Part 2
Die einzige Genugthuung jedoch, welche mir diese endlich errungene Erkenntnis bot, war, dass ich mich frei sprechen konnte von aller Schuld, wenn keine Gedichte und keine Romane aus meiner Feder flossen, denn wie viel besser wusste ich als alle andern, dass ich keine zu stande brachte!
Als ich aber hierüber noch nicht im Reinen war und mir die Menschen so manches versicherten, was mich nicht überzeugen konnte und doch sehr verdross -- fasste ich einmal einen verzweifelten Plan, den ich auf die äusserste Spitze treiben wollte und einem Mann von Fach zu eröffnen beschloss.
Ich liess mich bei ihm melden und erhielt einige Tage darauf ein zierliches Briefchen, worin er mich auf sein Landgut zu einer Unterredung berief.
Nun hatte ich nachts bevor, folgenden Traum: Ich, die nie im Leben geritten war, sass plötzlich hoch zu Ross, ritt andern Reitern, die mich beschworen einzuhalten, voran, liess mich dann langsam herabgleiten und stieg die Treppe zu unserm Hause hinauf.
Dann erwachte ich. -- Da jedoch dieser Traum sehr lebhaft in meinem Gedächtnisse haften blieb, so schlug ich in meinem Traumbuch nach, ob eine Deutung darauf stünde und las folgendes: »Unterlasse nicht, was du vorhast!« Mir aber kam diese Weisung wirklich wie gerufen, denn schon lange wollte ich einen recht flagranten Beweis in Händen haben, der mich von meiner Leichtgläubigkeit endgültig kurierte. Derselbe Abend sollte mich ja noch belehren!
Dann verliess ich mein Haus und nahm den Zug.
Das Wetter war leuchtend, und zuletzt führte mein Weg auf einem schmalen Fusspfad durch ein hohes Kornfeld.
Ganz ergriffen hielt ich da inne; denn die Welt war an diesem Tage zu schön, ihr Schein zu unbeschreiblich!
Ovid's Verwandlungen berührten mich mit einemmale als naturgemäss, und mir war, als würde ich selbst zu jenem singenden, summenden Kornfeld, so sehr entzückte mich gerade an dieser Stelle das goldene Leben unserer Erde.
Doch nur wenig Schritte trennten mich von der Besitzung, in der meine Autorität hauste, und nun erschien mir mein Plan erst recht in seiner ganzen Unausführbarkeit.
Eine Stunde später ging ich denn auch sehr gemessen denselben Weg wieder zurück: Zuerst war der Mann von Fach sehr ernsthaft drei Schritte zurückgewichen und hatte mich angestarrt. -- Aber in sein langes herzliches und eindringliches Lachen musste ich am Ende doch einstimmen.
Träume! dachte ich nun und wurde nachdenklicher mit jedem Schritt, denn manches schien mir doch recht befremdend auf der Welt.
Wie kam es zum Beispiel, dass die Alten, diese klugen, spöttischen Griechen, denen die Wirklichkeit so voll genügte, solche Acht auf ihre Träume hielten, dass die Geschichte selbst sie uns ganz ernsthaft mit Daten und Thatsachen bringt? Vor jedem Schlachtenberichte stehen sie da als Avantgarde, und jeder Feldherr klügelt über den seinen!
Nun denke man sich nur einen modernen Geschichtsschreiber Napoleon's oder Bismarck's Träume und dann zum Schluss noch seine eignen verzeichnend. Und das mit der gebietenden Miene eines Plutarch!
Wäre es möglich, dass hier etwas dahintersteckte und es uns verloren ging?
Sonst dienen uns doch die Alten so gerne als Vorbild.
Wer aber würde sich heutzutage mit derlei befassen? Die eigentliche Bibliothek des Traumbuchs ist die Küche geworden und geschwätziges oder ungebildetes Volk beratschlagen es. Nur ich besass noch eins, kraft jener Erfindungsunfähigkeit, jener Sucht zu glauben, und auf glaubwürdiges zu lauern. Alle Exzesse und Irrtümer stehen da offen.
