Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 10-12

Part 4

Chapter 43,146 wordsPublic domain

Auch der Erwachsene spielt gern mit, wenn das Spiel heimatliche Vorstellungen und Gefühle auslöst. Eine rechte Freude kann aber bei ihm nicht aufkommen, wenn sich solche Stilwidrigkeiten fortgesetzt aufdrängen. Das bedeutet aber einen Verlust für den Erwachsenen und für das Kind. Unsere Zeit hastet. Sie löst den einen früher, den andern später aus der Umgebung, in der er seine Kindheit verlebte. Ein großer Teil unseres Volkes führt ein modernes Nomadenleben. Nur noch ganz bestimmte Volksgruppen haben sich die Seßhaftigkeit bis zu einem gewissen Grade bewahrt. Aber auch diese Kreise fangen an, den Sinn in die Weite schweifen zu lassen und das Naheliegende zu übersehen. Der sich überallhin ausbreitende Verkehr mit seinem Einebnen alles dessen, was kennzeichnend hervortreten will, läßt die besten Eindrücke der Kindheit rasch verblassen. Alles wird käuflich, verkäuflich. Es scheint, als ob jene innerlich wirkenden Werte einer Sache, die aus der Geschichte, aus der Pietät heraus zu erklären sind, schwänden. Gerade diese Werte aber machten früher eine Sache oft unbezahlbar. Darum müssen wir das alles mit Freuden begrüßen, was uns helfen könnte, jene verborgenen, in der Vergangenheit wurzelnden Werte wieder zu erschließen. Im Geiste wenigstens lerne jedes sich wieder versenken in die Schätze der Vergangenheit, damit die Gegenwart mit ihren verwickelten Verhältnissen besser verstanden werde. Alle Gegenwart ist Gewordenes. Alles Gewordene fußt in der Vergangenheit. Wir sollen nicht mehr bloß Gegenwartsmenschen sein wollen, sondern sollen uns wieder als etwas betrachten lernen, das in der Vergangenheit wurzelt. Wir werden dann einsehen, daß jedes gewaltsame Lösen der Fäden, die uns mit der Vergangenheit verbinden, einen nie wieder gut zu machenden Schaden für den einzelnen wie für die Gesamtheit bedeutet.

Unsere Spielwarenerzeugung kann uns helfen, die verborgenen Beziehungen zum Vergangenen wieder aufzudecken, kann uns helfen, Einkehr zu halten in den Tagen der Kindheit wie in denen der reifen Jahre, kann uns helfen, die Heimat durch ihre Vergangenheit zu verstehen. Ein weites unbebautes Feld breitet sich hier für diese Industrie aus. Rechte Bearbeitung muß eine gute Ernte für den Erzeuger und für die Gesamtheit unseres Volkes bringen. Gefühl und Sinn für Heimatliebe, Volkskunst, Heimatschutz würden zu gleichen Teilen durch Belehrung im Spiel schon in den Kleinen geweckt werden. Fortgesetztes Spiel mit Spielzeug, das mehr wie Spielzeug sein will, brächte diesen Sinn, diese Gefühle zum Wachstum. Schließlich würden sie beim Erwachsenen unbewußt zum unveräußerlichen Besitzstand geworden sein.

Wie können die beteiligten Industrien diese Forderungen erfüllen? Kurz gesagt dadurch, daß sie Erzeugnisse schaffen, die die Verbindung mit der Heimat erkennen lassen und echt sind, also jede Scheinkunst vermeiden. Wir brauchen Modellierbogen, die uns einen _sächsischen_ wendischen Bauernhof, einen _sächsischen_ ländlichen Bahnhof, ein _sächsisches_ mittelalterliches Rathaus usw. darstellen. In unserem Vaterlande haben wir reichliche Stoffbeispiele dafür. Ferner sei zur Auswahl gestellt: Oberlausitzer Weber- und Gutshäuser -- Erzgebirgische Gebäude -- Moritzburg -- Altes Leipziger Rathaus -- Meißner Dom, Albrechtsburg, Rathaus, Bürgerhäuser -- Bautzener Gebäude -- alte sächsische Kirchen, Mühlen, Pochwerke -- Gebäude, deren Erhaltung mit besonderer Sorgfalt oft unter Aufwendung nicht geringer Mittel durchgeführt wird (Frohnauer Hammer) -- Bogengruppen mit Planzeichnungen zur Veranschaulichung der Siedlungsweisen (Pfahldorf, Rundling, Längsdorf, Dörfer mit sägeblattähnlicher Gebäudestellung, Klosterbauten, Gartenstädte, Alt-Dresden, Alt-Leipzig). Wenn heute die Festung Königstein als Modell herausgebracht würde, so würde wohl kaum etwas dagegen eingewendet werden.

