Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 9

Chapter 93,673 wordsPublic domain

Die Seeleute brauchten übrigens nicht weit vorzudringen, um mit den »Vaterlandsvertheidigern« in Berührung zu kommen, denn lange vorher noch, ehe sie die Schanzen erreichten, begegneten ihnen Schwärme Bewaffneter, die sich von dem wahrscheinlich zu heiß werdenden Kampfplatz zurückgezogen hatten. Auch einige Verwundete sahen sie vorübertragen, die in die nächsten Häuser gebracht wurden. Ohne sich mit denen aber aufzuhalten, sprangen sie an ihnen vorüber und wollten eben in die nächste Straße einbiegen, als sie an einem großen Hause Getümmel und Stimmen hörten, aus denen deutlich ein englischer Fluch herausklang.

»Alle Wetter!« rief der alte Harpunier, indem er darauf zuflog -- »da drüben sind unsere Jungen! Das war Bill's Stimme, und in voller Arbeit, wie ich sehe. Boys! greift euch ein paar Lanzen, oder was ihr sonst kriegen könnt, auf --«

Dem Wort die That folgen lassend, stellte er einem neben ihm vorbeilaufenden Neugranadienser ein Bein, daß dieser wie ein Pfeil nach vorn schoß. Im Nu hatte der Alte auch dessen Lanze aufgegriffen und ihm den Säbel aus der Scheide gerissen. Das Beispiel wirkte. Die übrigen Matrosen, lauter kräftige handfeste Burschen, faßten hier eine Muskete, da ein Seitengewehr, und mit einem wahren Jubelschrei stürmten sie nach vorn.

Hier hatte sich indessen, während draußen noch immer der Kampf wüthete, ein kleines Privatdrama entsponnen, das für einen Theil der Betreffenden recht schlimm ablaufen konnte.

General Oran nämlich, von den meisten aus der Stadt herbeigezogenen Kämpfern verlassen, sah bald, daß der Feind von Stunde zu Stunde durch neue und frische Zuzüge verstärkt wurde und er nicht darauf hoffen durfte, den Platz gegen die Uebermacht zu halten. Viele der Seinigen waren auch schon verwundet und getödtet, und nur ein einziger Ausweg blieb ihm, über den kleinen, dicht unterhalb der Stadt einmündenden Strom, über den er eine leichte Brücke geschlagen, zu entkommen. In den Wald hinein war er auch sicher, nicht verfolgt zu werden, und mit guten Führern versehen, die hier jeden fußbreit Boden kannten, hoffte er schon die Berge wieder zu erreichen und sich dort entweder einer andern Guerillatruppe anzuschließen, oder auch wieder in einem kleinen Binnenstädtchen für kurze Zeit sein Hauptquartier aufzuschlagen.

Aber seine Gefangenen sollten nicht den Triumph feiern können, von ihren Freunden befreit zu werden. Die wollte er mitschleppen und -- wenn das nicht ging -- dem Feind wenigstens nur die blutigen Leichen derselben zurücklassen.

Die Südamerikaner sind eigentlich kein entschieden grausames Volk, und besonders in diesen Theilen, in Ecuador und Peru, nichts weniger als blutdürstig. Aber mit allen Leidenschaften erregt, mit dem Gefühl, besiegt -- geschlagen zu sein, kam zu der Gewißheit, wie die glücklicheren Gegner jetzt jubeln und jauchzen würden, auch das Bedürfniß, Rache und eine theilweise Vergeltung zu üben, und nur an den unglücklichen Gefangenen, an der armen Stadt konnte der Führer der Godos seine machtlose Wuth auslassen.

Sobald er also die Ueberzeugung gewann, daß er den Tag verloren, war sein Plan auch schon entworfen. Noch hielt er ziemlich tapfer mit den Seinen den immer stärker andrängenden Feinden Stand, aber ein Theil seiner Leute wurde rasch zurück zu dem Gefängniß beordert, mit dem Befehl, die Gefangenen über die Brücke zu schaffen und dann die letzten Häuser, von denen aus der Wind über die Stadt schlug, in Brand zu schießen. Das sollte das Signal für ihn selber sein, mit seinen Truppen zu folgen, und Widerstand in der Stadt selber brauchte er, wie er fest überzeugt war, nicht zu fürchten.

