Kriegsbüchlein für unsere Kinder

Chapter 6

Chapter 63,812 wordsPublic domain

Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf; er hatte einen Brief in der Hand. „Von Lutz,“ sagte er; aber es klang nicht fröhlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und Tochter antwortete er: „Er ist gesund, aber gefangen ist er!“--„Also doch, o Gott, gefangen!“ rief die Mutter.--„Aber er lebt doch und ist gesund,“ tröstete Anna; „bitte, Vater, lies seinen Brief vor!“

„Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und deshalb ist er in einem unnatürlich gezwungenen Ton geschrieben; manches ist wunderlich.“ Er las vor: „Liebe Eltern! Ich bin gefangen in Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe über nichts zu klagen und bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die außen auf dem Brief angegeben sein wird. Ich wüßte so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es ist hier eine schöne Gegend und wärmer als bei uns. Ich grüße Euch alle. Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir grüßen. Hebt auch für meine Markensammlung die französischen Marken gut auf. Euer treuer Sohn und Bruder Lutz.“

Sie sahen sich alle drei betroffen an. „Der Brief ist gar nicht von Lutz!“ rief Anna. „Die Leute, die wir grüßen sollen, kennen wir ja gar nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz.“--„Ja, es ist ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewöhnliche Marken für seine Sammlung wollen. Es sind vier Fünfcentimes-Marken.“--„Aber doch fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darüber kann doch kein Zweifel sein.“

„Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht.“

Sie schwiegen alle drei und grübelten über den merkwürdigen Brief. Da leuchtete es plötzlich in Annas Gesicht auf: „Darf ich den Umschlag haben, Vater? Ich möchte die Marken ablösen.“

„Warum?“

„Er möchte sie doch haben!“--„Da nimm!“

Mit großer Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken fingen an sich zu lösen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter.

„Da steht etwas geschrieben,“ rief sie, „ich habe mir's doch gedacht!“--„Nur sachte, sachte!“

Alle drei waren in höchster Spannung, bis die vier Marken glücklich gelöst waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes:

Dürfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden fürs Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Fröhliches Wiedersehen im Frieden.

Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief bewegt.

„Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte plötzlich Anna lebhaft, ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja, ich soll seine Grüße ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel Valentin und die andern Herrschaften grüßen, die doch gar nicht existieren? Das bedeutet etwas. Die Brüder und ich haben ja früher zum Spaß oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas herausbringen!“

Da saß sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach über die geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz _N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben das Wort: Provence. „In der Provence ist er,“ rief sie triumphierend und sie lachte fröhlich, wie in der glücklichen Zeit, wo sie mit den Brüdern ihren Spaß gehabt hatte. „Mutter,“ sagte sie, „du darfst dich nicht zu arg bekümmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er hätte doch ebensogut einfache Namen wählen können. Aber das hat ihm nun gerade Spaß gemacht, und ich kann mir denken, wie er gelacht hat über den Pater, die Excellenz und gar über das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben.“

So kam es, daß Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der Gefangenschaft wußten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen Wochen der Unsicherheit. Sie wußten nun doch, wo sie mit ihren treuen Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben; manchem, der fürs Vaterland in den Krieg zieht, fällt dies traurige Los. Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, möchte es auch das Schwerste sein, willig muß es ertragen werden.

Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein großer Transport von französischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief, sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgeführt wurden auf den Schießberg, wo große hölzerne Baracken für sie errichtet und mit starkem Stacheldraht umzäunt waren.

Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mußten dabei zu schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder haßerfüllt mit feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.

Dennoch beschäftigten sich die Gedanken des Buchhändlers immer mit den Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte sich nicht entschließen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das seiner Frau sehr schwer fallen würde, und sie hatte doch schon so viel zu tragen.

Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen in ihnen noch nach: „_Helfen_, wo wir irgend helfen können, _tragen_, was immer uns auferlegt sein mag.“ Da fand Herr Schreiber den Mut, seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, während er sie am Arm durch die dunkelnden Straßen führte: „Pauline, wenn du noch etwas mehr _tragen_ willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so könnte ich noch etwas _helfen_.“

Auch sie war noch erfüllt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehört hatte. „Natürlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend können. Was meinst du?“--„Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner Jahre noch brauchen könnte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und ich bekam den Bescheid, daß dies bei meiner früheren militärischen Stellung wohl sein könnte und daß meine gute Kenntnis der französischen Sprache hierfür wertvoll wäre. So würden sie mich also wieder in Uniform stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also müßtest du auch deinen Mann noch hergeben.“

„Könntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?“

„Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, daß ich mit meinem Dienst bei französischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen kann. Unter den französischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluß ausüben, sogar während der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen. Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzuflößen durch gerechte Behandlung und ihnen ein besseres Verständnis für deutsche Art beizubringen, so könnte das guten Einfluß ausüben auf die Behandlung unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmöglich?“

„Ich nicht, ich gewiß nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann die Gefangenen gut.“

„Gut, was heißt gut? Neulich erzählte mir jemand, daß elf französische gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt worden, sonst hätten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns lächerlich und verächtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem Charakter auftritt, kann _die_ Güte zeigen, die nicht mißbraucht wird.“

Da erwiderte seine Frau nachdenklich: „Ja, ich glaube, daß dir das gelingen würde; du könntest da Gutes wirken. Du _könntest_ nicht, du kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurück, zu helfen, ich will die Trennung tragen.“

„An der tragen wir beide gleich schwer,“ sagte der Mann und fühlte, wie weh ihm der Abschied tun würde, den er doch freiwillig auf sich nahm.

Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die große Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum ersten Male zu zweien am Tisch saßen und ihre Vereinsamung so recht schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete: „Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim.“

Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll Überraschungen ist der Krieg!

Der junge Professor

Als das neue Schuljahr begann, hatten wenige von den Schülern und auch wenige von den Lehrern Freude daran. Während der Ferien war der Krieg ausgebrochen; seitdem mochte man nichts hören, nichts reden, nichts lesen als vom Krieg; und nun sollte wieder Schule gehalten werden, wie wenn es gar keinen Krieg gäbe!

Einer aber freute sich doch darüber. Das war der junge Lateinschullehrer Jahn. Er lebte mit seinen alten Eltern zusammen, war ihr einziger, geliebter Sohn, und die drei verstanden sich prächtig. Aber still war es in diesem Heim, und so freute sich der junge Mann immer schon am Ende der Ferien auf die Zeit, bis er wieder seine Jungen in der Klasse um sich hatte.

In diesem Jahr ganz besonders. Mit ihnen zusammen wollte er die großen Kämpfe durchleben und sich über die deutschen Siege freuen, mit ihnen, den künftigen Soldaten Deutschlands!

Er selbst wäre ja so gerne gleich mit hinausgezogen ins Feld! Aber bis jetzt war er noch nicht einberufen, und die Eltern waren glücklich, daß ihnen ihr Einziger blieb. So sprach er nicht viel davon, wie es ihn drängte, mit ins Feld zu ziehen. Er sagte sich: Vielleicht kannst du auch unter deinen Jungen etwas fürs Vaterland wirken. Er wußte noch nicht auf welche Weise; aber die warme Liebe, in der sein Herz fürs Vaterland glühte, die mußte doch auch die Herzen der Jungen erwärmen.

Der erste Schultag kam. Im Gymnasium war vieles verändert. Mehrere Lehrer fehlten; sie waren einberufen worden. Die Klaßzimmer waren anders eingeteilt; denn man hatte Platz machen müssen für einige Klassen Volksschüler. Das große, neue Volksschulgebäude, das nahe dem Gymnasium lag, war als Lazarett für Verwundete eingerichtet und die Schüler mußten in andere Schulen verteilt werden. Solch eine Klasse Volksschüler war auf demselben Stock und gerade gegenüber dem Klassenzimmer untergebracht, in dem nun Professor Jahn seine Schüler wiederfand. Es waren Jungen im Alter von 11-12 Jahren, die er schon im Vorjahr gehabt hatte. Frisch und gesund sahen sie fast alle aus nach der Ferienzeit und lebhafter als früher blickten sie aus den Augen, hatten sie doch alle so Großes erlebt. Erwartungsvoll schauten sie nun ihren Lehrer an; der würde gewiß etwas über den Krieg sagen; oder sollte er doch gleich mit dem Latein anfangen?

Bewahre! Das konnte er nicht. Er redete mit seinen Schülern über das, was das deutsche Vaterland in den letzten Wochen erlebt hatte. Er wollte auch wissen, ob es ihnen allen ganz klar sei, daß wir ohne Schuld zu diesem furchtbaren Krieg gezwungen wurden. Dann fragte er nach den Feinden und sie riefen durcheinander: Russen, Franzosen, Serben, Engländer, Belgier, Japaner, Montenegriner.--Und unsere Freunde? Da schallte das einzige Wort durch die Klasse: Österreich!

