Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 10-12

Part 5

Chapter 53,442 wordsPublic domain

Es muß zunächst vorausgeschickt werden, daß unser Walnußbaum (~Juglans regia~) ein Kind des heißen Orients ist, aber auch in Südeuropa ausgedehnte wilde Bestände bildet. Er ist insofern etwas anspruchsvoll, als er geschützte Lage, mildes Klima und tiefgründigen nahrhaften Boden bevorzugt und gegen Spätfröste empfindlich ist. Nach meinen, über dreißig Jahre reichenden Erfahrungen ist aber der Nußbaum durchaus nicht so zart wie oft angenommen wird. Ein neben meinem Hause in Meißen, allerdings sehr geschützt stehender Baum, hat seit über zwanzig Jahren niemals durch Frost gelitten, auch sind viele Jahre vergangen seit ich das letztemal in der freigelegenen Umgebung von Meißen erfrorene Nußblüten feststellen konnte.

Vielfach ist die Meinung vertreten, daß der Nußbaum nur bis höchstens fünfhundert Meter Seehöhe und dann nur an geschützten Standorten ertragreich bliebe; in höheren Lagen empfehle sich seine Anpflanzung lediglich des Holzes, nicht aber der Fruchtgewinnung wegen. Diese Ansicht mag viel dazu beigetragen haben, daß man von der Anpflanzung abgesehen hat. Ich habe jedoch schon ganz andere Erfahrungen gesammelt. In Bärenstein im Müglitztale trug ein alter, in über fünfhundert Meter Höhe nicht besonders geschützt stehender, leider auch dem Kriege zum Opfer gefallener Nußbaum seit Menschengedenken reichlich Früchte und versagte nur dann einmal, wenn Spätfröste die Blüte vernichtet hatten, was aber, wie bereits erwähnt, auch in tieferen Lagen zuweilen vorkommt. Ein im gleichen Orte in fünfhundertfünfzig Meter Höhe stehender jüngerer Baum trägt seit einigen Jahren ebenfalls reichlich Früchte. Völlig überraschend war aber die Tatsache, daß sogar ein in siebenhundert Meter Höhe stehender jüngerer Nußbaum am Köllnerschen Vorwerk in Hirschsprung bei Altenberg noch ausgereifte Früchte trägt. Man hatte mit Blühen und Früchtetragen nicht mehr gerechnet, weil der Baum solange damit zögerte; es war dabei aber nicht beachtet worden, daß die Mannbarkeit des Nußbaumes nicht vor dem zwanzigsten Lebensjahre, vielfach sogar noch später eintritt.

Eine weitere Abneigung gegen das Anpflanzen der Nußbäume entspringt aus dem angeblich schweren Anwachsen verpflanzter Bäume und anderen Mißerfolgen, die aber durchweg aus gärtnerischen Mißgriffen entstehen und lediglich darauf zurückzuführen sind, daß man die natürliche Eigenart des Nußbaumes sehr oft außer Acht läßt. Der Nußbaum darf nur im Frühjahr umgepflanzt werden, die Wurzeln sind dabei zu kürzen und zurückzuschneiden. Da der Nußbaum im Gegensatze zu seinem harten Stammholze sehr weiche Wurzeln besitzt, kommt es sehr oft vor, daß die noch nicht angewachsenen Wurzeln der im Herbst versetzten Bäume während der Winterruhe verfaulen und absterben, wodurch der Baum stets eingeht. Wenn irgend möglich, vermeide man das Verpflanzen überhaupt und lege die Samennüsse gleich an die späteren Standorte der Nußbäume. Der Nußbaum darf, im Gegensatz zu den meisten anderen Bäumen nur im vollbelaubten Zustande, am besten im Frühjahre verschnitten werden; der Rückschnitt im unbelaubten Zustande während der Winterruhe bringt ein Kränkeln und völliges Absterben des Baumes mit sich. Bei Anpflanzung von Alleen ist darauf zu achten, daß die Nußbäume mindestens fünfzehn Meter voneinander entfernt zu stehen kommen. Um gesund zu bleiben, muß sich der Baum nach allen Seiten frei entwickeln können.

