Laubstreu

Part 9

Chapter 93,608 wordsPublic domain

Die Frau beugte sich tiefer über den Brunnen. Da unten wohnte die Brunnenfrau, dort ging sie auf goldenen Wiesen mit ihrem kleinen silbernen Hund. In hellen Nächten, hieß es, könne man ihr weißes Kopftuch sehen. Nun fing es an zu dunkeln; das Haus versank in Grau, in Weiden und Erlen. Nur unter dem Dachrand blinkte ein kleines Fenster; dort lagen wohl schon ihre kleinen Töchter; sobald die Sonne sank, gingen sie schlafen, aber früh, kaum daß der Himmel fahl wurde, liefen sie schon und sammelten sich in der taugrauen Wiese, wo man sie schreien und schnattern hörte, ehe sie auseinanderstoben.

Die Frau ging ins Haus zurück. Heute nacht wollte der Mann heimkehren von einem Beutezug; da mußte sie auf sein und helfen, die Säcke verstauen an geheimen Plätzen; sie setzte sich an den Herd, um die Kittel ihrer kleinen Töchter zu flicken, aber die Arbeit sank ihr in den Schoß, und sie lauschte den Geräuschen der Nacht, all dem Seufzen und Knarren draußen in den Bäumen und drinnen im Gebälk. Nun wurden die Nachtvögel in den Wipfeln lebendig, sie wanden sich durch die Äste, plump und seidenweich, bis sie sich aufschwingen konnten, lautlos in die freie Finsternis. Sie wußten, wo die wolligen Junghasen lagen, die sie heimtrugen zu ihrer eigenen Brut, die mit bösen, gelben Augen nach frischem Fleisch schrie. Und durch die Baumwurzeln schlüpften Marder und Wiesel, sie hatten ihre Gänge und Höhlen, ihre Vorräte und Kinderstuben wie die Menschen, und wenn ihre Wege sich kreuzten, gab es da unten einen kurzen, bitteren Kampf mit heißem Gefauch, die Erde schluckte ein wenig Blut, aber darüber lag verschwiegen der moosige Teppich mit tausend nickenden Flockblumen, die faulenden Blätter des Vorjahrs, durch die sich die gelben Taubnesseln drängten.

Durch den Ladenausschnitt kam ein Mondstrahl und tastete über Bank und Tisch und über die Hände in ihrem Schoß; da stützte sie den schmalen Kopf und dachte an die Abende daheim, wie sie auch dasaß und die Quelle im Dunkeln hörte, und dann des Vaters Schritt, immer näher, bis er die Tür auftat und sein weißer Bart im Monde noch weißer war.

Wie sie so gesessen ist, hat sie auf einmal wirkliche Schritte gehört, viele kleine Schritte und Klopfen an der Tür, und wie sie geöffnet hat, haben da vier kleine Buben gestanden, einer immer ein wenig kleiner als der andere, und der kleinste wie ein kleiner Kater, man hätte ihn in der Schürze tragen mögen; die baten um Einlaß.

