L'Âme aux deux patries: Sieben Studien

Part 4

Chapter 43,575 wordsPublic domain

Daß ich mich aber durch jenen einen proletarischen Zug in der Physiognomie der Jolie Laide in meinen wirklichen Eindrücken so hatte täuschen lassen, und während die Schärfe ihrer intellektuellen »Aura« mich hinriß, immer noch der Meinung war, daß sie mich abstieß? -- Seit einer Woche ganz von ihr eingenommen, und mit ihr beschäftigt, wollte ich alles kennen lernen, und mir nichts entgehen lassen, jeder Einladung Folge leisten, auch wenn sie mit einer anderen in Kollision geriet, um dann, wenn auch nur für einen Akt, schnell noch ein entlegenes Theater zu besuchen. Zwischendrin aber, sobald ich allein war, in der Droschke, der Hochbahn, oder während einer musikalischen Soiree, zog ich unverzüglich, wie aus einer geistigen Schublade, die Schlußseiten eines literarischen Produktes hervor (mit dessen Umarbeitung ich vor meiner Abreise fertig werden mußte), korrigierte, glättete und feilte daran herum, suchte fortgesetzt nach neuen Satzstellungen und Worten, und fand niemals Zeit, mich auf mich selber zu besinnen.

So war ich in meinem Element, und glücklich gewesen, ohne es zu wissen. Denn die Wagschale des eigenen Ichs, aller Gewichte persönlicher Bezugnahme ledig, war seltsam erleichtert aufgestiegen.

Ich merkte nicht, wie sehr mich hier alles Nüchterne oder Geschmacklose verdroß, welche Genugtuung mir alles Schöne, Hervorragende oder Bedeutende gewährte. Ich wußte erst, nachdem ich Berlin verließ, mit welch nationalster Anteilnahme ich es betrachtete!

Wie leicht beschlich mich sonst inmitten einer neuen Umgebung ein Gefühl der Isolierung, kalt und leise wie ein Gift! Nichts wirft uns ja so sehr auf uns selbst zurück, als das Gefühl oder das Bewußtsein, oder die Idee unrichtig taxiert, sei es nun, überschätzt oder verkannt zu werden. Diesen Berlinern aber, die mir ungewohnter, in mancher Hinsicht vielleicht auch fremder waren, als Londoner oder Pariser, schien ich eine längst bekannte Nummer, und so half alles zusammen, daß ich mir selbst gänzlich in Vergessenheit geriet.

Allein derselbe Schwung, der mein Auffassungsvermögen mit so ungewohnter Schärfe nach außen wandte, währenddem er mein Bewußtsein gewissermaßen suspendierte, stürzte mich zuletzt, so unwahrscheinlich dies auch klingen mag, vor lauter Elastizität blindlings in diesen Zug.

Das Spiel war zu Ende, und der Gummiball lag im Graben.

VII.

Rufford Abbey.

Ich hatte für den August 1899 eine Einladung nach Rufford Abbey erhalten.

Rufford Abbey in Nottinghamshire ist einer der ältesten Herrensitze in England. Eigentum der Zisterzienser bis zu Heinrich VIII., der ihn einem Earl von Shrewsbury verlieh, blieb er inmitten höchst wechselvoller Schicksale ein bevorzugter Aufenthalt der Könige von England, besonders Karls II. Auch heute noch wird jener traditionelle Verkehr durch Eduard VII. besonders lebhaft rege gehalten.

Hatten schon die Berichte von Ruffords Ländereien und historischen Schätzen, vom langen Saale, mit seinen elf nach Westen sehenden Fenstern, der Halle mit der Minnesängergalerie, Straffords berühmtem Porträt usw, meine Erwartungen sehr hoch gestimmt, so vollends die Geistergeschichten, die über dieses Schloß im Umlauf sind. Die Aussicht auf eine Bekanntschaft mit ihnen wollte mich mit gespannter, aber durchaus heiterer Neugierde erfüllen. Steht doch selbst der Leichtgläubigste solchen Dingen skeptisch gegenüber, weil er fühlt, daß sein Leben alles Gespenstige so siegreich ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm Spaß, wenn er von jenen leeren Schemen -- zu welchen er zwar selbst über Nacht gehören kann -- wie von etwas »Wirklichem« Kunde erhält.

