L'Âme aux deux patries: Sieben Studien

Part 2

Chapter 23,363 wordsPublic domain

-- Ist es nicht seltsam, wie unser Gefühl für Goethe mit uns wächst? Oft vergeht doch eine lange Zeit, ohne daß wir uns mit ihm beschäftigen, noch ihn lesen, und plötzlich erfaßt uns dann der Gedanke an ihn wieder mit einer Macht, die uns durchschauert. --

»Werden Sie mir später auch einige Kritiken gestatten?« begann da mein Reisegefährte. »Aber Sie sehen zum Fenster hinaus. Sind Sie schon fertig mit unseren Extremen?«

»Ah,« sagte ich, »Frankreich ist doch wie ein Garten voll Blumen, mit Schlössern und Gütern besät. Unlängst,« fuhr ich zu ihm gewendet fort, »sah ich ein Schloß, in dem die Schlafzimmer genau aussahen wie Zellen. Das einzige, was den strengen Eindruck etwas milderte, waren Büchergestelle, die den Wänden entlang liefen, aber wohin man auch sah, waren es ausschließlich Gebet- und Erbauungsbücher. Ich lernte dort eine Verwandte Mussets kennen, die mir versicherte, einer solchen Verwandtschaft könne sie sich nur von ganzem Herzen schämen! Flaubert zu lesen habe ihr Gatte ihr zeitlebens untersagt; es hätte jedoch seines Verbotes nicht bedurft, da sie gottlob den Schlamm nicht liebe.«

»Aber solche Leute,« rief er, »gibt es doch überall!«

»Der Unterschied, wie gesagt, liegt nur im Grad. Ich hörte in Frankreich Sonntagspredigten, die bei uns nicht gestattet wären. Eine junge und reizende laisierte Klosterfrau klagte mir ihre Not mit den Dorfkindern; von den Volksschullehrern würden sie unterwiesen, nicht darauf acht zu geben, was ihnen der Pfarrer von der Kanzel herab lehrte, und dieser wiederum male der Gemeinde die Autoritäten des Landes in den fürchterlichsten Farben. Tatsächlich habe ich nichts betrüblich Unfrommeres gesehen, als das hiesige Bauernvolk, wenigstens in der Gegend, von der wir kommen. Dafür traf ich unter den begüterten Familien nicht einen einzigen Knaben, dessen Erziehung unter einer anderen Obhut als der eines Abbés stand. Auch diese Sitte wäre uns zu extrem! Aber ich fürchte,« schloß ich, »derartige Auslassungen sind nicht der Brauch. Man sagt sich von einem Lande zum anderen in den Zeitungen unangenehme Dinge, zu einer Aussprache aber pflegt man nicht zu kommen. Und doch hätten wir so viel voneinander zu gewinnen!«

»Ich finde Sie zumeist mit den deutschen Vorzügen und den französischen Mängeln beschäftigt.«

»Nein,« rief ich, »denn nichts regt ja, wenigstens meinem Gefühle nach, unseren patriotischen Eifer so sehr an, als unsere Anerkennung für die Vorzüge einer anderen, sei es einer fremden oder verwandten Nation! Solche Empfindungen erregen in mir der unvergleichliche Formensinn, die bewundernswerte Regsamkeit, welche Paris zu einer der schönsten Kundgebungen menschlicher Kultur erhob und inmitten so gefahrvoller Geschicke stets auf seiner Höhe zu erhalten wußte. Und mit ebensolchen Empfindungen bewundere ich in England den praktischen, nie ins Kleine sich verlierenden Überblick, das englische Erziehungssystem, die englische Ästhetik, kurz alles, wodurch dies Volk zur glücklichsten und schönsten Nation der Welt geworden ist.«

»Aber Ihr Eifer ist ja die reine Utopie!« rief er. »Die Vorzüge der Franzosen und Engländer sind Ihnen entzogen, weil Sie eben Deutsche sind!«

»Zu welchem Reichtum gerade unser Wesen sich entfalten kann, dafür bürgen unsere großen Männer.«

»Immer diese großen Männer!« sagte er. »Sie sind noch lange nicht die Nation! Und Sie vergessen, daß noch keine von ihren eigenen großen Individuen so unumwundene Aussprüche des Tadels erfuhr, wie die deutsche.«

»Weil niemand besser als diese vollendeten Typen die Tiefe und Fülle unserer Anlagen erkannte.«

