Part 3
Hellwald schreibt (mit Kürzungen): »Nach Llorente, Histoire critique de L’Inquisition d’Espagne, 1815-1817, sollen von 1481-1808 in Spanien 31912 Menschen verbrannt worden sein. Nach glaubwürdigen Quellen betrug die Bevölkerung Spaniens um 1500 n. Chr. 9320691, welche Ziffer 2½ Jahrhunderte, bis 1768 (Jahr der ersten verläßlicheren Volkszählung) stationär blieb.
Gesetzt nun, die Ketzerverbrennungen wären über diese Periode gleichmäßig verteilt gewesen, so hätten dieselben alljährlich 97,6 oder rund 100 Menschen, d. h. 1:90000, das Leben gekostet. Nun soll aber Torquemada in den 15 Jahren von 1483-1498 allein 8300, d. h. durchschnittlich 586 Menschen jährlich, nach den glaubwürdigen Angaben Marianas, dem Maurenbrecher folgt, 1481-1498 nur 2000 Opfer zum Scheiterhaufen gesandt haben; diese Ziffern wären also von den obigen abzuziehen, d. h. auf 312 Jahre entfallen 23112 Opfer = 74 im Jahre = 1: 121756. Diese Zahlen sind nicht so furchtbar groß, wie nachstehendes, der Gegenwart entnommenes Beispiel illustriert. Nach dem »American Railroad Journal« fanden im Jahre 1873 im ganzen 576 Menschen den Tod durch Unglücksfälle auf Eisenbahnen im Gebiete der Vereinigten Staaten, 1112 wurden verletzt. Diese Ziffern findet das genannte Blatt ziemlich unbedeutend und in der Tat fällt es niemandem bei, über dieselben ein Klagegeschrei zu erheben. Wenn nun diese Ziffern immer so ›unbedeutend‹ blieben, so würden in dem gleichen Zeitraume von 327 Jahren nicht weniger als 188352 Tote und 363624 Verwundete diesem Fortschritte der Zivilisation zum Opfer fallen.«
Daß der relative Menschenverlust nicht allzu groß war, wenn auch die Opfer der Inquisition bedeutend unterschätzt sind und tatsächlich einzelne Ortschaften und Landstriche entvölkert wurden, sei zugegeben. Aber ist deshalb der Wahn weniger gräßlich?
Köstlich ist auch folgende Meditation: »Endlich, so banal es klingt, so wahr ist doch, daß alle die beklagenswerten Opfer menschlicher Torheit eines anderen Todes einmal hätten sterben müssen. Ihr Leben ist wohl verkürzt worden, doch käme es noch sehr darauf an zu wissen, wie groß der durch diese Verkürzung verursachte Schaden war. Dazu müßte man genau kennen: Lebensalter und Lebensverhältnisse, leibliche Konstitution und geistige Gaben dieser vorzeitig Gestorbenen; wie viele dem Greisenalter gehörten und schon zeugungsunfähig waren, wie vielen eine kränkliche Organisation nur mehr eine kurze Lebensfrist gegönnt hätte; man müßte veranschlagen, wie viele durch anderweitige Zufälle oder in Ausübung ihres Berufes ohnedies ein vorzeitiges Ende gefunden hätten, wie viele von akuten Krankheiten dahingerafft worden wären u. dgl. Erst die Eliminierung aller dieser komplexen Faktoren würden gestatten, den erlittenen Verlust auf ein annähernd richtiges Maß zurückzuführen.«[21]
*
Bekanntlich behaupten die bayerischen Lyzeen, den Universitäten im Range gleichstehende Hochschulen zu sein, und die schwarze Gesellschaft wird zu betonen nicht müde, daß die wissenschaftlichen Leistungen diesem Range auch völlig entsprechen.
Wir können ohne Zaudern weiter gehen: sie übertreffen ihn! Sie lassen alle weltlichen Bildungsstätten weit hinter sich.
Ihr fordert Beweise? Nichts einfacher als das. Wo hätte uns je eine Universität eine +Topographie der Hölle+ geschenkt, wenn nicht Münster, das glorreiche Wirkungsfeld des großen Bautz? (Vgl. 1. Bd. S. 225 ff.)