Schlaflos war ich die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Draußen graute kaum merklich der Tag über ein baumloses, flaches, unsäglich trübes Land. Hie und da streckte eine Windmühle wie verzweifelt ihre bretternen Arme aus und erhöhte noch den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Fast lautlos fuhr jetzt der Zug die trauernde Ebene dahin. Und in jenem unendlichen, schattenhaften Grau, das den Himmel und die weite Erdfläche erfüllte, wollte endlich auch mein Bewußtsein ruhen und versinken.

Aber kaum eine Minute lang!

Denn als ich erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dämmerung über das Land gebreitet, und zugleich rief meine erschrocken ausgestreckte Hand ein anderes Bild in mir wach, das unvergeßlich, ich wußte es wohl! zwischen mir und der Außenwelt in jenem Augenblick entstanden war.

Aber welcher Unhold hatte mich da so unvermittelt und so willenlos über eine so fremde Schwelle geführt?

Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das Abendlicht unsäglich bange in ein schmales, verließartiges Zimmer schräg herein; und ich sah in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar gekleideten, aber schon sehr alten Frau: -- zwei langgedrehte seidne Locken, deren Enden sich ätherisch lösten, umschimmerten ihre klaren Züge; ihre reizende Hand hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie gespannt, erwartungsvoll auf mich gerichtet! Als ich aber, seltsam zu ihr hingezogen, nähertrat und in der sinkenden Dämmerung sie zu erkennen suchte, da zerfiel, zersetzte, _zerfetzte_ sich ihr Angesicht vor meinen Augen zu dem eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte ich die Hand aus um den furchtbaren Anblick von mir abzuwehren. --

Ein herrlicher Tag strahlte über das blaue Meer und Englands teure Küste.

Wer ahnt es heute nicht, in unseren so stark differenzierten Ländern, jenes wachsende, peinvoll sehnsüchtige Bewußtsein unendlichen Einsseins verwandter Rassen? -- Von meinem Zuge aus sah ich Englands berückendes, in seiner Fülle so gedämpftes Licht, und mit halb verträumten, halb beglückten Augen starrte ich in diese auf den ersten Blick so schlichte, in ihrem Reiz so mächtige Natur. Denn London hatte eine Lebensfreude in mir hervorgerufen, wie ich sie noch nie empfunden!

Aber noch am selben Nachmittag fuhr ich weiter, und von Ollerton aus in einem flügelleichten Wagen durch herrliche umzäunte Wälder schnell dahin. Es ging ein Rufen, Schlagen, Wehen, wie von Tieresstolz über Boden und Gezweig. Unter dem hohen Farren huschte und raschelte es, und ein winziger Hase, vor Schreck gelähmt, hockte mitten am Weg. Ich lachte über diesen Anblick auf. Meine lautlose Fahrt, das herrliche Gespann, der lebenflutende Wald ließen nur freudige Eindrücke zu. Zuletzt flogen die Pferde eine weite Allee im hellen Abendlicht entlang, und in einer Mulde, von einem weiten Waldesring umschlossen, und keinem unbefugten Auge sichtbar, lag Rufford Abbey ein riesengroßer, schweigsamer und strenger Bau; -- hinter einer breiten kurzen Brücke trat zuerst der niedere Teil des ehemaligen Konvents hervor, dann unter steinernen wappentragenden Löwen der offene Eingang in der gedämpften gemütlichen Pracht seiner kostbar ausgeschlagenen Wände. An Rüstungen und Waffen, an der Minnesängergalerie vorbei, eilte ich in den Rittersaal. Meine Stimmung war so hoch, daß ich nicht wider sie an konnte: in einem solchen Rahmen lang entbehrte Freunde wieder zu begrüßen, war ein Erlebnis.

* * * * *

Zufällig wurde noch am selben Abend bei Tisch von den Gespenstern Ruffords gesprochen, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentümer gewöhnlich vermieden wird. Aber ich war hierin, wie überhaupt in allem, noch sehr wenig eingeweiht und erfuhr also auf mein neugieriges Fragen hin, daß es über Ruffords Geschichte viele, zum Teil von den Besitzern selbst verfaßte Bücher und Urkunden gab, die samt und sonders unter Ruffords Kriegsdaten, Erbschaftsprozessen und Mordtaten, -- meist in demselben trocknen sachlichen Tone, -- auch Ruffords Gespenster zur Erwähnung brachte. Dies rief nun unverzüglich meine eigenen Erinnerungen wieder wach. Mir hätten »rief ich«, diese Geister wohl ganz besondere Ehren zugedacht, da mir ja einer schon bis übers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft schilderte ich das seltsame Gemach, seine eigentümliche Lage, und das Gesicht, das ich am Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen mitten in meiner Erzählung inne, als ich die plötzliche Stille und die überraschten, gespannten Mienen rings um mich her bemerkte.