Der Plan, so teuflisch er sein mochte, war gut ausgedacht, denn schon das Feuer mußte seinen Rückzug decken, da die Truppen Mosquera's nicht daran denken durften, ihn zu verfolgen, wenn sie die ganze Stadt nicht in einen Aschenhaufen wollten verwandelt sehen -- aber der Eifer seiner Leute verdarb ihn.

Während sich ein Theil derselben in das Gefängniß warf und den Unglücklichen darin die Hände auf den Rücken band, um eine mögliche Flucht derselben zu verhindern, sprang ein anderer Theil derselben in die letzten Häuser und feuerte von der Straße aus unter das trockene Schilf der inneren Dächer, bis sie in Brand geriethen. Wie _ein_ Schrei des Entsetzens zuckte aber der Ruf dieser Unthat durch die bedrohte Stadt, und was noch Waffen trug, stürmte herbei, um sich dem Frevel zu widersetzen.

Indessen hatten sich die Matrosen, da ihnen ihr Offizier abhanden gekommen war, ebenfalls nach der Stadt zurückgezogen, denn gerade dort, wo sie standen, schien der Feind plötzlich seinen Angriff aufgegeben zu haben, um den Kern seiner Truppen weiter oben auf einen andern Punkt zu werfen. Unschlüssig standen sie hier und beriethen gerade, ob sie ebenfalls dorthin, woher das stärkste Gewehrfeuer drang, eilen oder hier ruhig einen neuen Befehl ihres »Generals« abwarten sollten, als hinter ihnen ein Getümmel laut wurde und eine Stimme deutlich in englischer Sprache rief: »Zu Hülfe! zu Hülfe, Landsleute!«

»Alle Teufel!« schrie Bill herumfahrend, »das sind die Gefangenen. Was haben sie mit denen vor?«

»Vorwärts, Jungen!« rief aber da der Bootsteuerer, »da müssen wir dabei sein« -- und in gestrecktem Lauf flogen die fünf Seeleute, Bill vorne seine Muskete, die schon lange nicht mehr in dem Regen feuern wollte, wie eine Handspake in der Faust, auf den Menschenknäuel zu, um den sich indessen auch eine Menge Frauen gesammelt hatten.

»Amerikaner hierher!« schrie er dabei, »hier kommt Hülfe!«

»Hierher, hierher, Landsleute!« rief eine kräftige Stimme, und Bill hatte im Nu die Gestalt erkannt, die sich mit gebundenen Armen unter den Händen der Häscher wand.

Bill wußte aber recht gut, daß er seine Zeit nicht mit unnützen Fragen oder Auseinandersetzungen verlieren durfte, und vollkommen gleichgültig dagegen, ob er es mit Godos oder Mosqueranern zu thun habe, fuhr er mit seinem Kolben dermaßen unter die Bursche hinein, daß ein paar von ihnen betäubt oder todt -- wer kümmerte sich darum -- zu Boden stürzten. Der Kolben brach auch von dem Schlag, aber das eiserne Rohr blieb eine eben so gewichtige Waffe, und rechts und links mähte er damit hinein, während jetzt der Bootsteuerer mit den Uebrigen herbeisprang, um dem Angriff Nachdruck zu geben. Im Nu hatten sie auch den Amerikaner befreit und seine Bande durchschnitten, und scheu wollten sich die südamerikanischen Soldaten mit ihren übrigen Gefangen zurückziehen -- aber Bill ließ sie nicht.

»Da sind noch Andere dabei, die auch frei werden müssen!« schrie er den Gefährten zu -- »noch ein Engländer ist darunter -- vorwärts Jungen! hämmert den braunen Halunken die Schädel ein, wenn sie nicht Vernunft annehmen wollen.«

Es sah fast wie Wahnsinn aus, daß die fünf nothdürftig bewaffneten Matrosen einen Angriff gegen einige zwanzig Soldaten machen wollten, aber sie zögerten auch nicht einen Moment. Ihr Blut war einmal warm geworden, und während der befreite Amerikaner von einem der Gefallenen eine Lanze aufgriff, warfen sie sich mit keckem Muth auf den Feind.

