Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 4-6

Part 4

Chapter 43,449 wordsPublic domain

Als ich am 11. Juni höchst erwartungsvoll zu Turmfalkens aufstieg, gab es zunächst einen starken Schreck und meine alte, wohlbegründete Vorstellung von Turmfalkens Verhalten gegenüber ihrer befiederten Mitwelt erhielt einen neuen Stoß. Auf der inneren Ecke des Sockels der zweiten Säule stand Frau Turmfalk und zerfleischte einen kleinen Vogel. Nur ein paar Augenblicke zögerte ich – dann trat ich näher, die Alte verscheuchend. Und nun sah ich auf der erwähnten Ecke die Reste von _drei_ Vögeln liegen! Es waren nur noch die hintersten Rumpfteile und die Beine übrig. Konturfedern fehlten vollständig, so daß an ein Erkennen der Arten aus der Ferne nicht zu denken war. Ich gestehe, daß mir in diesem Augenblicke wenig daran gelegen war; dagegen trieb mich ein aufkommender Gedanke dazu, nachzusehen, was während meiner Abwesenheit vermutlich im Neste geschehen war; und richtig: Es waren zwei Junge ausgekommen, das zweite wahrscheinlich erst kurz vor meinem Eintreffen, da noch die Eischale im Neste lag, die gewöhnlich kurz nach dem Auskriechen der Jungen von den Alten vorsichtshalber aus dem Nest entfernt wird. Die beiden Jungen verlangten heftig, wenn auch mit recht schwacher und heiserer Stimme nach Nahrung, und das bot mir zugleich die Erklärung für die unerhörten Mordtaten der Eltern! Sie wurzelten in der Fürsorge der Alten um die Jungen, deren Hunger zu stillen, oder kurz, deren Erhaltung auch bei den Vögeln ein so starker Naturtrieb ist, daß sie selbst vor dem Schlimmsten nicht zurückschrecken. Ich erwog ferner, daß die so überaus ungünstige kalte und nasse Witterung unter den sonst in Überzahl auftretenden Feldmäusen sehr stark aufgeräumt hatte, daß der oft fette und hohe Stand der Wiesen und Felder die wenigen Feldmäuse ebenso barg wie die Käfer usw., die gleichfalls gern von Turmfalkens verspeist werden. Ja, ich dachte auch daran, daß es gerade jetzt einem Bruchteil des deutschen Volkes ähnlich erging wie Turmfalkens, indem er lediglich aus drückender Not Diebstähle oder vielleicht noch Schlimmeres begeht, um das eigene Leben und das der Kinder zu retten! – Nachdem ich mich auf diese Weise selbst etwas beruhigt hatte, widmete ich meine Aufmerksamkeit den beiden neuen Ankömmlingen, natürlich mit Hilfe des Spiegels. Sie trugen zunächst nur ein schneeweißes Hemdchen, das aus sehr zarten Flaumfedern bestand, von denen die verhältnismäßig großen schwarzen Augen des einen Nestlings auffallend abstachen, während die des andern noch geschlossen waren. Hilflos lagen die Kleinen im Nest neben den übrigen drei Eiern, dazu tobte ein sehr kalter Sturmwind durch das offene »Kinderzimmer«, so daß ich die Rückkehr der fürsorglichen, schützenden und wärmenden Alten nicht länger verzögern wollte und eiligst wegging.

Zwei Tage später fiel mein erster Blick auf einen auf der bewußten Ecke liegenden, wiederum fast aufgezehrten Vogel; es war allem Anschein nach eine Lerche. Im Nest dagegen gewahrte ich einen dritten Nachkommen. Die zarten, fast tonlosen Stimmen klangen mir wie gjeg und gjej.

Am Sonnabend, dem 16. Juni, fand ich kein Beutetier vor, dafür aber lagen auf dem Boden von Turmfalkens Wohn- beziehungsweise Kinderzimmer zahlreiche Federn, von denen der Sturm mir einige zutrieb. Es waren die Schwanzfedern eines Grünfinken, der sicherlich kurz vorher von den Jungen verspeist worden war. Ihre Zahl war auf vier gestiegen, während das fünfte Ei noch keinerlei Veränderung zeigte.

