Kurzgefaßte Symbolik der Freimaurerei.
Part 2
Die Freimaurerei ist an sich schon eine Kunst, wenn auch keine solche, deren Äußerungen in Museen aufbewahrt oder der Öffentlichkeit auf Bühnen dargeboten werden könnten, weil sie nicht ohne das Leben in ihren Kreisen zu verstehen sein würden. Sie läßt sich also nicht in das System der schönen Künste einreihen, sondern bildet ein System für sich, das sich aber bescheiden in seine engsten Kreise zurückzieht. Sie hat eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer größte Feindin, der römischen Kirche, deren Übungen ebenfalls künstlerisch sind, ohne festgelegt werden zu können, aber der Öffentlichkeit hingegeben werden, weil sie eben nicht ohne diese den von ihr angestrebten Einfluß aufrecht erhalten könnte. Diesen Einfluß aber verschmäht die Freimaurerei und findet in sich selbst ihr Genügen.
Die künstlerischen Darbietungen der Freimaurerei, allerdings +nur+ für die Brüder bestimmt, haben durchaus einen nach Verwirklichung der Idee des Schönen strebenden Charakter. Ihr Organ sind die feierlichen Versammlungen der Brüder oder die verschiedenen Gattungen von +Logen+, wie nicht nur die Versammlungsorte und die Brüdervereine, sondern auch deren Versammlungen selbst genannt werden. Sie bewegen sich in reicher Mannigfaltigkeit von den heitersten bis zu den ernstesten Anlässen.
Es ist ungewiß, ob die ersteren, die +Tafellogen+ zum Vorbilde die +Agapen+ oder Liebesmahle der ersten Christen haben. Da ihnen jedoch aller Bezug auf eine bestimmte Glaubensrichtung fehlt, geht ihr Ursprung wohl nicht über die Festmahle unserer Vorgänger, der Steinmetzen und Bauleute zurück. Eher mögen sich bei ihnen durch die dem Bunde beitretenden Gelehrten Anklänge an antike Symposien der bessern Art, bei denen ernste Gespräche nicht fehlten, eingefunden haben. Durch Adelige und Offiziere, die den Logen beitraten, bürgerten sich bei den Tafellogen die zur Freimaurerei nicht passenden, weil deren friedlichem Charakter widerstreitenden kriegerischen Formen und Ausdrücke der Toaste oder Tafelreden ein, von denen, wie zu hoffen ist, sich meist nur noch die Bezeichnung „+Feuer+“ für ein Lebehoch erhalten haben möchte, die mit Bezug auf geistiges Feuer berechtigt erscheint. Die Tafellogen werden nicht in der dunkeln Loge, sondern im hellen Festsaale abgehalten, und es wird stets darauf gesehen, daß bei ihnen strenges Maß eingehalten wird. Immerhin sind sie ein Ausdruck reiner Freude über das zwanglose brüderliche Beisammensein. Anlaß zu ihnen bieten meist die maurerischen Feste, das +Sommerjohannis-+, und wo beide Johannes gefeiert werden, auch das +Winterjohannisfest+, ferner die Jahresfeste der Logengründung, Jubelfeste verdienter Brüder, und namentlich die mit den weiblichen Angehörigen begangenen +Schwesternfeste+, bei denen die Feier der Liebe, Treue und Anmut zu ihrem gerechten Anspruche kommt.
Ernsterer Natur sind die eigentlichen +Arbeitslogen+ im künstlich erleuchteten Logensaale. Sie dienen, außer den Festanlässen, zu denen die Tafellogen den Abschluß bilden, den Aufnahmen, Beförderungen und wichtigeren Logenangelegenheiten. Ihr Hergang hat für empfängliche Gemüter etwas ungemein Fesselndes und Ergreifendes, so am Anfange der Arbeit, der +Hochmittag+ genannt wird, das Anzünden der Lichter durch die Beamten mit kernhaften Sprüchen, und das kirchlichen Formen nicht nachgedachte Gebet des M. v. St. zum A. B. a. W., und am Ende, das +Hochmitternacht+ heißt, die feierliche Entlassung der Brüder mit herzlichen Wünschen und das ernst stimmende Auslöschen der Lichter. Bei Aufnahmen und Beförderungen dagegen ist der +ganze+ Hergang malerisch und dramatisch gestaltet.