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Die Bübchen hatten die Schüssel geleert, die sie ihnen hingestellt, saßen mit schweren Augenlidern um die kleine Öllampe und erzählten weinerlich von Mutter und Vater und wie sie in die Irre gegangen seien. Die Frau ging von einem zum anderen, streichelte dem den Kopf, rückte dem das Halstuch zurecht, beugte sich verstohlen über sie, immer wieder mußte sie den Dunst ihrer braunen Hälschen einatmen, wie er sie aus dem Ausschnitt ihrer Kittel ankam, diesen Duft, in den sich ein Ruch mischte von Harz und Kohlenmeilern und fetter ungebleichter Schafwolle. Ach, und ihre singende Sprechweise war wie Amselzwitschern. Von einem guten, geplagten Vater, von einer harten geplagten Mutter erzählten sie, von dem Hündchen Strupp und den Meilern tief im Wald, von Bucheckern und Pilzen, und sie meinte, wieder tief drinnen zu stehen, die Füße im Heidelbeerkraut, die Sonnenstrahlen um sie her, als würde das Licht zur Orgel ... Aber auch von einem Dorf erzählten sie, wo sie zur Schule gingen, früh, wenn es kaum Tag war, die einsame Straße hin, wo Krähen auf verschneiten Steinhaufen saßen und schweren Flugs in die graue Luft stießen. Manchmal kam ein Planwagen und der Fuhrmann ließ sie aufsteigen, da kauerten sie unter dem Zeltdach im Stroh, über ihnen die schwankende Laterne, wo das irdene Geschirr verpackt lag, oder zwischen Mehlsäcken, und schliefen und träumten von frischem Brot. Die Kinder waren so müde, sie nickten beim Erzählen ein, und auf einmal fuhr die Frau zusammen und sagte: »Ihr dürft nicht hier bleiben, o um Heilands Namen, Ihr müßt fort, kommt, wir müssen gehen ...«

Denn sie meinte, sie habe die Treppe knarren hören, und sie rannte die morschen Stufen hinauf, wo in der großen, niederen Stube ihre kleinen Töchter schliefen. Aber die rührten sich nicht, lagen nebeneinander im Mondlicht, mit zurückgebogenen schneeweißen Gurgeln; und ihre Zähne glitzerten und der laue Atem ging aus und ein.

Draußen wußte sie keinen sicheren Winkel; die bösen Hunde spürten alles auf. Da brachte sie die Kinder in die Kammer, wo das ausgeweidete Reh hing, dort war Holz aufgestapelt, ein gutes Versteck. Dort würde sie keiner wittern vor Wildgeruch. Aber still sollten sie sein wie die Mäuse. Ach, durch die Nacht meinte sie schon die rauhe Stimme zu hören, und das Pferd, wie es müde, mit gebeugtem Kopf, die Hufe aus den schmatzenden Pfützen zog. So hüllte sie sich ganz in eine graue Decke ein, die nur ihre dunklen Augen freiließ, daß er das Beben ihres Mundes nicht gewahr werde, und zog den schweren Riegel zurück, als er näher kam.

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Wie dann der wilde Mann, von Wein beschwert, eingeschlafen war, winkte die Frau den kleinen Buben, und sie krochen aus ihrem Versteck hervor mit ängstlichen Augen. Da drückte sie sie ans Herz, die kleinen runden Köpfe, und küßte sie ins Genick und sog noch einmal den Duft ihrer sonnverbrannten Hälschen. Dann aber, den Finger am Mund, ging sie vor ihnen her, wo das Wasser zwischen den Erlen gluckste und der Mond schmalfingerig durch die Zweige griff. Und weiter, wo nur noch Gebüsch war und seichte, silberne Pfützen, wo der tote weiße Sand begann und der Pfad mählich aufstieg und dann am Rande des Steinbruchs vorbei, wo der Wind durch die Hallen und Höhlen fuhr und schwarze Gewässer tief unten heraufstarrten zum Mond. wie Seelen, die kein Lichtstrahl mehr erhellen kann ... dort ging die Frau und trug den kleinsten im Arm, ein anderer hielt sie am Kleid und die größten folgten ihr nach; an Abgründen und Kreuzwegen kamen sie vorbei, aber keines sprach ein Wort; sie gingen mit blassem Angesicht, und die Frau irrte sich nicht und hielt auch nirgends an; sie sah nur gerade in die Luft, denn ihr Herz war ihr zum Wegweiser geworden. Dann, allgemach, senkte sich der Weg, die Steinbrüche blieben liegen, und schon schimmerte die Landstraße und ging von Nebelgrau zu Nebelgrau, aber in der Ferne blinkten Lichter ... Da kniete sie vor den Kleinen nieder und küßte sie, so jammervoll, und wies sie den Weg und flüsterte ihnen zu, guten Rat oder waren's nur Töne, wie brütende, säugende Tiere sie ausstoßen, in Angst und Liebe. Und wandte sich ab von ihnen in scharfem Schmerz, die nun still und ernsthaft im Mondlicht weiterstapften, kleine Buben, die so große Schatten warfen.