Montag, den 18. Juni, traf ich zum ersten Male Herrn Turmfalk, der eine graublaue Kopfbedeckung trug, bei seinen Kindern an. Auf der mehrfach erwähnten Sockelecke, die entschieden die Rolle eines Anrichtetisches spielte, lag endlich einmal eine Maus, und zwar eine Waldwühlmaus. Es war ein schönes Stück mit braunrotem Pelz, aber ohne Kopf, der wie mit einem Messer abgeschnitten zu sein schien. Sonst war an dem Tiere nichts geschehen. Das Kleid der jungen Turmfalken war noch schön weiß, der Schnabel ganz hell, die Wachshaut gelb, die Augenlider heugrünlich. Der Hunger schien, dem andauernden Schreien nach, sehr groß zu sein. Es dauerte auch nicht lange, da kam der Alte, der kurz nach meiner Ankunft unter zahlreichen ki...-Rufen (~a~₃–~h~₃) abgestrichen war, zurück, und zwar mit den Resten eines Vogels. Ich hörte noch einige leise gjij und gjäj des Alten; von der Fütterung konnte ich leider nichts sehen. Einige Zeit danach saß das Elternpaar wieder drüben an der bekannten Stelle des Kreuzturms.

Bei meinem nächsten Besuch am 21. Juni traf ich Frau Turmfalk beim Füttern ihrer Jungen an, die schon lebhaft auf sie einstürmten, obgleich sie auf den Beinen noch sehr schwach waren. Vorsichtig gab die Mutter einem jeden die Bissen unter Kreuzung der Schnäbel in die weit aufgesperrten Rachen. Was verfüttert wurde, konnte ich aus meinem Versteck jedoch nicht erkennen. Nach der Fütterung deckte die Alte das junge Volk wieder mit ihrem wärmenden Körper zu, was bei der naßkalten Witterung sehr nötig war. Leider wurde die Alte nach einiger Zeit meiner ansichtig und strich ab, wobei sie jedoch nicht mehr so erregt war wie früher; erst vom Kreuzturm her drangen ein paar ki...-Reihen und wriiii-Rufe an mein Ohr. Auf dem »Anrichtetisch« lag wieder das letzte Überbleibsel eines kleinen Vogels. Dann trat natürlich der Spiegel in Tätigkeit, und da entdeckte ich sofort, daß außer dem Ei nur noch _drei_ junge Turmfalken da waren! Wohin das vierte Junge gekommen war, blieb rätselhaft. Es gab wohl nur zwei Möglichkeiten: entweder war es krank gewesen beziehungsweise verendet und die Alten hatten es dann beseitigt, oder es war, vielleicht als das Jüngste und Schwächste, von den Dohlen, die sich gerade in jenen Tagen viel um den Rathausturm herumtrieben, geraubt worden. Die übrigen drei Kleinen hatten schon wieder Fortschritte gemacht; besonders das eine – wahrscheinlich älteste – sah schon andauernd sehr gespannt zu mir herauf: in dem kleinen Vogelköpfchen war das Bewußtsein beziehungsweise das Erkenntnisvermögen erwacht und der Geist begann seine Tätigkeit.

Am 25. Juni war wiederum der Vater am Nest. Es beteiligten sich also – wie es sich gehört – beide Eltern an der Aufzucht der Kinder. Von Beute war nichts zu sehen. Die immer grauer gewordenen Flaumfedern waren ebenso wie der ganze Körper stark gewachsen. Vom späteren Obergewand, den sogenannten Konturfedern, ragten nur die Schwanzfedern etwas hervor und zeigten bereits die breite schwarze Binde vor dem schmalen sehr hellen, aber nicht weißen Endsaum. Da das letzte Ei immer noch nicht ausgebrütet war und es außerhalb des Nestes lag, fischte ich es mittels eines an einem langen Stabe befestigten kleinen Pappkästchens, wie sie zum Aufbewahren von kleinen Filmrollen dienen, heraus. Es zeigte keine Spur der Bebrütung. Eiweiß und Dotter waren noch tadellos erhalten und völlig geruchlos; es war also ein sogenanntes Windei, das seinerzeit nicht befruchtet worden war. Die Länge betrug 4,0 Zentimeter, die Breite 3,2 Zentimeter.

