Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 10-12
Part 6
In diesem bescheidenen Hause verlebte er eine Reihe glücklicher Sommer und er war froh und heiter im Genusse der einfachen Freuden, die das ländliche Idyll bot. Er streifte mit Carolinen durch Täler und Wälder, tafelte mit Freunden in der wasserumrauschten Keppmühle Landbrot und Ziegenkäse, spielte stundenlang mit seinem Jungen, seinem Hunde, seiner Katze, seinem Kapuzineräffchen, lag im Grase, ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen und streckte, wie er seinem Freunde Lichtenstein einmal schrieb, vergnügt »alle Viere von sich«. Er mühte sich ab, aus Bindfaden und Gurten ein Geschirr für den Hund zu bauen, der Sohn, Katze und Affen spazieren fahren mußte. Und er war glücklich, wenn alles um ihn her jachterte und purzelte.
Immer stand das kleine gastfreie Haus für Freunde offen. Und Weber war stolz, wenn für die Gäste, die nur »ländliche Milch und süße Früchte« erhofften, aus der Küche Carolinens wie durch ein Wunder Eis, Moselwein, Champagner und allerhand treffliche Labe, nach eines Freundes Ausdruck »in sächsischer und österreichischer Weise kulinarisch gedichtet,« hervorquoll und sich auf Tisch und Rasen ergoß.
Ludwig Tieck war oft unter diesen Freunden. Und lange Zeit kam auch Jean Paul aus seinem Dresdner »Lenzhäuschen« nach Hosterwitz gewandert. Er kam, wie Webers Biograph ihn schildert: dick, immer ein wenig unsauber, stets von einem schnaubenden Pudel begleitet, ein alter Herr, der mit einer etwas geschraubten Jugendlichkeit kokettierte und der so gar nicht mit seinen poetischen Schöpfungen harmonierte.
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»Oh Hosterwitz, oh Ruhe! Ruhe!« Das schrieb Weber einmal in einem Briefe. Aber Ruhe nannte er es auch damals noch: die Euryanthe schreiben; Ruhe nannte er: in vierundzwanzig Tagen drei Singspiele und eine Oper einstudieren, zu jeder Probe drei Meilen zurücklegen und außerdem in hundert Tagen noch achtunddreißigmal Dienst in Kirche und Theater tun.
»In dieser Zeit,« schreibt sein Sohn, »sahen Caroline und der damals auch in Hosterwitz wohnende (Freund und Schüler) Benedikt oft schon früh vor sechs Uhr, wenn sie in die Laube im Garten traten, wo gewöhnlich das gemeinschaftliche Frühstück eingenommen wurde, am offenen Fenster seines Arbeitszimmers das bleiche Haupt des Meisters über das Notenpapier gebeugt, oder ihn vom kurzen Morgenspaziergange heimkehren. An allen Tagen, die ihm sein Dienst frei ließ, arbeitete er sechs bis acht Stunden unablässig an der Oper und gönnte der gepreßten Brust nur selten, bei langsamen Wanderungen am Elbufer oder durch ein Waldtal die Erquickung tiefer Atemzüge balsamischer Luft. Mehr als einmal rief er, aus dem heißen Arbeitszimmer in den Garten tretend und die Arme ausdehnend aus: ›Ich wollte, ich wär ein Schuster und hätte meinen Sonntag und wüßte nicht Gix noch Gax von ~C~-Dur und ~C~-Moll!‹«
Unablässige Arbeit schwächte seine ohnehin kränkelnde Brust. »Ich huste und faulenze,« antwortete er ingrimmig den Freunden, die nach seinem Ergehen fragten. Die Symptome der Müdigkeit häuften sich, seine Kräfte, flackrig geworden, verzehrten sich in tätiger Hast.
