Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 10-12

Part 8

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Wohl kann ein hoher Berg, ein tiefes Tal, ein großer See oder ein breiter Fluß einer begrenzten Gegend ein besonderes Gepräge geben, bestimmend aber wirkt auf den Charakter einer jeden Landschaft ihr Bestand an Bäumen. Sie sind es, die im Verein mit den Tages- und Jahreszeiten alle Stimmungs- und Empfindungswerte auslösen.

Ob sie, dicht aneinandergedrängt, als Wald die weiten Feld- und Wiesenfluren der Niederung ruhig umsäumen, im Gebirge das Schönheit suchende Auge über ihr wogendes Wipfelmeer hinauslocken in blau verdämmernde Fernen und uns erfüllen mit unstillbarer Wandersehnsucht, oder ob sie, aufgelöst in Gruppen und Reihen, das Dörflein liebevoll in ihren weichen Mantel betten und im stillen Wiesengrunde, gleich einer grünen Schlange, dem Bache das Geleite geben, immer und überall tritt die belebende und Schönheit gebende Kraft des Baumbestandes uns vor Augen.

Ganz besonders aber werden wir uns der hohen Schönheitswerte des Baumes bewußt, wenn ein im hohen Alter seinen Artcharakter ausgeprägt zur Schau tragender Einzelbaum die Landschaft beherrscht und zum Wahrzeichen einer weiten Gegend wird.

Und welch einen poesiedurchtränkten Zauber verleihen machtvolle Baumwipfel der bäuerlichen Siedlung. Ein Dorfkirchlein, umrauscht von einer alten Linde, ein Bauernhof, über dessen bemoostes Dach ein uralter Baum, wie ein treuer Hüter und Wächter, schirmend seine grüne Hülle breitet, sind mir immer der Inbegriff herzerfrischender ländlicher Schönheit gewesen. Und auch dann noch, wenn die Herbst- und Winterstürme seine Kraft gebrochen, wenn er tiefer und hohler rauscht und zur lebenszähen Ruine ward, wird jeder fühlende Mensch in Ehrfurcht vor ihm stehen und ahnungsvoll die Vergänglichkeit alles Irdischen erkennen.

Uralt ist die Liebe zum Baume in unserem Volke. Ein köstlicher Schatz von Erinnerungen an gute und böse Zeiten, ein unverwelklicher Kranz von Sagen und Märchen windet sich um jeden alten Baum, der wie ein mahnendes Symbol in den ruhelosen Zeitenstrom unserer Tage hineinragt. Viel könnte ich erzählen von manchen alten, in einem arbeitsreichen Leben krumm gewordenen Bauersmann und der Liebe zu seinem Baum. Oft habe ich im Schatten solcher Bäume gesessen und der Geschichte des Dorfes und Tales gelauscht. Manch biedrer Alte ist mir da zum lieben Freunde geworden. Hier im Banne alter Bäume wurde es mir zur Gewißheit, daß ihr hoher Wert sich nicht erschöpft in staunenden, bewundernden Betrachten. Ihr tiefer Einfluß spiegelt sich wieder in Herz und Gemüt eines jeden, dem eine alte Hauslinde das Wiegenlied gesungen. Er wird mir sagen, alte Bäume haben eine Seele.

Er wird’s verstehen, ihr fröhliches Rauschen an den hohen Tagen seines Lebens, und nur er wird aus dem leisen Raunen das heimliche Schluchzen heraushören, wenn einer vom Hofe hinausgetragen wird zur ewigen Ruhe.

Aber ich könnte auch berichten von manchem stolzen Baume, den Generationen seiner früheren Besitzer, als zur Familie gehörig, hegten und pflegten und der dann nur zu bald dem neuen Besitzer im Wege stand und als Feuerholz ein schnelles, unrühmliches Ende fand.

Wo ein altersgrauer Baum heute noch sein grünes Blätterdach zum Himmelsdome reckt, da sollte er jedem Menschen als ehrwürdiges Vermächtnis seiner Väter heilig sein. Unantastbar als Denkmal der uns alle nährenden Mutter Natur, unverletzlich als lebendes Ehrenmal seines Besitzers. So sollte es sein -- aber die Erfahrung lehrt’s oft anders.

