Kurzgefaßte Symbolik der Freimaurerei.
Part 4
Rührende Geschichten werden von Zeit zu Zeit in maurerischen Zeitschriften erzählt, wie dieses Zeichen gewirkt habe und wie schön es sei, so einem Br. helfen zu können! Es liegt dieser Auffassung aber ein Irrtum zu Grunde, der tiefer sitzt als nur im Not- und Hilfszeichen, ein Irrtum, der leider in vielen, wo nicht in den meisten Logen großgezogen wird. Dieser Irrtum besteht darin, daß Freimaurerei und Humanität miteinander verwechselt werden, also Form und Inhalt, gerade wie bei den kirchlich Gläubigen, welche ebenfalls Kirche und Religion verwechseln. Dies bringt die Letzteren dahin, außerhalb ihrer Kirche keine Religion anzuerkennen, so daß sie die Menschen, die nicht ihres Glaubens sind, verachten und sie von Glück und Seligkeit, ja von allen Menschenrechten ausschließen. Gerade so denken und handeln traurigerweise auch die meisten Freimaurer. Alles was die Füße nicht in den r. W. stellt, ist ihnen „profan“. Dieses häßliche und abscheuliche Wort, welches die aufgeblasenste Selbstvergötterung und die empörendste Menschenverachtung bei denen kundgibt, welche die Priester und Apostel der Humanität sein sollen, ist aus unseren Schriften längst verbannt. Wir haben auch dahin zu wirken versucht, daß die deutschen Maurer es überhaupt aufgeben, aber umsonst. Sogar die freisinnigsten Maurerzeitschriften, welche jeden Zopf in der Maurerei unbarmherzig bekämpfen, hängen fortwährend an der Bezeichnung „profan“ für die untergeordnete Menschenklasse, welche die Logen nicht besucht, -- mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig wäre. Man sieht daraus, daß diese Maurer die Nichtmaurer gründlich verachten und auf sie mit demselben mitleidigen Hochmut herabsehen, wie die Gläubigen irgend einer Religion auf die Ungläubigen, Ketzer und Schismatiker. Und dies ist wahrlich kein Wunder. Der in den Logen gewöhnlich herrschende Ton erzieht die Brr. förmlich dazu, in den „Aufgenommenen“ eine Art höherer Menschheit anzustaunen. In den meisten freimaurerischen Reden und Vorträgen, die man liest und hört, ist nur von den Pflichten der Brr. gegen Brr. und selten oder nie von denjenigen gegen alle Menschen die Rede. Man hört nur von der Erziehung der Brr. zur Selbsterkenntnis und Selbstveredlung, niemals von derjenigen anderer Menschen. Und so kommt es denn auch, daß in freimaurerischen Kreisen meist allgemein geglaubt wird, der Begriff der Humanität bestehe lediglich in demjenigen der Freimaurerei, diese beide seien identisch oder es gebe keine Humanität außerhalb der Freimaurerei, und die nichtmaurerische Menschheit wisse daher nichts von Humanität. Denn letztere ist eben den hier gemeinten Brrn. nur unter dem Namen der Freimaurerei bekannt und diese haben keine Ahnung, daß sie schon Jahrtausende vor der Existenz des Bundes gelehrt wurde und heutzutage außerhalb desselben viel ausgebildeter ist, viel folgerichtiger und allseitiger geübt wird als innerhalb der Logen. Denn in welcher andern Gesellschaft der zivilisierten Welt werden noch Nichtchristen oder Farbige oder Uneheliche (wie in England) oder Freidenker von der Aufnahme ausgeschlossen? Ja in dem freigesinnten Teile der nichtmaurerischen Welt ist die Humanität bereits eine so selbstverständliche Sache, daß ihrer kaum gedacht wird. Ja sogar ganz dieselben moralischen Lehren, welche die Maurer in Schule und Kirche, wie in nichtmaurerischen Büchern tausend und abertausendmal gehört und gelesen haben, -- ganz dieselben einfach menschlichen Regeln, Gebote und Vorschriften halten sie allen Ernstes in der ▭ für etwas ganz Neues, dem Freimaurerbunde Eigentümliches! Es wäre wirklich unglaublich, wenn es nicht erwiesenermaßen wahr wäre! Mit heiligem Ernste muß man zu hunderten von Malen wiederholen hören, die ▭ allein sei der heilige Boden, auf welchem sich Männer aller Religionen, Nationen und Stände treffen; man muß es sogar von solchen begeistert ausrufen hören, welche einzelne dieser Menschenklassen vom Bunde ausschließen, -- und die große Menge der Brr. denkt nicht daran, daß dasselbe in nichtmaurerischen Gesellschaften in noch viel weitherzigerm Maße der Fall ist!
