Part 7
So erschien denn Madame Veuve Benoît in ihrer ganzen überzeugenden Witwenhaftigkeit, in einem Trauerschal aus Kaschmir, ein düsteres Gebäude auf dem Haupt, von Schleiern umflutet. Am Arm hing ihr ein schwarzer Beutel, der ihre Lehrbücher enthielt, wie auch ein Flakon Melissengeist und ein Döschen mit Pastillen -- =cachou des orateurs=. Und sie saß da wie eine weiße, fette, gutgepflegte Made in all dem raschelnden Krepp und hörte lächelnd, aber unbestechlich zu, wie Amsel mit Vokabeln rang, deren sie sich wohl nur selten in Gesprächen bedienen würde, =la pelouse= und =le bocage=, =le nénuphar=, =le guéridon= und =les brises embaumées=; oder über den unberechenbaren Seitensprüngen =des participe passé= nachsann, die der verewigte =professeur= in einem schmalen, aber inhaltsschweren Bande festgenagelt hatte, dessen Exerzitien Spaziergängen zwischen Fußangeln glichen. Zum Schluß wurde sie mit verdienstvollen, wenn auch keineswegs kurzweiligen Autoren bekannt gemacht, der gefrorenen Langeweile Racines, den Grabreden Bossuets -- =Madame se meurt, Madame est morte= -- und den »=Conseils à ma fille=«, die mit dem Satze schlossen: »=et maintenant, chère Sophie, pose ta plume et embrassons nous=«; aber auch mit Paul und Virginies träumerischem Dasein auf einem tapetenartigen Hintergrund von Palmen und Papageien, wo die Mütter des Liebespaars, der Lehren Jean Jacques Rousseaus eingedenk, ihre Kinder im Schatten des Brotbaums säugten, und später dann Virginies vorbildliche Schamhaftigkeit sie lieber ertrinken ließ, als sich den rettenden Armen eines nackten Matrosen anzuvertrauen. »=Une des plus admirables pages de la littérature française=,« sagte Madame Benoît mit Grabesstimme und nahm einen =cachou des orateurs=, und Amsel dachte: würde wohl auch Madame lieber ertrunken sein, in all dem nassen Krepp oder würde sie ... aber das war nicht auszudenken. Und Tante kam ins Zimmer mit ihrem schleifenden Schritt und sagte: »Gott, sind denn diese vortrefflichen Philister immer noch am Leben? Mit denen wurde ich ja auch schon geplagt.« Wenn es dunkelte, wurde Madame Veuve von Monsieur Jean Claude Benoît =junior= abgeholt, denn der Vater der Syntax war auch Vater eines einzigen Sohnes gewesen, eines trotz Brille und Bart mädchenhaften Jünglings, der mit einer Neigung zu Bronchialkatarrhen behaftet war. Und =ma mère= war in tausend Ängsten: »=Mon fils, as-tu mis tes mitaines? Et tes Caoutchoucs, et ton cachenez?=« Aber _er_ sagte: »=Vous=« zu =ma mère=, und überhaupt verkehrten sie mit der ganzen =urbanité=, wie sie einst dem Hotel Rambouillet zur Zierde gereichte, und nie irrten sie sich im Gebrauch des =passé défini= oder des noch eindrucksvolleren =passé du subjonctif=. Ja, der Vater der Syntax konnte zufrieden sein mit seinen Werken.
Wenn sie dann schließlich unter ihren Regenschirmen fortgeschwankt waren, ließ sich Tante in einen Sessel fallen und lachte, lachte, sie konnte nicht aufhören, es klang weich und dunkel und aus ihren zusammengekniffenen Augen flossen Tränen. »Wie eine wahnsinnige Turteltaube,« hatte eine Freundin von ihrem Lachen gesagt; es war ansteckend. Und Amsel sah darin ein neues Vorrecht, wie es einer heißangebeteten Tante und Patin zukam. Sie selbst fand all diese Menschen nur sehr kurios, wie sie in ihrem Leben auftauchten und wieder verschwanden, Silhouetten, in ein Schattenhaus zurück. Nur vor einem hatte sie eine an Abscheu grenzende Angst: eines dieser fremden Wesen könnte sie anrühren oder gar küssen. Denn sie besaß die tiefe, unnahbare Scheu der Ausschließlichen, Leidenschaftlichen. Nein, nur Tante durfte sie küssen. Ganz kalt wurde sie, zur Eisblume erstarrt, wenn die feinen Lippen sie berührten, die schöne Hand über ihr Haar strich. Und sie konnte vor sich hinträumen, Heldentaten ersinnen, Schmerzen und Geduldsproben, die sie für Tante bestehen würde, unerkannt, schweigend, in unbegreiflich süßer Pein.