Interessant war das Verhalten der jungen Vögel, über die ich weglangen mußte. Sie suchten den Eindringling abzuwehren, indem sie die Schnäbel so weit wie möglich aufsperrten und fauchende Geräusche hören ließen. Ja, sie lehnten sich sogar stark rückwärts und arbeiteten mit hackenden Bewegungen des scharfen Schnabels und mit rasch sich folgendem blitzartigen Vorschnellen der krallenbewaffneten Beine gegen den vermeintlichen Feind. Ich gestehe, daß ich glücklich war, nicht mit der Hand in die Nähe der Jungen gekommen zu sein; sie hätte sicher ein paar tüchtige »Treffer« erhalten. Nachdem die kleine Gesellschaft sich etwas beruhigt hatte, wagte ich eine Aufnahme mittels einer mir freundlichst zur Verfügung gestellten »Icarette« (6×6). Es geschah auf gut Glück, da einmal eine sehr freihändige Augenblicksaufnahme nötig und dabei ein sicheres Einstellen in bezug auf Richtung und Entfernung kaum möglich war. Dazu hing der Himmel voll schwerer, dunkler Wolken. (Siehe Abb. 1.)

Von den späteren Besuchen, bei denen ich die Jungen in der Regel allein antraf, so daß ich nicht mehr in dem Maße störte wie früher, sei nur noch einiges erwähnt. Am 2. Juli hatte die Natur an dem Hauptkleide schon wieder weiter gearbeitet. Die Schwung-, Eckflügel- und Schulterfedern ragten schon stark aus dem Daunenkleide heraus, nur ihr unterer Teil steckte noch in der Scheide. Während ich den photographischen Apparat zur neuen Aufnahme vorbereitete, kam die Alte und fütterte. Mit der nötigen Zurückhaltung konnte ich wieder schön beobachten, ohne jedoch die Art der Nahrung selbst feststellen zu können. Die Jungen ließen dabei ihre Stimme reichlich hören, die früheren kjej und kjij waren zu kiiiiije geworden (mit etwas sirrender tonlicher Beigabe). Der Apparat erregte später die gespannteste Aufmerksamkeit der Jungen. Sie reckten erstaunt die Hälse und nahmen teilweise auch sofort die bereits erwähnte Verteidigungsstellung ein, doch hatten sie sich in dem Augenblick, in dem ich den Apparat in die richtige Stellung gebracht zu haben glaubte, schon wieder etwas beruhigt. (Leider ist die Aufnahme infolge des sehr trüben, regnerischen Wetters mißlungen.) Am 4. Juli erhielt mein Besuch eine sehr schmerzliche Einleitung. Als ich am Fuße des Turms kurze Zeit wartete, bemerkte ich in einer Ecke des Hofs einen toten jungen Turmfalken, der sicherlich abgestürzt war. Tatsächlich traf ich oben nur noch zwei Jungvögel an, welche je auf einer inneren erhöhten Ecke der Säulensockel saßen. Der dritte mochte wohl eine äußere Ecke erklommen haben und vielleicht beim Herabspringen über den Rand hinabgestolpert sein, waren doch die Jungen auf den Beinen noch sehr unsicher, und irgend etwas zum Anklammern war nicht vorhanden. Auf ihrem erhöhten Sitze konnte ich die zwei Jungvögel durch den gegenüberliegenden Spalt recht gut beobachten. Neue, in der Hauptsache rotbraune Federn waren zum Beispiel auf dem Oberrücken durchgekommen und auf der Unterseite verlief je ein ganz schmaler Federstreifen neben der Mittellinie und von den Seiten des Halses nach den Weichen. Kopf und Unterrücken, Bürzel, Oberschenkel und fast die ganze Unterseite waren ebenso wie die Flügelhäute noch von dichten und auffallend großen Flaumfedern bedeckt, die den Vögeln ein verhältnismäßig recht struppiges Aussehen gaben. Die so sehr starke Entwicklung des Daunenkleides dürfte mit der überaus kalten und nassen Witterung in Verbindung stehen, ist doch die diesjährige Junidurchschnittstemperatur um 4,21° hinter der des Vorjahres zurückgeblieben![3] Ein bescheidener Annäherungsversuch meinerseits ließ besonders den einen fauchenden Jungvogel die schon oben geschilderte Verteidigungsstellung einnehmen und dazu sehr energische wriiiii-, wriiiii-Rufe ausstoßen. Also auch die Stimme hatte Fortschritte gemacht!