Da stürmte General Oran mit seinem Trupp die Straße herauf, denn die zu früh gefeuerten Allarmschüsse hatten ihn glauben machen, daß seine Befehle alle ausgeführt seien und die Bahn nun frei läge für seine Flucht. Am Gefängniß vorüberkommend, sah er aber seine eignen Leute noch im Kampf mit den Fremden, und augenblicklich das Ziel errathend, das diese im Auge hatten, warf er sich mit seiner ganzen Macht gegen sie an.

Ein Glück für die Seeleute war es, daß die Neugranadienser unten, ehe sie die Schanzen verließen, sämmtlich die Gewehre, die überhaupt nicht mehr losgehen wollten, auf den Feind abgefeuert hatten, und dann, ohne sich Zeit zu nehmen, wieder zu laden, den vorangegangenen Freunden gefolgt waren. So konnten sie wenigstens nicht in den kleinen Trupp hineinschießen, aber mit Säbeln und Lanzen fielen sie doch über sie her; was konnten auch die paar Menschen gegen ihren Schwarm ausrichten.

Bill erhielt den ersten Säbelhieb über den Kopf, aber der Bursch führte keinen zweiten, denn der Matrose, wenn auch verwundet, zerschmetterte mit seinem Büchsenlauf den Schädel des Unglücklichen. Jetzt aber war Bill's Zorn auch erwacht, und mit einem lästerlichen Fluch sprang er hinein in die Rotte, um sich bis zu dem eben erkannten General durchzuarbeiten.

Da tönte wildes Jubelgeschrei von der andern Seite herüber.

»Ho Bill! -- ho Tom! lass' sie's haben. Drauf meine Jungen, hier kommt Hülfe! -- Hurrah! =Uncle Sam for ever!=«

Die Neugranadienser stutzten, den frischen Feind gewahrend; aber eine noch dringendere Gefahr bedrohte sie von der andern Seite, denn die Einwohner von Buenaventura, wüthend über den frevelhaften Versuch, ihre Stadt in Brand zu stecken, und jetzt auch mit der Gewißheit, daß Mosquera doch den Platz besetzen würde, fielen plötzlich ebenfalls über sie her und vereinigten sich mit den Matrosen.

Die Straße herunter tönte wildes Geschrei, und schwarzer Rauch wälzte sich unheimlich drohend von den brennenden Gebäuden herüber, die Wuth der Männer noch zum Aeußersten anstachelnd. General Oran machte einen Versuch, sich durchzuhauen, und hätten er und die Seinen den ganzen Tag so gefochten, so wären sie wahrscheinlich Sieger geblieben. Jetzt kam der Muth der Verzweifelten zu spät. Mosquera's Truppen, keinen Widerstand mehr an den Schanzen findend, hatten die niederen Wälle übersprungen und stürmten jetzt von allen Seiten in die offene, unvertheidigte Stadt hinein.

Tom war vorgesprungen, wo er einen kleinen offenen Raum sah. Der General, der sich auf ein Pferd geworfen, wollte gerade an ihm vorüber, als der lange Matrose mit seiner Wallfischlanze zum Wurf ausholte. Der Offizier sah ihn und drückte seinen Revolver auf ihn ab -- aber die Nässe hatte ihn unschädlich gemacht; zwei, drei Zündhütchen versagten, und im nächsten Moment sauste der haarscharfe Stahl gegen ihn vor und traf ihn in die Seite. -- Unter ihm sprang das Pferd hinaus in's Freie, und die Godos, als sie ihren Führer fallen sahen, stoben in scheuer Flucht nach allen Seiten auseinander.

Von jetzt ab war an keinen Widerstand mehr zu denken; es gab nur noch Verfolger und Verfolgte, und Wenigen der Schaar gelang es, über die Brücke in den Wald zu entkommen, wo sie sich in den wilden Dickichten verstecken und doch für den Augenblick ihr Leben retten konnten.

