Laubstreu

Part 8

Chapter 83,797 wordsPublic domain

»Unsere liebe alte Waldschenke,« sagte er und seufzte. Er hatte eine Vorliebe für die maßvolle Architektur jenes ausklingenden Jahrhunderts der Jabots und der Zöpfe. Teilweise wohl aus Widerspruch, weil er bei so vielen Enthüllungen fürchterlicher Denkmäler, bei so vielen Einweihungen prunkvoller Theater und Kirchen zugegen sein und lobende Worte sprechen mußte, war ihm gerade diese Bauart sympathisch, deren stilles Behagen, deren karger Zierat uns überkommt wie Resedaduft, mit leisem, schwermütigem Wohlgefühl. Das Haus hatte bessere Tage gekannt, sanft angelehnt am waldigen Hügel. Die schöngegliederte Tür, die leichten, halbverwischten Ornamente der Fenstereinfassungen, das zartsilberne Schindeldach, alles redete von einer Zeit, da zierliche Behäbigkeit der Form auch das Alltägliche erlesen machte. Heute standen Planwagen aufgereiht im weiten Hof, Fässer waren im Torweg aufgestapelt, und vor der Einfahrt tranken schwere Pferde gierig am Brunnentrog. Der Prinz neigte sich vor: »Durstige Tiere trinken zu sehen, ist doch eine Wonne,« sagte er. Frau von Brincken fühlte einen kleinen, süßen Stich ins Herz, und ihre Augen wurden groß wie von aufsteigenden Quellen. »Ich will immer an Sie denken, Ludwig, wie Sie eben den durstigen Pferden zusahen,« sagte sie. »Es gibt viel Durstige -- vergessen Sie's nicht. Ihre Hand weiß so schön zu geben, und am meisten habe ich doch wohl Ihre Hände geliebt, damals -- ihr Mund bebte ein wenig -- als wir die erste schöne Reise machten und am Abend der Korb auf dem Tisch stand mit den herrlichsten, kostbarsten Pfirsichen und Trauben aus Eurer Hoheit Treibhäusern. Wir konnten es kaum erwarten, waren so heiß und durstig von der langen Fahrt. Aber da kamen die Bettler. Ja, Ludwig, und da nahmen Sie den Korb, die Pfirsiche, die Trauben, und schenkten alles, alles an die armen Kinder, behielten nichts zurück, auch für mich nichts, und gerade das, Ludwig ...« Sie wandte sich zur Seite, ihre Augen brannten. »Engel, es war ja deine Hand, die mich das Geben lehrte,« sagte er und war wieder ganz geschmeidiger Kater, »diese reizende Hand, die ich nicht festhalten kann. Aber wenn du mir schreibst, mit unserm lieben kleinen Sternensiegel, da kannst du sicher sein, daß mein dankbares Herz deinen leisesten Wunsch hören wird, bis in die fernsten Zeiten« ... Fast hätte er gesagt »das walte Gott«, denn er war es gewohnt, diese Schlußfloskel ziemlich wahllos anzubringen; aber da war auf einmal etwas in ihrem ferngerichteten Blick, das ihn ernüchterte.

»Es sind nicht einzelne Wünsche, die ich hegte,« sagte sie, und ihre Stimme klang blechern und müde ... »ich hatte Größeres erhofft ... Aber Euer Hoheit Leben ist noch lang, es werden so viel Kreuzwege kommen ... oh, vergiß nicht die durstigen Pferde,« und sie nannte ihn wieder beim Namen.

Es waren ein paar feine Fältchen an ihrem Munde, und er sah sie genau. Sie war ihm rührend wie ein kostbares Porzellanfigürchen, das immer noch mit zierlicher Grandezza zum Tanz schreitet, und hat doch leider schon so manchen feinen Sprung in der Glasur. Und diese unausbleiblichen kleinen Standreden ... nun ja, das war ganz natürlich; erst das Lyrische, und dann wird die Dame didaktisch. Er wollte sich gewiß nicht mit Goethe vergleichen, der ihm überhaupt vorkam wie ein Menschenfresser mit Orden ... aber er mußte seit einiger Zeit häufig an Frau von Stein denken. Es war eben der Altersunterschied; was konnten sie beide dafür! Es war alles bezaubernd gewesen -- war es eigentlich noch. Aber eine Unterbrechung ... nun, und was an ihm lag, nichts Definitives, setzte er, zur eigenen Beruhigung, wie ein kleines Pflaster obendrauf.

