Laubstreu

Part 6

Chapter 63,411 wordsPublic domain

Das Leben auf dem Gute, mit den Tanten, war ein Hauptthema für Madame Céline. »=Ah le vilain pays, mademoiselle=,« klagte die kleine Französin mit dem verwitterten Gesicht, den rastlosen Augen, dem glatten, korrekten =Veuve-d'employé=-Kleide: »Nichts als Stoppeln und Sümpfe und =la boue haut comme çà=. Weiden standen an den Landstraßen, schwarz von Krähen. Wie sie schrien, die Unglücksvögel. Das Haus, nur ein Stockwerk, aber lang wie eine Schlange. Wenn Madame klingelte, mußte ich erst durch sechs andere Zimmer, alle gingen ineinander wie ein Korridor. =Le palais des taupes, quoi!= Gott, wie es da aussah. Überall lagen die Tanten herum, auf allen Sofas, =des vieilles avec des burnous=, mit gelben Babuschen an den bloßen Füßen und die Hände voll kostbarer Ringe -- und die Nägel gelb von Tabak. Denn immer wickelten sie Zigaretten und spielten Patience, schon am Vormittag. =Et toujours un tas de petits chiens= -- unter den Plümos, es war wie Erdbeben. Oder sie schlampten im Garten herum in Frisierjacken und Papilloten und pflückten Beeren; dann wurde Saft gekocht oder Gurkenwasser gegen die Sommersprossen. War das nun ein Milieu für meine junge Dame, die an allen Höfen Regen und Sonnenschein gemacht hat und in allen Sprachen korrespondierte =avec des personnages illustres=? Aber der Engel, sie lachte nur. Abends stieg sie gern auf eine Anhöhe, wo eine Windmühle war; da stand sie, und ihr Kleid wehte ... man sah so weit ins Land, der Himmel war wie eine Feuersbrunst, die Fohlen liefen herum mit wilden Mähnen. =C'est beau=, sagte Madame. Nun ich konnte mir Schöneres denken, so ein Apriltag auf den Boulevards, wenn's eben noch geregnet hat, aber die Sonne scheint aufs nasse Pflaster, und die Blumenkarren mit Veilchen duften so frisch ... Ich wäre dort an Melancholie gestorben, wenn nicht der Bücherschrank gewesen wäre. Er roch nach Schimmel, der Atem verging einem, wenn man aufschloß. In dem einen Sommer las ich zweiunddreißig Bände Paul de Kock. Er rettete mich vor Tiefsinn. Kein Wort verstand ich, was diese Wilden sprachen. Die Mädchen gingen mit bloßen Beinen und hatten Ketten aus Vogelbeeren um den Hals, aber die Betten wurden von Männern gemacht; struppig waren sie =comme le père Noël= und hatten außer ihren gestickten Hemden auch nichts Nennenswertes an. Es war ja tief drinnen in dem barbarischen Lande, =sur la route de Varsovie=. =Si mademoiselle voulait se tolurner un peu=,« sagte Madame Céline, denn sie probierte Amsel ein neues Kleid an, aber die Stecknadeln in ihrem Munde hinderten nicht ihren Redefluß.

»Am Nachmittag,« fuhr sie fort, »kamen die Nachbarn, geritten und gefahren. Dann fuhren die Damen aus dem Mittagsschlaf, =avec des cris de paon=, und zogen sich endlich an. Das waren kuriose Toiletten. Aber meine junge Dame war immer duftig, und wenn ich die Nacht hätte durchbügeln müssen. Damals trug man Mullkleider mit Volants, so etagenweis bis oben ... Sie sah aus wie eine Glockenblume aus ›=fleurs animées=‹. Dann gab es Tee und Framboise und zwanzigerlei Konfitüren, und Melonen, nie sah ich solche Melonen. Die Damen schrieben einander Rezepte ab. Wenn dann die Lampen kamen, wurden die Karten geholt, sie spielten die halbe Nacht durch. Oft flogen Fledermäuse herein, ich hätte geschrien vor Angst, aber die Alten banden sich Antimakassars um die Köpfe und spielten ruhig weiter; das gab Schattenbilder an der Wand, die reinen Hexen; aber sie blieben totenernst dabei. Ihre Tante langweilte das ewige Kartenspielen, sie setzte sich an den Flügel, =un Erard passablement vermoulu=, dann sahen die alten Damen von den Karten auf und nickten den Takt mit den Köpfen. ›=Ah, Beethoven, il n'y a que çà=‹ -- sagten sie. Aber wenn sie Chopin spielte, weinten sie, denn sie hatten ihn alle geliebt und an seinem Sterbebett gesessen. Junge Herren kamen auch, sie lagen Ihrer Tante zu Füßen, wie auch konnte es anders sein! Da war der Stefan Czartorisky, Gott, wie distinguiert, =des pieds d'enfant et toujours le mot pour rire=. Wir alle beteten ihn an. Aber er hatte eine viel ältere Frau, eine häßliche Viper, sie verklatschte meinen Engel, und da gab es dann =des embêtements avec Monsieur le comte= ... Zum Herbst wurde es ganz einsam, die Wege waren ein Morast. Da saßen sie dann im Salon und stickten auf Stramin, Rosen und Pensees, ich seh' das Muster noch, =un vrai cauchemar=; ›=c'est un peu monotone, ma pauvre Céline=,‹ sagte Madame, wenn ich alles wieder auftrennen mußte, denn mit Handarbeiten ist sie nie ein Held gewesen. Gott, sie war noch so jung. Man mußte sie lachen hören ... Ja, damals waren Sie noch gar nicht auf der Welt! ...«