»Aber was nützt es?« sagte er. »Die Deutschen bearbeiten meist nur _eine_ Geisteskraft. Es ist Lichtenberg, wenn ich nicht irre, der ihnen dies vorwirft. Daher gewisse Rückstände, die sich sonst nicht erklären ließen, und daher noch heutzutage unter Ihren gebildeten Ständen jene merkwürdigen, provinzialen, füreinander ungenießbaren, sich argwöhnisch voneinander abschließenden, sogenannten >Kreise<, über die wir im Ausland lächeln! Was nützt es, daß sie denken, wenn sie die Kunst des Lebens nicht erlernen? Durch ihre minder durchdringende, minder ausgeglichene Kultur bleiben sie der Kritik fremder Nationen ausgesetzt.«

»Ein glücklicheres Ebenmaß,« sagte ich, »könnte diese Kritiker über schwerer zu beseitigende Mängel hinwegtäuschen. Wir sind noch im Werden. Das ist auch etwas Schönes.«

»Wir sind alle im Werden!« rief er. »Aber warum unterschätzen Sie jene Großzügigkeit, die Ihrem gesellschaftlichen Leben fehlt?«

»Bei uns,« sagte ich, »machen sich die klugen Leute nichts aus der Geselligkeit, weil sie ganz ihrer Arbeit leben.«

»Bei uns arbeiten sie ebenso. Und Sie irren: kluge Leute sind von Natur nicht einsamer als andere. Aber sie wollen _herrschen_! Die Berechtigung ihres Einflusses wie ihr Prestige gestehen wir ihnen in weit größerem Maße zu; die Deutschen dagegen sind hierin viel demokratischer als wir; und dies ist der Grund, warum ihrem Verkehr nicht selten der Zug und das Interesse fehlt, das ihrem geistigen Niveau entspräche. Dazu kommt, daß bei ihnen der Prozentsatz zwar sicher nicht der Reisenden, aber der >Bereisten< ein so geringer ist. Man kann ja,« fuhr er fort, »den Kosmopolitismus zu weit treiben; wo aber die unentbehrliche Voraussetzung für denselben: eine wahre und vererbte Bildung, vorhanden ist, bildet er deren letzten Abschluß und verleiht unter anderem den Überblick und die Menschenkenntnis der eigentlichen Leute von Welt. Bei ihnen reisen jedoch die Vermögenden wie die Windsbraut durch ganz Italien und wieder retour, haben Italien und nichts von der Welt gesehen, und ein anderes Mal fahren sie mit derselben Eile nach Paris, sehen mit diebischer Freude alle Cafés chantants und wissen viel von den Boulevards, aber nichts von den Franzosen!«

»Und Sie sind der Mann,« rief ich, »der mir vorhin meinen utopischen Eifer vorwarf, als ich sagte, wir hätten soviel voneinander zu lernen! Wer denkt nun logischer von uns beiden?«

»Sie vergessen nur zu leicht,« sagte er lachend, »daß es auch politische Gesichtspunkte gibt.«

»Was andere besser verstehen,« sagte ich, »überlasse ich ihnen lieber ganz und finde es anregender, die Dinge von einer anderen Seite aus, die mir mehr Übersicht gewähren kann, zu betrachten. Voneinander getrennt stellen sich mir da, wie die Begriffe, von welchen Sie gestern sprachen, so auch die hervorragendsten Nationen in ihrem Gesamtbild als mangelhaft dar. Ich bin für psychologische Eroberungen, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht in hundert Jahren recht haben sollte. Aber hier sind wir ja,« rief ich mit einem Gefühl großer, plötzlicher Lebensfreude, »in Ihrem schönen Paris!«

Langsam rollte der Zug in die große Halle der Gare St. Lazare.

III.

Alte Leute schütteln die Köpfe über unsere Ruhelosigkeit, weil wir mit unseren immer beschleunigteren Schnellzügen nicht zufriedener sind, als unsere Väter zur Zeit der Stellwagen. Aber zu unserer Ehre sei's gesagt: wir sind um so ruheloser und unzufriedener, je weniger wir die Zufriedenheit, je mehr wir den Fortschritt erstreben! Ein steigernder Drang, eine Hast und Ungeduld, wachsenden Flügeln vergleichbar, ist heute in uns rege: wir durchschneiden die Luft, durchfahren unterirdisch große Städte mit Windeseile, und größte Schnelligkeit der Bewegung ist uns zur entsprechendsten Äußerung, ja zur Notwendigkeit geworden, wie der Schatten des Glücks, nach dem wir jagen. Eine solche Generation bringen heimelige Postkutschen zur Verzweiflung, und selbst das Geticke der alten Wanduhren verträgt sie nicht mehr! Sie bringt viel Unrecht und viel Unsinn zutage, aber sie ist im Grunde nicht schlimmer, sie ist besser als eine andere, denn sie ist so müde und überreizt zugleich, weil ihr der Frühling in den Gliedern sitzt.

