Part 1
KAREL ČAPEK
KREUZWEGE
LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG
BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 64
GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR
EINZIG BERECHTIGTE ÜBERTRAGUNG AUS DEM TSCHECHISCHEN VON _OTTO PICK_
STOCKEN DER ZEIT
Warum ist jener, an den ich denke, welcher sich über den Schreibtisch beugt, warum ist er so unbewegt, warum wartet er und horcht, daß etwas außer ihm geschehe; als ob ihm irgendein Ding einen Wink im Kummer geben könnte und einen Abschluß dieser unendlichen Reihe von Unsicherheiten, die ihn durchwallt. Alle Dinge um ihn herum sind nur melancholieverhangene Gewohnheiten; nur die gegenüberstehende Wand der Gasse hat in der formlosen Stille einen ungewöhnlich dummen und so unangenehmen Ausdruck, daß der Mensch, leidend, sich dankbar an das Rasseln einer Droschke auf dem Pflaster hält, als einem Ausgangspunkt von dieser Sekunde zur nächsten.
Klapp-klapp der Hufe im Räderknarren, langes rhythmisches Kettchen und Poltern hinter der Ecke, rasches Rasseln auf den Steinen; das ist etwas, was sich aufrollt in die Ferne wie ein Knäuel, jetzt schon von weitem immer schwächeres Klappern, ein Ticken so lang wie ein dünner gespannter Faden, so dünn, daß er fast nicht mehr ist, schon nichts mehr ist als angespannte Entfernung, unmögliche Länge, und Stille.
Die Stille von innen und außen flossen zusammen wie zwei von nichts gekräuselte und durchaus gleichartige Wasserflächen. Alles ist durchaus gleichartig wie eine Fläche, unbewegt und gespannt. Der Mensch beim Tisch hält den Atem an und sein Herz steht wie eine Fläche. Die Stille ist gespannt wie ein Tuch, und alles ist still, alle Dinge sind Stücke der Stille, hineingeplättet in die glatte Ebene ohne Regung Tisch und Wände, alle Dinge zusammen sind wie eine Zeichnung auf geglätteter Fläche, klar, ohne Verkürzung und Schatten. Sie sind eine gespannte Oberfläche, die ohne Falten und Rauheit ist; alle sind in dieser unstofflichen Ebene enthalten wie in Eis festgefrorene Halme. Nicht einmal der Mensch beim Tisch ist außerhalb ihrer: er ist dort, ohne Regung, in der unendlichen Ebene der Dinge, und kann sich ihr nicht entraffen; wenn er sich rührte, fühlt er, würde eine Entgleisung und ein Zusammensturz aller Teile erfolgen, ein furchtbares Zusammenschrumpfen der gespannten Oberflächen. Ohne Erstaunen, ohne Inneres, ohne Zeit. Angst, daß dies vielleicht der Tod sei, ein Abgang, Vernichtung. Nicht fühlen, das ist das positive Gefühl des Nichtseins und ein starkes Leiden am Nichtsein; unbewegter Kampf des Unbewußten um den Gedanken und Beklemmung in den Grenzen der Leere. Überall Ebene mit trauriger toter Oberfläche. Und dieses, was steht, ist die Zeit; wäre es möglich, sie zu bewegen, so zerfiele sie sogleich in tausende Sekunden, die, tot, wie Staub zerflatterten. Doch der Mensch beim Tisch fürchtet sich zu rühren; mit all seiner Bangheit und Machtlosigkeit ist er in der Stille festgelegt wie ein Insekt in durchsichtigem Bernstein; er ist einfach eingestellt.
Und da Schritte auf dem Gehsteig, schöne, laute und ordentliche. Die Welt in der reglosen Fläche ist in lautloser Explosion auseinandergefallen; die eckigen und massiven Dinge reckten sich krachend auf, der Mensch an seinem Tische breitet sich aus in alle Richtungen des Raums im Gefühl seiner reichen Verzweigung und seiner in die Welt getauchten Bewegungen. Die Kanten und Winkel aller Dinge kündeten sich in rauhem Rauschen des Raums: so rasch liefen sie in ihren Richtungen, mit Selbstgewißheit und Härte. Das Herz des Menschen ergriff seinen alten Schmerz, mit starken, starken Schlägen; jener, an den ich denke, erhob sich, um seiner Trauer Gewicht zu ertragen, und das große Rad des Seins dreht sich in immer weiteren und schnelleren Kreisen.