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Amsels Erziehung war, nächst dem Gott Zufall, einer Reihe mehr oder minder verdienstvoller Fräuleins anvertraut, deren Kommen und Gehen durch den Wechsel des Aufenthalts bedingt war, aber auch durch plötzliche Erkenntnisblitze, daß Tantes Mitleid ihrer Menschenkenntnis Dunst vorgemacht hatte. Eine Deutsche, bieder und schwärmerisch, die in Amsels Erinnerung mit dem Lied von der Glocke und einer fürchterlichen Brosche aus Elfenbein verschmolz, denn beim Hersagen jener ebenso unsterblichen wie langatmigen Dichtung hatte sie immer, wie der Vogel auf die Schlange, dorthin gestarrt. Einmal gastierte auch eine Pariserin mit dünner Taille und kleinen Füßen. Mit ihrem schmalen Kopf, ihren schwarzen, zusammengewachsenen Augenbrauen, saß sie wie ein gereizter Schwan, der gleich beißen wird, hinter den Büchern. Aber sie verschwand meteorartig. »Der himmlische Akzent war Schuld,« hörte Amsel Tante sagen, »der ist für mich wie für den Schweizer der Kuhreigen.« Nach ihr kam ein Fräulein aus dem Waadtland, mit flachem, kalvinistischem Strohhut und hüpfender Intonation, die an Heimweh litt. Sie erzählte vom Pasteur und dessen Sohn, =le missionnaire, un jeune homme si bon, si doué=, und wie sie zusammen im Frühling in die Berge zogen »=pour cueillir la gentiane=«. Durch diese junge Helvetierin wurde Amsel mit der ebenso vortrefflichen wie findigen Familie des Robinson Suisse bekannt. Nichts brachte diese Menschen außer Fassung. Denn immer, im kritischen Augenblick, spürten sie die außergewöhnlichsten Dinge auf, um ihren Hunger zu stillen, eßbare Ameisen, Stachelschweine und Schildkröten, oder auch Faultiere, die wie Räucherwaren stumpfsinnig an ihrem Aste hängen blieben, bis sie gebraucht wurden; von unerhörten Früchten zu schweigen, die den Nährwert der Kartoffel mit dem Wohlgeruch der Ananas verbanden. Man brauchte um das leibliche Wohl der Familie wirklich nicht bange zu sein. Aber auch für geistige Stärkung sorgte der Himmel. Denn im Augenblick tiefster seelischer Depression, als sie mit ihrem Schicksal zu hadern begannen, kam von dem unerschöpflichen Wrack eine Bibel angeschwommen. Beschämt sanken sie am Strande auf die Knie, und Vater Robinson sprach ein Dankgebet. Und das alles in tadellosem Passé Défini vorgetragen! Ja, es war beinahe zu viel der Tugendhaftigkeit, so als ob einer Lebertran einnähme und dazu auch noch lächeln würde.

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Die alten Bäume in der Allee waren braun geworden, kleine Buben in gestrickten Mützen suchten Eicheln im dürren Laub, und auf den Klosterwiesen, wo die Laienschwestern, großen Elstern gleich, das letzte Grumt geharkt hatten, standen nun die Herbstzeitlosen, blaß und zerbrechlich. Der blaue Dunst, der klares Wetter verhieß, schlug morgens in glitzernden Tröpfchen an den Fensterscheiben nieder. Der Herbst war milde hier, der Winter kurz; nur einmal ausschlafen wollte die Erde, nach all dem Blühen und Schenken; bald, schon im Februar, fing es wieder an zu wispern und zu keimen.

