Kriegsbüchlein für unsere Kinder

Chapter 7

Chapter 72,078 wordsPublic domain

Herr Gott, nun schließ den Himmel auf, Es kommen die Toten, die Toten zuhauf, Aus schwerem Kampf, aus blut'gem Krieg, Reich' ihnen den Lorbeer und ewigen Sieg! Wir können sie nicht mehr schmücken, Nicht mehr die Hände drücken Den vielen, vielen Scharen, Die unsre Brüder waren.

Herr Gott, nun trockne selber du Die Tränen im Aug', gib Fried' und Ruh' Dem wunden Herzen, dem stillen Haus, Führ alles Dunkle zum Licht hinaus. Dieweil wir Eltern und Frauen In zuckender Wehmut schauen Die vielen, vielen Scharen, Die unsre Brüder waren.

Herr Gott, nun segne dem deutschen Land Seinen gefallenen Heldenstand Gib _allen_ freudigen Opfergeist, Der auch im _Frieden_ sich stark erweist, Weil doch ihr herrliches Leben Für uns zum Opfer gegeben Die vielen, vielen Scharen, Die unsre Brüder waren.

_Georg Merkel._

Zwei Wochen später an einem Montag früh, als die Schüler von Professor Jahn in ihre Klasse kamen, stand da ein fremder Lehrer. Professor Jahn war einberufen worden. Und wieder nach kurzer Frist hörten die Schüler, daß ihr geliebter Professor auf dem Schlachtfeld von Ypern gefallen und begraben sei.

Am Tag darnach sprach der Oberlehrer in der Pause die Klasse der Lateinschüler an und sagte: „Die Eltern von Professor Jahn haben mir erzählt, daß er kurz vor seinem Tode in sein Notizbuch schrieb: ‚Grüßt mir meine Buben!‘ Ihr habt einen edlen Lehrer gehabt, bleibt ihm treu; denn wie es in seinem Lieblingsgedicht steht, auch er hat ‚sein herrliches Leben für uns zum Opfer gegeben!‘“

Allerlei Kriegsbilder

nach Briefen und Zeitungen.

Der Turmbau zu Babel.

Zwei Offiziere der Kavallerie ritten zusammen und besprachen sich über das Völkergemisch, das gegen uns in den Krieg zieht, über die Neger, die Inder, Turkos und Japaner, die mit Franzosen, Belgiern, Engländern und Russen vermischt uns angreifen, und einer sprach den Zweifel aus, ob wir auch wirklich über all' diese Herren Herr würden. Der andere sagte: „Gerade das Völkergemisch gibt mir die Zuversicht, daß wir siegen werden, denn das ist schon in der Bibel beim Turmbau von Babel zu finden. Im nächsten Quartiere werde ich mir eine Bibel verschaffen und vorlesen, was da steht.“

Sie waren noch keine 50 Meter weitergeritten, so sah der Offizier auf der Straße, von einem Huf in den Schmutz getreten, ein Buch. Er ließ es sich von einem Radfahrer geben: es war eine Bibel. Nun konnte er seinem Kameraden sofort die Stelle über den Turmbau zu Babel, 1. Mose 11, vorlesen. So kam der eine der Offiziere zu einer Kriegsbibel, der andere zu der beruhigenden Überzeugung, daß das Sprachgewirre den Feinden zum Schaden gereichen werde.

Erbprinz Luitpold.

Im Monat August durchbrauste ganz Deutschland die frohe Kunde von dem glänzenden Sieg, den der bayrische Kronprinz Rupprecht mit seiner tapferen Armee in Lothringen errungen hatte. Von nah und fern jubelte man dem Sieger zu und wünschte ihm aus dankbarem Herzen alles Gute. Aber mitten in diese Glückwünsche traf den Kronprinzen die Botschaft eines schweren Unglücks. Sein ältester Sohn, der Erbprinz Luitpold, erkrankte an einer Halsentzündung und starb fern vom Vater, in Berchtesgaden.

Tief erschüttert war der Kronprinz von der Trauerkunde; aber er gab sich nicht dem Schmerz hin, sondern sprach die tapfern Worte: „Jetzt ist nicht Zeit zu trauern, es gilt zu handeln.“

Die Teilnahme am Tod des jungen Prinzen war ganz allgemein. Man kannte in München Prinz Luitpold wohl. Er besuchte das Gymnasium und wollte dort keinen Vorzug vor anderen Schülern haben. Wenn ihn ein Lehrer mit „Königliche Hoheit“ oder ein Schüler mit „Sie“ anredete, so verbat er sich dies und verkehrte ganz kameradschaftlich mit den Klassengenossen. Als er zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden weilte, fehlte es dort--wie überall--in der Kriegszeit an Erntearbeitern; und es erging an die Jugend die Bitte, zu helfen und die Männer auf dem Feld zu ersetzen. Prinz Luitpold war sogleich bereit, dem Ruf zu folgen und half tapfer mit bei der schweren Feldarbeit. Die Erinnerung daran ist in dem folgenden Gedicht festgehalten:

Auch ein junger Königsprosse, Dem der Sinn nach „Dienen“ stand, Steigt von seiner Väter Schlosse, Bietet freudig seine Hand.