Der ernsteste Anlaß, ja ein erschütternder, zu freimaurerischer Arbeit ist aber die +Trauerloge+, die dem Andenken an die hingeschiedenen Brüder gilt. Schauberg vergleicht diese Feierlichkeit nach seiner phantasievollen Art mit dem ägyptischen +Totengerichte+. „Wie hier“, sagt er, „beginnt die Trauerloge mit einer Art Gericht über den Verstorbenen, und erst, nachdem dieser der Ehre einer Trauerloge für würdig erklärt worden, folgt die eigentliche Totenfeier, die in 3 Hauptteile geteilt werden dürfte, nämlich die Trauerrede oder die kurze Schilderung des bürgerlichen und maurerischen Lebens des Dahingeschiedenen, -- das Anzünden der Lampe vor dem symbolischen Sarkophage des Verewigten, und dessen Schmücken mit Blumen durch alle anwesenden Brüder in 3 Zügen und Umgängen, worauf die ganze Feierlichkeit mit der Bildung der Bruderkette und der Erteilung des Bruderkusses schließt.“ In England und Amerika wird außerdem noch die öffentliche Bestattung mit maurerischen Gebräuchen und Abzeichen abgehalten.
Eine Beurteilung des Toten bei der Totenfeier ist etwas völlig Selbstverständliches und auch außerhalb der Loge allgemein üblich, und es braucht daher ihr Ursprung nicht aus Ägypten hergeleitet zu werden, wo übrigens das Totengericht lediglich ein jenseitiges war, unter dem Vorsitze des Gottes Osiris über 42 Totenrichtern (wegen der 42 Todsünden nach ägyptischer Anschauung). Es konnte daher eher das christliche Weltgericht aus dem Totengerichte in Ägypten hergeleitet werden, als die Trauerloge, die ebenso lediglich eine ethische Vertiefung und Veredlung der allgemeinen Trauerfeierlichkeiten ist, wie die Tafelloge eine solche anderer Bankette und die Verhandlungsloge eine solche anderer Vereinssitzungen.
Übrigens werden die Trauerlogen, deren erste bekannte erst 1757 in Hamburg gefeiert wurde, meistens nicht für einzelne Brüder, sondern z. B. jährlich für die im Laufe des Jahres verstorbenen Brüder gemeinsam gefeiert, oder auch, wenn kein solcher Fall vorliegt, am Allerseelentage oder einem andern für die hingeschiedenen Brüder überhaupt. Natürlich ist die Trauerloge schwarz ausgeschlagen. Ein herrliches Muster einer Trauerlogenrede ist die 1813 gehaltene Br. Goethes zum Andenken Br. Wielands.
Zum Schmucke aller freimaurerischen Versammlungen wird deren ohnehin künstlerischer Eindruck durch die geistigsten und ergreifendsten aller Künste, durch das Schwesternpaar der +Poesie+ und +Musik+, erhöht. Dichtungen und Tonwerke begleiten den Maurer von der (maurerischen) Wiege bis zum Grabe, in heiteren, ernsten und ernstesten Darbietungen. In ihrer Verbindung, dem maurerischen +Liede+, findet die Loge ihre erhebendsten Stunden, zu deren Verschönerung Brüder wie Goethe, Herder, Mozart und viele andere beigetragen haben und auch nicht maurerische Größen dieser Künste ihren Zoll entrichtet haben. Schiller war nicht Freimaurer; aber sein „Lied an die Freude“ ist ein echt maurerisches. Beethoven war es auch nicht; aber seine Symphonien werden maurerisch empfunden. Die Loge duldet keine andere als eine reine und erhebende Dicht- und Tonkunst; alles Gewöhnliche, Platte und Ausgelassene ist von ihr ausgeschlossen. Fast alle Logen haben ihre Liederbücher und halten die beiden alles Leben verschönernden und erhebenden Künste in hohen Ehren. Auch haben alle Logen ihre musikalischen Brüder, die nach Kräften hierzu beitragen, durch Gesang wie durch Instrumentalmusik, oft auch einen besondern Musikdirektor.