Seien nun die Gebäude auszuführen vom Modellierbogen aus, seien sie besser aus einzelnen bemalten Holzteilen zusammenzuschränken, jedenfalls werden dem Kinde im Spiel die Unterschiede der Bauweisen, der Siedelungsanlagen auffallen. Fragen nach zeitlichen und örtlichen Gründen, auch nach solchen der Zweckmäßigkeit werden auftauchen. Nicht alle Fragen wird der Erwachsene befriedigend beantworten können. Er wird mit dem Kinde und durch das Kind Heimatkunde und Heimatgeschichte treiben müssen, wenn er nicht dauernd die Fragen halb oder ausweichend oder mit »ich weiß das selber nicht« beantworten will. Darum dürfen die Modellbogen nicht ohne Erläuterungsblätter gelassen werden. Gute Bücher können noch gründlichere Auskunft erteilen. Ansätze in dieser Richtung sind vorhanden. Aber die Heimatforschung hat noch genügend Brachland zu bearbeiten, ehe sie alle Wünsche nach dieser Seite hin befriedigen kann. Es gibt wohl keinen Ort Sachsens, der nichts hätte, was als bauliches Wahrzeichen für Modellzwecke festgehalten zu werden verdiente.

Zu den Modellen von Bauwerken gehört das richtige Gestaltenmaterial. Getreu dem Leben oder -- wenn dies keine Kunde mehr gibt -- getreu den kulturgeschichtlichen Quellen wird es dargeboten. Wie viele verborgene Schätze unsrer Heimatsammlungen, Geschichtsmuseen, Bildergalerien, Innungsschränke, Zunftladen könnten da eine fröhliche Auferstehung feiern! Wie könnte aus dem, das hinter Glas und Rahmen, Tür und Riegel wohlverwahrt gehalten wird, ein Quell der Heimatliebe entspringen! Da werden lebendig: alte Zünftler, Landsknechte, Zöllner, Sänftenträger, Narren, fahrende Gesellen. Dazu die alten Gebäude. Die Vergangenheit wird lebendig in der Gegenwart. Aus Papierstoff, Holz, Zinn, Linoleum, durch Guß, Pressen, Drehen, Schnitzen werden die zeit- und trachtenechten Gestalten hergestellt. Sie sind einzeln käuflich (zum Aussuchen). Sie können aber auch -- zu fein abgestimmten Gruppen geordnet -- in widerstandsfähigen Schachteln erstanden werden, die recht wohl die überlieferte Aufschrift tragen können: Andenken an ... Zur Erinnerung an ... Oheim Max bringt dem kleinen Hans eine Schachtel mit: _Andenken an Leipzig_. Drinnen liegen Studenten in Wichs. Das Fräulein mit farbigem Band ist Base Lotte, die Studentin. Burschen heraus zum Couleurbummel! Muhme Alma bringt eine Schachtel mit: _Erinnerung an Meißen_. Da sind zu sehen: Aschekarl, Aschemarie mit dem Spitz auf dem Arme, Kalmus, der dumme Junge von Meißen, ein Fremder mit der Fummel, Winzer, Winzerinnen. _Freiberg_ wartet auf mit Bergstudenten, Bergleuten in Parade- und Arbeitstracht, _Kloster Marienstern_ mit Osterreitern und Nonnen, _Bautzen_ mit dem Taubenjokel, wendischen Männern und Frauen und Kindern, dem Hochzeitsbitter, der Braut und dem Bräutigam, _Oybin_ mit Mönchen. Anderswo gibt es beim Schützenfeste die ganze Schützengilde in einer Schachtel wohlverwahrt zu erstehen. _Radeberg_ knüpft an seine Bürgerwehr, seinen ehemaligen Bergbau, sein Gregoriusfest, seine Soldaten an. _Leppersdorf_ und _Augustusbad_ bieten an eine Einsiedelei mit Bäumchen, Hasen, Rehen, kleinen Vöglein und dem »Lampert im Walde«. Ein Steinkreuz, ein Grenzstein, ein altes Denkmal gehört auch manchmal in so eine Schachtel. _Schmiedefeld_ bei Stolpen und andere Orte waren vor Einführung der Eisenbahn belebtere Orte als jetzt. Sie lagen an den alten Poststraßen. Eine Schachtel zeigt als Inhalt eine alte Postkutsche, ein Land-(fracht-)fuhrwerk, Zöllner, Torwächter, Handwerksburschen, Reisende in Biedermeiertracht. Kriegszeiten haben viele sächsische Orte durchleben müssen (Hussiten-, Schweden-, Franzosenzeit). _Kamenz_ bringt bei seinem Forstfeste eine Schachtel heraus, deren Inhalt die Erinnerung an eine glückliche Errettung aus solch schweren Tagen wach hält. Bei Regimentstagen können Gestalten in den Regimentstrachten der verschiedenen Zeiten vertrieben werden. Vom Trachtenfest »Biedermeierzeit« bringen Vater und Mutter eine Spielschachtel mit, die entsprechende Gestalten, Rosenlauben, grüne Hecken enthält. Das, was bei Ausstellungen mit den »alten Städten« (Vergnügungsecken) geboten wird und nach seiner oft recht beachtlichen geschichtlichen Treue wert wäre, länger zu bestehen, das könnte in verkleinerter Ausgabe zum Spiel geschaffen, als Andenken verkauft werden.