HISTORIE OHNE WORTE
Tief sind die Wälder in der Nacht wie ein grundloser See, und du blickst schweigend auf einen Stern über Melatín, denkst an das Wild, das in der Tiefe das Waldes schläft, an den tiefen Schlummer aller und an alles, was niemals in dir entschlafen wird. Lang, endlos lang sind dämmrige Tage; wie oft durchschrittest du die Wälder an solchen Tagen, o Schritte und Erinnerungen ohne Zahl, und nie bist du an das Ende der Schritte und Erinnerungen gelangt: so lang und tief sind die Wälder über Melatín.
Aber daß heut ein flammender Augustmittag ist — brennende Lücken in den Baumkronen und des Lichtes Sichel die Forste durchfahrend; daß ein so klarer Tag ist, wie wenn ihr schütterer würdet, tiefe Wälder, und vor der Sonne auseinanderträtet. Die Glut hat meine Erinnerungen ausgetrunken und fast schlief ich ein, ich weiß nicht ob vor Lust oder Ermattung, eingewiegt von den weißen Dolden, die über meinem Haupte schwanken. —
An einem solchen Tage ging Ježek durch den Wald, zufrieden, daß er an nichts dachte und denken konnte. Breit atmete die Wärme zwischen den Bäumen. Ein Tannenzapfen riß sich los, — er hatte sich festzuhalten vergessen, weil es so windstill war; die Kronen kräuselten sich und überall zitterte Licht. Oh, welch schöner, herrlicher Tag! Wie schimmern silbern die schwanken Ährchen des Windhalms! Eingewiegt von Freude oder Langweile lauschte Ježek dem warmen Summen des Waldes.
Geblendet stand er am Rande der Lichtung, wo unhörbar die Glut zitterte. Wer liegt da? Es ist ein Mensch. Er liegt mit dem Gesicht auf der Erde und ohne Regung. Fliegen weiden auf der ausgestreckten Hand, die sie nicht verscheucht. Ist er etwa tot?
Andächtig und mit Grauen bückte sich Ježek über die gereckte Hand, welche noch den alten Schlapphut hielt. Die Fliegen entflohen nicht einmal. An dem verblaßten Futter waren noch einige Buchstaben leserlich: ..ERTA. EL SOL. Puerta del Sol, erriet Ježek erstaunt und neigte sich über das Antlitz des Toten. Aber da öffnete dieser die Augen und sagte: »Möchten Sie mir nicht eine Zigarette geben?«
»Recht gern,« atmete Ježek in nicht geringer Erleichterung eifrig auf. Der Mensch nahm die Zigarette, knetete sie sorgfältig, wälzte sich auf die Seite und ließ sich Feuer geben. »Danke,« sagte er und begann nachzusinnen.
Er war nicht jung, durchgraut, mit breitem und unbestimmtem Gesicht; er war irgendwie sehr abgemagert in seinen Kleidern, so daß sie in seltsamen, leblosen Falten an ihm lagen. So war er ausgestreckt auf der Seite und rauchte, unbewegt irgendwohin zu Boden blickend.
Puerta del Sol, überlegte Ježek, Tor der Sonne; was hat er nur in Spanien gemacht? Nach einem Touristen sieht er nicht aus. Vielleicht ist er nicht gesund, daß er so heilige Augen hat. Puerta del Sol in Madrid.
»Sie waren in Madrid?« sprach er unversehens aus.
Der Mensch atmete zustimmend durch die Nase und schwieg.
Er könnte sagen, wer er ist, überlegte Ježek; ein Wort gibt das andere, und das Übrige errätst du. — Er könnte übrigens sagen: Ja, ich war in Madrid; aber es ist nicht der entfernteste Ort, wo ich gewesen, und es gibt noch schönere Orte und ein wunderbareres Leben. Allerlei könnte er lügen. Siehe, jetzt besinnt er sich.
Der Mensch winkte leicht mit der Hand, unbestimmt und versonnen nirgendwohin blickend.
