Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur
Part 7
Die Sensationen des Spieles waren für mich etwa diese: Ich stand erst eine kleine Weile am Rand des grünen Tisches, auf die Zahlenfelder blickend, und lauschte auf die Stimme des Mannes an der Roulette. Die Zahl, welche dieser Mann ausrief, die von dem rollenden Ball erwählte Zahl, welche eine Sekunde vorher noch eine blinde, dumme Zahl unter vielen ihresgleichen gewesen war, strahlte nun warm und hell auf, in der Stimme des Mannes, in dem vom Ball besetzten Loch, in den Ohren und Herzen der Hörer. _Quatre_, hieß es, oder _cinq_ oder _trois_, und nicht nur in meinem Ohr und Bewußtsein, nicht nur auf der runden konischen Gleitbahn des Balles strahlte die Zahl auf, sondern auch auf dem grünen Tische. Wenn die Sieben herauskam, so nahm die steife schwarze Ziffer Sieben in dem ihr zugehörigen grünen Felde für Sekunden einen festlichen Schimmer an, sie drängte alle anderen Zahlen ins Wesenlose, denn alle anderen waren ja bloß Möglichkeiten, sie allein war Erfüllung, hatte Wirklichkeit. Das Wirklichwerden des Möglichen, das Daraufwarten und Daranbeteiligtsein, das war die Seele des Spiels. Wenn ich nun einige Minuten zugesehen und zugehört hatte und vom Spiele angesogen zu werden begann, dann kam der erste schöne und hold erregende Moment: es wurde die Sechs ausgerufen, und sie überraschte mich nicht, sie kam so richtig, so selbstverständlich und wirklich heraus, als hätte ich sie bestimmt erwartet, ja, als hätte ich selbst sie gerufen, sie gemacht und erschaffen. Von dieser Sekunde an war meine Seele am Spiel beteiligt, witterte das Schicksal, fühlte sich gut Freund mit dem Zufall, und das ist, muß ich gestehen, ein überaus glücklich machendes Gefühl, es ist der Kern und Magnet der ganzen Spielerei. Also ich hörte die Sieben, dann die Eins, dann die Acht herauskommen, fühlte mich nicht überrascht oder enttäuscht, glaubte gerade diese Zahlen erwartet zu haben, und nun war der Kontakt da, ich war an den Strom angeschlossen und konnte mich ihm überlassen. Ich blickte jetzt fest auf die grüne Ebene, las die Zahlen und wurde von einer von ihnen angezogen, hörte sie leise rufen (manchmal auch zwei zugleich), sah sie mir leise winken und setzte meinen Franken auf diese Zahl. Kam sie nun nicht heraus, so war ich nicht enttäuscht und entzaubert, sondern konnte warten, meine Sechs oder Neun würde schon kommen. Und sie kam, beim zweiten- oder drittenmal, sie kam richtig. Dieser Augenblick des Gewinnens ist wundervoll. Du hast das Schicksal angerufen und dich ihm anheimgestellt, du glaubst in Kontakt mit dem großen Geheimnis zu sein, hast das ahnende Gefühl, mit ihm im Bunde und befreundet zu sein – und siehe, es ist wahr, es bestätigt sich, deine stille, geheime Vorstellung, dein kleines verborgenes Wunschbild strahlt auf, es vollzieht sich das Wunder, aus der Ahnung wird Wirklichkeit, deine Zahl wird von der allmächtigen Glückskugel auserwählt, der Mann am Rad ruft sie laut aus, und der Mann am Tisch wirft dir im Bogen eine Handvoll aufblitzender Silberstücke zu. Das ist außerordentlich hübsch, es ist ein reines Glück, und es hängt nicht vom Gelde ab, denn ich, der ich dies schreibe, habe von allen meinen gewonnenen Franken nicht einen behalten, das Spiel hat alle wieder verschlungen, und dennoch leuchten jene