kultiviert habe, lasse ich sie nur in Handschuhen anrühren), auf den einen der beiden mächtigen Lederlehnstühle zu Seiten des mit einem schmiedeeisernen Gitter diskret geschmückten Kamins. Er warf sich zwar so, daß die Federn stöhnten, auf die breite Sitzfläche zwischen den hohen Armstützen, sprang aber auch sofort, als ob es ihn nicht litte, wie ein Gaukler auf und mir fast ins Gesicht. Ich bot ihm -- er sprudelte schon eine Menge vager Worte -- Zigaretten an. Es wies sie ab.

Kurz, -- ich hatte es ja längst geahnt -- er hat mich, brüsk und vor mir aufgepflanzt wie bei einer Fechtakademie, nach meinen Beziehungen zu seiner Schwester gefragt. „Ich weiß alles!“ schrie er. (Das ist die dümmste Art, mir beikommen zu wollen.) Und dann ergab sich wie ein gelöst rollender Knäuel Bindfaden die ganze umständliche Geschichte. Es ist zwar bekannt, daß er seine Schwester seit je beargwöhnt hatte. Ich habe auch immer die, wie ich nunmehr sah, gegründete Überzeugung gehegt, daß er uns mindestens beobachten ließe. Aber mich verdroß die, wie gesagt, theatralische Manier, mit der er dieses höchst zwecklose Gespräch in Szene setzte.

Die Baronin Alice Sigmar-Bouvelle ist eine jener Damen, die -- wie soll ich mich ausdrücken? -- einfach nicht anders können. Sie ist sehr schön, groß, gut gebaut und von dieser unersättlichen blonden Rasse, die so reizend hinter einem müden -- darf ich sagen: „Sehnen“? -- eine stete, sehr amüsante Glut zu verbergen weiß. Sie ist mir im Grunde so gleichgültig wie meine Uhrkette. Aber die Grazie, mit der sie eine glimmende Zigarette, den Arm leicht über ein Polster gelegt, mit fast geschlossenen Augenlidern betrachtet oder wie sie mit einem federnden Schwung sich von der Handfläche, die man ihrem kleinen Fuß unterschiebt, in den Sattel hebt und niedergleiten läßt, gefällt mir über alle Maßen. Und einmal hatte ich, als sie mir die Hand bot, diese Hand von unten nach oben gedreht und über dem etwas gepreßten Ballen durch den kleinen Ausschnitt im Handschuh geküßt. Dann hat sich alles sehr einfach arrangiert. Es war keine besonders mühsame Geschichte. Und bald langweilte mich die Sache, so leid es mir tat, die bequeme Situation zu verlassen. Kam mir da der Bruder mit dem unangemessenen Aufwande!

Ich zündete mir -- es war vorauszusehen, daß ich ja nun doch zu spät ins Theater kommen würde, und die Zähne hatte ich mir nach all dem Gerede, das folgen sollte, gründlichst von neuem zu putzen -- ich zündete mir gelassen (wenn ich auch allmählich von der Brust aufwärts gegen den Hals hin leise zu zittern begann) eine Zigarette an und sagte -- ich weiß genau die langsamen Worte --, sagte nichts als: „Willst du dich mit mir schlagen?“ Das wirkt immer famos. Er hielt in seiner unablässigen Wanderung zwischen dem Kamin und meinem Schreibtisch, Gott sei Dank, für einen Augenblick inne und sah mich an (ich bemerkte, daß sein Schnurrbart heute nicht gestutzt worden war).

„Ich will Gewißheit,“ sagte er sehr laut. Wieder so ein Wort der Theaterstückeschreiber! „Was für eine ‚Gewißheit‘?“ fragte ich, mich zurücklehnend und den dünnen blaugrauen Rauch in kurzen Stößen aus der Nase entlassend. „Daß du mit meiner Schwester...“ Es kam ihm nicht von der Zunge. Ich begreife das. Mir wäre das auch höchst fatal. „Lieber Freund,“ sagte ich und richtete mich etwas auf (ich hatte den Nacken zu fest an den Hemdkragen gedrückt), „sei nicht böse, aber du bist -- entschuldige schon -- komisch.“

„Reize mich nicht noch mehr!“ polterte der alberne Mensch wieder.

