Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 1-3

Part 6

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Auf der X. Jahreskonferenz für Naturdenkmalpflege in Berlin berichtete Museumsdirektor Professor ~Dr.~ Mertens, Magdeburg, von der erfreulichen Zunahme der letzten deutschen Biberkolonie, die zurzeit etwa zweihundert Stück zählt. Auf Grund des Studiums alter Akten im Dresdner Hauptstaatsarchiv bin ich in der Lage, einiges über das frühere Vorkommen im Kurfürstentum Sachsen, zu welchem bekanntlich der größte Teil der preußischen Provinz Sachsen zählte, zu berichten. Der Biber kam früher häufig in der Elbe vor und der Biberschwanz galt von jeher als Delikatesse und bildete, besonders zur Fastenzeit, ein begehrtes Gericht an der fürstlichen Tafel. So schrieb 1450 im März Friedrich der Sanftmütige an den Schösser zu Wittenberg: »Wir begern mit fließe, das Du uns ußrichtest vier lebende Lachse, darzu Byberzagel (Biberschwänze), alsuil Du der gehaben kannst und das alles uff den guten Fritag (Karfreitag) gein Missen schickest.« Mitte des achtzehnten Jahrhunderts waren die Biber noch ziemlich häufig in Sachsen. Es war ein besonderer Biber- und Otterfänger angestellt, der seinen Wohnsitz in Hintergersdorf hatte. Er war für die Ämter Dresden, Grillenburg, Freiberg, Frauenstein, Altenberg, Dippoldiswalde, Pirna, Stolpen, Radeberg, Lausnitz, Moritzburg, Hayn, Meißen, Nossen, Hohnstein und Lohmen bestellt. Diese Reviere hatte er jährlich im Frühjahr und Herbst zu begehen und die darin befindlichen Fischottern, Biber, Marder und andere kleinere Raubtiere zu fangen und die Bälge gegen Fanglohn an die Jagdproviantverwaltung abzuliefern. Er erhielt für einen Biber 21 Groschen. An Besoldung erhielt dieser Biber- und Otternfänger außerdem 22 Taler 18 Groschen nebst 6 Scheffel Korn und 10 Scheffel Hafer »vor sich und seine Hunde aus unserm Amt Grillenburg von Quartalen zu Quartalen«. Im Jahre 1764 hatte der kurfürstliche Administrator Prinz Xaver die Einziehung der Stellen der Biber- und Otterfänger beschlossen. Hiergegen macht Oberhofjägermeister Graf Wolffersdorff in einem Schreiben an den Landjägermeister von Herdegen seine Bedenken geltend: »Wasmaßen Ihro der Chur-Sachsen Administratoris Prinzen Xaveri, Kgl. Hoh., vermittelst des unterm 14. April a. c. an mich erlassenen höchsten Special-Resoripts, die Einziehung aller Biber- und Fischotter-Stellen, und dagegen die Wegfangung der Biber und Fischotter durch die Revier-Forstbediente, gegen Reichung derer geordneten Jäger-Rechte, gnädigst resolviert und anbefohlen, solches ist Meinem hochgeehrtesten Landjägermeister bereits bekannt. Ob ich nur zwar um dahero, weil der Entzweck durch die Revier-Forstbediente, welche mit deren anvertrauten Holz- und Jagdrevieren genug zu tun haben, und diese, wenn sie an denen Wässern sich aufhalten und denen Raubtieren nachtrachten sollen, notwendig vernachlässigen und viele dem höchsten Interesse nachteilige Folgerungen daraus erwachsen müssen, höchsten Orts unterthänigste Vorstellung getan und Resolution annoch erwarte; So wolle dieselbe jedennoch, damit besonders denen Fischottern aller möglicher Abbruch getan werde, solchen nicht nur selbst nachzutrachten, sondern auch genante untergebene Forst-Jagdbediente dessen, und daß sie die Biber und Fischotter auszumachen und besonders die letztere durch Schießen und Fangen möglichst zu tilgen sich alle Mühe geben, dargegen Einlieferung derer Bälge die gnädigst geordnete Auslösung oder Jägerrecht an 21 gr. vor 1 Biber und 21 gr. vor 1 Fischotter aus der Jagdkasse erhalten, hiernächst den Bibern zwar ebenfalls möglichst nachtrachten und solche auszumachen suchen, jedoch aber diese nicht anders als auf besondre Verordnung, maßen selbige zur Versorgung ihrer höchsten Herrschaftstafel gehörig, schießen oder fangen, und dahero sobald einer oder der andre einen Biber ausgemacht, solches zur Wildmeisterei rapportieren und fernerer Verordnung erwarten solle, zu bedeuten, übrigens aber, wenn dergleichen Biberbaue, und besonders diejenigen, welche den Dämmen und Wassergebäuden nachteilig von den Forstbedienten angezeiget werden, desfalls alsbald Bericht an mich zu erstatten, daferner aber einer etwa während nächst bevorstehender 1765ster Fastenzeit ausgemacht werde, solche frisch und gut zum Provianthause anhero einzuliefern belieben, da ich dann wegen dessen Einlieferung zur höchsten Tafelversorgung fernerer Verfügung zu treffen unvergessen bin; ich aber verharre als usw. Graf Wolffersdorff.« Ein schönes Beispiel für den damaligen schwulstigen Kurialstil!