Und aus diesem dünkelhaften Wahne stammt denn auch das unglückselige Not- und Hilfszeichen. Dasselbe kann und wird niemals einen andern Sinn haben, als daß man nur +Brrn.+ helfen müsse, anderen Menschen aber nicht. Derjenige, der auf das N. u. H. Z. hin helfend eingreift, würde also in demselben Falle nichts tun, d. h. unter Umständen den Betreffenden ruhig zu Grunde gehen lassen, wenn derselbe kein Maurer wäre! Soll das irgend etwas mit Humanität zu tun haben? Steht da der verächtlich behandelte „Profane“ der ohne Zeichen und Ausweis als Mensch hilft, nicht weit höher? Ein Br., der als Soldat den, der das Zeichen macht, schont, den Andern aber niederhaut, -- ein Br., der als Lootse ein Schiff mit der dem Zeichen gleichstehenden maurerischen +Notflagge+[6] (Z. u. W. auf blauem Grunde) rettet, das eines Nichtmaurers aber untergehen läßt, -- handelt er aus irgend welchen menschlichen Regungen, aus humanem Pflichtgefühl, und nicht vielmehr aus ungern und zögernd beobachtetem Logengehorsam?
Wir halten daher das N. u. H. Z. für eine ganz inhumane und daher, weil Humanität der Inhalt der freimaurerischen Form ist, auch unmaurerische Erfindung und befürworten die gänzliche Abschaffung dieser ohnehin veralteten und unpraktischen, vor allem aber die Humanität fälschenden und höhnenden Einrichtung.
Ist ein Br. in äußerer persönlicher Gefahr -- -- und nur diesen Zweck hat das N. und H. Zeichen -- so reicht bei sittlich zuverlässigen Menschen der Hilferuf vollkommen aus.
Wir haben nichts mehr beizufügen, als die Hoffnung, die Brr. möchten immer mehr erkennen, daß sie nicht besser sind als andere Menschen, daß niemand das Recht hat, andere als „profan“ zu verachten und daß wir Freimaurer höhere Pflichten und einen höhern Beruf haben, als längst breitgetretene und überall bekannte moralische Lehren immer noch breiter zu treten und zum Überdruß zu wiederholen und uns selbst zu betören, daß damit etwas Verdienstliches geschehe, ohne daß jedoch darin der mindeste Nutzen für irgend jemanden bewirkt wird!
[6] Diese hat indessen noch mehr Berechtigung, indem sie die Nähe von Brüdern anzeigt.
6. Die Zieraten.
Mit unsern Gunsten, sei’s mit unserm Willen, der schauen will, was wir verhüllen.
+Goethe Faust+ II.
~a~) Der Loge.
Unter „Zieraten“ verstehen verschiedene freimaurerische Quellenschriften ziemlich verschiedenes. Im allgemeinen kann angenommen werden, daß unter „Zieraten“ die Ausschmückungsgegenstände der Loge verstanden werden, während man unter „Kleinodien“ die von den einzelnen Brrn. getragenen Verzierungen (Dekorationen, Ornamente) zusammenfaßt. Wir bringen hier beides unter +einen+ Titel, erlauben uns aber, davon dasjenige auszunehmen, was nach unserer Ansicht besser in ein anderes Kapitel fällt, und das um so mehr, als der Name wie gesagt, ohnehin schwankend ist. Meistens ist das, was hier wegfällt, dasjenige, was nach unserer Auffassung eine höhere, ideale und historische Bedeutung hat.