=III=
Es war eine schöne Fahrt gewesen, ein letzter milder Tag, wie ein Geschenk über die Erde gekommen. Erst die Allee hinunter an den geschlossenen Gasthäusern, den schlafenden Villen, dann an bescheidenen Wirtschaften, an spielzeugartigen Schweizerhäuschen vorbei. Ein jedes spannte seine kleine Brücke über den seichten, plätschernden Bach, der hier flache grüne Ufer hatte. Dann weiter, am Kloster vorüber, durchs Dorf, immer vom Flüßchen begleitet, das durch die Wiesen schlüpfte, durch Garnbleichen und Sägemühlen. Und nun rechts hinauf, dem Landhaus zu, das einst den russischen Cousinen gehörte, wo das große, sengende Glück ihr Herz getroffen hatte. Tante war ausgestiegen, die paar Stufen hinauf bis an die Gittertür in der Hecke; nun hielt sie sich mit einer Hand am Gitter fest und sah, halb zurückgewendet, noch einmal hinunter in das liebe, nie vergessene Tal.
Dort, im Grund, sandten kleine geduckte Häuser ihren Rauch empor; am Abhang, in den Wiesen, standen Nußbäume, halb entlaubt, Vögelchen schlüpften durch die Hecken, es roch nach Moos und Erde. Im Dunst schien sich alles zusammenzuschmiegen, so bescheiden und liebreich war ihr dies Land noch nie erschienen wie heut in seinen stillen braunen Farben, geduldig den Winter erwartend. Kein lauter Ton, nur das Gurgeln kleiner Rinnsale im Gras, auf denen rote und braune Blätter schwammen.
Auf dem Fahrweg, der sich in weiter Kurve emporwand, waren Radspuren. Damals -- wie kamen sie angefahren, die Freunde und die Fremden, zu dem immer fröhlichen Haus, wo sie bei den Cousinen den Sommer verbrachte. Den zweiten. Es waren Jahre vergangen, seit sie zum ersten Male hier gewesen, sie war feiner noch, ja, und auch härter geworden, wie ein gespannter Bogen hart ist; der erste weiche Duft war geschwunden von den Dingen und auch von ihr, und oft lag Erwartung in ihren Zügen, als sei ihr Herz hellhöriger geworden und horche auf irgend etwas, einen Ton, einen Schritt, den Hornruf des Glücks? Und ihr Mund konnte spöttisch sein damals, wenn ihre Augen zuviel gesagt hatten, und trotz aller Leichtlebigkeit war sie ein verschlossener Schrein. Und dann -- o wie unabwendbar war das große Glück auf einmal da!
Sie sah hinauf zu den hohen Glastüren des Musikzimmers, aus denen einst Lichterglanz strahlte und Akkorde hinausströmten, all das Unaussprechliche, das nur in Klängen Worte fand. Rosen hatten auf den Tischen gestanden, und zu den Türen herein atmete Jasmin von allen Büschen, aber auf den Wiesen wurde das erste Heu gemacht -- Juniduft, unvergeßlicher! Und heute nun stand sie am Gitter, und es war ihr Haus nicht mehr. Der Spätherbst war im Land, aber sie witterte die vergangenen Sommer, sie suchte in der Luft nach den Harmonien, die seine zaubernden Hände, seine nur andeutende Stimme ihr ins Blut, in die Seele gedrängt hatten, bis Tag und Nacht zu einem einzigen, seligen Schlafwandeln geworden, jede Minute voll bis zum Rande. Bis eines Tags der eine Tropfen mehr ihr Herz zum Überfließen brachte. Ein Blick, eine Bewegung ... ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, wie bei der Stelle in ihrer Lieblingssymphonie, wenn die Hörner einsetzen, leise erst und immer drängender, ach unerbittlich in ihrer Süßigkeit; da war nur eins, das dieser tiefen Pein Ruhe geben konnte: Hingabe. Denn wie der Durst nach Wasser, wie das Fieber nach Schlaf, so begehrt Liebe nach Erfüllung. Ihr ganzes Leben wollte sie ihm schenken, alles -- und kein Ende; nie wieder hatte sie sich selber angehört.
