Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 1-3
Part 7
Die ob der Störung entrüsteten Bürger und Frauen weisen den lärmenden Wächter zur Ruhe. Das ruft den Vorstand auf den Plan. Es entspinnt sich eine regelrechte Verhandlung, in die die Frau Vorsteher, der Kassierer und der Schriftführer, ihre Rechte wahrend, eingreifen. Das erlösende Wort findet der Vorsteher, indem er den draußen Harrenden hereinholen läßt und in ihm Karl Stülpner erkennt. Ihm legt nach der Begrüßung der Verfasser Worte in den Mund, die gerade deshalb, weil sie Stülpner spricht, so überaus ergreifend und wirkungsvoll sich gestalten. Er geißelt die jetzige Zeit mit ihren Irrungen und Wirrungen und leitet so über zu den Vorgängen, die sich nun auf der Bühne abspielen. Im selben Gespräch über die Zeitläufte sind Pfarrer Blüher, der Geschichtsschreiber Geyers, und Evan Evans, der »Vater der sächsischen Baumwollspinnerei«, eingetreten und werden vom Vorsteher mit dem Hinweis auf den Segen, der ihrer Tätigkeit entsproß, eingeführt. Eine mit Bezug auf den Ortsnamen von Stülpner wegen des teuren und schlechten Tabaks angewandte wegwerfende Redensart ruft die darob entrüstete Frau Vorsteher und den Schriftführer auf den Plan, der bewußt seiner Würde das »I« und »Y« im Ortsnamen nicht zu verwechseln bittet.
Da treten aus dem Walde der alte würdige Stadtrichter Lorenz Blumenhöfer mit dem einstigen schwedischen Feldprediger Hollenhagen, dem die Fama allerlei Dinge nachsagt, die aber bei ernstem Geschichtsstudium sich zugunsten Hollenhagens auflösen. So wird auch der Vorsteher belehrt, der bei des Predigers Eintritt sagt:
»Was hat damals durch den einen Toren unser Geyer für wertvolle Urkunden verloren,«
durch den Hinweis, daß er mit den Kirchenbüchern damals zugleich die Namen der Exulanten verbrannt habe, die sich in Geyer und der ganzen Umgegend aufhielten, damit sie nicht in die Hände der Kaiserlichen fielen. Stadtrichter Blumenhöfer leitet ein Verfahren ein, das aber für den Beleidiger durch Einspruch der besorgten Gattin am Ende gütlich beigelegt wird und zur Entschuldigung und stummen Verzeihung führt.
Unterdessen ist auch der Meister Hieronymus Lotter mit seiner Frau Käte, einer geborenen Geyerschen, in den Kreis getreten und findet zum Ruhme des neuen Rathauses treffliche Worte, die durch abschließende, den Blick und die Gedanken aufwärts und vorwärts lenkende Schlußworte des Vorstehers ihren Ausklang finden, und nach denen durch gemeinschaftlichen Gesang des Liedes »O Täler weit, o Höhen« dem Wald als der Quelle des Vermögens der Stadt und der Baugelder zum Rathaus ein ergreifend wirkendes Loblied dargebracht wird.
Und nun bewegten sich die »Gäste« in den Trachten ihrer Zeit mit unter den Festteilnehmern, nahmen teil an deren Fröhlichkeit und sollen auch den Weg nicht allzubald zurückgefunden haben zu den Gefilden, von dannen sie kamen.