Bei der Hast des Alltags, in den Sorgen der Gegenwart schwingt die uns aus Urväterzeiten vererbte Liebe zum Baume nur noch leise. In manchen Herzen ist sie ganz verklungen. Für viele hat der Baum keine Seele mehr. Er ist Handelsware geworden, Erzeuger hochwertigen Holzes. Ohne Not und ohne bleibende Werte zu hinterlassen, ist mancher knorrige Recke und stumme Zeuge vieler Menschenschicksale auf den Holzmarkt gewandert.

Aber sie muß wieder lebendig werden, die Liebe zum Baum. Ein jeder Bauernhof muß wieder seinen Baum haben. Darum wähle jeder, der die eigne Scholle bebaut, je nach Vermögen einen oder mehrere der ältesten und schönsten Bäume aus seinem Besitzstande, ganz gleich welcher Art, und weihe sie, als herrliche Zierde seiner Heimatflur. Das stille Gelöbnis aber, daß sie in treuer Hut wurzeln sollen im heimischen Grunde, bis unsere, nach ehernen, unerforschlichen Gesetzen bauende Allmutter Natur ihre Werke selber zerstört, wird seinen Namen laut und sichtbar künden auch den kommenden Geschlechtern.

Und wer keinen geeigneten Baum sein eigen nennt, der pflanze einen solchen. Ist’s nicht am Hause, dann am Feld- und Wiesenrande, oder an einem Grenzmale. Ist er auch jung an Jahren, er wächst heran im Laufe der Zeiten und knüpft enger und fester das unsichtbare Band, welches verbindet mit dem Heimatboden, auf dem wir geboren und der uns aufnehmen wird zum letzten Schlummer, dem Vergessen entgegen.

Nicht einer, der jetzt mit Recht bewunderten Baumriesen dankt sein hohes Alter dem Zufalle oder ist bisher übersehen worden, sondern ihre Erhaltung sicherte ein Name, eine bedeutsame Erinnerung oder ihr Standort als Grenz- und Markbäume. Vor allen aber wurden sie alt im Schutze der innigen Beziehungen zu ihren Besitzern.

Der Bestand an alten Bäumen ist ein Maßstab für die Geistes- und Herzenskultur eines Volkes. Deshalb sorge jeder, der auf heimischen Grunde die Früchte harter Arbeit ernten darf, daß unser Sachsenland nie arm werde an alten Bäumen.

Nur dann bleibt uns die Heimat ein Jungbrunnen, aus dem Glück und Zufriedenheit ins Herz sich ergießen, die reich machen in aller Lebensnot.

Bücherbesprechung

=Die Oberlausitzer Heimat.= -- Verlagsanstalt Görlitzer Nachr. u. Anz., Görlitz. Preis M. 5,--.

Der Kalender hat bereits seinen Ruf, darum nimmt man den diesjährigen stattlichen Band gleich froh und erwartungsvoll zur Hand. -- Landschaftsbilder an oft geradezu unaussprechlicher Innigkeit erfreuen da gleich zu Anfang den Beschauer. Sie begleiten das Kalendarium und stehen so bescheiden in ihrer Ecke. Der flüchtige Beschauer geht wohl gar über sie hinweg, aber ich meine, einen besseren Führer durch die Oberlausitz kann einer nicht leicht haben, als wenn er sich dem Schöpfer dieser entzückenden Zeichnungen anvertraut. Welch ein Zauber geht von diesen stillen Dörfern, von der blauen Bergkette aus; wie schweift der Blick hinaus über das weite Gesenke bei Dittelsdorf. Ein altes Schloß, ein paar Hütten von starren Föhren, und am stimmungsvollsten wohl das Jägerndörfel im Winternebel mit den steilen Rauchsäulen über den Dächern. Fürwahr, das ist Heimatkunst! Wir danken dem Künstler Bruno Lademann für seine Arbeit. -- Auch der unterhaltende Teil ist wieder trefflich zusammengestellt; eine Fülle des Wissenswerten aus der Lausitzer Geschichte dabei. Ich glaube wirklich, hierin ist der Oberlausitzer Kalender unübertroffen. Nur eins möchten wir zur Sprache bringen. Es ist in dem Kalender ein allerdings ganz reizender Aufsatz von Ottomar Enking enthalten, von einer kleinen Stadt zur Pfingstenzeit. Aber durch die Gassen dieser Stadt weht keine Lausitzer Luft -- es ist ein niederdeutsches Gemeinwesen, was da geschildert ist. Unsrer Meinung nach muß ein Heimatkalender auf strenge Bodenständigkeit halten, es wird ihm das sicher gedankt werden und die Herren Herausgeber der Oberlausitzer Heimat haben ja eine Fülle trefflicher Mitarbeiter aus dem eigenen Gau an der Hand. -- Möge das schöne Heft die wohlverdiente Verbreitung finden.