Aber an das Schwinden ihres Glücks dachte sie heute nicht mehr. Die Ammen streichen Bitteres auf die Brust, um die Kinder zu entwöhnen; so entwöhnt uns Leid und Verlust vom Leben. Aber, Herr Gott, sie hatte doch einmal alles besessen. Gewinnen, verlieren, was sollten die Worte? War er ihr nicht eben nahe gewesen? Nur eine große, hilflose Dankbarkeit erfüllte sie. Einen Augenblick sah sie hinauf und ihre Augen tranken ... tranken. Dann ging sie, ohne sich umzusehen, zum wartenden Wagen zurück.
Am selben Abend ließ sie den alten Badearzt rufen, den sie aus jener Zeit her kannte, der aber sonst nicht mehr praktizierte. Er blieb lange mit ihr allein. Dann bat er um Schreibzeug und setzte ein Telegramm auf. An den berühmten Mann in Heidelberg. Dabei putzte er sich heftig die Nase in ein großes rotseidenes Taschentuch. Er sah über die Brille Amsel lang und zweifelnd an, als wolle er reden. Aber er seufzte nur und ging.
Der berühmte Mann kam und befahl Ruhe, als ob man bisher in einem Vergnügungstaumel gelebt hätte, und abends kam nun Schwester Ludovika und löste Madame Céline ab, die vom Aufsitzen und nächtlichen Kaffeetrinken elend war. Die Schwester war schlank und durchsichtig mit dunkelumwimperten Augen. »Wie Genovefas Hirschkuh,« meinte Tante. »Aber weißt du, Amsel, als Kind besaß ich einen Tintenwischer, der stellte eine Nonne dar, mit einer Menge Flanellröckchen -- du verstehst -- für die Federn, aber sonst nichts, und da dachte ich eigentlich, daß Nonnen gar keine Beine hätten.«
Sie lachte mit den Augen und wandte den Kopf dem Licht zu; ihr Haar lag schwer und feucht auf den Kissen, im Lampenschein war die Stirne so klar nach den Qualen der Nacht. Als sei sie jünger geworden durch die Schmerzen.
Amsel führte ihr Leben wie sonst, all ihre kleinen Pflichten, viel Warten und Harren. Flüsternde Stimmen legten sich ihr aufs Herz. Da war ein schimmernder Punkt am Ende des finstern Ganges: Hoffnung. Dorthin strebte sie, jeden Tag ein winziger Schritt. Aber manchmal sah sie das ferne Licht nicht mehr.
Heut aber saß Tante endlich wieder im langen Zimmer, wo der Flügel war und das Kamin. Neben ihr die kleine Boulekommode, mit offenen Fächern; da waren so viele zusammengebundene Briefe. Am Nachmittag war Frau Schwämmle dagewesen, hatte köstliche Birnen gebracht und einen großen Busch Herbstastern. Zu solchen Visiten preßte sie sich in ein braunes Kaschmirkleid, und auf dem glatten Scheitel balancierte dann ein kleiner Kapotthut mit schwarzem, nickenden Hafer. »Püh,« sagte sie beim Eintreten und riß die Hutbänder unter dem Doppelkinn auf, denn sie war vollblütig und erzählte mit finsterer Genugtuung, daß alle in ihrer Familie am Schlagfluß stürben. In ihrer Waschküche mußte man sie hantieren sehen, in Wolken von Dampf und Seifenschaum, silberne Schweißtröpfchen auf der Oberlippe, den Niobebusen ausgebreitet in der rosa Kattunjacke, an der viele Knöpfe fehlten. Jedes Jahr kam ein Kind, nicht immer um zu bleiben. »Unser Vatter« war Droschkenkutscher. »Ja, der Deifel isch en Eichhörnle,« sagte sie, wenn sie neuen Zuwachs ankündigte.