* * * * *

Ich wohnte im ersten Stockwerk nach Osten. Ein breiter Korridor trennte mich von den westlichen, sogenannten Stuartzimmern. Nach Norden hin lag wieder eine Flucht wahrhaft königlicher, zurzeit leerstehender Gemächer.

Ach die Pracht der Möbel, der Gobelins und Kamine war es nicht allein! In Nationalmuseen sieht man vereinzelt, wie ausgestopft, solche Stücke. Aber überall das Zusammentönen und -leben dieser stillen Truhen, dieser alten Teppiche und Seidenvorhänge, und überall an den Säulen und Himmelbetten, und an den Angeln der schlanken Fachkästen und Stühle das kunstvoll so rein und naiv gewundene oder skulptierte Holz! Wo an den niederen Wänden der Raum nicht von den Wappen mit den ausgehauenen Löwen ausgefüllt, oder köstliche Schreine eingelassen sind, ziehen sich durch jene Zimmer hindurch früh mittelalterliche Gobelins: lange Prozessionen schreiten da einher, Könige, Bischöfe und Heilige, edle Jungfrauen blicken rührend und ernst, und hinter dem Stuartbett, heute wie damals, eine geheimnisvoll schöne, eine große, weinende Gestalt!

Ich ging von Zimmer zu Zimmer mit einem der Gäste, der mich als Führer auf meinem Rundgang begleitete. Aber fast hatten wir einander vergessen. Denn wie in sehnsüchtiger Abendröte atmete und verweilte hier noch die weite Vergangenheit.

Und nun betraten wir die Plattform eines breiten, turmförmigen Vorbaus, der den Übergang bildet zwischen dem Schloß und der noch älteren Abtei. Von da aus führt ein langer, schmaler Gang zu den jetzigen Privatgemächern Ruffords, die ziemlich entfernt über der Kapelle und dem ehemaligen Refektorium liegen. »Noch ein Zimmer muß ich Ihnen zeigen,« sagte jetzt mein Führer und deutete auf die Wand. Eine Eckmauer höhlte sich hier in verschiedenen Windungen und Stufen, und führte plötzlich zu einer Versenkung und einer Türe. Wir traten ein. Zwischen den Quadern verborgen hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes, schmales Gelaß. Schwermütig fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, stand davor. Zu genau war mir schon der Anblick, die unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphäre bekannt! --

Indes erfüllte es mich mit unbeschreiblicher Genugtuung, daß die teilweise Bestätigung eines gespenstigen Traumes mich nicht ängstigte, um so mehr, als die Inhaber der Stuartzimmer sich über die fiebernden und schlaflosen Nächte, die sie in Rufford verbrachten, unumwunden äußerten. Dabei wußte man von diesen Räumen, sowie von dem anstoßenden Prunksaal, den der König, damals noch Prinz von Wales, bewohnen sollte, gar nichts Schauerliches zu berichten. Ich hingegen wohnte auf der Ostseite nicht nur ganz allein, sondern meine Türe führte direkt in ein großes, in gelbem Damast und Silber ausgeschlagenes Paradezimmer, das für die »schwersten Gespensterfälle« notorisch ist.

_Unter sich_ nämlich pflegen die Gäste in Rufford Abbey solche Geschichten ohne Ende auszutauschen. Nur mußte es mich befremden, wenn von erwarteten Besuchern die Rede war, immer wieder Namen zu hören, die mit den haarsträubendsten Erlebnissen verflochten waren. Aber dies läge an dem unglaublich großen Reiz dieses Hauses, erklärte man mir. Ich sei noch zu sehr Neuling, würde ihn aber noch erfahren.

* * * * *

Nach einigen Tagen reisten die Inhaber der »Stuart-rooms«, ein Ehepaar aus der französischen Schweiz, zu meiner Erleichterung ab. Denn Monsieur und Madame de X. waren drückend, fast unmenschlich konventionell, und in allen Dingen von der Mode so eingenommen und genarrt, daß sie zu ganz eigentümlichen Ideenassoziationen und Bildern den Anklang gaben: den grell beleuchteten Kursaal eines großen Badeortes, einen Dampfschiffsalon I. Klasse und derlei. Und dann genierte es mich, zu fühlen, wie sehr es sie genierte, nicht herauszubringen, was es denn puncto Mode für eine Bewandtnis mit mir habe?