Der Wind fuhr durch die Lindenwipfel; schmalgeschweifte Samenhülsen segelten herab, sich emsig drehend wie kleine Propeller.

»Sonnenwende,« sagte Frau von Brincken, »das ist eigentlich die schwermütigste Jahreszeit. Der Herbst ist noch nicht da mit seinen Farben, seiner frischen Nebelluft, aber die Bäume sind es müde geworden, grün zu sein. Das war mir als Kind schon die traurigste Zeit, viel ärger als der November, den viele so melancholisch finden.«

»Sei froh,« sagte er und dehnte sich hintenüber in seiner weidenschlanken Länge, »daß dir so etwas wie der Wechsel der Jahreszeit überhaupt damals zum Bewußtsein kam. Unsereiner steckt in solchem Drill, daß er das alles nur empfindet wie ein Schauspieler die veränderte Dekoration; einmal ist es Schneelandschaft, ein andermal Frühlingswald, aber Schneeballen kann man nicht daraus machen und die Rosen sind nur gemalt; er darf seinen Spruch hersagen und damit basta. Das Beste noch war die Jagd, nicht die großen Hofjagden, nein, allein, oder mit zwei, drei Kameraden, und abends dann die gute Müdigkeit am glimmenden Kamin, wo die Hunde liegen und im Traum bellen, man raucht seine Shagpfeife, und mein wackerer alter Buschmann erzählt Jagdgeschichten ... Rita, einmal waren Sie auch dabei, und nun, wirklich, niemals wieder?« Sie sah vor sich hin, unter ihren Augen zuckte es ein wenig: Glimmender Kamin, wackerer Buschmann, er hat nun einmal Redewendungen wie aus einem Schulaufsatz. Darum war's mir immer so peinlich, wenn er schrieb. Seltsam, diese Ausdrucksweise, und dabei dieser unfehlbare Geschmack in der Wahl seiner Kleidung, er käme sich degradiert vor, wenn er sich in der Farbe der Krawatte geirrt hätte ... Dann wurde ihr Blick weich. »Wenn Sie es irgend vermeiden können,« sagte sie, »so enttäuschen Sie niemand. Es ist ja wohl nicht immer zu vermeiden, aber man sollte es versuchen. Sie gehen oft mit Ungestüm auf eine Sache los, dann aber ist sie doch komplizierter, als Sie dachten, oder Sie meinen, Sie seien auf Undank und Ungerechtigkeit gestoßen, wo es oft nur Ungeschick ist ... dann lassen Sie's fallen. Denn es gibt ein Wort, das kennen Sie nicht: Geduld. Es ist auch nicht von Ihnen zu verlangen. Die Weltgeschichte wurde Ihnen von Hoflieferanten serviert und die Gegenwart ist Ihnen ein Schaufenster, und da liegt alles schön aufgebaut und ist alles zu haben.« Er lächelte mühsam, denn er dachte an Dinge, die gerade für ihn und seinesgleichen unerreichbar waren. Er hatte eine kleine Schwester gehabt, die hätte so schrecklich gern einmal in der Hundehütte geschlafen, aber das litt die Erzieherin nicht, und die kleine Prinzeß war gestorben, ohne ihren Herzenswunsch erfüllt zu haben. Ja, und er hatte wieder andere unerfüllbare Wünsche. Nun, wer weiß, hätte er sie erlangt, wären sie wohl bald ihres Reizes verlustig geworden. Immerhin, da war so manches, das fernab glitzerte ... jenseits, er würde es nie besitzen.

