Part 16
Heute ist die Aufklärung so unheimlich groß, daß die offizielle Wissenschaft die sogenannten okkulten Phänomene nicht nur ablehnt, sondern +noch nicht einmal prüft+! Geister wie Schiaparelli, Forel, Flammarion, Lombroso, Crookes, Wallace, Richet u. a. m. werden zwar nicht verbrannt, im übrigen sogar als Ehrenmänner behandelt, aber +man hält ihre Beobachtungen keiner Widerlegung für wert+. Dogma und ungeprüfte offizielle Weisheit haben eben immer geherrscht und herrschen heute noch. Freie Geister, die nicht Tatsachen an Theorien, sondern Theorien an Tatsachen prüfen, waren immer Outsider. Die ungeheure Masse der Nachbeter kann wirklich nichts dafür, ob das Dogma, das sie verficht, klug oder dumm, richtig oder falsch ist. Immer sind es einige Leithämmel, denen alle anderen nachlaufen. Wie dankenswert wäre eine Kulturgeschichte, die einmal nicht das herausstreicht, was die Menschheit den „Autoritäten“ verdankt, sondern nachweist, wie sie -- nach kurzer Förderung -- auf lange hinaus +den Fortschritt hemmten+!
Vierzehnter Abschnitt
Reliquien
Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums erfreuten sich die Reliquien der Heiligen überall der größten Beliebtheit. Das ging so weit, daß Leute auf eigene Faust oder im Auftrage eines fremden Bischofs die Kirchhöfe durchwühlten, um sich dann mit den Gebeinen der Märtyrer davon zu machen. Eines Tages entdeckten die bestürzten Römer griechische Männer, die neben der Basilika St. Pauls Knochen gruben. Da diese Reliquien neben der ihnen beigelegten schützenden Wirkung auch das Gute hatten, Pilger aus allen Teilen der Erde anzuziehen, so wurden sie von den Römern wie ihre Augäpfel gehütet. Gregor der Große (590-604) schrieb der Kaiserin Constantia auf ihre Bitte um ein Stück vom Leibe des hl. Paulus einen Brief voll verhaltener Entrüstung. Die heiligen Leiber zu berühren sei ein todeswürdiges Verbrechen, aber es genüge bereits ein Stück Tuch, das das Apostelgrab bedeckt hatte, in eine Büchse gelegt, um Wunderwirkung zu erzielen, ebenso Feilspäne von den Ketten Petri, die bereits im 6. Jahrhundert vom Papste als höchstes, der späteren goldenen Rose gleich geachtetes Geschenk verliehen wurden[279].
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Astolf, König der Langobarden, belagerte 755 Rom. Zwar plünderten seine Truppen alle Kirchen und Klöster außerhalb der Stadt, die in ihrem Machtbereich lagen, mißhandelten auch die Mönche und Nonnen, verspotteten Heiliges und verbrannten Heiligenbilder, das hinderte sie aber nicht, zu gleicher Zeit +die Kirchhöfe der Märtyrer zu durchwühlen+, um sich mit ihren Gebeinen zu beladen. Damals wurden die bisher unversehrten +Katakomben zerstört+ und die Knochen der Blutzeugen in +Wagenladungen+ nach der Lombardei geschafft[280].
Im Jahre 1672 wurden aus 3 Katakomben nicht weniger als 428 Leiber entfernt, um als Geschenk oder um Geld in die katholische Welt zu gehen.
Ein Jahrhundert später blühte der Reliquienhandel Roms üppig. Der Pilger kaufte dort Reliquien, Knochen aus den Katakomben, wie der moderne Reisende Kunstgegenstände und Photographien erwirbt. Infolgedessen +überstieg+ die Nachfrage das Angebot und +Tote wurden gefälscht+[281].
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Im Jahre 1635 edierte Bonfante seinen Triumpho de los Sanctos des Reyno de Cerdeña, eine Sammlung der ältesten Inschriften Sardiniens. Da er aus Irrtum die Siglen B. M., Bene Merens, für Beatus Martyr erklärte, +schuf er mit einem Schlage mehr als 300 Heilige+. Der Ruf dieses Schatzes wurde laut, die Stadt Piacenza bewarb sich um einen Teil davon und die großmütigen Sarden schenkten ihr 20 „Märtyrer“, die jubelnd entgegen genommen wurden.