Vor ihr der Weg stieg wieder an, den sie zurückgehen mußte; erst durch Wiesen, wo hier und dort ein Steinblock lag, weich eingebettet im feuchten Thymian, dann aber karg, umlagert von Geröll, graues Gesträuch klomm aus den Fugen. Dem Steinbruch zu wand sich der Pfad zurück, schon wieder fühlte sie den kalten Wind aus den Höhlen, der ihr das Kleid um die Knie straffte. Wie schwer waren ihr die Füße, wie leer das Herz. Daheim? Dort würden die bösen Hunde im Verschlag winseln, dort stand der Brunnen, das Haus, grau im ersten fahlen Licht. O Herzeleid, o Ersticken.

Gradaus ging sie mit weiten Augen, die Hände über dem erstorbenen Herzen, und wie der Kreuzweg kam, redete der Wegweiser in ihrem Herzen nicht mehr. Hinauf ging der Pfad, so steil, so steinig; war das der, den sie gekommen? Und der andere führte hinunter ins Geklüft, der ging sich leichter. Im Steinbruch wisperte es und seufzte, und immer tiefer ging sie hinein, und der graue Nebel rollte hinter ihr zusammen.

Glückliche Zeiten

Ein zeitlose Geschichte

(Für Agnes und Else und andere artige Kinder)

Also -- da war einmal eine Prinzessin, die hatte sich im Walde verirrt und da begegnete ihr ein Drache, der sie sehr erschreckte. Aber so greulich er auch aussah, so hatte er doch ein mitleidiges Herz, und wie er sie weinen sah, nahm er sie mit in seine Höhle. Als sie nun einige Tage bei ihm gewesen war, gefiel sie ihm so gut, daß er sie nicht weglassen wollte, denn er führte ein einsames Leben, und etwas Jugend tat ihm wohl. So wurde die Prinzessin Stütze des Drachen mit Familienanschluß, aber was die Familie angeht, da war nur der Drache, denn er war ein alter Junggeselle, hatte auch keine Dienerschaft, darum war auch alles so verwahrlost, ja es sah recht unordentlich aus in der Höhle; aber das sollte ja nun die Prinzessin mit feinem Geschmack anders gestalten, und sie tat auch, was sie konnte, mit Girlanden und Waldblumenbuketts. Als nun die Prinzessin einige Zeit bei dem Drachen gewesen war und sich an mancherlei hatte gewöhnen müssen, begann sie, denn obgleich sie eine Prinzessin war, fehlte ihr doch nicht der Sinn dafür, die komischen Seiten ihrer Umgebung zu erkennen. Es war dabei manches schlimm genug. Wie zum Beispiel das Schnarchen des Drachen, wenn er sich schamlos dem Mittagsschlaf hingab, denn er gehörte zum Geschlecht der Suppenbläser und stieß abwechselnd aus dem rechten und linken Nasenloch greuliche Dämpfe aus. Hypochondrisch veranlagt wie er war, litt er an beständiger Angst vor Erkältungen, die ihn zu den seltsamsten Maßregeln greifen ließ. So hatte er sich eines Tages ausgeklügelt, der Besitz zweier Nasenlöcher bilde eine stete Gefahr für das katarrhalisch disponierte Individuum, da sich das Gehirn zwischen diesen beiden Korridoren in fortwährender Zugluft befände. Deshalb hatte er, trotz ernstlicher Gegenvorstellungen der Prinzessin, das eine Nasenloch mit Moos verstopft, was eine Anschwellung der Gesichtshälfte, verbunden mit heftiger Migräne, zur Folge gehabt hatte. Nachts hörte die Prinzessin den Drachen in seinen großen Filzparisern durch alle Gänge schlurren, um nachzusehen, ob auch alles zu sei, und bei dem geringsten Wetterumschlag trank er einen abscheulichen Tee aus Baumrinde, zog Pulswärmer an und umwickelte sich den Hals mit einem alten himbeerfarbenen Cachenez, was zu seiner Hautfarbe äußerst fatal aussah und den Schönheitssinn der Prinzessin, die früher beim Hofmaler Weichschnabel aquarelliert hatte, empfindlich verletzte. Angenehm war es auch nicht, dabei sitzen zu müssen, wenn der Drache Makkaroni fraß. Diese hingen ihm dann wie Schlangen zu beiden Seiten des Maules herab, und mit den Pfoten stopfte er nach; die Prinzessin mußte wegsehen, sonst verging ihr der ohnedies zarte Appetit.