Hiernach sammelte ich noch ein paar zum Teil ältere Gewölle, die sich durch ihre Größe als von den Eltern herrührend erwiesen. Sie enthielten neben Mäusehaaren wieder einige Knochenreste, darunter besonders einige Oberschnäbel (~Os intermaxillare~) von Kleinvögeln, sowie spärliche chitinöse Überbleibsel von einem Lauf- und einem Mistkäfer.

Am 9. Juli war das Oberkleid der beiden Jungen so weit fertig, daß das graue Hemd nur noch an einer Stelle – nämlich am Unterrücken – heraussah. Nicht ohne Mühe konnte ich ein paar Unterschiede in der Kleidung der Jungen feststellen. Bei dem einen war auf dem Schwanz ein bläulicherer Schein sichtbar als beim andern. Außerdem zeigten seine Wangen einen vom vorderen unteren Augenrand hinter dem Schnabelwinkel schräg nach unten und hinten verlaufenden schwarzen Streifen, der bei dem andern Jungvogel weniger hervortrat. Im übrigen trugen die beiden Geschwister die gleiche Kleidung, und zwar eine ganz ähnliche wie ihre Mutter, wobei daran erinnert sei, daß auch bei uns Menschen die kleinen Knaben oft mädchenhafte Kleider tragen. Sehr interessant war der Charakterunterschied der beiden Jungen. Während das eine sich mehr oder weniger gleichgültig, ja stumpf verhielt, war das andre sehr leicht erregbar; es setzte sich beim geringsten Anlaß zur Wehr und fauchte, als ob es schon ans Leben ginge. Eine photographische Aufnahme ließ es sich dagegen, obschon unter gespanntester Aufmerksamkeit, ruhig gefallen. (Siehe Abb. 2.)

Weitere Beobachtungen verschob ich auf einen späteren Tag, da ich fürchtete, durch allzu starke Beunruhigung die Jungen zu einem zu zeitigen Abflug zu veranlassen, der einen tödlichen Absturz zur Folge haben könnte. Doch hatte ich die Rechnung ohne die beiden Jungen gemacht; denn als ich wiederkam, war das eine schon ausgeflogen und das andre schien auch nicht mehr lange daheim bleiben zu wollen. Ohne daß ich ihm zu nahe getreten wäre, begab es sich bald nach einer vorspringenden Ecke eines der Säulensockel, wohin ich ihm nicht einmal mittels des Spiegels folgen konnte.

So setzte es meinen Beobachtungen ein Ziel und es wäre eigentlich nichts weiter zu berichten, wenn der fast völlig erwachsene letzte Sproß von Turmfalkens mir nicht noch ein paar ansteigende dsiririririririri wie zum Abschied zugerufen hätte, als wolle er damit zugleich kundtun, daß er nunmehr die Sprache seiner Eltern völlig beherrsche und fähig sei, an ihrer Seite ins Leben hinauszutreten.

In der Tat hatte er bei meinem letzten Besuch den ersten Schritt in die weite Welt gewagt. Er saß drüben allein auf dem Kreuzturm an einer andern Stelle, als die Eltern für gewöhnlich einzunehmen pflegten. Diese waren wahrscheinlich mit dem andern Jungen auf die Jagd nach dem täglichen Fleisch weit über das Weichbild der Stadt hinausgeflogen, wohin unser Nesthäkchen noch nicht zu folgen wagte.