Ich mußte unwillkürlich lächeln. Er, diese knarrende Windfahne, sprach von „reizen“! „Übrigens hast du gesagt, du wüßtest alles.“ Er beging nun (natürlich!) die große Unvorsichtigkeit, zu entgegnen: „Also doch!“

Da stand ich auf. Ich steckte beide Hände in die Taschen meiner Beinkleider und erhob ein wenig die Stimme: „Lieber Alter, verzeih, wenn ich jetzt etwas sehr Unanständiges mir zu -- flüstern erlaube: Ich wollte fast -- du wüßtest ‚alles‘; dann -- wüßte ich es auch...“ Er war augenscheinlich überrascht. Ich aber, jetzt gut eingefahren, setzte hinzu: „Und die Baronin hat doch einen +Mann+.“ Er schwieg. Ich bot ihm eine Zigarette an. Er nahm sie geistesabwesend.

„Schau, Ernst, (ich riskierte jetzt den Vornamen, gleichzeitig überlegte ich, ob ich Benedikt rufen sollte, daß er Kognak hereinbrächte), schau Ernst, du bist -- du verzeihst schon --, du bist ein Narr. Blamier’ dich nicht! Der Fredi (Alfred Baron Sigmar-Bouvelle ist der glückliche Besitzer meiner ‚Passion‘), der Fredi würde ‚sich kugeln‘“, (ich wählte diese ‚gemütliche‘ Ausdrucksweise, da ich nun die Gewißheit hatte, noch einen Teil der Ouverture von Carmen zu retten, die ich so gerne höre), „wenn wir ihm diesen Besuch erzählten.“ Ernst Haller setzte sich. Ich ließ Kognak bringen. Wir rauchten schweigend.

Endlich bat er mich um Verzeihung. Ich verzieh ihm großartig. Dann begleitete er mich in das Ankleidezimmer. Ich mußte schon ein übriges tun und gnädig sein. Und da ich ihn einlud, mit mir die Oper zu besuchen, verlangte er Kamm und Bürsten und richtete sich etwas menschlicher her...

Ist das nicht ein Abenteuer? Ich gestehe, daß ich es gegen keinen der berühmten Postwagenüberfälle in den noch immer so beliebten, weil im Aussterben begriffenen romantischen Gegenden auszutauschen Lust hätte. Sie werden sich wundern, daß ich die vollen Namen der agierenden Persönlichkeiten genannt habe; noch mehr jedoch, daß Sie diese Namen heute zum ersten Male vernehmen, da Sie, Gräfin, was die hiesige Gesellschaft betrifft, immerhin einige Personen- und Sachkenntnis zu besitzen meinen. Nun denn, verzeihen Sie mir, daß ich Sie -- nicht entrüste: sie sind erfunden.

Stets in Verehrung der Ihre

+Andreas Balthesser+.

_ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM LITERATEN ÜBER DIE GESELLSCHAFT, DIE KÜNSTLER UND IHR GEHABEN UND DAS SELBSTVERSTÄNDLICHE_

~Andreas von Balthesser~: Der Hauptgrund der nicht wohl abzuleugnenden Verwirrung, in der sich bei den Deutschen heute die Literatur befindet -- ich meine das Gemenge von Echtem und Falschem, vor allem aber die beängstigende Übermacht des verrucht täuschenden Falschen, dichterisch Unerlebten -- der Hauptgrund dieser bösen Unkultur unsres Schrifttums scheint mir die einigermaßen fragwürdige soziale Stellung des Schriftstellers gerade bei uns und gerade heute. (Anderseits freilich dürfte wiederum die Masse, wie überhaupt im sozialen Leben, den Stand drücken.) Erst wenn ein Autor sehr großen Ruhm und natürlich auch sehr viel Geld erworben hat, duldet ihn die Gesellschaft, und auch dann nur mit jener unverschämten Neugierde, wie man sie sogenannten farbigen Rassen entgegenbringt. Als voll nimmt sie ihn ja doch nicht. Deshalb darf der Schriftsteller, der etwas auf sich hält, während man von ihm noch nicht entsprechend viel hält, das Schreiben gewissermaßen nur incognito ausüben, geschehe dies auch noch so -- öffentlich. Er muß etwas „daneben“ sein, mindestens ein Herr X, Sohn des Herrn Y. Ein Mensch, der „+nur+“ Schriftsteller ist und noch nicht den großen Ruhm und sehr viel Geld erworben hat, trachtet, sich für seine Stellung außerhalb der Gesellschaft durch allerlei Mittelchen auf seine Weise zu entschädigen. Er macht aus der Not die bekannte Tugend. Er sucht aufzufallen. Er setzt sich in Szene. Wenn er schon nicht mit den Menschen leben kann als einer ihresgleichen (und es ist sein heimlicher Neid), so sollen wenigstens möglichst viele um ihn herum stehen und ihm verwundert zusehen.