Tante sah still in die Luft. Hier hatte sie als junge leichtherzige Frau gute Tage erlebt und dann noch einmal, ein paar Jahre später, als das ganz große Glück Besitz nahm von ihrem Geist, ihren Gliedern, von jedem seligen Tropfen Bluts. Ach, gut war es gewesen, gut!

Auf der Promenade hatten die kleinen, eleganten Buden geschlossen, nur der Mann mit den böhmischen Gläsern und der Mann mit den Kuckucksuhren saßen noch hinter ihren Waren wie verklammte Vögel. Und der alte Tiroler mit dem Quastenhut und seine stattliche Frau, die allen Fürstlichkeiten der Erde Handschuh anprobiert hatte, waren auch noch da, aber sie packten ihre Schachteln zusammen. Vor der Bude standen Tisch und Stühle, die Blumenverkäuferin kam mit Herbstveilchen und den kleinen, ausdauernden Monatsrosen. Tante schwatzte mit ihr. Es ging immer gemütlich zu, wenn sie dabei war, das leichte Blut ihrer süddeutschen Mutter redete seine Sprache. »Wenn ich nur wüßte, warum es oft bei herzensguten und gar nicht dummen Menschen so furchtbar langweilig zugeht,« sagte sie. »Ich schwör' dir, Amsel, ich wollt' den Kaiser mit unserer Frau Schwämmle zu einem Kaffee bitten und die Stimmung sollte großartig sein. Man muß sich nur fest einbilden, daß man sich für die Antworten der Menschen interessiert, und das Kuriose ist, daß man es dann schließlich wirklich tut. Und ob's nun ein König ist oder eine Waschfrau, alle brauchen sie halt Verständnis, aber sie merken's ganz genau, ob es echt ist oder nur so Getu. Wenn ich vier Wochen lang Königin wär', ich sag' dir, ich wollte die Leute königstoll machen.«

Das Kurhaus lag weiß und langgestreckt im Nachmittagslicht. Tante ging hin und her, blieb manchmal stehen. Sie sah da wohl mehr, als für andere zu sehen war. Dort, unter dem »russischen Baum«, hatte sie oft mit den Cousinen gesessen. Sie spielten Domino mit dem alten galanten Staatsmann, und die Adjutanten des Königs stellten sich dazu, schlanke, preußische Tannen, und gaben Ratschläge, denn die alten Russinnen nahmen es furchtbar ernst mit dem Spiel.

Hier traf sich die Jugend zu Fahrten und Landpartien nach alten Jagdschlößchen und Ruinen, wo man auf Türme stieg und in die schauernden Wälder niedersah und weit in die Ebene, die glitzernde, in Sonne und Dunst. In =Char à bancs= und englischen Mailcoaches, vier- und sechsspännig, ging es los. Sie saß meist auf dem Bock neben dem dicken, rothalsigen Mister Tomlinson, der seines zarten Töchterchens wegen hier lebte ... Es war ein fast traumhaftes Gefühl des Ausruhens neben dem vierschrötigen Riesen. Einmal waren sie in ein Wagenknäuel geraten, die Pferde bäumten sich, alles schrie und fluchte. Der starke Mann neben ihr zupfte kaum ein wenig an den Zügeln, und seine kleinen, hellblauen Augen blitzten in dem ziegelroten Gesicht. »=Sit tight, you are quite safe, little girl=,« hatte er gesagt, denn in ihrer holden Jugendschlankheit kam sie ihm kaum älter vor als sein eigenes kleines Mädchen. Und dann zwang er die vier Pferde mit unmerklicher Gewalt, rückwärts zu treten, und schon hatte sich das Chaos entwirrt. Ihr war gar nicht bang gewesen, eher schläfrig; wenn er dabei war, fühlte sie sich geborgen wie einst als Kind in ihrem kleinen Gitterbett. Ach, wie gut war das Leben! An Rebenhügeln ging die Straße vorbei, die blauen, duftbestäubten Trauben wurden geerntet. Hübsche, sonnverbrannte Mädchen lachten unter roten und gelben Kopftüchern. Zwischen den Weinstöcken ragte ein großes graues Kruzifix in die Luft, und die Leute setzten ihre schweren Butten zu seinen Füßen und wischten sich den Schweiß von Hals und Stirne. Manchmal fuhr man im Tal, das Flüßchen hinauf, bis zu dem Wasserfall, wo es Forellen gab und säuerlichen Landwein. Wie flammten die Bauerngärtchen, Rosenstöcke ganz beladen, Kapuzinerkresse und blaue Winden in luftigem Gerank; große reife Kürbisse lagen in der Sonne, und unter den Dächern hingen Girlanden von Welschkorn. Aber von den Wiesen kam der Geruch vom zweiten Schnitt, der so scharf ins Herz greift, wie Anklammern an ein letztes Glück, und über den Höhen lag Dunst, damals wie heute der Bote milder Tage.