Zwar stehen uns noch zu viel trübe, regnerische Tage bevor, als daß wir merken könnten, daß sie länger werden. Aber wenn es stürmischere Zeiten gegeben hat, als die unsere, so war kaum eine, in der so viel neue, noch unausgesprochene Gedanken zu reifen, Gegensätze sich zu versöhnen, alte Vorurteile zu zerfallen strebten.

Kürzlich ging ich an einem Nachmittag die kurze Strecke von der Rue de la Paix zur Place Vendôme: den weltberühmten Modeläden entstiegen elegante Frauen mit blassen Zügen und großen sicheren Augen. Die reiche, fast edel zu nennende Vollendung ihrer ganzen äußerlichen Haltung lieh ihnen einen Abglanz von Schönheit und Überlegenheit. Sie harrten einen Augenblick, bis ihr Wagen aus dem Gedränge vorfuhr, und neugierig betrachtete ich ihre stolz zerstreuten, unbefangenen Blicke. Nichts ist ja psychologisch tiefer begründet, als jenes Gefühl unendlicher Differenzierung, unendlichen Entrücktseins von der Not des Lebens und die satten, fast melancholisch strengen Mienen der Besitzenden.

In jenen Pariser Straßen geht es sich so leicht! Was das Auge dort fortwährend fesselt, trägt den Schritt so schnell, gedankenvoll dahin! Geschmeide blitzten mir entgegen, große träumerische Perlen, ein köstlich strahlender Halsschmuck aus Smaragden, smaragdne Ringe und viele zärtlich funkelnde Smaragde.

Allein zärtlicher noch und schimmernder: ein Triumph für die ersten Kürschner und Putzmacher der Welt, war da der Anblick einer schönen Engländerin mit einem samtnen Gesicht wie eine Primel. Kaum war sie aus dem Laden ins Freie getreten, als ein Automobil um die Ecke raste und einer der bekanntesten jungen Männer von Paris: morbid und unverschämt, den Hut vom Winde etwas zurückgeschoben, aber herrlich und frei wie ein Marmorbild, ihr entgegenfuhr.

»Es geht sich heute so schön,« sagte da plötzlich dicht neben mir ein Pariser Freund, »haben Sie Zeit?«

»Aber bleiben wir in diesen Straßen,« sagte ich; »man wird da von dem Leben ringsumher wie von Wellen so herrlich fortgerissen und überflutet.«

Zwar hörte man vor dem Getöse und Gebrause ringsumher seine eignen Worte nicht; dann zerstreuten die Schaufenster, hier ein Pelzumhang -- unnachahmliche Mäntel, in die man im Vorübergehen sich hineindachte; dann wieder unter den vorübereilenden Wagen so manches glänzende, bewegte Bild. »Ach,« seufzte ich, »mir ist hier oft, als müßte mein Herz brechen vor Sehnsucht nach Geld!«

»Nach Geld?« rief er erstaunt.

»Ja,« sagte ich, »ich konstatiere an mir selbst eine immer wachsende Leidenschaft für die Güter dieser Erde, und wie sehr sich unsere Anforderungen an das Leben mit unseren geistigen Fähigkeiten steigern!«

»Diese lehren uns vielmehr, das Glück in uns zu suchen.«

»Sie scherzen,« rief ich. »Alles was mich hier umgibt, lehrten sie mich ersehnen.«

Aber hier erlitt unser Gespräch von neuem eine Unterbrechung; denn langsam kamen uns zwei hinreißende Gestalten entgegen: es war die Dame mit dem eleganten Primelgesicht, an der Seite ihres Begleiters. Göttliche Schultern trugen ihr leichtsinniges Haupt und zauberhafte Haare verklärten es. Es lag etwas halb Zärtliches, halb Spöttisches in ihrer Anmut; zugleich etwas Siegreiches, ja Unnahbares in ihrer Sorglosigkeit, in ihrer Flüchtigkeit selbst. Und es war, als zöge sich, wie um die Mondessichel, ein hellerer Schimmer um die beiden, ein Schein, der sie der Not fehlgeschlagener Hoffnungen, vergeblicher Wünsche entrückte.