So dachte ich, von dem wogenden Kornfeld nicht länger impressioniert, im Dämmerlichte des sinkenden Tages einhergehend und eignem Grübeln.
Da plötzlich unerwartet, ungeahnt -- stand vor meinen bestürzten Augen nicht das Gelingen meines Planes -- eine andre Erfüllung, die meinen Traum wachrief wie mit einem langgedehnten Ruf, und wie einen kalten Hauch empfand ich meine eigne Blässe.
MUSIKALISCHES.
MOTTO: Wollen wir hoffen?
Richard Wagner, X. Band.
EINE MUSIKALISCHE BETRACHTUNG.
Vor einem mit Plakaten reich übersäten Kioske innehaltend, sagte kürzlich einer zu seinem Freunde:
»Sieh doch die vielen Konzerte! Bis über die Wände hinaus klettern die Annoncen!«
»Das ist schön!« rief der andere. »Da hast du unser liebes kunstsinniges München!«
»Ja, da hast du's!« brummte wieder der eine.
Und wie es so geht auf dieser Welt, als sie eine kleine Strecke weiter gegangen waren, fingen sie fürchterlich zu streiten an. In der Hitze jedoch gebieten wir selten über die überzeugenden Worte, selbst wenn wir im Rechte sind, und grad ein Philister hat da oft leichtes Spiel.
Hier siegte denn auch der, dem beim Anblick der vielen Plakate das Herz freudiger schlug, und selbstbewusst und heiter kehrte er nach Hause zur Gattin.
Aber wie verdrossen ging der andre heim! Fiel ihm doch jetzt erst alles ein, was er im Eifer nicht fand; und wie sicher gestaltet sich nun seine Rede in den dunklen Strassen!
Immer feuriger ging er einher, als müsste er Schritt halten mit seinen Gedanken, und sah recht närrisch dabei aus!
Hier sei auch mir eine Bemerkung gestattet: Wage ich mich zwar jetzt mit dem Sprüchwort: Kinder und Narren etc. vor, so werde ich allerdings dem Vorwurf grosser Alltäglichkeit nicht entgehen, bringt uns heute doch fast jeder Plato's finstre Höhle (die Höhle, ach, du lieber Gott, in der wir alle so gemütlich sitzen!), oder citiert jene grosse Neuigkeit von dem grössten Tragiker, nicht wahr, der zugleich etc. . . . . Denn nur in solchen und ähnlichen Reminiscenzen ergehen sich nunmehr unsere gewandten Bücher und halten streng an die Devise unsres Jahrzehnts:
»Kaviar für Alle.«
Vollends Sprüchwörter!
Gut, so will auch ich das meine nicht zu Ende sagen, doch bitte ich euch, lasst uns hören, was der Narr erzählte:
»Wie alt«, rief er, »wie alt ist doch die Klage nach entschwundenen Zeiten! Kein Zauber beschwört Vergangnes herauf! Wie der Regen, den die Erde so begierig trinkt, um dann wieder trocken zu werden und hart, so verschwinden spurlos nicht geträumte, ach! _erfüllte_ Ideale von der Welt!
Wer ist es gewahr, dass Schritt für Schritt das Licht fällt, dass Kühle und Dunkelheit überall einbrechen, dass rasch und unbemerkt eine Epoche von uns scheidet? -- Erst wenn sie sich ganz unsern Augen entrückte, erst dann wird die Verlorne im wahren Relief vor uns stehen. Aber wie Walther von der Vogelweide um zartere Minne, so werden wir umsonst darum klagen! Und inzwischen stellen wir uns blind und taub und lassen die Verwilderung um sich greifen! Nur ein sehendes Auge sieht die verlöschenden Fackeln, und nur dem feinen Ohre ist das wirre Gekreische vernehmbar.«
(Schade, dass der Mann seine Reden nicht schön und symmetrisch aufzubauen wusste! Seine Gedanken machten wilde Sprünge, und kamen dann im Bogen wieder.)
