Kriegsbüchlein für unsere Kinder

Chapter 2

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Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. „Aber weißt du, daß Krieg ist?“ fragte Karl. Philipp lachte hell auf. „Besser als du. Wißt ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklärt!“

Die Mutter blieb mitten auf der Straße stehen: „England! Kinder, das ist ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es denn amtlich mitgeteilt?“

„Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir müssen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heißes: Alle Mann auf Deck! Du hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter, daß ich mich als Freiwilliger gemeldet habe.“

Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: „Philipp, du mit deinen siebzehn Jahren!“

„Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen können. Ich habe mich gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur, ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut.“

„Aber er muß doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?“

„Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris, die Mutter in Österreich, da kann ich natürlich nicht warten, bis sie heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das war ihm recht. Dann fragte er nach dem ärztlichen Zeugnis. Das habe ich mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten können, sie gehen reißend ab, sind schon kaum mehr zu haben.“

„Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!“

Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal für den Bruder ein. „Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr bekommen!“

Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: „Mutter, es ist eben Krieg! Und was für ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kämpfen kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!“

„Ich auch,“ „und ich,“ riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: „Die Engländer auch--eine Welt von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurückhalten!“

* * * * *

Eine Weile später saßen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah Philipp nach, der hin und her ging und für die erschöpften Reisenden in liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unnützer Schlingel; nein, ihr Philipp, der künftige Soldat, der sein Leben geben wollte fürs Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg!

Der 4. August

Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der Großeltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, mußte aber gleich wieder abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit über die ganzen Ferien hier bleiben.

Es ist herrlich hier bei den Großeltern. Die Großmutter hat mir ein reizendes Mädchenstübchen eingerichtet und der Großvater, der im siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzählt uns viel und kann alle Kriegsnachrichten fein erklären. Aber noch lieber hätten die Mutter und ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz überglücklich, als er uns neulich telegraphierte, er würde uns auf der Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir sind noch ganz erfüllt von seinem Besuch und ich will mir alles ausschreiben, was er uns erzählt hat; ich möchte garnichts davon vergessen; denn ich bin stolz und glücklich, daß der Vater so Großes miterlebt hat, und während er uns erzählte, kamen mir vor Begeisterung fast Tränen.

Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges zu einer außergewöhnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.

Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muß ganz anders gewesen sein als in gewöhnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem habe man angesehen, daß er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast vollzählig waren sie da, aber doch nicht _ganz_, weil einige schon zu ihrem Regiment einberufen waren.

Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eröffnung im Weißen Saal des königlichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat, Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin Eitel Friedrich saßen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht viel anders, als es jedesmal bei der Eröffnung des Reichstags ist. Aber das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an den Krieg, daß der Kaiser in der grauen, feldmarschmäßigen Uniform erschien und auch der Kronprinz und die fünf andern Prinzen, alle in Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, daß wir durch Jahrzehnte unermüdlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und daß nur mit schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er von unserer Bundestreue gegen Österreich und von der Feindschaft im Osten und Westen, und der Vater sagt, man fühlte bei dem begeisterten, stürmischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam. Am Schluß bat der Kaiser, der Reichstag möchte doch einmütig und schnell die nötigen Beschlüsse fassen.

Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewöhnliches: der Kaiser sprach noch frei einige persönliche Worte. Davon habe ich mir das gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ Und dann bat er die Vorstände der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, daß sie mit ihm durch dick und dünn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.

Da traten die Präsidenten und die Parteivorstände, zu denen ja auch der Vater gehört, vor, und gelobten es durch Händedruck. Ich weiß nicht, ob der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon vorher war, aber ich bin's, das kann ich für ganz gewiß sagen.

Und ich begreife so gut, daß alle Anwesenden nach dem „Hoch“ auf den Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne angestimmt haben und alle mitsangen. Ich möchte nur gerne wissen, wer den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiß es nicht; er sagt, man hatte den Eindruck, als hätten es alle zugleich getan.

Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das ist schade; aber später waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher muß ich noch was Lustiges erzählen.

Als nämlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verließ der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack, sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen Augenblick an, drückte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem Herrn: „Nun aber wollen wir sie dreschen!“

Dies kräftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, daß es zur Losung für den Krieg geworden ist und auf allen möglichen Postkarten sieht man, wie wir uns das „Dreschen“ ausmalen können.

Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung.

Schon gleich der Anfang war großartig. Von all den umständlichen Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so unerquicklich ausfüllen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Präsident und Schriftführern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmütig standen die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, daß ihnen der frühere Präsident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug hätte stören mögen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: „Ein gewaltiges Schicksal bricht über Europa herein.“ Dann legte er dar, wie es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die Russen sich so heimtückisch benommen hätten und wie die Franzosen ohne Kriegserklärung in die Reichslande eingedrungen seien, so daß wir nicht länger zuwarten konnten und nach Belgien hinein mußten, weil uns sonst die Franzosen von dieser Seite angegriffen hätten. Wir könnten mit reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Höchstes verteidigen müssen.

Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreißend sei der Schluß gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief: „Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr ist das ganze deutsche Volk!“ Da brauste es durch den großen Saal und von den dicht gefüllten Tribünen; der Beifall wollte garnicht enden und der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: „das _ganze_ deutsche Volk!“ Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er über die Sozialdemokraten hinwies, die ebenso stürmisch Beifall riefen, wie alle andern Parteien.

Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso großartig zu. Ich weiß aber nur noch das eine, daß alles, was die Regierung beantragt hatte, einmütig ohne irgend einen Widerspruch durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden für die Kriegsausgaben bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte: „Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich.“

Das freute mich am allermeisten. Am Schluß der Sitzung dankte der Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal einen stürmischen Beifall, als er sagte. „Was uns beschieden sein mag, der _4. August 1914_ wird bis in alle Ewigkeit einer der größten Tage Deutschlands sein.“

Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzählte. Er sagte, den größten Sieg hätten wir schon errungen, den über unsere eigene Uneinigkeit; jetzt könnten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser hat es ja auch in dem Ausruf: „An mein Volk“ gesagt: „Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es _einig_ war.“

Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde ärgern werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte über diesen Reichstag lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir streiten nur untereinander, wenn es nach außen nichts zu streiten gibt, und das finde ich ganz natürlich.

Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch einige Besprechungen, über die er aber nichts mitteilen darf. In diese Tage fiel die Kriegserklärung der Engländer. Diese taten, als müßten sie Belgien schützen und leider deshalb in den Krieg ziehen.

Aber der Vater sagt, man hätte gleich gewußt, daß das nur ein Vorwand sei und England habe sich durch diese Ausrede nur verächtlich gemacht. Es sei eine große Schande, daß sie sich mit den Russen verbünden und sie würden dieses Unrecht schwer büßen müssen.

Für den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht viel für uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern nicht gern anvertraut.

Wenn ich nur schon 18 Jahre alt wäre statt 13, dann würde ich vielleicht auch in manches eingeweiht. Statt dessen muß ich in die Schule gehen, als wenn kein Krieg wäre. Die Mutter versteht, daß ich keine Lust dazu habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah erstaunt auf mich und sagte: „Ich hoffe doch von meinem Mädel, daß es dasselbe tut, wie unsere Soldaten!“ Ich verstand nicht gleich, was er damit meinte, bis er sagte: „Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst, als nur das Nötige, so soll es mich freuen.“

Da schwieg ich über die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu Hause ist, oder in der Schule, bei den Großeltern auf dem Land oder bei den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als daß wir Deutsche siegen!

Das Pfarrhaus in Ostpreußen.

In Ostpreußen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, blühende Land, das an das riesige russische Reich grenzt, mußte den ersten Anprall der Feinde aushalten. Wohl kämpften die todesmutigen preußischen Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach Deutschland vorzurücken; aber Ostpreußen war der Kampfplatz und ehe das Volk nur recht wußte, daß der Krieg erklärt sei, begann schon die Verwüstung des Landes.

Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und Hof, Äcker und Vieh besitzt, verläßt nicht so leicht die Heimat.

Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen hörten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. „Wir können nicht,“ sagten sie zueinander, „wie sollten wir das machen? Wohin? Wovon sollen wir uns ernähren? Was mit den Kranken anfangen, und wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht.“

Vom Nachbarort hatte man freilich gehört, daß viele Familien geflüchtet waren, auch der Pfarrer.

„Unser Pfarrer wird auch gehen,“ sagten sie zu einander, „er hat seine Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen; da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins Pfarrhaus gehen und hören, was der Herr Pfarrer meint.“

Der Pfarrer saß am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt, aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas.

Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau öffnete die Türe. Eine ganze Anzahl Männer und Frauen standen da. Sie sagten, daß sie des Herrn Pfarrers Meinung hören wollten, ob man fliehen sollte.

Der Pfarrer riet zur Flucht: „Morgen schon können die Feinde hier sein,“ sagte er, „und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Männer sind unseres Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten preisgegeben. Jetzt können wir noch flüchten; die Landsleute in Westpreußen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich überzeugt.“

„Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?“

„Wenn ihr geht, ja.“

„Und wenn wir nicht gehen?“

„Dann werde ich bei euch bleiben.“

Einer sah den andern an, sie waren still und überlegten. Die Pfarrfrau, die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme: „Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr könnt ja doch Haus und Hof nicht schützen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen, gleich heute, sonst ist es zu spät!“

Da wandte einer der Bauern sich an sie: „Frau Pfarrer, ich glaube es nicht, daß die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der großen Straße; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen, dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben.“

Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblaßte. Wohl legte ihr Mann den Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie fühlte: es ist umsonst, was er redet, sie können sich nicht trennen von ihrer Heimat.

So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: „Wir danken auch, daß Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer.“

Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder der Pfarrleute. Der Kleine saß in der Schaukel, das fünfjährige Fickchen kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen deutete einer der Männer auf die Kinder: „Die haben wir auf dem Gewissen, wenn sie in die Hände der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer betrifft, die wäre gern geflohen.“--„Ja, und der Herr Pfarrer war auch dafür.“

„Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die deutschen Truppen stehen.“

Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln.

Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer seine Frau an sich mit großer, innerer Bewegung: „Wir müssen uns trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen.“

„O Johannes!“ rief sie, „warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch zu deiner Mutter!“ Sie weinte bitterlich. Er drückte sie innig an sein Herz: „Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich kann nicht, unmöglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie hätten keinen Gottesdienst, keinen Zuspruch in Unglück, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns trennen müssen.“

„Trennen?“ sagte sie, „wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir bis in den Tod.“

Es gelang ihm nicht, sie zu überreden, daß sie sich mit den Kindern flüchtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der Pfarrfrau: „Sei getreu bis in den Tod.“ Ruhig und mutig sah sie dem entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen.

Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schöner Sonntag war angebrochen. Die Kirche füllte sich wie an einem hohen Festtag. Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers hören, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille Andacht die ganze Kirche erfüllt wie heute. Als nach dem Gottesdienst der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine Anzahl Leute von der Landstraße her auf das Dorf zurennen. Schon von weitem hörte man ihren Schreckensruf: „Die Kosaken kommen! Ein ganzer Trupp ist hinter uns her!“

Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. „Luise, es wird ernst! Die Feinde kommen! Gott sei uns gnädig!“ Er wollte den Talar ablegen.

„Behalte ihn an,“ bat seine Frau, „vielleicht achten sie dies Gewand!“

„Meine gute, kluge Frau!“ rief er und drückte sie an sein Herz, „was wird nun über uns kommen?“

„Was sollen wir tun?“ fragte sie dagegen, „das Hoftor und die Haustüre schließen?“

„Das hat keinen Wert; sie schlagen die Türen ein und dringen dann schon in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine Furcht.“ Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im Nebenzimmer spielten: „Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf, wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen.“

„Keine Feinde, gelt Vater?“ sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige Worte hörte.

„Hungrige Soldaten,“ erwiderte dieser ausweichend. „Hilf der Mutter den Tisch decken, Stühle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine.“

Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch wie für Gäste.

In diesem Augenblick kam aus der Küche Maruschka, das Mädchen, totenblaß herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln.

„Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung. Sieh, daß das Essen recht gut ausfällt. Man muß den hungrigen Soldaten gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Küche, ich komme gleich nach.“

„Ei, Mutti,“ sagte Fickchen, „ich glaube, Maruschka ist bange vor den Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung.“

Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die Straßen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Häuser.

Dann plötzlich hörte man von ferne Pferdegetrabe, hörte ein Signal, die Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anführer ließ in deutscher Sprache ausrufen, daß keiner der Einwohner den Ort verlassen dürfe. Bei Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenläuten oder sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten. Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort.

Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schöne Pfarrhaus, obwohl es abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam mißtrauisch um sich schauend durch den Garten auf die Haustüre zu; voran einer, der der Anführer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Türe weit auf. Als seine große Gestalt im langen, schwarzen Talar plötzlich vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in russischer Sprache: „Kommt herein, der Tisch ist schon für euch gedeckt!“

Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit dem großen weißgedeckten Eßtisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Hände segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heißen. Die Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur.

„Das ist meine Frau und meine Kinder,“ sagte der Pfarrer ruhig. Die beiden Kleinen traten zutraulich heran. „Meine Frau kann nicht russisch, aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch, Luise,“ fügte er in deutscher Sprache hinzu.

Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepäck ablegten. Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anführer, es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die Hände. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens.

Was draußen in der Küche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte, was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs beste.

Während des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau aufgetragen: die schönen Betten im Gastzimmer überzog sie mit frischer Wäsche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die müden Soldaten hinauf und lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau sorgte voraus für das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, daß die Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen würden.

So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wüstes Treiben; das ganze Wirtshaus lag voll Kosaken, die aßen und tranken bis tief in die Nacht hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den Kellerschlüssel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er weigerte und wehrte sich; plötzlich zog einer der Soldaten die Pistole und schoß den Wirt nieder.

Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und am frühen Morgen, während die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin einen Buben zum Pfarrer, er möchte doch den Toten beerdigen, den die Soldaten nicht im Haus dulden wollten.