Allein infolge dieser Abreise stand nun der ganze obere Teil des rechten Schloßflügels leer, und meine Freunde forderten mich wiederholt und dringend auf, in ein anderes, bewohnteres Stockwerk umzuziehen; ich weigerte mich aber auf das entschiedenste, denn jetzt gefiel es mir hier erst recht! -- Doppelt reizvoll und anheimelnd zwar, wirkte gerade in diesen Gemächern der Kontrast hypermoderner Existenzen! Nun beruhigten und erhellten keine herumliegenden Reisetaschen, keine neuesten Hüte und Hutschachteln mehr die düstere Atmosphäre, die wie ein schwerer Himmel über diesen Räumen hing, jetzt war alles so schauerlich und schön!

Allein ich besaß für Geister offenbar doch keine Attraktion. Denn weder »das Mädchen«, noch »der Mönch« noch der »cuddling-ghost«, noch die »alte Dame«, die mich doch kennen mußte, bemühten sich zu mir!

* * * * *

Da -- eines Nachts -- fuhr ich aus tiefem Schlafe plötzlich empor, warf mich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstüre, drehte blitzschnell das Licht auf und stürzte dann zu Boden. Verwundert sah ich in dem hell erleuchteten Raume um mich her. Was war geschehen? Ich konnte mich auf nichts besinnen, und fühlte doch meinen Blick umtrauert, wie ein vom Nebel umdüstertes Licht. Warum? Nur ein Gedanke: Licht zu schaffen hatte ja in mir gelebt! Aber welch höllisches Entsetzen hatte mich dann niedergeworfen und jagte mich jetzt von neuem, bevor ich es faßte? -- Ach! jenes Licht, ich hatte es entfachen _müssen_, damit ich die Erschütterung ertrug, die mir jetzt das Bewußtsein brachte: Ich war nicht erwacht, ich war geweckt worden!

* * * * *

Erst als Tageshelle mein Zimmer erfüllte, löschte ich und trat ans Fenster. Wohin man von dem Schloß aus blickte, das diese weiten Parkländer, diese offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß je betrat, und im nächsten Umkreis Plane mit zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so ins Leben rufen und erhalten konnte; und rechts dem Flüßchen entlang, die schattige und stets geheimnisvolle Straße, das niedere Tor, das alle Verlassenheit und Poesie der Erde zu atmen scheint, und den weiten Rosengarten einfriedet! Und von hier bis zu jenem Tore drang unaufhörlich und hold der Turteltauben matter Ruf. -- Aber diese Mauern, -- dieses Zimmer, -- diese Flucht qualerfüllter, leerer Gemächer im Morgenschein! Nein! die Frühluft, die jetzt so froh zu mir hereindrang, verscheuchte nicht, wie ich es hoffte, die Grauen dieser Nacht. Wohl aber lehrte mich dieser zärtlich silberne Morgenhimmel mit seinen frohlockenden Wölkchen, daß ich den Mut nicht finden konnte, ja daß ein unheimlich seltsamer Widerwille mich erfüllte, meine untatsächlichen Erlebnisse zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an mir selbst, weil ich sie erfuhr! Keine Worte, die vor dem hellen Tage nicht zerflössen, konnten mir für das trostlos Bezuglose solcher Eindrücke zu Gebote stehen. Und ich mußte alleine damit fertig werden. -- Aber das Licht, das nunmehr die ganze Nacht hindurch in meinem Zimmer brannte, sowie die Furcht vor einem Erwachen, wie ich mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein zweites Mal nicht zu ertragen, hielten Nacht für Nacht meine Wachheit rege. Und ich saß aufrecht und horchte! -- Gerührt vernahm ich das Rauschen der Bäume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte! Und ich horchte entsetzt -- wie ein Scheinlebender -- auf den unhörbaren Lärm, auf die feindselige Luft, und durch alle Ritzen und Gänge hindurch die zerrüttete Ruh! Welcher Sinn war in mir erwacht, für die finsteren Flammen lechzend wie das Leben reißender Tiere, vom Leben Verstoßener? Für dies Wehen wie von Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert!

Und es schien, als dürsteten sie, mich zu erreichen! Als richte sich ihr Sturm gegen eine verwundbare oder gefahrvolle Stelle, einer Bresche in meinem innersten Selbst.

