Kreuzwege

Part 2

Chapter 23,749 wordsPublic domain

»Möglich. Warum fragen Sie?«

»Nur so. Ich überlege, weshalb es hier geschrieben steht.«

»Jemand hatte wohl einen Einfall oder eine Eingebung — Er schrieb es sich bloß als Leitwort auf, um nicht daran zu vergessen. Weshalb interessiert es Sie so?«

»Weil es mit meiner Schrift geschrieben ist. Ich habe es offenbar selbst geschrieben, aber jetzt weiß ich überhaupt nichts mehr und kann mich nicht entsinnen, wann und warum. Andauernd überdenke ich, was das bedeuten sollte.«

»Jetzt bedeutet es nichts mehr.«

»Jetzt nicht, aber damals. Ich fand es hier während der Krankheit. Nie zuvor hatte ich es beachtet, bis jetzt. Und so sinne ich aus Langweile nach —«

»Worüber?« fuhr Kvíčala nach einer Weile auf.

»Nie habe ich an die vergangenen Jahre gedacht,« sagte Matys mit geschlossenen Augen. »Wozu auch? Alles Vergangene ist so selbstverständlich. Der Mensch gewöhnt sich an die vergangenen Dinge. Alle dünken ihm bekannt. — Aber jetzt weiß ich nicht, zu was ich mich damals entschlossen habe; ich weiß nicht, zu was ich zurückwollte und weshalb es mir so unerträglich war, und weiß nicht, wann es überhaupt war. Niemals wird es mir klar werden … Überrascht und beunruhigt Sie nicht manchmal etwas Vergangenes?«

»Nein,« sagte Kvíčala aufrichtig.

Der Kranke bewegte ungeduldig die Schultern und schwieg. »Ich weiß nicht, wann und warum ich es geschrieben habe,« begann er; »aber mir sind viele Augenblicke eingefallen, in denen mir dies Wort als Erlösung erscheinen konnte, und ich finde ständig neue Augenblicke, wo ich es hätte schreiben können. Oder lieber erfüllen.«

»Wie erfüllen?«

»Ich weiß nicht. Schon lange sinne ich darüber nach, wie es sich erfüllen ließe. Zurück, ja zurück, aber zu was? Ich liege da und erinnere mich an allerlei: zu was von alledem zurückzukehren? Ich kann mich vieles Schönen entsinnen. Vieles tut mir leid. Manche Liebe. Hie und da leuchtet ein alter Gedanke auf. Und viel, unzählig viel habe ich vergessen, und daran denke ich am meisten. Es gibt furchtbar viele vergangene Dinge. Die Vergangenheit ist schwindelerregend.«

Kvíčala seufzte; ihm ward immer schwüler. Ach, die Gasse hinter dem Fenster! Licht, Raum! Schnelligkeit und Bewegung dort draußen!

»Die Vergangenheit ist nicht so selbstverständlich, wie ich's mir dachte,« sagte Matys wie für sich selbst. »Sie ist unermeßlich unklar. Zeitweilig geschahen merkwürdige und unmögliche Dinge. Mir ist als stünde ich am Rande einer halb unbekannten Welt; etwas habe ich schon entdeckt, aber der Rest geht unendlich weiter und breiter, als ich geahnt. Ich hatte keine Vorstellung davon … Das ist ein barmherziger Irrtum, daß uns die eigene Vergangenheit bekannt erscheint; wir kennen nur etwas, aber alles übrige … Das Meiste sollten wir _erst erleben_!«

Kvíčala horchte: Draußen klingelt der Tramway, die Schritte vermehren sich, breit schüttet sich Wagenrasseln hin; dünn und klar flog ein Kinderschrei auf. Aber hierher kommen nur die Schatten der unstofflich durch das Glas hindurchgegangenen Laute; sie sind alles Nahen und Wirklichen beraubt; entfremdet den Lauten, die von außen her an das Fenster sich pressen; mit der Stille vermengt.