»Ich habe als Kind eine Enttäuschung erlebt,« fuhr sie fort, »eigentlich eine Kinderei; aber noch heute, wenn ich Faulbaum rieche, kommt es über mich, dies Gefühl der Erwartung, des felsenfesten Vertrauens -- und dann auf einmal nichts, eine Leere, ach, ein Verratensein ...«

»Wie ging das zu?« frug der Prinz, der Frau von Brincken gegenüber immer Interesse zur Schau trug, wenn auch manchmal gerade _die_ Eigenschaft, die sie ihm absprach, dazu nötig war.

»Das ging so zu,« sagte sie und sah vor sich hin, und die Erinnerung an diese erste Bitterkeit des Lebens stand auf wie eine graue, beklemmende Wolke; »wir schwärmten dort in der kleinen Residenz alle für die Schauspielerin Weiß. Sie gab das Gretchen und Klärchen, aber auch die Königin im Don Carlos und feine Salonrollen, wo sie in entzückenden Toiletten traurige und edle Schicksale verkörperte. Wir Schulmädchen hingen ihr Maiblumenkränze an die Tür, eine ganz Mutige warf ihr sogar Rosen ins offene Parterrefenster, und wenn wir ihr auf der Straße begegneten, hatten wir Herzklopfen. Sie wußte das und fand es wohl recht abgeschmackt, aber sie lächelte freundlich, wenn wir sie grüßten, und schickte uns bisweilen Freibilletts; wir kleinen Beamtentöchter kamen ja sonst nicht oft ins Hoftheater. Schließlich lernte ich sie in einem kunstfrohen Malerhause kennen. Diese Malersfamilie machte im Frühling mit ihren Freunden Landpartien in den herzoglichen Wildpark, es waren lauter junge Leute, Maler und Malerinnen, aber auch Musiker, Polytechniker, Schauspieler. An jenem Tage war Marie Weiß dabei. Es war so ein richtiger Maitag, in den Gärten und auf den Wegen, die zum Wald gingen, blühte der Faulbaum, oh, es war betäubend, und drinnen im Wald in dem dürren heißen Laub standen die großen, duftlosen Hundsveilchen, die anderen waren schon vorüber; und über Bahndämme kamen wir, wie goldene Straßen, das war der Ginster -- und überall Zitronenfalter ... Marie Weiß sprach mit mir; sie ginge nun in Urlaub, und sie wüßte nicht, ob sie im Herbst wiederkehren würde. Das Herz wurde mir wie Blei, was sollte mir das Leben, die Stadt, meine Lehrer und Beschäftigungen, wenn dahinter nicht mehr Marie Weiß stand? Sie frug mich, wo ich den Sommer über sei, ich sagte es ihr, bei einer Tante, die ein Gütchen im Schwarzwald hatte, nicht weit von Bühringen. »Nun,« sagte sie, »so um den 20. August herum muß ich nach Bühringen; ich bin ja dort geboren, ich brauche allerhand Papiere. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns?« Sie sah mich so warm und lachend an, sie hatte einen wunderschönen großen Mund und grüne Augen mit braunen Fleckchen drin, es gibt einen Stein, Moosachat, so ähnlich, und ihr dunkles Haar war so reizvoll angewachsen ... Ihr Männer ahnt ja nichts von der Hingabe, mit der ein junges, einsames Ding eine berühmte, selbständige Frau anbeten kann; man atmet kaum, wie in der Messe, wenn eben die Kerzen angezündet werden, ja, man denkt sich aus, was man alles für die Angebetete leiden möchte, Nesseln pflücken, was weiß ich für Unsinn. Aber ich langweile Sie ...« unterbrach sich Frau von Brincken.

»Nein, nein, sprich weiter,« sagte der Prinz, der an anderes gedacht hatte, aber ihre weiche Stimme mit dem leisen südlichen Klang in sich einsickern ließ wie ein angenehmes Akkompagnement. Sie merkte es wohl, aber sie redete weiter, mehr für sich als für ihn. »Bühringen ist eine kleine Stadt, vom Hof meiner Tante sind es drei Stunden zu gehen. Am 19. heuchelte ich schreckliches Zahnweh und erhielt die Erlaubnis, nach der Stadt zu fahren. Es war ein heißer, luftloser Spätsommer, dieselbe Zeit wie jetzt, darum fällt mir's wohl alles wieder ein. Ich war drei Tage in Bühringen; am dritten Tag ging ich zurück; Marie Weiß war nicht gekommen. Aber diese drei Tage werd' ich nie vergessen, sie waren so beklemmend erst und dann so erstickend trostlos, daß sie mich wohl für mein ganzes Leben gefeit haben, und dafür muß ich heut vielleicht dankbar sein.«