Mir blieb sonach nichts weiter übrig, als der verlassenen Wohnung von Turmfalkens einige Blicke zu widmen und ein paar herumliegende Gewölle der Jungen zu sammeln. Das erstere machte keine Freude: Der Boden und die Wände waren in einer fürchterlichen Weise beschmutzt. Ich fand keinen Vergleich; nur französische Kulturvertreter sollen stellenweise an der Ruhr in ähnlicher Weise »gehaust« haben! Regen, Wind und Schnee werden hoffentlich das ihrige tun, um Turmfalkens Wohnung bis zum nächsten Frühjahr wieder in den Stand zu setzen. Die Gewölle bestanden zu meiner Freude fast durchweg aus Haaren der Feldmaus, was wahrscheinlich mit der für die Jagd derselben günstiger gewordenen Witterung zusammenhing. Nur in dem einen fand sich ein Zwischenkiefer eines sehr kleinen Vogels. Mit diesem Befund stimmte überein, daß ich bei meinen letzten Besuchen bei Turmfalkens auf dem Anrichte- beziehungsweise Vorratstische nur je eine tote Feldmaus hatte liegen sehen.

Zum Schluß noch eine Bemerkung: Viel Glück und Freude haben ja Turmfalkens mit ihren Kindern nicht gehabt. Das eine wird totgeboren, das andre ist schwächlich und stirbt oder wird gar geraubt und das dritte stürzt tödlich verunglückend ab, so daß von fünf Kindern nur die kleinere Hälfte am Leben bleibt! Doch wollen wir uns trösten. Wie bei uns Menschen die Natur immer wieder ausgleichend wirkt, wenn nicht die verruchte menschliche Entsittlichung dazwischen tritt, so gibt es auch bei den Vögeln viele Fälle, wo die an sich zahlreiche Nachkommenschaft durch alle Unbilden und Fährnisse der ersten Zeit glücklich hindurchkommt, so daß trotz mancher störender Vorkommnisse die Erhaltung der Art dauernd gewährleistet bleibt. Möge unsre Turmfalkenfamilie alle Nöte des Winters glücklich überstehen, so daß sie wenigstens in einem Paare zu der alten Wohnstätte auf dem Dresdner Rathausturm zurückkehren kann; möchten aber auch die allgemeinen Witterungsverhältnisse des nächsten Jahres derart sein, daß Turmfalkens nicht nötig haben, ihren Speisezettel noch einmal in bedenklicher Weise abzuändern![4]

Fußnoten:

[2] Nachdruck nur mit Einwilligung des Verfassers gestattet.

[3] Nach Berechnungen des Statistischen Amtes waren die in Betracht kommenden Temperaturen 1922: 16,52° und 1923: 12,31°.

[4] Nicht unterlassen möchte ich, auch an dieser Stelle der Hausverwaltung des Rathauses für das freundliche Entgegenkommen und die Erleichterungen meiner Beobachtungen auf dem Rathausturm meinen besten Dank auszusprechen.

Die kursächsischen Postmeilensäulen

Erster Nachtrag mit vier Aufnahmen des Verfassers von ~Dr.~ _Kuhfahl_, Dresden-A 1

Das Postwesen Augusts des Starken, das ich samt seinen steinernen Überresten vor Jahresfrist zu schildern versuchte (Heft 4 bis 6, 1922), hat in heimatliebenden Kreisen augenscheinlich großes Interesse erregt, so daß mir in vielen Dutzenden von Zuschriften eine Menge von Ergänzungen aus allen Teilen des einstigen kursächsischen Staatsgebiets zugegangen sind.

Bekanntlich liegen die Anfänge eines geordneten Postverkehrs jetzt zweihundert Jahre zurück. Gegenüber andren unklaren geschichtlichen Vorgängen zählt diese Frage also zu den jüngsten, und man kann angesichts ihres geringen Alters wohl gar nicht einmal von einer wirklichen Erforschung der steinernen Postmeilenzeichen sprechen. Obendrein sind wir durch die aktenmäßigen Unterlagen, die uns bis auf wenige Ausnahmen erhalten blieben, über die Absichten und die Maßnahmen Augusts des Starken und seines Landesgeometers Zürner seit 1722 bis in die Einzelheiten genau unterrichtet, so daß sich eine geschichtliche Darstellung des ganzen Unternehmens mit voller Sicherheit und Vollständigkeit geben läßt.