Ein Jahr darauf, 1823, fühlte er sich zu matt für den der Entfernung wegen beschwerlichen Aufenthalt in Hosterwitz, der ihm -- ein tragischer Widerspruch -- gerade damals so not tat. Und doch rang er sich in dieser Zeit den Oberon ab! »Dieses Leben und musikalische Licht und diese tongewordene Heiterkeit und Frische schrieb ein kranker, gebeugter und verdrossener Mann, den trockner Husten Tag und Nacht quälte, der, in Pelze gehüllt, die geschwollenen Füße in Sammetstiefeln, am Schreibtische saß und im stark geheizten Zimmer fror.«
In diesen letzten Schöpferstunden umgeisterten ihn schon Todesgedanken. Sie trieben ihn in Sorgen um das Wohl seiner Familie. Um für sie zu sorgen, bestand er auf der verhängnisvollen Londoner Reise. »Ich erwerbe in England ein gut Stück Geld, das bin ich meiner Familie schuldig,« sagte er zu einem Freunde, »aber ich weiß sehr gut -- ich gehe nach London, um da zu sterben -- still, ich weiß es.«
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Am 7. Februar 1826 trat er die Reise an. In Pelze gehüllt stieg er in den Reisewagen. Und während er in den dunklen Wintermorgen hinausrollte, sank seine Frau in ihrem Zimmer zusammen und schluchzte ahnungsvoll: »Ich habe seinen Sarg zuschlagen hören!«
Dreiundfünfzig Briefe flatterten noch nach Hosterwitz. Und dem grünumbuschten Frieden des stillen Häuschens galt seine Sehnsucht aus der Ferne: »Ich habe wohl schon genug -- vielleicht -- in Dresden gewiß schon zu viel getan und will mich in Hosterwitz recht strecken und pflegen.«
Er kam nicht wieder.
Am 5. Juni 1826, acht Wochen nach der Uraufführung des Oberon in London, schloß der vierzigjährige Schöpfer die Augen. Und als er in London schon aufgebahrt lag, ließ eine Freundin, Charlotte von Hanmann, ihren Wagen am Dorfeingange halten und brachte der Frau in Hosterwitz die Todesbotschaft, über der die Verlassene mit einem Schrei zusammenbrach.
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Ein Jahrhundert ist seitdem durch den friedsamen Garten, durch die kleinen Räume des schlichten Hauses gegangen.
Der Zauber einer holden Verschollenheit liegt darüber gebreitet. Ich sah das Idyll im seligen Glast eines Hochsommertages um die Stunde, da Pan schläft -- vor den Fenstern des treuen Bewahrers, des alten Krahmer, standen Kornpuppen mit einer Krone schwergebogener Halme. Und ich sah es wieder im milden Riesellichte der Septembersonne -- über Haus und Garten spann sich ein scheidender Abglanz der Glückstage, deren sich Haus, Garten, Laube heimlich zu entsinnen scheinen.
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Dem Kommenden guckt das Häuschen mit gemütlichen Fenstern entgegen -- es blinzt gleichsam vertraulich und wartend durch den Zaun, der das benachbarte Feld einhegt.
Dann aber wehrt eine alte Steinmauer die Neugier ab -- es ist ein Winkel für Vertraute. Zwei alte Nußbäume überschatten locker belaubt das grüne Holztor zwischen den Torsäulen mit den Steinkugeln obendrauf.
Der Grundriß des Hauses hat die Gestalt eines längs zur Straße gelegten lateinischen ~T~. Das ergibt drei Giebel, von denen einer der Straße, der andere der hinter Dorf und Bäumen verborgenen Elbe zugekehrt ist, während der dritte in den blühenden Garten blickt. Um diesen Giebel knirschte Carolinens Schritt, wenn sie kam, den Heimkehrenden zu empfangen, der ihr durch das Gitter des grünen Tores entgegenlachte.
Innen ist der alten Mauer, dem Tor zur Seite, ein schmaler, steinerner Sitz eingefügt. Er sieht einer Konsole ähnlicher als einer Bank. Eine Clematisranke zieht einen Bogen darüber. Diese hübsche Kleinigkeit mutet an wie eine zierliche Titelvignette.
Rundum blüht es. Ein bunter Fries von Astern und Balsaminen umzieht den Sockel des Hauses. Vor dem blaugrauen Giebel blühen hochstämmige Rosen, Oleander, Astern, Geranien im Buchsbaumrondell. Sogar um die alte Pumpe in ihrem Holzgehäuse mit spitzem, rotem Dach, die zu Webers Zeiten auch schon dastand, blüht ein Kranz bunter Topfblumen: Geranien, fleißiges Lieschen, blaßblaue, hängende Glockenblumen.
Dahinter, in dichtes Grün gehüllt, versteckt sich die Laube, in der Caroline mit ihrer Näharbeit saß, wenn er oben am Freischütz schrieb. Der Efeu hat die Laube dicht umwuchert. Über das hohe, spitze Dach wächst er noch hinaus und krönt den Laubengiebel mit einem üppigen Blätterschopf. Drinnen -- drei Steinstufen führen hinein -- ist es kühl. Die weiße Decke ruht auf kornblumenblauen Wänden. Weißes, bäuerlich gemütliches Gestühl steht drin. Durch die zwei Fenster der Rückwand blickt man aus der blauen Kühle hinaus in durchsonntes Gartengrün.