[1] Siehe Band X, Heft 4/6, Seite 95.

Praktischer Heimatschutz

In Alt-Trachau, dem ehemaligen alten Dorfplatz von Trachau, das leider in seiner alten Ursprünglichkeit durch Einbauen moderner Großstadthäuser bedeutend eingebüßt hat, kenne ich von Jugend her ein kleines, immer sauber getünchtes Häuschen, das mich dadurch ganz besonders interessierte, weil es neben seiner kleinen grüngestrichenen Hoftür im alten Gemäuer einen alten Hausspruch barg, den nur wenige kannten; ja, wie ich bei seiner Ausbesserung beziehungsweise Sichtbarmachung erfuhr, nicht einmal alle die jetzigen Bewohner dieses Hauses.

~KOM HER REIN DU GE SEGNERDER DES HERN WAS SEIEST DU DRAUSEN.~

Diese alte Sandsteinplatte, welcher man bei Erbauung dieses Häuschens oder schon früher, mit ungelenker Hand und primitiven Werkzeugen diese alten Schriftzeichen eingraviert hat, lenkte eines Tages meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich hatte alle Mühe, diese alten, mit Kalkfarbe verschmierten Buchstaben überhaupt zu entziffern. Seinerzeit als es noch ein schöner, sinniger und volkstümlicher Brauch war, solche Sprüche -- meist ernsten Inhalts -- über Türen, an Giebeln und Torbogen, nicht nur anzubringen, sondern wo man noch Zeit fand sie auch zu lesen und darüber nachzudenken, da waren diese Buchstaben wohl noch scharf und leserlich. Doch bis dahin, als ich erstmalig darauf aufmerksam wurde, war wohl der Faustpinsel des Scharwerksmaurers verschiedene Male und in allen erdenklichen Farben darübergefahren. So kam es, daß diese alten Schriftzeichen mit der Länge der Zeit fast eins geworden waren mit dem übrigen Mauerwerk. Wind und Wetter und das Alter haben das übrige getan.

Lange, lange Jahre vergingen und immer wieder sorgte der Besitzer dafür, daß dieses alte Häuschen wieder schön wurde, mal weiß, mal hellblau, mal rosa. Das Gebälk schön dunkel. Die Hoftür, das Weinspalier, der Gartenzaun und die Fensterladen frisch blaugrün. Das alte Ziegeldach aber bekam von Zeit zu Zeit durch einige neue Ziegel, die sich hier und da notwendig machten, eine wunderhübsche Abwechslung. Es war eben immer schön.

Der alte Spruch aber verschwand immer mehr. Dann wurde ich Heimatschützler. In Nr. 3 der Heimatschutznachrichten läßt der Heimatschutz seinen Mitgliedern wissen, daß Bilder von Hausinschriften erwünscht seien. So ließ sich aber kein Bild machen. Bei dieser Gelegenheit sollte dieser alte Hausspruch wieder zu Ehren kommen.

Sonntag, den 24. Juli dieses Jahres, frühzeitig, machten wir uns ans Werk. Alles dazu Notwendige hatte ich bereits an Ort und Stelle gebracht, auch die Genehmigung des Besitzers holte ich mir. Zement -- gestiftet von Kell & Löser -- war auch schon da. Kurz berichtet war die Arbeit folgende:

Die Sandsteinplatte wurde von anhaftendem Mörtel und Putz gereinigt, dann die als Rahmen gedachte, vorstehende und abgerundete Wulst oder Kante aus einem Gemisch von Zement und Sand aufgetragen und verputzt; die Mauer nach hinten um einige Zentimeter erhöht, um den darauf liegenden Dachziegeln, die als Schutzdach und gleichzeitig, um das Ganze zu heben, als Abschluß und zur Zierde dienen sollen, eine schräge Lage zu geben.