Die Matrosen nahmen natürlich keinen Theil an der Verfolgung, der sich aber der befreite Amerikaner auf das Thätigste anschloß. Sowie sie nur die übrigen Gefangenen losgebunden, begrüßten sie mit wirklich herzlicher Freude die so zur rechten Zeit zum Sukkurs herbeigeeilten Kameraden. -- Und doch mischte sich auch wieder etwas Verlegenheit hinein, denn eigentlich war es gar nicht ihre Absicht gewesen, an Bord zurückzukehren, wenn ihnen auch das feste Land bis jetzt wenig Verlockendes geboten. Bill hatte einen Säbelhieb über den Kopf, Dick einen Lanzenstich durch das Bein, der Bootsteuerer eine Kugel durch den Oberarm und Bob einen Kolbenschlag bekommen, der ihm die Hälfte des linken Ohres vom Kopfe getrennt und den linken Arm gelähmt. Auch von den Neugekommenen waren Einige verwundet worden, aber keiner von ihnen dachte jetzt an die »Schrammen«, und der Harpunier rief vergnügt aus: »Wetter noch einmal, Jungen, Ihr habt uns beinahe eine heiße Mahlzeit eingebrockt, aber =all's well, that end's well=, und jetzt müssen wir machen, daß wir an Bord kommen, denn der Alte kocht gewiß schon vor Ungeduld noch ärger als sein Kessel.«

»Ihr habt Fische gefangen?« sagte Bill zaudernd.

»Zwei Mordfische!« rief der Harpunier, »und einen noch draußen liegen, mit der Fahne eingesteckt. Das aber nicht allein, die See scheint da draußen von Spermfischen zu wimmeln, und wir sind nur hier -- mit Auskochen beschäftigt und weil wir für den Augenblick nicht mehr bergen konnten -- die Küste angelaufen, um nach Euch auszusehen, denn damals im Nebel konntet Ihr kaum anders als hier an Land gehen.«

»Und es gibt wirklich viele Fische draußen?« fragte der Bootsteuerer.

»Wenn wir noch einmal so dazwischen kommen, wie neulich,« versicherte der Harpunier, »und mit allen vier Booten arbeiten können, so kriegen wir das halbe Schiff voll, so viel ist sicher.«

»Hm ja,« sagte Bill, während er sich mit der linken Hand das Blut vom Kopf herunterwischte, den Blick aber forschend umherwarf, als ob er Jemanden suche -- »ich -- müßte aber doch eigentlich erst noch einmal nach Haus.«

»Nach Haus?« rief der Harpunier verwundert, »wo zum Teufel hast Du in den zwei Tagen ein Haus herbekommen?«

»Und eine Frau dazu,« rief Bob lachend.

»Eine Frau?« -- aber Bill wurde die Antwort erspart. Aus dem Schwarm der umherdrängenden jubelnden Menschen stürzte ein junges blühendes Weib, und sich ohne Scheu an des Matrosen Hals werfend, drückte sie einen heißen Kuß auf seine Lippen.

»Madame!« sagte Bill ganz verdutzt, aber mit leuchtenden Augen den Arm des neben ihr stehenden geretteten Gatten ergreifend, rief das junge Weib: »Euch und Gott habe ich die Befreiung meines Mannes zu danken, o möge Euch einst der Himmel lohnen, was Ihr an uns gethan.«

»Wackere Bursche!« rief auch jetzt der Mann, »wie soll ich euch je Eure Hülfe danken, wo mir die Räuber auch das Letzte genommen haben.«

»War vollkommen gern geschehen, Sirrih,« nickte Bill, der bis hinter die Ohren roth geworden -- »die junge Frau da ist ein braves Weib, und kein Amerikaner würde sie im Stich gelassen haben.«

»Und Ihr zürnt mir nicht mehr meines Ueberfalls -- meiner Lüge wegen?« lächelte das junge Weib.

