Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 1-3
Part 5
Dann fliegt unser Blick noch einmal hinauf zu den Felsschroffen, die dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem Waldesdunkel schimmernd emporsteigend. Wir schreiten weiter am Wiesengrund. Weiß glänzen die Stämme der Birken am Wege, und die Felsen entwickeln sich zu einer langen gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, scharfen Spitzen und Kanten nackt und kahl, nur mit dem bunten Gewande der Farbe bekleidet, aus dem Walde aufragt. Der Reichtum der Farben, der je nach Beleuchtung wechselt, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, die Wiese oder die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem Bilde einen besonderen überraschenden Reiz. Wie ein tiefes, tiefes, weiches buntgesticktes Kissen ist die Wiese mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man sich hineinschmiegen möchte. Es plaudert der Bach an unserer Seite, und Birken und Erlen streuen ihren Schatten auf Weg und Wiese und flüstern im weichen Sommerwinde von den alten Geschichten, die hier geschehen. Denn dort drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen, der gar vieles erzählen könnte. Er ist aber ein rauher, schweigsamer Geselle, der seine Geheimnisse wohl hütet und das junge Volk der Pflanzen und Bäume raunen und flüstern läßt. In seine Felsenstirne zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen Runen. Was ist da Menschenleid und Menschentat, was sind da die Geschlechter der Menschen, die hier vorüberschritten, was ist da Jugend und Alter? Gras, das zu seinen Füßen wächst, Bäume, die an ihm wurzeln und abgehauen werden, wieder kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! Er schweigt und läßt die Sagen und Geschichten, welche aus Dickicht und Höhlen und Löchern hervorkriechen, wie Spukgestalten ihres Weges ziehen, schweben und zerflattern in Wind und Nebel und dem Rauschen des Waldes, daß niemand sie fassen kann, sondern nur ein unnennbares, unbestimmbares Grausen unheimlich um den Felsen schleicht.
Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange des Tales. Der Weg steigt wieder an und löst sich vom Talgrund. Unter schönen alten Fichten, aus dunklem Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen Gründe, die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne, wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. Der Bach ist ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem sich Wolken und Bäume spiegeln.
»Ich stehe in Waldesschatten Wie an des Lebens Rand, Die Länder wie dämmernde Matten, Der Strom wie ein silbern Band.«
Ein langer Blick dann zurück in das stille Tal Eden, das wir nun verlassen, und es geht uns durch die Seele ein Klang der Sehnsucht:
»Du bist Orplid, mein Land, Das ferne leuchtet!«
Bald treten wir aus dem Walde auf kahle Höhe mit weitem Fernblick, und dann fliegt das Rad hinab in das Dorf Colmnitz, dessen Höfe sich rechts und links von Bach und Straße, unter Eschen und Birken, oft in malerischer Lage und Gruppe siedeln. Doch wir sind noch wie im Traume. Wir achten nicht viel, nicht so wie sonst, auf jedes Haus und jede Gruppe von Bäumen und Bauten, auf jede Eigenheit der Bauart oder neckischer Laune. Wir sind im Leben draußen, aber unsere Seele weilt noch dort drüben im stillen Tale, wo die Welt schweigt, sie wandert noch auf dem silbernen Steg in den Elfenwiesen, an deren Rand die dunklen Fichten Märchen träumen und wo um die Felsen geheimnisvoll die Sage raunt.
Colmnitz liegt hinter uns. Von der Höhe schauen wir noch einmal lange über den weiten Acker, über das Dorf hinweg, das sich mit seinen Häusern fast versteckt und tief in das Tal duckt. Dort drüben liegt der Wald im blauen Dufte, dort drüben, das Tal, dort drüben -- dort drüben --
* * * * *
»Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus!«
Gauernitz
Von _A. Klengel_, Meißen
Ein herrliches Stück Heimat zeigt sich dem Wanderer, der die neue Hochuferstraße von Niederwartha abwärts zieht oder an sonnigem Sommertage mit dem Elbdampfer an Gauernitz und Scharfenberg vorüberfährt. Zwei starke Gegensätze bieten sich hier seinem Auge. Hoch oben auf schroffem Berge liegen die Mauern der altersgrauen Feste Scharfenberg. Unten im Tale dagegen lugen die feingegliederten Renaissancegiebel des Schlosses Gauernitz zwischen den Baumriesen des Parkes hervor. Jedes kriegerischen Schutzes bar liegt das anmutige Schloß frei inmitten grüner Matten, dicht am Ufer des Elbstromes als ein Bild des Friedens. Es zeigt in seiner architektonischen Schönheit gar deutlich, daß es in einer späteren Zeit entstanden ist, die nichts mehr von den kriegerischen Drangsalen alter Tage wußte, die einst den trutzigen Nachbar auf steiler Bergeshöhe umbrausten.