Vielleicht sagt er: Ich sehe, daß Sie mich teilnehmend betrachten; Sie haben mich für tot gehalten und sich mitleidig über mich gebeugt. Ich will Ihnen also die Historie meines Lebens berichten. Unterbrechen Sie mich nicht, falls Ihnen etwas unzusammenhängend oder unmotiviert erscheint. Lesen Sie nur auf meinem Gesicht, ob ich leicht und einfach gelebt habe. So irgendwie würde er etwa beginnen.
Aber der Mensch rauchte schweigend und langsam, die hellen, blicklosen Augen ins Unendliche geheftet.
Sicherlich wird er etwas sagen, dachte Ježek; es ist schwer, Worte für eines Lebens Verlauf zu finden. Es sei, ich warte. Leise legte er sich auf den Rücken. Die Sonne schlug ihm in die Augen und drang durch die geschlossenen Lider hindurch; rote und schwarze Kreise haben sich zu drehen begonnen und tanzen brennend vor den Augen. Die Wärme atmet in langen, feurigen Wellen, und Ježek fühlt sich so wohl, als würde er entführt von den schwarzen und roten Kreisen, von der Flut langgezogener Wellen, von unendlicher und unfortschreitender Bewegung. Wohin fließt diese starke hinreißende Bewegung? Ach nichts; nur die Bewegung des Lebens an seinem Ort.
Plötzlich wandte er sich. Über die Hand lief ihm eine helle Ameise, nicht wissend wohin auf der allzu großen Fläche. Auch uns, dachte Ježek, Ameislein, auch uns regt die allzugroße Welt auf: diese Fernen, Wanderer, diese hartnäckige Panik. Warum läufst du so? Warte, verweile; ich tu dir nichts, wenn ich auch groß bin. Ach, kleiner Abenteurer, ist's nur Verwirrung, die dich so jagt? Wilde und verzweifelte Verwirrung der Einsamkeit? irgendeine Angst? Wo ist denn ein Tor, durch das du entrönnest?
Nahe, auf Griffweite nah hat sich ein Schmetterling mit weit geöffneten Flügeln auf eine Blume niedergelassen, wiegt sich auf der weißen Dolde und bewegt die leichten Flügel, schließt sie und breitet sie aus mit einer zauberischen und wollüstigen Bewegung, berauschend süß. Ach bleibe, o Lust! Verzaubere mein Herz nicht mit dieser ewigen Gebärde des Entfliehens! Bleib und lasse dich schaukeln, liebliches Weilchen, Sekunde ohne Gleichgewicht, unaussprechlicher Wink! Edle Begegnung nach solchen Qualen der Reise! Jungfräulich erbebten die Zauberflügel und jäh, unbegreiflich entschwindet der Falter, Sekunde, Wollust, als schlösse sich plötzlich ein Tor hinter ihm.
Ježek blickt empor. Wohin ist all das entflogen? Wohin entfliegt ihr, leuchtende Wolken, in zielloser und unermüdlicher Bewegung? Ach, so entführt zu werden, wegen nichts, aus gar keinem andern Grunde als wegen der Größe des Himmels; so entführt zu werden, weil der Raum groß ist und nicht endet! Weil die Sehnsucht groß ist und nicht endet. Sanfter Himmel, meine Seele ist friedlich wie meine Augen. Aber warum blickt ihr bis hinter den Horizont, friedliche Augen? Warum, friedlichste Seele, findest du immer die dämonische Tugend der Unrast in dir? Wie hoch segeln die Wolken, schwindlig hoch, — du möchtest sagen, bis am Tore der Sonne hin.
Puerta del Sol. Ježek sah sich um. Der Mensch, den er gefunden hatte, war wieder eingeschlafen, und sein Antlitz erschien unklar und zerquält, friedlich und weit. — Da stand Ježek auf, um ihn nicht zu wecken, und ging durch den warmen Wald, zerstreut, ohne Frage und wie gesättigt. Ihm war, als hätte er die Historie eines Lebens vernommen, eine wenig klare, aber nahe Geschichte, unzusammenhängend, aber nichtsdestoweniger eine Geschichte. — Ihm war, als hätte er die Historie eines Lebens vernommen und begönne schon sie zu vergessen.