Wären wir etwa über Satan informiert, wenn nicht +David Leiste+, Professor der Moraltheologie, Patrologie und Pädagogik am k. Lyzeum in Dillingen unter dem Titel »+Die Besessenheit+« ein Programm im Jahre 1886/87 darüber veröffentlicht hätte. Ein grundgelehrtes Werk noch dazu. Wir schlagen auf gut Glück S. 24 ff. auf.
»Die Wirklichkeit dämonischer Erscheinungen in einem objektiv wirklichen, materiellen Körper, nicht etwa in einem bloß eingebildeten imaginären, bezeugt die Heil. Schrift. Nach ihrem Bericht hat Satan die Eva in sichtbarer Schlangengestalt versucht; daß auch die Versuchung Christi eine rein äußerliche war, ist zweifellos; es ist gewöhnliche, wenn auch nicht ausdrücklich durch die Heil. Schrift verbürgte Annahme, daß Satan hiebei sich mit einem materiellen Leibe umkleidet habe, der ihn als Geist der Hölle verbergen solle. Wieder wird Satan in die Erscheinung treten am Ende der Menschengeschichte in den großen Kämpfen des Reiches Gottes mit dem Antichrist.
Es bestätigen uns dann auch die hl. Väter und Theologen die Tatsache, daß Satan zum Zwecke der Menschenverführung und Menschenplage auf Erden sich zeige in der angenommenen Gestalt von Verstorbenen, von wilden Tieren, von Vögeln. Unter den verschiedensten Tiergestalten ist Satan schon erschienen, nur die der Taube und des Lammes, sagt Majolus, glaubt man, sei ihm verboten. Die Form der Ziege und des Bockes kommt gar häufig in den Versuchungen vor. »Weil im großen Drama des Weltgerichts dem Bock als Symbol des Sklaven der Sünde seine Rolle zugewiesen ist, so steht der Annahme, der Dämon habe je bisweilen unter dieser oder einer entsprechenden Gestalt seine Besuche gemacht, nichts im Wege.« (Rütjes, Der Teufel, Essen 1878, S. 60.) Majolus sagt, diese Erscheinungsgestalt komme ihm zu, weil dies geile und hochmütige Tiere seien. Satan ist ferner schon erschienen als Löwe, Wolf, Bär, Stier, Schwein, Fuchs, als schwarzer Kater oder Hund. So z. B. erblickten der hl. Stanislaus und der ehrwürdige Pfarrer von Ars den Teufel in Hundegestalt, mit feurigen Augen, also in der Gestalt eines Tieres, das als Sinnbild der Schamlosigkeit bekannt ist; letzterer sah ihn auch in der Gestalt eines Kopfkissens, oder die bösen Geister belästigten ihn auch in der Gestalt von Fledermäusen. Ferner zeigte sich Satan als Hahn, Eule, Geier, Drache, Schlange, Kröte, Eidechse, Skorpion, Spinne, Fliege, Mücke, Wespe. Auch die Menschengestalt gebraucht er als Hülle und erscheint als Bauer, Schiffer, Geistlicher, als geputztes, verführerisches Weib, als Mädchen. Der ehrwürdigen Maria Crescentia von Kaufbeuren zeigte sich der Teufel in Gestalt einer Nonne, eines Negers, eines Jägers oder auch in verschiedenen Tiergestalten« etc.
Trotzdem brauchen wir keine allzu große Furcht zu haben. Denn -- und daß er das zu unserer Beruhigung sagt, spricht für das gute Herz des Herrn Verfassers -- »Seinem Erscheinungsleibe das Bild eines +vollkommenen+ Leibes aufzudrücken, ist Satan nicht allweg gestattet; er ist genötigt, ihm teilweise eine tierische Bildung oder eine andere verzerrte und fratzenhafte Form zu geben. Und während der gute Engel seinen Leib aus edlen, ätherischen Stoffen bildet, ist der Teufel für diesen Zweck auf unreine, schmutzige Materien angewiesen.« (S. 28.)