Im Vereine mit guten Gebäudenachbildungen müssen solche Geschenke oder Andenken in Vergangenheit und Gegenwart vertiefen helfen, müssen sie alt und jung zur Besinnung einladen. Die Sachen haben ja etwas zu erzählen. Der Quell der Sage und Geschichte muß da sprudeln. Kinder und Erwachsene werden beim Spiel oft in den Geleisen wandeln, die der Darstellung zugrunde liegen. Wie wir aber einen »Freiberger Bauerhasen« stets mit einer gedruckten Erklärung zu kaufen bekommen, so darf bei all diesen Sachen nicht mit frisch und lebendig geschriebenen Erläuterungen gespart werden.

Trachtenechte Puppen, stilgerechte Puppenmöbel (Himmelbetten, Bauerntische, Schemel, Wiegen, Stühle, geblümte Vorhänge, Teller, Tassen, Kannen), eine rechte Bauernstube, Weberstube, Patrizierstube, Spinnstube: das müßte Mädchen eine wirkliche Freude geben!

Das sind wirkliche Reiseandenken, die ihren Zweck erfüllen, ein Band zu schlingen über den Geber hinweg vom Empfänger zum kulturgeschichtlichen, heimatkundlichen Stoff. Das kann von den jetzt noch beliebten Fangbällen, Windrädern, Abziehbildern und Postkarten auf Holzquerschnitten, Steingutsachen u. a. m. nicht behauptet werden. Welche Sorte von Reiseandenken verraten wohl Verlegenheit und Gedankenlosigkeit des Gebers, welche begegnen Verlegenheit und Gleichgültigkeit beim Empfänger?