Als Sammelplatz der Logenzieraten, wie auch der nachher zu behandelnden Werkzeuge und Sinnbilder, jedoch in einer nach den Lehrarten verschiedenartigen Anordnung und Zahl, ist der +Teppich+ (~Tapis~) zu betrachten. In den ersten Zeiten des Bundes wurde in Mitte der Loge, gewissermaßen als ihr verkleinertes Abbild, oder wie man sagte, als solches des Salomonischen Tempels, vor Beginn der Arbeit mit Kohle oder Kreide ein längliches Viereck auf den Boden gezeichnet und nach Beendigung der Arbeit wieder ausgewischt. In der Mitte des 18. Jahrhunderts begann man, um diese mühsame Arbeit zu ersparen, an die Stelle des länglichen Vierecks einen ebenso geformten Teppich zu legen, den man nach den Teppichen der mosaischen Stiftshütte (2. Mos. 26) erklärte. Seit 1761 wurden auf den Teppich je nach dem Geschmacke oder der Lehrart Gegenstände der freimaurerischen Symbolik gemalt, an manchen Orten erst später; hier und da begnügte man sich statt des T. gemalter und zusammengefügter Bretter. Der T. wird auch Lehrlingstafel genannt, weil den Lehrlingen die auf ihm angebrachten Zeichnungen als Sinnbilder von Tugenden und religiösen Ideen erklärt werden.
Das verhältnismäßig junge Alter des T. hat gelehrte Brr., trotz der Verschiedenheit seiner Darstellungen, nicht verhindert, aus diesen tiefe Geheimnisse einer alten Religionslehre herauszulesen. Weil es den Gründern des Bundes, welche insgesamt orthodoxe Christen, und zwar nach englischer Art mit besonderer Vorliebe für das Alte Testament waren, gefiel, den Teppich als Bild des Tempels Salomos zu betrachten, sollte er nach früher allgemein herrschender Ansicht auch aus diesem Bauwerke stammen. Damit aber waren die Brr. M. S. Polak in Amsterdam und ~Dr.~ Joh. Leutbecher (1801-1878) in Erlangen noch lange nicht zufrieden. Diese Brr. gehen von den Geheimnissen (Mysterien) einer Urreligion aus, die sich in Indien durch in patriarchalischen Anstalten erzogene Führer ausbildete und von dort aus durch Kolonien nach allen Himmelsgegenden verbreitet wurde, wo dann überall solche Anstalten entstanden, die den Logen ähnlich waren. So kamen sie über Persien und Syrien nach Griechenland und Westeuropa, ja sogar nach Amerika vor dessen Entdeckung, wie auch nach Ägypten und Palästina. Die Fabeln, die in den Schriften der ersten Freimaurer figurieren, werden für bare Münze gehalten und kommen den Teppicherklärern wohl zu statten. So pflanzte sich nach dieser Lehre das, was heute Freimaurerei ist, unter verschiedenen Formen von einer geheimen Gesellschaft auf die andere fort und ist in den heutigen Logengebräuchen ungeachtet mancher Änderungen noch vorhanden. So sieht z. B. Polak den Ursprung der 3 freimaurerischen Reisen in den Reisen Abrahams, Jakobs und Josephs nach Ägypten, wo die Hebräer am rohen Steine gearbeitet und nach Begehung der Wasser-, Feuer- und Gewitterprobe durch Moses die Weihe erhalten haben sollen. An dieser Probe von Konfusion möge es genügen.
Am westlichen Rande des T. befindet sich als Zierrat das sog. +musivische+ (d. h. aus Mosaik bestehende, fälschlich mosaische) +Pflaster+, das den Vorhof im Tempel Salomos (1. Kön. 6,36) vorstellen und an den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der göttlichen Gaben, aber auch an die Wandelbarkeit des menschlichen Glücks erinnern und uns mahnen soll, im Glück demütig und im Unglück stark, allzeit aber hilfreich zu sein gegenüber der Not unserer Brüder.
