Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert; Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird. Fremdwörter und Transliterationen (vorwiegend aus dem Griechischen) wurden weder korrigiert noch vereinheitlicht.
Die gedruckte Fassung wurde in einer Frakturschrift gesetzt, in der die Großbuchstaben I und J identisch sind; die Auswahl in der vorliegenden Ausgabe erfolgte daher mitunter willkürlich. Im Sachregister wird nunmehr zwischen den Begriffen mit den Anfangsbuchstaben I und J unterschieden, was im Original nicht möglich war.
Einige Bildtafeln enthalten mehrere Abbildungen. Das Verzeichnis der Tafeln wurde der zweiten Hälfte dieses Bandes entnommen.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
Das Caret-Symbol (^) steht vor hochgestellten Zeichen.
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Kulturgeschichte der Nutzpflanzen
Die Erde und die Kultur
Die Eroberung und Nutzbarmachung der Erde durch den Menschen
In Verbindung mit Fachgelehrten gemeinverständlich dargestellt von ~Dr.~ Ludwig Reinhardt
Bd. IV~ in zwei Teilen Kulturgeschichte der Nutzpflanzen
München 1911 +Verlag von Ernst Reinhardt+
Kulturgeschichte der Nutzpflanzen
von
~Dr.~ Ludwig Reinhardt
Band IV, 1. Hälfte
Mit 57 Abbildungen im Text und 90 Kunstdrucktafeln
München 1911 +Verlag von Ernst Reinhardt+
Alle Rechte vorbehalten
Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.
Vorwort.
Die emsige Forscherarbeit der letzten Jahrzehnte hat auf dem weiten Gebiete der allgemeinen Kulturgeschichte eine Fülle von Material zusammengetragen, das aber, dem Nichtfachmann unzugänglich, in wissenschaftlichen Zeitschriften und Monographien verborgen war. Es aus diesem Dornröschenschlaf zu erwecken und dem weiten Kreise der Gebildeten zugänglich zu machen, war eine lockende Aufgabe, der ich mich in Gemeinschaft mit dem Geographen und Nationalökonomen ~Dr.~ R. +Hotz+ und anderen Fachgelehrten gern unterzogen habe. In gewissem Sinne bildet es eine Ergänzung und Erweiterung des in gleichem Verlage erschienenen Sammelwerkes „Vom Nebelfleck zum Menschen“; denn wenn dort versucht wurde, die lange Geschichte der Menschwerdung zu schildern, so soll in „+Die Erde und die Kultur+“ gezeigt werden, wie der Mensch im Laufe der Jahrtausende die Erde erobert und seinen Zwecken dienstbar gemacht hat.
Die Gliederung des Gesamtwerkes ist die folgende: Band I: Die Erde und ihr Wirtschaftsleben (von ~Dr.~ R. +Hotz+). Band II: Kulturgeschichte des Menschen. Band III: Kulturgeschichte der Nutztiere. Band IV: Kulturgeschichte der Nutzpflanzen. Jeder Band ist in sich abgeschlossen und einzeln käuflich. Band IV ist soeben erschienen, Band I und III erscheinen im Laufe des Jahres 1911, Band II im Sommer 1912, so daß spätestens im Herbst des Jahres 1912 das ganze Werk vollständig sein wird.
In dem vorliegenden Doppelband „+Die Kulturgeschichte der Nutzpflanzen+“ suchte ich das fortzusetzen, was einst der feinsinnige Philologe Victor +Hehn+ für einen Teil der bekanntesten Kulturpflanzen begonnen hatte: eine Geschichte ihrer Domestikation und ihrer Wanderung über die Erde im Gefolge des Menschen zu geben. Ein Menschenalter ist seit dem Erscheinen von Hehns Werk verflossen, manches hat sich geändert, dazu habe ich den Gegenstand nach allen Seiten erweitert; denn nicht nur die Kulturpflanzen sollen in dem Werke behandelt werden, sondern die Nutzpflanzen im weitesten Sinne des Wortes. Eine Fülle von Literatur war zu sichten und zu bearbeiten, fast zu groß für die Arbeitskraft eines einzelnen Menschen. Ich habe mich bemüht, allen wissenschaftlichen Ballast wegzulassen und durch gründliches Quellenstudium das heute Sichergestellte in klaren Zügen gemeinverständlich darzustellen.