+Übersicht+.
Leitende Idee: Art der Versammlung: Kennzeichen:
Schönheit. Tafelloge. Edle Heiterkeit. Weisheit. Arbeitsloge. Feierliche Stimmung. Stärke. Trauerloge. Gedanke an den Tod.
~b)~ Die lehrhafte Arbeit.
Die Logenversammlungen haben neben dem (ganz oder teilweise) künstlerischen auch vielfach einen lehrhaften Charakter. Allerdings überlassen sie wissenschaftliche Untersuchungen und Forschungen mit Fug und Recht den gelehrten Gesellschaften und den Hochschulen; doch werden vielfach im hellen Logenraum allgemein verständliche Vorträge über verschiedene Gegenstände der Wissenschaft und Angelegenheiten des Lebens gehalten. Man hat daher entweder die Logen überhaupt oder die Versammlungen gewisser höherer Grade verschiedener europäischer Länder im 18. und 19. Jahrhundert oft +Akademien+ genannt, ja neuerlich sogar den Ursprung der Freimaurerei aus den italienischen Akademien des Zeitalters der Renaissance hergeleitet. Dazu hat besonders der Umstand beigetragen, daß in den nach jenem Vorbilde im 17. Jahrhundert in Deutschland und England entstandenen „Kollegien“ und „Sozietäten“ der Pädagog und Philanthrop Joh. Amos Komensky aus Mähren, genannt +Comenius+ (geb. 1592, gest. 1670) eine Rolle spielte, den man seiner ganzen geistigen Richtung nach einen Vorläufer der Freimaurerei nennen darf. Ihm zu Ehren wurde 1891 durch die Bemühungen Br. Ludwig +Kellers+ und anderer gelehrter Brr. und Nichtbrüder in Berlin die Comenius-Gesellschaft gegründet, die sich auch mit Untersuchungen über die Entstehung der Freimaurerei beschäftigt.
Die Freimaurerei hat eine so umfangreiche und zum Teile sehr wertvolle +Literatur+ hervorgebracht, wie sie keine andere Gesellschaft aufzuweisen hat. Daher ist auch ihre +Lehre+ eine sehr ausgedehnte und mannigfaltige, von der dieses kleine Buch einen schwachen Abriß zu geben versucht. Auch diese Lehre hat Schauberg aus Ägypten abgeleitet, von woher sie Pythagoras nach Europa gebracht haben soll. Ohne Zweifel bestehen zwischen dem von diesem großen Philosophen gestifteten Geheimbunde und der Freimaurerei gewisse Ähnlichkeiten, aber auch wesentliche Verschiedenheiten (siehe des Verf. „Buch der Mysterien“). Jener Bund ist auch so früh untergegangen, daß an eine zusammenhängende Überlieferung bis auf neuere Zeiten nicht zu denken ist. Entlehnungen aus früheren Erscheinungen begründen keinen Zusammenhang. Die Freimaurerei erhebt keinen Anspruch darauf, den +Stein der Weisen+ gefunden zu haben oder finden zu wollen; wohl aber hält sie ihre Brüder dazu an, daß jeder in dem Bau, den sie erstrebt, in dem Tempel der Weisheit, Stärke und Schönheit ein brauchbarer Stein zu werden trachte. Die Lehre, die sie erteilt, ist daher in ihrem Hauptteile die der geistigen +Baukunst+, und wenn diese und die Freimaurerei selbst eine +königliche Kunst+ genannt wird (seit Andersons Konstitutionenbuch von 1723), so geschieht dies, weil das Ziel, das sie anstrebt, die höchste Vervollkommnung des Menschen ist. Dieses Ziel wurde freilich auch von den größten Weisen aller Zeiten und Völker in geringerm oder größerm Maße angestrebt, aber von keiner menschlichen Gesellschaft in dem Maße wie von der Freimaurerei. Hat es auch der Stifter des Christentums sich vorgesetzt, so hat es die +Kirche+, die sich seine Nachfolgerin nennt, dadurch verdunkelt und hintangehalten, daß sie sein unentbehrlichstes Mittel, die geistige +Freiheit+ nach Kräften durch vorgeschriebene Glaubenssatzungen unterdrückte.
