Part 7
Die größten Geologen waren also entweder überhaupt nicht Fachleute im strengen Sinne oder doch nicht zünftige Gelehrte.[103]
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Der französische Ingenieur +Claude Chappe+ hatte einen +optischen Telegraphen+ im Jahre 1792 konstruiert, der schon zwei Jahre später zwischen Paris und Lille fertiggestellt wurde, um bald in der Länge von etwa 5000 km sich durch ganz Frankreich zu ziehen. Die 300 km von Paris nach Toulouse wurden in 20 Minuten durch die Zeichensprache zurückgelegt. Da aber nur an hellen Tagen, wenn es weder regnete noch schneite, telegraphiert werden konnte, war die Benutzung der Linien vom Zufall abhängig. Darüber sprach im Jahre 1809 der bayerische Minister Graf Montgelas in Gegenwart des +Professors der Anatomie Thomas Sömmering+. Da dieser sich in seinen Mußestunden mit allen möglichen Dingen beschäftigte, kam er auch auf den Gedanken, die Elektrizität zu verwenden und konnte schon acht Wochen später der bayerischen Akademie der Wissenschaften einen von ihm erfundenen +elektromagnetischen Telegraphen+ vorführen, den ersten elektrischen Telegraphen, den es je gegeben hat. Wenn auch das System unpraktisch oder doch sehr kostspielig war, so hatte er zweifellos das Verdienst, gezeigt zu haben, daß man die Elektrizität überhaupt zum Zwecke der Telegraphie benutzen könne.
Merkwürdig ist aber, daß ein so genialer und weitblickender Mann wie +Napoleon+ sich allein abfällig über die Erfindung äußerte und sie wegwerfend als »une idée germanique« bezeichnete. Oder sollte ihn die Unvollkommenheit im praktischen Sinne dazu bewogen haben?[104]
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+George Stephenson+ (1781-1848), der Hauptbegründer des Eisenbahnwesens, der auch die erste Eisenbahn zur Beförderung von Personen zwischen Stockton und Darlington baute, fing seine glänzende Laufbahn als einfacher +Dampfmaschinenwärter+ an.[105]
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+Samuel Morse+ (1791-1872) war +Maler+. Auf der Heimreise von Europa, wo er die Mal- und Zeichenschulen studiert hatte, nach Amerika, entwarf er 1832 einen +Drucktelegraphen+ und das nach ihm benannte, aus Punkten und Linien bestehende +Zeichensystem+. 1837 erhielt er auf seine Erfindung ein amerikanisches Patent und baute 1843 die erste Versuchslinie zwischen Washington und Baltimore ein. Die Erfindung dieses Autodidakten und Outsiders wurde bekanntlich allgemein eingeführt.[106]
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Der Erfinder des +Kehlkopfspiegels+ war nicht etwa ein Arzt, sondern der berühmte +Gesanglehrer Manuel Garcia+ (1805-1906). Diese Erfindung ermöglichte erst die Laryngoskopie.[107]
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Wie die Erfinder des Luftballons, Joseph Michel +Mongolfier+ (1740-1810) und Jacques Etienne +Mongolfier+ (1745-1799) Papierfabrikanten waren, so die der drei +lenkbaren Luftschiffe+, des starren, halbstarren und unstarren Systems, sämtlich nicht Fachmänner, sondern, wie jedermann weiß, die Offiziere Graf +Zeppelin+, Major +Groß+ und Major +von Parseval+.