Das den Osten, Norden und Süden des T. umziehende ineinander geschlungene und mit Fransen gezierte +Seil+ (das an die den Vorhang zum Allerheiligsten im Tempel Salomos dienende Schnur abbilden soll) hat die Bestimmung, alle Brr. zur Ehre Gottes, zur Ausübung der Tugend und zur Wohlfahrt des Menschengeschlechts zu vereinigen und zusammenzuhalten.
Die gezackte +Einfassung+ des T. gilt als Symbol einerseits des die im T. dargestellte Erde umflutenden Weltmeers, anderseits der mannigfaltigen Annehmlichkeiten des Lebens und der im Jenseits zu erhoffenden.
Die +Troddeln+ in den Ecken des T. sollen die vier Haupttugenden der Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Standhaftigkeit und Klugheit bedeuten.
Die nur in England auf dem T. abgebildete +Jakobsleiter+ gilt als Sinnbild des Weges zum Himmel. Sie erscheint dort mit 3 Sprossen, während sie nach der Legende vom Traume des flüchtigen Betrügers Jakob, da auf ihr die Engel auf- und abstiegen, deren unzählige haben müßte. An diesen Traum schließt sich der Vertrag Gottes mit Jakob, dem unverdienterweise die noch heute nicht erlangte Weltherrschaft seines Volkes verheißen worden wäre, sofern er (wenn er sich besserte!) die Gebote Gottes getreu erfüllte. Nach dem englischen Ritual ruht die Leiter auf der Bibel, um den Lehrling zu erinnern, daß er nur mit Hilfe der Bibel den Weg zum Himmel finden werde! Die drei Sprossen sollen Glauben, Liebe, Hoffnung bedeuten. Der geistliche Schriftsteller Honorius (um 1100) nahm zehn Stufen (Städte, wie er sie nannte) auf der Himmelsleiter an, die er nach soviel „freien Künsten“ benannte: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie, Physik, Mechanik und Ökonomik (vergl. oben S. 22 die 7 fr. K. u. S. 8 die Ansicht des Celsus vom Mithrasdienste).
Wie im 1. Gr. die Jakobsleiter, so nimmt das engl. System im 2. Gr. die +Wendeltreppe+ aus dem Tempel Salomos (1. Kön. 6,8) als Weg zu Höherem, hier zur Erforschung der Geheimnisse der Wissenschaft an und gibt ihr 3 Stufen (Geburt, Unwissenheit und Lehre) oder 5 (die Ordnungen der Baukunst) oder 7 (nach den Planeten, den Tagen der Woche, den Jahren des Tempelbaues u. s. w.). Die Gesamtheit dieser Stufenzahlen (15) hat ebenfalls sinnbildliche Bedeutung, indem sie bei den in ein Quadrat gestellten 9 Ziffern in jeder Richtung als Summe herauskommt.
+---+---+---+ | 8 | 1 | 6 | +---+---+---+ | 3 | 5 | 7 | +---+---+---+ | 4 | 9 | 2 | +---+---+---+
Zu den Zieraten der Loge zählen wir auch deren +Abzeichen+. Als +Farben+ der Freimaurerei (in den 3 alten Graden) sind blau (Treue) und weiß (Unschuld) anerkannt. Es kommen auch Farben einzelner Grade und Logen vor, sowie die 4 Farben der Stiftshütte, welche die 4 Elemente bedeuten (weiß die Erde, purpur das Wasser, blau die Luft und scharlach das Feuer). In den Hochgraden spielen noch mehr Farben eine Rolle. Auch freimaurerische +Banner+ oder Fahnen gibt es bei den in Amerika üblichen öffentlichen Aufzügen, in den Hochgraden, in französischen Logen u. s. w., in Deutschland bei Festlichkeiten am Logenhause (blau mit Zirkel und Winkelmaß). +Wappen+ und +Siegel+ haben wohl alle Logen mit einem Sinnbilde oder einer den Namen der Bauhütte ausdrückenden Figur.
~b~) Der Brüder.