Sind in der Freimaurerei, wenn auch in bescheidenem Maße, die vornehmsten Wissenschaften vertreten, die Philosophie in ihrer Morallehre und Symbolik, die Geschichte in ihrer rührigen Pflege der Geschichte des Bundes und der mit ihm zusammenhängenden Erscheinungen, die Naturwissenschaft in der Ergründung des menschlichen Herzens und seiner Bedürfnisse, so ist gewissermaßen die Mathematik in der von der Loge in ihren Sinnbildern enthaltenen Zahlenlehre vertreten.
Schöpfer der Zahlenlehre ist +Pythagoras+, nach dessen Lehre „Zahl und Harmonie das Wesen, die bestimmende Macht und das Gesetz der Welt sind, das sittliche und vernünftige Leben des Menschengeistes bestimmen und zusammen die Tugend begründen“, -- worin ihm der deutsche Philosoph Br. Krause nachfolgte.
Die Zahl +Eins+ lehrt die Einheit aller Dinge, die Zahl +Zwei+ ihre zwei Seiten, die tätige und die leidende. Zusammen bilden sie die +Drei+, die wir bereits (sowie die Neun) betrachtet haben. Die Zahl +Vier+ tritt auf in den Himmelsgegenden, den 4 Elementen, den 4 Jahreszeiten und Änderungen der Tageslänge, den (mit der Nacht) 4 Tageszeiten, den 4 Seiten der Tempel, Gräber und Altäre, den 4 Evangelisten, der Verwandtschaft des Vierecks mit dem Kreise, aus dessen rechtwinkliger Durchschneidung es entsteht, den 4 Temperamenten u. s. w. +Fünf+ ist die Zahl der menschlichen Sinne, der Temperaturstufen (heiß, warm, lau, kühl und kalt), der Finger und Zehen, der Säulenordnungen und Baustile[2], der Vokale u. s. w. +Sechs+ ist die Verdoppelung der heiligen Drei und die Hälfte der heiligen Zwölf. +Sieben+ ist die Zahl der sog. freien Künste und Wissenschaften, die in sehr verschiedener Art aufgezählt werden, z. B. Grammatik, Logik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik oder: Dichtkunst, Musik, Zeichenkunst, Rechenkunst, Geometrie, Astronomie und Baukunst, die Zahl der Sakramente und -- der Todsünden, -- der Farben des Regenbogens, der Töne einer Tonleiter, der ehemals dafür gehaltenen Planeten (Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn), wie geglaubt wird: der Tage, Monate oder Jahre, in denen ein lebendes Wesen reift, der Wunder des Altertums, der sog. Weisen Griechenlands u. s. w. +Zehn+ ist die Summe von 1, 2, 3 und 4, die der beiderseitigen Finger und Zehen, der maßgebenden Abschnitte im Zahlensystem, der hebräischen, auch bei den Christen geltenden Gebote u. s. w., +Zwölf+, das Produkt von 3 und 4, die Zahl der Tages- und Nachtstunden, der Mondumläufe im Jahre, der Monate, der Zeichen des Tierkreises, der griechischen und römischen Hauptgötter, der germanischen Asen, der Patriarchen, Propheten und Apostel, der Stämme des Volkes Israel und noch vieler anderer Dinge. Allerdings sind viele dieser Zahlenwerte durch die Wissenschaft beseitigt oder sonst bedeutungslos geworden; aber es handelt sich hier nur um die Kenntnis der Bedeutung, welche die Zahlen stets in der Geschichte des Menschengeistes gehabt haben und um die Mahnung an die Brüder, in allen Lagen des Lebens diejenige Zahl zu beobachten, die von der Stimme des Gewissens als die richtige und wohltätige bezeichnet wird.