Die historische Tatsächlichkeit wenn auch nicht aller, so doch vieler Teufelserscheinungen steht fest. »... sicherlich (ist) ein bedeutender Teil der von der Geschichte aufbewahrten Vorgänge dieser Art als historisch glaubwürdig anzunehmen und haben wir es nicht mit lauter ›Teufeleien der Mönchsphantasie‹ zu tun.« (S. 30.)
Das ist ja entschieden unheimlich. Und doch braucht es uns nicht ins Bockshorn zu jagen. Denn wie der gelehrte Autor auf S. 139 ff. ausführt, hat der Satan gegenwärtig die Taktik geändert und die offenkundige leibliche Besessenheit hat -- hurra! -- +abgenommen+. Und doch ist die Sache nicht ganz geheuer. »Sollte es vielleicht eine furchtbare Strafe der so weit verbreiteten Apostasie sein, daß Gott dem Teufel die Taktik erlaubt hat, +inkognito+ sein Geschäft zu treiben und so die blinden Seelen um so sicherer in den Abgrund zu jagen?« (S. 145 f., zitiert nach dem Kirchenlexikon, 2. Aufl., II, S. 517 ff., Art. Besessene.) Daß die spiritistischen, somnambulistischen und verwandten Phänomene auf den Teufel zurückgehen, steht fest.
Verlassen wir dies unheimliche Thema, um uns heiterern Gesichtern zuzuwenden.
*
Papst Alexander VI. schenkte durch die Bulle Inter cetera vom 4. Mai 1493 den Spaniern alle entdeckten und noch zu entdeckenden Länder nicht nur westlich, sondern auch +südlich+ eines bestimmten Längengrades! Und zwar tat das der damals noch fehlbare Nachfolger Petri »ex certa scientia«. Er wußte es also ganz genau![22]
*
Da lobe ich mir doch die deutsche Gründlichkeit. Bekanntlich entdeckte ein Gelehrter bereits die Wichtigkeit von +Goethes Wäschezettel+ für die deutsche Literatur. Er wird aber noch übertroffen vom »Altmeister der chemischen Geschichtsforschung H. Kopp«, der die Worte Encheiresin naturae aus der Schülerszene des Faust zum Gegenstand +jahrzehntelanger Nachforschungen+ machte.[23]
Zu diesem Kapitel gehört auch folgendes: In der Berliner Wochenschrift »Die Standarte« schreibt ein Germanist, er habe in einem Goetheseminar der Berliner Universität +tagelang+ an der Frage gearbeitet, +ob in einem Heft Goethes die Ausstreichungen mit schwarzer oder roter Tinte oder mit Bleistift gemacht worden sind+. Das tiefe Problem, ob der vorgoethische Faust mit Vornamen Heinrich oder Johann geheißen habe, läßt die Forscher nicht zur Ruhe kommen. Und von höchster Bedeutung ist, ob Goethe +Lieschen+ oder +Liesgen+ geschrieben hat, wie der +Wasserstempel+ im Konzept zu den »Wahlverwandtschaften« aussieht, ob eine Notiz am 21. oder 22. oder gar -- wie Pniower behauptet -- am 24. Oktober eingetragen ist. +Das ist Goetheforschung!+ Wer aber etwa gar denkt, es sei gleichgültig, ob das »Kophtische Lied« 1789 oder 1791 geschrieben sei, wird erbarmungslos aus diesem geweihten Kreise verbannt.[24]
*
Auf diesen Ton ist auch die Gründlichkeit wissenschaftlicher Kritiken und Kontroversen gestimmt. In der Historischen Vierteljahrsschrift, einem angesehenen Fachorgane, finde ich -- um ein Beispiel für unzählige zu nennen -- folgende schöne Stelle: »Eine ›mißverständliche‹ Äußerung ist nach meinem Sprachgebrauch keine solche, die von Mißverständnis zeugt, sondern die Mißverständnis erzeugen könnte. ›Mißverständlich› in diesem Sinne erschienen mir die Worte: ›B. setzt die Urkunde nach 1162‹. Setzen ist ein örtlicher Ausdruck; man kann also richtig sagen: ›B. setzt die Urkunde vor 1162‹, weil wir die Präposition vor ebensowohl örtlich als zeitlich gebrauchen. Der richtige Gegensatz zu dem örtlichen vor ist aber nicht nach, sondern hinter (hinter 1162), während nach in örtlichem Gebrauche uns zunächst die Richtung bedeutet, aber damit zugleich häufig die Vorstellung des ›hinein in‹ verbindet; man vergleiche: ›er ist nach Frankfurt gesetzt‹ und ›das Regiment ist nach Krefeld verlegt‹. Ein Leser von korrektem Sprachgefühl, der B.s eigene Darstellung noch nicht kennt, muß hier also geradezu verstehen: ›B. setzt die Urkunde in das Jahr 1162‹, wiewohl die S.sche Ausdrucksweise häufiger vorkommen mag. Müßig war meine Bemerkung also nicht.«[25]
Im engen Kreis verengert sich der Sinn.
