Part 11
Alte Städtchen, an Bergen gelegen, haben in ihren Ausläufern halbländliche Wege und Gassen, die die Kirche, den Markt und die Schule mit den bäuerlichen Anwesen, den Wiesen und Äckern verbinden. Durch solche Wege kam ich herunter, im Nebel, an Werkstätten und Holzplätzen und fließenden Brünnchen vorüber, die in diesem quellenreichen Land durch eiserne Schlangenköpfchen in verwitterte Tröge rauschen, eiskalt mit einem Moosgeschmack vom Walde her. »Hähnchen und Hühnchen wollten zusammen auf den Nußberg« -- so geht das Märchen an, das unvergeßliche; und durch solche Wege und Gäßchen sind Hähnchen und Hühnchen gewiß auch gekommen. Die Laternen schimmerten dunstig, Gaslaternen, die ein buckliges Männchen anzündete. Kleine, altväterische Häuser standen hinter Holzstaketen; in den niederen Stuben, hinter Geranien und Fuchsien kam Licht durch die Scheiben; nun saßen drin die Menschen beim Kartoffelsalat und tranken gelben Landwein aus dicken, grünlichen Gläsern dazu. Auch unsere Waschfrau wohnte da; in ihrer geblümten Kattunjacke, die Brille auf der Nase, wie eine kleine, aufmerksame Eule, stand sie und bügelte bei der himmelblauen Lampe. Ihr Kätzchen kam aus dem Gebüsch und lief eine Weile vor mir her mit kleinen, lockenden Turteltaubentönen. Alles war so heimlich, so lockend, die goldenen Ritzen in den Läden, der Schein, der über die Schwellen glitt, Laternen an Gartentoren, wo hohe Bäume Unverständliches rauschten, und die Stimme des Kätzchens, das sich im Dunkeln an mir rieb, sobald ich stille stand; alles, als müßt es mir etwas sagen.
Weiter unten, wo die reichen Leute wohnen, wird gebaut und eingerissen; wo einst Wiesen waren mit großen Margueriten und Zittergras und alle Gräben voll himmlischen Vergißmeinnichts, da steht jetzt Haus an Haus, die Häuser groß und die Gärten klein ... früher war's umgekehrt. Und so vieles fand ich nicht mehr. Feine, einstöckige Häuser mit geschweiften, silbernen Schieferdächern, nach der Straße waren Mauern, von Efeu überhangen, aber dahinter wußte man -- da war ein alter Garten, voll Platanen und rauschender Silberpappeln und Azaleengebüsch, die Wege ganz vermoost, und braune Schnecken krochen drüber hin -- =la limace -- le limaçon= lernte ich, die eine hat ein Schneckenhaus und die andere nicht -- ja, wo ist das alles hin? Muttergotteshäuschen mit Bänken, damit die armen Frauen ihre Körbe absetzen und ein wenig verschnaufen konnten ... Da war auch sonst ein kleiner, schattiger Friedhof; nicht der berühmte alte am Berghang, nein, ein ganz kleiner, noch älterer, abseits, im Tal; im Frühling voll Jasminduft und Finkengesang, im Herbst rostbraun vom Blätterfall und von zutraulichen Amseln bevölkert, der gab Kunde von denen, die von hier nicht mehr heimgekehrt sind. Hier lagen sie aus aller Herren Ländern, sogar unter russischen Kreuzen mit ihren Schrägbalken und unverständlichen Inschriften; aber manchmal waren sie ins Französische übersetzt und kündeten, daß da ein =Chevalier de l'Ordre de Saint André= von seinem hoffentlich verdienstvollen Leben ausruhte, oder ein armer junger Dmitri, eine sanfte Hélène, =ravie à ses parents inconsolables à l'âge de dixneuf ans=, sich hier zu Tode gehustet hatten. Denn Davos und Arosa waren damals noch nicht erfunden, und aus weiter Ferne kamen sie angereist, denen der Tod seine Rosen auf die Wangen geküßt hatte, und mußten dableiben, weil ihre Kraft sie verließ. »=Sacred to the memory of Anne, the dearly beloved wife ... aged twentytwo ...=« Eine schöne, breitschulterige Muttergottes, die einen rechten Königsmantel von Efeu trug, hütete den Eingang und sagte: Fürchtet Euch nicht. Kinder spielten zwischen den Gräbern, alte Großmütter saßen dort und strickten ... Ja, das ist nun verschwunden und vieles ist neu und fremd geworden, und es ist wie mit geliebten Menschen, die sich verändert haben; man liebt sie noch -- ach Gott, Liebe hat ja wohl auch neun Leben wie die Katzen -- aber man wird ihrer nicht mehr froh.
Aber droben am Waldrand ist noch vieles geblieben wie es war; es riecht wie damals nach Erde und Moos und schwelendem Kartoffelkraut, und der Umriß der Hügel ist derselbe, über denen die Sterne stehen, so altbekannt -- die ewig geheimnisvolle, goldene Schrift ... Die Augen füllen sich mit Tränen, seid ihr's, bist du's? Und man wittert in die Luft wie ein Jagdhund, der den Dunst seines Herrn erkennt. Die Karren kehren heim aus dem Wald, mit Laubstreu hochbeladen, all das Laub, das im Frühling seine spitzen, seidigen Knospen aufgetan, mit dem Wind gestichelt hatte, dankbar der Sonne, dem Leben. Nun ist es vermodert und wird die Erde düngen, wird geben, nachdem es genommen.
Mütterchen Heimat, sanft gehst du um mit deinen Kindern. Hier ist Laubstreu für deine Erde!
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Seite 36: "," eingefügt (die Welt gewiß nicht gewinnen, aber um ihre Seele sorgte)
Seite 58: "deratige" geändert in "derartige" (er liebte derartige Beschäftigungen über die Maßen)
Seite 59: "Intensivkul ur" geändert in "Intensivkultur" (immer nur zu zweien, so 'ne Intensivkultur)
Seite 94: "«," geändert in ",«" (»Der Arme,« sagte sie)
Seite 112: "«," geändert in ",«" (»Nun wollen wir uns einwintern,« sagte Tante.)
Seite 114: "«," geändert in ",«" (,« sagte Madame Benoît mit Grabesstimme)
Seite 130: "in" geändert in "ein" (das eigentlich Unkorrekte durch ein gewisses Dekorum)
Seite 136: Absatz eingefügt vor "»Wie" (»Wie ging das zu?« frug der Prinz)
Seite 140: "," hinter "nein, nein" eingefügt (»Ach nein, nein,« sagte sie)
Seite 155: "." entfernt hinter "Mond" (heraufstarrten zum Mond wie Seelen)
Seite 155: ".." geändert in "..." (mehr erhellen kann ... dort ging die Frau)
Seite 168: "dielen" geändert in "diesen" (aus diesen Produkten des =ancien régime= hoffte er)
Seite 178: "," eingefügt (die Kinder gehören der Mutter, doch nur so lange)
Seite 183: "gänglich" geändert in "gänzlich" (Sie sind hier gänzlich deplaciert)
Seite 197: "," hinter "dem" entfernt (dankbar der Sonne, dem Leben)
Seite 197: "," eingefügt (und wird die Erde düngen,) ]