Tante hatte ein Briefpaket geöffnet, es stand eine Jahreszahl auf der Hülle, verschiedene Handschriften waren darin. Sie blätterte ein wenig, dann legte sie's auf die Glut; ein Kräuseln, ein Aufflammen -- pht ... und nun war es nicht mehr. Und das Herz zog sich ihr zusammen, denn nun erst waren sie ganz tot, die ach so bescheidenen Toten, die nur noch leben vom leisen Atem der Erinnerung. Eigentlich eine Hinrichtung, als ließe man vor der Abreise einen alten Hund erschießen, damit er nicht in gleichgültige Hände falle. Manchmal zögerte sie, glättete die Seiten. Da war der englische Freund, der so resigniert und losgelöst über den Zeitverlust aller Politik, aller Ambitionen redete, der zart und unaufdringlich jeden ihrer Wünsche erriet und erfüllte. Sie hatte sich nichts dabei gedacht: sie ganz jung und leichtherzig, er so viel älter. Seine Fürsorge, seine väterlich-ironische Art: sie hatte alles für Spielerei gehalten. Und nun las sie: »=Oh don't be constant, for the fear of losing you is one of your greatest charms=« -- und begriff (denn das Alter macht auch geistig fernsichtig), warum er die Tür der Ironie immer offengehalten hatte: um sich hinein zu flüchten, weil sie ihn niemals recht verstand.
Hier knisterte der Brief einer alten Freundin, sie auch schon lange tot. Damals wurde viel geredet über eine gemeinsame Bekannte. Aber die alte Dame hatte nie mit eingestimmt: »=Je sais qu'on me trouve bien large. Non, je ne veux être que juste et j'ai horreur de la médisance. A part les plaies de Notre Seigneur, auxquelles je crois sans avoir vu, je ne veux rien croire sans voir. Je sais que vous pensez de même, car vous n'écoutez que votre cœur qui est meilleur conseiller que la tête.=«
Der Brief flackerte auf, sie öffnete einen anderen. »Maria ist in Rom, sie ist bei den Karmeliterinnen eingetreten. Der allerstrengste Orden. Sie gehen barfuß und dürfen nie, nie wieder heraus. Ihre Augen, ihr Lächeln, ihr entzückender Gang, wir werden sie nie wiedersehen. Warum nur? Zu bereuen hatte sie nichts, wußte ja gar nicht, was Haß und Sünde sind. ›=Terra gentile=‹, wie die Italiener sagen. Es ist ein Rätsel ...«
Aber in einem anderen Brief war die Lösung. Da stand mit großen eiligen Buchstaben auf vielen kleinen, abgerissenen Blättern, wie man noch rasch ein Abschiedswort kritzelt, wenn das Gepäck schon fort ist und sich nur noch das winzige Notizbuch in der Tasche findet: »Lebewohl und Dank Dir zum letztenmal, Du Einzige, die alles verstehen wird. Immer hatte ich mir gewünscht, einmal zu lieben, ohne geliebt zu werden. O ich Unselige, welch ein wahnsinniger Wunsch. Nun ist er erfüllt und es ist die Hölle ...«
Da waren Briefe alter Diener, Danksagungen für manche geleistete Hilfe. Auch ein armer Tanzlehrer, den sie in seinem Alter und Elend besuchte, schrieb: »Heute danke ich Gott und den Grazien, weil noch einmal die Anmut unter mein armes Dach gekommen ist. Wie gut werde ich diese Nacht schlafen.« Immer wieder fuhren die hungerigen Flammen auf. Nun war nichts mehr übrig. »Amsel,« sagte Tante und ihre Lippen bebten, »das waren lauter gute Menschen. Ich werde sie nie wiedersehen.«
Amsel kroch ganz nah an sie heran, sie legte den Kopf an ihre Schulter, dicht am Hals, und atmete den geliebten Duft, der ein wenig wie Bergamottbirnen war. Dies mit anzusehen war eine große Qual gewesen. Als ob ein Mensch zur Reise rüstet und sein Hündchen steht dabei mit flehenden Augen und weiß ja doch, es wird nicht mitgenommen.
Tante legte die Wange an den kleinen aschblonden Kopf. Armes Kind, es war für sie gesorgt, was man in der Welt darunter versteht. Aber sie mußte durchs dunkle Tor und das Kind würde allein weitergehn. Würde sie ihr sehr fehlen, wenn der erste, scharfe Schmerz vorüber war? Denn sie hatte erlebt, wie sich Wunden schließen, die man für unheilbar hielt, und im Grunde war sie sehr bescheiden, was sie selbst betraf: warum sollte gerade ich unentbehrlich sein? Aber so recht hatte sie das Kind doch nie verstanden, denn zwei Schamhafte hören oft aneinander vorbei, gerade weil sie dieselbe Sprache sprechen.