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Als der hl. Romwald einst Italien zu verlassen drohte, beabsichtigte man, ihm Mörder nachzuschicken, +um ihn wenigstens als kostbare Reliquie im Lande zu behalten+[282]!
Der hl. Dionysius existiert in zwei vollständigen Exemplaren zu St. Denis und in St. Emmeran in Regensburg, ferner rühmen sich Prag und Bamberg des Besitzes seines Kopfes. Er besaß also zwei vollständige Körper und vier Köpfe[283].
Im Reliquienschatz der gesamten katholischen Welt befinden sich:
1. Vom hl. Andreas: 5 Körper, 6 Köpfe, 17 Arme, Beine und Hände.
2. Von der hl. Anna: 2 Körper, 8 Köpfe, 6 Arme.
3. Vom hl. Antonius: 4 Körper und 1 Kopf.
4. Vom hl. Blasius: 1 Körper und 5 Köpfe.
5. Vom hl. Lukas: 8 Körper und 9 Köpfe.
6. Vom hl. Sebastian: 4 Körper, 5 Köpfe und 13 Arme. Diesen allen weit über sind die hl. Georg und Pankraz mit je 30 +Körpern+. +Nach so langer Zeit!+ Wie viele müssen sie erst bei Lebzeiten gehabt haben[284]!
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In Aachen wird heute noch alle sieben Jahre das +Hemd+ der allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria ausgestellt, desgleichen die +Windeln+ Christi!
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Das Kloster Macon rühmte sich des Besitzes der Haut des hl. Dorotheus. Die frommen Nonnen stopften die Haut mit Baumwolle aus und stellten den Heiligen her, als ob er lebte. Da sie aber damit Unfug trieben, schenkte die Äbtissin die Reliquie, in Unkenntnis ihres Wertes, den Jesuiten. Diese stifteten ihr zu Ehren die +Brüderschaft vom hl. Leder+: wodurch sie +viel Geld verdienten+. Die Nonnen erfuhren das und klagten beim Papst auf Rückgabe des Heiligtums, das ihnen auch zugesprochen wurde. Aber die Jesuiten hatten die Reliquie in unverantwortlicher Weise +verstümmelt+. Darob große Entrüstung und abermalige Reklamation beim Papst auf +Rückgabe des fehlenden Teiles+. Da dieser aber den Mangel, wenigstens für ein Nonnenkloster, nicht für erheblich hielt, mußten sich die Nonnen als Ersatz mit +zwei geweihten Muskatnüssen+ begnügen[285].
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Der umbilicus (die Nabelschnur) und 13 praeputia Christi gehörten und gehören zum Teil noch zum Reliquienschatz der Kirche. Eine dieser hochheiligen Vorhäute wird noch heute in Charroux verehrt und gilt dem Landvolk als „der heilige Präziputius“. Im 17. und 18. Jahrhundert pilgerten besonders schwangere Frauen dorthin, um sich mit ihr segnen zu lassen[286]. Eine andere erquickt noch heute die frommen Pilger in Calcata, unfern Rom[287].
Dieses hochheilige Präputium hat eine große und glorreiche Geschichte. Zunächst galt es, das der Verehrung entgegenstehende Dogma von der unversehrten Auferstehung zu beseitigen. Das war aber gar nicht so einfach.[288]
Da Christus „in voller Integrität“ auferstanden war, wurde von einigen Theologen konstatiert, daß das Präputium zur Integrität des Juden nicht erforderlich sei. Ferner ist Christus nur insofern „ganz“ auferstanden, als dieses „ganz“ zum „Sein“ und „Schönsein“ gehört, aber „ohne“ findet es der Jude entschieden schöner. Eine andere Schule -- diese für das Seelenheil so hochwichtige Frage hat natürlich eine Menge von Schulmeinungen hervorgerufen -- unter Führung des Jesuiten Raynaldus lehrt, daß Christus doch „mit“ auferstanden sei, trotzdem sei aber die Reliquie echt, denn er schuf sie aus einer beliebigen Materie. Mit kaum zu überbietender Poesie spricht der Jesuit Salmeron in seinem Evangelienkommentar (Köln 1602) von diesem Körperteil als dem „fleischenen +Verlobungsring+“ für seine Braut, die Kirche. Und der Bischof Rocca hat für die Vielheit dieser hochheiligen Reliquie die höchst plausible Erklärung, daß Gott in seiner Allmacht bewirkt habe, daß +dasselbe+ Präputium +zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten gezeigt werden könne+!!