Abends legte der Drachen Patience. Seine Klauen waren nie ganz rein; er tunkte sie ab und zu in den Sumpf und meinte damit ein übriges getan zu haben; und der Prinzessin blieb auch hier nichts anderes, als emsig an ihren Binsenkörbchen zu flechten, um nur nicht hinsehen zu müssen. Diese zum Sammeln von Erdbeeren bestimmten Behälter häuften sich in einer Ecke der Höhle an. Es gab keine Erdbeeren in diesem Walde, und so waren sie eigentlich zwecklos. Einmal ertappte sich die Prinzessin bei dem Gedanken, man könne sie ja auf einen Basar für Ferienkolonien geben, denn die Handarbeiten fürstlicher Frauen fanden bei solchen gemeinnützigen Veranstaltungen stets reißenden Absatz. Hier freilich türmten sie sich als Angebot ohne Nachfrage im Hintergrund der Drachenwohnung auf.

Alles in allem aber war die Prinzessin auf bestem Wege, sich den ungewohnten Lebensbedingungen anzupassen. Alles was recht ist, dachte sie (diese Redewendung hatte sie von einer bayerischen Kinderfrau aufgeschnappt), aber dies absolute =sans gêne=, diese Dehnbarkeit in der Zeiteinteilung (zum Beispiel das Mittagessen, das, ebenso unberechenbar wie das Osterfest, bald früh, bald spät stattfand), die schönen, ausgiebigen Schläfchen unter den Tannen ... das alles ließ ihr das frühere Leben, die Residenz im Stadtschloß, wie auch die sogenannte ländliche Zwanglosigkeit der sommerlichen Monrepos' und Sorgenfreis wie öde Korrektionshäuser erscheinen, wenn sie auch ab und zu nach ihrer Zofe Fanny mit dem Manikürekasten, nach ihrer silbernen Badewanne und schönen schaumigen Frühstückschokolade Sehnsucht verspürte.

Manchmal ging der alte Drache aus, um andere Drachen, die wie nie abgelöste Schildwachen vor ihren Schatzkammern lagen, zu besuchen. Er selbst war ein freier Drache, sozusagen ein Finanzminister im Ruhestand, der keine Rechenschaft mehr abzulegen hat, nur die Prinzessin war sein Schatz; und da er von Natur mißtrauisch war, nahm er sie wenn irgend möglich zu diesen Besuchen mit. Dann tranken die Drachen Meth, priemten und spuckten und spielten Karten, wobei sie sich gräßlich beschimpften und mit den Trümpfen auf den Tisch schlugen, daß es dröhnte. Aber allmählich gewöhnte sie sich an den Humor dieser Sonderlinge, ein Gemisch von abgestandenen Börsenwitzen und alemannischer Vierschrötigkeit, das aber zu den alten warzigen Herren paßte, wie die Verwünschungen cholerischer Propheten zu den Steinfratzen gotischer Kathedralen. -- -- --