Diese Arbeit nahm ungefähr sieben Stunden in Anspruch, fand aber dadurch eine unerwünschte Unterbrechung, daß wir von einem Wohlfahrtsbeamten wegen Entheiligung der Sonntagsruhe zur Anzeige gebracht wurden. Ich ließ mich selbst zur Wache führen, und erwirkte nach längerer Rücksprache mit dem Wohlfahrtsinspektor, daß wir doch diese Arbeit zu Ende führen konnten. Darüber habe ich seinerzeit im Heimatschutz persönlich Bericht erstattet.

Zum Schluß wurden die ausgebesserten Stellen dieser Mauer mit Weiße überstrichen. Die Wulst aber bekam einen Anstrich in dunkel Ocker, während die Innenfläche ganz hell Ocker gehalten wurde. So kam aber die alte Schrift noch entschieden zu wenig zum Vorschein, wir sahen aber vorläufig von einem Ausmalen der Buchstaben noch ab, da wir befürchteten, daß das Historische dieses alten Spruches dadurch einbüßen würde.

Soweit wieder hergestellt, nahm der Heimatschutz eine Besichtigung unserer Arbeit vor, wobei ihm vor allem die sich zu schwach hervorhebende und dadurch schwer leserliche Schrift auffiel. Er riet uns deshalb, das Ausmalen der Schrift doch noch vorzunehmen. Diese Arbeit wurde am 8. August ausgeführt. Mit Dunkelgrau ausgemalt wirkt dieser Hausspruch wieder wie ehedem auf die Vorübergehenden und selbst der Pastor von Trachau sprach gleich am nächsten Tage in diesem Hause vor, und war sehr erfreut und doch beschämt, daß sich Leute gefunden hatten, die diesen alten Spruch wieder zu Ehren brachten. Er selbst gestand zu seiner Schande, wiewohl er über zehn Jahre hier im Amte sei, wäre ihm dieser herrliche Spruch noch nicht aufgefallen. So mancher, der hier hunderte Male vorbeiging, ohne ihn zu bemerken, macht jetzt Halt vor diesem alten Spruch und sinnt. Der eine flüchtig, der andere nachdenklich. Was mögen sie wohl alle denken? Warum hat man den alten Spruch gerade jetzt wieder sichtbar gemacht?

Die Bauersfrau gegenüber hat mir es erzählt, immerwährend ständen jetzt Leute hier -- meist alte, aber auch junge -- und buchstabierten den alten Spruch. --

Herr Perlik, der mich auch hier wieder in dankenswerter Weise unterstützt hat, indem er mit besonderer Liebe und Sorgfalt den größten Teil dieser Arbeiten nach meinen Angaben ausführte, fertigte auch umstehende Aufnahmen an. Während mein Wanderfreund Burk Handlangerdienste leistete, führte Herr Schilling die malerischen Arbeiten aus. Die Skizze hierzu hatte Herr A. Wiehl nach der Natur angefertigt und den zur Ausführung gebrachten Entwurf dabei mit eingezeichnet. Ich übte das Amt eines Poliers aus.

So kann durch Mithelfen eines jeden manches wieder ans Tageslicht gebracht und der Nachwelt erhalten werden. Es gibt in unseren schönen Vororten und Dörfern noch viel Interessantes und Erhaltenswertes, aber leider noch zu wenig Helfer.

Richard Köhler.

In den Hütten meiner Heimat

(aus »Bunte Gassen, helle Straßen«, ein Buch von Kinderland und Heimat von _Max Zeibig_, Bautzen. 2. Band der Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz[2])

Meine Heimat läuft vom Kamme duftblauer Berge waldreiche Hänge hinab über einen Saum von blumigen Wiesen und fruchtschweren Feldern, eilt an rauschenden Schornsteinen, klirrenden Werkstätten und sausenden Webstühlen vorbei, zeigt stolz zwei alte, turmreiche Städte, davon eine immer schöner und lieber als die andere, zieht hinaus in bauernsatte Dörfer und wandert, wandert und kommt endlich ganz müde in die Heide, in die grüne einsame Heide und ruht sich dort aus.