Und draußen im Licht, im Sonnenschein, von den Efeugardinen der Laube umrahmt, liegt das Haus, hell, heiter und glücklich.
Wein rankt an Spalieren an den Wänden herauf. Blaue Winden blühen zwischen den Reben. Diese Blumentrichter, in deren zartweiße Tiefe violette Saftmale hinabführen, wirken zwischen den flachgeschichteten, silbern überreiften Weinblättern köstlich. Sie erinnern an Becherschalen von hauchdünnem Porzellan. Und die grünen Fensterläden mit den schräggestellten Jalousiebrettchen, die vor den weißgestrichenen Fenstern in das silbergrüne Weingerank zurückgeschlagen sind, vollenden den sommerlich heiteren Eindruck, den das Ganze macht. Es sieht aus, als lupfe das Haus lauter kleine grüne Flügel und schicke sich an, vor Vergnügen am eignen Dasein mal ein bißchen über den Garten hinzufliegen. Und das ziegelbewimperte Fensterauge im altersbraunen Dach zwinkert: ja, los -- mal übern Garten hin!
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Der Garten. Er ist gar nicht groß und scheint doch unabsehbar, weil Buschwerk und Hecken seine Grenzen verhüllen, weil man über die Bäume hin und zwischendurch in benachbarte Obstbaumwiesen und Gärtenwildnis guckt und weil die gradlinigen Wege das Gartenstück so geschickt aufteilen, daß sich ein Eindruck von Größe ergibt.
Da durchschneidet ein Weinlaubengang von der Haustür aus den Garten der Breite nach. Sonnenlicht rieselt hindurch und mustert den sauber geharkten Weg mit einem Schattengitter. Der Gang ist kaum zehn Schritte lang. Hinten schließt eine lockere, wandartig verschnittene Buchenhecke den Durchblick ab, sonniger Rasen schimmert hindurch -- der Gang scheint in eine grüne Wirrnis zu führen, die gar kein Ende nimmt.
Man tritt aus dem Gang heraus und steht vor einer anderen Laube, die mit ihren gelben Wänden ganz sonnig wirkt. Wilder Wein streckt wippende Ranken herein -- eben hissen seine Blätter die köstlichen Likörfarben des Herbstes.
Vor der Laube beschattet eine stattliche Linde einen kleinen Platz. Eine weiße Bank steht darunter. Und nahe dabei, im schützenden Hauswinkel, trägt ein Feigenstrauch sogar Früchte -- Weinstock und Feigenstrauch: es ist eine beinahe biblische Symbolik häuslichen Glücks.
In einem anderen Winkel des Gartens macht der Weg eine kleine kokette Biegung -- man steht vor einem Gitterpförtchen in der Mauer, tief unter einer hohen, fächerleicht entfalteten Akazie und hinter dichtem Gesträuch heimlich verborgen. Draußen läuft ein schmales Gäßchen zwischen Gemäuern vorbei -- und das wieder ist ganz das Szenarium einer Liebesgeschichte.
Und man guckt in den Garten zurück.
Was da alles auf kleinstem Raum wächst, blüht, reift! Obstbäume stehen im Rasen. Dahinter die Weinlaube. Und rundum blüht es: goldgelbe Röderblumen und fleischigrote Begonien, Astern und Phlox, Nelken und Balsaminen. Es ist eine Fülle.
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Und über all das hinweg, in das Blühen und Wachsen hinein guckt mit allen Fenstern das Haus.
Man betritt den kühlen, anheimelnden Flur -- dabei kann man der Lockung nicht widerstehen und zupft beim Eintreten mal an dem Klingelzug, worauf der Flur von altväterischem Gebimmel widerhallt.
Unten wohnt der biedere alte Krahmer, der Eigentümer dieses Schatzkästchens -- er wohnt sozusagen in seinem Augapfel, denn wie einen solchen hütet er das Haus. Und nächst ihm verdanken wir den sorgsam und pietätvoll gepflegten Zustand des Ganzen dem Maler Heinrich Hübner, der hier seit Jahren allsommerlich bis tief in den Herbst -- dann wird dieses Sommerhäuschen alt und feucht und unwirtlich -- sein steinernes Berlin vergißt und künstlerisch von diesem Haus und diesem Garten und der Landschaft ringsum lebt. Er hat Vieles hinzugetragen, was -- ich möchte sagen: seelisch zu der vorhandenen Einrichtung der Räume wenn auch nicht aus Webers Besitz, so doch aus der Weber-Zeit stimmt.