Der Prinz sah rasch zu ihr hinüber. Bis dahin war's ihm vorgekommen, als läse sie ihm irgendein Feuilleton vor, es gab jetzt oft solch verschwommenes, abschattiertes Zeug, lauter Beschreibungen, und meist traurig, man wußte nie recht warum; er las eine gute Detektivgeschichte lieber, oder sonst Geschichtliches, woraus man ersah, daß es vorwärts ging in der Welt ... Aber eben war ein Ton in ihrer Stimme, der ihm wehtat: »Liebe, liebe Rita,« sagte er bewegt, »erzähle mir nur alles, ich kann das nachfühlen; meine Jugendzeit hatte auch ihre dornigen Seiten.«

»Hoheit sind gewiß niemals an einem heißen Augustnachmittag in kleinstädtischen Anlagen gewesen -- ja, wie kämen Sie auch dorthin! So zwischen fünf und sechs, wenn es ganz windstill ist. Da sitzen dann so kleine, alte Dämchen und häkeln, die Spatzen schlafen in den Büschen, und auf die Wege fallen die ersten welken Blätter -- so wie hier ... Dort war ein Bassin, ein längliches Viereck, wo große Goldfische wie fette Mohrrüben schwammen, und ein paar Schüler mit roten Mützen spielten gelangweilt Verstecken hinter den Büschen und der Riesenbüste des Landesvaters, die den Teich übersah; wenn ich nicht irre, ein Großoheim Eurer Hoheit, ob seiner Gerechtigkeit und Leutseligkeit bewundert und geliebt; er konnte einem leid tun, wie er da immerzu lächeln mußte in der heißen Sonne, als träumte er von Veteranenfeiern und Bürgermeistern und könnte zu keinem richtigen Nickerchen kommen.«

»Rita, Sie sind goldig,« sagte der Prinz und wollte ihre Hand küssen; wenn sie sich -- es war leider selten -- über seine Angehörigen lustig machte, kam sie ihm gleich menschlich so viel näher.

»Ach nein, nein,« sagte sie, »die Verzweiflung kommt wieder über mich. Hoheit ahnen nicht, wie man noch in der Erinnerung zusammenschrumpft, wie man manche Orte, manchen Blumenduft meidet, als säßen Mörder darin, die nur warten, um einem ins Herz zu stoßen. Zwei ganze Tage war ich in Bühringen, ging die Hauptstraße mit ihrem Kanal zwischen großen, staubigen Kastanienbäumen hin und her, saß in der Konditorei, wo es Limonade gab und Kuchen unter Glasglocken, wie Reliquien. Dahinter führte eine kleine Brücke in den Stadtgarten, und immer wieder, zwischen den Zügen, ging ich hin, und war mir anfangs beklommen zumute, so war's mir schließlich unerträglich, und doch mit einem Stich ins Komische. Ich saß dort wie verhext. Alte Herren mit fetten, asthmatischen Hunden kamen an mir vorbei, sie standen in der prallen Sonne und redeten über Steuern und Gemeindesachen, und Euer Hoheit hochseliger Oheim lächelte geduldig zwischen den Buchsbäumen rechts und links, und die Goldfische schliefen im Bassin. In einem Gasthaus in der inneren Stadt war Kaninchenausstellung, dahin ging ich den letzten Tag; ich war immer ein Tiernarr; darum wünschte ich, ich wäre nicht dort gewesen. Es war ein häßlicher Backsteinbau, und überall roch es nach schalem Bier. Droben, in einem dunkelgetäfelten Saal mit altdeutschen Trinksprüchen stand Käfig an Käfig. Sie hatten's viel zu eng, sie saßen in die Winkel gedrückt mit erschrockenen Augen, es war schmutzig in ihren Ställen. Menschen kamen und gingen, die die guten weichen Tiere herausnahmen und wogen und ihnen Zigarrenrauch in die Augen bliesen, man sah die Herzchen klopfen ... ich war dicht am Weinen und ging fort. Ja, und da hatte die Tante geschrieben, wo ich denn bliebe, und da mochte ich ihr nichts weiter vorlügen; so eine tüchtige Lüge, einmal, wenn's sein muß, gut, aber immer wieder, das ist so läppisch. Ich stand am offenen Fenster und packte meine Sachen zusammen; vor der Haustür sprach der Wirt mit einem anderen Mann, und da hörte ich, Marie Weiß sei schon vor vierzehn Tagen hier gewesen beim Bürgermeister, um Papiere zu holen, sie würde heiraten, einen hohen Offizier, der ihr schon lange nahe gestanden. Er hat ja dann auch den Abschied genommen, und sie sind sehr glücklich zusammen gewesen ... sie hatten einen kleinen Jungen ... Ja, da stand ich am Fenster. Dann bin ich zu Fuß heimgegangen, und wie ich über die Höhe kam und die Sterne wachten auf und von den Wiesen kam solch frischer Hauch -- da war's, als ob etwas von mir abfiel, und ich sagte mir, es war zum Sterben, aber ich glaube, nun ist's vorbei ... Aber bisweilen kommt es noch so über mich.«