Eines Tages nun, es war zu Frühlingsanfang, sah der Drache, nachdem er sein Mittagessen bewältigt hatte, gerührten Auges zu, wie die Prinzessin, nachdem sie einen Rest geschmorter Pilze und das übrige Blaubeerkompott weggeräumt hatte, mit ihren kleinen rauhgewordenen Händen den Eichelkaffee filtrierte. Ach, das war doch alles keine Arbeit für eine Prinzessin, dachte er beschämt und fühlte, wie sich seine kleinen grünen Plieraugen mit Tränen füllten, die er verstohlen mit den Klauen wegwischte, wenn sie auf seinen höckerigen Lederwangen niederflossen, die an ein Reisenecessaire aus Krokodilhaut erinnerten, nur daß sie nicht so schön poliert waren wie diese Erzeugnisse einer raffinierten Kultur.

Draußen zwitscherten die Buchfinken in den knospenden Büschen und suchten nach gegabelten Ästen, ihre Nester darin zu befestigen. Durch das dürre Laub streckten Tausende von Anemonen ihre weißen, feingeäderten Kelche, die im Frühlingswind schwankten, und überall, wo immer ein feuchtes Fleckchen zu finden war, hatte die Sonne es aufgespürt und blitzte darin wie in Glasscherben; durch die kahlen Baumwipfel sah man den blauen Himmel mit vielen kleinen, runden Lämmerwölkchen schimmern, es roch nach Erde und nach Moos, und aus den Sümpfen kamen bedächtig die Kröten gewandert und trugen, wie einst die Weiber von Weinsberg, eine jede ihren kleinen Ehemann auf dem Rücken. Da auf einmal fühlte die Prinzessin ein so tiefes Mitleid mit dem armen Drachen, der so alt und schäbig mitten in dem hellen Frühlingswetter dasaß, und den man eigentlich in eine chemische Reinigungsanstalt hätte schicken müssen. Er würde nie eine Drachin und liebe kleine Drachen sein eigen nennen, dazu war er doch viel zu alt und häßlich, und wenn sie einmal befreit würde, bliebe er allein zurück und hätte niemand, der sich um ihn kümmern würde; denn wenn sie ihn mitnahm, kam er doch nur in den Zoologischen Garten, wo ihn die Kinder mit Sonnenschirmen und Stöcken ärgern würden und er eine betonierte Felsenhöhle bekäme -- die reine Attrappe, und alle Tage abgekochte Mohrrüben, die er nicht leiden konnte. Armer, alter Drache! Und sie hatte während der ganzen Zeit kein böses Wörtchen von ihm zu hören bekommen und hatte doch selber -- besonders im ersten halben Jahr -- nichts getan, als die Nase rümpfen über das Essen und die mangelhafte Einrichtung; und er gab es doch, so gut er's hatte! Da neigte sie sich über ihn und kraute ihn ein wenig hinter den Ohren, wozu er die Mundwinkel hochzog und ein Gesicht machte wie Wagnerianer, wenn das Lied von den Winterstürmen und dem Wonnemond losgeht, legte ihre Samtwange auf sein runzeliges Haupt und aus ihren schönen Augen rollte eine Träne. Und dann küßte sie ihn mitten auf sein grünpatiniertes Nasenbein.

Aber im selben Augenblick geschah ein furchtbarer Donnerstoß, die Erde schwankte, Bäume und Gestein drängten sich zusammen oder sanken auseinander, ihre Farben verwandelten sich, das Dach der Höhle hob und wölbte sich, und Bäume wurden zu Säulen; es war, als wirbelte ein Kaleidoskop um sie her, und wie sie wieder zur Besinnung kam, saß ein schöner, wohlerzogener Prinz in entzückender Uniform, mit Ordenskette und blitzendem Stern ihr zur Seite, in leuchtendem Saal, und alles war verwandelt, ihr Kuß hatte den Zauber gelöst, nur die Erdbeerkörbchen standen noch da, waren nun aber aus Goldgeflecht, und in jedem lagen, wie Ostereier, vier bunte, leuchtende Steine.