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Webers Zimmer liegen oben im ersten Stockwerk. Eine gewundene Steintreppe führt hinauf.
Im Giebelzimmer, in das von drei Seiten Garten, Bäume und Berge hereingrüßen, wohnte das gastfreie Ehepaar.
Der Raum mit dem behäbigen, runden Tisch, den behaglichen Polsterstühlen und den edel schlichten Kirschbaummöbeln macht den Eindruck, als würde Caroline jeden Augenblick wieder eintreten und mit der Stimme der beliebten Bühnensängerin von einst sagen: Weber kommt -- ich bitte die Herren um ein Weilchen Geduld.
Aber nur seine Totenmaske blickt drüben im kleinen Arbeitszimmer dem Besucher entgegen. Sie ist kostbarer Familienbesitz und war nur da, weil der Maler Hübner das geistvoll feine Antlitz zeichnete. Alle Weberbildnisse aus der Lebzeit des Meisters erblinden vor diesem Abdruck des eben Verstummten -- der letzte Hauch des entschwundenen Lebens durchdrang -- so scheint es -- die formende Masse und belebte sie. Er gab ihr den aus seelischen Tiefen kommenden Blick der Pupillen, der die schon geschlossenen Lider noch ein letztes Mal durchdringt, der im Wissen um das Letzte noch einmal ins Leben zurückblickt. Und gab der feingeformten Nase ein letztes nervöses Atmen, ein Veratmen. Und ein letztes, unausgesprochenes Sprechen dem energisch und doch mild geschwungenen Munde.
Ich neigte die Maske ein wenig nach vorn -- um diesen Mund erschien ein feines, heimliches Lächeln, ein verstehender, stummer Spott aus dem Schattenreiche der Toten, die um die Irrtümer der Lebenden wissen und deren Eifer belächeln -- das Beste, das Letzte haben sie immer mit hinübergenommen.
Das Antlitz lächelte voller Geheimnisse. Und durch das offene Fenster, aus dem blühenden Garten, weiter her, von den fernen Duftbergen im Abendlicht, aus dem Endlosen des perlmutterfarbenen Himmels drang lautlos, verhallend, riesengroß vom Himmel niederflüsternd, aus Freischützklängen geisterhaft ins Unendliche verklingend:
Schau der Herr mich an als König! Dünkt Ihm meine Macht zu wenig? Gleich zieh Er den Hut, Mosje ...
Und darüber hin, schattenhaft groß, als lautloser Zwieklang der Lachgesang:
Hehehehehehehehehehe! Hehehehehehehehehehe!
Im Weinlaub raschelte leises Frösteln.
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Um mich stand still und schlicht das Zimmer, in dem der Tote dort den Freischütz und die Euryanthe und den Oberon geschrieben hat.
Ich trat ans Fenster, an dem er saß, an sommerlichen Tagen, in bleichen Nächten, über das Notenpapier gebeugt.
Unten, zum Greifen nahe, blühte der Garten im Herbstlicht, im Abendschimmer. Heiterkeit flog vogelgleich drüberhin -- drüberhin.
Und es schien mir gut so, daß dieser lächelnde Garten den Schrei nicht gehört hat, mit dem Caroline die Todesbotschaft empfing -- die Frau, die schon Witwe war, ehe sie es wußte, eilte ahnungsvoll hinaus auf die Straße, der Botin entgegen, als sie das Rollen des Wagens vernahm und ihn an ungewohnter Stelle halten sah. Dort brach sie zusammen und dort zerschnitt der Schrei die Luft.
Der Garten lächelte in friedlicher Glücksruhe fort.
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Vom Fenster her sah ich hinüber nach dem Antlitz des Toten, dessen Arbeitsstätte dieses kleine Zimmer war.
Der Zwieklang des Notengelächters in der Luft war verstummt. Und auf den mageren Wangen dieses Gesichts lag ein verzitterndes Mitfühlen des Schmerzes, den er zurückließ, und der für eine geliebte Frau der Abschied von den Heiterkeiten des Lebens war, die einmal diese Räume, diesen Garten durchklungen und deren milder Widerschein allsommerlich in den unschuldigen Blumen des Gartens erblüht.