Diese Schwierigkeit war also zu aller Zufriedenheit aus der Welt geschafft. Aber nur ein seichter Fant wäre über die andere, weit wichtigere Frage, die gebieterisch Beantwortung heischt, hinweggeglitten: +Hat Christus in der Eucharistie ein Präputium oder nicht+[289]? Da Christus zu Lebzeiten das hl. Abendmahl einsetzte, damals aber als Jude „ohne“ war, so muß logischerweise auch in der Hostie dieser zwar nicht umfangreiche, aber desto wichtigere Körperteil fehlen. Da aber nach der Auferstehung der verklärte Leib wieder komplett war, hätte er auch in der Hostie es sein können. Eine unendlich verwickelte Frage, über deren Beantwortung sich die verschiedenen Schulen nicht einigen konnten.
Noch ein Gewissenszweifel ist zu beseitigen: Ist die Gottheit mit dem hier auf Erden zurückgebliebenen Präputium noch vereinigt? Muß es infolgedessen „+angebetet+“ oder braucht es nur „+verehrt+“ zu werden? Auch hierüber konnte man keine rechte Harmonie erzielen, doch Bischof Rocca, Sakristan Sr. Heiligkeit, entschied sich dahin, daß das Präputium nach der vierten Modus der Latreia +angebetet würde+, der es den Haaren und Kleidern Christi gleich setzt, insofern es ein Körperteil ist, der ihm einst angehörte.
Endlich war noch das Problem zu lösen, was +nach dem Weltuntergang aus der kostbaren Reliquie würde+. Die verbreitetste Lehrmeinung entschied dahin, daß es den +Weltuntergang überdauern+ und an irgend einem Ort des Himmels in saecula saeculorum aufbewahrt würde.
Das in der Sancta Sanctorum Kapelle aufbewahrte Präputium verschwand zwischen April 1903 und Sommer 1905.
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Der hl. Camillus de Lellis wurde am 25. Mai 1550 in den Abruzzen geboren. Seine Mutter war damals bereits 59 Jahre alt. Mit 19 Jahren wurde Camillus Soldat in venezianischen Diensten, war aber dank seiner Streit- und Spielsucht und seines Ungehorsams kein Muster eines solchen. Mit 25 Jahren trat er in den Kapuzinerorden ein und erwarb sich durch charitative Werke große Verdienste.
Das ist alles in der Ordnung, und wir hätten keinen Grund, vom Heiligen Notiz zu nehmen, hätte er nicht auch +Wunder gewirkt+, „die hinreichend verbürgt scheinen.“ So bewirkte er, daß das Weinfäßchen einer Frau, die täglich eine Flasche Wein in das Kloster des Camillus sandte, nie leer wurde. Sein Leichnam blieb auch nach seinem Tode „frisch und biegsam“ und zwar 10 Jahre lang, denn als „der Arzt bei Erhebung des Leibes einen Schnitt in die Brust machte, floß aus der Wunde eine Flüssigkeit von außerordentlichem +Wohlgeruch+. Während der 6 Tage, an denen der Leib des Heiligen ausgesetzt war, ergoß sich eine Art Öl.“ Auch jetzt wirkte er noch Wunder, ja, jetzt hatte er damit besonders schöne Erfolge.
Als eine Römerin, die an einem besonders großem, eiterigen Kropf litt, sich Mörtel aus des Heiligen Zimmer zugleich mit einem Bilde des Camillus auf den Kropf legte und darüber das Zeichen des Kreuzes machte, trat die Wirkung gleich ein. „Kaum war dies geschehen, so verschwand der Schmerz. Die Frau war vollkommen geheilt.“ Dieser Mörtel hat überhaupt eine erstaunliche Kraft. Er heilte auch eine Frau, die dem Tode nahe war, als ihr ein Priester etwas davon in einem Löffel Suppe einflößte. Ein Mädchen, das an einem Nasenpolypen nebst Fieber, Krämpfen und kaltem Brand litt, wurde durch zwei Fäden aus dem Hemd des Heiligen kuriert.