G. P.

=Ludwig Richter als Radierer.= Von _Walther Hoffmann_. Mit 51 Bildern, Berlin 1921. Dietrich Reimer (Ernst Voßen). M. 35.--.

»Ein neuer Ludwig Richter!« Mit dieser Anpreisung legt der Herausgeber den Bilderband in unsere Hände. Und in der Tat bedeutet dieses Buch für viele etwas Neues, auch wenn sie Ludwig Richter aus einzelnen Radierungen schon kennen, die er zumeist nach eigenen Gemälden für den Kunstverein geschaffen hat, wie beispielsweise seine Genoveva, die Christnacht und den Rübezahl. Vielleicht erinnert sich auch mancher noch an das und jenes anspruchslose Landschaftsblättchen aus der Frühzeit seines Schaffens, das handgetönt in den gefühlsdurchtränkten Freundschaftsstammbüchern der Biedermeierzeit sich findet oder im schmalen Goldrähmchen über dem Sofa in Großmutters guter Kirschbaumstube hing. Im übrigen weiß man recht wenig vom »Radierer« Ludwig Richter. -- Die Neuerscheinung füllt somit eine schon oft empfundene Lücke aus. Aus den bei _Hoff_ verzeichneten 240 und den durch _Singer_ und besonders _Budde_ noch 26 neu entdeckten Blättern hat Walther Hoffmann 51 ausgewählt. Sie sollen unsers Meisters Kunstschaffen in der Entwicklung darstellen. Vom ersten unbeholfenen Landschaftsstich des Vierzehnjährigen bis hin zu jenem letzten Kabinettstück seiner Kunst, das Ludwig Richter als ein altersmüder Greis im Jahre 1866 für seinen Freund Cichorius radierte, sind alle Phasen der allmählichen Vervollkommnung vertreten. -- In Hinsicht auf die Auswahl kann man gewiß vereinzelt anderer Meinung sein. Insonderheit hätte der Heimatfreund die Göttin von Sais, ein paar der Übertragungen von fremden Werken und einige italienische Landschaften zugunsten anderer Blätter wohl entbehrt, die, wie die ruhende Familie, das Bild zum Schlaflied Tiecks, der Schnitzelmann und selbst die so bescheidenen »An- und Aussichten« die deutsche Heimat uns zum Herzen sprechen lassen. Gerade nach dieser Seite hin kann Ludwig Richter nicht genug im deutschen Volk verbreitet werden. Er ist des Heimatschutzes bester Vorkämpfer. Wo Ludwig Richter eine Heimstatt hat, lernt man die Heimat auch beseelen. Da wird die stille Heimatschönheit treu gehütet, weil man an Ludwig Richters Bildern der Heimat inneren Wert erkennen lernt. Darum hinein ins Volk mit unserm Ludwig Richter, die Heimat wird nur Vorteil davon haben! -- So sei das vorliegende Buch jedwedem Heimatfreund empfohlen und um so wärmer noch empfohlen, als Walther Hoffmann auch die beigebrachten Stiche in ansprechender Form erläutert. Die Ausstattung ist gleichfalls anerkennenswert. Mag dieses Buch recht viele Freunde finden!

_Kurt Melzer_, Dresden.

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt -- Druck: Lehmannsche Buchdruckerei Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.

