Part 3
Sie stand auf, sah sich um, fröstelte; und weil ihr die Glieder wie tot waren, griff sie nach seinem Arm, um aufzustehen. Der stützte sie, selbstverständlich wie immer. Nun standen sie beim Fenster, und die Abendsonne kam nur noch leise durch den Laden. Da fühlte sie ein Zittern, ein Werben in seinem Arm, und schon küßten sie einander, angstvoll und rasch, ohne Ruhe, ohne Lust, wie sich Menschen küssen, wenn das Schiff im Sinken ist. Aber in ihr wartete etwas und spannte sich, bis in die Fingerspitzen, und wollte gezwungen sein, nicht weil sie ihm recht gab, sondern weil sie ihn liebte. Aber da löste er leise die Arme, und sie fühlte ihre Lippen grau werden: Er hat mich geküßt, wie man seinen Koffer zuschließt.
Da trat sie noch näher ans Fenster und stieß rasch den Laden auf, und der letzte Abendglanz strömte herein und mit ihm der Duft und der Dunst der Wiesen. Wie im Traum, wie jenseits einer Brücke sah sie zurück auf ihn, sah die kleine zuckende Falte am Augenlid, die den Augen so große Freundlichkeit verlieh; die sie so sehr geliebt.
Heute nacht würde sie die Herdenglocken noch hören, fein und deutlich, am Berghang herauf. Aber er nicht mehr; denn er würde im Nachtzug sitzen und in der Frühe schon im heißen, schläfrigen Süden sein. Und was war's, das schon jetzt in ihrem Herzen zu nagen begann, leise, unerbittlich? War's der Groll, daß er sie nicht zu zwingen vermocht, alles zu lassen, um mit ihm zu gehen, das ganze Leben?
Wie es die Kinder erlebten
Es hatte damit angefangen, daß Tischler Dominik, der im übrigen auch Nachtwächter war und den inneren Menschen der Turmuhr in Ordnung zu halten hatte, schließlich doch geholt werden mußte; denn es war unausstehlich mit der untersten Schieblade der alten Schreibkommode, immer stellte sie sich schief; »wie ein eigensinniger Bock,« sagte die Kleudchen, und erst durch angestrengtes Rütteln konnte sie in eine normale Lage zurückgebracht werden.
»Und da wir schon einmal dabei sind,« sagte der Meister und starrte tiefsinnig über seine Stahlbrille ins Weite, »so woll'n wer auch gleich das übrije nachsehn, denn so was is eftersmalen en Familjenfehler.«
Ali und Adallah, die meist für Zwillinge gehalten wurden (es war aber ein Jahr Altersunterschied), fanden das ja nun äußerst interessant; denn wenn dabei auch nur Frau Kleudchens puritanische Nachtjacken, der »Pharus am Meere des Lebens« in verschossenem, violettem Einband, ein kleines Paket zusammengeschnürter Briefe und eine Feige aus Marmor -- von Papa vor Jahren aus Italien heimgebracht -- zum Vorschein kamen: Sachen von Erwachsenen, die so kühl feierlich daliegen, wie in Königsgräbern, haben immer etwas Apartes an sich, wenn sie plötzlich hervorkommen an die Tageshelle.
Aber nun hatte Dominik nach vielem Suchen in seinem Bund klirrender Haken, der ihm etwas angenehm Einbrecherhaftes verlieh, auch noch die schräge Klappe geöffnet, auf deren braunpolierten Fläche eine Wildschweinsjagd in gelbem Holz zwischen vier Tannenbäumen in grünem Holz dargestellt war. Dahinter wurden zwei kleine Fächer sichtbar. Das linke enthielt rostige Angelhaken, mehrere längliche Garnröllchen und ein dünnes rotes Buch, »Des Anglers Vademekum«. Dominik sah zu der Kleudchen hinüber, sie wollte etwas sagen, schloß aber wieder den kleinen, vergrämten Mund. Dann zog er auch das andere Schiebfach auf; es hatte sich ein Heft darin festgeklemmt. Er reichte es der Kleudchen; sie tat einen Blick hinein: »Die Wappensammlung vom jungen Herrn,« sagte sie und drückte das Heft wie schützend gegen ihr gestricktes Umschlagetuch. Aber unter dem Hefte hatte noch etwas gelegen, eine Photographie, vergilbt und verblaßt.