Sie streichelte seine große, schlanke Hand, und dann tat sie einen guten Zug aus ihrem Glase. »All die Länder, wo man offenen Wein trinkt,« sagte sie, »sollten doch von Rechts wegen gut Freund sein miteinander.«

»Stimmt leider nicht --« sagte er, »aber man könnte es in Erwägung ziehen. Völkerbündnisse, je nach Nahrungsmitteln sortiert ....«

Sie trank noch einmal. »So,« sagte sie, »der Wein war gut, und nun ist er zu Ende. Nun aber bleiben Sie hier, Ludwig; mein Wagen hält unten beim Kapellchen. Sehen Sie mir nach, ich werde geradeaus marschieren, wie kein Leibgrenadier es besser kann. Was Tenue betrifft, da kann ich mitreden.«

»Nein, laß mich dich zum Wagen geleiten, Rita, und sprich nicht so -- ja, wie soll ich sagen -- höhnisch; du brichst mir das Herz.«

»Ach Gott, von Hohn ist keine Rede,« sagte sie. »Wir sind beide betrübte Leute, die ein Einsehen haben. Und glaube mir, =il tempo è galantuomo=, du wirst es verwinden und sollst es auch, laß mich nicht in einem grämlichen Schleier in deiner Erinnerung stehen. Und habe Dank für alles -- hörst du -- für alles ...«

Sie nahm seine Hand und legte die Wange für einen Augenblick hinein, so eine Sekunde nur, da war sie wieder jung -- wie ein Kätzchen jung ist, jung wie damals, ganz am Anfang, als er sie noch Henrietterl nannte ... dann sah sie sich um, aufmerksam; hierher kehrte sie nie zurück. Und seltsam, es tat eigentlich nicht weh, nur kühl, kühl war alles. Sie merkte, daß sie schon draußen stand im Zuschauerraum, die kleine leere Bühne verlassen hatte. Ach, schenkte das Leben vielleicht ganz heimlich, gerade dann, wenn es nahm? Oder hatte sie zu sehr geliebt, daß es ihr an Kraft zum Schmerz gebrach? Wann würde sie's wissen? Abschied, Opfer, höhere Pflicht ... sonderbare Worte. In der Brust ein toter Fleck, und hier, was blieb zurück? Ein paar verkohlte Zigaretten, ein kleines zertretenes Taschentuch. Und nun kam der Wirt, die Gläser wegzutragen, die Windlichter auszulöschen, und morgen sitzen andere Gäste am Tisch, mit leichten oder schweren Herzen; was weiß ein Mensch vom andern!

Die Verirrten

Das ausgeweidete Reh hing mit verglasten Augen vom Balken herab, von seiner Zunge troff langsam ein schwarzer Tropfen auf den Lehmboden nieder.