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Übrigens war der erste, der einen noch dazu erfolgreichen Versuch zur Konstruktion eines lenkbaren Luftschiffes machte, ein armer römischer +Schuster+, der im Palazzo Aldobrandini wohnte. Dort besuchte ihn Le Bar, der Erzieher Napoleons III., mit seinem Zögling am 18. November 1823. Die Flugmaschine bestand aus zwei Teilen, von denen der eine den Ballon in horizontaler Richtung halten, während der andere die Sicherheit der Fahrt verbürgen sollte.[108]
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+Daguerre+ (1783-1851), der im Jahre 1838 die Erfindung der +Photographie+ machte, d. h. das Licht zur Bildererzeugung zwang, war nicht nur kein Fachmann, sondern sogar »eigentlicher Fachkenntnisse bar« und seines Zeichens +Maler+. Ursprünglich war er Steuerbeamter gewesen. Übrigens hatten sich schon vorher Physiker (+Davy+ und +Wedgewood+) erfolglos damit beschäftigt.[109]
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+Foucault+ (1819-1868) veröffentlichte seine berühmten +Pendelversuche+ »Démonstration physique du mouvement de rotation de la terre au moyen du pendule« im Jahre 1850, also 31jährig. Er bekleidete damals die Stellung eines +Redakteurs+ des wissenschaftlichen Teiles des Journal des Débats.
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Die ersten Versuche zur Umwandlung der Elektrizität in Töne machte 1837 +Page+ (1812-1868). Er war seines Zeichens Agent und Patentanwalt in Washington. +Ph. Reis+ (1834-1874) trat 1850 als Lehrling in ein Farbwarengeschäft zu Frankfurt a. M. ein und studierte privatim seit 1853 Mathematik und Naturwissenschaften. Um das Jahr 1860 konstruierte der erst 24jährige Autodidakt das erste +Telephon+, an dem er seit 1857 gearbeitet hatte. Das erste praktisch verwendbare Telephon aber konstruierte der +Taubstummenlehrer Graham Bell+, geb. 1847 in Boston, im Jahre 1876. Also kein einziger Physiker, sondern ausschließlich »Dilettanten«, von denen noch dazu kein einziger das 30. Lebensjahr erreicht hatte, waren die Erfinder dieses außerordentlichen Verkehrsmittels.[110]
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Die beiden Weltfirmen Siemens & Halske in Berlin und Karl Zeiß in Jena sind aus bescheidenen mechanischen Werkstätten hervorgegangen und verdanken ihre Blüte dem Eintritt von Männern, die außerhalb der Zunft standen. Dort des +Artillerieoffiziers Werner Siemens+ (1816-1892), dessen Erfindungen und Verbesserungen, besonders auf dem Gebiet des Telegraphenwesens, außerordentlich zahlreich sind; hier des Universitätsdozenten +Ernst Abbe+. +Karl Zeiß+ (1816-1888) selbst besaß +keine Universitätsbildung+, sondern hatte vor der Prima das Gymnasium verlassen, um dann in mechanischen und Maschinenwerkstätten zu lernen.[111]
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Der Erfinder des +Zweirades+, +Karl von Drais+ (1784-1851), war von Beruf nicht etwa Mechaniker, sondern badischer Forstmeister. Er war auch der erste, der eine +Schreibmaschine+, und zwar auf stenographischer Grundlage, konstruierte.[112]
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+Charles Darwin+ (1809-1892), über dessen Leistungen sich wohl jedes Wort erübrigt, war in der Schule des Dr. Buttler in Shrewsbury ein so +schlechter Schüler+, daß sein Vater ihn mit 16 Jahren herausnahm und +Medizin+ studieren ließ. Da er auch da nichts leistete, widmete er sich nach zwei Jahren in Cambridge der +Theologie+, in der er nach drei Jahren das Baccalaureusexamen bestand. Nebenher interessierte er sich für Mineralien, Pflanzen, Muscheln, Insekten, aber auch für Münzen und Siegel, die er sammelte. Auch Geologie, Botanik und