~Der Literat~: Was Sie da von dem Schriftsteller sagen, ist eine grausame Wahrheit, die die wenigsten von uns einsehen mögen, wie man eben immer gerade das nicht „einsehen“ will, was man am besten weiß. Sie haben aber bei Ihrer „Soziologie“ vergessen oder übersehen, daß das „Soziale“ ein dehnbarer Begriff ist, zumindest wie alle Begriffe relativ.

~Andreas von Balthesser~: Ich finde nicht, daß Begriffe dehnbar seien. Dehnbar, das heißt doch wohl elastisch, sind die von den Begriffen zugedeckten Dinge. Der Begriff aber ist immer sehr hart, sehr hölzern, sehr „Deckel“. Doch dies nebenbei. Sie meinen, ich hätte übersehen, daß der Schriftsteller soziale Beziehungen hat und pflegt. Ja, gewiß, zu andern Farbigen: Schauspielern, Virtuosen, Malern...

~Der Literat~: Nicht der schlechteste Umgang.

~Andreas von Balthesser~: Warum die Betonung? Gewiß nicht, aber „an sich“ kein Umgang im „sozialen“ Sinn.

Sprechen wir darüber ohne Gereiztheit. Es ist doch selbstverständlich, daß ein kluger Schauspieler, ein geistreicher und begabter Maler, ein erfahrener und lebendiger Schriftsteller ein besserer „Verkehr“ sind als etwa ein dummer, oder wie die Demokraten unentwegt zu sagen pflegen, ein vertrottelter Sportsmann. Aber -- wir streiten ja auch nicht darüber, ob es angenehmer sei, mit hübschen und zugänglichen Balletteusen zu soupieren als mit steifen alten Herzoginnen, sondern, nicht wahr, wir sprechen von der „sozialen Stellung“ und den Gesetzen der „Gesellschaft“. Und in der „Gesellschaft“, darüber sind wir uns doch ganz klar, zählt weder der Klaviervirtuose noch „der Schriftsteller“ noch „der Maler“. Er „zählt“ wohl, aber ich möchte nicht gern so „zählen“, das gestehe ich unumwunden: er zählt als Bestandteil der „Bühne“.

In der Gesellschaft -- Sie denken dabei hoffentlich nicht an einen „Jour“? -- gibt es immer eine Bühne und -- das lächelnd zurückgelehnte Parkett. Ob auf der „Bühne“ einer im Schweiße seines Angesichts Klavier spielt oder -- ohne Schweiß -- seinen mehr oder weniger berühmten Namen als Schriftsteller oder Maler vorzeigt oder vorzeigen läßt von einem Impresario, der sich meinetwegen im Parkett erhebt, das ist im Grunde dasselbe. „Soziale Stellung“ im Sinne der „Gesellschaft“ hat der Schriftsteller „als solcher“ nicht. Und ebensowenig der Schauspieler. Daran werden alle Tiraden über „Demokratisierung der Gesellschaft“ nichts ändern. Sie verstehen: Ich spreche vom +Titel+, vom Anspruch, nicht von einzelnen Tatsachen, die sich scheinbar gegen das „Prinzip“ auflehnen. Es gibt ja anderseits auch Gräfinnen, die ganz und gar nicht zur „Gesellschaft“ zählen. Es gibt nur +eine+ Gesellschaft. Auch dies ist ein Axiom, das die nicht anerkennen wollen, die nicht dazu gehören. Man „gehört“ zur Gesellschaft oder -- nicht. An der Zugehörigkeit zur Gesellschaft kann einem der Verkehr mit Schriftstellern nichts rauben -- ebensowenig wie der Verkehr mit Balletteusen. Wer aber mit Balletteusen -- verwandt ist, der gehört nicht zur Gesellschaft, und ein veritabler Schriftsteller in der Familie ist auch keine Annehmlichkeit, verstehen Sie mich? Wenn der Schriftsteller sehr berühmt und sehr reich ist, so schadet er einem nichts, hören Sie, im besten Fall +schadet+ er nicht. Auch ein Strumpfwirker in der Familie schadet nicht, wenn er -- Millionär ist. Und das hat Sinn. Ja, dieser Unsinn, wie die Leitartikler sagen, hat Sinn. Denn es ist klar, daß der Strumpfwirker, der Millionär ist, sich in irgend etwas von dem Strumpfwirker, der sich 2000 Gulden im Jahr verdient oder noch weniger, unterscheiden wird, und zwar durch +Lebensgewohnheiten+. Sehen Sie, darauf kommt es an. Dem Strumpfwirker-Millionär erlaubt man sogar, sich seine „Gewohnheiten“ erst anzugewöhnen. Man drückt ein Auge zu und blinzelt verliebt zur Million hinüber. Das mag kleinlich sein, aber es ist sehr natürlich und wie alles Natürliche „echt“. (Nicht alles „Echte“ anderseits ist -- natürlich.)