schönen Augenblicke des Gewinnens, jene wunderbar innigen, kindhaft vollen und satten Erfüllungen ungetrübt und köstlich nach, jede war ein voll und prall geschmückter Weihnachtsbaum, jede ein Wunder, jede ein Fest, und zwar ein Fest der Seele, eine Bestätigung und Bejahung und Steigerung des innersten, tiefsten Lebensinstinktes. Gewiß, man kann dieselbe Freude, dasselbe wunderbare Glück auf höheren Ebenen, in edleren und differenzierteren Formen erleben: das Aufleuchten einer tiefen Lebenserkenntnis, der Moment eines inneren Sieges und am meisten der schöpferische Augenblick, der Augenblick des Findens, des aufblitzenden Einfalls, das triumphierende Ertasten des Treffers bei der Arbeit des Künstlers, all das ist, in höhern Regionen, dem Erlebnis des Spielgewinns ähnlich wie Bild und Spiegelbild. Aber wie selten erlebt auch der Glückliche, auch der Begnadete jene hohen göttlichen Augenblicke, wie selten leuchtet in uns ermüdeten späten Menschen eine Befriedigung, ein sättigendes Glücksgefühl, das an Stärke und Pracht sich mit den Glückserlebnissen der Kindheit vergleichen darf! Diese Erlebnisse sind es, denen der Spieler nachjagt, auch wenn er scheinbar das Geld meint. Diesen Paradiesvogel der Freude, in unsrem glatten faden Leben so selten geworden, sucht er zu erjagen, ihm gilt die lodernde Sehnsucht in seinem Blick.
Hin und her ging dann das Glück, für Momente war ich ganz eins mit ihm, saß selber in der rollenden Kugel, gewann, und ein Gefühl köstlicher Erregung durchrann mich schauernd. Dann war der Höhepunkt überschritten. Ich hatte eine dicke Handvoll gewonnener Münzen in der Hosentasche und setzte nun Mal für Mal weiter, und langsam ließ das Gefühl der Sicherheit nach, es sprang eine Eins, eine Vier heraus, die mich ganz und gar überraschten, mir feindlich waren und mich verhöhnten. Jetzt wurde ich unruhig und ängstlich, setzte auf Zahlen, ohne ein Verhältnis des ahnenden Gefühls zu ihnen zu haben, schwankte lange zwischen gerade und ungerade, setzte aber zwanghaft weiter, bis mein Spielgeld wieder alles verloren war. Und nicht erst nachher, sondern schon gleichzeitig, noch während des Spiels, empfand ich die Tiefe des Gleichnisses, sah im Spiel das Abbild des Lebens, wo es genau ebenso geht, wo unerforschliche, vernunftlose Ahnung uns die stärksten Zauber in die Hand gibt, die größten Kräfte löst, wo beim Erlahmen der guten Instinkte Kritik und Verstand sich einmischen, eine Weile lavieren und Widerstand leisten und schließlich geschieht, was geschehen muß, völlig ohne uns und über unsre Köpfe hinweg. Der erlahmende Spieler, der seinen Höhepunkt überschritten hat und doch nicht aufhören kann, der von keiner Intuition, keinem tiefen Glaubenkönnen mehr geleitet wird, gleicht ganz genau dem Menschen, der in wichtigen Lebensfragen nicht aus und ein sieht und, statt zu warten und die Augen zu schließen, vor lauter Kalkül und Bemühung und Verstandesüberanstrengung sicher das Falsche tut. Und eine der allersichersten Spielregeln am grünen Tisch ist diese: Wenn du einen Mitspieler siehst, der müde wird und Pech hat, der bald auf diese, bald auf jene Nummer mehreremal hintereinander setzt und dann doch wieder abspringt – dann setze jedesmal auf die Zahl, die er bisher vergeblich belagerte und die er nun im Mißmut verlassen hat, sie wird sicher herauskommen.