An der Authentizität dieser Angaben ist jeder Zweifel unmöglich, da Athanasius Zimmermann S. J. in einer 1897 bei Herder in Freiburg erschienenen Schrift über Camillus de Lellis gehandelt hat. Und was gedruckt ist, ist doch bekanntlich wahr!
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Das „+Agnus Dei+“ ist ein kleines Medaillon aus weißem Wachs, +noch heute+ von den Zisterziensermönchen des hl. Kreuzes zu Jerusalem aus dem Wachs der Osterkerzen der Sixtinischen Kapelle und der anderen römischen Kirchen angefertigt. Dieses ovale Gebilde trägt auf einer Seite das Sinnbild des Osterlammes mit der Aufschrift: „Ecce Agnus Dei qui tollit peccata mundi“, das Wappen und den Namen des Papstes, der sie mit dem hl. Chrisam geweiht und gesegnet hat, auf der andern Seite das Bildnis der hl. Jungfrau oder eines Heiligen. Die Weihe der Agnus, die die Kirche zu den +Sakramentalien+ zählt, findet im ersten Jahre jedes Pontifikats statt, ferner regelmäßig alle sieben Jahre, außerdem wenn der Papst es mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gläubigen für angebracht hält. Die Päpste Urban V., Paul II., Julius III., Sixtus V. und Benedikt XIV. erkennen den Agnus für alle jene, welche sie mit Andacht und Vertrauen gebrauchen, folgende Eigenschaften zu: „Sie löschen die läßlichen Sünden aus und tilgen den Fleck, den die im Bußsakrament bereits vergebene Sünde zurückläßt. Sie schlagen die bösen Geister in die Flucht, befreien von ihren Versuchungen und bewahren vor der ewigen Verdammnis. Sie behüten vor plötzlichem und unvorhergesehenem Tod. Sie verhindern die schreckhaften Einflüsse der Phantome und beschwichtigen das von bösen Geistern hervorgerufene Entsetzen. Sie verleihen göttlichen Schutz gegen Feindschaft, sichern vor Unglück und Verderben, verleihen Wohlstand. Sie beschützen im Kampf und verhelfen zum Sieg. Sie machen Gifte unschädlich und bewahren vor den Schlingen des Feindes. Sie sind ausgezeichnete Schutzmittel gegen Krankheiten und auch ein wirksames Heilmittel. Sie bekämpfen die Epilepsie. Sie verhindern die Verheerungen der Pest, der Epidemien und der verseuchten Luft. Sie +beruhigen die Winde+, brechen die +Wucht der Orkane+ und der +Wirbelwinde+ und +verjagen die Ungewitter+. Sie retten vor Schiffbruch. Sie +vertreiben die Gewitter+ und bewahren vor Blitzgefahr. Sie verjagen die Hagelwolken. Sie löschen die Feuersbrünste und halten deren Verheerung auf. Sie sind wirksam gegen die Wolkenbrüche, das Übertreten der Flüsse und die +Überschwemmungen+. Die Agnus behüten endlich Mutter und Kind während der ganzen Zeit der Schwangerschaft und beseitigen die Gefahren bei der Niederkunft, deren Schmerzen sie mildern und abkürzen. H. Barbier de Montaut, Kämmerer Seiner Heiligkeit“[290].
Welcher Segen, daß es im 20. Jahrhundert noch so etwas gibt! Welche Torheit, daß nicht jedermann ein Agnus, von dem bereits das geringste Teilchen die gleiche Kraft besitzt wie das Ganze, ständig bei sich trägt, oder doch in seinem Hause hat! Die Leute wollen eben immer noch nicht einsehen, wie nahe das Gute liegt!
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Wie Herr Ingenieur Feldhaus mir mitteilt, sah er noch im +Frühjahr+ 1909 in der Kirche zu Doberan in Mecklenburg eine +Flasche mit ägyptischer Finsternis+!!!