Ein weiteres Schreiben vom Dezember 1771 des Oberhofjägermeister Grafen Wolffersdorf beweist, daß die Schädlichkeit der Biber noch nicht abgenommen hatte, daß im Gegenteil an den Elbdämmen von ihnen großer Schaden angerichtet wurde. Er fordert daher zu weiterer Vertilgung auf: »Nachdem sich bei der unlängst erfolgten Lokalbesichtigung der Elbdamm- und Uferbaue ergeben, wie an denen Dämmen besonders durch die vielen Einbaue der Biber großer Schaden geschieht, und dadurch zum Teil die wichtigsten Damm-Baue dergestalt mitgenommen werden, daß hernach bei eintretendem großen Gewässer solche dem Strom Widerstand zu leisten außer Stande wären. Und dann Ihro Churf. Durchl. gnädigst anbefohlen, da diesem Uebel zu steuern die Notdurft um so mehr erfordere, je wichtigere Rücksicht auf Unterhaltung der mit so beträchtlichem Aufwand zu errichtende Dämme und Wasser-Gebäude zu nehmen sein wolle, daß zumalen Höchstdieselben vorgetzt wegen des Damm- und Uferbauwesens in dero Landen eine gewisse Einrichtung zu treffen gemeinet, die Biber überall wo solche Schaden verursachen könnten, soviel nur immer möglich vertilget werden sollen; also wollen meine hochgeehrte Herren in Conformität dieses Höchsten Befehlnisses an gesamte untergebene Jagd- und Forstbediente die ernstlichste und gemessenste Verordnung zu thun belieben, daß solche denen Bibern besten und möglichsten Fleißes nachtrachten und soviel nur immer thunlich an Orten, wo sie besonders Schaden thun, zu vertilgen suchen, auch wo sich solche spüren und bemerken lassen, im Revier ein Nachbar dem andern Nachricht geben sollen. Ich aber beharre usw. Graf Wolffersdorf.«

Döbel in seiner »Jägerpraktika« bemerkt mit Bezug auf den Biber, nachdem er einige Fangmethoden besprochen hat: »Dieses sei nun genug von Fangung dieses Amphibii.« Der Umstand, daß der Biberschwanz mit Schuppen bedeckt ist, verursachte damals die unsichere Stellung des Bibers im zoologischen System. Der Biberschwanz wurde infolgedessen mit Fischfleisch auf eine Stufe gestellt und konnte in der Fastenzeit gegessen werden. Über die Zubereitung dieser Delikatesse schrieb v. Fleming[5] folgendes: Schneide den Biberschwanz als _wie einen Karpfen_ in Stücke, setze Wasser aufs Feuer, damit es siede, schüttet auch Salz hinein, aber nicht soviel als wie bei einem Karpfen. Werfet auch unter dem Sieden ein Stückchen Butter dazu, maßen dieser Biberschwanz nicht so weich ist als andre Fische (!). Es ist auch dieser Handgriff der wahre Vorteil alle harten Fische weich zu machen. Ist nun der Schwanz gesotten, so seihet das Wasser rein ab, thut ihn in ein castrol, gießet ein wenig Brühe, Wein und Essig dazu und lasset es kochen, schüttet auch Pfeffer, Ingwer, geriebene Semmel, Citronen-Schale, Butter, Safran und Zucker hinein, und lasset alles wohl durch einander kochen. Setzet gedachten Biberschwanz hernach auf ein Feuer, damit er ganz allmählich koche.