Noch mehr als die Arithmetik ist die +Geometrie+ eine mit der Baukunst und daher auch mit der Maurerei in Verbindung stehende Wissenschaft, ja sie wurde von den älteren freimaurerischen Schriftstellern geradezu als die Grundlage und das innerste Wesen der königlichen Kunst bezeichnet und die edelste aller Wissenschaften genannt, weil es ihre Aufgabe ist, die Größenverhältnisse des Weltalls zu messen. Da jedoch die Loge keine Schule oder Gesellschaft zur Pflege der Mathematik an sich ist, so kann die Geometrie für die Freimaurerei nur eine moralische Bedeutung haben, d. h. sie ist ein Ausdruck für das Erfordernis, in allen Dingen das rechte Maß zu halten, die in der Natur bestehende Ordnung auf das sittliche Verhalten des Menschen anzuwenden und nach den Grundsätzen der Schönheit und Regelmäßigkeit am Tempel der Menschheit zu bauen.
Das rechtwinkliche Viereck der Loge ist ein schwacher Ausdruck dieses Erfordernisses und mahnt die Brüder stets, sich auch im Leben rechtwinklich d. h. gerade zu verhalten.
[2] Dorische, ionische, korinthische, etruskische und römische Säule; byzantischer, maurischer, romanischer, gotischer Stil und Renaissance.
3. Das Licht.
Es werde Licht! +Genesis.+
Mehr Licht! +Br. Goethe.+
~a~) Die Vorbereitung des Lichtes.
Das Licht ist die höchste Idee, nicht nur der Freimaurerei, sondern der Welt überhaupt; es ist die höchste Offenbarung des höchsten Wesens und dessen verständlichste Versinnbildlichung, daher auch mit seiner Schöpfung diejenige der Welt nach der Auffassung des hebräischen Altertums und nach der ältesten aller höher gebildeten Völker ihren Anfang nimmt. Und wenn wir uns daher fragen, welches die +größten Lichter+ der Freimaurerei sind, so fühlen wir im Innersten, daß es nicht bloße Sinnbilder sein können, sondern wirkliche Objekte des Glaubens und Wissens, nämlich:
das Licht +über+ uns, die +Gottheit+, das Licht +in+ uns, das +Gewissen+ und das Licht +um+ uns, die +Menschheit+,
und ihre Bilder, nicht selbst Lichter, zugleich unentbehrliche Hilfsmittel der Baukunst:
das Sinnbild der Macht, der +Hammer+, das der inneren Stimme, das +Winkelmaß+, das der denkenden Umgebung, der +Zirkel+.
Unseren germanischen Vorfahren war der Hammer der Begleiter des höchsten Gottes, des Donnerers, Donar oder Thor, der persönlich gedachten Allmacht.
Die Benennung „Lichter“ kann auch weiter gefaßt werden, doch ohne Zwang, wenn es sich um +wirkliche+ Lichter handelt, z. B. die +Sonne+.
Wie Schauberg richtig sagt, sind die Freimaurer Lichtgläubige und Lichtsuchende; das Logenleben ist ein wahrer Lichtdienst und jede Loge ein Tempel des Lichtes. Das höchste Fest der Loge ist daher die Aufnahme eines Suchenden, deren Hauptteil die Erteilung des Lichtes an ihn bildet. Darum nur ist die Loge dunkel, damit durch das Anzünden der Lichter ihr Charakter als Tempel des Lichtes vollkommen zum Bewußtsein der Brüder gelange. Die Loge gleicht daher der Erde, die in der Nacht dunkel ist und mit dem Aufgange der Sonne erhellt wird, die im Winter düster und kalt ist, um bei dem Anbruche des Frühlings mit Licht und Wärme durchdrungen zu werden. Wäre die ganze Menschheit in gleicher Weise des Lichtes bedürftig, so wäre die Loge überflüssig, und ganze Völkerscharen würden am Morgen früh auf lichten Höhen der Sonne zujubeln und deren, wie ihren Schöpfer preisen und am Ende des Winters mit heiligen Gesängen den Einzug des Frühlings begrüßen.