Also noch einmal, es gibt nur +eine+ Gesellschaft. Das ist eine Tatsache, die man angreifen oder beklagen kann, aber nicht hinwegdekretieren. Freilich machen die Gesellschaft nicht die aus, die sich unbefugt selbst dazu zählen, auch nicht die, die von beflissenen oder -- verwandten Reportern auf dem geduldigen Papier dazu gezählt werden. Nicht die Leute etwa, die ein Wohltätigkeitsfest gelegentlich in Verkaufsbuden vereint, gehören zur Gesellschaft. Sie sind arme Teufel, wenn sie sich’s darum einbilden... Ich bin neulich auf der Straße einem mir nach Abbildungen in illustrierten Zeitschriften bekannten Komponisten begegnet. Er ging mit seiner Frau. Sie trug natürlich die entsetzliche Reformtracht. (Haben Sie schon jemals eine „Dame“ auf der Straße in Reformtracht gesehen? Ich nicht; und das hat wiederum Sinn und ist sehr begründet.) Er den Künstlerhut und die liebliche Mähne aller Komponisten. Ich möchte wissen, weshalb Komponisten immer Mähnen haben? Warum sie immer schlecht gekleidet sind, weiß ich sehr genau: weil sie sich über derlei Dinge erhaben fühlen, oder, wie ich es mir auszudrücken erlaube, davon keine Ahnung haben. Aber ich frage Sie, warum tragen Komponisten immer Mähnen? Es ist scheußlich, aber „künstlerisch“. Muß also nicht der „Künstler“ als öffentliche Erscheinung für den wohl erzogenen, den lautlosen Menschen ein Greuel sein. Wer sorgt dafür? Die Künstler mit ihren Sammetjacken und -baretten, mit ihrer Löwenmähne und den Reformkleidern ihrer Frauen. Und das sind die Menschen des „höhern Seins“, die Menschen der Kunst, der „Blüte der Kultur“.

Hat nicht der „gigerlhafte“ Aristokrat mit seinen engen Beinkleidern und dem fabelhaft gut gemachten Rock (nicht nur der Schneider macht gute Röcke, das ist ein Irrtum: der Träger macht den guten Rock oder -- läßt ihn machen), hat er nicht mehr Kultur im Leibe?