»Das ist die Frau, die bei Papa im Ankleidezimmer hängt,« sagte Ali. Seine Augen sahen alles. Ja, es war das nämliche, weichgerundete Gesicht, mit leicht zusammengeknifften Lidern, großem, lächelndem Mund, reichem, unglaublich reichem Haar, altmodisch kunstvoll aufgesteckt. Aber hier hatte sie ein komisches großkariertes Kleid an und einen kleinen Jungen in russischem Kittel auf dem Schoß.
»Dah,« sagte Adallah, der oben in der Nase etwas hatte, das demnächst operiert werden sollte, »das is Vate's este Fau, abe weh is de Junge?«
»Ihr müßt Mama fragen,« sagte die Kleudchen. Es war dieselbe Abwehr, die sie gebrauchte, wenn Adallah allzu genaue Auskunft über gewisse naturgeschichtliche Vorgänge von ihr verlangte.
Die Kleudchen hatte jetzt einen roten Fleck auf der Wange und telegraphierte mit den Augen. Tischler Dominik gab Ali das Handwerkszeug zu tragen und hielt Adallah seine kurze, breite Hand mit dem gespaltenen Daumennagel hin: »Nu kommt, Junkerkens,« sagte er einladend, »nu woll'n wer'n Leimtopf heißmachen;« und die Aussicht auf eine gemütliche, übelriechende Mantscherei ließ für diesmal alle anderen Spekulationen erblassen. Und Mama fragen? Ach, das war ja nicht möglich. Fragen konnte man Kleudchen oder den Kuhknecht oder Fritz Dralle (Dralle =sen.= war schon weniger ratsam), und allenfalls Papa, wenn er sehr guter Laune war; aber Mama? Nein, Mama antwortete man, aber fragen, das ging nicht.
Doch es kamen Wiederholungen, allerhand kleine Begebenheiten, die auf denselben Punkt zu deuten schienen und sich allmählich zu etwas Nebelhaftem verdichteten, von dem die Kinder nicht recht wußten, war es Erinnerung an Dinge, die sie schon erlebt hatten, oder Ahnung von etwas, das erst kommen sollte: Papa und Mama redeten zusammen, leise und erregt, Mamas große Augen wurden dunkel, so als sagten sie »Mut« oder »Rechtschaffenheit«; aber sie brach ab, wenn die Kinder ins Zimmer traten, und der Blick wurde wieder durchsichtig wie ein geschlossenes Fenster. Oder Papa trat plötzlich aus dem unbewohnten Zimmer auf halber Treppe, stand, als sähe er nichts, in der schrägen Nachmittagssonne, wo es nach Holz roch und nach Kleudchens Vesperkaffee; er, den man sonst nur in einer ganz besonderen Luft von Zigaretten und Juchten kannte, im Dämmerlicht auf dem Ledersofa ausgestreckt, wo über ihm die Rennpreise, die Pokale und silbernen Reitpeitschen aufblitzten, wenn ein Sonnenstrahl durch die Läden drang. Papa hatte rote Augen gehabt und zuerst gar nichts verstanden, als Ali, die Gelegenheit wahrnehmend, ihn anpiepste: »Ach, Papa, Dralle will das Gefleckte versäufen, weil es ein Weibchen ist, und es ist doch so wunderschön« -- und Adallah eine Terz höher einstimmte: »Ach, nur nicht das Gefleckte, Väterchen, abe das Baune auch nicht!«
Wenn Tante Brunislawa und die Kleudchen beisammen saßen, war ein Gewisper und Geseufz; beinahe wie schuldbewußt sahen sie sich um, oder als stünde eine Tür ins Dunkle hinter ihnen offen. Tante Brunislawa schien noch öfters als sonst mit ihrem Orenburger Schal an allen Türklinken hängen zu bleiben, um dann, wenn man sie losgeheddert hatte, ganz verschüchtert weiterzuflattern wie eine wunde Schwalbe. War das auch immer so gewesen, dies Nach-der-Uhr-sehen, wenn die Postzeit nahte, dieser rasche Blick ins Vorzimmer, wo doch nur Papas Zeitungen lagen, oder Rechnungen in blauen und grauen Umschlägen, selten nur ein Brief? Und die Stühle und Sessel im Wohnzimmer, wenn die Großen weggegangen waren und man kam auf Fußspitzen zurück, um den kleinen Zinnjäger zu suchen, der unters Sofa gefallen war: standen die sonst auch so kurios zusammen, wie Verschwörer, die unterbrochen wurden in heimlichen Gesprächen?