Dem anwesenden Verfasser wurde reicher Dank der Festteilnehmer zuteil, der aus dem Herzen kam, da er vielen aus der Seele sprach, da er uns rechtes Heimatleben in Geschichte, Volkstum und Mundart nachempfinden ließ. Unvergessen sind ihm seine entschuldigenden Worte, da Not und Elend die Bewohner des armen entlegenen Bergstädtleins als Hausierer und Bettler und noch Schlimmeres in die Umgegend trieb, unvergessen sein Loblied auf das gewerbfleißige Geyer der Gegenwart, auf die Tatkraft und den Opfersinn der Stadtväter und Bürgerschaft voraussetzende Schöpfung des neuen Rathauses, das ja dem Feste Anlaß und Mittelpunkt war. Wie wußte er Ernst und Humor zu paaren, so daß der über dem ganzen lagernden Feststimmung kein Abbruch geschah. Und die Vereinsleitung weiß dem Verfasser Dank, daß er so bereitwillig seine Weihnachtsferien der einmal gefaßten Idee opferte und ihr behilflich war, das Vergnügen aus der Flut von Vergnügungen herauszuheben als etwas ganz Besonderes, als einen Heimatabend in des Wortes wahrster Bedeutung.
~L.~
=Über Orts-, Straßen- und Hausnamen= lesen wir in der »Schwäbischen Chronik« bemerkenswerte Ausführungen, denen wir folgendes entnehmen: »Zahlreiche neue Siedelungen, namentlich für Kriegsbeschädigte und Kriegsteilnehmer, sind geplant und werden in den nächsten Jahren entstehen. Den schon vor dem Krieg entstandenen wurden teilweise recht inhaltlose Namen gegeben. Entweder waren es Benennungen nach den Himmelsrichtungen (Südheim, Ostau, Westdorf, Nordheim) oder sonstige unschöne Bezeichnungen, wie Fabrikdorf, Hafenau usw. Für die neuen Siedelungen sollten bei der Namensgebung nur bewährte _bodenständige Namen_ Verwendung finden. Am natürlichsten wirken stets die Bezeichnungen, die auf die _alten Flur- und Markungsnamen_ zurückgehen, auf deren Gebiet die Siedlung angelegt wird. Oft läßt sich der Flurname ohne weiteres auch als Ortsname verwenden. Wo das nicht möglich ist, helfen die alten Endungen: -hausen, -hohen, -ingen, -heim, -stetten. Empfehlenswerter als diese Bezeichnungen sind jedoch Endungen, die auch die Lage der neuen Siedelung auf einem Berg, an einem Hang, in der Nähe einer Quelle, am Waldrand, im Wiesental usw. zum Ausdruck bringen. Hier seien nur einige zur Namenzusammensetzung geeignete Wörter aufgezählt: Berg, Eck, Horn, Halde, Bronn(en), Brunn(en), Wald, Busch, Holz, Wiese, Tal, Au, Heide, Ort, Lust. Wo kein passender Flurname vorhanden sein sollte, empfehlen sich Bezeichnungen nach der Lage, wobei sich aus den vorstehend aufgezählten Wörtern sehr klangvolle und ansprechende Namen zusammensetzen lassen: Waldlust, Bergeck, Buschhalden u. a. Zur Namengebung sind ferner die Namen von Tieren oder von Früchten vorzüglich geeignet, die im Siedelungsgebiet besonders stark vertreten sind. Wie vielsagend und anheimelnd wirken Namen wie Fuchsbau, Rehberg, Finkenwiese, Amseleck, Käferholz, Kirschhofen, Dinkelsbühl.