[5] Der vollkommene teutsche Jäger. Leipzig 1719.

Frau Lina Hähnle,

die Begründerin und erste Vorsitzende des _Bundes für Vogelschutz_, dessen Mitglieder über alle Gaue Deutschlands und weit über dessen Grenzen hinaus verbreitet sind, feierte am 3. Februar ihren 70. Geburtstag. Es ist eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn wir aus Anlaß dieses Festes der verdienstvollen, in allen Naturschutzkreisen wohlbekannten Frau ein paar Zeilen widmen.

Frau Hähnle entstammt, wie schon der Name andeutet -- sie ist auch eine geborene Hähnle -- einer alteingesessenen Schwabenfamilie. Der Vater, Salinenbeamter, anfangs in Schwenningen, später in Sulz, Rottmünster und Hall, verstand es, schon in dem Kinde die Liebe zu der belebten Natur dieser anmutigen ländlichen Gegenden zu wecken und ihm die gediegenen Kenntnisse zu vermitteln, auf die sich später die Ausübung des Naturschutzes gründen konnte. Mit neunzehn Jahren heiratete Lina Hähnle ihren Vetter Hans Hähnle, dessen rastlosem Fleiß es gelang, seine Fabrik in Giengen a. d. Brenz aus kleinen Anfängen zur Weltfirma zu heben. Sechs Kinder sind der Ehe entsprossen. Wie Frau Hähnle diesen eine treusorgende Mutter war, wie sie das ganze große Haus, in dem zahlreiche Gäste allezeit ein- und ausgingen, tatkräftig leitete, in Küche und Keller waltete, im Viehstalle und auf ihrem geliebten Geflügelhofe selbst Hand ans Werk legte, kann hier nicht näher geschildert werden. Noch im Frühjahr 1918, als die »Leutenot« am größten war, hat die 67jährige Frau mit eigener Hand stundenlang das Gespann mit der Egge über die Saat geführt, gewiß ein Beweis ihrer eisernen Willenskraft und unversiegbaren Arbeitsfreude. Ohne diese Eigenschaften hätte sie ihr besonderes Werk, dem sie sich erst zuwandte, als sie bereits auf der Höhe des Lebens stand, nicht durchführen können.