Ein deutsches Weihnachtsspiel

»Im Stall zu Bethlehem«

In vier Aufzügen mit Text, Buntfiguren und Anleitung zum Bühnenbau

bearbeitet von =M. Brethfeld= und =Th. Göhl=

Verlag: =Landesverein Sächsischer Heimatschutz=

Dresden-A., Schießgasse 24

Preis M. 6.--

Bestellkarte in diesem Heft

=Im Stall zu Bethlehem= -- unter diesem Titel hat der Landesverein Sächsischer Heimatschutz ein deutsches Weihnachtsspiel für unsere Jugend herausgegeben, das freudiger Empfehlung würdig ist. Urheber sind die Pädagogen M. Brethfeld und Th. Göhl, denen es aus ihrer Erziehertätigkeit heraus entstanden ist. Die Jugend soll, soweit es möglich, das Krippenspiel selbst herstellen und selbst aufführen, und auch die Zuschauer sollen durch Vers und Volkslied zu Mithandelnden werden. Ein löblicher erzieherischer Grundsatz in einer Zeit, wo die Unterhaltung bedauerlicherweise sogar in Haus und Familie so oft von bezahlten Kräften besorgt wird, anstatt daß alle zu eigener Befriedigung mitwirken. Und noch eine zweite niederdrückende Erfahrung bewog die Herausgeber, dem Krippenspiel gerade die gewählte Form zu geben: die Erfahrung, daß unsere Jugend in Kino und Theater an Weihnachtsspiele gewöhnt wird, die an äußerem Aufwand immer reicher werden, die uns aber immer weiter wegführen von den wahren Quellen innerer Volkskraft, immer weiter weg von Einfachheit, Wahrhaftigkeit und schlichter Innerlichkeit. Sogar der Christbaum ist der gedankenlosen äußeren Bereicherung und inneren Verarmung verfallen. Durch ihr Krippenspiel wollen die Herausgeber mit den Mitteln einer natürlichen und schlichten Volks- und Kinderkunst mithelfen im Kampfe gegen Veräußerlichung und Verflachung unseres schönen Weihnachtsfestes, bei der Vertiefung und Verinnerlichung des Weihnachtsgedankens und des Weihnachtsgefühls. Das Spiel besteht aus vier Bogen mit Figuren, die ausgeschnitten werden müssen -- Maria, Joseph und das Kind in der Krippe, die Hirten, die heiligen drei Könige usw. -- dazu kommt eine Anleitung zum Aufbauen des Theaters, wozu die einfachsten Mittel ausreichen und keine besondere Kunstfertigkeit beansprucht wird, und endlich der Text, der ein Vorspiel und vier Aufzüge umfaßt. Auch einige von den alten schönen Weihnachtsliedern sind hineinverwebt, die von allen Kindern, mitwirkenden wie zuschauenden, gesungen werden sollen. Die Aufführung dürfte höchstens eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. -- Allen, die an der heimatlichen Volkskunst Anteil nehmen und im Sinne der obigen Sätze an der Gesundung unserer Unterhaltung mitarbeiten möchten, sei das Weihnachtsspiel bestens empfohlen. Das Spiel kostet M. 6.-- und ist beim Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24, erhältlich.

Bunte Gassen, helle Straßen

Dresden 1921

des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz Heimatbücherei

Band II

185 Seiten -- Großoktav

hart gebunden

_Vorzugspreis für Mitglieder des Landesvereins Sächs. Heimatschutz M. 15.--_

_Bestellkarte in diesem Hefte_

_Gerhard Platz_ »Vom Wandern und Weilen im Heimatland«, der erste Band unserer Heimatbücherei ist vergriffen und wird nächstes Jahr in neuer Auflage erscheinen. Jetzt kündigen wir den zweiten Band an. _Max Zeibig_ ist sein Verfasser. Wer kennt nicht seine gemütvollen Schilderungen aus der Kinder-, aus der Jugendzeit, die in den angesehendsten sächsischen Tageszeitungen seit Jahren erscheinen. _Heinrich Sohnrey_ gab dem Buche das Geleitwort und wünschte, daß es nicht nur in Sachsen, sondern in ganz Deutschland Verbreitung finde.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden-A., Schießgasse 24.

Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.