Nachdem die Frau des wilden Mannes es mit Wacholderreisern ausgelegt hatte, wandte sie sich, zum Brunnen zu gehen. Da liefen ihre kleinen Töchter auseinander, die in der braunen Dämmerung der Tür gestanden hatten, vom Blutduft angelockt.

Aber eine saß auf dem Brunnenrand im letzten Abendglast. An ihren baumelnden Füßen hatte sie runde Schuhchen aus Baumrinde, mit bunten Wollbändern um die Beine verschnürt.

»Geh heim, Bärhild,« sagte die Frau, »die Abendkost steht auf dem Tisch.«

Das Mädchen grinste. Ihre hellen Augen standen ein wenig schräg, wie bei Katzen. Um den Hals hatte sie ihren zahmen Marder gelegt, man wußte nicht, wer von beiden spitzere Zähne hatte; sonst aber ähnelten sie einander nicht, die Kleine breit und stämmig, mit kurzem sehnigen Hals, mit kurzer, zerzauster Mähne, rotblond wie alle Töchter des wilden Mannes.

»Jetzt geh ich Schlingen legen,« sagte sie mit rauher Knabenstimme und schlüpfte davon.

Die Frau seufzte und bückte sich zu den Blumentöpfen, die beim Brunnen standen und einsam dufteten in die Abendstille hinein. Sie beugte sich über den Brunnenrand und sah hinunter in die Finsternis. An den schleimigen Wänden wuchsen Farn und Moose, nur selten kam ein Lichtstrahl und glitzerte sie wach. Hinter ihr lag das Haus gekauert zwischen Weiden und Erlen; wohin man trat, gab die schwarze, schwammige Erde nach; im ersten Frühling, wenn alles voll gelbstäubender Kätzchen war, drängten sich die großen, breitblättrigen Dotterblumen in den Sümpfen zwischen den Erlenwurzeln; jetzt waren die Gräben blau von Vergißmeinnicht. Die Frau verstand schöne, feste Kränzchen daraus zu binden und hätte sie gern ihren kleinen Töchtern aufgesetzt, die aber hatten sie abgeschüttelt mit Geschrei. Sie wollten nichts auf ihren wilden Mähnen dulden, nur manchmal setzten sie die Kupferreifen auf, die der wilde Mann ihnen mitgebracht, fremde Schmiedearbeit aus Norden, wunderliche Zeichen drin eingesetzt, sahen aus wie Beile und Galgen.

Ja, wie kam sie zu diesen Wildkatzen, die mit spitzen Zähnchen zur Welt gekommen, ihr die Brust zerbissen und ihr Blut getrunken hatten; man hatte sie den zottigen Stuten anlegen müssen, die sie mit Stampfen und Schlagen in Ordnung hielten; und von der wilden Milch waren sie stark geworden. Nun fingen sie sich die Fohlen, ihre Milchbrüder, ein und trabten auf ihnen durch Weidengebüsch und seichtes Gewässer und über den toten weißen Sand.

Wie anders sah die Erde hier aus als dort, wo sie daheim war. Hier Busch und Binsen, düsterer Erlenwald, wo das Wasser zwischen den geschwärzten Silberstämmen gluckerte und man die schmalen Dämme kennen mußte, um nicht zu versinken. Man konnte sich verkriechen und war doch preisgegeben dem Regen, der Schwüle, den Mückenschwärmen im Dunst. Und weiter, da hörte auch das niedere Gebüsch auf, die Erde wurde karg und steinig, wilde Schafe mit bösen, schwarzen Fratzen schrien in den Wind. Dort begannen die großen, verlassenen Steinbrüche mit ihren Höhlen und Labyrinthen, ihrem schräg geschichteten Stein, als hätten Riesen sich große Stücke herausgeschnitten; Wacholder und Berberitzen wucherten in den Narben. Dort war die Welt zu Ende, weiter wußte sie den Weg nicht; da war ein strenges Verbot, und niemand, der das Geheimnis nicht kannte, hätte aus dem Irrsal heimgefunden. Als Warnung dienten noch die Knochen des Trödlers, der es gewagt hatte, und die betrunkenen Hochzeitsgäste, die auf eine Wette hin, um abzukürzen, den Weg genommen, sie hatten dasselbe Los gehabt.