Dabei hing es oft an einem Haar, daß ich über all dies nur _lachte_ und daß ein ängstigender Wahnkreis mich wieder freigab, wie die beengende Schlucht den Bach zur Ebene entrinnen läßt.

So drehte ich auch eines Nachts das Licht ungeduldig wieder zu und lag, vor Müdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem angenehmen Gefühl des raschen Versinkens und der Sicherheit anheimgegeben, das uns umfängt, wenn der Schlaf, wie ein Riese, unser Bewußtsein davonträgt.

Allein, wie eine Beute ließ er jäh mich fallen! -- In der Schnelligkeit, mit der ich nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster stürzte, hatte ich Decken und Tücher mit fortgerissen; mein Blut, wie in Flucht geschlagen, hämmerte in meinen Schläfen, als dränge es, den Augenhöhlen zu entströmen, und in dem glänzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert, fühlte ich mich von der Nacht, die beglückt da draußen flutete, geschieden. Und wie gemartert umklammerte ich meine Knie, zu einer anderen Welt unwiderstehlich hingezogen!

* * * * *

Nach Verlauf einer Woche wurden Heimat und Vergangenheit, das eigne Leben ferne und undeutlich. Aber wer schilderte zugleich den Widerwillen vor einem solchen Zustand und vor jener wachsenden Bangigkeit, die auch bei Tage, unter freiem Himmel, nicht mehr von mir wich, die mir das Herz zusammenschnürte wegen nichts, weil ein Vogel zu nahe vorüberflog, beim Öffnen eines Gatters draußen im Walde, oder wenn ich die grauen Mauern Ruffords, die auf düsteren Gedanken wie auf Pfeilern zu ruhen schienen, von weitem, unversehens vor mir sah.

Oft verbarg ich mich nun tagsüber in dem langen Saal, ganz der verwunschenen Stimmung hingegeben, die von Norden her eine gewaltige Front finsterer Bäume über die Beauvais-Tapisserien und die Wände ergoß, und zwischen einem Watteau und einem Greuze schlief ich in einer Mauervertiefung am Fenster ein.

* * * * *

Das Wetter blieb den ganzen August hindurch heiter und schön. Vor der Ostfront des Hauses verbrachten wir einen großen Teil des Tages in Korbstühlen, unter paradiesischen Bäumen, lasen, nahmen Tee, sprachen oder schwiegen uns aus und rührten uns oft stundenlang nicht von der Stelle.

Eines Nachmittags saßen wir wieder so tief in unseren Korbstühlen vergraben, daß wir einander kaum sahen. Und willkommen war es mir! Denn meine Sinne, nach außen hin, ja mir selbst entfremdet, zogen sich, wie die Fühlhörner einer Schnecke, in ein dunkles Gehäuse immer mehr zurück.

Tod und Leben, sie konnten ja nur _einer_ Welt gehören! Wie Raum und Zeit, war unsere Trennung von dem Geisterreiche einzig durch die unübersteigliche, aber illusorische Schranke unserer Sinne bedingt. -- Schaudernd sah ich zu einer gewissen Fensterreihe empor und gedachte der vergangenen Nacht und der Gedanken, welche da auf mich eindrangen, bis ich, unfähig, mein Alleinsein länger zu ertragen, nach einem anderen Teil des Schlosses fliehen wollte, aber alsbald die Türe wieder zuwarf, wie vor einem Sturm, als sei das Dunkel dieser Gänge eine wilde Flut, vor deren Toben der hellere Raum meines Zimmers noch einzig mich beschützte! -- Zum Greifen nahe war ich in dieser letzten Nacht bis zu des Todes Schranken lauschend vorgetreten. Denn des Todes Sicherheit entsendet einen Lockruf, vor welchem des Lebens unsicheres Licht in dunkler Müdigkeit erschauert.

Aber ich lebte ja! Um mich her war der Tag! Aus undurchdringlich seligem Gezweige drang der süße Ruf der Turteltauben durch die laue Luft! Wie sicher fühlte ich mich hier unten, inmitten der anderen, in dem still verweilenden Sommerlicht! Und ermüdet schloß ich die Augen, in dem schwindligen Doppelleben, das ich jetzt führte, versonnen, wie der an steilem Bergesabhang Träumende.