Dazwischen schwand den Kindern wohl tage- und wochenlang dies ungewohnte Gefühl, als ob »etwas vorginge«; Papa hatte wirklich das Gefleckte begnadigt, und es war, nebst seinem Brüderchen, dem Braunen, zur Sonne geworden, um die sich der Knaben Leben drehte, das ja trotz Vater und Mutter, trotz der freundlich flatternden Tante Brunislawa und der treuen Kleudchen ein seltsam verschwiegenes, heimliches Leben war.
Mama! Ja -- das war viel eiskaltes Wasser in der Frühe und harte Bettchen zur Nacht, und beileibe kein Nachtlicht und absolutes, strengstes Verbot, das Gefleckte nach oben zu nehmen. Mama war Morgenandacht mit einem Hintergrund von Kaffeegeruch und weißen, raschelnden Schürzen, aber nicht Abendgebet; letzteres gehörte zu Kleudchens Departement, die sich wie die Fledermäuse, denen sie ähnlich sah, mehr in den Dämmerstunden bemerkbar machte. Mama bedeutete ferner für Ali Kerbelsuppe und für Adallah Apfelreis, beides so über alle Maßen gräßlich, und da war kein Entrinnen. Aber Mama bedeutete auch Dinge, die fein waren, wo man sich selber fein werden fühlte, wie die dünne, schwingende Gerte in der Hand, wenn man aufs Pferd geklettert war und sich zuerst nur festklammerte, so gut es ging, denn das einzige, was man absolut nicht durfte, war herunterfallen, und dann allmählich, beim Traben, seine Muskeln und Gedanken zusammenfand, sich aufreckte und ins Lot kam. Mama sagte: »So ist's besser,« wenn man an ihr vorüberkam, dann mußte Dralle die Longe weglassen und später noch ritt man mit Mama querfeldein, und das war ehrenvoll, aber beileibe nichts zum Lachen. Nur dies Gefühl, als würde man feiner und biegsamer und härter dabei, das wuchs und war sonderbar ausfüllend und aufregend; man konnte an nichts anderes denken. Überall ging's so her, wo Mama dabei war, so mit angespannten Sehnen bis aufs letzte Haarbreit; aber doch immer, als dürfe man dabei nicht verweilen, als käme viel anderes nach, das noch zu bewältigen sei. Auch wenn Mama einen küßte, war das so, hoch oben auf die Stirn, in die Haarwurzeln hinein, ganz rasch, wie ein Stoß, und dann weg und was anderes. Neulich hatte Ali gezuckt, als der kleine Fuchs beim Striegeln auskeilte. »Ich glaube gar, der Junge hat Angst,« sagte Mama, und in ihre Augen kam der blaue Funken, der zurücksprang zu den alten, vertriebenen Sachsengöttern, die an Pferdeopfern Freude hatten ...