Daheim, bei ihr, im Hochwald, schlüpfte die Sonne durch das Wipfeldach und streichelte den roten Pelz der Eichkatzen, die großen Bäume waren ihr Freunde gewesen, wie Helden stiegen die Stämme aus der rostigen Blätterdecke. Da war alles redlich. Und ihr Vater, der haßte die Fallen und Schlingen. Ein Pfeil ins Herz, ja, das konnte dem freien Wild recht sein, und die Mütter und Kinder blieben geschont; aber es gab kein Quälen mit zerschmetterten Läufen, kein Würgen und Zerren, keine Todesangst mit blutender, flatternder Schwinge. Der Vater! Wie silberweiß war sein Bart, wie scharf sein dunkles Auge, wie gut hatte er's immer gemeint.

Die Frau sog die Luft ein; es ging ein süßes Duften über den Geruch der Sümpfe, der Gräben voll braunen, faulenden Erlenlaubs dahin. Da hatte wohl irgendwo ein Jasminstrauch seine weißen Blumen aufgetan. Und der Duft tat ihr weh; denn so hatte der Strauch am Jägerhäuschen geduftet, an jenem Tage, als der Jäger nicht heimkam; als wolle er ihr helfen, ihr etwas sagen mit seinem Düften: Sie saß den halben Tag dort und sah ihn versinken im Dämmergrau und wieder auferstehen im weißen, traurigen Mondlicht. Aber der Vater kehrte nicht zurück. Da brach sie sich einen blühenden Zweig ab und ging in den großen unbekannten Wald.

Erst war sie mit schweren Füßen, mit schwerem Herzen gegangen, aber um sie her all das Summen und Säuseln machte ihr auch den Kummer zum Traum. Es ging sich so sacht über das tote braune Laub, gefleckte Salamander saßen unter den moosgrünen Steinen wie in Märchenhöhlen, und die Sonne glitt an den geraden Buchenstämmen hinab wie einer Mutter Lächeln über wohlgeschaffene Söhne. Dann, im Tannenwald, war's noch stiller, Bernsteintropfen glühten an den rissigen Rinden, und die Wipfel waren reglos. Aber das Schönste war der Abhang, wo die Holzfäller ihr Werk getan; da kam der Fingerhut zu seinem Recht; in Völkern stand er zwischen den Baumstümpfen und öffnete den warmen Samtschlund der Sonne und den Bienen. Und die Stechpalme wucherte und die wilde Himbeere warf die Arme aus nach dem Geißblatt, und das war so voll Süßigkeit, kein Bienchen konnte dran vorüber. Dort war sie lange gewesen, die Hände um die Kniee gespannt, der Berghang ihre Lehne, das Erdbeerkraut ihr Teppich; unter ihr die Wiesen lagen im Dunst, und aus dem Wald läutete der Kuckuck tief und eindringlich, und weil sonst alles still war, ging sie seiner Stimme nach.

Wie dann der Abend kam, stand sie in einer Lichtung; da war ein Teich und spiegelte schwarze Binsen im gelben Widerschein, Libellen standen in der Luft mit gläsernen Glotzaugen, das feine Waldgras nickte, die Hummeln lagen, vom Tau verklebt, in der Disteln seidenem Schoß. Da legte auch sie sich hin auf ihr Bündelchen, und hinter ihr öffnete der schwarze Wald seine Hallen.

Trapp, trapp, kamen die wilden Männer geritten, weich schlugen die Hufe auf den federnden Waldboden; als sie die Augen auftat, traten sie in die Lichtung mit finsterroten Gesichtern im Abendlicht. Stumm und gewaltig ritten sie an ihr vorbei, mit harten Stirnen und harten Lippen, leise klirrend die Speere und eisenbeschlagenen Knüttel. Aber der zuletzt ritt, hielt bei ihr an und streckte die Hand aus. Da streckte auch sie ihre kleine Hand empor, und es rieselte ihr durch den Arm bis ins Herz. Und der Wald summte um sie her. Da zog er sie hoch und aufs Pferd und nahm sie an sich ...