Strenge Wahrhaftigkeit in der Darstellung des trachtenechten Spielzeugs gibt den Kleinen auch wahre Anschauungen. Eine nach irgendeiner Seite hinzielende, da hinzufügende, dort verheimlichende Scheinkunst ist verpönt. Sie würde Truggebilde der Heimat erzeugen und die Jugend verwirren. Für die Jugend muß nur das Beste gerade gut genug sein. Aber auch viele Erwachsene gleichen in dieser Hinsicht Kindern und verlangen die gleiche Behandlung. Auch ihnen dürfen wir das Bild der Heimat durch Unwahrhaftigkeit des gebotenen Spielzeuges nicht entstellen oder verzerren.

Die Bestandteile der Kleinspielzeugkästen werden etwas schematisch, maschinenmäßig aussehen. Auf die Maschinenhilfe kann aber aus Gründen möglichster Billigkeit nicht verzichtet werden. Doch der handarbeitende Holzschnitzer mag nicht abseits stehen. Wie verschieden können ein Student, Soldat, Bergmann, Mönch, Bauer, Schützenhauptmann gestaltet werden in Bewegungen, Gesichtszügen, Farbengebung! So können wir auch mit handgeschnitztem Kleinspielzeug unsere Schachteln füllen, die freilich nur zu einem höheren Preise zu haben sein könnten. Ein Vergleich von geschnitzten und gedrehten Figuren wird die Berechtigung des Preisunterschiedes beweisen. Der Schnitzer kann seine Gestalten aus dem Bereiche des gewöhnlichen Spielzeuges in das Gebiet des Kleinkunstwerkes erheben. Ich erinnere mich der Ausstellung von Krippenfiguren in Dresden. Wie verschieden hatte jeder einzelne Aussteller sein persönliches Empfinden in einem gegebenen Stoffe zum Ausdrucke gebracht. Bewegung, Ausdruck, Farbe, Gruppierung usw., das alles zusammen genommen brachte trotz Gleichheit des Vorwurfes doch durch die selbständige Auffassung der einzelnen Verfertiger große Unterschiede heraus. Dazu kam die unterschiedliche Beherrschung und Anwendung der einzelnen Techniken. Neben etwas schematisch anmutenden Sachen waren reizende kleine Kunstwerke vertreten, bei denen die Schablone einer durchgeistigten Auffassung hatte weichen müssen. So braucht sich auch der Gestalter einzelner Personen vom trachtenechten Spielzeug nicht sklavisch an überlieferte Bewegungs-, Ausdrucks- und Kompositionsschemen zu halten, sondern kann diese etwas traditionellen Sachen mit seinem eigenen Geiste durchdringen, bezw. durchbrechen, wenn am letzteren nicht höhere Gesichtspunkte hindern sollten. Tracht und Farbengebung ist ja doch durch die Überlieferung festgelegt. Mancher Käufer wird dann die auch nicht besonders billigen Phantasiegestalten der jetzt noch herrschenden Marktware zurückweisen, um nach einer nicht so billigen, aber lebenswahren Figur zu greifen, die durch einen gut empfindenden Gestalter herausgebracht worden ist. Solche Geschenke brauchen sich nicht vor dem Tageslichte zu scheuen. Sie werden immer wieder gern angesehen.

Unsere sächsischen Spielwarenerzeuger können aber auch über die Landesgrenzen greifen. Nach guten Vorbildern kann unsere Industrie jedes außersächsische Modell lebensvoll gestalten. Für Seebäder werden Schachteln gefüllt mit trachtenechten Fischern und Fischerinnen, Seeleuten, Badegästen, Badekarren, Strandkörben -- für Halle Hallorengruppen usw. So können Trachtengruppen aus dem ganzen früheren und jetzigen deutschen Vaterlande zusammengestellt werden. An Künstlermodellierbogen stehen uns für diese Zwecke eine ganze Anzahl zur Verfügung, die den Aufbau von Gebäuden aus allen Teilen Deutschlands ermöglichen. Die Verzeichnisse könnten noch durch eine Anzahl Bogen von Orten mit ausgedehntem Fremdenverkehr bereichert werden. Nach diesen Orten könnte unsere heimische Industrie ihre Erzeugnisse senden. Das Schutzwort »Gefertigt in Deutschland« könnte umgewandelt werden in »Gefertigt in Sachsen«.