In solch straff gehaltenen Kinderexistenzen entwickelt sich Geschwisterliebe nachdrücklicher, wie das Zusammenhalten junger Pflanzungen an exponierten Stellen. Ali und Adallah brachten es fertig, in ihrem fest eingeteilten Dasein Augenblicke berauschender Opposition zu erhaschen, und das ganz absichtslos, denn sie waren gutartige Kinder und, ihrem Vater ähnlicher als ihrer Mutter, nervös und rasch aufflammend, aber ohne die nötige Ausdauer für ein richtiges Verschwörertum. Mama war ungemütlich, wenn auch durchaus nicht unheimlich, denn es gab bei ihr keine Überraschungen; hingegen mußte man Papa nur aus dem Wege gehen, wenn er gerade seinen Nervenschmerz hatte, sonst aber nahm er für die Unterdrückten Partei, konnte einen allerdings im kritischen Augenblick unerwartet im Stich lassen. So schlossen sie sich ohne Verabredung eng aneinander; sie waren zu klein und zu unklar, um sich über das, was sie peinigte, miteinander auszusprechen. Winzige Igel im Nest, alles noch weich und verwundbar; ein Rascheln, ein Lufthauch, der Witterung bringt fremder, feindlicher Dinge, und sie liegen da, zusammengerollt, mit allen zarten Stacheln in der Abwehr, und fühlen, es gibt etwas Schmerzliches, Grausames irgendwo, das auch sie in ihrem Schlupfwinkel eines Tages aufspüren wird.
Wie gräßlich zum Beispiel waren doch die Schlachttage! Die kaltblütigen Vorbereitungen am Abend vorher, die armen Verurteilten, die ahnungslos -- wer weiß? -- ihre Henkersmahlzeit verzehrten, die Gänse und Enten, die Schweine und, was am schauderhaftesten war, das Kalb! Dieses wurde zwar nicht auf dem Gutshof gemördert, aber in aller Frühe, wie aus blutigem Nebelgrau hervor, kam ein gräßlicher Mann mit rotem Gesicht, mit rotbesudelter Schürze; das Kälbchen mußte heraus, ganz dumm und warm und verschlafen, in die kalte, beißende Luft, es stemmte sich, es wollte nicht, seine Augen waren voll Entsetzen, es hörte seiner Mutter ängstliches Muh. Aber es wurde am Strick fortgezerrt, über die hölzerne Brücke, wo seine armen, unbeholfenen Füße polterten. Hatte es nicht etwas Revoltierendes, wenn bald darauf die Frühstücksglocke die Hausbewohner versammelte und Mama die Morgenandacht hielt? »Also hat Gott die Welt geliebt,« las sie. Und derweil wurde das Kälbchen auf der Landstraße fortgezerrt, der böse Mann fluchte, es bekam einen Tritt, wenn es stehen blieb. Mama dankte für Gottes Hut in der vergangenen Nacht ... Ach, die arme Kuh in dem dunkeln, feuchtwarmen Stall; das Kälbchen war ihre einzige Freude gewesen; wenn sie es leckte bekamen ihre großen düsteren Augen blaue Lichter, ihre Weichen schauderten glückselig, wenn das Junge nach dem Euter suchte, es hochstieß beim Saugen. Nun brüllte sie, gedehnt, in regelmäßigen Absätzen, man konnte zählen dazwischen. Und das würde noch tagelang dauern, sagte der Knecht.
Aber Mama war doch sehr gut dabei. Zu allen Kranken wurde sie geholt, wenn es was Ernstes war; sie wußte, was nötig war, und tat alles, ruhig und tröstend. Manchmal wachte sie viele Nächte durch bei den Kranken. Und wie Fritz Dralle in die Häckselmaschine geraten war, hielt sie seinen Arm, während er so entsetzlich stöhnte und Doktor Moldenhauer nähte. Sie selbst aber war nie krank. Qualvolles Kopfweh, ja, dann zuckte es im Augenlid und in der Schläfe ging's wie ein Hammer, da, wo die blauen Adern sind; aber sie gab nicht nach, immer zur Stelle, sommers um sechs und winters um sieben. Tante Brunislawa, welche die Cousine der ersten Frau war, fuhr schuldbewußt zusammen, wenn Mama sie bei ihren ewigen Patiencen ertappte. Und doch sagte Mama nie ein Wort und half Kleudchen mit ihrer endlosen Flickarbeit. In Tante Brunislawas Zimmer waren Heiligenbilder, goldene mit Schlitzaugen, und weiße mit blauen Mänteln, auf kleinen Postamenten; Tante kniete davor und sah zu ihnen auf, mit braunen, kurzsichtigen Augen wie Samtpensées. Wo es doch heißt: Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gleichnis, dachte Ali. Aber nie sagte Mama etwas, eher noch Papa, der Witze machte über Beichtväter und dergleichen. Mama _kämpfte_ sogar für Tante um die Kutschpferde, wenn Tante zum Ablaß fahren wollte, gar jetzt, wo man sie doch so nötig brauchte, um Wasser zu fahren ...
