Kriegsbüchlein für unsere Kinder

Chapter 4

Chapter 43,815 wordsPublic domain

Da wandte Kolmann seine Schritte zurück und nach wenigen Minuten war er wieder in seinem Haus, trat in das Zimmer, in dem seine Frau friedlich mit den beiden Knaben am Frühstück saß, und sagte auch nur die vier Worte: „Es ist der Krieg!“ Sie griff nach dem Blatt, das er ihr hinhielt. Sie las es. „Also wirklich?“ Nun mußte auch sie an den Krieg glauben. Das Blatt fiel ihr aus den Händen, Paul nahm es auf. Er las, was mit großen Buchstaben dastand, und weil er mit seinen Kameraden gern Krieg spielte, so dachte er sich hinein, wie die großen Leute nun wohl den Krieg führen würden. Vater und Mutter sprachen halblaut miteinander und sprachen deutsch, wie sie es meist taten, wenn das französische Dienstmädchen im Zimmer nebenan war. „Papa,“ fragte Paul--er redete französisch--„Papa, die Bonne hat gestern gesagt, die Russen und die Engländer halten zu uns, ist das wahr?“--„Zu uns?“ Der Vater sah seinen Jungen an. Er hatte nie mit ihm darüber gesprochen, daß sie Elsässer und also Deutsche waren, denn er wollte, daß seine Kinder sich ganz heimisch und wohl fühlten unter den französischen Kameraden. Und jetzt, in dem Augenblick, da Krieg ausbrach, war es noch bedenklicher, davon zu sprechen. „Bitte Papa, sage mir's!“ wiederholte Paul, „hält England zu uns?“

„Franzosen, Engländer und Russen halten zusammen,“ sagte Herr Kolmann ausweichend.--„Dann werden wir leicht fertig mit den Deutschen; oder haben die auch Freunde?“

„Ja, Österreich geht mit Deutschland.“

„Papa, wer wird's gewinnen?“

„Wir, Paul,“ sagte der Vater und er dachte dabei „wir Deutschen“, aber er merkte wohl, daß Paul dachte: Wir Franzosen. Paul war befriedigt; er forderte den jüngeren Bruder auf, mit ihm hinüber zu gehen ins Kinderzimmer, sie wollten Soldaten spielen.

Die Eltern blieben allein zurück. „Paul meint, wir seien Franzosen,“ sagte Kolmann. „Das ist ja nur gut,“ entgegnete seine Frau, „Elsaß kommt nun sicher wieder an Frankreich. Ich hörte es neulich erst sagen, ganz Elsaß freue sich auf einen Krieg und werde in der ersten Stunde zu Frankreich übergehen.“

„Was man wünscht, das glaubt man gern. Charlotte, ich glaube es nicht, und von all den Elsässern, die wie ich im deutschen Heer gedient haben, wird das keiner glauben. Denke an deinen Bruder; weißt du nicht mehr, wie er begeistert war für das deutsche Heer? Meinst du, daß er überginge zur französischen Fahne?“

„Der freilich nicht,“ sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fügte sie hinzu: „Gottlob, daß du nicht in den Krieg mußt; es wäre ja schrecklich, wenn man nicht wüßte, zu wem man halten sollte.“ In sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach.

„Was beunruhigt dich so?“ fragte sie teilnehmend.

Er schwieg.

„Sage es mir doch, lieber Freund,“ bat sie zärtlich.

Da blieb er vor ihr stehen. „Ich muß es dir ja freilich sagen, wenn du es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine dreißiger Jahre entheben mich der Militärpflicht. Mir bleibt nur die Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland--dann müssen wir alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen--; oder ich werde Franzose, wie mir der Direktor geraten,--dann gehören wir künftig der französischen Nation an. Schon lange habe ich gefürchtet, daß ich einmal vor diesen Entscheid gestellt würde, nun ist die Stunde gekommen.“

„Aber Liebster, wir können uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir unser reizendes Heim, hier hast du eine glänzende Stellung; so bleiben wir doch natürlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das wäre doch zu töricht!“

„Ja, ja, ganz recht; es wäre töricht und für dich zu schwer,“ antwortete er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum.

„Unsere Großeltern waren noch Franzosen,“ sagte sie, „so können wir es doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?“

„O nichts,“ sagte er bitter, „nichts als das, daß ich als Soldat zur deutschen Fahne geschworen habe. Und daß es mir ein sonderbares Gefühl ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer rüstet, dem ich als junger Mann angehört habe mit Leib und Seele. Es ist das schönste, beste Heer mit seinen prächtigen Offizieren und seinem edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui! All die deutschen Offiziere--voran mein Hauptmann, der etwas auf mich hielt und den ich verehrte--alle dürften mir zurufen: Pfui!“--

Charlotte stand ergriffen.

In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten Köpfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: „Mama, wir sind schon in Berlin gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir gefangen, dem soll es schlecht gehen!“

„Schweigt!“ rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem ältesten eine Ohrfeige. Sehr bestürzt über diese ganz ungewohnte Behandlung verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Tränen.

„Verzeih,“ sagte der Mann, „ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht hören, daß meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!“

Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur noch bitterlicher. Begütigend sagte er: „Ich werde Paul noch ein freundliches Wort sagen, ich weiß ja, er hat die Ohrfeige nicht verdient. Du mußt nicht mehr darüber weinen!“

„Ach, das ist's nicht,“ sagte sie schluchzend, „aber geh nur jetzt, wir können ja mittags alles besprechen.“

Da verlief er das Haus, ging durch die Straßen zwischen der aufgeregten Menge hindurch, hörte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der Bank ein großes Gedränge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hörte, wie er die Ängstlichen zu beruhigen suchte. Sein spätes Kommen mußte dem Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser Beamte möchte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte, es sei doch gut gewesen, daß er ihm schon gestern doppelten Gehalt angeboten hatte. So etwas schlägt keiner aus--meinte der Direktor.

Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und fröhlich wie sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, daß sie möglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich nachdenken zu können. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann überlassen; er hatte alles für die Familie aufs beste eingerichtet und jederzeit gewußt, was geschehen mußte. Nur heute nicht. Es war ihr ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die Ohrfeige, die kam doch nur daher, daß er es nicht ertragen konnte, wenn sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinüber zum deutschen Heer. Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten! Bei dem bloßen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Füßen. Während sie so in der Stille darüber nachdachte, glaubte sie im Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hören. Aber der war doch wohl fort mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem großen Tisch stand Paul ganz allein, eifrig beschäftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute Befehle gab.

„Mama,“ sagte er, „die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich ganz still im Zimmer spielen würde. Sie meinte, es werde dir schon recht sein, und wir wollten dich nicht stören. Mama, warum bist du so traurig, und warum ist Papa auch nicht wie sonst?“

„Das kommt vom Krieg, Kind.“

„Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil wir alle Deutsch könnten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien Elsässer. Wie ist das eigentlich?“

„Es ist am besten, du redest nicht mit den Leuten darüber.“

„Das will ich auch nicht, nur wissen möchte ich es, Mama. Sieh, da stehen meine Franzosen und da die Deutschen; wenn ich nun Elsässer habe, wohin muß ich sie stellen?“

Er sah auf und wunderte sich, daß die Mutter keine Antwort gab. „Bitte, sage mir nur noch das eine, dann lasse ich dich wieder ganz in Ruhe. Sieh, da ist unsere französische Fahne und hier die schwarzweiß-rote, das ist die deutsche. Zu welcher gehören die Elsässer?“

Der Mutter, die nicht gern antwortete, kam von außen Hilfe. Es klingelte. Sie erkannte an der Stimme einen Freund ihres Mannes, der anfragte, ob er sie in so früher Morgenstunde einen Augenblick sprechen könnte. Sie empfing ihn im Salon. Er und seine Frau waren Deutsche. „Ich wollte nur noch schnell Abschied von Ihnen nehmen,“ sagte Herr Frank. „Meine Frau läßt Sie herzlich grüßen, sie hat alle Hände voll zu tun. Wir reisen heute ab. Man kann nicht schnell genug fortkommen aus dem Feindesland. Was sagt Kolmann zu diesem Krieg? Wie falsch und tückisch fallen die Feinde von allen Seiten über Deutschland her! In Lug und Trug sind sie verbündet. Aber ganz Deutschland wird aufstehen. Kein Mann wird zurückbleiben. Mir brennt das Herz, zur Fahne zu eilen. Wann reisen Sie?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Frau Kolmann; „vielleicht--ich weiß nicht; was macht Ihre Frau?“

„Meine Frau drängt fast noch mehr, sie mag die Franzosen nicht mehr sehen, ihnen kein Wort gönnen.“

„Aber was wird aus Ihrem Geschäft? Wo werden Sie Unterkunft finden mit Ihren Kindern?“

„Das wissen wir alles noch nicht. Wer kann jetzt an sich denken, wenn das ganze Vaterland in Gefahr ist! Wir wissen nur, daß wir nach Deutschland müssen, und wenn es auch nur wäre, um mit ihm zu leiden. Ihr Mann denkt sicher ebenso. Ich muß gehen, grüßen Sie ihn. Wir treffen uns unter der Fahne! Meine Frau und ich, wir danken Ihnen für alle Freundschaft. Vielleicht führt uns das Leben noch einmal zusammen im stolzen, sieggekrönten Vaterland!“ Er drückte ihr die Hand zum Abschied und ging.

Frau Kolmann stand allein. Aber der Freund hatte etwas zurückgelassen, einen Hauch der Begeisterung, der in sie drang, sie erfüllte und ihr, der unsichern, verzagten Frau, den Weg wies. Wie groß war das, zu sagen: Wer kann an sich denken, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Sie hatte sich geschämt, dem Freund nur auszusprechen, daß sie daran dächte, in Frankreich zu bleiben. Wieviel mehr müßte ihr Mann sich schämen, er, der Deutschland Treue geschworen hatte! Nein, er sollte nicht um ihretwillen zurückbleiben! Alle Unsicherheit und Schwäche war von ihr gewichen. Raschen Schrittes kehrte sie ins Kinderzimmer zurück.

„Nun, Paul,“ sagte sie in ihrer gewohnten, frischen Weise, „was wolltest du wissen? Wohin die Elsässer gehören? Zu den _Deutschen_ gehören sie, das mußt du doch wissen! Wir sind Elsässer und Elsaß gehört zu Deutschland.“

„So?“ sagte der Knabe nachdenklich, „ja, dann muß ich alles anders aufstellen; dann müssen die Deutschen meine besten Kanonen bekommen und müssen oben stehen, damit sie siegen können!“

„Ja, mach' das so. Und wenn Papa heimkommt, zeigst du ihm das, es wird ihn freuen.“

„Das hättest du mir schon lang sagen sollen, Mama. Ich habe mit den Schulkameraden immer gegen die Deutschen gekämpft und zu den Franzosen gehalten.“

„Das wird jetzt alles anders, Paul, jetzt ist Krieg!“

* * * * *

Kolmann empfand eine helle Freude, als er bei seiner Heimkehr eine entschlossene, tapfere Frau fand, die auf Reichtum und Behagen verzichten wollte und bereit war, mit ihm nach Deutschland zu ziehen, wohin ihn Ehre und Treue riefen. Alle Unsicherheit war nun vorbei. In aller Eile wurde die Abreise vorbereitet, jedes Opfer, das damit verbunden war, wollten sie bringen und alles Schwere auf sich nehmen.

Und das Schwere kam bald genug. Gegen diejenigen Elsässer, die nicht, wie man von ihnen erwartet hatte, zu Frankreich übertreten wollten, wandte sich der größte Haß der Franzosen. Der Bankdirektor wollte den Gehalt nicht zahlen, den er Kolmann schuldete; der Hausherr forderte die Miete fürs ganze Jahr; die Köchin wurde durch ihn aufgehetzt, verlangte ihren Lohn und verließ sofort das Haus. Das Gasthaus weigerte sich, Speisen abzugeben, und der Gepäckträger kehrte den Rücken, als er aufgefordert wurde, das Gepäck zu besorgen. Die Leute aus dem Hinterhaus warfen Steine nach den Fenstern der Wohnung.

Kolmann ging auf die Polizei und erbat Schutz. Die Beamten zuckten die Achseln und erklärten, sie könnten nichts machen. Auf dem deutschen Konsulat waren alle Räume überfüllt mit ausgewiesen Deutschen, denen das Reisegeld fehlte, und mit hilflosen Mädchen, die Schutz suchten. Da sagte sich Kolmann: „Hilf dir selbst!“ Mit viel Geld, mit guten und bösen Worten, mit List und Klugheit gelang es doch, daß er am nächsten Morgen mit seiner Familie am Bahnhof stand, wo ein besonderer Zug die Ausgewiesenen bis an die Grenze bringen sollte.

Der Zug hatte nicht genug Wagen, trotzdem die Leute Kopf an Kopf, sogar in den Viehwagen standen. In dem furchtbaren Gedränge, bei der boshaften, schadenfrohen Gesinnung der Bahnbeamten geschah es, daß, während die Mutter mit der Kleinen und der Vater mit Emil einstieg, Paul weggestoßen wurde und zu Boden fiel in dem Augenblick, da der Zug sich in Bewegung setzte. Niemand kümmerte sich um den Jammer der Zurückbleibenden, kein Schaffner achtete auf den verzweifelten Schrei: „Mein Kind, mein Kind!“, der aus dem Wagen drang, in dem die Familie Kolmann davon fuhr. Sie wußten nicht, war ihr geliebtes Kind überfahren oder stand es hilflos und verzweifelnd in der feindlichen Stadt.

Der Zug fuhr ohne Aufenthalt immer weiter, immer zu. Keine Möglichkeit, irgend etwas zu tun für das verlorene Kind; kein mitleidiger Beamter, kein hilfreicher Telegraph stand zur Verfügung, feindselig waren alle Einrichtungen; es war Krieg.

Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine Mitreisende, ein junges deutsches Mädchen, das in einem der hintersten Wagen gewesen, drängte sich allmählich vor und fragte in jedem Wagen: „Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?“ Schließlich kam sie mit der Frage in den richtigen Wagen. „Ja, ja!“ riefen Pauls Eltern wie aus einem Mund. „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich vom Fenster aus gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte, aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte.“ Frau Kolmann stürzten die Tränen aus den Augen: „Aber verloren ist er!“ schluchzte sie laut. „Ich sah noch,“ fuhr das Fräulein fort, „daß eine Frau, es schien mir eine einfache deutsche Bürgersfrau, die mit ihren kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn mütterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost sagen.“--„Danke, danke!“ Frau Kolmann konnte nichts weiter hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden über ihre Tränen. Es war doch schon ein Trost für die Eltern, daß sie wußten, ihr Kind war nicht unter die Räder gekommen, und sie hielten das Bild fest, wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er wirklich nach Deutschland, so würden Eltern und Kind sich auf allen Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden.

Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert, was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen Trunk Wasser, keinen Schluck Milch für die kleinen, schreienden Kinder konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie vom Pöbel beschimpft, ohne daß es irgend einem Beamten eingefallen wäre, die Wehrlosen zu schützen.

Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehässig zeigte. So Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, daß sie Paris den Rücken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam behandelte!

Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort mußten alle aussteigen und von da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepäck vollends hinüber kämen.

Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat ihnen deutsche Herzensgüte entgegen. Man hatte den Strom der Vertriebenen erwartet und für die Nacht Unterkunft bereitet. Männer und Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen, standen bereit, sie zu empfangen. Den todmüden Müttern wurden die Kinder abgenommen und mit warmer Milch gelabt, für die Erwachsenen waren Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es auch waren, alle bekamen Obdach und Lager für die Nacht. Manche waren zu Tränen gerührt über diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr wiedergewonnenes deutsches Vaterland!

* * * * *

Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Straßburg eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren müssen. Er brachte seine Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war er daheim. Unermüdlich waren in dieser Zeit seine Bemühungen, durch Anfragen bei Behörden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen über das verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen. Bahn, Post und Telegraph waren fast nur für das Militär zu haben und auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch nehmen. Schon waren große Schlachten geschlagen und viele Opfer gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das Wort „vermißt“ vor. Wie konnte man verlangen, daß alle sich bemühen sollten, nach dem einen kleinen Vermißten zu forschen?

Das große Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus dem großen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; für die kurze Zeit, die sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine Häuslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam, nach den glänzenden Pariser Verhältnissen. Sie waren glücklich, beisammen zu sein, aber im stillen fürchteten sie beide den Tag, an dem sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzähligen derselbe Abschied bevorstand, so fühlten sie, daß es ihnen schwerer wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief bedrückte.

Eines Abends saßen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke störte die Stille. „Wer kommt so spät noch?“ Herr Kolmann ging zu öffnen. Ein Briefträger stand außen. „Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint, es könnte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen.“ Der Bote ging.

„Gewiß eine erfreuliche Kriegsnachricht,“ sagte Kolmann, indem er sich wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: „Auf Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die Kriegswirren--namentlich in Ostpreußen und im Elsaß--von ihren Angehörigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach solchen suchen.“

Es folgte eine Liste. Sie begann:

„Berta Schwarz, Lehrerin aus Lyck, gesucht von Frau Elise Schwarz in Berlin, Passauerstraße 6.“

„Ernst und Max Gullasch, 12 und 14 Jahre alt, gesucht von Lehrer Gullasch in Heinrichswalde.“

„Familie Schneider, gesucht von Anna Schneider in Altkirch im Elsaß.“

„Administrator Bajohr mit 40 Familien aus Milluhnen, gesucht von Grau Donalus, Fasanenstraße.“

„Dienstmädchen Ida Kern, gesucht von Dr. Mayer in Mühlhausen im Elsaß.“

So ging das weiter, eng gedruckt, eine lange Spalte.

„Ja,“ sagte Herr Kolmann, indem er die Liste überflog, „an diese Zeitung wollen wir uns wenden, ich werde gleich schreiben.“ Er stand auf, das Schreibzeug zu holen.

Im selben Augenblick stieß seine Frau einen Schrei aus: „Liebster, höre nur: ‚Bankier Kolmann und Frau gesucht von ihrem Sohn Paul in Ulm, Walfischgasse 3, bei Frau Peter.‘ Sieh doch, lies nur, ist's denn wahr? Herzensmann, lies!“

Die Freude benahm ihnen schier den Atem, als sie zusammen lasen und aus den wenigen Worten herausfanden, daß ihr geliebtes Kind wieder gefunden war. „Er sucht uns!“ rief Frau Kolmann bewegt, „‚gesucht von ihrem Sohn‘ heißt es. Wer hat ihm nur geholfen, daß er diesen Ausweg fand? O diese Frau Peter, die möchte ich in Gold fassen! Wäre nur schon die Nacht vorbei! Was machen wir nun? Soll ich gleich abreisen?“

„Zuerst telegraphieren, morgen in aller Frühe!“

Am nächsten Tage gingen Telegramme hin und her. Soviel erfuhren die Eltern, daß Paul gesund sei und gleich abreisen würde; ihn abzuholen, sei unnötig.

„Also wird ihn Frau Peter bringen,“ schloß Frau Kolmann, „denn allein kann das Kind doch nicht reisen.“

Sie telegraphierten noch einmal; es kam die Antwort: Paul sei schon abgereist.

Die Züge gingen so unregelmäßig, man wußte nie, wann einer kam.

Aber Frau Kolmann machte unermüdlich mit ihren zwei Kindern den Gang an die Bahn und einmal, als sie wieder am Bahnsteig stand, da sprang ein Junge aus dem Zug--ihr Junge; und war im Nu bei ihr, herzte und küßte sie, lachte vor Glück und weinte vor Freude; gab dem Bruder einen Kuß, hob die Kleine auf den Arm und rief: „Ich kann sie ganz nach Hause tragen. Unseren Kleinen, weißt du, den von Frau Peter, habe ich auch immer getragen. Wir haben keinen Kinderwagen. Wir waren sehr arm, Mama, in der ersten Zeit; aber jetzt haben wir eine Nähmaschine, da kann Frau Peter viel mehr verdienen, jetzt geht es schon besser.“

„War sie gut, die Frau Peter?“

„O ja, Mama. Sie hat mich von Paris mitgenommen an die Grenze. Dort darf niemand hinüber, der nicht auf dem Paß genannt ist. Da hat sie mich Johann genannt, weil so ihr Kleiner heißt und auf dem Paß stand. Der Beamte wollte uns aber doch nicht durchlassen, er sagte, es stehe nur ein Kind auf dem Paß. Da hat Frau Peter den Kleinen, der gerade mörderisch nach seiner Milch schrie, dem Mann hingehalten und hat ihn angefahren: „So nehmen Sie den Schreihals, den geb ich billig!“ Da ist der Beamte ordentlich zurückgebebt und hat uns durchgelassen. Ich habe so lachen müssen, daß ich uns fast verraten habe.--Dann sind wir nach Ulm, in Frau Peters Heimat gefahren. Dort hat sich eine Dame um uns angenommen und uns ein Stübchen und Arbeit verschafft. Für mich hätte sie eine Familie gewußt, die mich aufgenommen hätte, aber Frau Peter und ich wollten doch lieber beisammen bleiben. Die Dame hat auch die Anzeige in die Zeitung gesetzt und dann ist Euer Telegramm gekommen.“

Immerzu erzählte Paul; sein Herz war übervoll von all den Erlebnissen.

Als sie zu Hause ankamen und die kleine Wohnung betraten, bewunderte er die Zimmer, die ihm schön und groß vorkamen. Darüber mußte sich sein Bruder Emil wundern. „Uns gefällt es gar nicht“; sagte er, „wir haben doch in Paris eine schönere Wohnung gehabt!“

Aber Paul ließ sich nicht beirren, ihm kam alles wunderschön vor, und die Mutter war froh darüber. Sie merkte es aus allem: in großer Armut hatte ihr Kind diese Wochen verlebt, aber es hatte ihm nicht geschadet, im Gegenteil.

Nun kam der Abend und brachte den Vater. In Uniform trat er, strammer als sonst, herein--Paul war einen Augenblick ganz befremdet; aber der Vater zog ihn so warm an sein Herz, daß die alte Vertraulichkeit gleich wieder da war.

„Der Papa geht jetzt in den Krieg,“ erklärte Emil.