Mir selbst ist eine ähnliche Geschichte, die mich königlich amüsierte, mit einem Geheimrat Harry Breßlau passiert. In meiner »Frühmittelalterlichen Porträtplastik in Deutschland« hatte ich auch die Siegelkunde gestreift und zum Belege dafür, daß mir der Beweis, bereits die frühmittelalterliche Kunst habe eine gewisse Porträtfähigkeit besessen -- was bisher unbekannt war und von einem großen Teil der gelehrten Zunft heute noch bestritten wird -- u. a. auf folgendes hingewiesen: Im Allgemeinen Reichsarchiv in München befindet sich -- auch unter der Abgußsammlung echter Kaisersiegel -- ein Siegel, das bisher den Namen Heinrichs II. trug. Ich sah sofort, daß hier ein Irrtum vorliege und es eine Porträtdarstellung Heinrichs III. sei. Daraufhin wurde dann der Irrtum richtiggestellt.
Das muß nun den Herrn Geheimrat tief empört haben, denn er schreibt im 35. Bde. des Neuen Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde S. 297: »Wenn die Kenntnisse und die Sorgfalt des Herrn ebenso groß wären, wie sein Selbstbewußtsein, würde er vielleicht einen Blick in den dritten Band unserer Diplomata-Ausgabe geworfen und sich überzeugt haben, +daß die Tatsache bereits in der Note p. zu DH. H. 332 b auf S. 421 festgestellt war+.«
Tant de bruit!!!
Dritter Abschnitt
Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt
Schon an anderer Stelle habe ich meine Ansichten über das Versagen der sogenannten Autoritäten nicht minder als der ganzen gelehrten Zunft dem Genialen und Neuen gegenüber ausgesprochen. Der letzte Abschnitt des ersten Bandes dieses Buches enthält genügend Material zum Beweise dafür, daß der Fortschritt sich nicht durch, sondern trotz Autoritäten vollzieht und daß keineswegs nur im Mittelalter, sondern auch heute noch vorgefaßte Meinungen, Theorien und Hypothesen höher bewertet werden, als gut beglaubigte Beobachtungen, falls sie ihnen widersprechen. Dazu kommt das Gesetz der Trägheit, das gerade in Gelehrtenkreisen unverbrüchlich befolgt wird. Weiteres Material in dieser Richtung zu sammeln, war mir eine besondere Freude.
Beginnen wir mit den Naturwissenschaften.
Bekanntlich war Aristoteles das ganze Mittelalter hindurch eine unbestrittene Autorität in allen weltlichen Fragen. Wie wir noch später bei Betrachtung der Universitäten sehen werden, durfte niemand von seiner Lehre abweichen, es sei denn, sie widersprach einem Dogma. Galens Autorität als Arzt war nicht geringer, die der Bibel in allen Fragen ist hinlänglich bekannt. So werden wir denn sehen, daß es vor allem die genannten Autoritäten sind, denen der Fortschritt im harten Kampfe fußweise den Boden abgewinnen muß, um -- andere Autoritäten dafür einzutauschen.