Besondere Sorgfalt wurde auf die Bilder verwendet, die auf Kunstdrucktafeln, größtenteils nach noch unveröffentlichten Photographien, dem Texte beigegeben werden.
Allen Gelehrten, die mich in meiner Arbeit in zuvorkommender Weise unterstützt haben, spreche ich auch an dieser Stelle meinen verbindlichen Dank aus.
+Basel+, im Oktober 1910.
=~Dr.~ Ludwig Reinhardt.=
Inhalt des ersten Bandes.
1. Die Getreidearten. 1. Der Weizen und seine Abarten 1
2. Die Getreidearten. 2. Gerste, Roggen, Hafer, Hirse und Buchweizen 26
3. Die Getreidearten. Reis und Mais 52
4. Die Fruchtbäume. 1. Teil 72
5. Die Fruchtbäume. 2. Teil 155
6. Die Agrumen 237
7. Die Gemüsearten 256
8. Eßbare Knollengewächse 349
9. Die Ölgewächse 399
10. Der Zucker 436
11. Der Kaffee 454
12. Der Tee 475
13. Der Kakao 500
14. Die Gewürze 516
15. Die berauschenben Getränke 596
16. Die betäubenden Pflanzenstoffe 647
17. Der Tabak 665
18. Die Gärungserreger 683
Tafelverzeichnis des ersten Bandes.
1. Getreidearten 16
2. Alter Pflug; Die Entwicklung des Pfluges 16
3. Dreschen in Galiläa 16
4. Dampfdreschmaschine 16
5. Dampfpflug 32
6. Dampfpflug 32
7. Mohrenhirse; Buchweizen 48
8. Reisfeld 48
9. Singhalesen beim Pflügen 56
10. Reisfelder; Pflanzen des Reises 56
11. Entkernen des Reises; Dreschen des Reises 56
12. Singhalesinnen b.Reisstampfen 56
13. Maisscheune der Zulu 64
14. Maismühle der Zulu 64
15. Längsspalier von Birnen 81
16. Kreuzspalier von Birnen 81
17. Blühende Mandelbäume; Traubenernte 81
18. Konservenfabrik in Lenzburg 81
19. Maulbeerbäume; uralter Feigenbaum 129
20. Alter Ölbaumhain in Arco 129
21. Ölbaum in Antibes 152
22. Olivenhain auf Capri; Dattelpalmen am Nil 152
23. Dattelpalmen in Algier; Dattelernte in Algerien 168
24. Kokospalme in Westafrika 168
25. Ölpalme; Zuckerpalme 176
26. Kokospalmen; verschiedene Palmen 176
27. Arekanüsse; Sagopalmen 176
28. Auf Arekapalmen kletternde Inder 176
29. Talipotpalme 185
30. Seychellenpalme; Victoria Regia 185
31. Fächerpalme 192
32. Bananenhain; Verladung von Bananen 192
33. Mangobaum 201
34. Brotfruchtbaum; Brotfrucht 201
35. Zweig der Brotfrucht 201
36. Baobab; Malaienwohnung 201
37. Kolabäume 208
38. Durian; Mangostane 208
39. Ananas; Tamarindenallee 208
40. Melonenbaum 208
41. Tropisches Gewächshaus 216
42. Fruchtladen auf Ceylon; Fruchtladen in Südindien 216
43. Kastanienbäume; Alter Feigenbaum 232
44. Johannisbrotbaum; Zitronenhain in Salo 232
45. Japanische Küche 289
46. Japanischer Gemüsehändler 289
47. Artischockenpflanzung; Wassermelonen 337
48. Kürbisbaum 337
49. Japanische Bäuerin; Japanischer Bauer 352
50. Papyrusdickicht; Maniokpflanzung 352
51. Fufustampfen auf d. Goldküste; Yamsknollen auf Jamaika 368
52. Yamsknollen; Frauen in Bonaberi 368
53. Champignonkultur bei Paris; Champignonernte 392
54. Verarbeitung von Champignons 392
55. Schibutterbäume; Szenerie aus dem Urwald 416
56. Rizinuspflanzung; Karnaubapalme 416
57. Wildes Zuckerrohr 441
58. Zuckerrohrernte; Zuckerrohrernte 441
59. Liberiakaffee 465
60. Liberiakaffee 465
61. Pflücken der Teeblätter 480
62. Pflücken der Teeblätter 480
63. Singhalesinnen Tee verlesend 480
64. Trocknen der Teeblätter 480
65. Teestrauch 489
66. Mateernte 489
67. Kakaosaatbeete 512
68. Junge Kakaopflanzung 512
69. Kakaoernte 512
70. Kakaobaum; Vanillestrauch 512
71. Vanillepflanzung 520
72. Pfefferrebe 520
73. Wilder Hopfen; Hopfengarten 545
74. Hopfenpflücker; gedörrter Hopfen 545
75. Zimtbaum; Schälen des Zimtrohrs 577
76. Muskatnüsse; Gewürznelkenbäume 577