»Wisst ihr,« rief er da plötzlich, »dass jener thatsächliche Plan, sich per Eisenbahn bequem auf die Jungfrau zu begeben, nichts anderes ist als ein Symbol unsrer Zeit?
Denn nichts Höheres bedeuten unsre täglichen Konzerte, unsre Drehorgelorchester, und unsre ganze nivellierte Kunst. Überall ist der Pöbel ausgebrochen, zwar ein wohlgenährter, gut gekleideter und siegreicher Pöbel, aber erst recht der des Coriolan!
Es haben uns doch die Besten gesagt und die wenig Grossen bewiesen, wie aristokratisch die Natur verführt, wie scheu und sparsam sie ihre vornehmste Blume, die der Kunst, auf ihren höchsten Gipfeln treibt, nur ganz Bevorzugten nach harter Mühe erreichbar.
Was deutet uns ein zusammengepresster staubiger Büschel Edelweiss, an einer Strassenecke schreiend feilgeboten? Aber steil wie das Edelweiss und geheimnissvoll wie die Aloë ist die Kunst! Pöbelhaft war es daher von uns, sie mit Gewalt erstürmen zu wollen, und ein grober und hässlicher Wahn lag dieser »Massenbewegung« zu Grunde. --
Denn als wir allesamt anfingen sie zu duzen, was war da natürlicher, als dass uns die Kunst entfloh? Ihren letzten müden Strahl, an dem wir zehren, halten wir nun für den »Morgenschein kommender Aeren!«, und keiner sieht, keiner weist auch nur von fern auf unsern deutlichen Verfall.
Ob wohl je die Menschen vor einem solchen Wendepunkt gestanden sind?
Ob ein ähnliches Phänomen die Griechen einst zu Grabe läutete? und ob nach Überwucherung der damaligen Kräfte ein ähnliches Schlingkraut die Erde überzog?
Wer wüsste es zu sagen!? Blühten nicht damals die Redner und Bildhauer plötzlich in frecher Überzahl, just wie jetzt Kapellmeister und Solisten?
Ehe man sich dann versah, verklang das ganze hohe Lied in Düsterkeit und Barbarei. Sind wir etwa wieder da angelangt? -- Das wäre wohl auch hier die Frage!
»Aber nichts wiederholt sich«, murmelte der Mann.
Er war auf der Brücke angelangt, und der rasche Fluss schien ihm neue Einfälle zuzutreiben, denn er stand lange und sann, wie wohl der Mann beschaffen sein musste, der unsre abwärts gehende Fahrt zu hemmen vermöchte und neues Land eroberte.
Über diesen gewaltigen Geist dachte der gute Kerl lange nach und ging dann brav nach Hause.
NEMESIS.
Eine zeitgemässe Betrachtung.
Dass die Welt ihre grossen Menschen so vielfach verkannte, trug besonders für die Kleinen schlimme Folgen.
Denn die Grossen kommen über kurz oder lang darüber hinweg (sei's nur, indem sie das Leben überwinden!), und ihre Landsleute halten dann frohlockend an ihre Namen als an ihr Eigentum fest; und starben diese Grossen im Elend, so trägt das Schicksal und der Einzelne die Schuld, denn die Allgemeinheit rettet sich ja stets.
Dass es das ewig selbe Spiel bleibt, übersieht man, und klüger wähnen sich die Menschen jedesmal geworden, wenn sie pietätvoll ihren grossen Toten Säulen, Monumente und Brunnen errichten.
Aber die Rache gräbt unermüdlich, und alles rächt sich tausendfach!
Weil der Flecken nun so klar am Tage liegt, wie taub und blind wir für unsre Helden waren -- glaubt ihr, darum sei er getilgt und der urteilslose Unverstand samt seinen Folgen abgeschafft?
_Ein_ Unterschied ist freilich da: der Vielbescholtne krankt nunmehr an seinem üblen Ruf, darf nicht mehr schelten -- wagt es nicht -- und lässt geschehen. Flugs dehnen sich da kleine Menschen himmellang, und bleibt die Menge scheu vor ihren Produktionen, so verzagen sie nicht mehr, denn die berühmtesten Vorbilder schweben ihnen vor, und die Tradition der Verkannten haben sie ja für sich!