Was die Logenmitglieder außer ihrem gewöhnlichen Anzuge während der Arbeit tragen, wird meist schlechtweg die maurerische Bekleidung genannt. Wenn Schauberg aus diesem Ausdrucke schließt, daß der +Schurz+, der den wichtigsten und ältesten Teil der maurerischen Bekleidung bildet, ursprünglich die einzige Bekleidung der Menschen gewesen, so ist die Schlußfolgerung überflüssig; man braucht nur die Leute vom Volke auf ägyptischen oder babylonischen Wandbildern (sogar die Könige des Nillandes) und die heutigen Eingeborenen der meisten tropischen Länder anzusehen, um davon überzeugt zu sein. Der Maurerschurz, der seit 1723 bezeugt ist, also wohl schon seit Gründung des Bundes (1717) gebräuchlich war, stammt einfach von den Steinmetzen und ist daher an sich schon ein Nachweis vom wahren Ursprunge der Freimaurerei. Daß er sauberer ist, als jener der Handwerker, hat seinen einfachen Grund im Mangel an rauher Arbeit bei seinem Tragen. Seine weiße Farbe und sein Stoff (Lammfell) bedeuten die Unschuld, mit welcher der Mensch ins Leben tritt (was ja die Aufnahme versinnbildlicht), und die mit den Graden an Umfang zunehmende blaue Verzierung die zunehmende Treue gegen den Bund und seine Grundsätze. Dem pomphaften Wesen der Hochgrade entspricht es, daß diese die Schurze zu einer Art maurerischer Bildergalerie machen.
An manchen Orten gehört auch, oder gehörte früher, aber in den ersten Zeiten des Bundes noch nicht, der aufgesetzte +Hut+ als Zeichen des freien Mannes, wird aber, weil oft lästig, immer mehr weggelassen. Ihn und den Schurz sogar bei der Tafelloge zu tragen, ist eine unnütze, die Heiterkeit störende Quälerei, die, wo sie noch besteht, abgeschafft werden sollte.
Zur maurerischen Bekleidung gehören ferner +Bänder+, in den alten Graden blaue, an denen die Beamtenabzeichen und die Logenzeichen (diese öfter im Knopfloch) getragen werden; besondere Auszeichnungen fügen Goldstickerei dazu. An Großlogenversammlungen tragen Schurzeinfassungen und Bänder oft die Landesfarbe (in der Schweiz rot und weiß).
Jünger als der Schurz sind die ebenfalls weißen +Handschuhe+, zum Zeichen, daß die Hände von Schuld rein sein sollen. Außer seinen eigenen erhält der neu Aufgenommene noch ein Paar weiße Frauenhandschuhe, je nach seinem Stande für seine wirkliche oder künftige oder zum Andenken an die hingeschiedene Gattin, womit gezeigt wird, daß die Loge die Ehe hochhält und auch den Schwestern eine gewisse Zugehörigkeit zum Bunde zuerkennt.
Am Sommerjohannisfeste, also in der Zeit der höchsten Blüte des Tageslichtes, einem wahren Lichtfeste, werden den Brüdern frische +Rosen+ ausgeteilt, als Sinnbilder der Jugend, Schönheit, Liebe, Freude und Verschwiegenheit. Diese Bedeutungen hatte die Königin der Blumen schon im Altertum, und schon damals wurde die Zeit des längsten Tages als ein Fest des Sonnengottes gefeiert. Auch der Tag selbst hat seine Bedeutung als derjenige eines Mannes, der einen größeren, den Heiland der Welt, das höchste Licht der Menschheit, verkündet, dessen Geburt, deren Tag unbekannt ist, gerade um ein halbes Jahr früher, an die Stelle derjenigen des Sonnengottes (~natales Solis invicti~ d. h. Geburtstag der unbesiegten Sonne) gesetzt wurde, also in die Zeit, in der die Tage wieder länger werden und eine Zunahme des Lichtes bevorsteht.