Zu der ungewohnten Mühe Auf dem Feld im Sonnenbrand, Gleich den Andern spät und frühe, Tapfer in der Reih' er stand.

Schweigend schau'n die Berge nieder, Dunkel liegt der Königssee, Nirgends tönen frohe Lieder, Auf der Welt rings lastet Weh.

Zarter, lieber Königsknabe, Banges Ahnen faßt mich an, Daß du dort zu deinem Grabe Selbst den Spatenstich getan!

Denn indes dein Heldenvater Sieg auf Sieg der Welt verschafft, Hat dich kleinen Erntehelfer Schnitter Tod hinweggerafft.

Mag des Helden Herz erschauern, Da von fern dies Wort er spricht: „Jetzt ist nicht Zeit zu trauern, Handeln heischt allein die Pflicht!“

Doch indes er weiter lenken Muß das Schicksal der Armee, Sehnend wird er heimwärts denken, Manche Nacht in tiefen Weh:

Deine Mutter mußt ich geben Längst der Erde schon zurück, Doch sie ließ von ihrem Leben Mir in dir ein köstlich Stück.

Nun auch dieses hingeschwunden, Auf, mein Schwert! Fest faß' ich dich! Ringsum bluten tausend wunden-- _Eine_ weiß ich, die traf _mich_.

_Johanna Klemm_

Kein Standesunterschied.

Eine Berliner Zeitung hat eine große Menge Liebesgaben gesammelt und sie dann durch ihren Vertreter an eines unserer Regimenter bringen lassen, das dicht am Feind stand. Als er einem jeden gegeben hatte, was er sich ausgebeten hatte, trat ein Soldat an ihn heran, der eben zwei Eimer voll Wasser herbeigeschleppt hatte. „Haben Sie vielleicht noch ein Hemd übrig?“ fragte er bescheiden, „ich habe seit vier Wochen keines bekommen können.“--„Ja, hier haben Sie ein Hemd,“ entgegnete der Verteiler, sah sich dabei den Soldaten genauer an und erkannte in dem Mann, der ihn um ein Hemd bat, einen Universitätsprofessor.

Bei St. Quentin wurden an einem Tag eine ganze Menge Verwundete in ein Lazarett gebracht, das von deutschen Schwestern versorgt wurde. Es gab viel Krankenbetten zu richten, Strohkissen zu füllen, Matratzen zu tragen und dergl. Ein Verwundeter bemerkt zwei Soldaten in einer ihm unbekannten Uniform; sie fielen ihm durch die liebenswürdige Art auf, mit der sie den Schwestern halfen, überall anpackten und für die Verwundeten Karten schrieben. „Was sind das für Kameraden?“ fragte er.

„Das sind unseres Kaisers Söhne, die uns heute besucht haben, Prinz Adalbert und Prinz August.“

Der Hornist.

Eine feine List gelang einem württembergischen Hornisten. Sein Regiment stand im Gefecht mit französischer Infanterie und geriet in bedrängte Lage durch die Überzahl der Feinde. Der Hornist erkannte die Gefahr. Rasch entschlossen blies er das französische Rückzugssignal. Die Franzosen ließen sich täuschen, folgten dem Signal und machten Kehrt. Der Hornist wurde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Der Lokomotivführer.

Ein österreichischer Lokomotivführer hatte einen Eisenbahnzug mit Schießvorrat zu befördern. Die russische Artillerie hatte Nachricht davon bekommen und beschoß den Zug. Obwohl sie weit entfernt war, schlugen doch die Kugeln in unmittelbarer Nähe des Zuges ein und seine wertvolle Ladung war äußerst gefährdet. Da kam dem Lokomotivführer ein guter Gedanke. Als wieder ein Geschoß in nächster Nähe platzte, öffnete er rasch den Dampfhahn, so daß der Dampf mit Gewalt entwich und der ganze Zug in einer weißen Wolke verschwand. Die Russen in der Ferne mußten meinen, ihre Geschosse hätten die Lokomotive in die Luft gesprengt. Sie stellten ihr Feuer ein und der Zug war gerettet.

Das Extrablatt.