Auf uraltem Kulturland stehen Schloß und Dorf Gauernitz. In der Umgebung aufgefundene vorgeschichtliche Überreste, so von einem in Sachsen äußerst seltenen sorbischen Skelettgrab neben der Gauernitzer Ziegelei, deuten darauf hin, daß die Landschaft spätestens in der Sorbenzeit besiedelt wurde. Auch der Name der Siedlung selbst läßt auf sorbische Gründung schließen. Er geht auf die Wurzel ~jawor~, Ahorn, zurück und bezeichnet einen mit Ahornbäumen bestandenen Ort. Die Gestalt des Namens ist im Laufe der Jahrhunderte manchem Wechsel unterworfen gewesen. In Urkunden aus den Jahren 1312, 1348 und 1397 lautet er in seinen ältesten Formen Jauernycze und Jauernyk, 1402 Jauwirnicz, 1468 Yawirnicz, später Jevernitz und dann Gavertitz, Gäwernitz oder Gävernitz; die letzte Form blieb bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts erhalten und ist heute noch auf manchen Karten neben dem jetzigen Namen verzeichnet.
Alte Berichte nehmen an, daß das Schloß Gauernitz an der Stelle einer alten Sorbenburg stehe. Diese Vermutung ist jedoch urkundlich nicht zu belegen. Möglich ist es aber immerhin, daß nach der Rückeroberung des Landes die Germanen an dieser Stelle einen festen Waffenplatz, einen Vorläufer des heutigen Schlosses, angelegt haben. Diese Vermutung gewinnt dadurch noch an Wahrscheinlichkeit, daß Gauernitz an der Grenze der alten Gaue Nisani und Daleminza liegt, deren Grenze sich im Tale der Wilden Sau entlang zog, eines Baches, der bei Gauernitz in die Elbe mündet. Die älteste urkundliche Nachricht über Gauernitz stammt aus dem Jahre 1312. 1360 war es Meißner Burggrafenlehn; als damalige Lehensträger werden die Brüder Nikolaus Wyrand und Michael Ziegler genannt. Bis zum Jahre 1595 blieb Gauernitz, wenn auch mit kurzen Unterbrechungen, im Eigentum dieser Familie.
Die Ziegler stammten aus dem Goslarer Gau im Harz. Die Kunde vom Aufblühen des sächsischen Silberbergbaues hatte sie, gleich vielen andern Harzer Bergleuten, in unsere Heimat gelockt. Durch glückliche Funde im nahen Scharfenberger und im Freiberger Bergrevier zu Reichtum gekommen, waren sie bald im Besitze ansehnlicher Güter. Hochangesehene und fromme Männer sind aus diesem alten Geschlechte, das heute noch in der sächsischen Lausitz blüht, hervorgegangen. Den Herren von Ziegler verdankt die Herrschaft Gauernitz ihre Entwickelung und Größe. Sie erwarben im 14. Jahrhundert u. a. Dorf und Vorwerk Constappel, welche früher zum Teil in das bischöfliche Gericht Briesnitz und zum Teil in das Dresdener Amt gehörten. Durch weitere Zukäufe vergrößerte sich der Besitz, so daß schließlich zu dem altschriftsässigen Rittergute erbgerichtlich die Dörfer Constappel, Pinkowitz und Kleinschönberg, sowie Teile von Pretzsch, Leuben und Weitzschen gehörten. Wygand, ein Sohn Wyrands von Ziegler, war zugleich Besitzer von Pillnitz.