Auch hier muß Sorge getragen werden, daß neben den billigeren, etwas schematischen Drehbankarbeiten für das kaufkräftigere Publikum auch handgeschnitzte lebensvolle Gestalten am Lager sind. Damit der Erzeuger einen angemessenen Gewinn von seiner Arbeit habe, die Gegenstände aber trotzdem nicht zu hoch im Preise kommen, dürfte sich keine lange Reihe Zwischenhändler zwischen Verkäufer und Käufer einschieben.

Wir gehen kühn über Deutschlands Grenzen hinaus und umspannen den Erdball. Wir lassen im Spielzeug erstehen das ganze bunte Völker- und Trachtengemisch von Europa und den übrigen Erdteilen. Wir bringen Modellbogen auf den Markt von der Eskimohütte und dem Hottentottenzelt bis zum Wolkenkratzer, vom Pfahldorfhaus in der Südsee bis zur Baumwohnung auf Java. Die Zinngießerei bringt bereits Völker aller Welt zur Anschauung. Oft hat die Phantasie sich dabei allzu reichlich betätigt. Wahrheit in der Darstellung ist hier aber um so nötiger, als eine Verbesserung eines Modelleindruckes durch nachträgliche Sinneseindrücke am natürlichen Gegenstande nicht eintreten kann. Sind keine einwandfreien Unterlagen zu haben, dann verzichte man lieber auf die Darstellung. Auch hier darf das Erzeugnis der Handarbeit nicht fehlen, es wird sicher im Auslande kaufkräftige Abnehmer finden.

Die Darstellung deutscher Anschauungsstoffe wird von unseren Erzeugern vor außerdeutschen stets bevorzugt werden müssen. In dem Heimatlichen liegen die starken Wurzeln unserer Spielwarenerzeugung. Heimatliche Darstellungen finden den Weg über die Grenzen hinüber zu unseren deutschen Brüdern im Auslande. Ob sie in Rumänien, in Siebenbürgen, im Elsaß, im Kaukasus, in den Urwäldern Südamerikas oder sonst wo sitzen mögen: sie werden es gern sehen, wenn ihre Kinder mit Spielzeug spielen, das Fäden spinnt zur alten Heimat. Schaut der Erwachsene solchem Spiel der Kleinen zu, so wird ihn stilles Gedenken übermannen; da wird schließlich die Zunge beredt werden beim Erzählen von altheimatlichen Zuständen, von der eigenen Jugend, die -- wenn auch manchmal hart -- doch schön war. Die Kinder lauschen. So sprechen Vater und Mutter selten. Es muß etwas besonderes um das Spielzeug sein.

Geht aus der alten Heimat als Geschenk zur Weihnachtszeit eine solche Gabe hinaus in die Fremde, und Vater und Mutter stellen die Sächelchen auf, wie es sein muß, dann stehen jung und alt herum um das Bild aus der alten Heimat, Wehmut und Freude im Herzen. Das sind Weihestunden, der fernen Heimat gewidmet, die unermeßlichen Gewinn für die Außenposten unseres Volkes haben, aber auch für uns selbst. Da kommt kein Negerenglisch, kein Burendeutsch, kein Sprachenwirrwarr beim Erzählen und Erklären heraus, da kommt die reine deutsche Muttersprache zu ihrem Rechte. Für diese altheimatlichen Stoffe hat die fremde Zunge keine Ausdrücke. Wenn unsere Brüder draußen sich auch äußerlich verändern, sich ihrer Umgebung anbequemen, so halten wir doch durch solche in der Heimat wurzelnde Gaben bei ihnen das Heimatgefühl wach. So lange sie dies Gefühl haben, so lange sind sie noch unser, sind sie und ihre Kinder fürs Deutschtum noch nicht ganz verloren!

Wenn unsere Geschenke das erreichen, Heimatsinn zu erwecken im Lande selbst und draußen in der Fremde, dann können wir wohl sagen: Es sind rechte Geschenke gewesen. Wir haben mehr geschenkt als Spielzeuge oder Kunstwerke. Wir haben innere Werte erschlossen und mitgegeben, die unbezahlbar sind, die sich nicht wiegen und messen lassen, die nur innerlich erlebt und gewertet werden können.