Also, um auf meinen Komponisten zu kommen: Er trug seine Löwenmähne -- es war ein nicht eben sonderlich warmer Frühlingstag -- ungekämmt zur Schau, nämlich den Hut in der Hand oder auf seinem Spazierstock, glaube ich, ja, ja, auf seinem Spazierstock. Ich frage: Tut so etwas ein andrer Mensch als ein „Künstler“? Sie werden mir da natürlich den göttlichen Übermut dieses ungebundenen Völkchens und die berühmte rote Weste Gautiers zitieren usw. Erstens aber ist damit gar nichts „bewiesen“, denn die rote Weste Gautiers, wenn sie auch vielleicht die Philister reizte -- und eben darum eine arge Geschmacklosigkeit bedeutete: es ist geschmacklos, den Philister zu reizen --, war immerhin, da sie die Farbe betonte, im Gegensatze, sagen wir: zur Nüchternheit der Philisterumgebung, etwas Malerisches, ein (grobes) Symbol, aber was ist an der ungekämmten Mähne eines Komponisten malerisch? Und dann: die ganze Sache ist ja +gemacht+. Alles aber, was gemacht ist, ist geschmacklos. Der „gigerlhafte“ Aristokrat ist nicht „gemacht“. Es ist das eine Sache der angeerbten Unnatur, vielmehr: der +natürlichen+ Unnatur, also doch Natur, ein Cachet, das nicht aufgeklebt ist, sondern aus dieser seiner „unnatürlichen Natur“ fließt. Daß aber der Dirigent seinen Hut, seinen „Künstler-Schlapphut“, auf seinem Spazierstock vor sich her trägt, neben seiner Frau, die in Reformtracht, Lilien über der Sitzfläche, durch die Stadt zieht („zieht“ ist das Wort), ist Mache, riecht nach dem Theater, ist ekelhaft prononciert, im besten Fall unerträglich lächerlich. Darin, daß sich jemand „auffallend gut“ kleidet, kann ich nichts Lächerliches finden. Die bizarre Erscheinung dieser schlanken Arabeske nimmt sich, meine ich, sehr gut aus. Ich fühle Kultur, die +Kultur der Gepflogenheit+, in dieser Art, sich ein wenig auffällig zu kleiden. Selbstverständlich ist höchste Vornehmheit unauffällig. Aber ich wette um den Lockenkopf des liebenswürdigsten „Gesellschafts“-Zeilen-Plauderers, daß dieser Löwe der literarischen „Jours“ an ihr immer wieder vorbeisieht. Dieser naseweise Herr, der sich, literarisch bis in die abgebissenen Fingernägel, für Gautiers rote Weste begeistert und sich in einem frischgebügelten Waschleinenanzug für Oscar Wilde hält, ist bei all seiner Belesenheit oder -- Angelesenheit ein Mensch, der, was den Geschmack betrifft, meist tief unter dem kleinsten Kavallerie-Kadetten aus gutem Hause steht, als welcher außer dem Wallenstein -- in der Kadetten-Schule -- von den Klassikern wenig erfahren hat und lieber das kleine Witzblatt liest und die Personalnachrichten des Salon- und Sportblatts als das „Textbuch“ zu „Tristan“. Jener fade Enträtsler der unter den Falten ihres Reformgewandes verborgenen Psyche des modernen Weibes hat keine Ahnung von der Kultur der Gepflogenheiten. Was er „Elegantes“ tut oder besser: „vollführt“, denn es ist falsches Pathos in seiner Beflissenheit, ist Surrogat. Aber weil er „unterm Strich“ den wehrlosen Barbey d’Aurevilly zitiert, dünkt sich der Federstilgewandte mehr als jener harmlose Kavalleriekadett aus guter Familie. Er ist rührend, dieser Trugschluß. Nein, er ist nicht rührend, denn er ist allzu unbescheiden. Die Vernunft, das Wissen, das Schreiben ist gar nichts. +Das Selbstverständliche ist alles.+

Ob einer „selbstverständlich“ malt wie Velasquez oder „selbstverständlich“ dichtet wie Shakespeare oder „selbstverständlich“ ein Pferd reitet, im Grunde sind das alles Äußerungen einer einzigen Kraft, der Natur. Wenn aber der „unterm Strich“ Vauvenargues -- „man kennt die sublime These „„des““ Vauvenargues“ (natürlich hat er sie soeben erst in der gestern als Rezensionsexemplar ihm zugewiesenen Übersetzung gelesen) -- zitiert und gewohnheitsmäßig zu diesem Behuf seine walzenrunden Manschetten auszieht und vor sich auf den Tisch stellt, so ist das ein Produkt der „Bildung“, ein Exkrement der Bildung sozusagen, eine häßliche und übelriechende Sache.

_ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM ANDERN LITERATEN ÜBER DAS MONOKEL, ÜBER WITZE, LIEBENSWÜRDIGE SONNTAGSPLAUDERER UND DIE DEUTSCHE PROSA_