Seltsam anders als alle anderen Bürger- und Kurbelustigungen ist das Spiel um Geld. Hier am grünen Tisch werden weder Bücher gelesen noch fade Unterhaltungen geführt noch Strümpfe gestrickt wie in den Konzerten und im Kurgarten, es wird weder gegähnt noch am Hals gekratzt, ja, die Rheumatiker sitzen hier nicht einmal, sie stehen, stehen lang und mühsam, heroisch auf ihren eigenen, sonst so geschonten Beinen. Es werden hier im Spielsaal weder Witze gemacht, noch wird von Krankheiten oder von Poincaré gesprochen, es wird auch fast niemals gelacht, sondern ernst und flüsternd steht die zuschauende Menge um den Spieltisch, gedämpft und feierlich klingt die Stimme des Ausrufers, gedämpft und zart klirren auf dem grünen Tuch die Silberstücke aneinander, und schon dies, schon diese Andacht und verhältnismäßige Diskretion und Würde gibt dem Spiel in meinen Augen einen unermeßlichen Vorzug vor jenen anderen Arten von Vergnügungen, bei welchen die Leute so laut, so salopp und unbeherrscht sind. Hier, im Spielsaal, herrscht ernste Festlichkeit und Feiertagsstimmung, leise und etwas befangen wie in einer Kirche treten die Gäste ein, wagen nur zu flüstern, schauen andächtig auf den Herrn im Frack. Und dieser benimmt sich musterhaft, nicht wie eine Person, sondern wie der neutrale Träger eines Amtes, einer Würde.
Ich kann die psychologischen Ursachen dieser Feststimmung und schönen, wohltuenden Feierlichkeit hier nicht untersuchen, denn ich habe ja längst die Fiktion aufgegeben, daß meine _Psychologia Balnearia_ von einer anderen Psyche handle als meiner eigenen. Vermutlich kommt die heilige, flüsternd verehrungsvolle Stimmung voll Würde und Devotion im Spielsaal einfach daher, daß es sich hier nicht um Musik, Dramatik oder andere Kindereien handelt, sondern um das Ernsteste, Geliebteste und Heiligste, was die Menschen kennen, um das Geld. Aber, wie gesagt, ich will dies nicht untersuchen, es liegt außerhalb meines Problems. Ich stelle nur fest, daß, im Gegensatz zu jeder anderen Volksbelustigung, zum Konzert und Theater, zum Kino, zum Ball, hier im Spielsaal eine Stimmung vorherrscht, welche der Ehrfurcht nicht entbehrt. Und während zum Beispiel im Kino das Publikum sich in sprachlichen und auch unartikulierten Äußerungen von Lust und Unlust wenig Zwang antut, fühlt hier sogar der Akteur, der Spieler, selbst im Moment der heftigsten, der bestbegründeten und erlaubtesten Emotionen, nämlich beim Gewinnen und Verlieren von Geld, eine tiefe Verpflichtung, Haltung und Würde zu zeigen. Ich sehe hier dieselben Personen, welche beim täglichen Kartenspiel den Verlust von zwanzig Rappen mit Ausbrüchen der schlechten Laune in Flüchen und Verwünschungen begleiten, das Hundertfache verlieren, ohne – ich darf nicht sagen „mit einer Wimper zu zucken“, denn die Wimpern zucken sehr –, aber ohne laut zu werden und die Umgebung mit unanständigen Äußerungen ihrer Gefühle zu belästigen.
Da weise Regierungen sich um alles bekümmern, was die Volkserziehung zu heben vermag, und alle dazu dienenden Institute fördern und stützen, wage ich hier, obwohl auf diesem Gebiet ein vollkommener Laie, Fachleute auf die Tatsache hinzuweisen, daß von allen Spielen, Unterhaltungen und Belustigungen keine einzige die Teilnehmer so sehr zu Selbstbeherrschung, Ruhe und Anstand erzieht wie das Hasardspiel im öffentlichen Spielsaal.