„Ja, so viele Feinde und nur einen Freund! Da haben wir armen Deutschen wohl auch noch gar keinen Sieg erfochten? Oder wißt ihr einen zu nennen?“

Da brüllten sie durcheinander: „In Lothringen, Lüttich, in Ostpreußen, Namur, Maubeuge, Brüssel!“

Einer rief: „Paris!“

„Halt, halt, soweit sind wir noch nicht!“

„Aber soviel wie besiegt ist's!“

„Aber doch nicht besiegt. Nur kein Wort mehr sagen, als wahr ist! Über was beschweren wir uns denn so sehr bei unseren Feinden, wer weiß es?“

„Über die Grausamkeit,“ rief einer.

„Ja, ich meine aber etwas anderes.“

„Über das, daß sie gegen uns Krieg führen,“ meinte ein kindliches Bürschlein.

„Ja freilich, aber das tun die Feinde meistens. Ich meine etwas, das mir eingefallen ist, weil einer von euch schon Paris gerufen hat.“

Jetzt kam es vielen zumal: „Über die Lügen.“

„Jawohl, sie lügen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer sonst manchmal übertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in diesem Krieg abgewöhnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht mehr als die Wahrheit.“

Plötzlich unterbrach sich der Lehrer: „Kinder, es ist schon halb neun Uhr, schnell die Bücher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich möchte von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das erzählt ihr mir dann. Jetzt muß gelernt werden und zwar fest. Stramm an die Pflicht wie unsere Soldaten!“

Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militärischer; etwas vom Krieg war hereingeweht.

Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht bei seinen Schülern bleiben. Als er nach der Pause zurückkam und über den großen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schüler.

„Seid ihr die ganze Zeit über im Schulzimmer geblieben?“ fragte er, als er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der oft den Sprecher für die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige Antwort: „Draußen ist ein ganzer Haufen Volksschüler; da können wir nicht hinaus. Wir haben oft Händel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer Schule vorbeigekommen sind.“--„Die gehören auch nicht herein ins Gymnasium!“ Der ganze Schülerchor stimmte zu.

Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darüber gesprochen hatte, es werde schwierig sein, daß sich die Schüler der verschiedenen Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. „Vielleicht läßt es sich so einrichten, daß auf unser Stockwerk keine Volksschulklasse kommt,“ entgegnete er, „ich werde noch mit dem Herrn Rektor darüber sprechen.“

Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschluß hielt er es nicht mehr aus. „Macht eure Bücher zu,“ rief er, „ich will das schon verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir müssen uns doch erst miteinander aussprechen. Wir gehören zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben. Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern Kriege, die wir ganz kühl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Häuser, in unser Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine Wirkung gezeigt. So dürfen wir uns auch die Zeit gönnen, miteinander davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber einen schöneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, daß ihr alle aufsteht, um eurem Mitschüler die Teilnahme und seinem Vater die Ehre zu erweisen!“

Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief bewegt von der Ehrung.

„Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Näheres gehört über den Tod deines Vaters?“

„Ja,“ antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die seinem Vater etwas zu melden hatten. „Ja, wir haben gehört, daß mein Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete, mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Geschoß, diesmal an den Kopf. Er stürzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebüsch, daß ihn der Feind nicht sähe, und legten ihm einen Notverband an. Dann mußten sie wieder ins Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht, bis der Feind zurückgedrängt und geschlagen war. Man konnte die vielen Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei aus ihrer Truppe, daß sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier zu suchen, obwohl es fast unmöglich schien in dem fremden Gelände und in der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte ihnen, daß sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch noch erfahren, daß die Schlacht gewonnen war, und hat uns Grüße schreiben lassen.--Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat er gesagt: ‚Laßt mich auf dem Schlachtfeld begraben.‘ Seine Soldaten haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darüber abgegeben. Aus zwei Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen mußten, ein Kreuz gemacht und haben das Grab mit Feldblumen bestreut.“

Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. „So liegt er auf dem Schlachtfeld begraben,“ sagte er, „das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? ‚Wenn ich auf dem Feld der Ehre für Deutschlands Größe fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner Fürstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden ein. Grüßt mir meinen Kaiser.‘--Seht, so schreibt ein Fürst. So mag sich auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter trösten, wenn ihr gefallener Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht.

Nun aber möchte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehört haben, den letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer hat ihn nach stundenlangen Kämpfen, selbst todmüde und durchnäßt noch nachts gesucht, gestärkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle einmal Volksschüler. In der Schlacht, im fürchterlichsten Ernst des Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und nun möchte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit beweisen, daß wir Deutsche alle Brüder sind, alle zusammen gehören, reich und arm, vornehm und gering, Lateinschüler und Volksschüler! Unser Kaiser hat gesagt: ‚Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.‘ Wollt ihr sagen: ‚Wir kennen keinen Klassenunterschied mehr, nur deutsche Kameraden?‘“

„Ja, bei Gott, das wollen wir.“ Helmut, der Offizierssohn, hatte das gerufen, und das „ja“ ging durch die ganze Klasse.

Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenüber lag. Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein älterer, erfahrener Mann und Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am nächsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschüler an: „Haltet Frieden mit den Lateinschülern, die alberne Feindschaft verbitte ich mir. Wenn draußen Krieg ist, muß im Land Frieden sein, auch unter den Buben. Verstanden?“

Einer gab Antwort: „Die wollen gar nichts von uns, die sind hochmütig.“--„Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch--auch nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber den Hochmütigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der Neid; weil sie alle zusammen _eine_ große Aufgabe haben und nur _einen_ Wunsch: daß wir siegen. Siegen können wir nur, wenn wir alle einig sind. Und siegen müssen wir doch oder nicht?“--„Ja, ja!“ das kam allen aus dem Herzen.

Um zehn Uhr, während der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschüler des gegenüber liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des geräumigen Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch fremd einander gegenüberstanden. Der Oberlehrer redete sie an: „Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen. Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch abschicken, daß sie nachschauen und dann berichten.“ Darauf erfolgte ein großes Hallo, natürlich wären am liebsten alle davon gesprungen, Volksschüler und Lateinschüler, die einen so gut wie die andern.

„Herr Professor, schicken Sie mich,“ baten alle Gymnasiasten und umdrängten ihren Lehrer.

„Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre Brüder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug.“ Noch ehe er weiterreden konnte, rief ein kleines Bürschlein: „Ich, Herr Professor, ich, meine drei Brüder sind im Feld!“

Jetzt ließ sich ein Volksschüler vernehmen: „Von mir vier Brüder!“

Dagegen konnten die andern nicht aufkommen; der Lateinschüler und der Volksschüler sprangen also miteinander davon.--Die zwei Klassen waren in dem Gedränge durcheinander gekommen und jetzt sprachen sie zusammen über die Brüder und wo sie standen; über die Väter, und daß die Briefe so lange ausblieben. Da fand es sich, daß einer von der Volksschule und einer von dem Lateinschule ihre Brüder in dem gleichen Bataillon hatten, und daß sie in den Vogesen gekämpft hatten. Nun lagen sie beide schwer verwundet in dem gleichen Feldlazarett; der eine hatte sechs Wunden, der andere hatte ein Bein verloren. Daraufhin kamen alle überein, daß diese beiden morgen miteinander nach den Telegrammen laufen dürften.

Die zwei Klassen verstanden sich immer besser. Einmal als die beiden Abgesandten die Nachricht von dem Fall der Festung Antwerpen brachten, gab Professor Jahn ein kleines Fest. Er lud aus beiden Klassen die Schüler zu sich, deren Angehörige in Belgien fochten. Es waren ihrer acht, die sich nicht wenig darüber freuten. Sie wurden bewirtet von der freundlichen Mutter des Professors und erzählten aus den Feldpostbriefen ihrer Angehörigen.

Und wieder gab es für einen Teil der Schüler ein kleines Fest, als ein Telegramm von neuen Heldentaten der tapferen „Emden“ berichtete; diesmal waren solche geladen, die Verwandte bei der Marine hatten. Einer derselben, ein Volksschüler war es, war selbst schon in Kiel gewesen, hatte die großen deutschen Kriegsschiffe gesehen und wußte es schon ganz gewiß, daß es einmal wie sein Kieler Vetter, zur Marine gehen werde. Auf ein Unterseeboot wollte er und dann so kühne Unternehmungen mitmachen wie die Mannschaft von _U 9_, von deren Heldenmut alle Zeitungen voll waren.

Aber einmal hielten die beiden Lehrer eine Trauerfeier. Eine große Verlustliste war herausgekommen, aus der mehrere Schüler den Tod ihrer Angehörigen erfahren hatten. Unter diesen war auch der Volksschüler, der vier Brüder im Feld gehabt hatte; drei waren in _einer_ Woche gefallen. Der Oberlehrer sprach von den herben Verlusten und schilderte die schweren Kämpfe. Da war große Teilnahme in allen Herzen. Professor Jahn sagte am Schluß der kleinen Trauerfeier: Besser als ich's vermöchte spricht ein Gedicht aus, was uns bei dieser langen Reihe von Todesanzeigen bewegt. Ein Freund von mir, ein junger Pfarrer, hat es gemacht. Ihm ist der Tod so vieler Tapferen tief zu Herzen gegangen. Ich möchte es euch vorlesen und will es jedem von euch, der in Trauer gekommen ist, abschreiben und mit heimgehen.--Er las das Lied vor:

Die Toten.