Aber nicht nur für die Siedelung selbst gilt es, schöne und mit der Natur verbindende Namen zu prägen, sondern auch die _Straßen_ in den neuen Siedelungen müssen derartige Namen bekommen. Wie öde wirkt eine Friedrich-, Heinrich-, Olga-, Karl- oder Marienstraße! Hoffentlich werden unsere neuen Siedelungen nicht nur Straßen besitzen, sondern auch kleine einspringende Höfe, Winkel usw. und es werden die daranliegenden Häuser auch mit entsprechenden Namen versehen, z. B.: Im Schwarzhof, an der Waldach, im Winkelgarten, unter den Weiden, beim Apfelnest. Wie noch jetzt auf dem Land jeder Hof seinen besonderen Namen trägt und in den alten Stadtteilen viele Häuser ihre eigenen Namen haben, so sollten auch die Bewohner von Eigenheimen die alte Sitte wieder aufleben lassen und _ihr Heim mit besonderen Namen schmücken_. Wie anders klingt es und um wieviel behaglicher und gemütvoller ist es, im Waldeck, Eichenhof, Fichtenheim, Kirschgarten oder Heidenest zu wohnen, als in der Langestraße Nr. 119 oder in der Kanalgasse Nr. 111!« --
Gedenkblatt zur Erinnerung an die im Weltkriege 1914/1918 Gefallenen
Wir haben bereits in Heft 1/3, Band IX (1920), Seite 53 unserer »Mitteilungen« auf das preisgekrönte, vom Professor Arno _Drescher_ stammende Gedenkblatt hingewiesen. Das Blatt war 120 Zentimeter lang, 74 Zentimeter breit und hatte somit eine Größe, die für viele Vereine ungeeignet war, weil in ihren Vereinsräumen der Platz zur Unterbringung fehlte. Ganz von selbst sind viele Vereine daher auf den Gedanken gekommen, die Felder links und rechts wegzulassen und nur das Mittelblatt, so, wie wir es hier abbilden, sich anzuschaffen. Die Namen der Gefallenen lassen sich in dem freien Felde zugleich mit dem Namen des Vereins unterbringen. Für das Vereinszeichen ist über dem Oval ein Platz gelassen.
Auf diese Weise ist es möglich, in solchen Fällen, wo wenig Mittel zur Verfügung stehen, ein bescheidenes Denkzeichen an die zu errichten, die im Glauben an eine glückliche Zukunft ihres Vaterlandes ihr Leben ließen.
Das Blatt ist zum Preise von 25 Mark durch unsere Geschäftsstelle Dresden-A., Schießgasse 24, I zu beziehen. Eine Bestellkarte liegt bei.
Das Blatt eignet sich zur Anschaffung für Vereine, für Schulen, für Geschäftsräume und macht in geschmackvollem, einfachem Rahmen einen sinnigen, dem Zweck entsprechenden würdigen Eindruck.
Heimatschutz -- Heimatkunst -- Heimatdichtung!
In unzertrennbarer Einheit ranken sich diese drei Kultur- und Kunstbegriffe aneinander empor, heben und stützen sich, um in wechselseitiger Befruchtung und Ergänzung dem einen großen Gedanken zu dienen, die der breiten Masse verlorengegangene Liebe zur Heimat und Scholle wiederzugewinnen, Rückkehr zur bodenständigen Kunst. In trefflicher Weise äußerte sich bereits 1900 der Bahnbrecher und Vorkämpfer der Heimatkunst, der bekannte Dichter Friedrich Lienhardt: »Heimatkunst ist eine Selbstbesinnung auf heimatliche Stoffe; in erster Linie aber ist sie Wesenserneuerung, ist sie eine Auffrischung durch Landluft. Mit dieser Geistesauffrischung wird freilich auch eine andere Stoffwahl, eine andere Sprache und Technik Hand in Hand gehen. Wir wünschen nicht Flucht vor der Moderne, sondern eine Ergänzung, eine Erweiterung und Vertiefung nach der menschlichen Seite, wir wünschen ganze Menschen mit einer ganzen und weiten Gedanken-, Gemüts- und Charakterwelt, mit modernster, und doch volkstümlicher Bildung, mit national- und doch welthistorischem Sinn.« Und der bekannte Literaturhistoriker Adolf Bartels schrieb in gleichem Sinn: »Dilettantische örtliche Kunst ist sie durchaus nicht, sie wendet sich an das ganze deutsche Volk und strebt den strengsten ästhetischen Anforderungen Genüge zu leisten.