So sympathisch, ja wohltätig mir also das Spiel erscheint, ich fand immerhin Gelegenheit, auch über seine Schattenseiten nachzudenken, vielmehr sie experimentell zu erleben. Die oft so leidenschaftlich mit moralistischem Pathos vorgetragenen Einwände der Nationalökonomen gegen das Spiel scheinen mir, von meinem Standpunkt aus, alle belanglos. Daß der Spieler in Gefahr gerät, zu leicht Geld zu gewinnen und darum die Heiligkeit der Arbeit verachten zu lernen, daß er andererseits in der Gefahr schwebt, all sein Geld zu verlieren, daß er drittens nach längerem Zuschauen beim Rollen der Spielbälle und Talerstücke sogar den Grundbegriff ökonomisch-bürgerlicher Moral, die unbedingte Hochachtung vor dem Gelde, verlieren kann, ist allerdings alles richtig, doch kann ich alle diese Gefahren nicht sehr ernst nehmen. Mir, dem Psychologen, schiene für sehr viele schwer seelenkranke Menschen der rasche Verlust ihres Vermögens und die Erschütterung ihres Glaubens an die Heiligkeit des Geldes durchaus kein Unglück, sondern die sicherste, ja einzig mögliche Rettung zu bedeuten, und ebenso scheint mir inmitten unsres heutigen Lebens, im Gegensatz zum alleinigen Kultus der Arbeit und des Geldes, der Sinn für das Spiel des Augenblicks, das Offenstehen für den Zufall, das Vertrauen in die Launen des Schicksals etwas durchaus Wünschenswertes, woran wir alle sehr Mangel leiden.
Nein, was nach meiner Meinung der Fehler des Geldspiels ist und es trotz seiner prächtigen Seiten schließlich doch zu einem Laster macht, das ist etwas rein Seelisches. Nach meiner persönlichen, höchst angenehmen Erfahrung gewährt es eine beglückende Anregung, sich täglich zwanzig Minuten der Spannung des Roulettespiels und der so unwirklichen Atmosphäre des Spielsaals auszusetzen. Für eine gelangweilte, leere, müde Seele ist dies ein wahres Labsal, eins der besten, die ich je probierte. Der Fehler ist nur (und diesen Fehler hat das Spiel mit dem ebenfalls so angenehmen Alkohol gemeinsam) – der Fehler ist, daß beim Spiel diese ganze hübsche Anregung von außen kommt und rein mechanisch und materiell ist, so daß die große Gefahr besteht, im Vertrauen auf diese immer wieder wirksame Anregungsmechanik die eigene Übung, die seelische Aktivität zu vernachlässigen und zuletzt einzubüßen. Wenn man, statt durch Denken, durch Träumen, durch Phantasieren oder Meditieren, die Seele bloß mechanisch durch die Roulette in Schwung setzt, so ist das ungefähr dasselbe, wie wenn man für seinen Körper zwar Bad und Masseur in Anspruch nimmt, auf eigene Leistung, auf Sport und Training aber verzichtet. Auch die Anregungsmechanik des Kinematographen, der die eigene künstlerische Leistung des Auges, das Entdecken, Auswählen und Festhalten des Schönen und Interessanten, durch eine rein materielle Augenfütterung ersetzt, beruht auf dem gleichen Schwindel.
Nein, ebenso wie man neben dem Masseur das Turnen braucht, so braucht die Seele, statt oder neben dem Spiel und allen diesen hübschen Anregungen, notwendig die eigene Leistung. Darum ist hundertmal besser als das Glücksspiel jede aktive Übung der Seele: straffe, scharfe Denk- und Gedächtnisübung, Übung im Reproduzieren gesehener Dinge bei geschlossenen Augen, abendliches Rekonstruieren des Tageslaufes, freies Assoziieren und Phantasieren. Ich füge dies bei, ebenfalls für die Freunde des Volkswohls und vielleicht zur Korrektur meines obigen laienhaften Winkes – denn auf diesem Gebiet, dem der rein seelischen Erfahrung und Erziehung, bin ich kein Laie, vielmehr ein alter, fast schon allzu gewiegter Fachmann.
Nun habe ich mich wieder weit vom Thema verirrt, wie es denn überhaupt das Schicksal dieser Aufzeichnungen zu sein scheint, daß sie, unfähig, irgendein Einzelproblem bis zur Lösung auszuarbeiten, mehr assoziativ und zufällig die andringenden Einfälle aneinanderreihen. Aber vielleicht, so nehme ich an, gehört dies eben mit zur Psychologie des Kurgastes.