Ihre Gedanken gingen wieder zu der schönen Marie, die so sehr geliebt worden war, und doch ... was war ihr Leben gewesen? Und plötzlich fing sie zu singen an, sang hin zu ihr, die doch unerreichbar war, mit der lieben atemlosen Stimme, in der man das arme, arbeitende Herz keuchen hörte:
»=La notte tutti dormono, Io non dormo mai ...=«
Ihre Farbe kam und ging, ihre Augen standen voll Tränen. Aber Amsel lag wie ein Vogel unter Mutterflügeln; sie horchte auf den geliebten Klang, die fremden Worte verstand sie nicht.
»=I quarti d'ora suonano Le una, le due, le tre ... Ti voglio bene assai, Ma tu non pensi a me ...=«
So viele Nächte hatte sie nur halb geschlafen, die Angst im Herzen, sie könnte gerufen werden; aber nun kam der Schlaf -- unwiderstehlich. Und Tante lächelte, wie der aschblonde Kopf immer schwerer wurde und hinunter glitt auf ihren Schoß.
Die Uhr tickte deutlich in der Stille, sie hatte es eilig mit ihrer Aufgabe. Und die Rosen dufteten. Schöne, gütige Blumen, wenn sie starben, erblühten neue, aber niemals dieselben. Warum sollte ich weiterleben, dachte sie, habe ich das ewige Leben mehr verdient als eine Rose? Aber wer konnte Recht sprechen, auch über sich selbst? Und alle Schuld war doch Strafe zugleich, es ging gerechter her, als man dachte. Etwas Hartes, Häßliches getan zu haben, das mußte wohl sein wie ein heimliches Gebrechen, wie wenn schöne Frauen häßliche Füße haben: es läßt sie nicht froh werden. Hatte sie auch Häßliches und Hartes getan oder gedacht in ihrem Leben? Es war wohl ihre große Müdigkeit, sie konnte sich durchaus an nichts Böses erinnern, nicht an solches, das ihr andere zugefügt, nicht an solches, das andere um ihretwillen erlitten. Neben ihr lag ein abgegriffenes Gebetbuch, Maries letztes Geschenk; ohne ein Wort dazu war es aus Rom geschickt worden, denn auch das hatte sie nicht besitzen dürfen. Da war ein Gebet, es schien ihr soviel menschlicher als alle anderen, das Buch öffnete sich von selbst an dieser Stelle, und sie las die leicht unterstrichenen Zeilen:
»=O Marie, mère si heureuse dans le Ciel, n'oubliez pas les tristesses de la terre. Ayez pitié de ceux qui s'aiment et que Dieu a séparés. Ayez pitié de l'isolement du c[oe]ur, si plein d'abattement et même de terreur.=« Und etwas weiter: »=Ayez pitié de ceux que nous aimons, o Marie, ayez pitié de ceux qui s'aiment, de ceux qui ne savent pas se faire aimer.=« Ja das, das mußte das Bitterste sein: =qui ne savent pas se faire aimer=. Aber für sie waren diese Worte nicht geschrieben; eins war gewiß, sie hatte grenzenlos geliebt und sie war heiß geliebt worden. Und als es dann zu Ende ging ... Wenn der Sommer zu Ende geht, nennt man ihn darum einen Verräter? ... Und nun kam anderes; etwas Großes, Fremdes tat sich auf, es wehte kühl. Schleier fielen auf die Dinge und sie konnte nicht mehr greifen und halten; nur noch das Aller-Allernächste war zu erkennen.
Ihr Blick ging langsam von einem zum anderen, über ihr Klavier, über die Bilder und das Glas mit den Rosen, wie sie standen und dufteten. Und ihr schien, als ginge sie selbst, unbeholfen und schon fremd geworden durch die bekannten Räume, mühsam Dinge beim Namen nennend, an denen doch ihr Herz nicht mehr hing.
Die Waldschenke
Von der Brincken unterschrieb sie sich und Freifrau war sie, wenn auch nur linkshändig und in Gebundenheit. Der rotköpfige Wirt zog heute noch demütig die Zipfelmütze vor ihr, aber wie sie hinaufstieg zu den kleinen schattigen Terrassen der Waldschenke, kam ihr mit dem Erinnern an die anderen Male, da sie die morschen Holzstufen unter den Füßen gespürt hatte, auch dieser Augenblick vor wie etwas schon Erlebtes, etwas, das abgetan ist und nur dumpf wehe tut, als würde einem auf den eingeschlafenen Fuß getreten. Aber die lange Disziplin, die Gewohnheit erwiesener und empfangener Höflichkeit half ihr das Treppchen hinauf.