»Es ist still hier,« sagte der Kranke, »und die Zeit ist lang. Ich denke an vergangene Dinge. Sie hätten noch nicht entschwinden sollen. Und woran ich immer nur denke, nichts hätte noch schwinden sollen. Ich müßte es erst erleben, aufmerksam verweilend — selbst die schlimmsten Augenblicke. So als hätte ich sie alle zwischen den Fingern entgleiten lassen, noch unwissend wie sie sind: und überaus seltene darunter —«

»Sie sind hier zu sehr allein,« sagte Kvíčala.

»Ja. Und in vierzehn Tagen stehe ich wieder auf und erinnere mich vielleicht nicht mehr, daß ich einmal ›zurück‹ geschrieben habe. Aber jetzt ist es da als Aufschrift an irgendeiner Wand. Zurück! Alles Vergangene ist nur ein Stichwort; alles ist unvollendet geblieben, angedeutet als Anfang und Ahnung … Zurück! Vielleicht fühlt es ein jeder einmal und möchte zurückkehren, so als wäre es nach Hause — zurück! Es ist nicht, ach es ist nicht Rückkehr zu seinen Anfängen, — zu den ersten Schritten; aber zurück zu den Enden, zur Aussprache und Beendung seiner selbst, zu den letzten Schritten … Unmögliche Rückkehr! Niemals zurück!«

Kvíčala erhob sich. »In vierzehn Tagen,« lächelte Matys. »Entschuldigen Sie, eine Woche schon hab' ich mit niemandem geredet. Grüßen Sie alle.« Seine Hand war heiß und trocken. Oh, hinaus! Lautere Kühle, Gasse, Menschen, Menschen — und »vorwärts« in diesem allen!

DIE VERSUCHUNG

Lange schon ging Růžička wie in Nebel herum. Er wehrte sich hartnäckig dagegen und ersann ohne Ende Gründe für und gegen, bewies sich etwas, ärgerte sich. Hart kämpfte er um Sammlung und sehnte sich zugleich: sich endlich ohne Gedanken und Richtung entführen zu lassen. — So wie ein schwarzer Pfahl am Teiche im Nebel, dachte er; über dem Wasser schreit die Möwe und läßt sich herab, um die Fläche in die Klauen zu ergreifen; das Wasser erbebt, und die Möwe entflieht wie ein Gassenjunge; erst Gott weiß, wo sie auflachen wird …

Růžička blieb stehen: Reise ich oder bleibe ich? — Alle Gründe starben ab und er vermochte sich ihrer nicht mehr zu bemächtigen; alle starben ab und wurden starr und er konnte sich ihrer nicht mehr entledigen. Gründe, die ihn nicht mehr freuten. Sie waren in diesem engen Zimmer verwelkt. In dem Zimmer, das ihn nicht mehr freute. Gründe dafür, daß er blieb und nicht verreiste und nicht diese paar Chancen überflüssig verwarf. Ruhe, Beruf, Gewohnheiten, Lampe, Bett, Lehnstuhl — mehr brauche ich ja nicht, sagte er sich; ich bleibe und erfülle dies alles mit der Wahrheit des Lebens. Mein Platz ist schmal, aber ich kann ihn vertiefen. Ach, auf immer bleiben!

Oder fortgehn, sagte er sich beklommen; sich von neuem versuchen und in die Welt schleudern wie ein Stein ins Wasser … Müßte man sich nur nicht entschließen! Könnte ich mich, ohne zu wissen wie, irgendwo in der Welt finden und nichts haben als vor mir den Tag, o Gott! was wäre das für ein Tag! Es geschehe mir als Schicksal oder Zufall, — ich nehme alles an; aber selbst wollen ist furchtbar.

— Reise ich oder bleibe ich?

Ich gehe aus, entschloß er sich endlich (wenigstens etwas tun! was immer!), ein bißchen hinaus, zögerte er bei der Türe, den Abend genießen, nötigte er sich; aber »bleib«, sprechen Lampe, Bett, Lehnstuhl, Langweile, »wozu gehn? Gehn ist so anstrengend; Bleiben so einfach; Gehn so verzweifelt; Bleiben so verzweifelt; bleib!« Nein, heute nicht, entschied er sich mit Gewalt, und ging. »Bleib,« sprechen die entflammten Gassen, »wir stören dich nicht mehr; du hast uns so oft durchmessen, daß du uns nicht mehr siehst.« Auch ihr seht mich gar nicht, wandte er ein, und eure Fenster blinken mir nicht mißtrauisch zu wie ein Blick, lächelnd wie ein Blick, durchsichtig wie ein Blick des Zufalls. Ich gehe täglich hier: wir sind einander fremd geworden. »Ja, nach so vielen Jahren!«