Ali und Adallah mußten sich in Selbstkasteiung üben. Ihre Anzüge und Schuhwerk wurden von Dorfkünstlern angefertigt; die Hemden aus grobem Leinen scheuerten fürchterlich, solange sie neu waren, auch war ihnen nahegelegt worden, den Zucker im Milchkaffee zu sparen zugunsten der Stadtmission oder als Beitrag zur Weihnachtsbescherung im Armenhaus. Seitdem tranken sie ihren Kaffee ohne Zucker, hatten sich seiner so entwöhnt, daß es sie keine Überwindung kostete, aber sie spürten auch weiter keine Freude an ihrem Opfer; vielleicht waren ja auch Opfer nicht dazu da.
Alle Donnerstag kam Herr Doktor Löschwitz zum Kaffee. Dies war die schlimmste Prüfung; denn weil sie nur einmal wöchentlich stattfand, konnte man sich nicht dagegen abstumpfen. Herr Doktor Löschwitz war ein gestrandeter, nicht mehr junger Philologe, der vor Jahren Papa durchs Abitur gelotst hatte; nun bekam er Kost und Wohnung, zwei Stübchen im Seitengebäude, mit dem Blick auf den Hühnerhof. Herr Doktor Löschwitz trug eine Art Respirator aus schwarzem Taft über der Nase befestigt, fast wie eine kleine Maske; darunter war etwas Schreckliches, das für Herrn Doktor Löschwitz den Tod bedeutete; man konnte es ahnen, denn die Entzündung hatte schon Wangen und Oberlippe ergriffen. Ali gewann es über sich, hinzusehen, er konnte ganz steinern werden, wenn er sich so Gewalt antat; aber Adallah wurde rot und blaß und senkte die Augen, sobald nur Doktor Löschwitzens Schritt im Flur ertönte. »Albrecht und Adelbert, gebt Herrn Doktor Löschwitz die Hand,« sagte Mama, die es gewiß fertig gebracht hätte, den armen Lazarus aus dem Gleichnis zu küssen. In aller Stille dachte Adallah, das Schicksal zu beschwören. Am Mittwoch schon überkam ihn das Grauen; er stand nachts auf, fröstelnd in seinem kurzen Hemd stand er auf der Diele und horchte auf die Turmuhr. Wenn er eine ganze Stunde reglos ausharrte und immer an das nämliche dachte, würde Doktor Löschwitz irgendeine kleine unschädliche Krankheit bekommen, so daß er morgen absagen mußte. Aber das Zaubermittel versagte, während es doch damals bei dem Kalbe so wunderbar geholfen hatte, und da hatte er doch um etwas viel Durchgreifenderes gebetet. Das Kalb hatte etwas mit dem Bein. Es lag stöhnend im Stroh, und Adallah hörte den Inspektor zum Knecht sagen, es solle den nächsten Morgen geschlachtet werden. Da hatte er denn die halbe Nacht auf der kalten Diele gekniet; und wirklich, es half, das Kalb war in der Nacht von selbst gestorben, ganz still. O lieber, lieber Gott, nein, aber du bist doch wirklich gut, dachte Adallah, als er's erfuhr; als müsse er Gott Abbitte leisten für voreilige, abfällige Urteile.