In einer deutschen Mädchenschule ist der Beschluß gefaßt worden, keine Fremdwörter mehr zu gebrauchen. Wer es doch tat, muß fünf Pfennig in die Rotkreuzkasse einlegen. In kurzer Zeit hat eine Klasse 13 Mark gesammelt. Aber der Herausgeber des Tagblattes erhält von den Mädchen dieser Klasse einen Brief des Inhalts: „Es kostet uns unser ganzes Taschengeld, wenn Sie täglich ein _Extra_blatt ausgeben; denn wir müssen immer fünf Pfennig zahlen, wenn wir Extrablatt sagen.“

Der Herausgeber des Blattes hatte Mitleid mit der Klasse und schon vom nächsten Tag an erschien bei ihm ein _Sonder_blatt.

Die allgemein verständliche Sprache.

Eine Truppe Deutscher kam nach schweren Gefechten in ein eben eingenommenes französisches Dorf. Seit 24 Stunden hatten sie nichts zu essen gehabt und den stärksten Hunger mit rohen Kartoffeln gestillt, die sie sich gelegentlich aus dem Acker gruben. Nun wollten sie sich's wohl sein lassen im Dorf. Viel gibt's da nicht zu essen, aber ein Huhn wäre doch wohl aufzutreiben. Wie kann man sich nur verständigen mit den französischen Bauern! Doch man weiß sich zu helfen. Ein Soldat geht in die Küche, wo die Bäuerin, zitternd vor der deutschen Einquartierung, wartet, was nun geschehen werde. Der Soldat nimmt einen Kochtopf, füllt ihn mit Wasser, hält ihn der Bäuerin unter die Nase, deutet in den Kochtopf und ruft Kikeriki! Da nickt sie verständnisvoll und bald kocht ein Huhn im Topf.

Die Gefangenen.

Ein preußischer Wachtmeister hatte gefangene Russen zu bewachen. Aber seine Übermüdung ist zu groß. Er fällt um und schläft. Entsetzt fährt er morgens aus dem Schlaf--ob die Gefangenen nicht entwichen sind? Er schaut nach, traut seinen Augen kaum: es sind 120 mehr als es am Abend waren. Die haben sich aus Gefangenenlager herangeschlichen und lassen sich gefangen nehmen. Sie wissen, bei den Deutschen geht es ihnen gut.

Der Generaloberst v. Hindenburg.

Ein Mann von gewaltiger Größe und Stärke, mit einem Angesicht voll Güte und Wohlwollen ist unser Generaloberst v. Hindenburg, der Retter Ostpreußens, der Russenschreck, wie ihn die Soldaten nennen, seitdem er bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russische Armee geschlagen und in die Sümpfe gedrängt hat.

Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner längst erprobten Pläne. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v. Hindenburg die Ansicht, daß, wenn einmal die Russen kämen, sie in die masurischen Seen gedrängt werden müßten. Andere Offiziere meinten im Gegenteil, die Russen dürften gar nicht in die Nähe der Seen kommen. Er gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee auftauchte, es gehe nicht an, daß ein so großes Gebiet unfruchtbar bleibe: die masurischen Seen müßten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man wollte _seine_ Seen, _seine_ Sümpfe, die er alle persönlich kannte, anrühren! Er reiste sofort nach Berlin, erklärte, protestierte, agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteiführern, zu Kommissionen und, als alles nichts nützte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, daß man die Seen in Ruhe lassen werde.

Alljährlich zu den Manövern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen geschickt. Dort, wie bei allen Manövern, trug der eine Teil der Armee ein weißes, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten waren die Russen, die Weißen wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten Ostpreußen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den Übungen erfuhren, daß sie gegen Hindenburg zu kämpfen hätten, wiederholte sich alljährlich der anläßlich der Übernahme der roten Bänder fast sprichwörtlich gewordene Ausruf: „Heuer gehen wir baden!“ Denn sie wußten, daß da alles vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn angreifen, oder von rückwärts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das Ende ist doch immer dasselbe: daß Hindenburg sie in die masurischen Seen einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten Uniformen zu den Hindenburg-Manövern.

Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Königsberg eine Kanone und ließ sie von früh bis spät aus einer Lache in die andere schleppen. Er wußte genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt.

Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manöverübungen gewesen waren, jetzt wurde es ernst.

Sobald der Kaiser hörte, daß die Russen in Ostpreußen eingebrochen seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu zeigen. Unverzüglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach Osten. Schon während der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und als er ankam, war alles vorbereitet.

Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden und Geschützen in die masurischen Seen gejagt wurden.

Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich großen Männer bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht für sich allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee rühmt er: „Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind auch meine Flieger, sie haben schon heldenmütige Aufklärungsdienste geleistet. Auch unsere Verbündeten, die Österreicher, sind ausdauernd, tapfer und zäh.“

Wohl uns, daß wir solches hören dürfen! Es bestärkt uns in der stolzen Zuversicht:

_Wir werden siegen_!

End of Project Gutenberg's Kriegsbüchlein für unsere Kinder, by Agnes Sapper