»Folgen wir ihnen!« schlug ich vor, auch als sie gleich darauf im »Ritz« verschwanden. Es war Teezeit. Wir betraten das schöne Hotel, dessen Art sich in der Welt wohl schwerlich übertreffen ließe. Die Galerie, in welcher der Tee genommen wird, der -- wie allerorts in Paris -- verhältnismäßig zu wünschen übrig läßt, glich um diese Stunde einem Turnierplatz geschmackvollster und zugleich kühnster Hüte. Man sah die diszipliniertesten Taillen und die kunstvollsten Teints. Allein weit entfernt, frivol zu sein, war nach meinem Empfinden der äußere Eindruck dieser möglichst »hergerichteten« Pariserinnen der eines sehr gründlichen und strengen, höchst erstrebenswerten Formensinns. Übrigens waren sie nicht in der Mehrzahl vertreten, sondern alle Sprachen schwirrten hier durcheinander. Auch unenthusiastische Jünglinge mit fallenden Schultern hatten sich eingefunden, und stattliche Damen, deren Mundbildung von weitem den amerikanischen Akzent verriet, mit Physiognomien von faszinierender Gewöhnlichkeit.

Ich hatte die Eckplätze links am Eingang gewählt, die zugleich einen Ausblick auf die Treppe gewährten, denn die Menschen, die dort vorüberkamen, waren als Millionärtypen vielleicht noch charakteristischer. Ein blasser, schwarzer Herr, mit breiten Schultern, stumpfen Augen und einem lautlosen Tritt, sah aus wie der Mammon selbst. Die Marchioneß von A*, eine sehr schön gewesene Dame, mit fliegendem Schleier, fliegendem Mantel und einem fliegenden blauen Blick, hielt eine Weile unter der Türe stand, sah mit theatralischer Insolenz um sich her und verschwand. In unserer Nähe ließ eine Österreicherin, die Frau eines durchreisenden Diplomaten, immer lauter ihren deutsch-französischen Jargon vernehmen. Sicher fiel die ihrem Manne durch zu große politische Wißbegierde niemals lästig! vielmehr war sie von jenem rein gesellschaftlichen Prestige einer Diplomatenstellung wie ihn die Scribeschen Lustspiele feiern, wie Bismarck ihn verhöhnt, noch gänzlich erfüllt. Weder jung noch schön, aber von ansehnlicher Größe, mit ihren großen, konventionellen Zügen, ihrer kunstvollen Frisur und ihrem erbsenfarbenen Gewand sah sie aus wie der Genius des »Journal du High Life«. Mit groben aber wohlgepflegten Händen schwang sie unaufhörlich ein Lorgnon. Es war ihr Degen, ihr Symbol. Denn auch die Welt in Zeit und Raum sah sie durch ein solch abgrenzendes Glas, das für sie nur die »Welt des Salons« auffing und spiegelte.

»Rom ist delicios,« hörten wir sie sagen -- »c'est autre chose que la Suède! Ganz die große Welt! -- In der Saison komme ich einfach nicht zu Atem; die Unmasse von Engagements, déjeuners, dîners und die vielen jours . . .« sie suchte dies in bedauerndem Tone vorzubringen, aber es gelang ihr nicht. Dabei hatte sie durch ihr Lorgnon jemanden von der »großen Welt« erblickt, der auf sie lossteuerte: »Sie hier, cher Comte?«

Es war alles so ergötzlich! Der Pariser Freund und ich, wir sahen einander lächelnd an: »Ihre zwei Göttergestalten scheinen sich in die oberen Stockwerke verloren zu haben,« bemerkte er. Indeß kam die Marchioness von A* mit Bekannten wieder. Sie kam in Begleitung einer außerordentlich reizvollen, melancholischen Dame, einem hypereleganten, unwahrscheinlich schönen Mädchen, und einem nicht mehr jungen Mann von wortkargem und gebieterischem Wesen. Was Lebensstellung und Gewohnheiten anbelangte, gehörte er zweifellos zu den Großen dieser Erde. Sein großes weißes Gesicht trug zugleich den Stempel der Oberflächlichkeit und einer gewissen Leidenschaft. Aus seinem stahlgrauen, etwas starren Blick sprach nicht etwa eine sehr machtvolle oder reiche Individualität, aber deren ungehemmte und machtvolle Entfaltung.