Die Rosen waren stets den schönsten Göttinnen geweiht, der ägyptischen Isis, der armenischen Anahita, der griechischen Aphrodite. Diese, den toten Adonis betrauernd, färbt nach der Sage mit ihrem Blute die weiße Rose rot. Adonis selbst, bei den Hebräern Adonai, ist der Herr des Lichtes, den die finstere Zeit tötet und die helle wieder auferweckt. Bei den römischen Festen der Blumengöttin Flora, einer Gestalt der Venus (Aphrodite), trugen die Feiernden Blumen, besonders Rosen. Mit Rosen bekränzte man von der griechischen Zeit bis heute die Gräber, um den Übergang in ein schöneres Leben zu versinnbildlichen und die Friedhöfe (Friedhof ist ein schönes Mißverständnis für Frithof, d. h. eingefriedigter Ort) heißen oft Rosengärten, so auch der Kampfplatz der Nibelungen bei Worms. Maria trat als Rosenbekränzte an die Stelle der abgeschafften Göttinnen.
Als Sinnbild der Verschwiegenheit trugen bei den ägyptischen und griechischen Mysterien (Geheimgötterdiensten) die Neophyten (Neuaufgenommenen) Rosen. Unter einer in einem Kranze aufgehängten Rose (~sub rosa~) vertrauten sich die Römer und alten Deutschen Geheimnisse an. Das Gebet, das an die Geheimnisse der Religion anknüpft und die dabei dienende Perlenkette wurde „Rosenkranz“ genannt.
Ursprünglich war in den Logen das Tragen eines +Degens+ (oder Schwertes) unbekannt und blieb es auch bis jetzt überall, wo Hochgrade nicht aufkamen und das ältere, das englische System bestehen blieb, so in Deutschland (mit Ausnahme des schwedischen Systems) und in Großbritannien, wohl auch in Nordamerika. In diesen Ländern mußten sogar jene Männer, die nach der Sitte des 18. Jahrhunderts einen Degen trugen, diesen außerhalb der Loge lassen, wie auch heute noch die Offiziere. Schauberg beklagt dies und hält fest, daß die Freimaurer als Kämpfer und Ritter des Lichtes das Schwert tragen sollen. Er begründet dies mit dem Beispiele der alten Götter und Heroen, Könige und Fürsten als Verteidiger ihrer Völker und deren Herden und führt aus, daß das Schwert ein Sinnbild des Lichtes sei.
All dies hat nichts mit dem Tragen einer Waffe in der Loge, die ein friedheiliger Ort ist, zu tun. Angriffe auf die Loge sind ausgeschlossen, und zu einer Verteidigung genügte nicht das Schwert, sondern gehörten auch Übung, Taktik und Schießgewehre. Seitdem und überall wo die Freimaurer nicht mehr Ritter spielen, bedürfen sie des Schwertes nicht. Wir sollen mit dem +Geiste+ kämpfen.
7. Die Werkzeuge.
Niemand soll und wird es schauen was einander wir vertraut; denn aus Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut.
Br. +Goethe+, Logenlieder.
~a~) Die symbolischen Hauptwerkzeuge.
Das hauptsächlichste sinnbildliche Werkzeug ist in der Freimaurerei nach unserer Auffassung der +Hammer+, weil er als Zeichen der Macht, nur den vorsitzenden Meistern zukommt. Er war auch, in den Urzeiten der Menschheit aus Stein geformt, das älteste Werkzeug ja schon von der Natur in der geballten Faust am schwingenden Arme vorgebildet. Er war bei den alten Germanen das Abzeichen ihres ältesten Gottes Thor oder Donar und hatte bei ihm dieselbe Bedeutung wie der Donnerkeil in der Hand des griechischen Obergottes Zeus (bei den Römern Jupiter). Der Hammer spielte im Kriege (als Streithammer) sowohl als im Frieden, wo ihn die nützlichen Handwerker führten, seine Rolle, und Schauberg vergleicht die drei hammerführenden Meister, den Meister vom Stuhl und die beiden Aufseher oder Vorsteher mit den Götterdreiheiten der alten Religionen; dieselben vertreten auch die drei Pfeiler der Freimaurerei: Weisheit, Stärke und Schönheit. Der Hammer ist daher das Sinnbild der Macht, und zwar für uns Freimaurer der Macht, Gutes zu tun und Edles zu vollbringen. Man darf ihn daher auch ein Attribut des höchsten Lichtes, des A. B. d. W. nennen; denn er gehört besonders dem Baumeister. Schon vorchristliche Zeit ahnte in dem Demiurgos den einzigen, den allmächtigen Schöpfer. Äußerst zahlreich sind die Beispiele hammerführender Halbgötter und Heroen, wie der Kabiren, der uralten griechischen Werkmeister. Auch christlichen Heiligen wurde der Hammer in die Hand gegeben und der Papst selbst führt ihn, wenn er bei Eröffnung eines Jubiläums an die goldene Pforte der Peterskirche klopft, in die dann eine Öffnung gebrochen wird. Es ist wahrlich nicht zuviel, wenn wir ihm die Spitze der Dreiheit einräumen, die er mit Winkelmaß und Zirkel bildet.