Růžička nahm, sich zerstreut erholend, Zuflucht zu einem Kaffeehaus, froh, daß er so verloren war in der Zersplitterung von Lichtern und Stimmen, daß er sich selber entschwand in der Menge, daß die Spiegel strahlten und die Gläser klirrten; er schrieb mit dem Finger ein Fragezeichen auf den Tisch und entdeckte in der Marmorplatte interessante Adergänge, ein Zufallsnetz, zahllose Bahnen ohne Ziel. — Verreise ich oder bleibe ich? Augen! wer sieht mich da an?

Mädchen, lachte sein Blick, was willst du von mir? Glatte Augen glitten ab, flüchteten hinter die Lider und blickten süß, dunkel nirgendwohin. Nichts, blasses Gesichtchen unter schwarzem Hütchen, Spielzeug aus Elfenbein, die jungen Hände spielen auf dem Schoße mit nichts. Das große Schwarze ist die Mama und besieht die Modeblätter. Die grauen Augen fliegen verstohlen herüber, fliehen, bleiben nicht da; anmutig sind die Lider der Augen, gesenkte Lider, anmutige Trauer, Liebe und Musik, Abend, Frage und nichts, lieblich der Augen Blick, Freude, Kleider, Musik und Frage, liebliches Lieben, lieblicher Frühling, Veilchen auf der Straße, rosige Blüte, rosiges Lächeln, lieblicher Blick, und in die Augen! gerade in die Augen, stark und direkt, kurz und fragend lieblicher Blick! Die glatten Wangen sind rosig erglüht. Schön sind weiße und errötete Wangen; schön und traurig die Haare; traurig und schlank die Hände im Schoß, auf schwarzem Trauerrock.

»Genug,« baten die grauen Augen, »soviel Lob, mein Gott, — wohin soll ich jetzt mit den Augen, mit Lidern und Händen? Sehen Sie mich nicht an, ich lasse das Glas fallen; um keinen Preis sehe ich Sie mehr an.«

Schlanke Hände, dachte er gerührt, wie einer Geigerin Hände; ach, welch ein Tremolo, gegenstandsloses Weinen, Lied, welches endet und nicht; ob ich es jemals vernehme, dies bange und feine Lied? Diese feine, kindlich rauhe Stimme?

»Gott, das nicht! Was würde ich Ihnen sagen? Ich kann nicht bis fünf zählen. Wer sind Sie? Warum schauen Sie so? Warum schauen Sie nicht?«

»Wenn ich sehe, denke ich an die Leute ringsum, an Sie, an Ihren Atem, an die Liebe, an alles, was ich dir sagen möchte, — ich weiß nicht, woran ich denke, wenn ich schaue; aber wenn ich nicht schaue, denke ich an Sie, an alles, was ich nicht sehe, an mich selbst, an den glücklichen Zufall, und hauptsächlich an dich.«

»Hören Sie auf! Hören Sie auf!«

— Drüben haben neue Menschen sich gesetzt, und in ihrer Mitte —

»Ach sehen Sie doch,« riefen die grauen Augen aus, »wie schön sie ist!«

— ja, schön, tatsächlich schön, o Mädchen, wie groß und schön! Warum ist sie gekommen, wen sucht sie mit den dunklen Augen! Ach, wer ertrüge der Schönheit vernichtenden Blick? Wie erbebte er nicht in Verwirrung und Schrecken, wie schlüge er nicht nieder die Augen? Wehe, daß sie ihn angeblickt!

Langsam, ohne Unsicherheit hefteten sich die großen schwarzen Blicke der neu angekommenen Frau auf sein Gesicht. Da stockte sein Herz vor Erstaunen und schwieg.

»Ich bin schön. So viele sind mir untertan. Sieh.«

Ich verreise, entgegnete er finster.