Und bin ich des Lebens und der Arbeit, des Hasses, Neides und Streites müde, spricht mein Herz verlockend zu mir: Flieh’ auf! Deine Heimat ruft, die Heide.

Da bin ich nun. In schimmerndem Kleide grüßen die Birken, die schlanken Geliebten des Waldes. Die Fichten raunen und prahlen mit ihren jungen Trieben; aber die Kiefern träumen und schweigen. Tiefverborgen liegt ein Teich, da leuchten aus moosgrünen Binsen schneeweiße Rosen. Die sind so heilig und so schön, wie ein Mädchen in seiner seligsten Jugend. Hoch am Himmel ein beutesuchender Bussard, im Schilf Scharen wilder Enten, im Wald das sorglose, flinkfüßige Reh, dazu tausend und tausend blaue und braune brummige Käfer, Insekten mit lichtglänzendem Flügelkleid, schönheittrunkene Schmetterlinge, von Heidekraut zu Heidekraut überaus zarte, feinfädige Spinngewebe, darinnen der morgenfrische Tau funkelt und leuchtet wie Millionen Brillanten, und über allem ein ungemein feines und weiches Singen und Klingen und ein Duft und eine Seligkeit, daß das Herz schreien möchte vor so viel Schönheit.

Das ist die Ruhe, der Frieden meiner Heimat -- die Heide.

Heute bin ich in ihren Hütten gewesen.

Die Menschen wohnen in niedrigen, dumpfen Stuben. (Sie sind den lieben langen Tag im Wald und auf dem spärlichen Feld! Was brauchen sie in den Stuben frische Luft!)

Wie gemütlich so ein brauner, breiter Kachelofen ist! Das Doppelbett hat einen frischen, buntblumigen Überzug. Auf dem Tisch stehen ein paar blutrote Nelken, die brennen vor lauter Liebe. An den Wänden hängen, gestickt, unter Glas und Rahmen, oder bloß auf Pappe gedruckt, fromme, bescheidene Wandsprüche. Im Glasschrank feiern silbern- und goldgeränderte Tassen, geblümelte Teller von Steingut und zierliche von Glas, allerhand nichtige, kleine Figuren, verblichene, braungetönte Photographien ein beschauliches Dasein. Von dem weißgestrichenen Fensterbrett gucken steife Geranien und herzreiche Fuchsien neugierig auf den rankenden Wein, der die kleinen Fenster wild umwuchert, wie weit er mit seinen Trauben sei. Draußen im kleinen Gärtchen verblühen späte Rosen in königlicher Pracht.

Zwei Alte kommen mir freundlich entgegen: »Schön Willkomm’«, sagen sie. Wie lieb das klingt!

Ich muß immer auf sie sehen, auf die beiden Alten. Mein Gott, die Hände, wie sind die hart und schwielig! Die haben im Leben was gerackert und geschafft, und die müden, erloschenen Augen, die haben manche Träne geweint ... »Wir haben einmal zwei Söhne gehabt,« erzählen die beiden Alten, »echte, treue, starke Söhne der Heide. Da sind ihre Bilder ... Sind alle beide gefallen. Für die Heide. Für die Heimat ...«

Die beiden halten sich an der zitternden Hand und sitzen ganz feierlich auf ihrem zerbeulten Sofa. Gerade über ihnen hängt der Spruch: Befiehl dem Herrn deine Wege, er wird’s wohl machen! ... Die beiden Alten sind ganz ruhig, ganz still. Sie haben ein Lebenlang geschuftet und gesorgt. Nun sind sie so zufrieden und so fromm ... Das fühlt man.

_Arme Leute!_ hier in der Heide ...

O du ruhlose, friedlose, du laute, du törichte Welt, wenn du wüßtest, wie arm du bist ... und wie reich sie sind in den einsamen Hütten meiner Heimat!

[2] Preis für Mitglieder (gebunden) M. 15,-- (sonst M. 18,--). Bestellkarte anbei.