So weilt denn auch der das Licht Suchende und im Einklang damit „hell leuchtend“ ballotierte Kandidat in der +dunklen Kammer+, in die ihn sein Pate geführt hat, in diesem Abbild der Loge im kleinen, auch Kammer des Nachdenkens genannt, um mit sich zu Rate zu gehen, warum er das Licht suche und +was+ er im Lichte suche und finden werde. Die dunkle Kammer ist ein Abbild des Mutterschoßes und zugleich des Grabes; feuchte Wände umgeben sie und schließen Abbilder des Todes ein; sie gleicht also auch dem Dunkel, von dem wir vor der Geburt und nach dem Tode umhüllt sind.
Man kann auch der Ansicht sein, daß diese düstere Umgebung nicht zweckmäßig sei und dem Suchenden üble Eindrücke verursache; sie war auch in den ersten Zeiten des Daseins der Freimaurerei nicht gebräuchlich und gehört, soviel Sinn sie auch hat, zu dem Theatralischen, mit dem sich der Bund, nicht zu seinem Vorteile, umgeben hat.
Doch, nach dem vorherrschenden Gebrauche wird das Gleichnis der Geburt zum Lichte fortgesetzt. Der vorbereitende Br. erscheint, spricht dem Suchenden freundlich zu, und erklärt ihm, daß der Lichtsuchende dem neugeborenen Kinde gleich sein müsse, das nackt, arm und (geistig) blind in die Welt trete. Diese Prozedur wurde früher maßlos übertrieben; man begnügte sich zuletzt, den Suchenden das Oberkleid ablegen zu lassen und den einen Fuß in einen niedergetretenen Schuh zu hüllen[3], was aber nicht mehr allgemein üblich ist. Dagegen blieb die Abnahme alles beweglichen Metalles (oder der Wertsachen) und das Anlegen der Augenbinde. Beides ist auch ein schönes Zeichen des Vertrauens in die guten Absichten der Brüderschaft.
Eine der schönsten Stellen in den Reden des Heilandes sagt: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Diese Zuversicht ist wahrlich nicht überall so gerechtfertigt und angebracht wie in der Loge. Diese ist geduldig und nachsichtig, und wenn die in der dunkeln Kammer gegebenen Antworten auf die an den Suchenden gerichteten Fragen nur einigermaßen befriedigend sind, so wird ihm und seinen Führern auf ihr Anklopfen in maurerischer Weise (mit 3 starken Schlägen, welche die 3 obigen Verheißungen bedeuten sollen) die Türe des Tempels aufgetan.
Nachdem der Suchende auf die Frage des M. v. St. erklärt hat, was er in der Loge suche, bemerkt ihm der Vorsitzende: wie der Eintritt in den Tempel den Eintritt in das Leben, so bedeuten die Vorgänge in der Loge das Leben selbst. Das Leben sei eine mannigfach bewegte Reise, auf der man sich oft verirren, aber schließlich doch an das erstrebte Ziel gelangen könne. Wie der Mensch auf der Reise des Lebens in vieler Hinsicht geprüft werde, so müsse auch der Lichtsuchende seine Sündhaftigkeit beweisen. Dies geschieht nun durch die drei +Reisen+, die in jedem Grade auf verschiedene Weise in einem Umgange um die die Mitte des Saales einnehmenden Lichter unter sicherer Führung vollführt werden. Im ersten Grade sind es die +Elemente+, die der Suchende zu berühren hat, nämlich das Feuer, das Wasser und die Erde, an deren Stelle in einigen Lehrarten die Luft tritt.
Dies wird folgendermaßen erklärt: Der Aufzunehmende hat das Licht gesucht und ist in verzehrendes +Feuer+ geraten. Oft werden strebende Menschen von dem wilden Feuer der Leidenschaften versengt und gehen darin unter. Aber durch weise Vorsicht ist das Feuer zu bändigen und zum wohltätigen Wärmespender umzuwandeln.