« Wohl ist die seit Jahrzehnten gestreute Saat prächtig gediehen und hat in weiteren Kreisen Wurzel geschlagen, die große Stunde der Selbstbesinnung auf die Heimat für die breite Masse aber ist noch nicht gekommen, doch liegt sie gewiß nicht zu fern. Alle Gebiete stellen sich dieser großen Bewegung zur Verfügung. Nicht zuletzt die Literatur. Sie stand zwar schon lange, bevor man von einer Heimatschutzbewegung sprechen konnte, in deren Dienst. Die letzten Jahrzehnte aber zeitigten in inniger Liebe und Treue zur Heimat unvergängliche Heimatdichtungen, ganz in Lienhardts und Bartelschem Geist. Wohl jeder deutsche Gau hat seine Heimatdichtungen und -dichter mit mehr oder weniger Berufung zu der hohen Aufgabe, Sänger der heimatlichen Schönheit und Eigenart zu sein. Wir Sachsen haben unter anderem in unserem Gerhard Platz einen geist- und gemütvollen Plauderer und Erzähler. Sein treffliches, mit einem liebevollen Vorwort von Professor Paul Schumann versehenes Buch »Vom Wandern und Weilen im Heimatland« (Dresden, Sächsischer Heimatschutz, gebd. M. 12,--) ist echte geistige Heimat- und Volkskost, deren Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Doch auch andere Verleger und Dichter pflegen mit besonderer Hingabe die »Heimatkunst als Grundlage einer sonnigen und stolzen Höhenkunst gegenüber dem engen und stumpfen Stubenproblem« einer modernen, dekadenten und mißmutigen Kunst. Unserem heutigen Heft liegt ein Verlagsverzeichnis der _Lehmannschen Verlagsbuchhandlung in Dresden-N. 6_ bei, das der besonderen Beachtung unserer geschätzten Leser gewürdigt zu werden verdient. Unter den vielen empfehlenswerten Erscheinungen dieses Verlages, die sich durchgängig bei niedrigem Preis durch mustergültige Ausstattung vorteilhaft auszeichnen, erheischen einige doch besondere Erwähnung. Bünau führt uns mit seinem köstlichen Novellenband »Der Mut des Egidi Duldmann« in eine alte fränkische Stadt am Main. Wohl dem deutschen Nest, das so erlebt wird, wie diese alte Bischofsstadt! Hier zeigt sich echte Meisterkunst in unheimlicher Kraft in Schilderung, Aufbau und Sprache. -- In das jetzt im Brennpunkt der Tagesfragen stehende Oberschlesien versetzt uns Robert Kurpiun mit seinem Roman »Der Mutter Blut« und seinen Novellenbänden »Ultimo« und »Bunt Volk«. Wie keiner vor und neben ihm erschaut er feinfühlig die Seele seines Landes und Volkes und bietet uns in allen seinen Dichtungen eine edle herzerquickende und -stärkende Heimatkost. Jede seiner Dichtungen erringt unser volles Interesse, gleichviel, ob er in seinen Novellenbänden uns Leute aus dem Volke und Mittelstand menschlich liebevoll nahebringt, oder ob er in »Der Mutter Blut« das große deutsch-polnische Rassenproblem anschneidet. Stets bleibt er der »Rosegger Oberschlesiens«, der Sänger seiner Heimat und schenkt uns Dichtungen voll Erdgeruch und Heimatduft. -- In der Bücherei eines jeden guten Deutschen verdient das Buch »Norika« seinen Platz und wird ihr zur Zierde gereichen. Das vor fast hundert Jahren erstmalig erschienene Buch wurde lange für eine echte Chronik aus dem 16. Jahrhundert gehalten, so lebenswahr ist der Ton von Nürnbergs größter Zeit getroffen. Meisterhaft sind die Schilderungen aus dem Kreise Albrecht Dürers, Hans Sachsens, Peter Vischers, Kraffts usw. Diese Ausgabe enthält die Hauptwerke Alt-Nürnberger Kunst in 26 Kunsttafeln. -- Für Dresden und Sachsen haben die Stübelschen Werke, die bei Erscheinen berechtigtes Aufsehen erregten, ganz besonderes Interesse: »Chodowiecki in Dresden und Leipzig«, das Reisetagebuch des Künstlers vom 27. Oktober bis 15. November 1773, und »Goethe, Schuster Haucke und der Ewige Jude«. -- Besonders Bibliophile seien auf die Sammlung »Deutsche Dichterhandschriften« aufmerksam gemacht. Hier ist der schöne Gedanke verwirklicht: einzelne Dichtungen unserer Großen in deren Handschrift wiederzugeben. Bei diesen Bänden spürt man deutlich: nur des Autors Handschrift vermag den Leser in jene persönliche Beziehung zu ihm zu bringen, die der Weg in das Wesen des Dichters ist. Man erhält Einblick in die Eigenart seines Schaffens, in seines Geistes Werkstatt.