Im Jahre 1397 wurde zu Aller Seelen Ruhe eine Frühmesse in der dem heiligen Nikolaus geweihten Wallfahrtskirche zu Constappel gestiftet und von den »frumben Herren gesessen zu Gävernitz« konfirmiert. Wygand starb 1459 zu Gauernitz, wo sein Bruder bereits 1436 verstorben war. Beide ruhen in Constappel, wohin sie zu Ehren der Himmelskönigin viele Stiftungen gemacht hatten. Die Pfarrgründe wurden erweitert, »da sie gar viel auf die Pfaffen hielten«, wie der Chronist berichtet. An der Kirche zu Constappel sind noch die Grabplatten von Gliedern des alten Geschlechtes erhalten. Im Jahre 1517 verstarb Christoph von Ziegler, der ein besonderer Freund Georgs des Bärtigen und dessen Amtmann zu Meißen war. Ein Epitaphium aus Messing im Dom zu Meißen erinnert noch an diesen Mann. Er war der letzte katholische Besitzer von Gauernitz; seine Söhne schlossen sich der lutherischen Lehre an. Fast will es scheinen, als ob damit das Glück aus der Familie gewichen wäre; Christophs Enkel schon konnte das stark verschuldete Erbe nicht mehr halten und war gezwungen, es 1595 an Kaspar von Pflugk aus dem Hause Zabeltitz zu veräußern.
Bis 1648 gehörte Gauernitz den neuen Besitzern; in diesem Jahre brachte es Sophie von Zabeltitz dem Heinrich Gerhardt von Miltitz in die Ehe. Bei der Vermählung der Enkelin Johanna Magdalene war es wieder Heiratsgut und kam dadurch in die Familie der Grafen von Zinzendorf; der erste Besitzer war der sächsische Generalfeldzeugmeister Otto Christian Graf und Herr zu Zinzendorf auf Pottendorf, der 1718 starb.
Die Zinzendorfe haben außerordentlich viel für die Verschönerung und Verbesserung ihres prächtigen Herrensitzes Gauernitz getan. Noch ist die Schloßkapelle vorhanden, welche ihre Gründung einer Frühmesse derer von Ziegler zu danken hat. Sie war ursprünglich dem heiligen Andreas geweiht, wurde mehrmals ein Raub der Flammen und enthielt zur Zeit der Zinzendorfe einen Betsaal der Herrnhuter; wie bekannt, war ein Glied des jetzt erloschenen Stammes der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeinde. Bedauerlich ist freilich, daß die Schloßkapelle heute sehr weltlichen Zwecken dient; ihr unterer Teil enthält den Marstall, das Obergeschoß beherbergt Speicher- und Vorratsräume.
Der Bergbau, der den früheren Besitzern zu Reichtum verholfen hatte, wurde auch von den Zinzendorfen eifrig gefördert, liegt doch ein Teil der Scharfenberger Erzgänge auf Gauernitzer Land. In der Nähe der Gauernitzer Ziegelei wurde der »Jung Zinzendorfer Stolln« befahren. Auch der östlich davon nach der Elbe zu gelegene »Grüne Tannebaum-Stolln« scheint von den Zinzendorfen betrieben worden zu sein.
Der heute noch vorhandene sehenswerte und wohlgepflegte Schloßpark ist um diese Zeit gegründet worden. Zu einer Berühmtheit brachten es aber zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Zinzendorfschen Obstkulturen, die Orangerie und die Lust- und Blumengärten, welche das Schloß umgaben. Die zeitgenössischen Berichte sind des Lobes voll über die Wunder, die es damals in Gauernitz zu sehen gab. Im Jahre 1717 wurden 260 verschiedene Obstsorten angebaut, und 1724 gab es in dem reichen Blumenflor allein 204 Nelkenarten. Wasserkünste, Gewächshäuser und Wintergärten im Geschmacke damaliger Zeit schlossen den Kreis der Gauernitzer Sehenswürdigkeiten.
Die Zinzendorfe pflegten aber nicht nur den Schloßpark, sondern ließen auch der idyllischen _Gauernitzer Insel_ ihre besondere Obhut angedeihen. Sie hatte einst eine Länge von 1245 und eine Breite von 231 Ellen; ihre heutige Fläche beträgt 6,5 Hektar. In der Nähe flußabwärts befanden sich früher zwei heute nicht mehr vorhandene Heger von 995 und 430 Ellen Länge. Die Insel wurde parkartig mit Laubholz bepflanzt und mit Gartenanlagen versehen, die leider oftmals das Hochwasser zerstörte, wie alte Nachrichten überliefern. Von der Inselmitte aus führten strahlenförmig sieben mit Linden bepflanzte Wege nach dem Gestade, und zwar so, daß man durch sie von der Mitte der Insel aus einen freien Durchblick auf sechs Kirchtürme und Schlösser in der Umgebung hatte (Schloß Gauernitz, Schloß Scharfenberg, Kirchturm von Brockwitz, Kirchturm von Weinböhla, Turm der alten Coswiger Kirche, Wackerbarths Ruhe). Heute sind einige Durchblicke durch Häuser verbaut, die Lindenalleen aber zum Teil noch erhalten. In der Mitte der Insel steht eine steinerne, mit zierlicher Bildhauerarbeit (Schlange und Blumengewinde) geschmückte Säule, die folgende Inschrift trägt: »Friedrich August Graf von Zinzendorf und Pottendorf seiner Gemahlin Luise Sophie Johanne, des Grafen Otto Rubmann Friedrich von Bylanck Tochter, geb. d. 9. Oktober 1754«. Die Säule war früher von steinernen Bänken umgeben, die im letzten Jahre -- ein trauriges Zeichen unseres sittlichen Tiefstandes! -- von Rohlingen zerstört und vernichtet worden sind.