Ich verließ mein Thema, mein so unerquickliches Thema, zugunsten einer kleinen Lobrede auf das Hasardspiel, welche Lobrede ich geneigt wäre, noch des weiteren auszuspinnen, denn die Rückkehr zum Thema fällt mir schwer. Allein es muß sein. Kehren wir zum Kurgast Hesse zurück, betrachten wir nochmals diesen bequem gewordenen älteren Herrn mit der unlustigen und müden Haltung und dem hinkenden Gange! Er gefällt uns nicht, der Mann, wir können ihn nicht lieben, wir können ihm nicht aus aufrichtigem Herzen eine lange oder gar eine endlose Fortsetzung seines weder vorbildlichen noch interessanten Lebens wünschen. Wir werden nichts dagegen haben, wenn dieser Herr einst von der Bühne abtritt, auf welcher er schon längst keine erfreuliche Figur mehr macht. Sollte er zum Beispiel eines Morgens im Bade der Müdigkeit erliegen, unter Wasser geraten und unten bleiben, so sähen wir darin keinen Anlaß zum Bedauern.
Wenn wir jedoch über besagten Kurgast uns so wenig interessiert aussprechen, so bezieht sich das einzig auf seine derzeitige Funktion, seinen momentanen Aggregatzustand. Nicht aus dem Auge verlieren dürfen wir die niemals erlöschende Möglichkeit, daß sein Zustand sich ändere, daß sein Wesen auf einen neuen Nenner hin umgerechnet werde. Dies Wunder, oft schon erlebt, bleibt stündlich möglich. Wenn wir den Kurgast Hesse mit Kopfschütteln betrachten und reif zum Untergang finden, so bleibe unvergessen, daß wir an Untergang nicht im Sinne der Vernichtung, nur im Sinne der Verwandlung glauben können, denn Fundament und Nährboden all unsrer Meinungen, also auch unsrer Psychologie, ist der Glaube an Gott, an die Einheit – und die Einheit kann, auf dem Weg der Gnade sowohl wie der Erkenntnis, auch im verzweifeltsten Fall stets wieder hergestellt werden. Es gibt keinen Kranken, der nicht mit einem einzigen Schritt, sei es auch der Schritt durch den Tod, wieder gesund werden und zum Leben eingehen könnte. Es gibt keinen Sünder, der nicht mit einem einzigen Schritt, sei es auch vielleicht durch die Hinrichtung hindurch, wieder unschuldig und göttlich werden könnte. Und es gibt keinen vergrämten, entgleisten und scheinbar entwerteten Menschen, den nicht ein Wink der Gnade im Augenblick erneuern und zum frohen Kinde machen könnte. Dieser mein Glaube, dies mein Wissen möge beim Schreiben sowie beim Lesen dieser Blätter niemals vergessen werden. Und der Verfasser dieser Blätter wüßte in der Tat auch nicht, woher er den Mut, die Berechtigung, die Verwegenheit zu seinen Kritiken und Launen, seinen Pessimismen und Psychologien nehmen sollte, wenn ihnen nicht in seiner Seele beständig das Wissen um die Einheit als ein unzerstörbares Gleichgewicht gegenüberstände. Im Gegenteil: Je weiter ich mich auf der einen Seite exponiere und hinauswage, je schonungsloser ich kritisiere, je elastischer ich auf Launen eingehe, desto heller strahlt jenseits, auf der Gegenseite, das Licht der Versöhnung. Wäre dieser unendliche, ständig wogende Ausgleich nicht, woher nähme ich da den Mut, ein einziges Wort zu sagen, ein Urteil zu fällen, Liebe oder Haß zu fühlen und zu äußern und eine einzige Stunde zu leben?