+Galilei+, 25jährig im Jahre 1589 zum Professor an der Universität Pisa ernannt, trat öffentlich gegen Aristoteles auf, indem er durch Vernunftschlüsse bewies, daß alle Körper gleich schnell fallen. Gleichzeitig trat er den experimentellen Beweis an, indem er vom schiefen Turm der Stadt unter anderem eine 100pfündige Bombe und eine halbpfündige Kanonenkugel fallen ließ, die bei der ungefähren Fallhöhe von 70 m kaum eine Handbreit abwichen. Trotzdem vertrauten die peripatetischen Kollegen ihrem Aristoteles mehr, als der direkten Naturbeobachtung, ja, sie empfingen den unbequemen Gegner mit Pfeifen. Dadurch wurde der große Forscher +gezwungen, die Universität zu verlassen+, um einer Kündigung seines Kontraktes zuvorzukommen. Als er die Jupitermonde entdeckt hatte, +scheuten sich die peripatetischen Professoren, in ein Fernrohr zu sehen, aus Furcht, sie könnten diese Beobachtung bestätigt finden+! Daß sie später die kirchliche Hilfe in Anspruch nahmen, um den Mann zu vernichten, der es gewagt hatte, das Aristotelische Himmelsgebäude zu stürzen, ist hinlänglich bekannt. Aber auch die wissenschaftlichen »Autoritäten« traten gegen seine Verteidigung des Kopernikus und der Drehung der Erde auf. Der Professor der Philosophie in Pisa, +Scipione Chiaramonti+ (1565-1652), schrieb heftig gegen seine epochemachende Vergleichung des Ptolemäischen und Kopernikanischen Weltsystems und der Peripatetiker +Claude Berigard+ (1578-1663) behauptete, Galilei habe dem Simplicius nicht die stärksten Gründe gegen die Bewegung der Erde in den Mund gelegt.[26]
*
Da J. Baptista +Benedettis+ mechanische Entdeckungen wiederholt Aristoteles widersprachen, fanden sie nicht die verdiente Beachtung. Im 16. Jahrhundert mußte die Physik nach Aristoteles oder zur Not, wenn es sich um statische Verhältnisse handelte, nach Archimedes gelehrt werden. Sonst konnte das Werk nicht den Beifall der zünftigen Gelehrten finden und wurde, soweit irgend möglich, +totgeschwiegen+.[27]
*
+Tycho de Brahe+ lehnte das Kopernikanische System ab, unter anderem, weil die +Bibel+ (Josua 10, 12) +direkt der Bewegung der Erde widerspräche+. Allerdings stürzte er das bisher herrschende Ptolemäische System.[28]
*
+Peter Ramus+ (Ramée geb. 1515), ein verdienstvoller französischer Mathematiker, der auch als Lehrer der Beredsamkeit und Philosophie tätig war, griff Aristoteles, dessen Logik er noch nicht einmal gelten lassen wollte, kühn an. Dadurch entfesselte er einen förmlichen Sturm der Entrüstung an allen Universitäten, der für ihn die schlimme Folge hatte, daß er seiner +Lehrerstelle in Paris entsetzt wurde+ und aus der Stadt fliehen mußte. Als er später zurückzukehren wagte und seine Lehrtätigkeit wieder aufnahm, wurde er in der Bartholomäusnacht 1572 +ermordet+, wie man sagt auf Anstiften des Carpentarius, seines scholastischen Gegners.[29]
*
+Newton+, der erst im 12. Lebensjahre auf die Schule kam und dort anfänglich als schlechter Schüler galt, veröffentlichte 1687 in seinem berühmten Werke Philosophia naturalis principia mathematica das bereits früher von ihm entdeckte Gravitationsgesetz. Statt nun anzuerkennen, was Newton unwiderleglich bewiesen hatte, daß alle Himmelserscheinungen wenigstens so vor sich gehen, als strebten alle Körper nach dem direkten Verhältnis ihrer Massen und dem indirekt quadratischen Verhältnis ihrer Entfernungen zueinander, +negierten seine Cartesianischen Gegner einfach Newtons große Entdeckung+.[30]
Später erklärte er kategorisch, »Hypothesen bilde ich nicht«. Durch die Autorität, die dieser Mann, dessen Schüler nach und nach mehr oder weniger alle Physiker wurden, im Laufe der Zeit erlangt hatte, bekamen die +Hypothesen+ lange Zeit einen verächtlichen Beigeschmack und +verschwanden mehr als nötig und dienlich aus der Physik+.