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Die Inquisitions-Kongregation in Rom stellte am 29. Juni 1903 fest, daß es +kein Aberglaube+ sei, wenn Papierbilder, die die Madonna darstellen, in Wasser aufgelöst, getrunken oder zu Pillen gedreht verschluckt werden, um Genesung von Krankheiten zu erlangen[291].
Fünfzehnter Abschnitt
Mission und Kolonien
Der Ausbruch der Chinawirren 1900 war teilweise verursacht durch die Erbitterung gegen die Missionen. Den frommen Christen daheim schaudert es beim Gedanken, daß es, wenn auch im fernen China, überhaupt Menschen von solcher Verworfenheit geben könne, daß sie dem Missionswesen, dem hingebenden, aufopfernden Liebeswerk abhold sind. Es ist nicht ohne Interesse zu sehen, in welcher Gestalt die Religion der Liebe dem hochstehenden uralten Kulturvolke entgegentritt. Daß auch im fernsten Osten die konfessionelle Zersplitterung und Konkurrenz fortbesteht, daß jede Sekte behauptet, allein das wahre Christentum zu verkörpern, und die andere verwirft, ist selbstverständlich.
Es existiert eine Anstalt „Oeuvre de la Sainte-Enfance“, die jährlich Millionen zur Taufe und Rettung kleiner Chinesenkinder aufwendet. Im Juniheft ihrer Annalen vom Jahre 1897 heißt es: „Seit 1884 hatten wir das Glück, 20552 kleine sterbende Kinder zu taufen, davon 3558 in diesem Jahre. Alle diese kleinen Engel, +werden sie oben nicht wirken, für die Bekehrung des ungläubigen China+?“
Im selben Hefte wird von der Hungersnot erzählt, die 1893 Yünnan heimsuchte. Die frommen Mönche des „Oeuvre“ berichten: „Die +Vorsehung+ hat, es ist wahr, unsere +Arbeit sehr vereinfacht+, indem sie eine große Anzahl unserer kleinen Kinder in den Himmel rief. Diese vorzeitigen Todesfälle, so betrübend in einem christlichen Lande, sind ein +Gegenstand der Freude und des Trostes+ in diesen heidnischen Gegenden.“
Im 21. Heft p. 258 heißt es: „Machen Sie doch einen kleinen Besuch im Hause der unbefleckten Empfängnis in Peking. Sehen sie diese bescheidene Eingangstür? Sie ist dieses Jahr für eine große Anzahl kleiner Brüder und Schwestern die Pforte des Himmels geworden. 873 kleine Kinder wurden uns jedes für 45 Cts. an dieser Pforte gegeben, und davon sind 843 +gestorben+, nachdem sie +durch das heilige Wasser der Taufe wiedergeboren waren+.“
Ein anderer Mönch meldet: „Ein Säugling kostet etwa 5 Frs. im Monat. Gewiß, +ich flehe zu Gott, daß diese lieben kleinen Seelen uns sobald wie möglich verlassen+ und zum Himmel fliegen mögen. Aber schließlich, wenn sie schon nicht sterben wollen, muß man sie doch ernähren und aufziehen.“ Ja, die Engelmacherei ist also gar nicht so leicht, wie der Laie in seinem Unverstand glauben mag! Immerhin kann eine dieser Anstalten mit berechtigtem Stolz konstatieren, daß von +12000 ihr anvertrauten Täuflingen nur 124 oder 125 das erste Lebensjahr erreicht hätten+!
Der Bischof Quierry beglückwünschte die Missionare dieses „Oeuvre“, wie die gleichen Annalen erzählen, daß sie jedes Jahr mehr als 40000 Kinder in den Himmel schicken!! Und trotzdem konnten sie die Chinesen von der Unübertrefflichkeit des Christentums und seiner Liebeswerke nicht überzeugen. An einem solchen Volke ist allerdings Hopfen und Malz verloren[292].