»Bleib. Ich bin schön. Du begegnest mir auf den Straßen, in den Basaren und auf Festen. Suche mich in den Logen der Theater. Du wirst mir begegnen, wenn du willst. Wir können einander kennen lernen und — wer weiß?«

Ich reise, wiederholte er hartnäckig.

»Bleib. Ich habe so wenig Unterhaltung, so wenig. Ich bin so schön. Du wirst mich oft sehn, täglich, wenn du willst, und so nahe! Bleib!«

Nein, sagte er mit brennender Pein, ich reise; ich verreise und kehre wieder mit Lippen, bitter von Meer und Fremde; ich kehre mit anderer Seele zurück. Mit einer Seele ohne Staunen und Beben; mit einer rauhen, mutigen, wilden und schamlosen Seele; mit einer unruhigen und grausamen Seele; mit einer Seele für dich. Aber dann! Daß diese herrlichsten Augen weinen! Daß die Schönheit erbebe! Daß ich schlimmer sei als du! Daß du mich liebest. Daß sich das Schicksal erfülle. Daß ich Gott nicht fürchte. Daß ich dir gleichkomme. Nichts ist furchtbarer als Schönheit und Mut.

Die schwarzen Pupillen wandten sich ab und zauberten weich ins Unendliche.

Sei es, fühlte er, geschehe mir dies als ein Schicksal. Ich gehe hinweg, um zu wagen.

»Bleiben Sie,« sprachen verloren die grauen Augen, »ach, bleiben Sie! Ich käme künftigen Samstag wieder her. Manchmal begegne ich Ihnen. Ich laufe nicht weg, selbst wenn Sie mich anreden. Warum wollen Sie nicht bleiben?«

Ach, Mädchen, weinte sein Herz in sinnlicher Zärtlichkeit, ich möchte bleiben; wie möchte ich nicht bleiben wollen? Aber gerade du hast mich an einen Tag in der Fremde erinnert, eines unglücklichen Menschen in der Fremde, ich weiß nicht warum so unglücklich und so verloren; du hast mich erinnert an glücklichen Zufall, Lächeln, freundliches Wort in fremder Zunge und lieblichen Blick, der nicht mehr wiederkehrt: die Freude, wenn du wüßtest, und der herrliche Tag in der Fremde! Nichts ist schöner als Liebe und glücklicher Zufall, nichts vergleicht sich einer guten Begegnung, die nicht wiederkehrt. Ich würde bleiben: aber du hast in mir die ewige Sehnsucht nach dem Zufall erweckt.

SPIEGELUNG

»Achtung!« rief Lhota dem unbekannten Fischer zu, »er schnappt!«

»Ach, ich danke Ihnen,« entgegnete der Angeredete freundlich, »wollen Sie sich ihn nicht herausziehn?«

Lhota glitt rasch den Damm hinunter und ergriff die Rute. Die Angel war leer; und als Lhota das Haar heranzog, entdeckte er an dem Angelhaken festgebunden eine rote Schnur.

»Das da geben Sie statt des Wurms?« fragte er mißmutig.

»Ja,« sagte der Fischer mit schüchternem Lächeln.

»Haben Sie schon etwas gefangen?«

»Niemals.«

Lhota blieb auf dem Damme sitzen, unschlüssig ob er lachen oder zürnen solle. Wie ist das möglich, dachte er, wie ist es überhaupt möglich, so Fische zu fangen?

»Ich angle nämlich nicht,« äußerte der Fischer, »ich sitze nur mit der Rute so da, damit die Leute nicht über mich lachen, wenn sie mich hier sehn.«

»Sie sind ein Hiesiger?«

»Ich wohne in dem Häuschen hinter uns. Schon viele Jahre gehe ich her, weil es mir hier gefällt. Und angle nicht.«

Lhota blickte in die großen, hellen Augen des Fischers. »Sie sind krank, nicht?«

»Ich kann nicht gehn. Schon seit Jahren. Viele Jahre bin ich nicht weiter gewesen als hier. — Aber hier ist es schön.«

»Tatsächlich,« sagte Lhota unsicher. Unabsehbar zogen sich die kahlen Dämme hin, und zwischen ihnen strömte der breite, graue Fluß.