Sie hatte das alles ganz unbewußt geschaut und in die Scheuern gesammelt; heute zehrte sie davon. An Abende dachte sie zurück bei der berühmten Sängerin, die sich in einem Seitental, von Erlen umdämmert, einen kleinen Musiktempel erbaut hatte. Mit halbgebrochener Stimme trug sie die alten feierlichen Arien vor. Ihre großen, furchtlosen Gebärden, ja ihre düstere Häßlichkeit paßten zu der Meisterschaft, mit der sie Licht und Schatten breit und unbekümmert hinwarf. Oder sie sang spanische Volkslieder mit ihren Töchtern, jungen, mageren Geschöpfen, bräunlich wie Hindumädchen, aneinandergelehnt ... Wie das von ihren Lippen kam, die heiseren Rufe des Maultiertreibers, der langgezogene Schrei des Melonenverkäufers; und die Mutter am Klavier, die mit dunkler Stimme ihren Part mehr knurrte als sang ... Zerstoben, verstummt. Wer konnte sie noch singen, diese schmerzlich gefaßten Rezitative in königlichem Faltenwurf, diese gramvollen Arien, in denen es wetterleuchtet von niedergepreßtem Gefühl? Der kleine Musiktempel war abgerissen, das Wohnhaus in andere verbaut, die Bäume gefällt. Und daneben, wo der verbannte Dichter wohnte, einer der vielen seines Landes, die verfolgt wurden um der Gerechtigkeit willen; ja, das Haus war noch da, aber tot, mit geschlossenen Läden, die Wege von Moos übersponnen, stand es zwischen großen Platanen über dem kleinen Gehölz, wo im Mai die Nachtigallen im Faulbaum schluchzten. Und sie dachte an den schönen, grauhaarigen Mann, wie er, weißgekleidet, mit schweren und doch weichen Schritten, einem guten Bernhardinerhund ähnlich, im Garten auf und ab ging, wenn in dem versumpften Erlenwäldchen, ihm zu Füßen, die Frösche quarrten. »=J'aime les grenouilles, ça me rappelle la Russie=,« sagte er. Oft plagte ihn die Gicht, dann ruhte er im Gartensaal zu ebener Erde, sein Fuß, zu einem unförmigen Bündel gewickelt, wie eine gekränkte Gottheit auf einem besonderen Taburett. Die Wände mit Büchern austapeziert, das still brennende Kamin und auf dem Tisch ein großer Strauß Heliotrop. Dazu rauchte er die kleinen blonden Papyros seiner Heimat und bekritzelte lange schmale Papierstreifen, die den Teppich bedeckten. Hier waren viele seiner Erzählungen entstanden, mit ihrem eigenen, ureigenen Duft wie von Frühlingswald und allerkostbarstem Tee. Aber nun hing am Gitter ein Plakat: Baustellen zu verkaufen. Wie lange würden sie hier noch rauschen, die Silberpappeln, die Birken und Platanen?

Oh, wie hatten sie damals seine Bücher verschlungen, wie hatten sie geschwärmt, gehofft und prophezeit. Musik und Philosophie und Menschenrechte, alles wurde leidenschaftlich diskutiert; da war so vieles, das zum Licht begehrte, überall schäumten kleine Wirbel über dem tiefkochenden Meer. Und vieles war eingetroffen seither, was sie herbeigesehnt hatten, aber in plumperen Umrissen, mit Abzügen und Zugeständnissen, die ihrem kühnen Hoffen fremd gewesen. Denn verwirklichte Ideale sehen wohl immer aus wie die Stiefmutter, die den Schmuck der rechten Mutter trägt.