Schöne Damen kamen paarweis geschritten, mit demütigen Schwanenhälsen und hoffärtigen Schleppen, sie hielten ihre Kleider mit spitzen Fingern und versanken wie sterbende Springbrunnen, wenn sie vor Prinz und Prinzessin vorüberzogen. Da waren Herolde, angetan mit historischen Wappenröcken, mit Locken und spitzen Bärten, gerade wie Kartenkönige, nur daß sie Beine hatten; schöne kleine Pagen mit Krone und Zepter auf seidenen Kissen, süß lächelnde Kammerfrauen mit reizenden Hündchen, auch eine kleine Mohrin war dabei. Auf den Galerien aber hinter goldenen Gittern bliesen und fiedelten die Musikanten, daß es eine Lust war, und das silberne Haar des Kapellmeisters wehte nach allen Seiten vor Begeisterung ... Nun zogen die Köche vorbei, weißgekleidet, feist und glatt, mit Kochlöffeln und blanken Messern im Gurt, und hinter ihnen die Küchenjungen, wie ein Echo in kleinem Format, dann der Troß der Stallmeister, der Jäger und Hornisten, die Treiber und Hundejungen mit Peitschen und Netzen, und schließlich auch das Aschenweib, das nur dazu da war, die Asche aus den Kaminen fortzutragen, grau und zerzaust wie eine mauserige Krähe. Aber ganz zuletzt kam die Märchenerzählerin der fürstlichen Kinder, die war so uralt, daß sie die Leute in den Märchen persönlich gekannt hatte; klein und gebückt trippelte sie vorüber in spitzem Hut und grünem Mäntelchen.

Alle machten ihre Reverenz, die Prinzessin mußte in einem fort lächeln und nicken, und nun kamen drei Hofprediger mit feierlichem Glockengeläut und begrüßten das fürstliche Paar im Namen des Höchsten mit überaus herzlichen Gebärden ihrer kleinen, weißen, wohlgenährten Hände, wie segnende Maulwürfe. Die Bäume rauschten, die Brunnen sprangen und tanzten und die Glockentöne waren rund und tief wie die Glocken selbst; aber die Sonne blies die Backen auf und posaunte auf ihre Weise mit langen, heißen Stößen. Und dann wurde die Hochzeit gefeiert. --

Aber als sie nun viele Jahre König und Königin gewesen waren, dachte die Königin manchmal zurück an ihre Höhle. Nun war sie bequem und dick geworden, und die schönste Stunde des Tages war die von drei bis vier, wenn sie ihr Korsett auszog und sich mit einem Roman auf den Diwan legte. Die Kammerfrau holte ihr die herrlichsten Schmöker aus der Leihbibliothek, denn der König ließ sie durch den Hofbibliothekar ausschließlich mit Memoirenliteratur versorgen; aus diesen Produkten des =ancien régime= hoffte er, daß sie den Geist feiner =répartie=, der ihr von der Natur versagt war, erlerne. Sie gestand es sich kaum ein, aber eigentlich hatte sie dies Leben gründlich satt mit seinen Denkmalsenthüllungen und Audienzen, wo die Menschen immer ganz kleine Mündchen machten, als könnten sie nur Tütü sagen. Die Tage waren so künstlich zugeschnitten, jede Stunde fügte sich in die andere ein wie bei einem Geduldspiel, da war keine Ritze, wo die kleinste Maus hätte durchschlüpfen können, und nun überkam sie oft ein Verlangen nach anderem, wie ein wohlerzogener Knabe aus guter Familie, der in eine Hafenstadt kommt, voll neidischer Wonne nach den schmutzigen Schiffsjungen auf den Heringsbooten schielt. Der alte Drache -- ja es war merkwürdig, wie bald er sich in alles gefügt hatte. Wenn sie an seine Filzpariser dachte! Nun, er hatte sich ja auch viel gründlicher als Drache ausgelebt. Nun war er ein kleiner, trockener, ältlicher Herr geworden, mit einer irritierenden Art sich zu räuspern, und all die Vorschriften der Etikette waren ihm unentbehrlich wie eine hygienische Unterbekleidung. Neuerdings konnte er sich ganz merkwürdig über die kleinsten Mißgriffe aufregen, so neulich, als die Zuckerzange nicht gleich bei der Hand war. Da hatten seine Augen Drachengift geschossen, wie sie es damals, in der Höhle, nie getan. Der Lakai schlotterte und der Oberhofmarschall fühlte die Fundamente seines Daseins wanken. Aber die Königin konnte nicht an sich halten; sie lachte in ihrer unpassend explosiven Art und bekam einen ganz roten Kopf: »Lieber Mann,« sagte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen -- denn sie mußte beim Lachen immer weinen -- »als wir noch in der Drachenhöhle lebten, hast du deinen Zucker abgebissen und den Kaffee trankst du aus der Untertasse wie eine Waschfrau.« Alles war wie versteinert, denn die unselige Drachenepisode wurde ja totgeschwiegen und jede Anspielung darauf als grobe Taktlosigkeit empfunden; eine Zeit eisiger Ungnade war die Folge dieser übelangebrachten Reminiszenzen. Seitdem versuchte die Königin ihre seelischen Aufwallungen zu unterdrücken, aber wenn sie im halbverdunkelten Boudoir der Ruhe pflegte, kam es über sie, und vor ihren geschlossenen Augen stand die Höhle wieder auf, braungrün und verräuchert, ach, und so traulich!