Wissenschaft und Vogelschutz
Auf meine wenigen Zeilen über »Vogelschutz von seiten eines Forschers«[3] sendet Herr Schriftsteller R. Zimmermann an den Herausgeber der Mitteilungen eine Erwiderung, die ich insofern begrüße, als sie mir Gelegenheit gibt, auf die Frage etwas näher einzugehen. Zunächst lasse ich Herrn Zimmermann das Wort; er schreibt:
»_Vogelschutz von seiten eines Forschers!_« Unter diesem Stichwort übt im letzten Heft der Heimatschutz-Mitteilungen Herr B. Hffm. eine scharfe Kritik an einer Arbeit des Ungarn Csiki »Positive Daten über die Nahrung unserer Vögel« in der »Aquila«, der Zeitschrift des Ungarischen Ornithologischen Instituts. Bei aller Hochachtung und Verehrung, die ich für den Verfasser der Kritik, mit dem ich mich ja sonst eines Herzens und eines Sinnes weiß, empfinde[4], kann ich um des Ansehens einer wissenschaftlichen Anstalt wegen, der gerade auch die deutsche vogelkundliche Forschung reiche Anregungen, der deutsche Forscher aber durch uneigennützigste Überweisung wertvoller Veröffentlichungen u. v. a. m. nicht hoch genug einzuschätzende Unterstützungen verdanken, und die vor allem jederzeit auch zielbewußt für einen ganz entschiedenen Vogel- und Naturschutz eingetreten ist und gerade auf diesem Gebiete viel mustergültiges und vorbildliches geleistet hat -- wer wohl hat es schon einmal bei uns versucht, die Bedingungen festzustellen, unter denen man die so nützlichen Fledermäuse neu ansiedeln und vermehren kann? -- nicht unwidersprochen lassen. Ich bin mehrfach Gast des Ungarischen Ornithologischen Instituts gewesen, 1911 bereits, als Otto Hermann noch ihr Leiter war -- ich habe selten einen Menschen kennen gelernt, der eine so große Hochachtung einflößte, wie diese prächtige, im Wesen jugendfrische Greisengestalt! -- und später wieder während des Krieges, als mich in feldgrüner Schützenuniform der Weg einigemal über Budapest führte. Und ich zähle heute die Stunden, die ich in anregendstem Gedankenaustausch gerade auch über Vogelschutzfragen mit ihren Mitgliedern verleben konnte, zu meinen schönsten ornithologischen Erinnerungen, und bin dabei überzeugt, daß keiner der Herren, mit denen ich dort zusammengetroffen bin, jemals die Hand zu Maßnahmen bieten würde, die den Forschungen des Vogelschutzes zuwiderlaufen würden. -- Die Elster ist in Ungarn ein ganz gemeiner Vogel und stellenweise viel häufiger, als es bei uns manchenorts die Krähen sind, sie tritt auch wohl überall stark schädigend auf -- in Hermannstadt konnte ich mich 1911 wiederholt selbst davon überzeugen, wie stark sie oft die Bruten der Kleinvögel zu zehnten vermag --, und eine Beschränkung ihres Bestandes gehört daher vielerorts zu den unbedingt gebotenen Lebensnotwendigkeiten. Ist es nun aber ein Fehler, wenn dann die abgeschossenen Vögel -- und bei den Untersuchungen Csikis handelt es sich wohl ausschließlich nur um solche des Schadens wegen, nicht aber der Untersuchung halber abgeschossener Vögel, die dann, wie noch so manche andere, dem Institut regelmäßig zur Untersuchung eingeliefert werden -- nicht einfach draußen im Felde wertlos verludern läßt, sondern sie noch wissenschaftlichen Feststellungen dienstbar macht? Magenuntersuchungen liefern nicht nur wertvolles Material für die wirtschaftliche Bewertung einer Vogelart -- hätten wir jemals mit der Kraft und, das darf man wohl sagen, auch mit dem Erfolg für Mäusebussard und Turmfalk eintreten können, wenn nicht mehrere tausend Magenuntersuchungen dieser Vögel, die ohne diese Untersuchungen auch abgeschossen worden wären, uns ein so laut redendes Material beigebracht hätten, das allein erst die weitesten Kreise und die Behörden von dem großen Nutzen dieser beiden Tagraubvögel zwingend überzeugte? --, sondern sie ermöglichen uns auch noch so viele andere Einblicke in das Leben eines Tieres und bringen selbst sogar überaus wertvolles faunistisches Material (Nachweis einer ausgedehnteren Verbreitung der Nordischen Wühlratte in Deutschland) bei, daß man nur bedauern kann, daß nur der kleinste Bruchteil geschossener oder sonst tot aufgefundener Vögel derartigen Untersuchungen zugeführt wird.