Wo waren sie hin, die zarten, rastlosen Frauen, die sich im milden September zusammenfanden, wenn die Trauben so süß und die zweite Rosenblüte noch erlesener war als die, die der Juni beschert? Wenn Johann Strauß seine Walzer dirigierte, während am Nachthimmel große Raketenbündel hoch fuhren und knisternd niedersanken, goldener Hafer und blaue strahlende Sterne, zögernd, trauernd um die eigene kurzlebige Schönheit? Viele waren tot, ach, wer nannte sie noch? Andere lebten, fern von hier, von neuen Pflichten, neuen Generationen beschlagnahmt: Großmama, Nonna, =petite tante= ... Ach und jene Allersüßeste, Allerkostbarste, deren Herz überschäumte in Bewunderung alles Schönen, in leidenschaftlicher Abwehr aller Enge und Halbheit, sie lebte hinter Mauern; ja, lebte sie noch? Sie, deren göttlich schöne Füße die Bildhauer toll gemacht hatten, ging sie barfuß auf kalten Steinen? »=Diane vaincue=« hatten die Freundinnen sie genannt, nach einer tiefgelben Rose, die damals neu war; deren schmalen, bräunlichen Knospen sie ähnlich sah. Ach, Runzeln und Gebrechen paßten nicht zu ihr, wollte Gott, daß sie schon lange in irgendeinem totenstillen Klosterhof lag, wie eine Schmetterlingspuppe in ihre kleine braune Kutte gewickelt, dort, wo die Zikaden in der Mittagsglut sägen und der Lorbeer die Luft mit bitterem Dunst erfüllt!

Ja, sie hatten sich alle mit dem Leben eingerichtet, so oder so, und da waren manche, denen das große Glück nie genaht war, oder die es nicht erkannt hatten, da waren auch die kleinen Hermeline, die nichts riskieren wollen. Aber viele hatte das Leben wissend gemacht. Und ab und zu hörten sie voneinander. Sie, die für Zukunftsmusik und Befreiung der Geknechteten geschwärmt, die über Tolstoi und Schopenhauer diskutiert hatten, als ginge es um ihr Leben, so edelmütig und verschwiegen in der Freundschaft, so weich und rückhaltlos in der Liebe ... »=Ma chère belle=,« so fingen ihre Briefe an; ja, aber nun mußten sie Brillen aufsetzen, um sie zu lesen.

Das große Glück, das nur wenige finden; der einsame Weg, den nur wenige gehen! Ach, mit zitternder Hand griff sie ans Herz, den Mund gespannt in unvergeßlich süßer Qual: Mein Schmerz, mein Eigen! Und wenn sie die Augen schloß, spürte sie mit suchenden Nüstern Heuduft und Jasmin in der Sommernacht, spürte die kühle Glätte des Flügels, an den sie die Stirn gelehnt hatte -- oh, wie oft --, damals, wenn er ihr mit leichter, fast knabenhafter Stimme die neuen Opern sang, welche zu jener Zeit die Welt aufwühlten und in feindliche Lager teilten. Ob unter seiner Leitung das Orchester zu einem großen, gebändigten Instrument wurde, einer Republik der Stimmen, von seines Blutes Rhythmus befeuert und gezügelt, oder ob sie beide, träumend, zuhörend, schweigend genossen, es waren dieselben Schauer, es war dieselbe Weite und Enge, die sie im Herzen erlitten, eine Gemeinschaft, ein äußerstes Durchdringen, das den Menschen in dieser unfaßlichsten und doch körperlichsten aller Künste gegeben ist.

Um sie her fielen die Kastanien ins gelbe Laub; unter der Säulenhalle war es leer, die Stühle aufeinander getürmt, leer der runde Musiktempel am Eingang. »=Si vous n'avez rien à me dire=« -- oh, diese kleine zuckerige Melodie! Damals war sie neu, und man spielte sie zum Überdruß. Nun ging sie ihr auf einmal durch den Sinn, ein kleines betrübtes Gespenst. Sie fühlte ihre Augen brennen und wie ihr Mund sich verzog. Nach Hause, nach Hause, die Sonne wärmte nicht mehr.