Aber nicht nur der Geber kann befriedigt auf sein Geschenk blicken, nein auch der Erzeuger. Auch er gibt mehr hinaus als allein seiner Hände Fleiß. Auch er kann sprechen: Der Geist, aus dem heraus ich alles gebildet und geschafft; der Geist, der aus meiner Arbeit spricht, der Geist der Heimat, der ist an Euch, Ihr Käufer, mein Geschenk!

Caprivi und die Bäume im Garten des Kanzlerpalais

»Ich kann nicht leugnen, daß mein Vertrauen in den Charakter meines Nachfolgers einen Stoß erlitten hat, seit ich erfahren habe, daß er die uralten Bäume vor der Gartenseite seiner, früher meiner Wohnung hat abhauen lassen, welche eine erst in Jahrhunderten zu regenerierende, oft unersetzbare Zierde der amtlichen Regierungsgrundstücke in der Residenz bildeten. Kaiser Wilhelm I., der in dem Reichskanzlergarten glückliche Jugendtage verlebt hatte, wird im Grabe keine Ruhe haben, wenn er weiß, daß sein früherer Gardeoffizier alte Lieblingsbäume, die ihres Gleichen in Berlin und Umgebung nicht hatten, hat niederhauen lassen, um ~un poco piu di luce~ zu gewinnen. Aus dieser Baumvertilgung spricht nicht ein deutscher, sondern ein slawischer Charakterzug. Die Slawen und die Kelten, beide ohne Zweifel stammverwandter als jeder von ihnen mit den Germanen, sind keine Baumfreunde, wie jeder weiß, der in Polen und Frankreich gewesen ist; ihre Dörfer und Städte stehen baumlos auf der Ackerfläche, wie ein Nürnberger Spielzeug auf dem Tische. Ich würde Herrn von Caprivi manche politische Meinungsverschiedenheit eher nachsehen, als die ruchlose Zerstörung uralter Bäume, denen gegenüber er das Recht des Nießbrauchs eines Staatsgrundstücks durch Deterioration desselben mißbraucht hat.«

(Aus Bismarcks drittem Bande.)

Drei Baumbilder aus unsrer Heimatsammlung

Von _A. Kühne_, Wilsdruff

Auf Anregungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz hin arbeiteten wir im vergangenen Jahre an einem _heimatlichen Baumbuch_. Es liegt jetzt in der Handschrift vor und soll in unsrer Heimatbeilage abgedruckt werden. Dank will ich sagen den Herren Rühle und Zieschang, ersterer hat die Bäume gemessen, Geschichte und Überlieferung gesammelt, letzterer hielt sie im Bilde fest.

Von unsern heimatlichen Höhenbäumen mögen hier stehen _Rüdigers Linden in Helbigsdorfer Flur_. Kein Wandrer, der unsre Wilsdruffer Heimat gekreuzt hätte, ohne sie zu sehen. In einer Höhe von 334 Meter -- die Generalstabskarte nennt den Hügel den Eschenhübel -- beherrschen sie die weite Umgegend, und köstlich ist der Blick von dem Ruhebänkchen zu ihren Füßen. Wettergezaust und blitzgetroffen, doch stolz und stark stehen sie hier, Saat und Ernte seit einem Jahrhundert um sie her. Mögen sie noch lange Freude und Erholung für Land- und Wandersmann spenden!

Ein Wegebaum -- _der Blankensteiner Bergahorn_. Da wo die Dorfstraße anhebt, wo der Kommunweg Helbigsdorf--Blankenstein endet, steht dieser stolze Baum. 3,68 Meter mißt der Umfang seines Stammes in Brusthöhe, an die 26 Meter hoch quillt das Laubwerk in den Himmel hinauf. Eine gewaltige, herrliche Fülle, dieses Astwerk mit seinem Blätterwald. Einen höheren Genuß aber schafft sein Anblick im Winter, wenn ihm der Frost den Blättermantel nahm, wenn sich eine weiße Decke unter ihm breitet. Da erst wird der gleichmäßig schöne Bau der Krone offenbar, dieses Wachsen und Dehnen und Greifen in die Weite und Höhe. Und dazu die graubraune Färbung der schlanken Stämme und Schäfte auf weißem Hintergrunde. Ein köstlich Bild.