Rud. Zimmermann.
Leider kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß in der vorstehenden Erwiderung die rein persönlichen Beziehungen eine etwas zu starke Rolle spielen. Ich habe den Wert und die Bedeutung der Magenuntersuchungen ja selbst hervorgehoben und ebenso die Bemühungen der Ungarn um den Vogelschutz anerkannt; ich weiß ferner aus eigner Beobachtung, daß die Elster in Ungarn häufiger ist als bei uns. Doch kann ich auch heute meine Bedenken nicht unterdrücken, daß die 351 Elstern nicht bloß ihres Schadens wegen, sondern auch um der Untersuchungen willen abgeschossen worden sind. Die meisten dürften doch wohl aus der näheren oder ferneren Umgebung des Instituts stammen, und da ist die Zahl 351 doch schon gewaltig hoch. Aber ich will der Kürze halber zugeben, daß in dem vorliegenden Falle die Tatsachen etwas gegen meine Auffassung sprechen. Ich habe den Fall nur an die Öffentlichkeit gebracht, weil es der mir zuletzt bekanntgewordene war und weil ich die Frage einmal anschneiden wollte, die viel wichtiger ist, als aus meinen kurzen Zeilen hervorgeht. Ich nehme, um dies darzulegen, bezug auf die Bemerkung Zimmermanns betr. des Mäusebussards. Auch hierzu muß ich ein großes Fragezeichen setzen, sofern es mir höchst unwahrscheinlich vorkommt, daß die allein von Röhrig untersuchten 1210 (!) Mäusebussarde »ohne diese Untersuchungen auch abgeschossen worden wären.« Daneben hat Röhrig noch bei 376 (!) Rauchfußbussarden den Mageninhalt festgestellt, während ein paar Jahre darauf Greschik wiederum 125 Rauchfußbussard-Magen lediglich des Inhalts wegen vorgenommen hat. Bedenkt man, daß gleiche Untersuchungen, wenn schon in viel geringerem Maße, noch von anderen Seiten ausgeführt worden sind, so ist klar, daß sie mit zu starken Eingriffen in den Bestand unsrer Raubvögel verbunden gewesen ist.
Ich bemerke ferner, daß z. B. Vollhofer allein fast 500 und Pawlas sogar 600 Magen von Wasseramseln untersucht hat! Aber selbst wenn auch in diesen Fällen Herr Zimmermann mit seiner von mir oben erwähnten Bemerkung wenigstens teilweise recht hätte, so kann ich dieses Zugeständnis doch keinesfalls betreffs der übrigen Singvögel machen. Man wird sehr staunen, wenn man erfährt, daß Severin seinerzeit 3000 (!) Magen von insektenfressenden Singvögeln untersucht hat. So ziemlich um dieselbe Zeit machte Cziki gleiche Beobachtungen an wahrscheinlich ebenfalls sehr umfassendem Material, darunter z. B. Zaunkönig, Gartenrotschwänzchen, Grasmücken usw., und wenige Jahre später untersucht Rey 1075 (!) Magen von kerbtierfressenden Vögeln! Erwägt man hierbei, daß es sich immer um freilebende, nicht aber um in der Gefangenschaft gestorbene Vögel handeln kann und daß es außerordentlich schwer hält, einmal einen einzigen aus natürlichen Ursachen verendeten Vogel, noch dazu einen kleinen Singvogel, draußen in der Natur aufzufinden, so wird man zugeben, daß der durch die Magenuntersuchungen unter der Vogelwelt angerichtete Schaden größer sein dürfte als der Nutzen, den sie uns und den überlebenden Artgenossen gebracht haben.
Jedenfalls muß ich hiernach meine starken und ernsten Bedenken gegen eine _allzu umfangreiche_ Magenuntersuchung unsrer Vögel aufrechthalten, und zwar um so mehr, als sich auch in andrer Beziehung ein gewisser Gegensatz zwischen Wissenschaft und Vogelschutz immer mehr zu entwickeln scheint. Er kommt dadurch zustande, daß jetzt den Faunisten bzw. Systematikern sehr daran liegt, von den einzelnen Arten bzw. Unterarten ganze Serien von Exemplaren zu erlangen, um dadurch etwaige Schwankungen und deren Grenzen, örtliche Abweichungen, Übergangsformen der einen in die andre Art usw. festzustellen. Daß das besonders für weniger häufige Arten recht bedenkliche Folgen haben kann, leuchtet ohne weiteres ein.