»Wirklich?« fragen sie mit einem unendlichen Lächeln, »mein Werk gefällt euch nicht?«
Da blickt einer zaghaft zum andern, und einer nickt, und kleinmütig nicken sie alle, denn sie sind die junge Generation und büssen für den Unverstand der alten _umgekehrt_!
Das grosse eine Merkmal des Schönen, dass es zwanglos um sich greifen und unfehlbar, sei ihre Zahl vorerst noch so gering, die Herzen treffen _muss_ -- auf dieses eine Merkmal, das doch zugleich auch unsre eigne Würde rettet, auf dies pochen wir nicht mehr, denn unsre Augen sind nicht unschuldig genug, und unsre Vergangenheit ist zu sehr getrübt!
Den Lohn tragen wir nun davon! Auf dem schönen Erdreich, dem wir keine Frucht entnahmen, schiesst das Unkraut so munter wie nur je empor, und auf geweihtem Acker kauert dieselbe alte Schlange!
Und die grossen Menschen?
Je nun, man weiss vorerst nie, wo sie stecken, und sie haben nach wie vor ihre Müh'. Auch sind die Zeichen nicht günstig. Aber vielleicht wirft uns die Flut der Zeit wieder einen ans Land, der den Weg wüsste aus all den verschlungenen Pfaden heraus und sich zur Stunde grämt, weil ihn der breite Fluss des Irrtums überrauscht!
EINE SKIZZE ÜBER DIE STELLUNG DES KLAVIERS UND DER HEUTIGEN PIANISTEN.
Es ist in jüngster Zeit förmlich zur Redensart geworden, die Pianistenfrage kurz damit abzufertigen, indem man sagt. »Das Klavier interessiert mich nicht.« Was aber schlimmer ist wie Redensarten, und was mancher wohlgeschulte Pianist in München zu seinem bitteren Nachteil erfahren musste: Das Wort wird zur negativen That: er sieht nämlich sein Konzert mit knapper Not von Freunden und Bekannten, etlichen alten Leuten und den obligaten Kritikern besucht, die am nächsten Morgen ihr Bedauern über den »leeren Raum« zu Drucke bringen -- und das eigentliche Publikum bleibt weg.
Der Künstler selbst wird diese seine moderne Unpopularität natürlich nicht ohne Erbitterung wahrnehmen und sich nicht sehr erbaulich über die alte Musikstadt und ihr gepriesenes Entgegenkommen äussern.
Nun gehe ich von jener alten paradoxalen Wahrheit aus, dass sich zwar in der Masse Irrtum und Unverstand wie von selbst potenzieren, dass aber trotzdem das Publikum in seinen Sympathien recht behält, und es sich jedenfalls der Mühe lohnt, nach dem Grunde zu forschen, wenn es sich einer öffentlichen Kundgebung gegenüber hartnäckig abgeneigt verhält. Ich möchte hierin für das Münchner Publikum sogar eine gewisse Unbeirrbarkeit beanspruchen, und gewiss birgt diese Stadt ein nennenswertes Kontingent wirklicher Musikkenner. Ohne mit dem Finger darauf weisen zu können, fühlt man es bei Gelegenheit deutlich durch, und dieses Kontingent sichert dort dem Grossen und Echten, selbst wenn es neu und ungewohnt ist, fast immer den Sieg.
Nun ist München merkwürdigerweise eine geradezu pianistenfeindliche Stadt geworden, und ohne die Gründe ihrer Abneigung lange zu analysieren, ist sie ihnen im vornherein abhold; ja, die Pianisten zählen dort allgemach zu den verdrossenen Typen, und es ist jetzt Mode, die einst so Gefeierten trotz ihrer bedeutsamen Haartracht zu ignorieren.
Da jedoch eine Abneigung, um sich selbst gerecht zu werden, stets motiviert werden sollte, so sei hier der Versuch gemacht, die eigentümliche Stellung zu bezeichnen, welche das Klavier heutzutage in künstlerischer Hinsicht einnimmt, und welche wir am besten gleich im voraus eine »schiefe Stellung« nennen wollen, um das Wort später erläutert zu sehen.