Auf der Insel wurden einst Fasanen gehegt, auch viele wilde Kaninchen wurden angetroffen, weshalb man das »Elbeiland« um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auch die »Kaninchen-Insel« nannte. Die Überflutungsgefahr scheint also doch nicht so groß gewesen zu sein, wie die Überlieferung behauptet, da sich die Tiere sonst nicht hätten halten können.
Die Glanzzeit der Insel ging in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu Ende. Von einer Insel kann heute eigentlich nur noch bei höherem Wasserstande gesprochen werden. Dadurch, daß der rechte Elbarm durch einen bei Niedrigwasser begehbaren Steindamm verbaut ist, wird die Insel die größte Zeit im Jahre zur Halbinsel. Der rechte Elbarm ist eine tote Wasseransammlung geworden, die der zunehmenden Versandung und Verlandung preisgegeben ist. Die entstandenen Wasserlachen sind heute leider berüchtigte Mückenbrutherde. Durch das Zusammendrängen der Wasserfluten in den linken Elbarm ist die Überschwemmungsgefahr für die Insel außerordentlich groß geworden. Durch diese Stromberichtigungen hat also die Insel sehr gelitten, sie ist nicht mehr das reizende Idyll von ehedem, wo eine Landung und ein Aufenthalt auf ihr einer kleinen Robinsonade gleichkam. Leicht zugängig, ist sie heute gar oft ein Tummelplatz von Rohlingen und Holzdieben.
Trotz der teilweisen Zerstörung ihrer ursprünglichen landschaftlichen Eigenart ist die Gauernitzer Elbinsel heute noch eine Perle unter den Naturschönheiten unserer Heimat, deren dauernde Erhaltung vom Standpunkte des Natur- und Heimatschutzes aus dringend erwünscht ist. Wem wäre noch nicht das Herz aufgegangen vor Freude über die Schönheit der Heimat, wenn er von einer Bergeshöhe in der Umgebung das malerische Schattenbild der baumbestandenen Insel im Abendsonnengold oder im Vollmondschein vom blinkenden Elbstrom sich abheben sah?!
Auch in wissenschaftlicher Hinsicht ist die Insel heute noch wertvoll. »Der Botaniker und Pflanzengeograph findet in ihrem Baum- und Strauchbestand sowie in der damit verbundenen Bodenflora Reste des ehemaligen Auenwaldes, der in der Vorzeit das ganze Elbtal bedeckte, heute aber nur noch an ganz wenigen Stellen vorhanden ist. Ein solcher Ort ist die Gauernitzer Insel; sie zeigt trotz aller menschlichen Eingriffe den alten Elbauenwald in großer Ursprünglichkeit und wird dadurch zu einem botanischen Naturdenkmal ersten Ranges.« (Prof. ~Dr.~ Schorler.)
Die Insel ist weiter der Wohnplatz einer reichen Vogelwelt, die in den Frühlingstagen ihre Jubelstimmen von den hohen Baumriesen erschallen läßt und in den alten hohlen Bäumen noch ungestört ihre Brut hegen kann. Noch haben die Vögel eine Freistatt auf dem von Möwen umgaukelten Elbeiland.
Der Freund unserer schönen Heimat wird es deshalb dankbar begrüßen, daß durch die Bemühungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz und durch das Entgegenkommen der Vertretung des jetzigen Besitzers der Herrschaft Gauernitz eine Vereinbarung zustande gekommen ist, nach der die ursprüngliche Eigenart der Insel, vor allem auch ihr landschaftliches Bild erhalten bleiben soll, trotzdem sich eine forstliche Nutzung des Inselwaldes erforderlich macht. Es ist ein hoher idealer Wert, der hier geschützt und geschont wird. Mögen auch materielle Opfer damit verbunden sein, der Besitzer ehrt sich selbst durch die Erhaltung dieses eigenartigen Naturdenkmals. Künftige Geschlechter werden ihm dankbar dafür sein, daß er die Ideale noch hochgehalten hat in unserer schweren Zeit, die uns so vieles raubte.