besonders Zoologie zog er in den Bereich seines Interesses, ohne aber den Vorsatz, Geistlicher zu werden, um dieser Liebhabereien willen, zu denen noch leidenschaftliche Liebe zur Jagd kam, aufzugeben. Nach seinem eigenen Geständnis »würde er sich damals für verrückt gehalten haben, wenn er in den ersten Tagen nach Eröffnung der Rebhuhnjagd zugunsten von Geologie oder einer anderen Wissenschaft auf die Jagd hätte verzichten wollen«. Als für die fünfjährige Weltumseglung des englischen Kriegsschiffes »Beagle« ein Naturforscher gesucht wurde, empfahl Professor Henslow Darwin. Da aber dessen Vater kein rechtes Vertrauen zur Ernsthaftigkeit des Jünglings hatte, schrieb er ab, und nur dem Zufall ist es zu danken, daß aus der Reise doch etwas wurde. Tatsächlich trat er sie (1831) an, +ohne in irgendeiner der vier Wissenschaften, auf welche er während der Reise hauptsächlich sein Augenmerk zu richten hatte: Zoologie, Botanik, Geologie und Paläontologie, ein abgerundetes Schulwissen zu besitzen+. Dafür besaß er allerdings den freien, durch keine Lehrmeinungen beeinträchtigten Blick für die Erscheinungen der Umgebung, ein Gewinn, der fürstlichen Lohn trug. So hat der in der ersten Hälfte der Zwanziger stehende Forscher, der schon vor der Reise die Flimmerlarven der Moostierchen und das Keimen der Pollenschläuche entdeckt hatte, auf ihr die Theorie der Entstehung der Korallenriffe, ja, seine +Deszendenztheorie+ aufgestellt. Der große Forscher und edle Mensch hat niemals ein öffentliches Lehramt bekleidet.[113]
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Darwin mag uns daran erinnern, daß außer den bereits oben genannten noch eine Reihe von +schlechten Schülern+ mit ihren Erfolgen im späteren Leben ganz zufrieden sein konnten. Bekanntlich war +J. J. Rousseau+ ein solcher Ausreißer, der nach einer jämmerlichen Schulbildung seinem Meister, einem Kupferstecher in Genf, 16jährig durchging, später Bedienter wurde, sich auch eine Zeitlang einem Hochstapler anschloß und sich als schon berühmter Mann vom Notenabschreiben nährte.
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+Liebig+ erzählt von sich selbst, daß er als Schüler keine Erfolge hatte. +Bürger+ wurde als zwölfjähriges Bürschchen von der Stadtschule zu Aschersleben geschwenkt, der große Dichter +Shelley+ erlebte auf der Schule zu Eton ein gleiches Schicksal und nochmals auf der Universität zu Oxford. Auch Edgar +Poe+ wurde relegiert. +Schiller+ ging bekanntlich von der Karlsschule durch, der Turnvater +Jahn+ aber entfloh dem Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin.
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+Van Erpecum+, ein Schüler an der Höheren Schule in Batavia, machte die Beobachtung -- es dürfte 1902 gewesen sein --, daß in einem bis zum Rande mit Wasser und darin herumschwimmenden Eisstückchen gefülltem Gefäß das Wasser nicht überfloß, als das Eis schmolz. Daraus folgerte er das »+Gesetz der permanenten Oberfläche+«, das er mit Hilfe seines Lehrers in den Sitzungsberichten der Kgl. Niederländischen Akademie der Wissenschaften veröffentlichte.[114]
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Wie die genialsten Gedanken und Beobachtungen in den Naturwissenschaften und der Technik von Dilettanten bzw. Outsiders stammen, also von Männern, die nicht der gelehrten Zunft angehörten und häufig das Gebiet nur im Nebenfach bestellten, sahen wir eben. Ja, wir trafen auch in späteren Jahrhunderten eine Reihe von Männern, die auf vielen Gebieten geniale Bahnbrecher wurden, wie das in der Renaissance so häufig war. Ebenso verhält es sich auch in den Geisteswissenschaften. Auch hier ist der Beweis nicht schwer zu erbringen.