In der Musik sind wir anerkanntermassen das erste Volk der Welt. Was wir aber mit dem Klavier angefangen haben, oder vielmehr, was wir daraus werden liessen, damit ist wieder einmal ein Beweis geliefert, wie leicht, uns der simple gute Geschmack im Stiche lässt!
Wir Deutsche stehen überhaupt mit dem Geschmack und was er im höheren Sinne bedeutet: Formensinn und Grazie, auf etwas gespanntem, misstrauischem Fusse und fühlen uns nicht ungeneigt, dies alles als frivol zu taxieren. Kommt uns aber dann einmal der künstlerische Takt abhanden, so sind wir uns zwar wohl unsres künstlerischen Ernstes, aber eben weil wir des Taktes vergassen, unsrer Schwerfälligkeit nicht bewusst -- und nur so ist es möglich, dass ein Übel, ein grober Irrtum, der sonst unsrer ganzen Richtung widerspricht, sich auf eine wirklich ungeheuerliche Art auswachsen und verbreiten konnte.
Auf besagte Weise ist nun in dem musikalischen Deutschland das Klavier von seiner ursprünglichen Bestimmung abgekommen, hat sich eine Stellung angemasst, die ganz und gar nicht die seine ist, und wurde, nachdem es auf diesem neuen Boden das Publikum eine Weile verblüffte, von demselben verpönt. --
Diesem beklagenswerten Verfall -- die Folge rein äusserlicher Gründe -- sollten wir nach Kräften entgegenwirken.
Unsre grössten Klassiker haben nicht umsonst in edler Würdigung dieses Instruments ihre herrlichen Meisterwerke dafür geschaffen. Aber leider ist es ebenso wahr, dass sie dabei kaum einen unsrer modernen Pianisten, wie sie jetzt landläufig sind, als Exekutant im Auge hatten, noch dass sie dieselbe Idee vom Klavierspiele hatten wie er! Eine ganz kleine Sylbe trennt hierin die alte von der neuen Zeit: Sahen unsre Meister im Klavier ein stets verfügbares! Mittel, die mannigfachsten reichsten Tongebilde auf dem dürftigen Holze zu resümieren und zur Wiedergabe zu bringen -- ein ideales Abstraktum -- ein unschätzbares Mittel zum Zwecke musikalischer _Re_produktion, so sieht hingegen der moderne Virtuos in seinem Instrument lediglich ein _Pro_duktionsfeld. Nicht Mittel ist es ihm, sondern Zweck, und zwar sich selbst will er produzieren! Über einen so unkünstlerischen Standpunkt ist weiter kein Wort zu verlieren.
Nennt man mir aber Franz Liszt als Beleg für die Berechtigung des modernen Pianisten, so werde ich erwidern, dass er eine Einzelerscheinung, ein ganz für sich gehendes musikalisches Phänomen vorstellt wie die Duse etwa für die Bühne, beide aber in dieser Hinsicht gleich wenig berufen, Bahnen zu eröffnen, denn es sind künstlerische Typen, deren Wert und Reiz eben in ihrer Eigentümlichkeit beruhen. Liszt's Mähne auf einem anderen Köpflein ist ebenso unbefugt, als es vermutlich die Mimik der Duse bei einer anderen Schauspielerin wäre, denn auch diese findet ihre Berechtigung in einer ganz individuellen künstlerischen Beschaffenheit, aber gewiss nicht als künstlerisches Moment! --
Und dieser Vergleich, wenn er sich nicht vollkommen deckt, mag immerhin dazu dienen, den Fall näher zu beleuchten: So wie die grosse Tragödin ihre _eigne_ Individualität auf der Bühne in tausend Nuancen schillern und erklingen lässt, mithin nicht die eigentlichen Heldencharaktere, wie sie unsre grossen Geister schufen, zur Gestaltung bringt, sondern auf dem nächsten, oft sogar dem nächstbesten Wege ihre ganz persönliche Empfindungsweise, ihre moderne Seele zur Mitteilung bringt, so verlässt auch der Pianist auf dem klassischsten aller Instrumente das ursprüngliche Gebiet, und nicht so sehr musikalische Werke, als seine eigne Person führt er uns vor, um sie unsrer Aufmerksamkeit aufzudrängen. Die moderne Klavierlitteratur ist nicht anders als im engsten Bündniss mit jenem Irrtum entstanden, den Virtuosen als Alleinherrscher vor seinem dadurch fraglich gewordenen Instrument hinzustellen, und beide hiemit zu vernichten.