Unter den düstergrünen Linden und Kastanien war es finster, und der Wirt brachte Windlichter und stellte sie auf die graue Holztafel. Unter ihr auf einer niederen Terrasse spielten drei Männer Karten, ein vierter stand angelehnt, die Pfeife im Mund, und sah zu; das Licht huschte über ihre harten, feinen Bauernköpfe und die Stimmen drangen ab und zu herauf. Sie hatte den dunklen Reisemantel zurückgeschlagen und stützte das Kinn in die schmale, magere Hand. Der breitrandige Federhut warf Schatten über Augen, die sich hochzogen, als spotteten sie der eigenen Tränen. Es war doch merkwürdig, die erste zu sein bei einem Stelldichein, sie, die sonst nie gewartet hatte; aber was lernt ein Mensch nicht alles!
Doch nun kam der Prinz, links, vom Walde her, wo das Forsthaus lag, in welchem er abstieg. Mit federndem Schritt und der etwas übertriebenen Bonhomie im Ausdruck seines jungen, verlebten Gesichts, mit den hellen, schräggestellten Augen, hatte er etwas von einem eleganten jungen Kater, der auf allen Dächern Bescheid weiß. Frau von Brincken erhob sich. Er wurde sehr rot und sagte: »Ich bitte dich.« Aber die kleine Formalität tat ihr wohl; sie liebte es, auch das eigentlich Unkorrekte durch ein gewisses Dekorum einzuhegen, abzusondern von den übrigen, landläufigen Unkorrektheiten. Er küßte ihre Hand, sagte ein paar liebenswürdige Worte über ihr Aussehen, die sie ohne Enthusiasmus entgegennahm, und lehnte sich zurück, die Hand in der Hüfte, die schlanke Lässigkeit unterstreichend, die ihm durch unzählige Porträte und Photographien beinahe zur Pflicht gemacht wurde. Der Wirt kam eilfertig mit eiskaltem Landwein und Kuchen. Sie nippte, er stürzte zwei Gläser hinunter. Warum ist keine Musik? dachte Frau von Brincken, es ist ja doch Theater, die Terrasse, der Wirt -- =basso buffo= -- die Statisten ... gleich werden wir aufstehen und unser großes Duett singen, Opfer und Entsagung, schmelzend, aber =con bravura= ...
Sie sprachen. Er mit forciertem Ungestüm, mit Selbstanklage, die aber doch dem Schicksal, das sich ja nicht verteidigen kann, die Hauptschuld zuschob; Mitleid und Besorgnis um ihr ferneres Ergehen in jedem Ton. Immer wieder der tadellose Kater, leichtsinnig, oberflächlich, wenn man wollte, aber doch im geheimsten Winkel seines Bewußtseins: der tadellose. Frau von Brincken fühlte, wie sich ganz leise der Gram von ihr löste, ohne daß sie selber etwas dazu tat, und diese Operation war nicht unangenehm, wenn auch mit einem leichten Frostgefühl verbunden. Mein Gott, waren es denn Kleinodien gewesen oder Glasscherben, die sie so lange, so angstvoll gehütet? War ihr Schicksal eines der vielen, unfertigen, die der Triebsand des Lebens einschluckt, arme, verirrte Reisende, deren protestierende Armbewegung aufwärts wie ein anklagender Wegweiser die Verräterei des Bodens verkündete? Und nun saßen sie hier und lächelten einander zu, und es war, als wenn man mit einem Stückchen Brot im abgestandenen Champagner rührt, um ihn noch einmal zum Moussieren zu bringen. Frau von Brincken sah das wohl mit ihren klargeweinten Augen, in diesem zweiten, beinahe reizvollen Stadium der Enttäuschung, wenn sich die Seele in zwei Hälften teilt und die eine leidet und die andere zusieht. Bei jungen Menschen kann das ein Vorfrühling sein. Der Schmerz hat die Seele gelockert, Neues kann keimen und aufgehen und bringt vollkommene Befreiung, erneuert das Herz nicht nur, sondern auch den Geist. Aber sie dachte heute nur an Frieden. Wie gut würde Ruhe tun, nachdem sie so lange gekämpft hatte. Wie anstrengend war es doch oft gewesen; so mußte den armen Teerosen zumute sein in den großen Tafelaufsätzen, alle hatten sie einen Draht durchs Herz gezogen ...
Er ahnte wohl ihre Gedanken. Und nun war es fast, als sei _er_ der Verstoßene, als schritte sie, einsam und erlesen, von dannen, einem Leben entgegen, an das er kein Recht mehr haben würde.