»Ich« -- sagte Bill, noch viel röther werdend -- »ich -- ich wollte, es wäre wahr gewesen -- aber was kann's helfen! Kommt, Jungen, die Zeit vergeht. Der Alte hat schon die Flagge aufgezogen.«

»Bei Gott!« rief der Harpunier emporfahrend -- »dort geht sie auf und nieder! Fort an Bord -- an Bord!«

»Und Ihr wollt wieder fort?«

»Matrosenleben,« sagte Bill achselzuckend, indem er ihr seine breite Hand reichte und die ihrige herzlich, aber vorsichtig drückte. »Lebt wohl und -- und wenn es Euch wieder gut geht, denkt zuweilen an Euren -- zweiten Mann -- =good bye= --« und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, sprang er, den Uebrigen voran, zum Boote hinab.

Die beiden Boote waren rasch flott gebracht, und aus dem jetzt vollständig verödeten Wachthaus wollten sie nun ihre Riemen und ihr Segel herunter holen. Zwei von den Riemen waren auch wirklich noch da -- weiter nichts. Die drei anderen und das Segel, wie die eine Harpune und Lanze hatten irgendwo einen Liebhaber gefunden. Aber es blieb ihnen keine Zeit mehr, sich danach umzusehen, wäre auch wahrscheinlich nutzlose Arbeit gewesen.

In wenigen Minuten waren die Boote bemannt und stießen vom Lande, um ihrem Schiffe zuzurudern. Wie sie sich vom Ufer entfernten, kam jener Amerikaner, den sie aus den Händen der Godos befreit, und der sich indessen den Verfolgern angeschlossen und das ausgebrochene Feuer mit gedämpft hatte, zum Ufer herabgestürzt und rief ihnen nach.

Einen Moment blieben die Leute auf ihren Rudern liegen.

»=Boys, country men!=« rief der Landsmann, »fahrt nicht so fort, ich muß Euch erst danken und der General will Euch für Eure Hülfe belohnen.«

»Meine schönsten Grüße an den General!« rief der Harpunier zurück, »aber der Alte wetzt die Flaggenfall da drüben zu Schanden. Das Schiff ist schon wieder unterwegs! =Good bye.=«

»=Good bye= denn, =God bless you=!« rief ihnen der Amerikaner nach. Die Matrosen schwenkten ihre Mützen gegen ihn, und wieder griffen die Ruder ein, und ließen die Stadt bald weit, weit zurück.

Jetzt hatten sie das Schiff erreicht. Ein lauter donnernder Jubelruf begrüßte von dort die geretteten Kameraden -- jetzt liefen sie langseit -- im Nu lagen die Boote unter den Krahnen und wurden aufgeholt, und fünf Minuten später segelte die Martha's-vine-yard, schwerfällig wie immer, aber auch ihre Zeit dazu benutzend und den gewonnenen Thran auskochend, während eine schwarze Rauchsäule ihre Bahn bezeichnete -- in die offene See hinaus.

Das Luftbad.

Eine schreckliche Geschichte.

Der Regierungsrath Braunfeld lebte in den besten und unabhängigsten Verhältnissen, denn er war wohlhabend, ja reich zu nennen, auch noch unverheirathet, und eigentlich nur in die Staatscarrière getreten, um _eine_ Beschäftigung zu haben und einen Titel zu bekommen, denn als einfacher Herr Braunfeld das ganze Leben lang herumzulaufen, ging doch unmöglich an und hätte sich auch nicht geschickt.

Aber er bekam das auch zuletzt satt, denn wenn auch noch in den »besten Jahren,« fingen die regelmäßigen Bureaustunden an, ihm unbequem zu werden. Nachdem er also noch glücklich sein 25jähriges Dienst-Jubiläum gefeiert -- war er doch schon mit zweiundzwanzig Jahren in den Staatsdienst getreten -- kam er um seine Entlassung ein und erhielt sie auf die ehrenvollste Art bewilligt. Nicht allein wurde ihm zu seinem Regierungsrath noch das Prädicat »geheimer« beigegeben, was aber schon am nächsten Tag öffentlich in alten Zeitungen stand, sondern auch noch der blaue Finkenorden vierter Klasse verliehen, so daß man jetzt eigentlich hätte glauben sollen, der »Geheime« Regierungsrath Braunfeld müsse einer der glücklichsten Menschen auf der Erdkugel sein.