Heut gerade war ein schläferiger Sonntagsnachmittag, dessen freundliche Langeweile durch die Ritzen der Jalousien drang. Die Wache auf dem Rondellplatz vor dem Schloß war eben aufgezogen, die Kommandoworte, das Trommeln verhallte, und nun begannen die beiden Schildwachen ihr Auf und Ab, bis zur nächsten Ablösung. Nettgekleidete Bürgerfamilien wanderten auf den Kiespfaden und bewunderten die schönen Teppichbeete, die den Neid zugereister Hofgärtner erregten. Weiter ab, unter den Kastanienbäumen wandelten Landgerichtsräte und Gymnasiallehrer, und bleiche, schwärmerische Jünglinge saßen auf den Bänken und lasen in Reklambändchen. Die kleinen Knaben und Mädchen aber freuten sich ihrer roten Luftballons, und alles strömte dem Schloßgarten zu, der Sonntags dem Publikum offenstand. Die fürstliche Frau hatte es sich leicht gemacht. Das Korsett lag, gedemütigt wie ein verabschiedeter Zeremonienmeister, auf dem Teppich, ihre Füße dehnten sich in weiten, gelben Babuschen, und sie begann eben den zweiten Band vom Geheimnis der alten Mamsell. Aber sogar dieses ganz neue, ungemein fesselnde Werk konnte die Gedanken nicht bannen. Hatte sie nicht eben, in der Ferne, einen leisen Kuckucksruf gehört? Es war das freilich die Schwarzwälderuhr des Türhüters gewesen, die man in der sonntäglichen Stille schlagen hörte, aber auch die stammte aus dem Walde, darum war wohl ihr Ton so echt; mit einemmal wuchs ihre Sehnsucht riesengroß; sie mußte den Wald wiedersehen, ob sie gleich ahnte, daß es dort nicht mehr sein würde wie einst. Ohne Zaudern zog sie sich an und band einen grünen Schleier über den Hut, von der glänzenden Sorte, die sich Donna Maria nannte und damals Mode war. Das Glück war ihr hold, denn die Lakaien, die im Treppenhaus, bei schläferigem Fliegengesumm Dienst hatten, glaubten, sie ginge in den Privatgarten; als sie aber an die Tür kam, die zu ihm führte, saß da der alte Türhüter und war über dem Sonntagsblättchen eingenickt: so schlüpfte sie hinaus.