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Ein alter Farmer „Gottlieb Bleibtreu“ schreibt in den Windhuker Nachrichten einen Aufsatz, in dem er sich über Stolz, Überhebung und Anmaßung der Herero beklagt: „Gibt es nicht soviel zu essen, daß es für Mann und Weib ausreicht, dann ist das erste, worüber +geklagt+ wird, die Kost, und da dies ein Grund der Beschwerde ist, kann sich der Arbeitgeber beim Bezirksamtmann noch einen Nasenstüber holen, falls er Veranlassung nimmt, Gegenbeschwerde zu führen. -- Wenn sich nun +jetzt schon+, wo die Hereros noch Kriegsgefangene sind, diese in alten Sitten und Gebräuchen wurzelnden +Anmaßungen in solch brutaler Weise fühlbar+ machen, wie soll das werden, wenn sie wieder frei und ihr eigener Herr sind? Hier gibt es nur ein Mittel zur Abhilfe, und das heißt in bestimmten Grenzen gehaltener +Arbeitszwang+.“
Wenn Herr Bleibtreu Gefühlsmensch ist, der die Herero dafür, daß sie für Ausbeutung, die soweit geht, daß sogar die notwendige Nahrung ihnen nicht verabfolgt wird, kein Verständnis haben, auch noch strafen will, so ist das seine Privatsache. Wenn aber die Hamburger Nachrichten am 23. September 1906 ihm völlig beipflichten, so stimmt das doch etwas nachdenklich.
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Im Jahre 1904 erschien eine von einem Herrn Schlettwein verfaßte Broschüre mit folgendem Passus: „Wir stehen mit der Kolonialpolitik am Scheidewege. Nach der einen Seite das Ziel: gesunder Egoismus und praktisches Kolonisieren, nach der andern Seite übertriebene Menschlichkeit, vager Idealismus, unvernünftige Gefühlsduselei. +Die Hereros müssen besitzlos gemacht werden. Das Volk muß nicht nur als solches unmöglich gemacht werden+, es müssen auch alle das Nationalgefühl erweckenden Faktoren beseitigt werden. Man muß die Hereros zur Arbeit zwingen, und zwar +zur Arbeit ohne Entschädigung+, nur gegen Beköstigung. Eine +jahrelange Zwangsarbeit+ ist nur eine gerechte Strafe für sie und dabei die einzig richtige Erziehungsmethode. Die Gefühle des Christentums und der Nächstenliebe, mit welchen die Missionen arbeiten, müssen zunächst mit aller Energie zurückgewiesen werden.“
+Den Autor dieses Kulturdokumentes berief das Kolonialamt als Vertrauensmann in die Budgetkommission+, und man ließ gerade ihn im Lande herumziehen, um für +diese+ Kolonialpolitik Propaganda zu machen.
Herr Schlettwein führte seine Theorie praktisch durch. Wie am 6. März 1907 im deutschen Reichstage festgestellt wurde, zahlte er den in seiner Viehzucht beschäftigten Männern 15 Mark im Monat, den Frauen gar nichts. Die Männer werden verköstigt -- ob nach Bleibtreus Beispiel bleibe unentschieden -- die Frauen erhalten +„Feldkost“ bestehend in Raupen, Fröschen, Heuschrecken, Mäusen und Gras+[293]!
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Aus dem Tagebuch des Dr. Vallentin, das im Aprilheft 1894 der „Neuen deutschen Rundschau, Freie Bühne“ veröffentlicht wurde, sei folgendes entnommen: Am 13. 3. 93. Ich erfahre interessante Einzelheiten über den Bakokoaufstand. In den Berichten befinden sich zahlreiche Ungenauigkeiten. Herr Assessor Wehlau, welcher die Expedition führte, soll beim Niederbrennen der Dörfer faktisch +befohlen haben, einigen alten Weibern die Hälse abzuschneiden+; Männer konnte er nicht gefangen nehmen. Statt der im betreffenden Bericht erwähnten 150 Gefangenen sollen es deren nur 12-15 gewesen sein. Matt, verwundet, halb verschmachtet, zerschlagen und geschunden wurden diese -- meist alte Frauen, Greise und Kinder -- an Land geschafft und unter Schlägen und Stößen in Ketten zum Gefängnis geführt. Drei sollen am Fuß des Flaggenmastes, unter der wehenden, deutschen Reichsfahne, +vor Hunger gestorben+ sein.