Das Weberhaus in Hosterwitz

Von _Edgar Hahnewald_, Dresden

Die Wohnungsnot zwingt dazu, jeden verfügbaren Raum nutzbar zu machen; dadurch werden aber in gewissen Fällen auch Stätten bedroht, deren unangetastete Erhaltung selbst in dieser Notlage geboten erscheint. Das ist auch beim Weberhaus in Hosterwitz der Fall, das bisher fast unbekannt und darum unberührt lag; besucht und bewundert von denen, die diese Stätte zu schätzen wußten, seine kulturelle und musikgeschichtliche Bedeutung kannten. Jetzt aber glauben die Wohnungsbehörden, die bisher Rücksicht übten, diesen stillen Winkel nicht länger schonen zu können. Wenn aber das Weberhaus für dauernd bewohnbar gemacht werden sollte, sind Eingriffe in die äußere und innere Gestaltung unumgänglich nötig, die den historischen Charakter des Hauses zerstören.

Der Heimatschutz bemüht sich, im Verein mit dem um die Erhaltung der Kulturstätte verdienten Besitzer, Herrn Emil Krahmer, die drohende Gefahr abzuwenden.

Es erscheint angebracht, auch weitere Kreise für diese Schaffensstätte des Freischütz-Komponisten Carl Maria von Weber zu interessieren, was durch die nachfolgende Schilderung geschehen soll.

Die Schriftleitung.

An der Dresdner Straße in Hosterwitz, in beinahe unmittelbarer Nähe des Pillnitzer Idylls, liegt Carl Maria von Webers Sommerhaus.

Hundert Jahre lang hat ein guter Stern über seiner Unversehrtheit gewacht. Kaum daß es jemand wußte. Zwar Webers Möbel stehen nicht mehr darin. Irgendwer hat später dem hinteren Fachwerkgiebel eine hölzerne Veranda vorgebaut, die aber das Ganze nicht stört und die heute schon wieder alt geworden und von der Zeit in die Stimmung des Winkels einbezogen worden ist. Aber sonst ist es noch ganz und gar Webers Haus geblieben -- man meint, die Blumen, die da blühen, habe schon er gestreift, wenn er kam und seine Frau Caroline in der Laube ihm entgegensah. Und die stillwachsenden Bäume haben das Häuschen nur noch tiefer in friedevolles Grün gehüllt.

* * * * *

Es ist eigentlich kaum ein Wunder, daß die hundert Jahre das Häuschen nicht antasteten. Die nahe Stadt wuchs sich nach anderen Richtungen aus und ließ diesen Winkel unberührt. Und daß sonst niemand ein Aufhebens von diesem Eckchen machte, gereichte ihm zum Schutz vor absichtsvollen Aufmerksamkeiten, die vielleicht gerade das zerstört hätten, was nun so reizend daran ist: seine Unberührtheit.

Wir schätzen heute solches Erbe bewußter. Aber sofort zwingen uns auch die schärfer zugreifenden Bedrohungen dazu, uns schützend vor das ideelle Gut zu stellen, das uns gelassenere Zeiten hinterließen. Denn während es bisher gut für das Häuschen war, daß es unbeachtet blieb, müssen wir heute gerade umgekehrt aller Augen darauf hinlenken und sagen: dieses kleine Haus ist ein Schatz, den ihr alle kennen und schützen und erhalten helfen müßt!

* * * * *

Als Weber, königlich sächsischer Kapellmeister und Musikdirektor der eben erst geschaffenen deutschen Oper in Dresden, dieses Häuschen fand, erfüllte sich ein längst gehegter Wunsch. Schon lange spähten er und seine junge Frau nach einem »Sommernest« aus, das im Sinne der damaligen Zeit anspruchslos sein, aber nicht zu weit ab von der Stadt liegen sollte. Dieses kleine Haus, das dem Hosterwitzer Winzer Felsner gehörte, entsprach allen Wünschen. Unverdrossen wanderte nun Weber immer wieder von Dresden nach Hosterwitz und zurück, um das Ausmaß irgend eines Raumes zu holen, das Caroline zum Plane der Einrichtung brauchte. Und nachdem er sich so und so oft diesen Weg »entlang komponiert« hatte, bezog das Paar glückstrahlend am 18. Juni 1818 das erste Stockwerk des Häuschens, das ihm zum Sommerparadies wurde.