VERLORENER WEG
»Aber wir haben ja den Weg verloren!«
»Augenscheinlich.«
»Wohin sind wir geraten? Sehen Sie etwas? Wo ist die Allee?«
»Ich weiß nicht.«
»Wo sind wir? Sahen Sie jemals, daß hier ein Heidefeld wäre?«
»Nein.«
»Aber wie konnten wir nur die Landstraße verlieren? Wir hätten ja über den Graben gemußt — — Hören Sie, sind wir nicht vielleicht über den Graben gegangen?«
»Ich weiß nicht.«
»Das ist absurd. Die Straße kann doch nicht unter den Füßen verloren gehn. Wo sind Sie?«
»Ich hab' mich gesetzt.«
»Auf dem Weg geht man doch anders als im Gras. Hart und laut. Geradeso wie ich uns auf der Landstraße gehen gehört.«
»Das waren Sie, der so lärmend ging.«
»Um so eher! Es ist doch geradezu undenkbar … Das ist das Sonderbarste, was ich je — — Mensch, schlafen Sie nicht!«
»Ich schlafe nicht.«
»Wo sind wir eigentlich?«
Es war eine dunkle und fast sternlose Nacht; nur etwas lichtes Gestein auf der Erde und kleine, aufrechte Wacholdersträucher, winzigen reglosen Gestalten gleichend; von fern der Ruf eines Käuzchens nur drehte die unbekannte Weite in die stockende Finsternis her.
»Lachen Sie mich nicht aus«, sagte der stehende Mann, »aber mir gefällt das nicht. Wir haben überhaupt die Richtung verloren. Wir müssen auf irgendeinen Weg gelangen, wohin immer er führe; ein Weg zeigt wenigstens »vorwärts«, aber das Unwegsame schweigt. Das Unwegsame schmeckt gleichsam nach Unendlichkeit; sie ist hier um uns herum auf allen Seiten; hören Sie, das ist eine unmögliche Lage.«
»Setzen Sie sich«, sagte der andere.
»Ich will nicht. Ich setze mich erst irgendwo am Weg, mitten zwischen die rechte und linke Hand, damit ich weiß, wo ich bin. Wer auf dem Wege geht, dem ist die Welt rechts und links eine Kulisse ohne Bedeutung und die Wände eines langen Ganges; aber das Weglose ist wie der Gipfel eines Berges; zu sehr im All; zu offen nach allen Seiten. Gehn wir von hier!«
»Warten Sie noch, ich kann nicht.«
»Ist Ihnen etwas geschehn?«
»Ich kann nicht. Ja, mir ist etwas geschehn. Ich bin auf etwas gekommen, gerade als wir irrezugehn begannen. Vielleicht genau in jenem Augenblick.«
»Wo war das?«
»Ich weiß nicht. Ganz plötzlich tauchte es vor mir auf. Ich hatte schon seit Jahren nicht mehr daran gedacht, und jetzt kam es von selbst. Vielleicht gerade deshalb, weil wir auf einmal den Weg verloren.«
»Irgendeine Erinnerung?«
»Erinnerung, nein. Eine Lösung. Eine Antwort. Etwas, was ich das ganze Leben lang gesucht habe, selbst wenn ich nicht daran dachte. O Gott, ist das furchtbar kompliziert! Dadurch ändert sich mein ganzes Leben — — Alles hängt zusammen. Begreifen Sie das?«
»Durchaus nicht.«
»Ich auch nicht. Offenbar mußte ich vom Weg abkommen, um darauf zu kommen. Von Allem abkommen, was dir bekannt ist! Darum gingen sie in die Wüste! Aber verlasse dein Haus und deine Familie; deine Logik ist aus Gewohnheiten gewebt und deine Wege aus tausenderlei vergangenen Schritten; darum komme ab von Allem und beginne zu irren, um im Unbekannten zu suchen. Dich selbst findest du dann in dem, was das Seltsamste und Ungewohnteste ist.«
»Das sagen Sie mir?«