Denn wie thatsächlich das schönste Klavier unter den Jonglerien und der schaudervollen Gewandtheit eines Virtuosen zur unmusikalischen Plage wird, so denkt man auch heute unwillkürlich bei dem Worte »Musiker« an einen Geiger, Cellisten oder Sänger und nicht sobald an den Pianisten, der mitsamt seinem Instrument und seiner pompösen Spezial-Litteratur aus diesem Bunde ausgetreten zu sein scheint, seitdem er sich auf dem kolossalen Irrtum einschiffte, ein eignes, selbständiges Gebiet -- die künstlich angelegte Klaviersee, zu befahren wähnte, und nun auf einer Sandbank festgesessen liegt, von der er nicht sobald wieder flott fährt, es sei denn, dass ihn die Musiker selbst wieder zu Ehren bringen und aus dem unförmlichen, verunglückten Dampfer wieder jenes ideale Schifflein bauen, als welches es einst an einem mächtigen Baue festgeankert lag, und mit ihm und durch ihn das unendliche Meer der Töne zu befahren, die Fähigkeit erhielt. In diese seine ursprüngliche so edle und produktive Abhängigkeit sollten wir es zurückführen, da es in »Demut« so viel erreicht. Nur so könnte es seine alte Würde wieder erhalten, und in uns die alte Freude und die alte Begeisterung wieder erwecken.
EPILOG.
Was auch kommen mag auf dieser Welt, immer gestaltet sich eine Zeit neu und ungeahnt. Unsre Erde trägt keine Propheten, und nur durch ihre Unergründlichkeit sind die Orakel so wahr. Wer erträumte wohl je das nächste Geschlecht? Woran keiner dachte, das geschieht, wo der Fluss am ruhigsten floss, dort tritt er über.
Tausende von Jahren belehren uns nicht über ein einziges, das sich noch nicht entrollte, unzählige von Schicksalen lassen unser eigenes stets neu. Die Notwendigkeit schafft mit ihren blinden Augen zu Tage, andre Mächte fordern wieder, was ihr trotzt, und so liegt die Welt unausgefochten im Kampf.
Oft schon, glaube ich, wurde als das grösste Unheil des Christentums das Pharisäertum erwiesen, jene unheilvolle Macht, die von Grund auf, anscheinend auf alle Zeiten, den Charakter verunstaltete, den das neue Zeitalter erhielt. Wie unendlich viel, und wie unendlich wenig das Dogma verrät, diese These wurde nie aufgestellt, die Pharisäer umstanden das neue, wie das alte Testament; und so wurde es uns verdunkelt bis zur Unkenntlichkeit und entfremdet.
Jenes Unwesen selbst, verlor aber im Laufe der Zeit alle Macht; und da es tief in der Erde sitzt und in den Menschen wohnt, sann es auf eine neue Stätte. Wo aber fand es den Boden, den es nun zu sterilisieren, das Ding, das uns nun zu entfremden galt? Wo anders, als da, wo das Gute hingeflüchtet war, unangetastet, köstlich und steil, hoch über unsren Häuptern, und doch verborgen. Mit schlauem Zerstörungssinn erblühte es da inmitten der Kunst!
Gut meinende Seelen, die aber vom Schweigen des Pythagoras nichts ahnten, hatten selbst dem verderblichen Heere die schmale Bresche verraten und wurden die ersten Pfähle auf jenem schrecklichem »chemin battu«, den jetzt die Mode so verwegen und unbefangen betritt.