Wie der Hammer den vorsitzenden, so gehören Winkelmaß und Zirkel zusammen den übrigen Meistern, das Winkelmaß allein den Gesellen und der Zirkel allein den Lehrlingen. Das +Winkelmaß+ ist das Zeichen oder Sinnbild des zweiten der drei höchsten Lichter, des Gewissens, dieses Vermittlers zwischen Gottheit und Menschheit. Im alten Ägypten war es Osiris, der Totenrichter, der es trug. Die Pythagoreer hielten es als das Maß des Raumes, der Zeit und der Zahl hoch. Es soll in der Freimaurerei zunächst den Gesellen lehren, das rechte Maß zu halten und die Meßkunst, d. h. Lebenskunst zu erlernen. Seine rechtwinklige Form lehrt den Maurer, alles rechtwinklig, d. h. redlich und gewissenhaft zu betreiben, überhaupt gewissenhaft zu leben, das richtige Maß zwischen Freiheit und Ordnung zu finden, weder in Zuchtlosigkeit, noch in Untertänigkeit zu verfallen. Die Hellenen fanden zuerst das richtige Maß in Kunst und Leben, und bei den alten Deutschen war die „Maße“ die Richtschnur des Verhaltens. Die beiden Arme des Winkels weisen auf Recht und Pflicht hin, die stets in einem rechten Winkel, d. h. im richtigen Verhältnis stehen sollen; denn das Winkelmaß läßt nichts Ungleichmäßiges zu. Es lehrt daher auch das echt maurerische Verhalten unter den Brrn. und berührt sich hierin mit dem Zirkel.
Der +Zirkel+ beschreibt den Kreis und ist daher das Sinnbild eines Kreises von Menschen im allgemeinen und von Brüdern im besonderen. Er wird deshalb zur feierlichen Aufnahme in den Bund und zur Beförderung in die beiden höheren Grade verwendet. Er ist somit ein Sinnbild für die Menschheit, als drittes höchstes Licht, und zugleich für die Brüderschaft. Der von ihm beschriebene Kreis ist die vollkommenste Figur, da er weder Anfang noch Ende hat und überall vom Mittelpunkte gleich weit entfernt ist, daher er auch die Ewigkeit bedeutet. Der Zirkel ist ferner Sinnbild nicht nur einer Gemeinschaft überhaupt, sondern auch einer möglichst vollkommenen tadellosen Gemeinschaft. Wie die beiden Arme des Winkelmaßes, so müssen auch die beiden Schenkel des Zirkels das Gleichgewicht zwischen Recht und Pflicht bedeuten. Da aber der Kreis geschlossen ist, so zeigt er auch, daß Recht und Pflicht ihre angemessenen Grenzen haben.
Endlich ist der Zirkel auch ein Bild der Ordnung im Weltall, in dem sich alle abhängigen Gestirne, Monde und Planeten, im Kreise (genauer in der kreisähnlichen Ellipse) um ihre Richtkörper (Planeten und Sonnen) bewegen, während zudem alle Weltkörper kugelförmig sind, also ihr Durchschnitt wieder einen Kreis (oder eine Ellipse) bildet.