»Sie sollten bei Sonnenuntergang hier sein,« sagte der Kranke, »oder am Morgen. Ich sitze seit früh hier, und niemals ist mir langweilig oder leer zumute; wenn ich dann abends heimkomme, schlafe ich ohne Traum, Nacht für Nacht schlafe ich herrlich und ohne Traum. Erst im Winter —«

»Was im Winter?«

»Nichts, die Träume. Im Winter kann ich nicht, und ich schlafe bei Tag und bei Nacht, ohne Rast, bis ich vor Müdigkeit nicht mehr schlafen kann. Aber im Sommer bin ich täglich da.«

Lhota blickte sinnend in das Wasser: Es strömte breit und unförmig dahin, rieb sich mit der unendlichen Flanke an dem Gestein; gewellt, gekräuselt, bewegt, daß ihm die Augen übergingen. Und es war schon kein fließender Fluß mehr; nur ein Rauschen, das nicht verharrt, sondern ohne Ende verläuft und entschwindet; ein Vorbei ohne Grenzen, ohn Ende Vergehen von Allem —

»Auch im Winter träume ich nur vom Wasser,« sagte der Kranke. »Es ist der einzige Traum, den ich ganze Tage und Nächte und ganze Monate träume, nur dann unterbrochen, wenn ich aus dem Schlafe auffahre. Erst im Sommer vergeht er, wenn ich das wirkliche Wasser sehe.«

Lhota schloß in schwachem Schwindel die Augen. »Ich möchte nicht von strömendem Wasser träumen.«

»Nein, das strömt überhaupt nicht,« sagte der Kranke. »Mir träumt nicht von wirklichem Wasser. Es ist das ein großer Fluß, der ohne Regung steht, und auf ihm schwimmen Reflexe. Sie eilen auf ihm dahin wie jene Blätter, welche von der Strömung mitgerissen werden.«

»Was für Reflexe?«

»Gespiegelte Dinge. Ufer, die sich in der Fläche reflektieren. Sie gleiten über das Wasser hin, rasch wie diese Wellen und kräuseln es nicht. Vielleicht kommen sie bis vom Gebirge her. Es sind große Bäume, die sich still und mit der Krone abwärts zu neigen, als hingen sie in einen grundlosen Himmel hinein. Auch der Himmel gleitet auf diesem reglosen Flusse mit Sonne und Wolken und Sternen dahin. Ich sah die Reflexe von Bergen und Dörfern am Flußufer mitsamt den Menschen dahinschwimmen. Ein andermal ist es ein weißes einsames Haus oder ein erleuchtetes Fenster.«

»Das ist ein absurder Traum,« sagte Lhota.

»Ein furchtbarer. Manchmal segelt eine gespiegelte Stadt und Quais mit flammenden Lichtern. Auf der Fläche bebt das Laub der Bäume, als wehte der Wind, aber das Wasser kräuselt sich nicht. Ein Mädchen ringt die weißen Hände und wird weitergetragen. Und ich sehe in der Spiegelung, als stünde jemand am andern Ufer und wollte auf mich blicken oder mir ein Zeichen geben; aber das Bild auf dem Wasser entgleitet mitsamt der an die Augen gelegten Hand.«

Der Kranke schwieg eine Weile. »Und manchmal«, begann er wieder, »ist es nur die brennende Laterne eines verlassenen Hafens am Ufer des Flusses; sie schaukelt wie im Novemberwind, und schwimmt davon. Nichts kann innehalten und nichts verweilt. Nichts runzelt das Wasser und nichts ist oberhalb oder außerhalb seiner. Die Ewigkeit ist fürchterlich.«

Lhota blickte schweigend in das Wasser; Welle um Welle kehrte endlos zu dem Gestein unter seinen Füßen zurück und floß wieder ab in hartnäckigem Spiel, das ihn reizte und beschwichtigte.