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Es war ein glühender, regenloser Sommer, wie es hier die Regel war, aber so wie dieses Jahr doch seit langer Zeit nicht. Schon im Mai hatte die Dürre eingesetzt, und jetzt war alles verbrannt. Das Akazienlaub hing gelb und tot von den Stengeln, die Linden waren auf der Windseite wie versengt. Alles schlich matt einher, der Inspektor wie ein schwarzes Gewölk. Papa, der, schon ganz elend von all den Hiobsposten, richtig auch seinen Nervenschmerz bekommen hatte, ging mit Kölnischwasser und einem Zerstäuber durch die Stuben und spritzte die Gardinen an. Tante Brunislawa sagte: »Gott, bester Thilo, wenn du doch Patience lernen würdest, das beruhigt und die Zeit geht so schön vorbei.« -- »Ja, und die Gehirnerweichung tritt ein,« knurrte Papa. Mama schwieg mit hochgezogenen Brauen, aber in der Schläfe ging der kleine Hammer.
Pastor Gordon hatte am Vormittag Unterricht gegeben: Kopfrechnen und Geographie und natürlich auch Religion; an Alis Horizont machte sich außerdem das Lateinische unangenehm bemerkbar.
Mama saß im Vorplatz, der mit Strohmatten, Korbmöbeln und undeutlichen Aquarellen an den Wänden als Gartensaal gedacht war; winters über standen hier auch die Oleander und Geranien in ihren grünen Kübeln. Sie half der Kleudchen beim Erbsenauspahlen; es war die höchste Zeit mit dem Einmachen, sie fingen schon an runzlig zu werden. Adallah hätte gern geholfen, er liebte derartige Beschäftigungen über die Maßen, der Küchenjunge im Märchen erregte stets seinen unverfälschten Neid; aber nun sollte er schon wieder hinaus, und nicht etwa in den Stall zum Gefleckten, das seit einigen Tagen wässerige Äugelchen geöffnet hatte und bedeutend klüger zu werden versprach als das Braune, sondern ans andere Ende vom Dorf, mit einem Paket für die alte Schröder, die doch bloß ächzte und krächzte und keine Ruhe ließ, bis man eins von ihren unappetitlichen Malzbonbons nahm. So trollte er mißvergnügt von dannen.
Die Erbsen fielen hart wie kleine Kugeln in die Schüssel. Mama blickte auf zum Gatten, der in einem Korbsessel lag und sich mit der schmalen, sensitiven van-Dyk-Hand ab und zu nervös durchs Haar fuhr, dies allzu krause Haar, das die Gerüchte, die über den Stammbaum seiner Großmutter umliefen, zu rechtfertigen schien.
»Gordon ist mit den Fortschritten der Kinder nicht recht zufrieden,« sagte sie.
»Gott, die armen Bengels« -- der Gatte zuckte übers ganze Gesicht, die Fliegen waren heute geradezu ekelhaft -- »bei dieser Hitze auch noch lernen! Und dann so langweilig, immer nur zu zweien, so 'ne Intensivkultur. In der Schule kann man sich doch mal durchschwindeln, und schließlich, wenn man kein absolutes Kamel ist, lernt man ja doch das Nötige. Eine Schule wäre viel besser für die Jungens.«
»Aber das läßt sich jetzt doch nicht einrichten, Thilo, wo's mit den Pferden so knapp ist -- allenfalls hinradeln könnten sie, aber zweimal des Tags all die Kilometer -- dazu sind sie doch noch sehr klein ...«
»Ach, so meine ich's nicht, das weißt du ganz gut; Kadettenhaus oder Ritterakademie, das ist das einzig wahre für ein paar ordentliche Jungens.«
»Die Erfahrungen, die du _damit_ gemacht hast, dürften doch wohl genügen.«
Der Gatte murmelte etwas, das wie »Duckmäuserei« klang, und die Kleudchen, die, obwohl ganz zur Familie gerechnet, genau wußte, wann sie lieber nicht gegenwärtig war, wollte taktvoll mit ihrer Erbsenschüssel verschwinden. Er flog ihr nach und öffnete mit gewohnter Ritterlichkeit die Türe für sie. Mit seinem etwas zu tief ausgehöhltem Kreuz und der geschmeidigen Gebärde erinnerte er an jene tadellos ajustierten Bereiter, die im Zirkus zu beiden Seiten des Eingangs stehen und der lächelnden Dame im Flitterröckchen mit federnder Eleganz aufs Pferd helfen, die Reitgerte überreichen ...