77. Hydraulische Kelter; Moderne Weinfässer 625
78. Faune nach Rubens; Champagnerkellerei 625
79. Kokapflanze; Pulquegewinnung 640
80. Opiumraucher; Opuntie 640
81. Blühender Tabak 672
82. Anlage einer Tabakpflanzung 672
83. Trockenscheune in einer Pflanzung 672
84. Reifer Tabak; Trockenscheune (Inneres) 672
85. Sortieren der Tabakblätter 680
86. Fermentieren der Tabakblätter; Zigarettenfabrik 680
87. Knetmaschinen 697
88. Moderner Backraum 697
89. Malztenne der Löwenbrauerei; Sudhaus der Löwenbrauerei 705
90. Gärkeller der Löwenbrauerei, Lagerkeller der Löwenbrauerei 705
91. Hofbräuhaus (außen) 705
92. Hofbräuhaus (innen) 705
I.
Die Getreidearten
Der Weizen und seine Abarten.
Die ältesten vom Menschen in Kultur genommenen Nutzpflanzen sind, soweit wir dies heute zu beurteilen vermögen, +Weizen+ und +Gerste+, die irgendwo in Vorder- oder Mittelasien, von fürsorgenden Frauen gesammelt und gehegt, später auch angepflanzt, mit der Zeit durch fortgesetzte Auslese zu Spendern besonders großer, mehlreicher Körnerfrüchte gediehen. Diese wurden nicht nur ihnen und ihren Kindern, sondern auch den zunächst ausschließlich von der Jagd und später, nach der Zähmung und Aufzucht von Haustieren, von Viehzucht lebenden Männern zu einer immer unentbehrlicheren Zukost zu der von diesen gelieferten Fleischnahrung.
Während der Mann der Urzeit mit seinen Sippengenossen der Jagd oblag, suchte die Frau für sich und ihre Kinder, soweit sie nicht mehr von ihr gestillt wurden, was damals in Analogie mit heute noch auf derselben Kulturstufe lebenden Völkern zwei bis drei Jahre gedauert haben mag, die für sie erreichbare, hauptsächlich aus Vegetabilien und kleinen Tieren wie Würmern, Schnecken, Heuschrecken, Käfern, Raupen, Fröschen, Eidechsen, Schlangen und dergleichen bestehende Nahrung. Mit dem ziemlich langen Grabstock versehen, den sie als Universalwerkzeug und Waffe stets bei sich führte, zog sie, von ihren Kindern begleitet, in die Speise irgend welcher Art zur Stillung des stets regen Hungers versprechende Nachbarschaft des jeweiligen Lagerplatzes, um hier alle möglichen, ihr als nahrhaft bekannten Wurzeln, Früchte und Sämereien zu sammeln und zugleich alle ihr dabei entgegentretenden kleineren Tiere zu erbeuten. Was nicht sofort verzehrt wurde, wanderte als Vorrat in die mitgeführte Felltasche und später in den aus Binsen oder Bast geflochtenen Korb, um dann, roh oder schwach am Feuer geröstet, als Speise zu dienen. Unbeweglich, wie sie durch die Mutterschaft geworden war, zog sie notgedrungen das für sie erreichbare minderwertige Kleinere dem begehrenswerteren Größeren vor.
Der viel beweglichere Mann dagegen bevorzugte als Nahrung die vorzugsweise in Schlingen und Fallgruben oder durch Anschleichen und Hetzen von ihm erbeuteten größeren Tiere. Aber in dem Maße als die Bevölkerung des Landes zunahm und der Wildreichtum durch die unausgesetzten Jagden sich verminderte, nahm diese Nährpflanzen zur Stillung des Hungers suchende Tätigkeit der Frau an Bedeutung stetsfort zu. So kam sie in der Fürsorge für sich und ihre Kinder nach und nach dazu, nicht bloß gewisse Reviere mit ihr allein bekannten Standorten nahrhafter Pflanzen, deren Zahl für jene sehr wenig wählerischen Menschen der Urzeit selbstverständlich unvergleichlich größer war, als wir es uns heute vorstellen können, für sich zu reservieren, sondern auch später in fürsorgender Arbeit selbst Samen dieser Nahrungspflanzen auszustreuen, in der berechtigten Erwartung, hier einst mühelos für die Ihrigen ernten zu können.