»Oft erwache ich,« redete der Kranke, »mit Schweiß bedeckt und zu Tode entsetzt; und da sage ich mir: Die Ewigkeit ist fürchterlich. Welle um Welle kommt, um am Stein zu zerbrechen; Stein um Stein wälzt sich hinab zu den Wellen, die ihn davontragen. Aber ich habe eine Fläche gesehen, die sich an nichts bricht und nicht zerbricht. Lichter und Schatten von Allem gleiten über sie hin. Berge wälzen sich fort und Bäume eilen von dannen; es schwimmen Städte und Felsen, ein Mädchen ringt vergeblich die Hände und Anfang und Ende der Welt gleitet vorbei wie eine Spiegelung. Eine Fläche, die niemals sich kräuselt und zu kräuseln vermag. Die nichts berührt und niemals berühren kann. Und wer hineinblickt, sieht immer nur bloße Reflexe der Dinge fliehen, der Wirklichkeit entledigt.«

Auf dem Damm gegenüber blieb ein Mann stehen und schaute eine Weile zu. »Also was,« rief er endlich, »schnappen sie?«

»Sie schnappen nicht,« erwiderte der Kranke lustig. »Ich sitze gern hier,« sprach er wieder zu Lhota. »Wenn ein Blatt in das Wasser fällt, dann zittert das Wasser, und auch ich zittere, aber ohne Angst. Manchmal bei Sonnenuntergang, da denke ich an Gott. Die Ewigkeit ist fürchterlich.«

Lhota wendete sich fragend.

»Manchmal«, fuhr der Sieche fort, »sah ich ein so merkwürdiges Kräuseln auf dem Wasser, daß man nicht begreifen kann, woher es kommt. Manchmal bricht sich eine Welle und erglänzt schöner als die andern; und es sind auch Erscheinungen am Himmel — das geschieht sehr selten. Und da denke ich mir: warum könnte das nicht Gott sein? Vielleicht ist er gerade das Flüchtigste in der Welt; vielleicht ist auch seine Wirklichkeit ein jähes Brechen der Welle und ein Schimmer; unfaßbar, ausnahmsweise erscheint er, und vergeht —. Oft habe ich darüber nachgedacht; aber sehn Sie, ich habe einen so kleinen Horizont, durch Jahre kam ich nicht weiter als hierher. Es ist möglich, daß auch unter den Menschen ein solches Sichkräuseln oder Aufblitzen sich ereignet und wieder zerbricht. Es muß zerbrechen. Die echte Wirklichkeit muß mit dem Untergang bezahlt werden. Ach, die Sonne versinkt schon.«

Ein barfüßiges Mädchen stand schweigend hinter dem kranken Herrn. »Ja, gehen wir,« sagte der Sieche. »Gute Nacht, Herr. Schauen Sie, jetzt, jetzt,« zeigte er auf den Fluß. »Nie ist es zweimal dasselbe. Gute Nacht.«

Langsam und gleichgültig führte ihn das Mädchen nach Hause. Der Fluß war perlmutterlicht, wechselnd ohne Ende, und Lhota schaute leise schwindelnd dem hartnäckigen Spiel der Wellen zu.

DER WARTESAAL

Ich verbringe die Nacht in der Restauration, dachte Záruba, als der Zug schon einfuhr, oder ausgestreckt irgendwo im Wartesaal; ich verschlafe drei oder vier Stunden, und mit dem ersten Morgenzuge fahre ich weiter. Gott, nur rasch! Noch verbleibt Hoffnung, und Alles kann gerettet werden; ach, so viele Stunden.

Aber die Restauration war schon geschlossen und den einzigen Warteraum erfüllte ein Soldatentransport. Sie schliefen auf Bänken und Tischen, lagen überall auf der Erde, den Kopf auf Tischleisten, auf Spucknäpfe, auf zerknülltes Papier gebettet, das Gesicht zu Boden und gehäuft wie Hügel von Leichen. Záruba rettete sich auf den Gang; es war kalt da, und zwei Gasflammen zitterten gequält in dem feuchten Halbdunkel, das vom Teer und Urin der Aborte stank; einige Menschen fröstelten und gähnten auf den Bänken in der stumpfen Geduld langen Wartens. Aber es war wenigstens ein bißchen Platz da, ein bißchen Platz für einen Menschen, wenigstens ein bißchen Platz für den stillen Schlummer eines Müden.