Sie gründete im Jahre 1899 den »Bund für Vogelschutz«. Schon wenige Tage, nachdem ihr Aufruf erschienen war, hatten sich tausend Freunde der Vogelwelt um sie geschart, und dieses Häuflein wuchs von Jahr zu Jahr. In allen Kreisen fanden die Bestrebungen des Bundes Eingang und freudige, ja begeisterte Zustimmung. Heute gehören rund 42000 Mitglieder dem Bunde an, sie verteilen sich auf etwa 500 Ortsgruppen. Wie wuchsen mit dieser Zahl die Arbeiten und Aufgaben! Wir erinnern nur an die vielen Flugblätter, die von Stuttgart aus in die Welt flatterten, an die zahlreichen Vortragsreisen, die Frau Hähnle persönlich unternahm -- auch unser Verein durfte sie am 22. Januar 1913 in seiner Mitte begrüßen -- an die Fabrikation und den Versand von Nisthöhlen, Futterhäuschen und dergleichen, an die vielen Eingaben, die dem Vogelschutz auch bei den Behörden immer mehr Geltung zu schaffen suchten, besonders aber an die Einrichtung von ungefähr sechzig größeren und kleineren Vogelschutzgebieten, darunter die Erwerbungen Hiddensee auf Rügen und die Mellumplatte vor der Wesermündung, wo mehrere sehr seltene Vogelarten, z. B. die Brandseeschwalbe, der Steinwälzer, der Säbelschnäbler vor dem Untergange bewahrt wurden. Auch die Gründung des »Deutschen Vogelschutztages«, die Frau Hähnle im Verein mit Professor ~Dr.~ Guenther in Freiburg in die Wege leitete, ist ein besonderes Verdienst der zielbewußten Frau. Wie schon ihr Mann, Kommerzienrat Hähnle, allen diesen Bestrebungen Teilnahme und Verständnis entgegenbrachte und sie durch Gewährung reicher Mittel in wahrhaft großzügiger Weise unterstützte, so ist auch ihr Sohn, Herr Ingenieur Hermann Hähnle, gewissermaßen die rechte Hand der Mutter geworden. Hervorragend sind dessen Aufnahmen von Tieren in freier Natur; besonders versteht er es, mittels eines von ihm erfundenen Fernapparates Laufbilder auf den Filmstreifen zu bringen, die in ihrer Schönheit und Naturtreue einzig sind. Wem es vergönnt war, die Laufbilder zu sehen, die Unterzeichneter an oben genanntem Tage in unserm Verein vorführen und erläutern durfte, der wird sich noch heute mit Vergnügen dieser wundervollen Aufnahmen erinnern. Es ist eine Riesensammlung von Lichtbildern, die Herr Ingenieur Hähnle teils selbst aufgenommen, teils von hervorragenden Naturphotographen erworben hat. Wieviel Tausende von Naturfreunden, wieviel Tausende froher Kinder haben diese Bilder entzückt und begeistert!

Frau Hähnle hat sich aber keineswegs darauf beschränkt, nur die Vogelwelt zu hegen und zu pflegen und seltene Vogelarten zu erhalten. Dem ganzen Naturschutz bringt sie das wärmste Interesse entgegen. Schon seit längerer Zeit hat der Bund ein größeres Banngebiet am Federsee bei Buchau in Württemberg erworben und das stattliche Gewässer nach jeder Hinsicht durchforscht, worüber eine eingehende Abhandlung des Bundes Aufschluß gibt. Auch Aufnahmen in fremden Ländern hat Frau Hähnle noch während des Weltkrieges ermöglicht, so prachtvolle Bilder von Edelreihern in der Dobrudscha und von Wisenten in den Wäldern von Bialowics, Urkunden von unersetzlichem Wert.

Möge die seltene Frau, deren vielseitiger Arbeitskraft man die Siebzig nicht anmerkt, noch manches Jahr in Rüstigkeit ihr Amt verwalten, der deutschen Vogelwelt und damit der deutschen Heimat zum Segen, uns allen aber, die sie kennen und verehren, zur Freude! Das ist der Wunsch von vielen Tausenden.

Martin Braeß.

Oberlehrer Bruno Lange, Strehla a. E. †

Ein wertvoller Freund und eifriger Arbeiter für den Heimatschutz ist mit Bruno Lange dahingegangen. Gerade am Weihnachtsfeiertag hat den noch nicht Sechzigjährigen die Stadt Strehla, in der er lange Jahrzehnte als Lehrmeister für Jung und Alt erfolgreich gewirkt hat, unter dem schönen, vollen Geläut ihrer Glocken zur Ruhe geleiten müssen. Der lange, feierliche Zug der Leidtragenden -- Schüler und Lehrerschaft, Vereine, Feuerwehr und Bürger aller Kreise -- brachte dem Städtchen wohl noch einmal zum Bewußtsein, daß es einen allbeliebten Bürger, eine Persönlichkeit von Wert, verloren hatte. Den Trauerkränzen, die heute Langes Grabstätte bedecken, will der Sächsische Heimatschutz einen Strauß aus Immergrün und Heimatblumen beilegen, wie sie der Verblichene selbst am liebsten gesucht und gepflückt hat.