+Cotes+, der Schüler Newtons, erklärte, allerdings nicht ohne seines Meisters Verschulden, die Schwere für eine einfachste, vom Schöpfer der Materie direkt eingepflanzte Ursache. Er hält es für +irreligiös+, nach weiteren Erklärungen derselben zu suchen und so den Schöpfer ganz eliminieren, oder doch ganz begreifen zu wollen. In der von ihm zu Newtons Lebzeiten veranstalteten 2. Auflage der »Principien« erklärte er schon +das Suchen nach der Ursache der Schwere oder Vermittlung der Fernwirkung als ein Zeichen des Atheismus+![31]
*
+Huygens+ veröffentlichte 1690 seine bereits 1678 vor der Pariser Akademie verlesene Abhandlung über das Licht, in der er eine vollständige Undulationstheorie des Lichtes entwickelte, die bis auf einen Hauptpunkt ganz mit unserer jetzigen Lichttheorie übereinstimmt. Huygens setzt nämlich einen höchst feinen und beweglichen, durch das ganze Weltall verbreiteten Stoff, den Äther, voraus. Wird an einer Stelle ein Ätherteilchen in Schwingung versetzt, so teilen sich die Schwingungen allen benachbarten Teilchen mit und durch den Raum pflanzt sich eine Ätherwelle fort, die jenes Teilchen zum Mittelpunkt hat. Trifft eine solche Welle unser Auge, so haben wir die Empfindung von Licht. Dank dieser Theorie gelang es für jede Richtung des in einen Doppelspat einfallenden Lichtstrahles die Richtung auch des außerordentlich gebrochenen Strahles durch Rechnung oder Konstruktion ohne jede weitere Beobachtung zu finden. Dieser Traité de la lumière, bzw. diese Undulationstheorie fand nicht die Anerkennung Newtons. Die Abhandlung wurde von den Physikern einfach +totgeschwiegen+ und +blieb in der Folgezeit ohne jede Wirkung+. Sie war für ein ganzes folgendes Jahrhundert so gut wie nicht geschrieben. Noch die bedeutenden Geschichtschreiber zu Ende des 18. Jahrhunderts erwähnen das Werk fast nur als +Kuriosität+![32]
*
+Jean Richer+ († 1696) wurde von der Pariser Akademie im Jahre 1671 nach Cayenne geschickt, und kehrte zwei Jahre später von dieser Reise heim. Anfänglich wurde er wegen der Genauigkeit seiner Arbeiten sehr belobt, doch brachte er auch eine Entdeckung mit, die den Akademikern bald sehr unangenehm wurde. Er hatte von Paris nach Cayenne eine gute Pendeluhr mitgenommen, fand aber, daß sie in Cayenne täglich um zwei Minuten zu langsam ging und daß er das Pendel um 1,25 Linien verkürzen mußte. Er glaubte zuerst an einen Irrtum seinerseits, als er aber bei seiner Rückkehr nach Paris das Pendel wieder auf die frühere Länge stellen mußte, behauptete er mit Sicherheit die +Veränderlichkeit der Länge des Sekundenpendels mit der geographischen Breite+. Richer erklärte diese daraus, daß durch die Umdrehung der Erde die Schwere am Äquator verringert werde und daß auch vielleicht die Erde an den Polen abgeplattet sei und darum die Schwere nach den Polen hin zunehme. Die +Akademie aber wollte durchaus nicht an eine Abplattung der Erde glauben+. Übrigens widersetzte sich die Pariser Akademie auch dieser Tatsache, als Newton sie 1687 bewies. Man führte die Verlängerung des Pendels auf das heiße Klima zurück, wiewohl Newton nachwies, daß die Ausdehnung durch die Wärme viel zu gering sei.