Besserung
Bald wird meine Kur zu Ende sein. Und, Gott sei Dank, es geht besser, es geht gut. Eine Woche lang war ich ganz verloren und untergesunken, bloß noch krank, bloß noch müde, bloß noch gelangweilt und meiner selbst überdrüssig. Wenig fehlte, so hätte ich mir einen Gummifuß an meinen Stock machen lassen. Wenig fehlte, so hätte ich angefangen, die Kurliste zu lesen. Wenig fehlte, so hätte ich der Unterhaltungsmusik nicht mehr bloß eine Viertel- oder halbe Stunde zugehört, sondern die ganzen, ein- oder zweistündigen Konzerte zu mir genommen, hätte abends statt einer Flasche Bier zwei getrunken. Wenig fehlte, so hätte ich im Kursaal meine ganze Barschaft verspielt. Auch hatte ich mich ein wenig von meinen Tischnachbarn im Hotel einspinnen lassen, lieben, angenehmen Menschen, vor denen ich Respekt habe und von denen ich viel hätte lernen können, hätte ich nicht den alten Fehler gemacht, dies auf dem Wege des Gesprächs zu versuchen. Und Gespräche mit Menschen, denen man nicht im Innersten verbunden ist, sind nun einmal fast immer so öde und enttäuschend. Dazu kommt, daß Fremde, wenn sie mich ansprechen, leider immer den Fachmann in mir sehen und in ihren Gesprächen irgendwie meinen, auf Literatur und Kunst zu sprechen kommen zu müssen, und natürlich wird dann Blech geschwatzt, und die reizendsten Menschen lernt man von einer Seite kennen, wo sie von den andern elf vom Dutzend nicht zu unterscheiden sind.
Dazu die Schmerzen und schlechtes Wetter, bei dem ich mich täglich neu erkältete (ich begriff jetzt die ewigen Erkältungen meines Holländers), und die furchtbare Kurmüdigkeit – es war eine Reihe von Tagen, deren ich mich nicht rühmen kann. Aber wie das so geht, eines Tages war diese Reihe eben zu Ende. Es kam ein Tag, da war mir alles so entleidet, daß ich vollkommen liegen blieb und nicht einmal mehr zum täglichen Bad zu haben war. Ich streikte, ich blieb einfach liegen, nur einen Tag lang, und vom nächsten Tag an ging es besser. Dieser Tag, an dem die Wende eintrat, ist mir denkwürdig, weil die Wende und Umstellung ganz plötzlich und überraschend kam. Der Mensch wird mit jeder, auch mit der widerwärtigsten Situation fertig, wenn er nur erst will, und so habe auch ich, selbst an den ödesten und deprimiertesten Tagen dieser Kur, mitten in allem Mißmut nie daran gezweifelt, daß ich auch aus diesem Sumpf wieder emporkriechen würde. Das Emporkriechen, das langsame, mühsame Besiegen der Außenwelt, das langsame Suchen und Finden der vernünftigsten Einstellung, das war, wie ich wußte, ein stets gangbarer Weg, es war der sehr gangbare, sehr empfehlenswerte Weg der Vernunft. Von früheren Erlebnissen her kannte ich aber auch den andern Weg, den nicht zu suchenden, nur zu findenden, den des Glücks, der Gnade, des Wunders. Daß das Wunder gerade jetzt mir nahe sei, daß ich aus dem beschämenden Zustand dieser elenden Tage nicht mühsam und staubig auf der Landstraße der Vernunft, des bewußten Trainings, sondern beflügelt auf dem blumigen Weg der Gnade erlöst werden möchte, das hatte ich nicht zu hoffen gewagt.