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+William Jones+ (1746-1794) war es, der sich zuerst eine eindringende Kenntnis des Sanskrit erwarb und in wesentlich richtigen und geschmackvollen Übersetzungen erprobte. Er führte Cakuntala so gut wie die Gesetze des Manu und Teile der Rigveda in die europäische Literatur ein. Natürlich war er nicht Philologe oder Orientalist von Fach, sondern +Oberrichter+ in Fort William in Bengalen.[115]
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Der erste, der +Sanskrit+ und seine Literatur in wahrhaft philologischem Sinne behandelte -- schreibt Benfey -- und dadurch einen sicheren Grund für eine Sanskritphilologie legte, war Henry Thomas +Colebrooke+ (1765-1837). Auch er war +Jurist+, nämlich Richter in Mirzapoor in Indien, dann politischer Resident am Hofe von Berar.[116]
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Der erste Entzifferer der +Keilinschrift+ war der klassische Philologe Georg Friedrich +Grotefend+ (1775-1853). Die größten Kenner der Keilinschriften räumen ihm nicht nur die Priorität der Entzifferung, sondern auch die Größe der Entdeckung an sich ein, wie sie auch die Bedeutung seiner Methode für die weiteren Entzifferungsversuche anerkennen. Schon im Jahre 1802, also 27jährig, legte Grotefend seine ersten Entzifferungsresultate der Göttinger Akademie der Wissenschaften vor. Das erstaunlichste war nun, daß dieser Mann, der die Genialität besaß, die seit Jahrtausenden schweigenden Steine zum Reden zu bringen, +gar nicht Sanskrit konnte+![117]
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Der Ruhm, den rechten Weg zur Entzifferung der +Hieroglyphen+ gefunden und weiter gegangen zu sein, gebührt dem englischen +Arzt+ Thomas +Young+, von dessen Genialität im Reiche der Naturwissenschaften wir schon früher Zeugen waren. Er veröffentlichte 1815 in dem Cambridger »Museum criticum« eine mutmaßliche Übersetzung des ganzen demotischen Teils der Inschrift von Rosette, die Entzifferung sämtlicher darin vorkommender Eigennamen und außerdem die Erklärung von 80 andern Wörtern und ein aus diesen Erklärungen sich ergebendes demotisches Alphabet. Er entdeckte sogar, daß viele Wörter nicht alphabetisch, sondern symbolisch geschrieben seien. Eine außerordentliche Förderung ließ Jean François +Champollion+ le jeune (1790 bis 1832) der Entzifferung der Hieroglyphen angedeihen, ja, er ist der eigentliche Vater der neuen Wissenschaft geworden. Er war seit 1809 Professor der +Geschichte+ in Grenoble. Ihm glückte die Entzifferung 1822, also in seinem 32. Lebensjahre.[118]
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Enden wir hier das Kapitel. Wohl niemand wird mehr bestreiten wollen, daß uns der Beweis gelang. Und doch können wir mit einem Trostwort schließen.
Die Universitäten sind im allgemeinen nicht schlechter geworden. Sie verbannen heute die Genialität nicht weiter von sich als in früheren Jahrhunderten. Sie waren immer eine Organisation der Mittelmäßigkeit.
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Das sei zum Schluß durch Beispiele und Worte eines berufenen Kenners belegt.
+Georg von Peurbach+, dem bereits Padua und Bologna einen Lehrstuhl für Astronomie angeboten hatten, las in Wien als Magister der Artistenfakultät 1434-1460 vorzugsweise über römische +Dichter+. Nur 1458 hielt er eine mathematische Vorlesung. Sein großer Schüler +Regiomontanus+ war an keiner Universität, sondern in Nürnberg tätig, da er an den damaligen Universitäten +wenig Förderung seiner Studien zu finden meinte+. Georg Kaufmann konstatiert, daß »die Wirksamkeit der beiden großen Astronomen und Mathematiker, die den +Ruhm der Wiener Universität zu bilden pflegen+, der Wiener Universität nur lose verwandt waren, daß ihre Studien außerhalb des Rahmens ihrer akademischen Tätigkeit lagen, und daß sie die Ordnung des mathematischen Unterrichts in Wien nicht umgestaltet haben.«[119]
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Es ist immer dieselbe Sache: Von der Universität und der gelehrten Zunft gering geschätzt oder bekämpft, wird der »Dilettant« nach seinem Tode mit Gewalt zum Professor und Kollegen gestempelt. Denn, wollte die gelehrte Zunft auf die Outsider verzichten, dann wäre das gleichbedeutend mit einem Verzicht auf die größten Förderer der Wissenschaft.
+Anm.+ Hierzu ist in meinem Buch: »Dinge, die man nicht sagt«, das Kapitel: »Kunst und Dilettantismus« zu vergleichen, das noch eine Reihe Ergänzungen liefert.
Fünfter Abschnitt
Von Universität und Schule
Die mittelalterlichen Scholaren der Artistenfakultät, also die große Masse, lebte in den Bursen in größtem Zwang. Sie standen den ganzen Tag unter Aufsicht, ihr Aufstehen, Essen und Trinken, Studium, Ausgehen, alles war vorgeschrieben, das Verbot der Wirtshäuser und Tanzräume, des Kartenspiels bestand bei ihnen wie bei unsern Mittelschülern, kurz, sie waren durchaus unfrei im Gegensatz zum modernen Studenten, hinter dem sie an Lebensalter allerdings bedeutend zurückstanden.
Nichts aber wäre falscher, als die Annahme, sie hätten deshalb einen halbwegs anständigen Lebenswandel geführt. So muß ein Heidelberger Statut von 1466 verbieten, daß die Scholaren den Magister +während der Vorlesungen+ durch Geschrei und Schimpfreden +störten+, oder dadurch, daß sie einen Fuchs zwängen, +das Salve anzustimmen+ oder +mit Dreck würfen+. Schon früher mußte in Heidelberg verboten werden, +in den Vorlesungen mit Steinen zu werfen+ oder ähnlichen Unfug zu verüben. Wer während der Vorlesung mit Steinen wirft -- heißt es dort 1444 -- oder andere Unverschämtheiten sich zuschulden kommen läßt, dem soll -- man meint das Sitzorgan gegerbt werden. O nein -- dem soll +eine Vorlesung als versäumt angerechnet werden+!
Die groben Späße der Scholaren arteten bisweilen geradezu in Verbrechen aus. Sie plünderten die Gärten der Bürger, drangen nachts in die Häuser, beleidigten die Braut auf dem Zuge zur Kirche, drängten sich in Hochzeitsgesellschaften und wollten hier die Herren spielen, erregten nachts Waffenlärm, indem sie auf die Steine der Straßen schlugen, und griffen die Wächter an und wer sonst über die Straße kam. An allen Universitäten ereignete sich dergleichen Unfug. In Köln, Heidelberg und anderwärts kam es wiederholt zu förmlichen Tumulten, bei denen +Sturm geläutet+ und das Banner entfaltet wurde.
Nur +einen+ Unfug kannte man damals noch nicht, den der späteren Duelle. Von ihnen findet sich keine Spur. Beleidigungen wurden von Magistern und Scholaren auf dem Rechtswege ausgetragen, ohne Schaden an ihrer Ehre. Sonst setzte es tüchtige Prügel ab, was jedenfalls weit verständiger ist, als die Säbelschlägerei und Pistolenschießerei zwischen den dümmsten Grünlingen, die sich in ihrer funkelnagelneuen Ehre jeden Augenblick beleidigt fühlen. Wer den haarsträubenden Unfug und den frivolen Leichtsinn vieler studentischer »Ehrengerichte« kennt, wird das nur bestätigen können.[120]
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Einst frug der Kurfürst Christian von Sachsen Friedrich Taubmann (1565-1613), »was die Studenten in Wittenberg machten? Taubmann stehet von der Taffel auff, gehet mit dem Degen in den Hoff hinunter, hauet in die Steine, grabet etliche auss und wirfft zu dem Churfürsten in die Fenster und schreyet: ›Herunter, du Penal, du Spulwurm‹ etc. Der Churfürst läßt ihm sagen: Er sol nur auffhören, er hätte Bescheids genug.«[121]
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Prinz Wilhelm von Nassau-Dillenburg erzählt in seiner 1694 abgefaßten Reisebeschreibung über die Studenten in Padua: »Padua ist eine weitläufige, aber menschenleere Stadt, in deren Straßen man auch im größten Regen trocken einhergehen kann, unter den Gängen, die vor den Häusern sind. Es ist aber wunderlich, daß dort +die Studenten Macht haben, Arme und Beine nicht nur sich selbst, sondern auch Fremden zu zerschießen+.
Sobald es Nacht wird, gehen sie gewaffnet in Scharen aus, auf verschiedenen Parteien, und verstecken sich hin und wieder hinter die steinernen Pfeiler. Kömmt einer, so rufen sie ihn an: Qui va li? Da trägt es sich bisweilen zu, daß man zwischen zwei Qui va li? kömmt, und also in der größten Gefahr ist. -- Auch dieses läßt die Republik (Venedig) aus Politik zu.«[122]
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Das wilde Leben der Scholaren wurde durch das ihrer Lehrer höchstens noch übertroffen. Da ist verboten, daß +ein Magister mit einem Stein, einem Becher oder etwas ähnlichem werfe+. Wer nur den Arm zum Werfen erhob, aber nicht warf, hatte zehn neue Groschen Strafe zu zahlen, wer warf, aber nicht traf, hatte acht Gulden zu erlegen, wer aber traf, wurde nach der Größe des Schadens bestraft. Auch +Faustschläge+ und +Reißen an den Haaren+ hatten ihre +Tarife+! Man stelle sich vor: Professoren! Niemand sollte auch durch das Fenster einsteigen. Tief blicken läßt die Bestimmung, daß kein Lehrer ad commodum suum meretricem (zu seinem Nutzen eine Prostituierte) ins Kollegium mitbringen dürfe. Das war sehr teuer und kostete eine ganze Jahresrente als Strafe, ebenso wie das andere Verbot, das man zu erlassen für nötig befunden hatte: vel actum venereum inibi exercere (den Beischlaf dort auszuüben). Bei den Disputationen aber war das Verbot von Schimpfworten wie ketzerisch, der Ketzerei verdächtig, Eselei oder Dummheit verboten.[123] Leider besitzen wir keine Instanz, die aus den Polemiken unserer Gelehrten die Schimpfereien und Lackelhaftigkeiten entfernte, die immer noch an den sozialen Tiefstand früherer Jahrhunderte unliebsam erinnern.
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Von der kläglichen Finanzlage, in der sich in der Regel die mittelalterlichen Universitäten, Fakultäten und Professoren befanden, gibt eine Vorstellung die Motivierung der Wiener Fakultät für das Unterlassen einer Beschickung der Nürnberger Tagung, auf der der Kaiser über die Berufung eines andern Konzils verhandeln wollte. Sie schreibt am 30. Dezember 1442: »weil die Universitätskasse vollkommen leer sei und die Universität selbst in großen Schulden stecke.«
Mag auch der Wunsch, sich überhaupt zu drücken, bei der Schwarzfärbung mitbestimmend gewesen sein, so beweisen doch die Schwierigkeiten, die die gleiche Universität hatte, um ihren Gesandten 1433 in Basel mit Geld auszustatten, daß Schmalhans Küchenmeister war. Jeder Professor hätte im Durchschnitt jährlich drei Gulden beisteuern müssen. Das ist allerdings sehr viel, wenn man bedenkt, daß der Mindestbesoldete nur 30 Gulden im Jahre an Gehalt erhielt und daß nur die Professoren der oberen Fakultäten -- in Wien etwa 30 Gelehrte -- Einnahmen von 80-100 Gulden buchen konnten. Ganz wenige unter ihnen zogen bedeutende Revenuen aus Prüfungen, sowie ihrer Praxis als Anwälte oder Ärzte.[124]
