Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870
Chapter 14
Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren, sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu die freundlichste Aufnahme. Man muss überhaupt ins Land selbst hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden, mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.
Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so schlecht wie möglich zu machen.
Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt. Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen. Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin überein, dass Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo gezeigt wird.
Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.
Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta, da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen, da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle Fälle mitnehmen, und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte bewohnt war.
Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und das Gestein ist wie immer Kalk.
Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder Hedjer-Aim[24] von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände, auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden sich auf dem kleinen Museum der Bibliothek, jedoch scheinen die Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein.
An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.
Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen können.
Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben, dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt.
In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden war; ein alter dort stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso einquartirt.
Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut bis zum andern Morgen aushalten.
Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu sein und mehrere spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des Thurmes der Riesen gegeben.
Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo, ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen.
Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray, welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta über.
Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so dass wir noch selbigen Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.
Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.
Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse Strecken Landes niedriger als die Meeresoberfläche gelegen sind. Wer weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden Niveauunterschied von über 1200 Fuss zum Mittelländischen Meere hat, fällt fast in geschichtliche Zeit, wie die jüdischen Traditionen berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen Ausdehnung, einer jetzt bekannten Längenausdehnung von ca. 10 geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil dadurch zum ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches von Nordafrika näher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nähere Besprechung zu verdienen.
Falls man den schmalen Küstenstrich durchstechen und das tiefer liegende Land dem Meere zugänglich machen wollte, würde dies eine tief eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Eröffnung des Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa treten wird, nicht müssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden näher ins Auge zu fassen.
Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so finden wir dieselbe im Westen beginnend, südlich von der inselartigen Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittelländischen Meeres, welches hier an der Nordküste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam beobachtet, der in gerader Linie vom Mittelländischen Meere nur ca. 15 deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca. 104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche überhaupt bemerkt worden ist. Diese zeigt sich gleichmässig noch einige Stunden nach SSO. weiter fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches einen halben Tagemarsch süd-süd-östlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher Barometerstand beobachtet. Wenn angeführt worden ist, dass bei Bir-Ressam die Einsenkung im Westen beginne, so ist das natürlich dahin zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem Namen "Syrien-Wüste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von dem es blos durch ein schmales Küstengebirge oder durch ausgeworfene Dünen getrennt ist.--Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die Syrten-Wüste ist nie von einem Europäer durchkreuzt worden, längs der Küste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und Barth.
Mehrere Tagemärsche süd-süd-östlich von Bir-Ressam stösst man auf die ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca. 31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal). Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum überfallen, der zu einem achttägigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, während der glühende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid mit 756 M. M. Aus 32 während der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher Höhe mit dem Meere sich befinden müsse, denn diese 32 Beobachtungen ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass über die Hälfte der Beobachtungen während eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31 Meter ergeben würde.
Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwölf Tagemärsche, wovon die erste Hälfte des Weges jeder Spur von Wasser entbehrt und durch die trostloseste Wüste verläuft, welche überhaupt existirt Die Rhartdünen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden die grössten Feinde der Wüste: gänzlichen Wassermangel und fast immer absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdünen lässt man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen, welche erst kürzlich in einem heftigem Samum vom Führer irregeleitet und nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwürdiger Weise hätte dieser selbe Führer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von Bengasi nach Audjila zu führen hatte, auch uns fast ins Verderben geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getäuscht, freilich dicht vor Audjila, vom Wege abführte. Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdünen und die Gerdoba dürften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch giebt es Dünen, die relativ bedeutend höher, aber auch eben so viele eigenthümliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind.
Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wüstenplateau heran, welches im Allgemeinen die geringe Höhe von 100 bis 115 Meter absolut hat. Gleich südlich von diesem Plateau, das mit einem steilen Ufer aus Kalkstein abfällt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und manchmal so hart an der Oberfläche getrocknet, dass beladene Kameele darüber marschiren können, manchmal aber auch so nachgiebig, dass unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen, liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden existirend und südlich meist von Sanddünen begrenzt, welche unmittelbar die Seen böschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des Kanals von Suez zu befürchten haben wird. Wie gering sind überdies die Sandanhäufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dünen der libyschen Wüste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gänzlich in Sebcha zu verwandeln. Die hauptsächlichsten Seen, von Westen nach Osten gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee.
Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter östlich liegende Oase mit See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten.
Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wüste glücklich überwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht, welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von silberglänzenden Salzflächen eingeschlossen sind, so wird diese bezaubernde Gegend an Wechsel und Schönheit nur noch von der eigentlichen Oase des Jupiter Ammon übertroffen: Hohe phantastisch gestaltete Felsen, unzugänglich weil von Geistern gehütet, eine lange Silberfläche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwürdigen Palmenbäumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten und Gänsen herumtummeln, endlich die schön cultivirten Gärten der Oase, reich an Oelbäumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und überall gegen die brennende Sonne von den weitästigen Palmenkronen geschützt; rieselnde Bäche von Süsswasser, grosse aus der Tiefe aufsprudelnde Quellen, oft wie der berühmte Sonnenquell noch von künstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Städte Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war und noch heute die Reste des grossen Tempels des Jupiter Ammon birgt--das ist in Kürze das Bild dieser berühmtesten aller Oasen.
In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch zehn Tagemärsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression verfolgt, und überall blieb hier eine gleichmässige Tiefe von circa 50 Meter. Vom Brunnen Morharha nördlich gehend, kommt man dann gleich auf das aus Kalkstein bestehende libysche Wüstenplateau, welches auch hier kaum breiter als zwölf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Unterägypten durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die Depression nach Süden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Süden vorzudringen, geschweige denn einem Europäer, und wenn man von Audjila und Djalo südwärts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne wenig über die Bodenverhältnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo, keineswegs höher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, dass in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land östlich von Kufra und Uadjanga bis an die Uah Oasen ist für uns vollkommen terra incognita. Dass übrigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo, dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehäusen, Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen, und derselbe behauptet sogar, dass das Zurückweichen des Meeres und die Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt schliesslich an, dass die Oase einst am Mittelländischen Meere gelegen haben müsste.[25] Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M., während unsere 23 Beobachtungen das Mittel von 767 M.M., also eine Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben.
Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser verdunstet hat--so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und Tamarisken.
Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass Lesseps an solche unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen. Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte, einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen.