Kriegsbüchlein für unsere Kinder
Chapter 1
Kriegsbüchlein
für unsere Kinder
Von
Agnes Sapper
1914
Meinen lieben Enkeln
Theo Otto Eduard
gewidmet im Kriegsjahr 1914
Inhaltsverzeichnis
Heimkehr aus Österreich Der 4. August Das Pfarrhaus in Ostpreußen Die Konservenbüchsen Zu welcher Fahne? Der kleine Franzos In Gefangenschaft Der junge Professor Allerlei Kriegsbilder
Die Heimreise aus Österreich
„Ist das ein köstlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut, wie wollen wir die vier Wochen genießen!“ Frau Lißmann stand auf der Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen österreichischen Dörfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei jüngsten Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von zehn und ein Mädchen von zwölf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine Erfrischung brauchten. Beide hatten im Frühjahr Scharlachfieber gehabt und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die Pflege. So hatte Herr Lißmann, der in München Lehrer an einer Kunstschule war, für diese drei Glieder seiner Familie einen stillen Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewählt. Er selbst hatte Ende Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein ältester Sohn Ludwig war in Passau, wo er sein Einjährigenjahr abdiente. Es blieb noch Philipp, der siebzehnjährige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der wäre wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er war ein etwas leichtsinniger Schüler und hatte im Schuljahr so wenig gearbeitet, daß er in den Ferien lernen mußte. So übergaben ihn die Eltern einem Lehrer, der alljährlich eine Anzahl Ferienschüler aufnahm, und Philipp mußte sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach Paris nach Hinterrohrbach zu reisen!
Wieviel hatten all diese Pläne zu überlegen gegeben, und welche Mühe war es gewesen, für die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles Nötige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die große Wohnung abzuschließen und alles gut zu versorgen für die lange Ferienzeit! Kein Wunder, daß Frau Lißmann jetzt, nachdem all das hinter ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte.
„Herrlich ist's!“
Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die Altane getreten. Wie schön war's, die Mutter für sich zu haben, die Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglückt in die schöne Landschaft hinausschaute.
Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem Dörfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen, konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermißten unsere Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden Örtchen, in das nur zweimal wöchentlich ein Postbote kam.
Eines Morgens brach die Sonne durch, wärmte, trocknete und vertrieb die Nebel. Die bisher verhüllten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch für den nächsten Tag ein großer Ausflug geplant, und am frühen Morgen brachen sie auf, die Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstöcken bewaffnet, mit Rucksäcken versehen. Ihr Ziel war der Bergpaß, von dem aus man hinübersehen konnte in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fußgänger machten das leicht in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen und auf der Paßhöhe übernachten, wo eine einfache Unterkunft für Sommergäste war und von wo aus sie am nächsten Morgen den Sonnenaufgang sehen konnten. „Wenn es uns gar zu gut gefällt dort oben, bleiben wir vielleicht zweimal über Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns,“ sagte die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Bäuerin, bei der sie wohnten.
Wie war das schön für unsere drei Sommerfrischler, auf dem Bergsträßchen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal, immer näher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man auch andere Wanderer, die den schönen Tag benützten. Gegen Mittag wurde im Freien getafelt und nach einer längeren Rast ging es mit frischen Kräften vorwärts. Die Straße wurde steiler, der Anstieg mühsamer. „Nur sachte voran,“ mahnte die Mutter, „wir haben viel Zeit vor uns. Schaut euch um, es wird immer schöner.“
Je höher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und plötzlich--die Paßhöhe war erreicht--leuchtete das große Schneefeld des Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der Unterkunftshütte und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama.
So großartig und erhebend war der Anblick, daß sie wie aus _einem_ Mund riefen: „Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder herunter!“
Und so kam es auch. Als einzige Gäste der munteren Sennerin, die allein die Hütte bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen, friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene Gebirgswelt, nichts zu hören von dem, was tief unter ihnen die Menschen in ihren Städten beschäftigte.
Am dritten Tag umwölkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhüllt, das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an, und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere für die nächsten Wochen.
Als gegen Abend in der Ferne das Dörfchen erschien, freuten sie sich doch wieder auf dieses Heim. Endlich mußten ja auch Nachrichten eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft hatten sie sie herbeigewünscht, fast am meisten den siebzehnjährigen Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und arbeiten sollte, während sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften. Nun kamen sie am ersten Häuschen vorbei; unter der Türe standen der Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit einem Militärkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied genommen. „B'hüt Gott, b'hüt Gott, kommt g'sund wieder,“ riefen ihnen die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um und rief fröhlich zurück: „Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!“
„Hast du gehört, Mutter?“ rief Karl, „die ziehen in den Krieg!“
„Ja, offenbar,“ sagte die Mutter, „aber es hieß doch, die Tiroler müßten nicht einrücken. Bloß die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien ziehen.“
Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im Vorbeigehen hörten sie sagen: „In Kufstein ist es schon vorgestern angeschlagen gewesen.“
„Was denn?“ fragte Frau Lißmann und trat zu den Leuten.
„Daß die Russen den Krieg erklärt haben.“
„Nein, wirklich?“ sagte Frau Lißmann zweifelnd; „es wird ein falscher Lärm sein.“
Nun redeten alle zusammen: „Gestern ist's bekannt gemacht worden: Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst.“
Ein Mädchen stand dabei, das schlug die Schürze vor die Augen und ging weinend ins Haus zurück. Ihre Eltern sahen ihr nach: „Es ist hart für sie, am Sonntag hätte die Hochzeit sein sollen, nun muß er in den Krieg.“
Frau Lißmann konnte kaum glauben, was sie hörte. „Kommt, Kinder, kommt heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch keine gesehen, seit wir hier sind; es wäre ja schrecklich, wenn dies alles wahr wäre!“
Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfänden! Als sie sich dem Häuschen näherten, kam ihnen die Bäuerin schon entgegen: „Küß die Hand, gnä' Frau! Gottlob, daß Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen ausgeschaut. Daß Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er für Sie gebracht. Es wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles beisammen.“
Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lißmann öffnete, kam von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: „Bin einberufen, muß Philipp heimschicken.“ Die Mutter und die Geschwister waren bestürzt! Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!
Nun das zweite Telegramm, das kam vom ältesten Sohn Ludwig, von dem Einjährigen: „Unser Regiment kommt an die französische Grenze! Ich komme noch für einen Tag nach Hause.“
Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Rußland Krieg? Und nicht nur Österreich, auch Deutschland machte mobil? „Die Zeitungen her, Kinder!“ Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in großen Buchstaben über das ganze Blatt: _Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich_! Entsetzt stand Frau Lißmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater, der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der älteste Sohn mußte sofort mit in den Krieg! Und der jüngere, wo trieb der sich herum?
Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der Geschichtsstunde gehört hatte, und nun trat das plötzlich herein, ins eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: „Kinder, wir müssen heimreisen so rasch wie möglich!“--„Ja, Mutter, schnell, schnell,“ rief Lisbeth ängstlich. „Die Brüder können ja gar nicht ins Haus herein!“ Karl war nicht so schnell gefaßt. „Jetzt sollen wir schon wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht! Können wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn auf einen Tag an?“
Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie faßte sich mit beiden Händen an den Kopf, alle Gedanken mußte sie zusammennehmen. Sie holte den Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen pünktlich anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch gar nicht fassen, daß sie so ahnungslos, so vergnügt und glücklich in den Bergen herumgestiegen war, während ein so grenzenloses Unglück über das Vaterland hereinbrach. Aber sie mußte nun handeln, mußte packen, abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den Nachtzug nach München erreichen. „Lisbeth, fange an einzupacken; wie es kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach der Bahn zu bestellen.“
In der Dorfstraße, an einem Scheunentor, war ein großes Plakat angeschlagen. „Sieh, Mutter,“ sagte Karl, „vom Kaiser von Österreich: ‚An meine Völker!‘ Das möchte ich lesen.“--„So lies, ich gehe zum Wirt.“ Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll einberufener Burschen zur Station fahren müssen und konnte erst nachts zurückkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem nächsten Morgen war nichts zu machen. „Aber dann gewiß?“ fragte Frau Lißmann. „Um wieviel Uhr können wir wohl abfahren?“ Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie müßte erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen Bescheid sagen. „Um neun Uhr vielleicht.“--„So spät?“--Ja, die Pferde müßten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen, und ihre zwei Söhne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Tränen traten ihr in die Augen. Bekümmert verließ Frau Lißmann das Haus.
Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen, das besagte, daß auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse Österreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fühlte der Junge, was das Großes bedeute; er spürte keine Lust mehr, spazieren zu gehen. Nein, er begriff, daß der Mutter der Boden unter den Füßen brannte und daß sie unglücklich war, nicht heim zu können, wo man sie so nötig brauchte. Aber man mußte sich bis zum nächsten Morgen gedulden. Die Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Müden Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig überlassen, wenn doch vor neun Uhr keine Möglichkeit war, fortzukommen.
Aber um fünf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her; ihr Mann müsse Burschen zum Frühzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie aufsitzen wollten, es wäre noch Platz. Aber sie müßten gleich kommen, es sei schon angespannt.
Keinen Augenblick besann sich Frau Lißmann. „Jawohl, wir kommen, der Wirt soll doch ganz gewiß warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen, nicht kämmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!“ Die Kinder fuhren aus den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht kämmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit Bauernburschen auf einen Leiterwagen!
Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der frisch abgekochten Milch, die die Bäurin schnell brachte! Und wie sie dann, noch mit dem Frühstücksbrot in der Hand, über die Dorfstraße dem Wirtshaus zuliefen und die Bäurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und Kamm, die sie vergessen hatten!
Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem fünf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt saß schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er sah, wie Frau Lißmann ratlos am Wagen stand und nicht wußte, wie man den erklettern mußte. Er half kräftig nach und so saßen sie bald alle drei nebeneinander auf quer herüber gelegtem Brett und die Fahrt ging los. Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde, verließen die Burschen das Dörfchen. Sie waren aus benachbarten Höfen und Weilern zusammengekommen, lauter große, kräftige Leute; guten Muts fuhren sie hinaus in den Krieg.
Die Zeit drängte, die Pferde wurden tüchtig angetrieben und der Leiterwagen stieß, daß unsere drei leichten Städter, die noch nie in einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Höhe flogen und gar nicht wußten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spaß an dem „Hopsen“. Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stoßen tat ihr weh. Einer der Burschen mußte es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine Pferdedecke, die langte er herunter. „Frau,“ sagte er, „da setzen Sie sich drauf und das kleine Fräulein auch.“
Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das Verstehen schwer.
„Mein Sohn muß auch mit in den Krieg,“ sagte Frau Lißmann und sah die jungen Leute warmherzig an, als künftige Kriegskameraden ihres Sohnes.
„Muß er sich in Wien stellen?“
„Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Österreichern.“
„Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk allein könnt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Österreich zusammen, die können's machen!“
Auf der Straße sah man einen Burschen mit dem Militärkoffer in der Hand. Vom Wagen aus wurde er angerufen: „Steig ein, Kamerad!“ Der Wirt murrte: „Sind so schon genug!“ Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz sprang der Soldat auf; sie rückten kameradschaftlich zusammen und nun ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen würde. Als endlich die Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen über das Straßenpflaster holperte, stimmten die künftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und Winken grüßten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt sie natürlich für die Angehörigen dieser Burschen, so galten auch ihnen die Grüße.
Das Aussteigen war wieder ein Kunststück, aber die Burschen kannten sich jetzt schon aus und einer, der ein besonders großer, stämmiger Kerl war, hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich ganz elend und zerschlagen fühlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spät war!
Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge drängte sich an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum größeren Teil aber Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten in das Drängen und Drücken der Leute, die fürchteten zu spät zu kommen, klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: „Nichts zu eilen, der Zug hat drei Stunden Verspätung!“
Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entrüstung! „Nun, das geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das ein Unfug, eine Rücksichtslosigkeit!“ Da erhob ein älterer Herr mitten im Gedränge den Arm, man sah unwillkürlich auf ihn und da das Murren etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: „Meine Herren, das ist kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben müssen als das!“
Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plätzchen zum Ausruhen, eine Gelegenheit zur Stärkung, eine Zeitung mit neuen Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder an die Bahn. Jeder ahnte, daß es schwierig sein würde, im Zug Platz zu bekommen. Auch Frau Lißmann stand bald wieder mit ihren Kindern im dichten Gedränge. In ihrer Nähe bemerkte sie die Gruppe der jungen Leute, mit denen sie gefahren war, und es überkam sie das Verlangen, diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen. Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden Leben mußten sie einsetzen fürs Vaterland. Hätte sie doch früher daran gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.
„Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit! Draußen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!“ Sie drängten, baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rückwärts zu drängen. Mit Mühe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren früheren Platz in der Nähe der Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedrängt.
„Allein käme ich schon durch,“ versicherte Karl.
„So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruß; wir wünschten ihnen von Herzen Glück in den Krieg!“ Der Knabe schlängelte sich geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah von ferne, wie sie überrascht waren und einer nach dem andern dem jungen Überbringer freundlich dankte. Der fand sich auch glücklich wieder zurück und sie freuten sich zusammen über die kleine Liebesgabe, die sie übergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden, ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.
Endlich--es war heiße Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein unbeschreiblicher Lärm, ein beängstigendes Drängen entstand. Die Wagen wurden von den Männern gestürmt, Frauen und Kinder blieben zurück, und wo sie hinein wollten, hieß es: „Voll, übervoll!“
Die Beamten trösteten: „In drei Stunden kommt wieder ein Zug.“
Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wußte, ob es dann mehr Platz gäbe? Frau Lißmann mit den Kindern lief hin und her, überall standen die Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da plötzlich hörte sie eine Stimme: „Nur herein, es geht schon noch!“ Ein starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wußte, wie es zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse gelöst hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurück lassend. „Gottlob!“ rief Frau Lißmann, sie zitterte noch vor Erregung. „Wo ist denn mein Hut?“ fragte Karl, „man hat ihn mir vom Kopf gerissen!“ „Macht nichts,“ tröstete die Mutter, „das ist der Krieg, hat der Herr gesagt. Gottlob, daß wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen, sonst wären wir nicht herein gekommen.“
„Das war ja der große Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat, hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?“
„Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafür danken.“
Ein Mitreisender hatte das Gespräch gehört, er mischte sich ein: „Da ist nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind Österreicher; wir sind Verbündete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz schaffen“ und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden des Ganges. „So, nun nehmen Sie Platz,“ sagte er freundlich. „Für das Töchterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch einmal Soldat werden, der übt sich einstweilen im Stehen.“
Langsam fuhr der überfüllte Zug. An jeder Station gab es längeren Aufenthalt; eine Menge Einberufene drängten noch herein und immer wurden sie mit fröhlichen, heiteren Zurufen begrüßt. Ein Wiener Zug, schon voll eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den Güterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen angeschrieben, bezeugten die fröhliche Stimmung der Krieger. An einem war zu lesen:
Serbien Du mußt sterbien!
Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: ‚Hier werden noch Kriegserklärungen angenommen.‘ Unter Lachen und lautem „Heil, Heil“ rufen, fuhr man an dem Zug vorüber.
So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drückender wurde es in dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablässig; seine blasse Mutter entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stieß des Vaters volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig und übelriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja Krieg--man mußte sich in alles fügen, mußte froh sein, daß man überhaupt noch fahren durfte; vom nächsten Tag an wurden nur noch Soldaten befördert.
Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen ebenso überfüllten Zug.
Wie ein Traum erschien es Frau Lißmann, als sie endlich spät abends in den Münchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge ließen sich unsere müden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie sonst warteten hier die Angehörigen; der Zutritt war für jedermann gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des Bahnhofgebäudes und hier war es, wo plötzlich eine Stimme, eine liebe, bekannte, fröhliche Stimme rief: „Mutter, grüß dich Gott, endlich kommt ihr! Gebt nur euer Gepäck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur her, Karl!“
„Philipp!“ riefen sie alle erstaunt, „ja woher hast du denn gewußt, daß wir jetzt kommen?“
„Einmal habt ihr doch kommen müssen! Siebenmal habe ich euch schon erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden am Bahnhof. Warum seid ihr so spät gekommen, habt ihr meinen Brief nicht erhalten?“
„Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater.“
„Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen. Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kämt. Aber daheim ist schon der Tisch für euch gedeckt. Nämlich schon seit zwei Tagen.“
„Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?“
„Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach Österreich. Die ganze Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr werdet staunen. Dürft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein lassen.“