»Das sage ich mir selbst, weil ich es gefunden habe. Dich selbst hast du gefunden und kannst dich nicht erkennen; und doch ist es das einzige, was du je gesucht hast. Mein Gott, so viele Jahre! Und plötzlich diese Lösung: dir kommt das freudige und wortlose Gefühl, daß es da ist; das, was noch kein Gedanke ist, sondern nur eine blendende Weile und wunderbare Gewißheit. Hören Sie, mein Leben verändert sich wahrscheinlich, vielleicht gehen unsere Wege auseinander; aber ich bin froh, daß ich diesen Augenblick mit Ihnen erlebt habe.«
»Wenn Sie mir wenigstens sagen würden —«
»Ich kann nicht. Jetzt kann ich noch nichts unterscheiden. Die Wahrheit mußt du genießen wie ein Gefühl, bevor sie dir zum Wort wird. Du mußt in sie hineingeraten wie in einen Raum, der nirgendwohin führt, sondern nach allen Seiten sich öffnet; denn dein Nachsinnen ist nur ein Weg in einer Richtung, wie ein Gang zwischen Mauern. Dein Denken geht nur vorwärts auf irgendeinem der vielen Wege: aber die einzige Wahrheit geht nirgendwohin und zielt nirgendwohin, sondern besteht wie die Ausdehnung.«
Der stehende Mann schwieg und horchte gespannt in die Ferne. In der tausendfachen Stille der Nacht, schien es ihm, entfaltete sich irgendwo ein winziger, klangloser Rhythmus. Er schien von der Tiefe der Stille überschwemmt zu sein, aber er war da und brach sich unaufhaltsam Bahn. Menschenschritte! ferne Schläge auf hartem Weg. Der stehende Mann atmete auf.
»Dort also ist die Landstraße,« sagte er und wunderte sich plötzlich über seine Stimme; um soviel klarer und farbiger klang sie als zuvor.
Der sitzende Mann erwachte gleichsam. »Was? Die Straße? Sie gehen schon nach Hause?«
»Sie wollen vielleicht hier bleiben?«
»Ja, ich erkläre es Ihnen dann. Es ist maßlos kompliziert. Warten Sie noch!«
»Erklären Sie es mir lieber unterwegs.«
»Wenn ich mir das notieren könnte! Was mir alles einfällt! O Gott, wie zahllos!«
»Notieren Sie sich's zu Hause. Ich begleite Sie schon.«
»Ich danke Ihnen. Wo sind wir?«
»Ich weiß nicht, kommen Sie nur. Geben Sie acht, hier ist eine Schlucht!«
»Ich sehe nichts.«
»Reichen Sie mir die Hand. Christus, wie sind wir eigentlich hiehergeraten? Achtung!«
»Warten Sie, hier kann ich nicht … Gehn wir zurück!«
»Das geht nicht, der Weg ist vor uns. Wo stecken Sie?«
»Hier oben. Und Sie?«
»Im Wasser. Bleiben Sie dort, ach! Ist Ihnen etwas geschehn?«
»Nein, danke. Wenn ich nur unten bin.«
»Jetzt folgen Sie mir. So!«
Und die beiden Männer stolperten den Hang empor und wieder hinunter; es war ein mühseliger, zerfurchter Boden, wo sie mit tausendfacher Vorsicht gehen mußten; es gab Gesträuch da, durch das sie sich hindurcharbeiten mußten; es waren breite, bebaute Ackerfelder da, über welche sie rücksichtslos wie Eber dahinfuhren. Endlich ein Graben und die Landstraße.
»Und nun sagen Sie mir,« rief der, welcher vorausging, »wie konnten wir überhaupt dort hinauf gelangen?«
»Ich weiß nicht,« sagte der andere etwas bedrückt, »es ist wirklich seltsam. Ich müßte es mir überlegen … Ich habe jetzt so viel nachzudenken!«
»Sagen Sie mir nun, worauf Sie gekommen sind?«
»Ja. Es ist sonderbar mit diesem Verirren! Gewiß fand ich es gerade in dem Augenblick, als wir den Weg verloren. Wär' ich schon zu Hause!«
»Wovon handelt es?«
»Von der Seele …«
Nun schritten beide rasch und schweigend aus; sie kamen durch einen Wald und durchliefen ein Dorf; einige Fenster leuchteten menschlich in der tiefen Finsternis; und wieder tat sich eine weite und ferne Heide auf.
»Was wollen Sie also sagen?«
»Wovon?«
»Von dem, worauf Sie dort oben gekommen sind — von der Seele.«
»Ach ja, Sie haben recht. Sagte ich, von der Seele? Eigentlich war es nicht bloß das …«
»Hören Sie,« sagte nach einer recht langen Weile sein Gefährte, »wie ist es also mit dieser Seele? Sie sind schrecklich zerstreut.«
»Ich? Im Gegenteil. Ich dachte gerade darüber nach. Ist es nicht merkwürdig, daß sich der Mensch im Wesen nicht kennt?«
»Und Ihre Lösung?«
»Was für eine Lösung? Das ist auf ewig nur ein Problem.«
»Aber Sie hatten irgendeine Lösung.«
»Das war bestimmt nicht von der Seele. Das waren eher andere Fragen, vom Leben überhaupt … Ich dachte soeben darüber nach, womit zu beginnen.«
»Mit dem, was Ihnen zuerst aufblitzte.«
»Zuerst? Das war nur eine Ahnung … Es ist höchst schwierig zu formulieren. — Ich weiß wirklich nicht, was mir zuerst aufblitzte. Es kam das alles so auf einmal!«
»Also beginnen Sie womit immer.«
»Das geht nicht. Alles war ein Ganzes … Ja, das alles hing zusammen. Könnte ich es nur umfassen!«
»Sie werden es mir ein andermal sagen?«
»Nein, lieber gleich jetzt. Nur, bis ich es ein wenig geordnet habe. Aber mich stört es, wie laut wir gehen.«
»Setzen wir uns also.«
»Ja, ich danke Ihnen. Vor allem bedenken Sie … So klar leuchtete es mir ein … Zunächst folgt daraus, wie elend und sinnlos alles war, was ich bis jetzt gelebt. Plötzlich durchdrang es mich wie ein Messer; ich entsetzte mich vor mir selbst und begriff, daß ich so viele Jahre, o Gott, nur einen unaussprechlichen und ungeahnten Schmerz gelebt habe. So viele Jahre! Dies also blitzte in mir auf, was ich war und wie ich unbewußt gelitten; und alles war vergeblich und irrig, und eng wie ein Kerker; und mir war furchtbar zumute, wenn mein ganzes Leben sich mir als ein gefundener Fehler erwies. Ach, Vieles erkläre ich Ihnen noch näher. Aber zweitens, warten Sie, zweitens —«
»Was ist zweitens?« fragte nach einer Weile der Gefährte.
»Warten Sie, es war doch etwas von der Seele darin, aber jetzt weiß ich nicht. — Ja, es war etwas Unermeßliches von der Seele. Gott, was war es eigentlich?«
»In welchem Sinne von der Seele?«
»Ich weiß nicht, es waren überhaupt keine Worte, es war nur eine Gewißheit — — es ist so flüchtig!«
»Besinnen Sie sich doch!«
»Ja, gleich. Etwas von der Seele? Was war es?«
»Denken Sie nur nach, ich warte.«
»Ich danke Ihnen. Gleich werde ich es haben.«
Die Nachtzeit lag unbewegt auf den schwarzen und formlosen Dingen. Und siehe, da geht der erste morgendliche Mensch über die leere Landstraße. Ist das nicht der Schrei eines Hahns im Dorfe? Hat sich die Nacht nicht in ihrem stillen Innern gerührt?
»Haben Sie es gefunden?«
»Ach gleich, nur noch etwas —«
Am Horizonte dämmerte es schwach. Die Erde und ihre Dinge nahmen eine kühle, schemenhafte Blässe an; ständig ausgebleichter und schärfer hoben sie sich empor, und es ward Licht.
»Also was haben Sie gefunden?«
»Ich weiß nicht … Es ist mir entglitten. Alles habe ich verloren, und ich werde es niemals mehr wissen.«
»Und überhaupt nichts, vollkommen nichts ist Ihnen davon geblieben?«
»Vollkommen nichts; nur das, was mir auf ewig klar geworden über mein Leben.«
DIE AUFSCHRIFT
Ein Weilchen verschnaufend stand Kvíčala an der Tür und freute sich: Matys ist krank, er wird Freude haben, daß ich gekommen bin: ich werde ihm ein wenig vorplaudern am Bett, um ihn zu zerstreuen.