Wir fahren heute in fünfzig Minuten mit der Straßenbahn von Dresden nach Hosterwitz. Damals kostete das einen strammen Fußmarsch. Und man kann sich eine Vorstellung von dem festlichen Umstande machen, den alljährlich die Übersiedlung in die Sommerresidenz verursachte, wenn man der launigen Schilderung gedenkt, die Wilhelm von Kügelgen in seinen Jugenderinnerungen eines alten Mannes von der Badereise seiner Mutter von Dresden nach Lotzdorf bei Radeberg gibt: »Unser dottergelber Reisewagen ward nun hochbepackt mit allem Nötigen, mit Koffern, Waschen und darüber hingeschnallten Bettsäcken, vier Pferde wurden vorgelegt und die ungeheure Maschine setzte sich in Bewegung.«

Auch Weber reiste mit einer solchen »Maschine«. Und später schaffte er sich, um den häufig nötigen Fußmarsch zu ersparen, auch eine Equipage an und versteifte sich darauf, selbst zu kutschieren, wobei er freilich übel debütierte und nach der dritten Fahrt kleinlaut zu Fuß in Hosterwitz ankam, während ein Bursche Tier und Wagen nachführte. Er besaß aber später stets zwei Pferde, Reise- und Stadtwagen und eine nach damaliger Sitte reich in Rot und Gold dekorierte Droschke. Und es war eine seiner kleinen Eitelkeiten, daß man seine Equipage zu den elegantesten der Stadt zählte.

* * * * *

Hosterwitz lag damals wirklich weit ab von der Stadt, und die Reise dahin war schon ein Ereignis in einer Zeit, in der das Linckesche Bad an der Elbe und Findlaters Weinberg hinter der heutigen Saloppe die Ausflugsziele der Dresdner waren. Das hübsche Aquarell Professor Günthers aus dem Jahre 1820 im Dresdner Stadtmuseum gibt eine deutliche Vorstellung davon, wie ländlich und abgeschieden das kleine Dorf am Fuße der Rebenberge lag. August Schumanns Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon berichtet in dem 1817 erschienenen Bande, daß Hosterwitz nur 21 Häuser und 113 Einwohner zählt, und fügt im Ergänzungsbande von 1830 hinzu: »Hosterwitz liegt in und vor dem Keppgrunde, unstreitig in einer der reizendsten Gegenden Sachsens, welche wir selbst jenen von Pillnitz und Loschwitz noch vorziehen möchten, da hier die ansehnlichen Berge fast jeder Art von Bekleidung, nicht das Einerlei der ununterbrochenen Weinpflanzungen zeigen; auch haben die hiesigen und poyritzer Wiesen einen auffallend üppigen Charakter.«

* * * * *

In dieser friedlichen Landschaft lag nun Webers Sommerparadies, in dem er Ruhe, Erholung von den ewigen Kämpfen mit seinen Dresdner Widersachern und erfrischende Anregungen zum Schaffen fand.

Die Ströme, die aus dieser Umgebung in seine Arbeit hinüberfließen, pulsen immer. Die Kantate, der er den Titel »Natur und Liebe« gab, spiegelt ja geradezu im Duett »Holde, zaubrisch-schöne Hügel« die Lieblichkeit des Elbtales musikalisch wieder. Die anmutige »Aufforderung zum Tanz«, die schönsten Partien des Freischütz, der Euryanthe, des Oberon und viele kleinere, nicht minder köstliche Werke entstanden auf den Spaziergängen um Hosterwitz und sind in diesem kleinen Hause niedergeschrieben worden.

