Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870

Chapter 12

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Zu unseren Zelten zurückgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei Gegenstände natürlich zu den unverschämtesten Preisen zum Verkauf anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem Instrumente spielte und arg seinen Körper dabei verdrehte, unter Gesängen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine Flasche mit Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Später kam er noch ein Mal und zwar nüchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmühte Aermel zu finden, um seine Hände frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna ähnliche Mäntel trügen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nämlich dringend eingeladen, sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig gemacht gingen wir, obschon es spät Abends war, mit nach der Stadt zurück. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Löwenfell hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten, dass dieser es wirklich für 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschäft gemacht, er war so entzückt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk brachte.

Also am anderen Tage sollten wir das berühmte Axum sehen, die alte Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Königin Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhältnissmässig gut, nur zwei oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den Assem überschritten, kreuzt man noch die kleinen Flüsse Mai-Goga und Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt. Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hügel den Ort Bit Johannes, dann später dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge, Pantalem genannt.

Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen, obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda[15] gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von hier aus zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als auch eine Königin regierte, mit Namen Candace[16] oder Judith. Freilich finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala thut[17]. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen, sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche führen, andeuten, dass hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische[18] ohne Bedeutung ausgenommen.

Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären, so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein, dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist[19], muss aus einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer[20].--Dicht bei einem ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao" führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre. Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt, erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.

Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb, um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene christliche Arbeiter hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der Abessinischen Könige führt ihn nicht auf.

Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes, es ist ein Gebäude der Neuzeit.

Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln.

Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut. Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.--Sobald man den Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, ersahen wir daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann abziehen.

Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale, die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette, welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre. Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von Gemüsebau nichts zu sehen.

Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste, verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige Provinz zurückkehren möge.

Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen.

Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster Abessiniens, liegt.

Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten wir am Fusse der eigentlichen Bergfeste, die so steil nach allen Seiten abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig, Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns Aufgang zu verschaffen.

Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.

Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen sitzend einen vergnügten Abend zubrachten.

Damiette.

Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland, wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird.

Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.

Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe, welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That, es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage.

Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren. Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte. Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8 Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen lässt.

Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes, denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël, also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu benutzen, aber langsam ging es trotzdem.

Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden, wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete Brütestellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen. Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt. Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum patrouilliren müssen.

Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.

Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln, in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20 Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber Smah[21] nennen, herausragen gesehen.

* * * * *

Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil. Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging es zur Stadt.

Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist. Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog, zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française.

Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria, und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet, mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön. Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber früher bedeutend grösser.

In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt, 12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde. Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5. November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen Heeres sein.