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Als ich erwachte, war ich allein. Die Blumen, die in hohen Rabatten nach Art der Klostergärten alle Mauern des Schlosses umwuchsen, umschlossen sie jetzt wie entseelt, mit einem fahlen Ring. Im unteren Stockwerk und links über der Kapelle waren schon alle Fenster beleuchtet, der Schatten einer Zofe huschte geschäftig vorüber und der Prozeß des Ankleidens schien überall in Schwung. Ich eilte nun über den Vorplatz, Gänge und Stiegen hinauf; aber im Laufen fühlte ich die Angst gleich einem Riesenschatten wieder dicht an meiner Seite, als habe sie es gar nötig, mich in mein Zimmer zu begleiten. Zum ersten Male versagte dort das Licht; wie ein entlegener und vergessener Raum lag es in der Dunkelheit vor mir. In dem verlöschenden Tagesschein, der durch das Fenster fiel, sah ich jetzt die Draperien des Bettes heruntergerissen, und daß der Balken, der sie hielt, schräg an der Mauer herabhing. Halb tastete, halb suchte ich nach den Kerzen, fand aber nichts mehr zur Hand, und wandte mich erschrocken der Türe zu, um das Zimmer wieder zu verlassen; allein sie widerstand und die Klinke war von außen gehalten. Noch ehe ich mich besinnen konnte, drang jedoch ein Schrei durch die Türe zu mir und zugleich hing die Klinke wieder locker in meiner Hand.

Auf den Gang hinausstürzend sah ich einen Diener, der wie besessen nach der Richtung der Freitreppe rannte. (Offenbar hatte der mich für einen Geist gehalten.) Flugs holte ich ihn ein, und zwang ihn, mich zu erkennen. Als hätte ich ihn erwartet, nahm ich dann den Brief, den er mir entgegenhielt. Er enthielt eine Menge Gründe für meinen, ohne mein Wissen, schleunigst vollzogenen Umzug. Aber ich las ihn nicht zu Ende! Ob diese Gründe wahr oder erfunden, oder auch nur wahrscheinlich waren, kümmerte mich nicht. Nach meinem neuen Zimmer, das in einem anderen Stockwerk, nach einer anderen Himmelsrichtung lag, flog ich mehr, als ich ging. Dort standen wohlgeordnet alle meine Sachen; die Kerzen brannten vor dem hohen Spiegel und das Kleid, das ich für den Abend anziehen wollte, lag ausgebreitet auf dem Bett. Eine Grille zirpte vor dem Fenster, der warme Rasen duftete so sommerlich herein. Wie schön war alles, was atmete, war diese Erde, war dies Leben! Und wie am Tage meiner Ankunft, als ich im hellen Abendlicht durch die Wälder nach Rufford fuhr, war es da wieder nur ein Bild, das mein Geist begierig greifen und erfassen wollte: des Lebens, der Natur ewig tröstliches Erstehen.

Und doch sind es die schauerlichen Nächte in jenem anderen Zimmer, deren Erinnerung ich heute nicht vermissen möchte.

TORSO

Gedanken, Meinungen und Überzeugungen drängen nach Äußerung, lange bevor wir noch wissen, welchen Ausdruck wir ihnen verleihen, in welche Form wir sie bringen können. Den einen treiben sie zur Gestaltung, zur Ausführung oder zur Tat, den minder Glücklichen zwingen sie zur Schrift.

Leopardi nennt die so verbreitete Meinung von der Seltenheit der Originale einen großen Irrtum, denn bei näherer Betrachtung erweise sich fast ein jeder als ein ganz einziges, noch nie dagewesenes Exemplar! Einem solchen Begriff der Originalität fehlt freilich jedes Prestige. Aber tatsächlich ist es mit den geistigen Physiognomien der Menschen, wie mit den äußerlichen. Könnten wir jene mit den Augen sehen, wir würden da genau dieselbe Mannigfaltigkeit, aber auch dieselben Mißverhältnisse wahrnehmen, wie an den sichtbaren Gestalten; nur daß sich auf geistigem Gebiete der Wahn so bemerkbar macht, als sei hier eine Unterschiebung der eigenen Identität durch eine schönere oder bedeutendere leichter möglich, die Gesetze der Unveränderlichkeit leichter zu täuschen oder zu umgehen, als in der körperlichen Welt. Wie wenige sind denn wirklich schöne oder vollendete Typen! Und wie viele gleichen jenen Bruchstücken antiker Statuen, deren Wirkung durch einen ergänzten Kopf, eine fremde Bewegung verdorben oder gestört wird, statt daß sie bleiben, was sie sind, nämlich meist _ohne_ Kopf und Fuß, aber echt.

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