Bruno Lange war vom alten Schlage, fleißig und zuverlässig, bieder und schlicht, vaterlandstreu und heimatlieb. Was der Arbeiter des Heimatschutzes vor allen Dingen braucht: ein warmes treues Herz und ein offenes suchendes Auge, damit war Lange wohlgerüstet. So verstand er auch die bescheidenen Werte und Schönheiten der flachen Landschaft zu finden und zu würdigen. Es trieb ihn, seine Freude am schlichten Schönen mitzuteilen, sie seinen Schülern in mannigfaltigem _Unterricht_, bei _Anleitung zur Handfertigkeit_, beim Spiel und auf _Spaziergängen_ anzuerziehen und auf die Öffentlichkeit aufklärend und anregend zugleich einzuwirken durch _öffentliche Bildvorträge_, durch _Veröffentlichungen im Ortsblatte_ und durch _Anregungen in Vereinen_ und _in der Stadtvertretung_. Eine Reihe guter _Ansichtskarten_ von Strehla, die im Geschmack den bekannten Karten des Landesvereins nahekommen, ist auf seine Veranlassung in den Ortshandel gebracht worden. Alle solche Unternehmungen führte er durch in uneigennütziger Liebe zum Heimatstädtchen, ohne persönliche und geldliche Opfer zu scheuen.

Langes Freude am Schönen, sein Interesse war nicht engbegrenzt und einseitig auf das Heimatliche gerichtet -- er verstand seinen Interessen- und Erfahrungskreis weit über das Durchschnittsmaß zu erweitern und zu vertiefen durch _große Ferienreisen_ auch außerhalb Deutschlands: nach Skandinavien, Finnland, Rußland, dem Balkan (Ungarn, Siebenbürgen, Bosnien Herzegowina, Montenegro, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Konstantinopel), Nordafrika, nach Italien und nach der Schweiz. Diese Reisen hat er als schlichter Wanderer mit bescheidener Ausrüstung, aber mit um so köstlicherem Humor durchgeführt. Was er alles dabei gesehen und erlebt, schrieb er in mustergültiger Kurrentschrift nieder und hat wiederholt darüber an Hand von Lichtbildern öffentlich berichtet -- die Kriegsjahre brachten ihm dazu manchen Anknüpfungspunkt.

Die Kenntnisse ferner und fremder Schönheiten konnten Bruno Langes Liebe zur engen Heimat, seine Freude am Heimatschutz, nur vertiefen. Es mag sein, daß seine fleißigen Arbeiten im Sinne des Heimatschutzes mehr ein örtliches als ein weitergehendes Interesse gefunden haben -- möglich auch, daß Lange dieses letztere gar nicht gesucht hat. Es befindet sich aber in seinem Nachlaß fein säuberlich geordnet ein Stoß von _ausgearbeiteten Aufsätzen_, die eine weitere Würdigung wohl verdienen. Abgesehen von seinen vielen _Reiseberichten_ und von einigen _Arbeiten volkstümlichen_ und _vaterländischen Inhaltes_ fand ich die Entwürfe zu _drei Werbevorträgen_ für den Heimatschutz und ferner folgende _Reihe von ortskundlichen Aufsätzen_:

Strehla a. d. Elbe. -- Aus Strehlas Vergangenheit. -- Schloß Strehla. Flurnamen von Strehla und Umgegend. Was man sich vom Nixstein erzählt. Hochfluten der Elbe im 18. und 19. Jahrhundert. Der niedrigste Wasserstand der Elbe 1904. Wo und wie der erste Schuß im 1866er Kriege fiel. Die alte Heidenschanze bei Görzig. Auf vulkanischem Boden (im Görziger Steinbruche). Was uns die Leckwitzer Sandgrube erzählt. Der Käferberg bei Zaußwitz. Der Große Steinberg bei Clanzschwitz. Geologische Streifzüge durch unsere Heimat. Die Schlacht bei Mühlberg 1547.