Es empfiehlt sich jedenfalls, all diesen Erscheinungen, denen sich außer den vorstehend erwähnten noch manches nicht minder gute Werk aus allen schönliterarischen Gebieten würdig beigesellt, das Interesse nicht zu versagen.
~K. W.~
Bücherbesprechungen
=Wochenabreißkalender »Unsre Heimat« 1921.= Herausgeber: _Sächsischer Pestalozzi-Verein_. Preis M. 6,--.
Kreuz und quer führt uns der nun schon zum vierten Male erscheinende Bildkalender durchs deutsche Vaterland. Mit besonderer Liebe aber verweilt er bei der sächsischen Heimat. Ist’s ein Wunder? Sind es doch lauter sächsische, vorwiegend Dresdner Künstler, die dem Beschauer hier zeigen, was es alles zu sehen gibt in der Nähe und in der Ferne im armen und doch noch reichen Vaterland. Ein rechter Ansporn sind diese künstlerisch hochwertigen Bilder besonders für unsere Jugend, selbst einmal zum Wanderstab zu greifen und auch ihrerseits auf solch glückselige Entdeckungsfahrt auszugehen. Gute und kernhafte Sprüche aus dem Munde großer Deutscher heben den Wert des Kalenders. Auch die Erläuterungen zu den Bildern sind bei aller Kürze ein guter Führer zum Verständnis der dargestellten Landschaft.
»=Wegwart=«. _Jugendkalender des Sächsischen Pestalozzi-Vereins_, 2. Jahrgang 1921. Preis M. 2,80.
Ein rechtes und tüchtiges Büchlein voll Freundschaft und Verstehen fürs Herz der heranwachsenden Jugend. Aufsätze aus der Feder echter Idealisten wie Max Schmerler, Friedrich Richter, Hans Kappler, der Malerwanderer, werden Gutes im Kinderherzen wirken. Und wem lacht nicht das Herz, liest er das prächtige Kapitel von den Christbäumen, die singen können? Treue, gutgemeinte Ratschläge aus der Feder berufner Pädagogen, verständnisvolle Einführung in Naturgeschichte und Sternenkunde, Anleitung zu Handfertigkeit und froher Geselligkeit -- alles so gut und lobenswert. Nur bei dem Kapitel von der Sonnenfreude fiel mir eins auf: »Ohne die Sonne«, steht da geschrieben, »ist der Tod. Alles Bestehende ist ihr Werk.« -- -- -- Und wessen Werk ist die Sonne? Wollen wir nicht an unserm Teil darnach trachten, daß unsre Jugend, unser Volk, auch wieder im Geiste sich dem zuwendet, der die Sonne gemacht?
G. Platz.
_Paul Thomas_, Schuldirektor in Schlettau, »=Kriegschronik der Stadt Schlettau im Erzgebirge=«. Eine Heimatgeschichte der Jahre 1914--1920, zugleich eine allgemeine Geschichte des inneren Krieges. Selbstverlag des Verfassers. Schlettau 1920. Broschiert M. 15,--.