Wir Kulturmenschen, die das gewohnheitsmäßige Erleben selbst der außergewöhnlichsten Erscheinungen vollständig abgestumpft hat, so daß wir dieselben als ganz selbstverständlich hinnehmen und gar nicht mehr darüber nachdenken, übersehen gewöhnlich, welche außergewöhnliche Begabung und Verstandesschärfe dazu erforderlich waren, bis ein Mensch, und zwar ein armseliges, schwaches +Weib+, von der fürsorgenden Mutterliebe getrieben, voll Hoffnung, dereinst hier ernten zu können, die ersten Samenkörner einer Nährpflanze in die vorher von ihr mit dem Grabstock gelockerte Erde streute.
Den alten Griechen, welche den ersten Regungen menschlicher Gesittung näher standen als wir, erschien ein planvolles Erdenken des Ackerbaues, dem der primitivere Hackbau vorausging, als für menschliche Verstandeskräfte vollkommen unerfaßlich und undenkbar. Deshalb schrieben sie diese so überaus wertvolle, den Keim zu aller höheren Gesittung überhaupt legende Erfindung einer Gottheit zu. Und so wie sie dachten alle anderen Völker der Erde auf gleicher Erkenntnisstufe, die alle diese so überaus folgenschwere Erfindung als Geschenk einer Gottheit betrachteten und nicht als Produkt menschlichen Denkens auffaßten.
Mit dem ersten Pflanzenbau, den solchermaßen die fürsorgende Mutterliebe einer intelligenten Frau der Urzeit in den Sinn gab, selbst wenn er nur von Wanderhorden am Sommerlagerplatz armselig genug betrieben wurde, waren alle künftigen Fortschritte der Menschheitsentwicklung im Keime gegeben. Nicht nur hörte damit der Mensch auf als Almosenempfänger in den Wild- und Wurzelgärten der Natur von der Laune des Augenblicks und vom Zufall des Tages abzuhängen, seine Zukunft wurde eine mehr und mehr gesicherte, von der ungewissen Jagd unabhängige.
Diese friedliche, ihr innerhalb des Familienverbandes eine zunehmende Macht verleihende Tätigkeit der Frau führte sie früher schon auf eine höhere Kulturstufe als den Mann, der lange nur als ein geduldetes Anhängsel der +Mutterfamilie+ erschien; denn in der Haushaltung, die das Weib der Urzeit mit ihren Kindern führte, war der Mann lange Zeit nur eine Art Pensionär, der für die Gunst, von der Pflanzenspeise mitessen zu dürfen, vom Ertrage seiner Jagd wenigstens etwas beizusteuern hatte.
Erst auf einer späteren Entwicklungsstufe der Menschheit wurde das Weib, weil es schwächer war und sich nicht gegen solche Vergewaltigung von seiten des Mannes zu wehren vermochte, von diesem als Sklavin und Arbeitstier betrachtet. Für sich selbst zog er das süße Nichtstun vor und bürdete alle Arbeit dem Weibe auf. Aber mit dem Überhandnehmen der Volkszahl genügten die Frauenarme bald nicht mehr, um den zunächst ausschließlich von diesen geübten Hackbau zur Fütterung der sich mehrenden Stammesgenossen zu bewältigen, zumal ihnen alle sonstigen Hausgeschäfte: das Kochen, das Weben der Kleidung, das Gerben der Häute, das Formen und Brennen des Tons zu Geschirr, der Hausbau und was sonst noch in den Bereich ihrer Pflichten fiel, oblagen. Und die Zahl dieser weiblichen Arbeiten wurde mit der besseren Lebenshaltung in zunehmendem Maße gesteigert, so daß die Frauenkraft mit dem besten Willen allen an sie gestellten Forderungen nicht mehr genügen konnte. Da galt es männliche Kraft zur Gewinnung der für die wachsende Bevölkerung immer wichtiger werdenden Nährfrüchte zu gewinnen. Diese aber leistete zunächst nicht der freie Mann, dem die Arbeit von jeher als größter Schimpf galt, wie wir bei allen auf dieser Kulturstufe verharrenden Menschheitsstämmen zu beobachten vermögen, sondern dazu wurden die Kriegsgefangenen verwendet, die man bis dahin getötet, d. h. den gefürchteten Geistern mächtiger Verstorbener, die sich allmählich zu Gottheiten entwickelten, geopfert hatte, weil man nichts mit ihnen anzufangen wußte. So erkannten die Stämme der jüngeren Steinzeit bald, daß diese Tötung eine unbegreifliche Verschwendung gewesen war. Deshalb wurde sie als unzweckmäßig abgeschafft und man begnügte sich als Opfer für die siegverleihenden Mächte die Anführer oder nur wenige, durch das Los bestimmte Männer aus der Zahl der Gefangenen zu schlachten. Die übrigen blieben am Leben und mußten als Knechte den Acker bestellen und alle schwere Arbeit verrichten.