Dazu:

Anleitungen zu Spaziergängen an der Elbe, in die Sandgruben, auf den Käferberg, auf den Großen Steinberg, auf die Liebschützer Höhe und auf die Weidaer Höhe beim Ganziger Steinbruche.

Mag auch vielleicht der Stoff der Aufsätze mitunter etwas schulmäßig und trocken behandelt erscheinen, es steckt doch viel darin, was mehr wert ist, als weiter im bloßen Familienbesitz oder vielleicht einmal in einer Schul- oder Ortsbücherei vergraben zu bleiben. Es ist zu hoffen, daß sich noch Gelegenheit findet, den oder jenen Aufsatz oder Bruchstücke daraus in den Mitteilungen des Heimatschutzes eingehender zu würdigen.

Das letzte, was Bruno Lange wohl veröffentlicht hat, ist ein Büchlein »_Strehla im Weltkriege_«. Der Großstädter lächle nicht über das Thema. Strehla ist ein Städtchen von nur 3400 Einwohnern und hat eine stattliche Zahl von Söhnen ins Feld geschickt, von denen nach Langes Feststellungen 125 Mann gefallen sind; im ganzen hat Strehla mit acht Nachbardörfern 159 Söhne verloren. Und wenn Langes Büchlein allein diesen 159 Mann gewidmet wäre, dann wäre es schon wert, gewürdigt zu werden und Nachahmung zu finden. Es sind aber in dem Heftchen eine Reihe von Einzelheiten ernster und auch humoristischer Art enthalten, deren Aufzeichnung für die Ortsgeschichte wertvoll ist.

Den gefallenen Kriegern zu Ehren einen _Heldenhain_ auf dem Gelände des alten Friedhofes zu schaffen, war eine von Langes Lieblingsideen; leider hat die dafür geleistete Vorarbeit bisher zu keinem greifbaren Ergebnis geführt.

Bei allen solchen Bestrebungen, die Lange doch mit der Öffentlichkeit in Berührung brachten, blieb er stets der Schlichte, Bescheidene; all dies Schaffen atmet Heimattreue und Heimatliebe und Dankbarkeit für das, was die Heimat gewährt. Nun ist es an der Heimat, ihm dankbar zu bleiben für das, was er außerhalb der Lehrtätigkeit für ihre Würdigung und zur Pflege der Ortskunde und des Heimatschutzes gearbeitet hat.

Für die schöne Aufgabe, Heimat- und Ortskunde und Ortsgeschichte zu pflegen, zu überliefern und das Interesse dafür wachzuhalten, ist, vornehmlich in ländlichen Orten, neben dem Ortsgeistlichen kein anderer besser geeignet wie der Ortslehrer, weil er alle Fäden, die es zu verknüpfen gilt, am ehesten zu suchen und zu erfassen vermag. Möchte die Lehrerschaft nicht müde werden, sich diesen wertvollen und dankbaren Aufgaben zu widmen.

_Arndt Ludwig._

»Gäste«

Ein Intermezzo von _E. Finck_, Annaberg

In unserem Bergstädtlein Geyer, das durch seine sonnigen Bilder den Naturfreund zu sich lud, ist es im Erzgebirgsverein seit seinem ersten Vergnügen im Jahre 1907 zur Überlieferung geworden, daß dieses eine Saalvergnügen im Jahre einen Höhepunkt bedeute. Im Sinne der Bestrebungen des Heimatschutzes haben wir uns immer angelegen sein lassen, durch die Idee des Festes, den Inhalt der Einladungen und die Darbietungen des Abends echt heimatlich bodenständig zu bleiben. Die Idee durfte nur erzgebirgisches Leben, einheimische Sitten und Gebräuche zu ihrer Grundlage haben. Wir erreichten dies durch die »Schinnelbacher Kirmes«, »Eigeschneit in der böhmschen Mühle«, »Sommerausflug nach dem Fichtelberg«, »Wintersportfest«, »Rockenabend« und anderes. Auf die Idee und die Absicht der Veranstalter wies immer die »Eiloding« hin, die überhaupt den Auftakt zum Vergnügen fürs Städtlein bedeutet. Und die Darbietungen im Einzelvortrag zur Laute und im Chor umrahmten einen der derb-humoristischen Einakter oder einen dem Feste entsprechenden Reigen unserer Damen. Nebenher gingen Verlosungen und Glücksradserien, zu denen uns die »Volkskundliche Bude« des Landesvereins wertvolle Anregungen und Jahr für Jahr die wohlgelungenen Auswahlsendungen bot. Wir können immer nicht genug Nieten schaffen, so begehrt sind Lose und Gewinne!