Jede Nebeneinnahme war natürlich hochwillkommen. Am meisten warfen die Promotionen in den oberen Fakultäten ab. Der Doktorand war verpflichtet, an die bei der Promotion anwesenden Magister und Doktoren Geschenke zu verteilen, und zwar zumeist ein Paar Handschuhe, wobei auch wohl unterschieden wurde, wer solche aus Hirschleder bekommen solle oder aus einer geringeren Qualität. Auch ein Barett, ein Geldstück oder einige Ellen Tuch waren übliche Geschenke. In Frankfurt wurden zwischen den Doktoren der oberen Fakultäten förmliche Verträge geschlossen, welche z. B. den Doktoren der Medizin das Recht verbürgten, bei der Promotion von Juristen und Theologen mit solchen Geschenken bedacht zu werden und umgekehrt. Dazu mußte der Doktorand Wein und Konfekt den Examinatoren und dem Kanzler liefern und den Doktorschmaus, dem sich bisweilen auch ein Ball anreihte, bezahlen. Da ist es dann kein Wunder, wenn die Kosten einer Promotion enorm waren. So mußte in Leipzig zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Doktor der Rechte bei seiner Promotion für Gelage, Umzüge, Musik und Geschenke die Summe von 250 Dukaten aufwenden.[125]
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Wie kläglich die finanzielle Lage der Professoren war, geht aus einer Klageschrift der Universität Heidelberg von 1462 an den Papst hervor. Sie seien großenteils alte Männer, die von ihrer akademischen Tätigkeit leben müßten und gezwungen wären, zu +betteln+, wenn der Papst ihnen die mit ihren Professuren verbundenen Pfründen entzöge. Deshalb möchte der Papst ihre unentschiedene Stellung in den wegen der Konzilien entstandenen Parteikämpfen nicht verübeln, da sie auch von ihrem Landesherren abhängig seien. »Wenn wir ihm nur im geringsten entgegentreten, dann verlieren wir unsere Einkünfte.«[126]
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Nach einer Urkunde vom Jahre 1804 erhielt +Immanuel Kant+ folgendes Gehalt: »I. Als Professor der Logik und Metaphysik 1) Salarium 166 Thaler 60 Grsch. 2) Zulage 86 Thlr. 73 Grsch. 16⅕ Pf. 3) Accise 26 Thlr. 50 Grsch. (quartaliter zahlbar). 4) Mühlen-Gefälle (als annuum fällig den 1. April) 4 Thlr. 5) Thalheimsche Gefälle (als annuum fällig den 19. Juni) 17 Thlr. 53 Grsch. 3 Pf. 6) An Getreyde 44 Schffl. Roggen, quartaliter zu berechnen, aber gewöhnlich erst im letzten Quartal zu empfangen. Diese sind im Etat à 40 Grsch. p. Schffl. angeschlagen auf 19 Thlr. 50 Grsch. 7) Aus dem Stipendio Gerhard Janseniano (als annuum fällig den 31. Dezbr.) 75 Grsch. 8) An Zinsen aus der philosophischen Fakultät (halbjährig in Ostern und Michael fällig) 10 Thlr. 88 Grsch. 1⅛ Pf. 9) Ex Signis Initiationis (halbjährlich in Ostern und Michael fällig) nach der Fraktion 27 Thlr. 17 Grsch. 15 Pf. 10) An Censur-Gebühren nach der Fraktion 6 Grsch. 11) An Holz 5 Achtel, welche von der Königl. Holz-Cämmerey im ersten Quartal des Etats-Jahres pränumerando geliefert werden. Diese sind im Etat à 5 Thlr. p. Achtel angeschlagen auf 25 Thlr. Summa als Professor 385 Thlr. 43 Grsch. 17 (17-13/40) Pf.« Dazu kommt sein Gehalt II. als Senator, der sich in ähnlicher Weise zusammensetzt, in Höhe von 43 Thlr. 59 Grsch. 17 Pf., ferner der als Senior der philosophischen Fakultät in der Höhe von 100 Thalern und endlich eine außerordentliche Zulage aus der kgl. Ober-Schul-Kasse im Betrage von 220 Thalern. Mithin stand sich der größte Denker, den Deutschland, vielleicht die Erde am Ende des 18. Jahrhunderts besaß, auf +749 Thaler, 23 Groschen und 10 Pf. im Jahre+![127]
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