Plötzlich war alle meine Munterkeit dahin: den Tee, von dem ich mir noch eben eine Tasse eingeschenkt, schob ich mit Widerwillen von mir. Bisher, wie im Schauspiel, meinem eigenen Bewußtsein gänzlich entfallen, war ich mir plötzlich meiner selbst aufs heftigste bewußt! --

Keine Paläste mit unschätzbaren Tapisserien und alten Bildern, keine Reichtümer und keinerlei Macht war mein eigen! Über das blaue Meer hin, nach Indien oder Griechenland, wo gerade die Erde am schönsten blühte, nach London, unter Menschen, deren Pracht gerade am lachendsten sich entfaltete, wohin er nur wollte, setzte der Mann dort herrschend seinen Fuß. -- »Kein Ersatz,« dachte ich, »ist dem Menschen beschieden! Nicht die eine Sache zum Trost, weil ihm die andere verwehrt ist. Nie darf er den Kelch verhaßter, tödlicher Entsagung von sich schleudern!«

Wir standen wieder im Freien, diesmal den Tuilerien zugekehrt. Grau und vornehm ragte die Säule von Vendôme, aber nicht länger zog es mich hin zu den Herrlichkeiten der Rue de la Paix.

»Ich begreife Sie nicht,« sagte der Pariser Freund, »ist es denn möglich, daß Ihnen solche Leute imponieren!«

»Ich nehme sie ja nicht persönlich,« sagte ich. »Aber die Ermöglichung einer sehr raffinierten Existenz imponiert mir allerdings: I believe in surroundings! Wenn ein kunstvoller Rahmen ein wertloses Bild nicht zu heben vermag, so wird eine schlechte Holzleiste die Wirkung eines Kunstwerkes sehr wohl beeinträchtigen können. Und weil sich um die gewöhnlichsten Menschen oft die herrlichsten Rahmen ziehen, so brauchen wir deshalb den Wert dieser letzteren nicht zu verkennen. Das Leben ist zu schön geworden!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

Hier galt es jedoch, schweigend und mit Bedacht, von Automobilen wie von feindlichen Kanonen umsaust, die Rue de Rivoli an der Mündung der Rue Castiglione zu überschreiten.

Nach dem Gewoge der Straßen schienen die Tuilerien so weit und still. Schweigend gingen wir eine Zeitlang weiter.

»Und morgen geht's dahin!« seufzte ich. »München wird Ihnen jetzt zu still erscheinen?«

»Nicht das Zurückkehren, das Nichtfortkönnen von einem Ort fällt uns heute so schwer.« Und im stillen durchbebte mich schon im voraus die Sehnsucht, die mich in der Ferne ergreifen würde, an den Ort zurückzukehren, an dem ich jetzt stand. Alles lag in jenen entzückend feinen, mattsilbernen Tönen der zärtlichen Pariser Luft, die so leicht und optimistisch schimmert und selbst den kahlen Bäumen ihre Düsterkeit benimmt. In hoher kalter Grazie dem grauen Louvre zugewandt, stand eine nackte steinerne Nymphe.

Mit Statuen aber geht es uns häufig wie mit der Musik: was im Museum wohl zurückstände, im Konzertsaal uns kritisch ließe, kann unter freiem Himmel hinreißen und rühren. Unwillkürlich waren wir stehen geblieben.

»Wie der menschliche Körper durch die griechische Kunst, so hat sich seitdem das menschliche Leben selbst zu einem Ideal gestaltet.«

»Zum mindesten ein vorgreifender Glaube,« meinte er.

»Wie jeder Glaube,« sagte ich.

IV.

So machen wir auf Reisen unsere schnurrigsten Erfahrungen. Gilt es jedoch die Ansichten vorzubringen, die sich da ganz von selbst für uns ergeben, so dünken sie uns gar zu einleuchtend und elementar, um noch erwähnt zu werden. Aber das langweiligste ist, daß wir mit solchen Ansichten, obwohl sie längst unausgesprochen da sind, immer noch als Vorläufer erscheinen, und daß es immer noch keine Gemeinplätze sind; denn sie stehen noch immer nicht in den Zeitungen, diesen Feldern des Überdrusses, diesen mit wenigen Ausnahmen so träg geschäftigen Wiederkäuern zu oft gesagter oder überwundener Dinge!

Oft sind es aber ganz kleine Dinge, die uns mit der Artung einer Nation unversehens in Berührung bringen, wie ein plötzlicher Augenaufschlag, oder der Schatten eines Lächelns uns plötzlich neue Einblicke in das Wesen eines Menschen gewähren kann.