Ein Buch reichen Inhaltes, als »allgemeine Geschichte des inneren Krieges« von Wert über die Grenzen des Städtleins hinaus, dem es geschenkt ward. In schwarzem Band geheftet, passend für die dunklen Tage der trostarmen Gegenwart, aber wie dunkle Abendsonne des versunkenen Tages deutscher Größe und doch wie goldenes Morgenrot besserer Zeiten leuchtet daraus seine goldene Aufschrift. Hätten doch alle deutschen Orte solchen Geschichtsschreiber, der das, was des Einzelnen Heimat in den Jahren 1914--1920 durchlebte, der Nachwelt so festgehalten! Nach Inhalt und Anlage vorbildlich, hat der Verfasser mit ungeheurem Sammlerfleiß alles Denkwürdige zusammengetragen, Großes und Kleines, Ernstes und Heiteres, Erhebendes und Drückendes, beides innerlich verbindend. Sein Werk wird in keinem Schlettauer Hause fehlen dürfen. Aber es ist mehr als Stadtgeschichte, ein Stück Weltgeschichte mit klaren Einblicken ins ungeheure Geschehen und seinen Zusammenhang. Es ist unmöglich, in diesem Rahmen alle Abschnitte des 375 Seiten starken Buches inhaltlich zu besprechen. Wir greifen aus den fast 50 Abschnitten nur einzelne Überschriften heraus, die die Lust zum Lesen besonders anregen: Schlettau in der großen Zeit der Mobilmachungstage, Freiwillige vor!, die Mobilmachung der Phantasie, die Mobilmachung der Frauen, vaterländischer Hilfsdienst, bedenkliche Mobilmachungen, Stimmungsbilder aus dem Stadtleben, Schlettauer Kriegsausstellung (ein bedeutsames und erfolgreiches Unternehmen!). Rathaus, Kirche, Schule, Post, Bahn, Industrie, Handwerk, Handel, Landwirtschaft im Weltkriege werden, zum Teil mit reichen Zahlenangaben behandelt, auch weniger Wichtiges, aber den Einheimischen Interessantes (Vereins- und Wirtshausleben) wird, zum Teil mit gutem Humor, besprochen. Wir erfahren, wie die Kleinstadt die Revolution erlebte. Ein ganzer Teil zeichnet die Not und ihre Hilfe durch die staatliche und private Arbeit in den verschiedensten Vereinigungen. Auch von der Teuerung und dem Kriegssozialismus erhält man, besonders durch die vielen Zahlenbelege und Vergleiche, ein anschauliches Bild.
Der »Kriegschronik von Schlettau« soll bald ein zweites Buch folgen: »Das Heldenbuch von Schlettau«. Eine Kostprobe aus ihm bietet schon der Anhang der Kriegschronik: »Wie unsere Schlettauer ihr Eisernes Kreuz 1. Klasse erwarben«. Darüber wird später beim Heldenbuch selbst zu berichten sein. Für jetzt sei die Kriegschronik von Schlettau, besonders denen in der Stadt und ihrer weiteren Umgebung, warm empfohlen. In den Volks- und Schulbüchereien des Erzgebirges dürfte sie nicht fehlen!
Pfarrer Ernst Seidel, Beiersdorf (Oberlausitz).
=Alt-Bautzen.= Neun Federzeichnungen von Dipl.-Ing. _Hans Richter_. Verlagsanstalt Görlitzer Nachrichten und Anzeiger, Görlitz. Preis M. 15,--.
Die köstlichsten Stadtbilder, Bau- und Kunstdenkmäler vom sächsischen Nürnberg finden wir in dieser Mappe in Schwarz-Weiß-Zeichnungen vereint. In flotter anschaulicher Weise sind sie dargestellt, Heimatbilder von dauerndem Wert, Erinnerungsblätter für alle, die Bautzen lieben ob seiner Schönheit.
_Cornelius Gurlitt._ =Die Pflege der kirchlichen Kunstdenkmäler.= Broschiert M. 14,--, Gebunden M. 19,--.