=II=

Amsel war mit Madame Céline einkaufen gegangen. »=D'abord les petites brioches pour madame=,« sagte die kleine Französin. Der Sommerkonditor Romplemayère, wie Madame Céline es aussprach, hatte sein Zelt schon abgerissen, aber sein Rivale, der den märchenhaften Namen Schababerle trug, gleich dem Efeu bodenständig, überwinterte hier. Eigentlich müßte es umgekehrt sein, hatte Tante gesagt, denn sie fand, daß sie beide die Jahreszeit verwechselt hätten. Rumpelmaier war doch sicherlich ein Abkömmling von Rumpelstilzchen und paßte daher weit besser zu Schnee und Christbäumen und krausem Winterspuk als zu der =Côte d'Azur=. Während Schababerle, den konnte man sich nur mit einem Turban denken, wie er Sorbet und Limonaden bereitete, kühl-wohlig in der Sommerschwüle, und schließlich wurde er Pastetenbäcker des Kalifen und erhielt die jüngste Tochter des Großwesirs zur Frau.

Sie gingen durch Gassen und Gäßchen, die den Berg hinaufkletterten, bis zum Schloß mit seinen Höfen und Brunnen und überdachten Treppchen und der großen Lindenterrasse. Die Tore waren verschlossen, die freundlichen, grauhaarigen Lakaien gingen nicht mehr aus und ein, und die Linden standen in einem Teppich raschelnder Blätter. Staffeln führten hinab zu kleinen Plätzen, wo im Dämmerlicht Brunnen rieselten, an sauberen Häusern vorbei mit Transparenten an den Fenstern, hinter denen Waisenratswitwen im Lehnstul saßen und sich nicht entschließen konnten Licht zu machen, ehe die Laterne an der Ecke brannte; so sahen sie vor sich hin, die Hände im Schoß, und sannen über das Alter des Kanarienvogels nach, ihr eigenes darüber vergessend. Kuriose Lädchen gab es hier, Althändler, in deren Schaufenster stockfleckige Lithographien verblichener Landesväter zwischen gestickten Klingelzügen und alten, gedemütigten Regenschirmen lächelten, daneben ein Sargtischler, der kleine Sargmodelle ausgestellt hatte, in verschiedener Ausstattung, wie für alle verstorbenen Puppen -- geringe und vornehme -- der Nachbarschaft. Beim Seifenhändler hingen die großen Altarkerzen aus gelbem Wachs, honigduftend, die in kühlen hallenden Kirchen von Sommergärten und summenden Bienenkörben erzählen, dazwischen die schlanken Kommunionskerzen, symbolisch umwunden mit Weinlaub und gläsernen Trauben, und am Griff ein kleines, steifes Spitzentuch für die kleinen zerkratzten Hände, die an diesem Tag in weißen Baumwollhandschuhchen prangen. Bei der Vogelhändlerin kamen sie vorbei, die in der offenen Ladentür saß, ein schwarzes Kaninchen im Schoß, und hinter ihr aus dunklen Ecken leises, unaufhörliches Trillern wie aus zarten Wasserpfeifen, das war wie im Märchen von Jorinde und Joringel und der bösen Zauberin. Zwischen Mauern ging der enge Weg hinab, über die hier und dort ein erfrorener Rosenzweig nickte, und Häuser, die auf der einen Seite einstöckig kauerten, ragten auf der anderen aus Abgründen. So denk' ich mir Capri, sagte Amsel.

Als sie heimkehrten, stand Tante, in ihren großen Orenburger Schal gewickelt, am Fenster und sah nach ihr aus. Von den Pappeln segelten gelbe, herzförmige Blätter durch die Luft, Schneebeeren lagen weich und verregnet auf den Gartenwegen, bald würde nun der Winter kommen, auf Samtpfoten, eine große, weiche, weiße Katze.

»Nun wollen wir uns einwintern,« sagte Tante. »Das alte Murmeltier und das kleine Murmeltier, eigentlich beneidenswerte Geschöpfe, so die ganze kalte Zeit zu verschlafen, so gut haben wir's nicht, und ein bißchen Französisch mußt du auch wieder treiben; der Mensch kann immer noch zulernen, und wenn er auch schon siebzehn Jahre alt ist.« Und ein paar Tage später sagte sie: »Ich habe Rächerchen gemacht, denn so sprach ich's als Kind aus, wenn ich meinem Vater vorlesen mußte; und nun hab' ich die Perle gefunden, eine schwarze Perle, denn sie ist Witwe, und nur Französinnen verstehen es, so gründlich Witwen zu sein, ich glaube, sie genießen das wie ein Moorbad; also, sie heißt Benoît und sieht aus wie ein Kokon aus Trauerkrepp, und ihr Seliger war auch Sprachlehrer, ja, sie sagte, er sei ein Vater der Syntax gewesen, und das ist doch gewiß eine Seltenheit.«