Weit vorgegriffen haben wir der Zeit in unserem Bericht über die Herrschaft Gauernitz. Bis 1804 blieb sie in den Händen der Zinzendorfe: in diesem Jahre ging sie mit allem Zubehör an den Oberforstmeister von Hopfgarten über. Nach seinem Tode geriet die Besitzung mit einer Schätzung auf 193458 Taler 4⁵/₆ Groschen in Konkurs und wurde im Jahre 1819 vom Fürsten Otto Viktor von Schönburg-Waldenburg für 110000 Taler erworben. Damit ging ein neuer Glücksstern auf für unser Gauernitz. Fast dreißig Jahre lang blieb freilich das Schloß noch unbewohnt. Erst als die Revolutionäre im Jahre 1848 das Residenzschloß in Waldenburg eingeäschert hatten, erwählte der Fürst Gauernitz zu seinem Sommeraufenthalte. Nach dem Tode des Fürsten Otto Viktor im Jahre 1859 kam das Besitztum als Quadrogenitur des Fürstlichen Hauses Schönburg-Waldenburg an dessen jüngsten Sohn den Prinzen Karl Ernst, der seinen dauernden Wohnsitz in Gauernitz nahm und das Schloß in kunstsinniger Weise umgestaltete. Prinz Karl Ernst starb im Jahre 1915; der Besitznachfolger wurde der Enkel des Verstorbenen Prinz Karl Leopold.
Halten wir noch einen Umblick im Schlosse selbst und in seiner nächsten Umgebung. Das umfangreiche Schloß gliedert sich in einen Mittelbau, der mit zwei Flügelbauten, dem Hohen Bau und dem Regentenhaus, den an den Park anschließenden Ehrenhof auf drei Seiten umgibt. Der Regentenflügel trägt einen Turm, der hohe Bau zeigt einen feingegliederten Renaissancegiebel. Der geräumige Wirtschaftshof wird durch das Schloßgebäude, durch Torbauten mit überbauter Einfahrt und durch die Wirtschaftsgebäude begrenzt. Unter den letzteren ist besonders die bereits erwähnte ehemalige Schloßkapelle bemerkenswert. Der Hohe Bau wird nach dem Park zu durch eine Säulenhalle abgeschlossen. Im Untergeschoß dieses Schloßteils sind noch Reste der ursprünglichen Bauanlage erhalten: zwei gotische Torbogen, die einst ins Freie führten, heute aber in die Innenräume einbezogen sind.
Der ursprüngliche Schloßbau wurde von den Herren von Ziegler und den Grafen von Zinzendorf angelegt. In den Jahren 1862 bis 1866 unternahm Prinz Karl Ernst von Schönburg eine umfassende Erweiterung und Verschönerung des Schlosses; namentlich stammt die äußere Ausgestaltung in deutscher Renaissance aus dieser Zeit. In der Anlage und Ausstattung der Innenräume zeigt sich der vornehme Geschmack des prinzlichen Erbauers, der selbst ein feinsinniger Künstler war. Die prächtigen Festsäle, die in wundervollem Einklang abgestimmten Bibliotheksräume usw. entzücken das Auge des Besuchers. Erwähnenswert sind auch die Ahnengalerie der Zinzendorfe, die vom Prinzen Ernst in pietätvoller Weise angelegt wurde, sowie die Gemälde, die auf die Familie der jetzigen Besitzer Bezug haben.
Was aber den Schloßräumen besondere Schönheit und einen unvergleichlichen Reiz verleiht, das sind die Ausblicke auf den herrlichen Park, der das Schloß umgibt: ein Park deutscher Eigenart in meisterhafter Anlage. Baumriesen der verschiedensten einheimischen und fremden Arten, herrliche Durchblicke, trauliche Plätzchen, die einen bezaubernden Rundblick bieten hinaus in das Land, wechseln ab mit grünen Matten, blühenden Hecken und einem mit Reben überkleideten Laubengang, der im heißen Sommer eine köstliche Wandelbahn bietet.
