Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870
Chapter 6
Aber nein, es war kein See, _es war der Bénuē_. Nach rechts und links dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch, sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden, um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen. Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden, an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der jetzt beim niedrigsten Wasserstande des Bénuē sehr breit war, und bald waren wir den _Bassa_ gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so waren diese den Bénuē _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine Mohammedaner wären, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer _Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100 Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000 Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren. Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_ begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel hinüber geschaufelt.
Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss, wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss, da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte, Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten, und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte, fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich _Arabtji, Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese Negerstämme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanúri--). Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le, ke l'áfia-lē ṅda tégē etc.: "Sei gegrüsst; Friede; _wie befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief.
Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanúri_ vom Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm entgegneten, wir wären _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen Christen in Lokója (--der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station an der Mündung des Bénuē in den Niger--). Er selbst war gerade nicht von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens _Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde, den ich später zu erwidern hätte.
Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der _Fähre_ lebten, da hier ein _Hauptübergang_ sei; bei Hochwasser sei die ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag, überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen jungen Leute in hohen _auf Pfählen_ ruhenden Hütten zurückblieben. Die Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten Bénuē-Ufer, wurden aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von Fischen, die der Bénuē ausgezeichnet und in unglaublicher Menge liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die _Art ihrer Begrüssung_, indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger _Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie jene zu haben.
Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _König_ der Insel kam. Er besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen unterhalb am Bénuē liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den 4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus, das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.
Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.
Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte, es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig, dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt, dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen tauchte die Sonne wie neu aus dem Bénuē, dessen früher staubige, dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon, wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt, treiben sich nun überall umher.
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Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können.
Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B. in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch zum _Schnupfen_; erst in der Nähe des Bénuē wird das Rauchen allgemein.
An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer aus und standen überall an seichten Stellen im Bénuē. Die Zeit wurde mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte _Imaha's_, wo wir bei Sultan _Schimmegē_, einem Freunde des verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.
Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.
Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste Wohnsitze haben.
Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu, Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht, sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen.
Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst "derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die Königin hat den Titel "derde-ádebi".
Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren, so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck "iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa". Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine zweite Person wissen zu lassen.
So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker, der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen, welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass die Grossen, wenn sie mit dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden, zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden.
Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt.
Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma).
Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande, wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel "ardžino-ma" führt.
Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma". Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur, dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma, jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer Anzahl, die zwischen 3--4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein Titel ist "mar-ma-kullo-be".
Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch, Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen, dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der Mai seine Hände abspült.
Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter, Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle führen ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen. Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den Titel "katšélla-blel", der Infanterieoberst heisst "katš élla-ṅbursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma".
Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel "billa-ma", und nach Barth auch "tš i-ma", während Koello letzteres Wort mit Abgabensammler übersetzt.
Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl. von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst, wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma, denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht, Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen, und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.
Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche, welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre 1867 die Einrichtungen der Staaten Bautš i, Keffi-abd-es-Zenga und Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren.