Kriegsbüchlein für unsere Kinder

Chapter 3

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Der Pfarrer ließ sagen, man möge das Grab richten, er werde den Toten beerdigen, aber es müsse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen.

Vom Dorf aus brachten vier Träger den Sarg mit dem Toten. Niemand als seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das Friedhofglöcklein geläutet. Der Pfarrer blieb bestürzt stehen: „Wer läutet? Wißt ihr nicht, daß die Kosaken auch das Läuten bei Todesstrafe verboten haben?“

„Ach, Herr Pfarrer,“ sagte die Frau erschreckt, „es ist ja nur das Sterbeglöckchen! Ich habe den Meßner gebeten, daß er läutet. Das werden die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Geläute zu Grabe getragen werden.“

Der Pfarrer hörte kaum auf sie, er wandte sich an ihren ältesten Buben: „Spring zum Meßner! Er soll das Läuten sein lassen, es kann ihm das Leben kosten!“

Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst über dem Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich für verraten. Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wütend stürmten ein paar von ihnen nach der Kirche. Der Glöckner wurde in einem Augenblick überwältigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem Pfarrer, denn der hatte gewiß das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der wilden Rotte liefen die Sargträger und die Wirtin mit ihren Kindern unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. „Ich habe nur getan was meines Amtes ist,“ sagte er zu ihnen in ihrer Sprache, „das Läuten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen.“ Da wechselten sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt fortzuführen. Im Augenblick waren ihm die Hände auf den Rücken gebunden. Dabei riß einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. „Versündige dich nicht,“ sagte der Pfarrer, „lege es dem Toten auf sein Grab,“ und der Kosak gehorchte seinem Gefangenen.

Sie führten den Gefesselten durch das Dorf. Die Straßen waren leer, niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Straße und mit Entsetzen sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem Wirtshaus geführt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten.

Nur die Pfarrfrau wußte nichts von allem, was geschehen. Zwar über das Läuten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darüber nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter geworden; sie hörte sie lebhaft reden und eilte, Frühstück für sie zu bereiten. So früh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, daß ihr Mann wieder vom Friedhof zurück käme.

Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie mußte sich wohl darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre Sprache gekonnt hätte! Sie öffnete die Türe; aber die Soldaten schienen nicht vor zu haben, zum Frühstück zu kommen, sie gingen auf die Haustüre zu.

„Tee?“ fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene Türe war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zögerten bei diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte; dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Käs und Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Straße. Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklären, ging hinauf in das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepäck mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also mußten sie wohl heute früh schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon verspätet und deshalb so eilig? O Wonne, diese Gäste glücklich los zu sein!

Vom Gastzimmer aus konnte man hinüber blicken nach dem Friedhof. Der lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er so früh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar? Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher unmöglich schien.

Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese Stille etwas Bedrückendes. Es fröstelte sie. Sie ging wieder hinunter in die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die große Teekanne. Ja, eine Tasse Tee würde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe über die Kanne, daß der Tee schön heiß bliebe, bis ihr Mann endlich käme. So saß sie ganz allein an dem großen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete auf ihren treuen Gefährten, der doch auch noch kein Frühstück hatte.

Jetzt endlich hörte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten, durch die Flur; die Wohnzimmertüre ging auf--ihr Mann stand vor ihr.

„So, endlich!“ sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, „jetzt komme nur gleich, der Tee wird kalt!“

Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der einzigen Sorge: der Tee würde kalt.

Sie sah jetzt seine Erregung. „Was ist denn geschehen?“ fragte sie ängstlich.

„Du weißt wohl von gar nichts?“

„Nein, wo warst du denn?“

„Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde. Gefesselt bin ich vom Friedhof herein geführt worden, ganz nahe an unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's gönnen, daß du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Läuten der Sterbeglocke für Verrat gehalten; dem Glöckner hat es das Leben gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz weiß, Luise; es ist nichts mehr zu fürchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer Einquartierung. Unsere vier Leute sind für mich eingetreten, haben für mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!“

„Ja, Gott Lob und Dank!“ Die Pfarrfrau war so erschüttert, sie konnte sich gar nicht fassen. Freilich für diesmal war die Gefahr überstanden; aber noch heute konnten größere feindliche Heere das Land überfluten.

Aus der Ferne hörte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen.

Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Straße und wieder kamen sie in großer Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt. Sie wollten flüchten; alle waren einig, so schnell wie nur möglich; keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des Glöckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen einen Schreck eingeflößt, so daß es von Mund zu Mund ging:

„Nur fort, nur fort!“

Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefüllt, Kranke und Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvögel u. dgl. durften mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben.

Unterwegs stieß man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz anders gehaust und Greuel verübt hatten, bei deren Bericht man schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwärts; ängstliche, bekümmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verließen und mit schwerer Sorge in die Zukunft sahen.

Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfüllte die Straßen und Plätze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich brüllend in den engen Straßen.

Aber es wurde Ordnung geschafft und mit rührender Nächstenliebe wurden in kurzer Zeit all die armen Flüchtlinge untergebracht, wurde Dach und Fach, Arbeit und Verdienst für sie geschafft.

Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch sie trauerten um das schöne Land, das vom feindlichen Heer verwüstet wurde, und um die unglückseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen Ostpreußens hatten _ein_ gemeinsames Leid, _eine_ gleiche Sehnsucht. Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der Hand der Feinde gerettet würde.

Und der große Tag kam; der Retter Ostpreußens erschien: Generaloberst _von Hindenburg_, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite.

Was war das für ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland!

Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen Flüchtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, daß sie bald wieder in die geliebte Heimat zurück könnten. Alles Schwere, alles Leid versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott, der dem Leid ein Ende gemacht.

Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen dürfen zurückzukehren, denn noch immer können sich feindliche Einfalle an der Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte Not für die Flüchtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so glücklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen!

Die Konservenbüchsen.

In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krauß unter seiner Ladentüre und sah die Straße hinunter, immer nach einer und derselben Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenüber sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und sie rief dem Nachbar zu: „Kommt sie noch nicht?“--„Sie muß gleich kommen.“

Des Sattlers Buben spielten vor dem Haus; der größere von beiden sah aber nebenbei auch immer wieder die Straße hinunter. „Jetzt kommt sie!“ rief er und rannte davon.--Sie, nach der sich alles sehnte, war die Zeitungsausträgerin, eine dicke Frau, die so schnell watschelte, als sie es mit dem schweren Pack Zeitungen vermochte, den sie unter dem Arm trug. Sie war froh, daß ihr viele Blätter auf der Straße abgenommen wurden und sie sich manche Treppe ersparen konnte; heute besonders. Man hatte in der Stadt schon etwas von einem großen Sieg der Deutschen gehört und war gespannt, ob es auch gewiß wahr sei. Wer seine Zeitung glücklich in Händen hatte, las sie schon auf der Straße. Auch Georg, so schnell er mit dem Blatt auf den Vater zulief, las doch schon unterwegs, was mit großen Buchstaben über das ganze Blatt gedruckt stand und rief dem Vater zu: „_Großer Sieg über die Russen, sechzigtausend Mann gefangen_.“--„Wirklich? gib her, Georg!“ Der Vater verschwand im Laden, die Buben folgten ihm. Bald lag das Blatt auf dem Ladentisch, auch die Mutter lehnte sich darüber; der Vater las laut und alle freuten sich. Aber nun kam ein Offiziersbursche in den Laden, der brachte Riemenzeug, an dem etwas zu verbessern war, und die Zeitung mußte beiseite gelegt werden. Die Mutter ging an ihre Arbeit in der Küche, die Jungen folgten ihr. „Das hätte ich so gerne noch gehört,“ sagte Georg, „was der Vater eben angefangen hat zu lesen von den Konservenbüchsen.“--„Was für Büchsen sind denn das?“ fragte der kleine Hans.--„Blechbüchsen, in denen allerlei eingekocht ist, Obst, Gemüse und Fleisch, was die Soldaten im Krieg zum Essen nötig brauchen, wenn sie gerade nichts Frisches haben können. Der Vater wird schon nachher weiterlesen. Geh du einstweilen, Georg, und hole den Käs zum Vesper für den Vater und den Gesellen. Ein Viertelpfund, es darf auch um ein paar Pfennige mehr sein, wenn es ein schönes Stück ist. Ich gebe dir 35 statt 30 Pfennig mit.“

Georg ging mit dem Geld in die nächste Straße und verlangte in dem Warengeschäft ein Viertelpfund Käs. Ein Stück wurde abgeschnitten und gewogen. „Diesmal haben wir's gerade erraten, ein Viertelpfund, 30 Pfennig,“ sagte die Verkäuferin. Währenddessen hatte Georg auf dem Ladentisch einen Glaskasten mit sehr verlockend aussehenden Schokoladestangen erblickt. Das Stück fünf Pfennig, stand auf dem Kasten. Und fünf Pfennig hatte er doch gerade auch in der Hand. Auf diese fünf Pfennig kam es der Mutter nicht an; sie wären ja auch weg gewesen, wenn er sie für den Käs ausgegeben hätte. „Und eine Schokoladestange für fünf Pfennig,“ sagte er; bekam sie, ging hinaus, ließ sich die Schokolade schmecken und hatte auch kein schlechtes Gewissen dabei; „wegen der fünf Pfennig“. Er war schon mit Essen fertig, als er heimkam. Die Mutter nahm ihm den Käs ab. „Komm, der Vater ist allein im Laden, er liest uns noch mehr aus der Zeitung vor.“ Bald standen sie wieder zu vieren beisammen, und der Sattler las: „Unter den Gepäckwagen, die unsere wackeren Soldaten den Russen abnahmen, fand sich zur großen Freude unserer Krieger auch ein mit Konservenbüchsen angefüllter. Die Büchsen waren verlötet und jede trug die Gewichts- und Inhaltsangabe der verschiedenen Gemüse- und Fleischgerichte. Als aber eine und dann immer mehr dieser Büchsen geöffnet wurden, fand sich, daß sie, anstatt mit Eßwaren, mit Sand und Spänen gefüllt waren. Dieser Betrug ist wieder ein Beispiel von der tiefen Verderbtheit, die im russischen Volk herrscht.“

„Nein, solch eine Gemeinheit, so etwas gibt's doch bei uns Deutschen nicht!“ rief die Frau empört.--„Ja es ist unglaublich!“--„Was denn, Mutter, was ist denn so schlimm, erkläre mir's doch,“ drängte der Kleine, der mit Aufmerksamkeit zugehört, aber doch die Zeitungsmitteilung nicht recht verstanden hatte.

„Begreifst nicht?“ sagte die Mutter, „wenn ich dir einen Nickel gebe und sage, du sollst mir Salz holen, dann darfst du nicht hingehen und dir Gutele darum kaufen; gelt das wäre nicht recht? Da hat aber der russische Kaiser vielleicht 1000 Mark hergegeben, hat zu seinen Leuten gesagt, sie sollen Büchsen mit Fleisch und Gemüse füllen für die Soldaten. Die haben aber das Geld für sich behalten, haben kein Fleisch und Gemüse gekauft, sondern sie haben Sand geholt und in die Büchsen getan und haben sie zugelötet.“

„Die Russen haben das getan?“ fragte Hans, der mit größter Spannung zugehört hatte.

„Ja die Russen, die Deutschen nicht, die tun so etwas nicht, die sind ehrlich.“

„Mit wieviel Jahren wird man denn ein Deutscher?“ fragte Hans wieder, „ich möchte auch ein Deutscher werden.“

Sie lachten über den Kleinen und die Mutter streichelte ihm den Blondkopf: „Bist schon längst einer, Hans, schon seit du auf der Welt bist. Bist kein Russe, nein, sondern ein ehrlicher, deutscher Bub!“ Georg, der am Ladentisch lehnte, hatte aus den Worten der Mutter gehört, daß der Deutsche ehrlich sei; und er wurde ganz nachdenklich. Die fünf Pfennig, die für den Käs bestimmt waren, hatte er für Schokolade ausgegeben; wie die Russen, dachte er. Aber ich bin doch ein Deutscher. „Wenn einer einmal ein wenig unehrlich ist, deswegen bleibt er doch ein Deutscher, gelt Mutter?“ sagte er, „nur natürlich so etwas, wie mit den Büchsen, darf er nicht tun!“ Der Vater blickte von der Zeitung auf und sah Georg an. „Mit der kleinen Unehrlichkeit fängt's allemal an,“ sagte er, „es hat keiner gleich 1000 Mark. Aber wenn er zuerst um einen Pfennig betrügt, so kommt er immer weiter.“

„Das ist doch ein Unterschied, auf fünf Pfennig kommt's doch nicht an,“ beharrte Georg.