Zwei Pariser Episoden bleiben mir deshalb stets lebhaft in der Erinnerung.

Eines Nachmittags ging ich den Quai d'Orsay entlang und einem matten winterlichen Sonnenuntergang entgegen.

Ich hielt einen Strauß der wundervollsten Blumen. Besonders prangte da eine ganz erstaunliche Rose, mit der man immer wieder sich befassen mußte. Sonst war ich eigentlich eher verstimmt. Ich kam gerade von einem déjeuner, das mir zwar, so lange es dauerte, sehr animiert und glänzend schien, bis ich nachträglich merkte, daß es mich gelangweilt, daß all die unnützen Dinge, die ich vernommen oder selbst gesagt, ja selbst all die schönen saillies und mots d'esprits mich zuletzt verdrossen hatten. Gott, und mein Nachbar erst, wie sich der verpuffte! Es glitzerte und flickerte, jedoch das Wässerlein war seicht, und war kein Fischlein darin.

Vielleicht ist die »Gemütlichkeit« dasjenige, was wir bei den Franzosen, ob hoch oder niedrig, am öftesten vermissen. Und sie ist es, welche der médiocrité allemande vor der médiocrité française, den »kleinen Leuten« vor den »petites gens« den großen Vorzug verleiht. Bei den Franzosen hingegen schlägt sich das Interessante ganz auf seiten der Individuen und gedeiht sozusagen auf Kosten der Masse.

Ich steuerte indeß dem Quartier de la Madeleine zu und verfehlte dort wie gewöhnlich meinen Weg. Der Zeitpunkt, den ich für eine Verabredung in der Rue Montalivet getroffen hatte, war längst vorüber, und immer irrte und eilte ich noch durch ein ganzes Strickwerk kleiner Gassen, als ein Mann, der seinem rußigen Aussehen nach Lokomotivführer oder Tunnelarbeiter sein mochte, plötzlich wie aus dem Erdboden vor mir stand. Indem ich nun im Sturmschritt an ihm vorüberging, sah ich ihn stutzen, und mit einem leisen, halbunterdrückten Ausruf des Entzückens auf meine Blumen starren. Einem Impulse folgend hatte ich da auch schon die Wunderrose, die mir nicht gehörte, hervorgezogen, wandte mich im Gehen schnell noch einmal um, warf sie ihm in einem Bogen zu und eilte weiter. Auch wäre mir der kleine und so flüchtige Vorgang kaum im Gedächtnis haften geblieben, hätte er da nicht etwas wie ein Freudenlichtlein in mir angesteckt. Denn es hätte kein Mann von Welt, kein Fürst den Sinn dieser zugeworfenen Rose mit bereiterem Takte erfassen, noch mir zarter dafür danken können, als dieser zerlumpte junge Mensch in seinem Kittel; und ich werde ihn nie vergessen, niemals, den edel aufleuchtenden, emporgerichteten Blick, als er die Rose auffing.

Das speziell Französische dieser Szene beruhte in der Unmittelbarkeit, mit welcher hier eine ganze Reihe von Nuancen blitzschnell und regenbogenartig sich ergaben.

Ein paar Tage darauf ging ich abends wieder die Rue St. Honoré hinauf, wieder auf dem Weg zur Rue Montalivet, und war noch viel müder und verstimmter als das erste Mal. Denn ich hatte in Paris kein Glück, und konnte mich doch nicht davon losreißen. Statt daß aber auf französischem Boden die französische Seite meines Wesens in Schwung gerät, geht es mir gerade umgekehrt; unter Franzosen wird mir so deutsch zumute; Deutschland klingt und rauscht in Frankreich durch mein Herz; wie in ein Wetterhäuschen zieht sich Marianne tief zurück, und einsam wie eine Schildwache rückt Michel vor.

Wie ferne, dachte ich, sind die Franzosen selbst mir, der ich schon mittewegs zu ihnen stehe! Und im Lichte unserer immer beschleunigenden Verkehrsmittel wollte mir die gute alte Zeit, je weiter sie zurücklag, nur um so schlimmer, und jede, die verflossen, als abgetan erscheinen; denn Lloyddampfer, Blitzzüge und Automobile waren im letzten Grunde Friedensmaschinen, während die idyllischen Postkutschen, in ihrer Unfähigkeit einen Kontakt zwischen den Ländern aufrecht zu erhalten, Nationen und Staaten eines Stammes bis zur Unkenntlichkeit sich entfremden ließen!