Die Dezembertage des Vorjahres brachten uns nun die Einweihung unseres neuen Rathauses und somit die Idee unseres ersten Vergnügens im neuen Saale: »Alt-Geyer in neie Rathaus«.

»Mr hobn uns nu gedacht, wos de altn Geyerschen fir Aagn machn tätn, wenn die itze noch emol of dr Walt käme, wenn die ’s neie Rathaus un ’s Staadtle sahe tätn, un weil mr alle ’s Maul un de Nos ewing aufsperrn warn, denkn mr uns alle in dar Roll dr altn Geyerschen nei un feiern unner Fast: ›_Alt-Geyer in neie Rathaus_‹« sagte die »Eiloding«.

Und wie hatten sich alle in ihre Rollen hineingedacht. Allen Anregungen der Veranstalter war man bereitwilligst nachgekommen. Über Empire- und Biedermeierzeit, zur Urgroßmutter- und Großmutterzeit war so manches Belegstück vergangener Mode ans Tageslicht gezogen worden. Typische Handelsleute des Obererzgebirges, Bergleute, Bergherren, Postillion und Vertreter der klassischen Zeit -- alle hatten den Ruf vernommen, so daß die, welche die Gegenwart in nüchterner Ballkleidung verkörperten, in der Minderheit blieben. Fast eine Stunde dauerte der Eintritt immer neuer Typen, bis endlich auch die »Tante aus Drebach« mit gestickter Reisetasche, Mantille und vorsintflutlichem Regenschirm sich eingefunden hatte, und eine Sänger-Knappschaft durch frischen »Glückauf«-Gesang und geschickt geführten Aufmarsch den ersten Teil des Abends beendete.

Jetzt kam die Jugend zu ihrem Rechte und tanzte nach alten schönen längst verklungenen Weisen die Tänze unserer Väter und der eigenen Jugend, wie schwer es manchem der heutigen Jugend auch gefallen sein mag, um den die Mitte des Saales einnehmenden Kachelofen mit Ofenbänken, der nun auch dieses Fest mit erleben durfte.

Unterdessen bereitete sich im Stillen der Höhepunkt des Abends vor. Die »Eiloding« verkündete

»Mr kenne Eich aa verrotn, doß dr alte _Lotter_ ’s neie Rathaus asahe will mit seiner Fraa, die doch aa e geburne Geyersche is, vun alten Bauer -- Gott hobne salig -- de Ältste. Un dr _Evans_ will kumme, dr Stülpner-Karl is aa in dr Näh, un de altn Geyerschen Stadtrichter, dr _Blüher_ un dr _Blumenhöfer_, hom aa schie zugesaht.«

Ein paar einführende Worte des Vorstehers, darauf Lautenklang und Gesang der Hauskapelle, und nun als Mißklang an der Saaltür laute Stimmen, Wortwechsel eines, der ohne Festkarte Zutritt haben will, mit dem Wächter, der doch endlich sich zu beruhigen scheint und mit lauter Stimme und Kuhglocke den Vorstand ruft. So beginnt die feine wohldurchdachte Arbeit unseres Führers in volkskundlichen Dingen im Obererzgebirge, des Leiters des Erzgebirgs- und Altertumsmuseums in Annaberg, des Herrn Oberlehrer _E. Finck_. »Gäste« nennt er sie, »ein Intermezzo, das mitten in die Geyersche Gesellschaft hineingreift.«