Frühlingsboten
Von ~Dr.~ _H. Beil_, Pirna
Der Frühling naht! Die wärmenden Strahlen der Februarsonne sind zunächst das Einzige, was uns sein Kommen verkündet. Noch steht Baum und Strauch im kahlen Winterkleide. In den Dorfgärten an der Sonnenseite der kleinen Häuschen müssen wir seine ersten Boten, die Schneeglöckchen, suchen, die Weiden rüsten sich und legen ihren goldenen Frühlingsschmuck an. Aber gerade die ersten Boten des Frühlings, die wir Menschen alle Jahre wieder mit Ungeduld erwarten, haben wir so lange recht unfreundlich empfangen. Körbeweise wurden sie abgerissen, um, schon halb verwelkt, auf den Markt gebracht zu werden. Weit von der Großstadt muß man heute schon wandern, wenn man sich an wildwachsenden Frühlingsblumen erfreuen will, so weit, daß die echten Großstadtmenschen sich wundern, wenn man ihnen erzählt, daß diese Blumen, die sie nur als Gartenblumen kennen, auch auf freier Wiese wachsen, in entlegenen Gegenden, von deren Schönheit die meisten keine Ahnung haben, und es ist recht gut so, die Schönheit wäre sonst bald vernichtet. Mit ein paar solchen Pflanzen, die fast ausgestorben sind, sollen sich diese Zeilen befassen. Auf Wanderungen mit meiner geliebten Kamera habe ich sie aufgesucht und im Bild festgehalten. Das Schneeglöckchen (~Galanthus nivalis~) ist mir in Sachsen wild wachsend nie begegnet. Dagegen kommt der Märzbecher (~Leucojum vernum~)[4] noch in einigen Gegenden vor, trotz der Ausrottung durch unverständige Menschen. Da es ein Zwiebelgewächs ist, so ist das Ausgraben mit der Wurzel doppelt schädlich. Die Aufnahme stammt aus einem kleinen Seitental des oberen Polenztales. Während noch vor etwa 15--20 Jahren die Wiesen übersät gewesen sind mit Märzbechern, muß man jetzt schon suchen, um kleine Bestände zu finden. Welch prächtiges Bild die Wiesen früher geboten haben müssen, kann man sich vorstellen, wenn man die vom Besitzer einer Mühle eingezäunte Wiese sieht, auf welcher das Pflücken untersagt ist, und die ein Naturschutzgebiet im Kleinen darstellt.
[4] Siehe Aufsatz: »Vom Märzenbecher«, Band IV, 1915, Seite 367.
Wenig später als der Märzbecher blüht das blaue Leberblümchen. Vor 50 Jahren hat es zu den Pflanzen der Dresdner Umgebung gehört, die überall verbreitet waren, im Saubachtal, Schonergrund soll es in Massen gestanden haben. Heute wird man es dort vergeblich suchen. Wirklich häufig findet es sich auf dem Rotstein bei Sohland am Rotstein, wo es in dankenswerter Weise von der Rittergutsverwaltung geschützt wird. In günstigen Jahren ist der Waldboden blau von der Menge der Leberblümchen. Kleinere Bestände sind über die ganze Lausitz verstreut.
Zu Märzbecher und Leberblümchen gehört als dritter im Bunde der ersten Frühlingsboten der Seidelbast, dessen stark duftende, violette Blüten stengellos aus dem dürren Holz herauswachsen. Auch ihn findet man vereinzelt in der Lausitz, meist in dichtem Gestrüpp, in schönen Beständen auch auf dem Rotstein. Auch im Vorland des Erzgebirges ist er mir schon begegnet. --
Wenn ich mir vorstelle, welch herrliches Frühlingsbild es geben müßte, die Wiese übersät mit Märzbechern, am Rande des Gehölzes die Leberblümchen und der Seidelbast, so wird mir weh ums Herz. Könnte es nicht auch heute noch so sein? Pflanzen, die niemandem ein Leid getan haben, die nur wachsen, um uns zu erfreuen, vernichtet bis auf spärliche Reste, deren Standort der Naturfreund sorgfältig geheim hält. Wenn alle Menschen zusammenhalten, wenn alle die Heimat, die sie zu lieben so oft versichern, auch tätig schützen, dann muß es wieder besser werden, dann muß der Verödung unseres Sachsenlandes Einhalt zu tun sein.
Über das Vorkommen der Biber in Sachsen
Von ~Dr.~ _Koepert_, Dresden