Tatsächlich liegen seit hundert Jahren auch bereits die verschiedensten Schilderungen vor, aber die praktische Seite der Sache ist bis heute lückenhaft geblieben, denn es fehlen bereits aus augusteischer Zeit urkundliche Belege oder andere Anhaltepunkte dafür, inwieweit die kurfürstlichen Befehle im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte wirklich in die Tat umgesetzt, d. h. wieviel und an welchen Punkten nun wirklich die verlangten Postmeilenzeichen errichtet worden sind.

Die dreiundachtzig Aktenhefte aus den Jahren 1722 ff., die heute in den Staatsarchiven von Dresden, Berlin und Magdeburg aufbewahrt werden, sind alphabetisch nach Städtenamen und Amtsbezirken geordnet. Einige Dutzend mögen verloren gegangen sein, denn es fehlen nicht allein die ersten drei Buchstaben, sondern auch viele Orte, die sicherlich schon damals mit dem Poststraßennetz in Beziehung gestanden haben oder in Wirklichkeit, wie Altenberg, Aue, Bärenstein, Bischofswerda, Krakau bei Königsbrück, Pegau usw., mit Distanzsäulen versehen worden sind.

Wenn es einerseits also verschiedene Städte mit Postsäulen gibt, deren Entfernungsangaben, Inschriftsentwürfe, Kostenanschläge oder dergleichen urkundlich nicht auf uns gekommen sind, so kann man anderseits freilich aus dem bloßen Vorhandensein eines Aktenfaszikels noch längst nicht mit Sicherheit darauf schließen, daß die städtische Distanzsäule oder die Reihe der Straßenzeichen nun auch tatsächlich in der anbefohlenen Weise errichtet worden sei, denn die kostspieligen Pläne des prunkliebenden Fürsten fanden bei den Untertanen eine ziemlich abfällige Kritik.

Während Zürner ursprünglich die Weisung hatte, in jeder Stadt vor jede Torausfahrt eine große _Wegsäule_ setzen zu lassen, auf der die Entfernungen der auslaufenden Straßen dutzendweise eingemeißelt werden sollten, mußte dieser Plan angesichts der ablehnenden Haltung sämtlicher einzelner Stadtverwaltungen stark eingeschränkt werden. Fast alle Aktenfaszikel enthalten nämlich einen ehrerbietigsten Protest des betreffenden Bürgermeisters, in dem die Leere des Stadtsäckels und die Armut der Bürgerschaft dargestellt und um Befreiung von der neuen Last gebeten wird. Der Bescheid des Kurfürsten geht dann nach Zürners eigenhändigem Entwurfe zumeist dahin, daß gnadenweise statt mehreren Torsäulen nur eine Marktsäule angeschafft oder daß in besonderen Fällen nur zwei bis drei der wichtigeren Tore besetzt werden sollten. Die meisten Aktenhefte schließen mit diesem Bescheid und nur selten finden sich Kostenanschläge, Steinmetz- und Maurerrechnungen, Fuhrlohnquittungen, Gesamtabrechnungen oder ähnliche Papiere, aus denen man auf die wirkliche Aufstellung der _Distanzsäulen_ in der Stadt schließen kann.

Auch über den Ausbau der _Meilenbezeichnung an den Poststraßen_ geben die Akten nur vereinzelt sichere Auskunft.