Im +Wasser+ erlischt die zügellose Flamme; aber das Wasser der kühlen Selbstsucht erstickt auch die heilige Glut der Begeisterung für Menschenwohl. Die weise Besonnenheit aber drängt die kalten Wogen der Gleichgültigkeit für das Ideal zurück und gestattet den Fluten nur ihre wohltätige Wirkung zum Besten der Gesundheit und Reinlichkeit auch im Seelenleben.
In den Staub der +Erde+ versinken Reichtum, Pracht und Schönheit; aber der fruchtbringende Schoß der Mutter Erde befördert das Samenkorn, das in sie versenkt wird, zu herrlicher Blüte und wohlschmeckender Frucht.
Die Probe der Luft ist uns nicht bekannt und auch in unseren Hilfsmitteln nicht erwähnt.
Diese Gleichnisse können allerdings noch weiter ausgedehnt werden, was uns aber in nebelhafte Fernen führen und -- verführen würde.
Die eigentümliche Art der drei sinnbildlichen, einen rechten Winkel bildenden +Schritte+, die früher nach vollendeten Reisen zum Oriente hin getan werden mußten (ein Überrest aus den alten Handwerksbräuchen), und mehrere andere antiken Kulten nachgeahmte Proben, die jetzt als verwirrend, beängstigend und ermüdend meist aufgegeben sind, versagen wir uns zu erwähnen.
~b~) Die Erteilung des Lichtes.
Die Prüfungen sind überstanden; der Suchende wird zum Orient geführt und vor den Altar gestellt. Es wird ihm vom Meister mitgeteilt, daß er nach vollendeter Aufnahme nicht mehr zurücktreten könne. Beharrt er auf seiner Absicht, so wird fortgefahren; in dem gewiß höchst seltenen Falle des Verzichtes aber wird er entlassen, wodurch er aber in einen inneren Konflikt kommen kann, etwas erlebt zu haben, was für ihn keine weitere Bedeutung hat und ihn in der Achtung der Brüder herabsetzt. Im ersteren, wahrscheinlichen Falle hat er zu erklären, daß er das neue Gelübde ablegen wolle. Es hat Fälle gegeben, in denen ein Aufgenommener später sein Gelübde brach und sogar sich einer dem Freimaurer-Bunde feindlichen Richtung anschloß.[4] Dies hat er mit seinem Gewissen abzumachen; für den Bund ist er verdorben und gestorben. --
Es folgt die Ablegung des +Gelübdes+, das im Bunde der Freimaurerei kein solches der Verzichtleistung auf alle irdischen Güter des Lebens ist wie in den Mönchsorden, sondern ein Gelübde der Tat, der Treue und der Verschwiegenheit, soweit diese notwendig ist, um die Interessen des Bundes zu wahren. Es bezieht sich nicht auf die Geschichte und die Organisation des Bundes, auch nicht auf eigentliche der Welt verborgene Geheimnisse, die es ja gar nicht gibt, sondern nur auf die Erkennungszeichen und auf die dem Br. im Vertrauen gemachten Mitteilungen. Die Gebräuche der Loge sind nur insofern geheim zu halten, als Äußerungen darüber mutwillig und zwecklos oder gar böswillig erscheinen. Zu +wissenschaftlichen+ und sonstigen +ernsten+ Zwecken +dürfen+ und +sollen+ sie besprochen werden; was wie dies zur Kenntnis der menschlichen Kultur gehört, kann und darf kein Geheimnis bleiben. +Die Wissenschaft kennt diesen Begriff nicht.+ +Unsere+ Loge zeigt sogar den +Tempel+ jedem würdigen Besucher des Hauses.
Die Form eines +Eides+ hat das Gelübde nicht mehr überall. Auf einen bestimmten Gegenstand braucht es nicht notwendig abgelegt zu werden; wenn doch, so ist dieser ein Sinnbild der Einordnung in den Kreis der Brüderschaft. Die feierliche Aufnahme schließt diesen Vorgang. Sie geschieht bisweilen durch den Bruderkuß, meist aber durch den Handschlag.