Es ist aber eine allbekannte Thatsache, daß Leute, die keine wirklichen Sorgen und dabei auch nichts zu thun haben, sich dieselben künstlich machen, und dabei nicht selten die größte Erfindungsgabe entwickeln. So setzte sich denn auch in dem Kopf des Geheimen Regierungsrathes nach und nach die fixe Idee fest, daß er an irgend einer unbekannten aber entsetzlichen Krankheit leide und dem Grabe in rasender Schnelle zugerissen würde.

Sein Hausarzt, der Doktor Asmus, war ein ganz vernünftiger Mann, der die Ursache seiner Krankheit bald erkannte, und sie einfach durch eine veränderte Lebensweise des Patienten zu heben suchte. Der geheime Regierungsrath hatte zu schweres Blut; er lebte dazu außerordentlich gut, aß sehr starke und fette Speisen, trank sehr schweren Wein und starken Kaffee und machte sich dazu nicht die geringste Bewegung, ja verschlief sogar noch seinen halben Nachmittag, so daß das Uebel immer hartnäckiger bei ihm auftrat. Verlangte aber der Arzt von ihm, daß er diese täglichen Sünden an seinem Körper unterlassen solle, so war die regelmäßige Antwort, _das_ sei unmöglich und der Körper schon zu sehr daran gewöhnt. Der Geheime Regierungsrath meinte dann auch wohl resignirt: »wozu auch, ich habe doch nur noch eine so kurze Spanne Zeit zu leben, und will mir daher wenigstens nicht unnöthige Entbehrungen auferlegen.«

Der Doktor schlug nun ein anderes, unfehlbares Mittel vor, um ihn allen derartigen Phantasieen zu entziehen und auf andere Gedanken zu bringen -- nämlich zu heirathen. Aber auch das wies der Patient entschieden von der Hand, obgleich er mit seinem Alter -- er war erst 48 Jahre alt -- noch immer Zeit dazu hatte. Erstlich wußte er Niemanden, wenigstens keine junge Dame, die er für würdig befunden hätte, sie auf einmal zur Geheimen Regierungsräthin zu machen und überdies behauptete er, sie würde den Titel »verwittwete« doch augenblicklich dazu bekommen.

=Dr.= Asmus verlor endlich die Geduld. Erstlich hatte er gerade in dieser Zeit außerordentlich viel zu thun, da ein hartnäckig auftretender Typhus in der Stadt grassirte, und es paßte ihm dabei gar nicht, jeden Augenblick zu einem Patienten gerufen zu werden, der seinem Rath doch nicht folgte, weil er sich über seinen wahren Zustand täuschte. Mit dem mußte er deßhalb ein anderes Mittel versuchen, und ihn dabei auch womöglich auf eine Zeit lang los werden. Aber wohin mit ihm? In irgend ein Bad? Der dortige Badearzt würde augenblicklich gemerkt haben, daß ihm gar Nichts fehle und er durfte sich vor einem Collegen, der die näheren Umstände nicht kannte, keinesfalls soweit blamiren, den Zustand seines Patienten falsch beurtheilt zu haben. Dabei wurde die Quälerei des Geheimen Regierungsraths immer unerträglicher, denn er hatte ihn in der letzten Woche sogar zweimal mitten in der Nacht herausklingeln lassen, weil er behauptete, keine Luft mehr zu bekommen. Dem mußte unter jeder Bedingung ein Ende gemacht werden.

»Regierungsrath!« sagte der Doktor eines Tages zu ihm, als er ihn wieder besuchte, denn er ließ den »Geheimen« immer hartnäckig weg, »Ihr Zustand fängt an, mir selber Besorgniß zu erregen.«

»Und Sie haben es mir immer nicht glauben wollen, Doktor,« wimmerte der Kranke erschreckt, »ach, _ich_ fühlte den Wurm, der an mir fraß.«

»_Ein_ Wurm?« sagte der Doktor ernsthaft, indem er ihn stier ansah -- »Sie haben eine _Million_ Würmer in sich. Sie stecken voll Trichinen.«

»So bin ich verloren,« stöhnte der Unglückliche und sank wie vernichtet auf seinen Stuhl zurück.