Hier müssen wir einen Augenblick zurückgreifen. Bekanntlich war es Grillparzer, der Beethoven's Grabrede hielt; nun wurden ihm kurzsichtigerweise und nach Wagner's Erscheinen folgende Worte daraus noch nachträglich verwiesen:
»Beethoven's Nachfolger«, schloss der unmusikalische Dichter, wird von vorn anheben müssen, denn er selbst hat geendet, wo die Kunst endet.« Und dabei ahnte Grillparzer wohl gar nicht, wie wahr er sprach!
In der That hub Beethoven's Nachfolger von vorne an und erklomm einen Berg, um auch er -- und dies ist bedeutsam -- zu enden, wo die Kunst endigt.
Wo sie aber zu Ende ist, dort behauptet wie eine wahnsinnige tote Karrikatur die heutige Musik ihren unredlichen Platz.
Wagner, dieser einfache Mann, der ohne Stil, nur von Gedanken gedrängt, sie so gross und unschuldig niederschrieb, hätte er doch den Missbrauch seiner tiefen, weittragenden Worte geahnt. -- Mit Siegeln nur hätte er dann seine Bücher vermacht!
Denn die göttlich stillen Seen, die ein Adler erschaute, sind nun ihrer Einsamkeit entweiht und von der lauten Menge umlagert. Eine so schauderhafte Vulgarisation, eine so triviale Gier, hohe Gefilde zu umlärmen, hat sich ihrer bemächtigt, dass alles Urteil befangen liegt, und keiner seine eignen Worte mehr spricht. Die Halbgebildeten, die Ungebildeten, sie stürzen alle voran. In dieser eitlen Wut ist jedes Unterscheidungsvermögen gelähmt, einer ist der schwächere Abdruck des andern, und alle halten sich krampfhaft an dieselbe Schnur. Nie aber verklingt das letzte hohle Wort!
Ein Abhang im Schatten, ein Fels in der Dämmerung tönt voller als heutige Musik!
Ach! käme doch einer, der unsre Geheimnisse in ihre alten Schleier hülle, bis wir gelernt haben, sie wieder zu verschweigen.
Vielleicht werden wir dann die Früchte ernten, die wir so jäh herunterrissen, vielleicht gelangen wir dann auf Umwegen ans Ziel, vielleicht erschliessen sich uns dann neue Aussichten, ein neues Land und neue Bewandtnisse.
Betrachten wir es genau: Das hehrste Sujet der Menschheit haben unsre grossen Geister scheu umschifft, und ihre unbeschreiblich zarte Jüngerschaft haben sie nicht gesagt oder nicht zu sagen vermocht.
Wir aber wissen wohl in aller Stille, dass durch sie von Ferne eine Gestalt sich uns nähert, die uns so unerklärlich und unfassbar bleibt.
Wir fühlen in der beglückenden Harmonie eines Plato, in Shakespeare's Tiefe, in Goethe's Erhabenheit, im Fluge Beethoven's, in Mozart's Klang, in Wagner's Blick, in der Sensibilität eines Schopenhauer (um einmal all die armen Abgedroschenen zu nennen!); wir fühlen, dass aus allen grossen Gemütern etwas ausgeht, was uns mit einer seltsamen Ahnung durchschauert betreffs eines, Gott sei Dank, noch nicht zu oft genannten Namens.
Aber welches Genie schwänge sich auf eine so schwindliche Brücke und ergriffe den intangibelsten aller Fäden?! --
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[p. 17]: ... Ein Frosch sass im nassen Grasse, befriedigt und ... ... Ein Frosch sass im nassen Grase, befriedigt und ...
[p. 42]: ... wilder undunkelter Bach stürzt er im Schatten dahin. -- ... ... wilder umdunkelter Bach stürzt er im Schatten dahin. -- ...
[p. 60]: ... Licht fällt, dass Kühle und Dunkelheit überrall einbrechen, ... ... Licht fällt, dass Kühle und Dunkelheit überall einbrechen, ...