Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870
Chapter 10
Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte. Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet, der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in Verbindung. Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur. Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben, um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die Bestimmung seiner Höhe, weg.
Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor, dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen, andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst, als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich vom Kopfe bis zu Fuss wasserdichte Kleider schnell überziehen konnte, so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt.
Ohlich ist ein grosser Ort und die Hütten, obgleich sehr luftig wie alle in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech, schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden, herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes Umschlagetuch mit breitem rothen Streife seinen ganzen Anzug; aber er war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig, aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er sonst nicht folgen könne.
Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3 Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben, wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine Karawane unbelästigt den Zoll passiren.
Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim Statthalter von Wag und Gouverneur von Sokota, Namens Borah, anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten, antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht, wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen, ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf, dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst einen Besuch macht, spricht damit aus, dass er den Besuchenden als höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen, auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.[10]
Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich, als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und reinlicher als er selbst angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab, sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem Boden mir gegenüber.
Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach, ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere, wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als seine übrigen Kleider.
Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt. Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut, wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die besten noch weit hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen; vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat[11] genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen das Ameublement.
Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns, dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind. Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den Christen in bester Eintracht.
Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, Honig, Mehl und selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl, Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5 Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war auch für solch hohen Preis keine zu haben.
* * * * *
Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr. Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren, überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen, das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und selbst Gobesieh und Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu gehorchen.
Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt. Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut, denn jede Nacht gab es Gewitter.
Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen, waren reichlich vorhanden.
Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab, wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc., die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück trug.
In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab- oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr Umfang gesehen habe.
Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka, einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen, erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu, welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen Gebirgszuges nördlich vom Tselari.
Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse Zamra[12]-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss, derselbe, der weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben.
Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj (fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei. Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewältigen konnte und auch nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte. Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte.
Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien. Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte, erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver und Zündhütchen.
Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.
Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert. Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der Heimath fort.
Höhenmessungen mit dem Aneroid.
Abdikum 9250 engl. Fuss.
Takaze, Bett 5800 " "
Salit 6200 " "
Lalibala 7000 " "
Schegalo 6200 " "
Bilbala-Gorgis 6170 " "
Eisemutsch-Thal 6359 " "
Mári-Thal 5200 " "
Taba, Ort 6000 " "
Siba-Pass 6500 " "
Mokogo-Pass 7800 " "
Biala-Pass 9000 " "
Ohlich, Ort 6200 " "
Telela-Pass 7100 " "
Sokota 6500 " "
Emenenagerill-Pass 5600 " "
Uana-Pass 5550 " "
Tselari-Bett 3200 " "
Zaka 4200 " "
Zamra, Bett 3150 " "
Fenaroa 4500 " "
Samre 6000 " "
Der Aschangi-See in Abessinien
Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8' 28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa 10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss (nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe Ofila-Berg sich befindet, ist der See nach Süden und Osten zu von minder hohen Bergen umschlossen.
Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt haben, ohne indess den Ort anzugeben.
Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten, mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier, dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von 10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss.