Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870

Chapter 3

Chapter 33,566 wordsPublic domain

Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz, die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie, weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James, ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der liebenswürdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Güte die schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren hundert bringen.

Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That, wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den Missionären, auf den anderen Factoreien etc.

Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen. Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.

Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an, nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt, denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900 Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet: es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.

Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun, längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.

Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die Betten nichts zu wünschen übrig.

Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt) aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.

Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um 12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen konnte.

Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun, nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.

Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10 Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12 Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war, von vielen kleinen Negerhütten umgeben.

Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos, Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien, Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen, Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z. B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte, ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun, der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt, den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge, fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth, ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.--Es befindet sich vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz vernachlässigen.

Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an, sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war, unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch.

Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön.

Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah, dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen, und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.

Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen, auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld eröffnet hat.

Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe, weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch, dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern gewöhnliche Volkslieder.

Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen. Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.

Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.

Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein, theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen, bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen.

Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich, als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit, weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert. Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe, er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten.

Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war. Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können, lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der Führung des Dampfers.

Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess; zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck, denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.

Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht. Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus. Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel, die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet, und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen, leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie aufzunehmen.

Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu. Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch mehrere europäische Schiffe hier vor Anker.