„Auf die Pfennige käme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit, die darf eben keinen Flecken haben; da muß sich einer rein halten, schon als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich erschwindeln kann, als auf fünf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird auch das andere nicht können.“

Jetzt wurde es Georg ganz angst; er würde doch nicht später einmal so etwas tun, wie es die Russen getan hatten?

„Gelt, dich drückt etwas,“ fragte die Mutter ihren Großen, der in sichtlichem Unbehagen dastand, „hast was auf dem Gewissen, Georg?“

„Ja, fünf Pfennig vom Käs. Die waren übrig und ich hab mir Schokolade dafür gekauft und schon gegessen, sonst möcht' ich sie gleich hergeben.“

„So, so!“ sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehörte doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Während er sich so besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, sodaß die erste Seite wieder obenauf lag mit der großen, frohen Siegesnachricht über die Russen. „Ja, ja,“ sagte er plötzlich und sah hell auf, „die Russen haben wir besiegt; die ganze Russenart müssen wir unterkriegen; denn etwas davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kämpfen dagegen an. Wir sehen's jetzt im Krieg, wohin das führt. Ehrliche Deutsche wollen wir sein, keinen Fünfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den Büchsen, gelt du?“--„Ja, Vater!“--„Da drüben ziehen sie die Fahne auf!“ rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentüre. „Ja, Sieg über die Russen und über die Russenart!“

Zu welcher Fahne?

Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt Elsässer; auch seine Frau stammte aus dem Elsaß. In Straßburg hatten sie ihren Hausstand gegründet, dort waren auch ihre beiden ältesten Kinder, zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Später war die Familie Kolmann nach Paris übergesiedelt, wo dem Manne eine gute Stelle an einem großen Bankgeschäft angeboten war. Sie lebten nun seit drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Brüdern noch ein Schwesterchen gekommen. Für die Elsässer war das Eingewöhnen in Paris leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die französische Sprache vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern französisch und jedermann, der nicht näher mit ihnen bekannt war, hielt sie für Franzosen. Paul und Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den französischen Altersgenossen zur Schule.

Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli und brachte schwere Sorgen und Überlegungen für viele Deutsche in Paris.

In dem Bankgeschäft, für das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wußten sie doch, daß ihres Bleibens nicht mehr war, und daß sie jeden Tag ihre Einberufung erwarten mußten. So verließen sie Frankreich noch vor dem eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurück.

Der Direktor der Bank, für den die plötzliche Abreise mehrerer Angestellter sehr störend war, sprach mit Kolmann. Er sagte ihm, daß er darauf rechne, ihn, den Elsässer, zu behalten. Im Kriegsfall käme ja Elsaß doch wieder an Frankreich. Die Elsässer würden alle gleich bei Beginn des Kriegs zu den Franzosen übergehen; daran sei gar nicht zu zweifeln.

Darauf entgegnete Kolmann, er habe in Deutschland gedient und würde im Kriegsfall einberufen werden.

„Dagegen gibt es ein sehr einfaches Mittel,“ meinte der Direktor; „Sie dürfen sich nur naturalisieren lassen, das heißt wieder Franzose werden. Im übrigen ist ja immer noch Hoffnung, daß es nicht zum Krieg kommt; die Gefahr kann auch wieder vorüber gehen. Einstweilen möchte ich Sie ersuchen, möglichst die Arbeit der abgereisten Kollegen zu übernehmen, wofür ich Ihren seitherigen Gehalt verdoppeln werde.“

Sehr nachdenklich kam an diesem Abend Kolmann vom Geschäft heim. Seine drei Kinder waren schon zu Bett gebracht. In einem reizenden, kleinen Salon erwartete ihn seine Frau.