Am 17. 3. 93. Aus dem unter Führung des Assessors Wehlau unternommenen sogenannten „Bakokofeldzuge“ erfahre ich heute wieder verschiedene Einzelheiten. Es soll wirklich grauenhaft gewesen sein. Die Gefangenen sind tagelang in der glühenden Hitze auf dem Schiffe („Soden“) an die Reelings derart festgeschnürt worden, daß in die +blutrünstigen und aufgeschwollenen Glieder Würmer sich eingenistet hatten+. Und diese Qual tagelang in der Tropenhitze und ohne jede Labung! Als dann die armen Gefangenen dem Verschmachten nahe waren, wurden sie einfach wie wilde Tiere +niedergeschossen+.
Am 31. 3. 93.... Wahrend meiner Krankheit ist Assessor Wehlau von seinem neuen Feldzuge heimgekehrt. Gefangene hat er nicht mitgebracht. Da sie -- so äußerte er beim Essen -- hier doch alle stürben, hätte er sie auf dem Schiffe +totschlagen lassen+ (wörtlich: „habe ihnen ’n Paar auf den Kopp geben lassen“). Dann erzählte er weiter: Die Soldaten, namentlich einer, hätten es +famos ’raus, den Feinden die Haut über den Schädel zu ziehen+. Am Unterkiefer wurde mit dem Messer ein Schnitt gemacht, dann mit den Zähnen angepackt, und der ganze Skalp über Gesicht und Kopf herübergezogen.
Am 4. 5. 93 Gerichtstag, abgehalten von Assessor Wehlau!...
Ein Schwarzer, Aug. Bell, ist beschuldigt, eine Uhr gestohlen zu haben. Er wird vorgeführt. Das erste, was ihm vorgehalten wird, ist: es gibt nur zweierlei Wege, entweder er gesteht, er habe den in Frage stehenden Diebstahl begangen, oder er bekommt 50 Hiebe. Bell sagt aus: „Nein, ich habe die Uhr nicht gestohlen.“ Sofort wurde er abgeführt und erhält 50 Hiebe mit der Rinozerospeitsche. Wieder vorgeführt gesteht er auf weiteres Befragen, daß er die Uhr gestohlen habe. Er wird darauf zu 6 Jahren (schreibe und sage +sechs Jahren+) +Gefängnis+, 100 Mk. Geldstrafe und 15 Hieben am ersten Sonnabend jedes Monats verurteilt.
Aug. Bell soll während jener vorerwähnten Verhandlungen ca. 80 Hiebe bekommen haben, sowohl dafür, daß er nicht gleich eingestand, daß er die Uhr gestohlen hätte, als auch wenn er, bei der Niederschrift des Protokolls, die verlangten Antworten nachsprechend, stotterte. Was aber 80 Hiebe an einem Nachmittag zu bedeuten haben, das kann nur der in vollem Umfange ermessen, der jemals einer derartigen Prozedur beigewohnt hat. +Ein rohes, gehacktes Beefsteak ist nichts dagegen.+
20. 6. 93... Es sind nach dem Berichte drei Gefangene gehängt worden. In Wirklichkeit hat Assessor Wehlau dieselben der Wollust der Soldaten preisgegeben, und diese haben die drei Leute +regelrecht abgeschlachtet+. Maschinist Gebhardt von der „Nachtigall“ schildert diesen Vorgang folgendermaßen: „Die Schwarzen wurden mit Messern zerschnitten, zerhackt und verstümmelt, da Assessor Wehlau den Befehl gegeben hatte, die Gewehre beim Töten nicht zu gebrauchen.
Am 18. 8. 93 abends hat der stellvertretende Gouverneur Kanzler Leist sich aus dem Gefängnis drei Weiber holen lassen (Kassenverwalter Hering sagte es mir am selben Abend) und dieselben über Nacht bei sich behalten -- darunter die schöne Ngombe, Tochter des Ekwe Bell. Am nächsten Morgen sind die Weiber ins Gefängnis zurückgeschickt worden; Ngombe wurde mit einem Geschenk von 5 Mk. bedacht...