Alle seine Schöpfungen kristallisierten sich so: eine musikalische Idee blitzte auf wie ein Stern in der Nacht, tagelang reifte sie sich aus bis zur letzten Note, und im Geiste gestaltet existierte sie längst, ehe noch eine einzige Note auf dem Papier stand. Oft überraschte er seine Freunde mit dem Vorspiel einer Komposition, die nur in seinem Kopfe, dort aber unverlöschbar fixiert war -- in seinen Notizen findet sich wiederholt lange vor der Niederschrift eines Musikstückes die Bemerkung, daß er dies oder jenes »fertig gedacht« habe.

Kleinigkeiten wurden zu Anlässen seiner Schöpfungen. Ein Klarinettist seiner Kapelle begleitete ihn einst auf einem Spaziergange nach dem Linckeschen Bad. Weber schritt stumm vor sich hin. Es regnete. In der Gartenwirtschaft hatten die Kellner Tische und Stühle, meist mit den Beinen nach oben, in Gruppen zusammengesetzt. Beim Anblick dieser in Reihen und Intervallen starrenden Tisch- und Stuhlbeine blieb Weber plötzlich stehen, lehnte sich rückwärts auf seinen Stock und rief: »Sehen Sie, Roth, sieht das nicht aus wie ein großer Siegesmarsch? Donnerwetter, was sind das für Trompetenstöße!« -- abends notierte er den fertig gedachten Marsch, der später im Oberon erklang.

Während eines schläfrigen Nachmittagsgottesdienstes in der Pillnitzer Kapelle hörte er das unerträglich falsche Intonieren einiger alter Weiber bei den Responsorien einer Litanei -- aus diesem Eindruck entstand der Lachchor der Bauern im ersten Freischützakt.

Auf einer Fahrt nach Hosterwitz an einem Nebelmorgen wankte der Wagen durch das graue, gespenstige Gewoge -- in dieser Stimmung schuf, »dachte« er die Wolfsschluchtmusik.

* * * * *

Als schöpferische Offenbarungen strömten ihm auf diesen Gängen rund um Hosterwitz die Ideen zu. Und in diesem Häuschen schrieb er sie nieder. In jenem kleinen Zimmer, in das die sommerlichen Baumkuppeln der Pillnitzer Maillebahn und die in wogenden Linien ziehenden blauen Hügel hereinblicken, arbeitete er. In lauen Sommernächten saß er an diesem Fenster und schrieb in fehlerlosen Partituren von den Flötenstimmen bis zum Baß vollständig mit allen Zeichen, Pausen, Pianos, Fortes in perliger Notenschrift, wie in Kupfer gestochen nieder, was in seinem Kopfe »fertig gedacht« und unvertilgbar stand. Und sein Sohn Max, sein treuer Biograph, läßt uns die frohe Feier dieser Arbeitsstunden ahnen: »Kein Piano wurde dabei angeschlagen, das volle Orchester, von guten Geistern gespielt, klang ja von selbst in seinen Ohren, während er seine zierlichen Musikschriftzeichen malte.«

Manchmal, vom Glück des Schaffens durchströmt, von jenem göttlichen Fieber erregt, das noch über das vollendete Werk hinaus nach Ausbruch drängt, trat er, nachdem er einen Nachmittag lang gearbeitet hatte, dann aus dem kühlen Hause hinaus in den Garten. Düfte strömten und die Sonne leuchtete über allem. Er schritt über den knirschenden Sand der Laube zu, in der seine Gattin nähte und stickte, warf die lange, graue Arbeitsjacke von sich, reckte die Arme und rief: »Möcht’ doch den Kerl sehen, der glücklicher ist als ich!« Und dieser Schöpfer und Kämpfer, der kein Duckmäuser und kein sentimentaler Träumer war, der Wein und volle Tische liebte, der mit adligen Kammerherren und bäurischen Hüfnern in der Keppgrundschänke Kegel schob und der dem Leben seine Kraft verschwendend hinwarf, fügte solchen Glücksausbrüchen still hinzu »Gott behüts« und lüftete sein schwarzes Käppchen.

* * * * *

Hosterwitz schenkte ihm schöpferische Kräfte -- Hosterwitz schenkte ihm Ruhe nach der unerhörten Anspannung im Winter in der Stadt.