Die Glocke ertönte so abgerissen, daß es Kvíčala quälend beklemmte; ihm war, als ob sich der Klang drinnen so aufgescheucht und blind einen Weg bahne durch die allzuabgestandene Stille, und er lauschte mit der Hand an der Glocke. Es kam das alte Mütterchen in Hausschuhen öffnen und bat ihn flüsternd einzutreten. Kvíčala ging auf den Spitzen, er wußte selbst nicht warum; durch die offene Tür sah er Matys mit dem Gesicht zur Wand im Bett liegen, wie wenn er schliefe.
»Wer ist das?« fragte der Kranke gleichgültig.
»Der Herr Kvíčala,« flüsterte die alte Frau und entfernte sich.
Matys wandte sich mit aufgeheiterten Augen dem Freunde zu.
»Das ist brav von Ihnen. Oh, es ist nichts; nur eine Brustfellentzündung, irgendein Exsudat … In vierzehn Tagen werde ich gehen.«
Kvíčala lächelte gezwungen. Ihm war schwül in dem heißen Zimmer, wo er den schwachen und faden Geruch von Umschlägen, Urin, Tee und Eiern spürte. Ihn rührte das unrasierte Kinn des Matys und seine strahlenden Augen; er bedauerte, daß er vergessen hatte, eine kalte Orange oder ein nasses Sträußchen mitzubringen, um sie auf das Nachttischchen zwischen die zerknüllten Taschentücher, Speisereste und ungelesenen Bücher zu legen. Im ganzen übermannte ihn eine matte Übelkeit.
Er bemühte sich zu plaudern; er erzählte irgendwelche Neuigkeit und ärgerte sich über seine fremde, gleichsam belegte Stimme; er fühlte die Augen des Kranken aufmerksam und doch entfernt auf sich geheftet; und da verschluckte er seine Neuigkeit und sehnte sich zu verschwinden.
Matys erkundigte sich nach Bekannten; aber Kvíčala spürte die besondere Rücksichtnahme des Kranken auf die Gesunden heraus und antwortete immer schwerer. Schließlich war alles erschöpft. Wenigstens das Fenster öffnen! Horchen, was draußen geschieht! Nur einen Teil seiner selbst dorthin übertragen! Verdrossen wich Kvíčala den starren und abwesenden Blicken des Freundes aus; seine Augen wichen dem heißen und zerdrückten Bette aus; er wich der eingetrockneten Häßlichkeit des Nachttischchens aus; und heftete den Blick auf das Fenster, das blasse halbundurchsichtige Fenster, das Fenster, welches ins Freie führt.
»Schauen Sie her,« sagte plötzlich der Kranke und wies mit dem Finger auf die Wand zu Häupten des Bettes.
Kvíčala beugte sich vor; an die Wand war grau und verwischt und zweimal unterstrichen mit Bleistift das Wort »_zurück_« geschrieben. »Zurück«, las Kvíčala.
»Was sagen Sie dazu?« fragte Matys still.
»Jemand hat es hingeschrieben. Es steht offenbar schon viele Jahre dort.«
»Wieviel Jahre denken Sie?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht fünf oder zehn — Wann wurde hier das letztemal gemalt?«
»Ich habe die Mutter gefragt,« sagte Matys und schaute zu der trüben Zimmerdecke empor. »Vor mehr als zehn Jahren. Ich wollte es niemals erlauben.«
Kvíčala ließ seine Blicke hastig zum Fenster zurückkehren.
»Sehen Sie nur her,« nötigte der Kranke, »fällt Ihnen nichts auf?«
Kvíčala neigte sich wieder über das Bett. »Es ist von einer Männerhand geschrieben. Jemand schrieb es in Aufregung und ungeduldig, so daß hier der Graphit abgebrochen ist. Er hat geradezu in die Wand geritzt. Und im Dunkeln. Dieses Häkchen ist ein wenig seltsam … Diese langen Striche auf dem u und ü sehen irgendwie entschlossen aus.«
»Zurück,« wiederholte Matys. »Wissen Sie nicht, was wohl damit gemeint ist?«
»Gott weiß, vielleicht irgendein Entschluß. Vielleicht, etwas zurückzugeben.«
»Oder selber zu etwas zurückzukehren?«