Interessante ausführliche _Baurechnungen_ und Aktengebühren enthält z. B. das Faszikel Frauenstein (XXXI. ~F~ 26 35547) über die drei Meilensäulenmodelle an den Straßen nach Dippoldiswalde und nach »Döplitz«. Wir finden da für Viertelmeilsäule Nr. 53 folgende Posten:

5 Th. 8 gl. Lohn für ¼ M Säule einschl. Maler und Bildhauer 4 gl. Ladtegeldt beim Aufladen im Steinbruch 2 gl. 4 ₰ Neubefestigung der Säule 9 gl. 3 eiserne Dübel 16 gl. Einmachen der Dübel 1 Th. 12 gl. Lohn an Maurermeister für Grund, beim Auf- und Abladen zugegen zu sein u. s. w. ––––––––-------- 9 Th. 22 gl. 4 ₰

In andren Akten werden vom Fiskus auch die Werkzeichnungen und Kupferstiche (vgl. Mitt. Abb. 1, S. 72, 1922) noch mit drei Groschen in Rechnung gesetzt und umfängliche Gebühren für die Aktenführung eingestellt.

Neben andern ausführlichen Abrechnungen liefern uns ferner die _Reiseberichte Zürners_ aus späteren Jahren manchen Beweis über Vorhandensein und Beschaffenheit der Straßenzeichen. 1724 wurde z. B. auf einer Revisionsfahrt Dresden–Dippoldiswalde–Frauenstein festgestellt: »Die Säulen 4 bis 10 wackeln. Schrift schlecht. Schlecht gestrichen.« Der Viertelmeilenstein mit der Zahl neun und dem Jahr 1723 ist heute inmitten Dippoldiswalde selbst aufgestellt und stammt zweifellos von einer Außenstrecke. Ein Ratsbericht vom 27. Juli 1725 erwähnt eine Distanzsäule vor dem Obertor und eine Viertel- und eine Halbmeilensäule auf der Dresdner und Gebirgischen Hauptlandstraße im Weichbild. Mit einer zweiten Distanzsäule vor dem Niedertor wird die Stadt durch Reskript vom 18. September 1725 jedoch nach vielen Verhandlungen verschont.

Ähnliche Berichte über Verfall, Zerstörung, Wiederaufrichtung und Vorhandensein der Straßensäulen finden wir zwar noch in mehreren Aktenstücken; ein Gesamtbild von der planmäßigen Besetzung der Poststraßen läßt sich aber daraus nicht entnehmen, so daß wir auch hier, ähnlich wie bei den Stadtsäulen, über den einstigen Bestand völlig im Unklaren bleiben.

Wenn man also heute nach zweihundert Jahren ein Verzeichnis der übriggebliebenen Postzeichen aus allen Teilen des Landes aufstellen will, so ist man trotz ihres geringen Alters doch genau wie bei einer wirklichen Altertumsforschung darauf angewiesen, allerwärts aufs Geratewohl zu suchen und zu fragen. Neben der Umschau in der Natur können Bilder, Reisebeschreibungen, Pressenotizen und Ansichtskarten vielleicht auf die richtige Spur leiten. So finden wir z. B. auf Aquarellbildern im Oschatzer Museum die beiden verschwundenen Distanzsäulen vor dem Spitaltore und vor der Gottesackerkirche oder auf einem Stadtbild von Nossen einen Halbmeilenstein am rechten Muldenufer abgebildet. Bei manchen persönlichen Mitteilungen ist zumeist Vorsicht geboten; so hatte ich ohne eigne Nachprüfung aus der Literatur zwei Distanzsäulen am Parktor von Schloß Lichtenwalde bei Chemnitz unter Nr. 22 und 23 meines Verzeichnisses von 1922 aufgenommen. Als ich sie nachträglich noch aufsuchen wollte, war nichts von ihnen zu sehen und der Schloßherr versicherte mir, daß auch nie eine solche Säule auf seinem Besitztum gestanden habe. Hier liegt wahrscheinlich eine Verwechslung mit den zwei Säulen am Moritzburger Schlosse vor; jene beiden Nummern sind also zu streichen.

Gleichfalls nicht zu finden ist die Viertelmeilenplatte Nr. 73 an der Wasserschänke bei Röhrsdorf. Nach Auskunft der Bewohner soll sie überhaupt nicht dort gestanden haben und ist infolgedessen ebenfalls im Verzeichnis zu tilgen.