Záruba fand eine Bank und lagerte sich so warm wie möglich, so fest wie nur möglich; aus sich selbst erbaute er einen Winkel für seinen Schlaf, Bett, Bettleiste, Viereck, Asyl. — Ach, die Unbequemlichkeit, fuhr er aus dem Halbschlaf empor; wie nur die Glieder legen? Lange und angestrengt dachte er darüber nach; schließlich kam ihm der kindliche Wunsch, zu liegen, und er streckte sich auf der Bank aus. Aber die Bank war zu kurz. Záruba kämpfte verzweifelt mit seinem Ausmaß, ergrimmt über einen so rücksichtslosen Widerstand; schließlich lag er gleichsam gefesselt, regungslos, knabenhaft klein, und sah auf die großen funkelnden Kreise, die sich im Dunkeln drehen, auf die kreisenden Scheiben. — Ich schlafe ja schon, durchblitzte es ihn, und in diesem Augenblicke öffnete er die Augen; da sah er den Winkel zweier Wände verschwimmen und ward furchtbar verwirrt: Wo bin ich denn? Was ist das eigentlich? Entsetzt suchte er eine Orientierung, vermochte aber weder Raum noch Richtung zu erraten; da raffte er alle Kraft zusammen und erhob sich. Neuerlich sah er den langen und kalten Gang, aber er sah ihn trauriger als früher, und erkannte, daß er schon durchaus aus dem Schlafe gerissen sei und er verspürte den bittern Geschmack des Wachens im Munde.

Auf die Knie gestützt dachte er über seine Angelegenheit nach. Das Letzte tun, sich für die Rettung einzusetzen, ja, aber noch so viele Stunden! Zerstreut blickte er auf das schmutzige Pflaster des Ganges; er entdeckte zertretene Papiere, ekelhaften Auswurf, den Schmutz von zahllosen Füßen — und das dort ist wie die Form eines Gesichts, Augen aus Kot und aus Speichel der Mund, abscheulich zu lächeln bemüht …

Angeekelt hob er den Blick empor. Dort liegt ein Soldat auf der Bank, schläft mit hintenüberhangendem Kopfe und stöhnt wie ein Sterbender. Irgendeine Frau schläft, eines Mäderls Haupt im Schoße; sie hat ein böses und armseliges Gesicht, sie schläft; aber das Mäderl blickt mit blassen Augen und flüstert etwas für sich; es hat ein langes, vorstehendes Kinn und einen breiten Mund in mageren Bäckchen, eine kindliche Greisin mit traurigen, weiten, fliegenden Augen. — Sieh da, der Beleibte, wie er schläft, aufgedunsen vor Schläfrigkeit, haltlos von der Bank fallend, erstaunt und stumpfsinnig; weiche Masse, die sich auf den ersten Stützpunkt herabwälzt. — Unter einem grünen Hute blinzeln die schwarzen muntern Augen eines jungen Mannes. »Komm her,« pfeift er durch die Lücken der zerfressenen Zähne dem blaßäugigen Mädchen zu; »komm her,« flüstert er und lacht. Das Mädchen windet sich verlegen und lächelt ein furchtbares greisenhaftes Lächeln; sie ist zahnlos. »Komm her,« pfeift der Jüngling und setzt sich selber zu ihr. »Wie heißt du?« Und streichelt ihr mit der flachen Hand die kleinen Knie. Das Mädchen lächelt ängstlich und unschön. Der schlafende Soldat röchelt wie in der Todesstunde. Záruba schüttelte sich vor Kälte und Übelkeit.

Eine Stunde von Mitternacht. Die Zeit schlich quälend langsam dahin, und Záruba fühlte sich von ihr verschleppt, gedankenlos zerzogen in wachsender und zielloser Spannung. Gut, sagte er sich, ich schließe die Augen und halte es so ohne Gedanken, ohne Bewegung so lang wie möglich aus, ganze Stunden hindurch, bis sich die Zeit umwälzt. — Und so saß er starr da, zwang sich, möglichst lange auszuhalten; endlos stockte die Dauer der Minuten, ein Zählen ohne Zahlen, Verzug um Verzug. — Endlich, nach unüberlebbarer Zeit, öffnete er die Augen. Fünf Minuten nach Eins. Der Gang, die Papiere, das Kind, das gleiche verlegene, greisenhafte Lachen … Nichts hatte sich verändert. Alles war zu unfortschreitender, bleibend naher Gegenwart erstarrt.