Als dritter und letzter einer der geborstenen Riesen des _Weistropper Schloßparkes_, _eine Edelkastanie_. Ihr Geschlecht mag unter all den heimatlichen beachtenswerten Bäumen das älteste sein, bei weitem älter und ehrwürdiger als die dreihundertjährigen Reformationslinden zu Wilsdruff und Wurgwitz. Der Sage nach soll Bischof Benno sie gepflanzt haben; daß die frühmittelalterliche Kirche sich um Pflanzung und Pflege des Weinstocks, der Edelkastanie u. a. verdient gemacht hat, steht außer allem Zweifel. Auch der Miltitzer Schloßpark zeigt stolze alte Bäume dieser Art, sie sollen von Karl v. Miltitz, dem päpstlichen Staatssekretär, gepflanzt worden sein. Wir freuen uns an dem ausgeprägten Artcharakter dieser Stämme, danken der Schloßherrschaft für deren Erhaltung und hoffen, daß diese Bäume uns noch manches Mal Labsal sind auf unsern Heimatwanderungen.

Pflanzt Nußbäume!

(Zu meinem Aufsatze: Erhaltet dem heimatlichen Landschaftsbilde die Alleen und die hervorragenden Bäume)[1]

Von _A. Klengel_

Zu den wertvollsten und malerischsten Schmuckstücken unseres Landschaftsbildes gehören stattliche Walnußbäume, mögen sie nun als Einzelbäume im Garten stehen, den ländlichen Hof beschatten oder als Allee der Dorfstraße das Geleit geben. Der Nußbaum ist aber nicht nur ein ausgezeichneter Schattenspender, sondern durch Frucht und Holz einer unserer wertvollsten Nutzbäume.

Der Umstand, daß sich sein Holz nicht nur für den Möbelbau, sondern vor allen Dingen für die Herstellung von Gewehrschäften ausgezeichnet eignet, ist dem Nußbaum während der Kriegszeit verhängnisvoll geworden. Alle Nußbäume, von einer bestimmten Stammstärke ab, waren beschlagnahmt und viele Tausende fielen der Axt zum Opfer, um das Vaterland verteidigen zu helfen. Empfindliche Lücken wurden dadurch in unseren ohnehin nicht zu hohen Nußbaumbestand gerissen; wir merken die Knappheit am besten an den zu schwindelnder Höhe gestiegenen Nußpreisen.

Es ist eine Pflicht aller heimischer Grundbesitzer, der Anpflanzung von Walnußbäumen erhöhtes Augenmerk zuzuwenden. Die durch den Krieg gerissenen Lücken müssen sich wieder schließen, der Nußbaum muß auch deswegen ausgiebiger angepflanzt und gehegt werden, weil uns Elsaß und Lothringen, die seither einen hohen Prozentsatz des heimischen Bedarfs an Walnüssen und Nutzholz lieferten, verlorengegangen sind. Hieraus ergibt sich ohne weiteres, daß jetzt die Anpflanzung der Nußbäume viel lohnender sein wird als in früheren Jahren. Durch reichlichen eigenen Anbau und eigene Erzeugung von Walnüssen und Holz können wir auch die Einfuhr einschränken und dadurch einer wichtigen vaterländischen Pflicht genügen. Daß wir überdies durch Hegen des stattlichen großlaubigen Baumes auch unser Landschaftsbild verschönern und dadurch dem Heimatschutz trefflich dienen, wurde bereits erwähnt.

Einer ausgiebigen Anpflanzung des Nußbaumes werden mancherlei Bedenken entgegengestellt, die sich aber bei näherer Untersuchung fast durchweg als unhaltbare Vorurteile erweisen.