»Bah, deßhalb noch lange nicht,« erwiederte aber der Arzt, indem er ein chirurgisches Besteck aus der Tasche nahm -- »jedenfalls muß ich Sie untersuchen, um vorher Gewißheit zu bekommen.«

»Aber, bester Doktor,« fuhr der Geheime Regierungsrath wieder in die Höhe, denn er hatte einen heiligen Respekt vor der Harpune, »das ist ja doch rein unmöglich, denn ich habe von dem Moment an, als das erste Mal das entsetzliche Wort Trichine in einer Zeitung stand, keinen Bissen Schweinefleisch mehr genossen.«

»Das ist gleichgültig,« sagte der Doktor ruhig, »Sie können sie auch in anderem Fleisch von einem nicht ordentlich gereinigten Hackklotz bekommen haben; das ist schon mehrfach vorgefallen. Kommen Sie nur her, es thut nicht weh; es hilft eben Nichts, wir müssen die Gewißheit haben, nachher kurire ich Sie rasch genug.«

»Sie mich kuriren?« sagte der Geheime Regierungsrath wehmüthig, »es gibt ja noch gar kein Mittel dagegen.«

»Wir hatten noch keines entdeckt,« nickte der Doktor »aber die Amerikaner, praktisches Volk wie immer, sind der Sache auf die Spur gekommen. Ich wette einen Korb Champagner mit Ihnen, daß ich Sie in vier Wochen, wenn Sie meinen Rath genau befolgen, vollständig wieder hergestellt habe. Verlangen Sie mehr? Aber ich kann mich hier nicht eine Stunde lang zu Ihnen hersetzen, denn meine andern Patienten warten. Ziehen Sie einmal den Rock aus und streifen Sie Ihren Hemdärmel in die Höhe.«

»Aber ist das wirklich unumgänglich nothwendig?«

»Machen Sie doch keine Umstände wegen einem solchen Quark,« sagte der Doktor und ließ dabei dem Patienten auch gar keine Zeit mehr, sich zu besinnen. Er half ihm selber den Rock ausziehen und hatte in wenigen Minuten ihm ein Stück Fleisch mit der Harpune aus dem Arm geholt, das er dann sorgfältig in ein Stück Papier wickelte und erst dann dem leise vor sich hin Wimmernden einen Verband umlegte.

»So,« sagte er dabei, »jetzt machen Sie sich keine Sorgen weiter. Sobald wir nur erst einmal Ihre Krankheit constatirt haben, wollen wir ihr schon auf den Leib rücken. Das Gefährliche an der Sache war, daß wir bis jetzt nicht wußten, wo wir sie angreifen sollten und glauben Sie mir, zahllose Menschen sind schon an dieser Ungewißheit zu Grunde gegangen.«

»Aber welch' ein Mittel halten Sie für --«

»Erst muß ich mich überzeugen, daß meine Vermuthung wirklich begründet war,« unterbrach ihn der Arzt, indem er seinen Hut ergriff; »heut' Nachmittag komme ich wieder her und bringe Ihnen Gewißheit. Trinken Sie gewöhnlich Wein bei Tisch?«

»Das ist noch das Einzige, womit ich mich bis jetzt am Leben erhalten habe,« seufzte der Kranke.

»Was für welchen?«

»Sie kennen ja meine Schwäche,« lächelte der Geheime Regierungsrath wehmüthig -- »Bocksbeutel.«

»Ja, den schwersten, den es giebt -- nun bis ich mich nicht überzeugt habe, will ich Nichts sagen, ist aber, was ich befürchte, wirklich der Fall, so müssen Sie dem entsagen oder Sie sind -- ein verlorener Mann.«

»Aber Spirituosen sollten doch gerade --«