Im A. Deichertschen Verlage (Leipzig und Erlangen) ist unter diesem Titel ein neues kleines Werk des genannten Verfassers erschienen. Gurlitt, der unermüdliche Vorkämpfer deutscher und insbesondere sächsischer Denkmalpflege, beabsichtigt, wie er im Vorwort ausführt, nicht Kunstgeschichte oder Altertumskunde hiermit zu lehren. Es soll vielmehr das Buch den berufenen Hütern des Kunstbesitzes unserer Kirchen, den Pfarrern und auch den Kirchenvorständen ein Ratgeber und Führer sein in Fällen, wo eine Änderung im alten Bestand der Gebäude sowohl, wie ihrer Ausschmückung sich als nötig erweist. Es soll aber weiter auch darüber hinaus das Verständnis und die Liebe zu diesen Dingen stärken und wecken, eine Mahnung, die gerade in unserer heutigen Zeit des »Fortschrittes« besonders angebracht erscheint. Das kleine Werk wird aber über den bescheidenen, im Titel genannten Rahmen hinaus jedem Freunde und Sammler alter Kunstwerke gar vieles bringen, denn nicht nur der feinsinnige Kunstkenner, sondern ebenso der alte Praktiker der Denkmalpflege spricht hier zu uns.
Der erste allgemeingehaltene Abschnitt des Buches beschäftigt sich mit der Umgrenzung der Aufgaben kirchlicher Denkmalpflege und umreißt in sicheren Linien Fragen der Zweckmäßigkeit und Schönheit im Bau von Kirchen. Das Verhältnis von Künstler und Kunstwerk zur Gemeinde wird weiter dargelegt. Von Fragen des Stils und Geschmacks finden wir gute Worte in den folgenden Kapiteln, in denen auch die Leitsätze moderner Denkmalpflege ausgeführt werden. Vom Werte alten Kunstbesitzes handelt das Schlußkapitel, und wer würde da nicht wünschen, daß Gurlitts schöne Worte: »Ein schlechter Erbe der, der zwar das hinterlassene Gut annimmt, den Geber aber vergißt und ein Gedächtnis verfallen läßt, die mit dem Gute übernommene Verpflichtung nicht durchhält,« in weitestem Maße Beherzigung finden möchten.
Im zweiten Abschnitt ist das wissenswerte über die Organisation der heutigen Denkmalpflege in Kürze für Geistliche und Kirchenvorstände zusammengestellt. Praktische Winke für Bau und Umbau von Kirchen, Wahl des Architekten und dessen Verhältnis zum Bauherrn bilden hier den Hauptinhalt. Der dritte Abschnitt handelt von der Pflege kirchlicher Baudenkmäler gemeinhin, von Bau- und Schmuckmaterialien, von Anlage und Schutz der Friedhöfe, der Gräber und Grüfte. Im vierten Abschnitt endlich gibt Gurlitt aus seiner reichen, lebenslangen Erfahrung als Denkmalpfleger heraus praktische Winke über die Pflege kirchlicher Einrichtungsstücke. Was hier ausführlich behandelt wird, möchte von allen denen beherzigt werden, denen die unersetzlich wertvollen Kunstwerke unseres Kirchenbesitzes anvertraut sind. Denn wieviel wird gerade hier und oft in bester Absicht gesündigt. Falsche Behandlung ist aber zumeist, die neben oft schwerverständlicher Unkenntnis dieser Dinge schon immer den schlimmsten Schaden angerichtet hat, und eindringlich betont Gurlitt immer wieder die Notwendigkeit in schwierigen und in Zweifelsfällen nichts ohne sachverständige Beratung zu ändern, oder zu »verbessern«. Der Wunsch nach einer besseren Überwachung gerade des kirchlichen Kunstbesitzes ist es ja auch vor allem gewesen, der in den deutschen Staaten fast überall und neuerdings auch in Sachsen zur Ausstellung besonderer Denkmalpfleger (Landeskonservatoren) führte.
So erfreulich die Fortschritte sind, die in den letzten Jahren die Bestrebungen der Denkmalpflege und des Hand in Hand mit ihr gehenden Heimatschutzes gemacht haben, so berechtigt erscheint aber auch noch in unseren heutigen Tagen Gurlitts Mahnung im Schlußwort des Werkes: »Erfüllt euch selbst mit der Liebe zur Heimat«.
~Dr.~ _Bachmann_.
* * * * *