„Wie spät du heimkommst,“ klagte sie. „Das kann doch nicht so weiter gehen! Der Direktor kann nicht von dir verlangen, daß du die Arbeit der Herrn übernimmst, die abgereist sind.“--„Ich muß es ja nicht umsonst tun. Der Direktor hat mich heute darum gebeten und mir den doppelten Gehalt angeboten.“

„O wie fein!“ rief Frau Kolmann, „den doppelten Gehalt! Ja, dann werde ich nicht murren, wenn du später von der Bank kommst; wir werden den Abend um so vergnügter verbringen. Gehen wir gleich heute noch ins Odeon? Oder wo feiern wir sonst diese frohe Botschaft?“--„Bitte, laß uns nur ruhig zuerst zu Abend essen. Ich bin wirklich müde und gar nicht in der Stimmung auszugehen.“

„Schade,“ sagte die junge Frau, „wie kann einer nicht in guter Stimmung sein, wenn man ihm unvermutet einen so glänzenden Gehalt anbietet? Aber ich will dich nicht plagen, mein Lieber; mich hat diese Nachricht wirklich in die allerbeste Stimmung zersetzt. Komm ins Eßzimmer, der Tisch ist gedeckt. Wir werden Champagner aus dem Keller holen lassen und auf das Wohl deiner Herrn Kollegen trinken, die ihren Gehalt im Stich gelassen haben und uns zu reichen Leuten machen. Wie töricht sie waren, so schnell abzureisen; es kommt garnicht zum Krieg gewiß nicht, ich habe es heute erst im Figaro gelesen.“

„Glaube den französischen Zeitungen nicht, sie lügen!“

„Aber nein, gewiß nicht; was ich gelesen habe, kann nicht erlogen sein: der Zar hat dem deutschen Kaiser telegraphiert, er wolle keinen Krieg. Auch der König von England versichert, er habe den ernsten Wunsch, einen europäischen Krieg zu verhindern. Daß die Franzosen den Krieg fürchten, wissen wir doch ganz gewiß und ebenso, daß die Deutschen nie anfangen. Also, wie soll es einen europäischen Krieg geben? Komm, sei nicht so schwarzsichtig, laß dir das Essen schmecken. Denke nicht mehr an den Krieg. Du hast noch gar nicht nach den Kindern gefragt.“

„Ja, wie geht es ihnen?“

Die Mutter erzählte nun fröhlich, daß die kleine Mimi, die einjährige, schon die ersten Schrittchen allein mache und wie Emil und Paul zärtlich seien mit dem kleinen Liebling. Über diesem Geplauder wurde auch der Vater wieder heiter, die Kinder waren seine Herzensfreude.

Am nächsten Morgen machte sich Kolmann frühzeitig auf den Weg zur Bank. Er wußte, daß viel Arbeit auf ihn wartete, und verabschiedete sich von Frau und Kindern mit den Worten: „Auf Wiedersehen um zwei Uhr.“ Zärtlich küßte er seine zwei Knaben, die mit der Mutter beim Frühstück saßen, ging auch noch in das Kinderzimmer, wohin ihn das Stimmchen der Kleinen lockte. Sie wurde eben von der „Bonne“ in ein weißes Kleid gesteckt und streckte verlangend dem Papa die Ärmchen entgegen. Nur einen Augenblick hatte er Zeit, das Kind auf den Arm zu nehmen; dann gab er es wieder der Kinderfrau zurück und verließ eilends das Haus.--Er war noch keine hundert Schritte gegangen, als ihm ein Junge ein Zeitungsblatt anbot: „Es ist der Krieg!“ rief der Junge, erhielt einen Sou und eilte zum nächsten Vorübergehenden mit dem Ruf: „Es ist der Krieg!“

Kolmann hielt mit vor Aufregung zitternden Händen das Blatt und las, daß die Franzosen über die deutsche Grenze geschritten und in die Vogesen eingedrungen waren. Daraufhin hatte Deutschland an Frankreich den Krieg erklärt.