Für Richer war seine Entdeckung sehr verhängnisvoll. Die eine unbequeme, weil in den Augen der Akademiker der geltenden Theorie widersprechende Beobachtung verringerte den Wert aller übrigen, so daß er schwer darunter leiden mußte und kränkelnd von der Reise zurückgekehrt, hinfort nur mehr geringen Anteil an den Arbeiten der Akademie nahm.[33]
*
+Thomas Youngs+ Arbeiten, durch die er zu einem Reformator der Theorie der Optik wurde, hatten zu seinen Lebzeiten gar keinen Erfolg. +Henry Brougham+ (1778-1868) schrieb in der angesehenen Edinburgh Review vom Jahre 1803 sehr ungünstig über seine Arbeiten. Er vermochte in denselben absolut nichts, was den Namen einer Entdeckung, ja nur eines wissenschaftlichen Experiments verdiente, zu finden und konnte seinen Bericht überhaupt nicht schließen, »ohne die Aufmerksamkeit der Royal Society darauf zu lenken, daß sie in den letzten Zeiten so +viele flüchtige und inhaltsleere Aufsätze in ihre Schriften aufgenommen habe+«. Als +William Hyde Wollaston+ sich für Youngs Interferenztheorie günstig ausgesprochen hatte, äußerte Brougham auch darüber seine Unzufriedenheit, »daß ein so genauer und scharfsinniger Experimentator die seltsame Undulationstheorie angenommen hat«. Die englischen Gelehrten gingen über Youngs Arbeiten ohne weitere Diskussion zur Tagesordnung über, die Deutschen übersetzen sie, ohne Gebrauch davon zu machen und die Franzosen lernten sie gar nicht oder doch nur ganz unvollkommen kennen. Schließlich wurde Young selbst wankend und bereit sein System aufzugeben![34]
*
Als +Fresnel+ durch seine Arbeiten die feste Begründung der Undulationstheorie des Lichtes gab, die Theorie der Interferenz und Beugung des Lichtes durch seine meisterhaften Messungen bestätigte, die Gesetze der Reflexion und Brechung des polarisierten Lichtes entwickelte, desgleichen die der Doppelbrechung des Lichtes in Kristallen u. a. m. konnte er doch den vollen Sieg seiner Ansichten nicht mehr erleben. Der gefeierte Physiker +Biot+ vertrat nach wie vor die Emanationstheorie. Ganz ungeheuerlich aber erschien den Physikern die Annahme der Transversalschwingungen des Äthers. Weder +Arago+ noch +Laplace+ noch +Poisson+ konnten sich zu ihr bekehren. Noch bis 1830 blieb die Allgemeinheit der Physiker dabei, daß Emissionstheorie und Undulationstheorie die optischen Erscheinungen ungefähr gleich gut erklären. +Brewster+ lehnte die letztere sogar noch 1833 erbittert ab.[35]
*
Als +Fraunhofer+ im Sonnenspektrum die bekannten Linien fand und feststellte, daß sie immer unter denselben Umständen vorhanden waren und unter allen Umständen in denselben Farbentönen liegen blieben, was er im I. Band der Denkschriften für die Münchener Akademie der Wissenschaften 1814/15 veröffentlichte, legten die Physiker den Linien wenig theoretische Wichtigkeit bei. +Biot erwähnte sie+ selbst in der 3. Auflage seines Lehrbuches +noch nicht+ und die ersten Bände von Gehlers physikalischem Lexikon machten auch nur wenig Aufhebens von ihnen.[36]
*
Die Theorien der Elektrodynamik und des Elektromagnetismus, die +Ampère+ aufstellte, wurden anfänglich von den Physikern +abgelehnt+. +Biot+ war des Unterganges dieser Lehren ganz sicher und +erhoffte von den Physikern, daß sie ihm seinerzeit die Ehre zollen würden, daß er von Anfang an diese Hypothesen abgelehnt habe+.[37]
*