Seine Frau blinzelte an ihm vorbei, auf die hellgetünchte Wand gegenüber: »Ich glaube nicht, daß Kinder, deren Selbstbeherrschung täglich geübt wird, zu Duckmäusern werden,« sagte sie. »Mein Blut neigt überhaupt nicht dazu.« Ihre Stimme bebte, aber sie sammelte ruhig die leeren Schoten in ihrem Schoß zusammen und legte sie in den Korb. Dann band sie ihre große Hausschürze ab und begann sie zu falten: »Ich habe von Anfang an auf Abhärtung, auch in Gefühlssachen, geachtet. Du hast dich nie gefragt, ob mich das nicht selber hart ankam. Aber es erschien mir das wichtigste, viel wichtiger als alles, was man aus Büchern lernt. Überhaupt meine ich, wie einer lernt, ist mehr wert, als was einer lernt. Jedenfalls bild' ich's mir ein, und darum muß ich danach handeln. Sonst verlange ich nichts für die Kinder. Es sind gute Jungens, nicht unbegabt, aber nichts Außergewöhnliches. Vielleicht wären sie besser dran, wenn sie Holzpantinen trügen, und so mancher Firlefanz, der ihnen einmal noch das Herz schwer machen wird, träte gar nicht erst an sie heran.«
Sie war aufgestanden und hatte vor sich niedergesehen, mechanisch die Schürze immer schmaler zusammenlegend; nun blickte sie auf; ihre Augen waren warmdunkel geworden und der Klang der Stimme paßte zu den Augen: »Eins aber,« sagte sie, »sollen die Kinder haben, ihr Leben soll auf klarer Bahn beginnen, sie sollen mit harten Sehnen losgehen und an Wahrheit gewöhnt sein; damit, wenn je die Stunde für sie käme, wo es schwer ist, sich zur Wahrheit zu bekennen, sie auch dann ... nicht anders könnten. Was sie an Hindernissen auf ihrem Weg finden werden, das verfügt unser Herr und Gott, was von außen kommt, liegt nicht in unserer Macht. Wir können nur den Willen bereiten. Das müssen wir. Denn ich meine, das _ganz_ Furchtbare, das, was nicht heil zu machen geht, ist, wenn der Hahn kräht und einer einsieht, daß er seinen Mann nicht gestanden hat. Erkennen, was die Hauptsache ist und was die Nebendinge sind, ja, wer das hat, was kann ihm schaden, wer kann ihn besiegen? ...«
Dem Gatten waren solche Aussprachen -- die meistens als Monologe verliefen --, wenn seine Frau ihr Veledagesicht aufsetzte und das Gesetz verkündete, geradezu fürchterlich. Es fiel ihm ja gar nicht ein, gegen ihren Wunsch Entscheidungen zu treffen; man konnte aber doch wohl seine Ansicht sagen. Zum Glück kamen derartige Explosionen selten vor; für gewöhnlich war Gerta sehr zurückhaltend. Aber er fühlte immer etwas durch: Mißtrauen von vornherein und einen kindischen Eigensinn in Dingen, über die er kein Wort verlor. Gouvernantenhaft, das drückte es am besten aus. Seit der albernen Freundschaft mit den überspannten Livländerinnen wurde es immer ärger. Er war gewiß für Religion; mein Gott, wohin geriet man auch sonst, schon allein der unteren Klassen halber war sie ganz unentbehrlich. Und eine Frau ohne Religion war ja ganz wider die Natur. Aber diese Hyperfrommen hatten etwas direkt Aufwieglerisches an sich -- sie konnten reden wie die rötesten Sozialdemokraten, geradezu bedenklich; und taktlos waren sie auch alle, weil in ihren Augen der höhere Zweck die ärgsten moralischen Anrempeleien rechtfertigte -- ja, sogar wenn sie schwiegen, brachten sie's fertig, rechthaberisch zu sein.