Am Tage, an dem ich mich wieder aus der Betäubung erhob und zur Fortsetzung der Kur und des Lebens entschloß, war ich zwar etwas ausgeruht, jedoch keineswegs guter Laune. Die Beine schmerzten, der Rücken tat weh, der Nacken war steif, das Aufstehen fiel schwer, schwer der Weg zum Lift und ins Bad, schwer der Weg zurück. Als es endlich Mittag geworden war und ich verdrossen und ohne Appetit zum Speisesaal schlich, nahm ich plötzlich mich selber wahr, war ich plötzlich nicht mehr bloß der Kurgast, der mit schwerfälligem Gebein und freudlosem Gesicht die Hoteltreppen hinunterstieg, sondern war zugleich Zuschauer meiner selbst. Auf irgendeiner der vielen Treppenstufen war es plötzlich da, war ich plötzlich in zwei gespalten, sah mir selber zu, sah diesen appetitlosen Kurgast seine Treppen hinabschleichen, sah ihn die Hand hilfsbedürftig auf die Treppenbrüstung legen, sah ihn am grüßenden Oberkellner vorbei den Speisesaal betreten. Oft schon hatte ich diesen Zustand erlebt, und ich begrüßte es alsbald als ein glückliches Zeichen, daß er mitten in dieser unfruchtbaren und verdrießlichen Epoche plötzlich wieder da war.
Ich setzte mich im hohen hellen Speisesaal an mein einsames rundes Tischlein und sah mir zugleich zu, wie ich mich setzte, wie ich den Stuhl unter mir zurechtrückte und dabei ein wenig auf die Lippen biß, weil es weh tat, wie ich dann mechanisch die Blumenvase in die Finger nahm und mir etwas näher stellte, wie ich langsam und unentschlossen die Serviette aus dem Ringe zog. Da und dort kamen andere Gäste, setzten sich an ihre Tischlein, wie die Zwerge im Schneewittchen, zupften die Serviette aus dem Ring. Der Kurgast Hesse aber war hauptsächlich der Gegenstand meines zuschauenden Ich. Der Kurgast Hesse, mit beherrschtem, aber tief gelangweiltem Gesicht, schenkte ein wenig Wasser in sein Glas, brach ein Stückchen Brot ab, alles nur zum Zeitvertreib, denn er beabsichtigte weder das Wasser zu trinken noch das Brot zu essen, er löffelte spielend seine Suppe, blickte mit stumpfsinnigem Blick zu den anderen Tischen im großen Saal hinüber, blickte zu den mit Landschaften bemalten Wänden empor, schaute dem Oberkellner zu, wie er rasch durch den Saal lief, und den hübschen Saaltöchtern in schwarzen Kleidchen, mit weißen Schürzen. Von den übrigen Kurgästen saßen einige in Gesellschaft oder in Paaren an etwas größeren Tischen, die meisten aber saßen gleich dem Obigen allein vor ihrem einsamen Teller, mit beherrschtem, aber tief gelangweiltem Gesicht, schenkten langsam etwas Wasser oder Wein in ihre Gläser, zupften am Brot, blickten mit stumpfsinnigem Blick zu den Tischen der andern hinüber, blickten zu den mit Landschaften bemalten Wänden empor, schauten dem eilenden Oberkellner nach und den hübschen Saaltöchtern in schwarzen Kleidchen, in weißen Schürzen. An den Wänden warteten freundlich, dumm und ein wenig verlegen die hübschen Landschaften, und von der Saaldecke herab, Einfälle eines verschollenen Dekorateurs, blickten freundlich und unverlegen vier bemalte Elefantenköpfe, welche mir an früheren Tagen oft Freude gemacht haben, denn ich bin ein Freund und Anbeter der indischen Götter und sah in jedem dieser Köpfe den feinen, klugen, elefantenköpfigen Gott Ganesha, den ich sehr verehre. Und oft, während ich von meinem Tischchen zu den Elefanten hinaufgesehen, hatte ich mich darüber besonnen, woran nun das liege, daß man mir in meiner Kindheit erzählt hatte, der Vorzug des Christentums bestehe hauptsächlich darin, daß es keine Götter und Götzenbilder kenne, und daß ich doch, je älter und klüger ich werde, gerade darin den großen Nachteil dieser Religion sehe, daß sie, außer der wunderbaren katholischen Maria, so gar keine Götter und Götterbilder hat. Ich gäbe viel dafür, wenn zum Beispiel die Apostel, statt etwas langweilige und zu fürchtende Prediger, Götter mit allerlei herrlichen Kräften und Naturzeichen wären, und sehe nur einen schwachen, immerhin willkommnen Ersatz dafür in den Tieren der Evangelisten.