Noch intensiver vermochte man den Landbau zu betreiben, als zu diesen unfreien Hörigen als ersten männlichen Arbeitern die Zugkraft des zunächst bloß zur Milch- und Fleischgewinnung vom Manne gezüchteten Rindes hinzukam, das den als Fortbildung der Hacke erfundenen einfachen Hakenpflug zur Auflockerung des Bodens vor der Aussaat des Getreides durch den zum Ackerfelde bestimmten Boden zu ziehen hatte. Besonders ausgiebig konnte der durch Kastration dem menschlichen Willen gefügiger gemachte Stier als Ochse den Pflug ziehen, und mit seiner Mithilfe vermochte man immer größere Ländereien dem Anbaue der Nahrung spendenden ältesten Nutzpflanzen dienstbar zu machen.
In dem Maße als sich der äußere Betrieb des Feldbaues vervollkommnete, verbesserte sich auch die Beschaffenheit der in menschliche Pflege und Kulturauslese verbrachten Körnerfrüchte, die neben den eßbaren Baumfrüchten und Wurzelknollen, welche aber erst später in Anbau genommen werden konnten, als die ältesten Nutzpflanzen des Menschen zu gelten haben. Schon auf der Stufe des umherziehenden Sammlers müssen dem Menschen die in dichten Beständen beieinander wachsenden Grasarten in erster Linie als Nahrungspflanzen aufgefallen sein. Mochten ihre mehlreichen Samen auch nur klein sein, so ersetzten sie den Mangel an Größe durch ihre leicht anzuhäufende große Zahl. Und als er zum Aussäen der Getreidekörner übergegangen war, griff er unwillkürlich, um eine größere Menge davon zusammenzubringen, nach den großen, in möglichst kräftig aufgeschossenen Halmen befindlichen Samen. Schon damit war der erste Schritt zur unbewußten Zuchtwahl getan, welche von selbst weiterschritt, wenn auf dem zur Aussaat gewählten Feld unter den ziemlich dicht nebeneinander aufschießenden Halmen im Ringen nach Luft und Licht die kräftigeren Pflanzen die Oberhand gewannen, während die schwächlicheren unterdrückt wurden und damit aus der Zucht ausschieden.
Je nach den klimatischen Verhältnissen und der Beschaffenheit des Bodens entwickelte sich die betreffende, in die Pflege des Menschen genommene Pflanze nach verschiedenen Richtungen weiter. Dazu kam die ihr innewohnende Variabilität oder Veränderungsfähigkeit, welche plötzlich neue Eigenschaften in ihr zutage treten ließ. Diese auffallenden abweichenden Formen suchte sich der Mensch, wenn sie sich als für ihn nützlich erwiesen, besonders aus und vermehrte sie durch getrennte Aussaat. So entwickelten sich unwillkürlich aus einer und derselben Stammpflanze mit der Zeit die mannigfaltigsten Kultursorten, die ihre Herkunft aus jener einen Art kaum glaublich erscheinen ließ. Daher kommt es, daß alle seit längerer Zeit in der Pflege und Kulturauslese des Menschen befindlichen Nutzgewächse eine solch unübersehbare Mannigfaltigkeit von Formen aufweisen und in so zahlreiche Unterarten mit allen Übergängen ineinander zerfallen, daß es ganz unmöglich ist, sie alle zu scheiden.